Der gefälschte Absender

von Nymphen
OneshotSchmerz/Trost / P12
Cattleya Baudelaire Erica Brown Iris Cannary Violet Evergarden
12.03.2018
12.03.2018
1
1963
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„Mein Mann – Marty – ist im Krieg gefallen. An sich ist es dadurch schon schlimm genug für uns. Also für mich und meinen Sohn, besonders für ihn. Aber jetzt fängt er an, davon zu sprechen, selber in den Krieg zu ziehen. Dass er sich auch jeder Zeit freiwillig melden würde, wenn es nötig ist. Immerhin möchte er ja genauso mutig sein, wie sein Vater“, den Tränen nahe, lächelte die Frau mittleren Alters. Sie war zu den Autonome Korrespondenz Assistentinnen getreten, wie schon so viele vor ihr; mit einem Anliegen, welches ihr Herz nicht mehr alleine ertragen konnte.

~Ich hatte es an diesem Tag endlich mit Mut hergeschafft ohne zu wissen, dass ich den Ort mit etwas viel wichtigeren verlassen würde.~

Cattleya Baudelaire hatte ohne zu zögern der Frau ein Taschentuch hingehalten. Wenn man die beiden vergleichen würde, dann könnte der Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht größer sein. Cattleya war groß, hübsch, kurvig; hatte lange schwarze Haare, strahlende violette Augen, eine zarte und blasse Haut und steckte in sommerlichen Kleidungen.
Dahingehend war ihre Klientin, Madelyn Poirot, eine kleine Frau. Ihre Haare waren schon lange zuvor bei der Sorge um das Leben ihres Mannes ergraut. Die Tränen liefen immer wieder von Falten aufgehalten die gelbliche Haut hinunter. Auch die dicke Wollschicht des Pulloverkleides verstärkte den Eindruck einer kranken Dame.
„Ich verstehe. Mein aufrichtigstes Beileid. Aber was genau, wenn ich fragen darf, ist dabei der Auftrag?“, wollte die Schwarzhaarige ihr Gegenüber zum Weitersprechen bringen.
Nur am Rand spürte sie dabei die Blicke ihrer Kolleginnen. Diese schauten unauffällig – was schon fast zu auffällig bei so einem heiklen Thema war – über ihre Paravents. Iris Cannary selber stand der Neid ins Gesicht geschrieben. Zu gerne hätte sie diese Aufgabe erfüllt. Erika Brown hingegen, erging es ganz anders. Sie war froh darüber. Immerhin hätte sie niemals so gut handeln können, wie Cattleya. Allein der Versuch, hätte Madelyn noch mehr zerstört, als es schon jetzt der Fall war.
Nur Violet Evergarden stand ruhig da. Ihre behandschuhten Hände hinter dem Rücken verschränkt, legte sie leicht den Kopf schief. Die Tränen machten keinen Sinn für sie. Wenn man die Neugierde in ihrem Blick wegließ, so wirkten die blauen Iriden fast schon kalt. Gefühlslos und gefährlich.
„Ich möchte, dass sie einen Brief für meinen Ehemann schreiben. Er soll an unseren Sohn gehen. Ihn vor den Gefahren und Schrecken des Krieges warnen. Ihm sagen, dass er dieses lächerliche Vorhaben für den Rest seines Lebens lassen soll, damit er glücklich sterben kann. Dafür sorgen, dass er bei mir bleibt, sollte der Krieg zurückkommen“, die Stimme der Frau war immer stärker angeschwollen und fühlte jetzt den ganzen Raum aus. Eine Gänsehaut bildete sich auf Erikas Armen, als sie die Mutter so reden hörte. Iris dahingehend runzelte nur verärgert die Stirn. So ein Vorhaben durften sie nicht erlauben!
Auch Cattleya hatte das Problem erkannt: Es war verboten einen Brief in den Namen eines anderen – Tote mit eingeschlossen – zu schreiben. Es tat ihr im Herzen weh, doch sie würde Madelyn fortschicken müssen.
„Ich mache es“, meldete sich Violet zu Wort. Verwirrt schaute jeder hin.

~Meine Augen trafen zum ersten Mal auf diese Mädchen und doch spürte ich etwas, was ich lange nicht gespürt hatte. Akzeptanz.~

„Huhh? Violet? Der Auftrag gehört Cattleya“, wies Iris die Neue mit scharfem Ton zurecht.
„Mal ganz abgesehen davon, dass wir den Auftrag gar nicht annehmen dürfen“, fuhr Erika betrübt fort.
Während die Kundin gar nicht verstand, was hier vorging – so hatte sie gar nicht bemerkt, wie viel Aufmerksamkeit sie auf sich gezogen hatte -, legte die Schwarzhaarige nur ihren Kopf schief: „Warum willst du das machen, Violet?“
„Ich weiß es nicht“, gestand die Blondine und biss sich leicht unsicher auf ihre Unterlippe, ehe sie ihren Blick hieb und ihre Chefin entschlossen anfunkelte, „Aber ich will es machen. Unbedingt.“
Die Älteste unter den Anwesenden verstand gar nichts mehr: „Ich hätte nichts dagegen, wenn es ihre Kollegin machen würde, aber sagen sie mir doch bitte, warum es infrage steht, ob der Brief überhaupt geschrieben wird.“
„Wir dürfen nur Briefe unter den richtigen Namen schreiben. ... Doch in ihrem Fall machen wir eine Ausnahme. Sie scheinen genau zu wissen, was ihr Mann getan hätte. ... Ich hoffe nur, dass sie sich auch wirklich sicher sind“, klärte sie Cattleya freundlich lächelnd auf.
Zielsicher nickte die Geldgeberin: „Ja. Ich war mir in einer Sache noch nie so sicher wie in dieser.“


„Bitte setzen Sie sich doch“, bat Violet ihr Gegenüber. Sie waren gemeinsam hinter eines der Paravents getreten, welche die „Büros“ trennten. Die Bitte unterstrich die Frau, welche fast noch im Kindesalter war, mit einer Geste auf einen gepolsterten Stuhl. Selber nahm Violet auf der anderen Seite des Tisches Platz, und zwar auf der Seite, wo auch die Schreibmaschine stand. Das Papier schon bearbeitungsbereit hineingesteckt; zwischen Metall gespannt. Bald schon würde schwarze Tinte auf der unschuldigen weißen Ebene glitzern und ihr einen Zauber verleihen, welche Worte mit sich führten. Ein Zauber, den Violet bisher nur einmal hinbekommen hatte. Ein Zauber, wo sie hoffte, dass er nicht einmalig war.
Wie geheißen setzte sich die Mutter hin und platzierte dabei ihre Hände unter ihren Oberschenkel. Niemand sollte sehen, wie sehr sie zitterten.
„Wollen wir dann anfangen?“, fragte die Blauäugige vorsichtig an, während sie ihre Handschuhe auszog. Mit offenem Mund sah die Frau ihr dabei zu. Anstatt weißer, zarter Haut, trat Metall an die Oberfläche.
Hände aus Metall...
Plötzlich war Madelyns Mund so trocken, wie an dem Tag wo sie Marty verloren hatte. Mehrmals musste sie schlucken, ehe sie so unsensibel fragte, wie sie nur konnte: „Wie ist das passiert?“
Violet schien die Indiskretion nicht zu stören. Mit unverändert ernster Miene antwortete sie kurz und knapp: „Im Krieg.“

~Sie sieht gar nicht danach aus. Man sieht ihr die Spuren nicht an. Zumindest nicht die psychischen. Sie schien weit schlimmeres als ich erlebt zu haben und doch... doch war unser Gesichtsausdruck nicht derselbe.~

Verstehend nickte Madelyn. Sie verstand es. Die Schmerzen etwas zu verlieren, an das Monster, welches sich auf den Namen ‚Krieg‘ schimpfte. Auf eine komische Art und Weise verband es die beiden Frauen mit einem unsichtbaren Band. Ja, in diesem Moment war sich Madelyn sicher, dass Violet den Brief besser verfassen würde, als sie selber es jemals könnte.


„Ich bin fertig, Madame“, teilte die AkorrA mit. Die letzte halbe Stunde hatte sie ihr Bestes gegeben, um die Wünsche von der Frau vor ihr umzusetzen.
„Soll ich vorlesen?“, riss die Frau das Blatt vor ihr heraus.
Kurz zögerte Madelyn, ehe sie mit der Entschlossenheit von vorher zustimmend nickte: „Ja. Ich bitte darum.“
Ohne zu zögern begann die ehemalige Soldatin emotionslos vorzulesen: „Lieber Mikal. Der Krieg ist schrecklich. Er wird dich deiner Mutter entreißen. Lass es nicht soweit kommen! Dein, dich liebender, Vater.“
Verwirrt runzelte die Frau die Stirn. All das stimmte ja, aber dennoch klang es ... falsch.
„Ist der Brief nicht zu ihrer Zufriedenheit?“, klang Violets Bedauern durch den großen Raum. Sie war es nicht gewohnt, dass ihre Arbeit nicht zu vollkommener Zufriedenheit ausgeführt wurde. Es war doch ihre Pflicht, denn ansonsten wäre der Mayor sicherlich mächtig enttäuscht von ihr. Das durfte er nicht sein!
„Naja, es ist nicht so, dass er mir nicht gefallen würde, aber er wirkt nicht sehr ... wie sage ich das am besten? ... überzeugend?!“, gestand die Auftraggeberin betroffen und hoffte das Mädchen nicht zu sehr verletzt zu haben.
„Ich verstehe. Er ist ihnen also zu unpersönlich?“, hackte die AkorrA nach.
Bestätigend nickte die Frau und konnte ihrem Gegenüber regelrecht ansehen, dass sie diese Worte nicht zum ersten Mal vernahm.
„Ich denke, es war keine gute Idee. Anscheinend kann ich ihnen nicht helfen“, es kratzte an der Seele der ehemaligen Soldatin, ihre Schwäche zu gestehen – sich selber einzugestehen.
„Ich werde einen geeignetere Personalkraft finden“, erklärte Violet steif, während sie sich erhob.
Entsetzt sprang Madelyn auf: „Nein! Sie müssen diesen Brief verfassen. Die anderen können es nicht verstehen. Wie könnten sie? Die haben den Krieg nie gesehen. Ich bitte sie, Miss Evergarden, beenden sie diesen Brief.“
Die Verzweiflung in der Stimme war erst bei den letzten Sätzen dazugekommen, aber der Mutter war es eine Herzensangelegenheit und allein der Gedanke, den Wunsch nicht erfüllt zu bekommen, trieb ihr die Tränen in die Augen.
„Wie Sie wünschen. Doch ich weiß nicht, wie ich mich verbessern kann“, setzt sich die Blondine so steif, wie sie aufgestanden war.
Wissend lächelte die Dame: „Ich schon. Schreibe von deinen Erlebnissen. Schreibe so, als würdest du deinen Liebsten warnen wollen. Und vielleicht hilft es dir ja, wenn ich dir sage, dass mein Marty der großartigste Ehemann und Vater war, denn man sich vorstellen konnte. Er hat sich immer um uns gesorgt und nie Gewalt genutzt. Teilweise hat er sogar Überraschungen aus dem Hut gezaubert, wenn es keine Überraschungen mehr gab.“
Am Anfang schien die junge Frau nur verwirrt von dem Rat der Älteren und insbesondere von der liebevollen Umschreibung, doch dann fingen ihre Finger plötzlich zu tippen an. Schneller als es für normale Menschen möglich war, huschten die Metallteile über die Buchstaben und drückten hier und da Einen ein. Begeistert schaute Madelyn dem Wunder zu. Denn nichts anderes schien es in diesem Moment zu sein.
Es dauerte zwar seine Zeit, doch dann endlich war der Brief fertig. Mit leicht zitternden Fingern streckte Violet den Brief der Frau entgegen. Genauso aufgeregt, nahm eben diese das Stück Papier an und fing an laut vorzulesen:
„An meinen geliebten Sohn Mikal.
Diese Zeilen sind nur für dich gedacht. Deiner Mutter darfst du sie nicht zeigen. Sie würde sich nur in Sorgen ertränken und das können wir ihr wohl beide nicht antun.
Der Krieg ist brutal. Wenn ich jetzt schreibe, dann sehe ich immer noch das Blut an meinen Fingern und ich kann nicht sagen, ob es vom Feind, vom Freund, oder gar von mir selber ist.
Nichts was ich sage, scheint den Schrecken auch nur annähernd beschreiben zu können, doch du sollst auch nie erfahren, wie der Krieg wirklich ist.
Du, mein Sohn, sollst zu Hause bleiben. Dort ist dein Platz, denn dort wirst du mehr gebraucht, als irgendwo sonst.
Pass auf deine Mutter für mich mit auf.
Dein, dich ewig liebender, Vater.“
Tränen traten in das Gesicht von Madelyn.

~ Ich glaube bis zum jenen Tag hatte ich nicht gewusst, was der Krieg mir tatsächlich genommen hatte. Nicht nur mein Ehemann war fort, sondern auch die Erinnerung an ihm schwand mit der Zeit dahin. Ohne dieses Mädchen, wäre sie wohl fast erloschen. Dieses Mädchen mit dem Namen Violet Evergarden.~

„Ist dieser Brief auch nicht zu ihrer Zufriedenheit?“, kam es entsetzt aus dem Mund der Jüngeren.
Gerührt schüttelte die Witwe ihren Kopf: „Nein. Nein, er ist perfekt. Als hätte Marty durch ihren Mund gesprochen. ... Ich danke ihnen.“
Mit diesen Worten zerriss die Frau das Papierstück: „Sie werden ihr Lohn erhalten, keine Sorge. Aber ich kann meinen Sohn nicht anlügen. So sehr ihre Worte auch der Wahrheit entsprechen: Seine letzten Worte sollten unverfälscht bleiben. Ich danke ihnen von ganzem Herzen, denn ohne sie, hätte ich die Wahrheit nie erkannt.“


Violet sah der Frau vom Fenster aus zu, wie sie davon ging. Ihr Gang war aufrechter und von hier oben sah sie fast zehn Jahre jünger aus.
„Wen man liebt, lügt man also nicht an und will man beschützen. Wirklich interessant.“
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