The Blank Rune

MitmachgeschichteAllgemein / P18 Slash
12.03.2018
29.10.2020
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18.10.2020 4.001
 
Ein Brand

Die Vergangenheit brennt sich in den Körper. Sie spannt sich unter der Oberfläche und juckt unter der Haut.



Finneas fragt sich, wie er hier hingekommen ist. Ob er verletzt wurde. Gerade eben war er noch vor dem Gang und. Und jetzt. Anscheinend muss er dadurch gelaufen sein. Das war dann wohl mal wieder der Stress, der ihn da bekommen hat. Gerade jetzt, wo er sich das nicht wirklich leisten kann. Hier in der Arena ist das ein verdammtes Problem und das auch noch, wenn sie sowieso schon so viel an Erinnerungen verloren haben!
„Willkommen zu Kenaz!“, flimmert der Bildschirm vor ihm immer noch bevor die Schrift sich langsam auflöst, um wieder neue Buchstaben abzubilden. Das ist wirklich nicht gut. Denn wenn der Weg hierher schon so… feurig war, dann wird die eigentliche Aufgabe sicherlich nicht einfacher sein.
„Um die Aufgabe zu bestehen und die Tür wieder zu öffnen, brennt das Emblem, das sich in dem Ofen befindet, genauso viele Mal in die Haut eines beliebigen Tributs ein, wie alle gemeinsam an Menschen getötet haben.“
Was. Was? Wie viele Menschen sie… Aber. Sie haben doch nicht… sie würden doch nicht irgendwelche Leute töten?
Na gut, wenn er sich ein paar von denen so ansieht. Die könnten schon jemanden auf dem Gewissen haben. Und er… Er sieht jetzt auch nicht besser aus! Aber das lag nicht an ihm! Das war die Sache mit Oxyll! Er…
Er weiß es nicht! Er erinnert nur noch, die Sache mit Oxyll. Und als sie Copper schlagen mussten!
Genau. Es ist nichts anderes geschehen.
„Wie bereits impliziert ist es nicht von Bedeutung, welcher Tribut die entsprechenden Brandmale erhält, solange die vollständige Summe aller Tötungen erreicht wurde. Die Türen öffnen sich automatisch und die Aufgabe gilt als beendet, sobald die Anzahl erreicht wurde. Wie wünschen allen Beteiligten viel Erfolg.“
Okay. Das klingt. Schlimm. Aber so viele Menschen werden sie ja nicht umgebracht haben.
Oder zumindest denkt er das, während er noch einmal durch den Raum blickt und bemerkt, wie alle anderen Beteiligten entsetzt den Ofen anstarren. Wie festgefroren, ohne dass jemand den Schritt nach vorne wagt. Die Atmosphäre im Raum ist trotz der Umgebung kühl geworden.
„Ähm“, beginnt Rhy. Geht einen Schritt zurück, sodass er sich gegen ein der Türen drückt. „Also… äh…“
„Eine… interessante Aufgabe.“
Dieser Liam ist kreidebleich und schüttelt noch einmal den Kopf. Eine seiner Hände ist tief in seiner Tasche vergraben, während die andere zur Faust geballt bleibt. Phillip versucht in eine Richtung zu schauen, die weder den Ofen noch irgendeine andere Person enthält.
„Ach, zur Hölle noch einmal!“
Der Mann mit dem Schwert ist es, der als erster nach vorne tritt und nach dem Ding greift. Rhy stolpert noch einmal an der Wand entlang, sodass er fast gegen Finn stößt, um sich noch weiter zu entfernen. Doch der Mann macht keine Anstalten, auf einen von ihnen zuzugehen. Stattdessen schiebt er seine Hose hoch, bis er an seinen Oberschenkel gelangt. Tave zischt auf, als der Stempel auf die Haut trifft, genau wie das Metall es tut. Seine eine Hand krallt sich gegen das Brandeisen, während die andere immer noch sein Schwert umklammert hält. Im Bruchteil einer Sekunde erfüllt ein widerlich säurig verbrannter Geruch den Raum, der Finns Augen zum tränen zwingt. Seltsam, ist das der Stress oder der plötzliche Gestank?
Es ist alles gut. Wir überstehen das. Wir haben immer alles überstanden.
Mit einem zwischen den Zähnen zerdrücken Fluch reißt Tave das heiße Eisen von seinem Körper. Reflexartig dreht Finn sich weg, versucht so wenig von der Wunde wie nur möglich zu sehen.
Es ist alles gut. Sieh einfach nicht hin.
Aber als er wieder hinblickt, ist das Stück Metall im Ofen trotzdem blutverschmiert. Auch auf Taves Bein breitet sich das Rot langsam aus. Dennoch beachtet der Mann die offene Wunde nicht weiter. Er lässt einfach nur das früher weiße Oberteil wieder darüber fallen.
„Das war meiner.“
Die anderen starren den Riesen mit dem Schwert stumm an. Finn kann gar nicht anders, als es ihnen gleichzutun.
„Also. Wer will als nächster?“
Stimmt. Die Türen sind nach wie vor verschlossen. Aber so wie alle reagiert haben… Was ist wirklich mit denen los? Können die sich vielleicht auch nur an sehr wenig erinnern? Die können doch nicht alle einen Mord begangen haben.
Sie können. Wahrscheinlich haben sie es alle getan.
„Einfach mal so als Frage in den Raum geworfen…“
Liam ist immer noch kreidebleich. Seine Hand fummelt an irgendetwas in seiner Tasche herum. Ein Andenken? Oder eine Waffe?
„Glaubt ihr, dass es nur zählt, wenn die eigene Aktion jemanden direkt in den Tod führt? Oder dass auch indirekte Umstände zählen?“
„Ist das dein Ernst?“
Taves Worte sind kaum zu verstehen. Sein Gesicht liegt inzwischen tief in den Händen vergraben, sodass er in sie hineinmurmeln muss.
„Hey! Das ist eine sehr gute Frage!“
„Fresse, Rhy!“
Phillip schüttelt den Kopf, doch seine Augen liegen immer noch angespannt auf dem Ofen.
„Gehen wir einfach davon aus, dass man in irgendeiner Form direkt verantwortlich sein muss“, sagt Tave, während er die anderen kritisch beäugt. „Damit wir noch heute hier fertig werden.“
„Ah. Gut. Sehr gut“, murmelt Liam. „Das klingt tatsächlich sehr vernünftig.“
„Und wie viele sind es dann?“, unterbricht ihn der Mann mit dem Schwert, bevor der Andere weiterstottern kann. „Mindestens zwei müssten es ja sein.“
Mindestens zwei? Was ist denn falsch mit diesen Menschen? Und was haben die bisher in der Arena gemacht?
„Ähm…“ Liam kratzt sich verlegen am Hals.
„Na?“
Hoffentlich geht Tave nicht gleich auf den Kerl los. Noch einen Mord kann hier wirklich niemand gebrauchen!
„Jetzt lass mich doch mal überlegen! Also den einen habe ich erschlagen. Einer die Kehle durchgeschnitten… Glaubt ihr, es zählt, wenn man jemanden, der schon ans Bett gefesselt ist, immer wieder eine kleine Dosis an Gift zukommen lässt?“
„Okay. Und was ist mit euch anderen?“
Mit Finn ist gar nichts! Er hat nichts getan!
„Ich habe zwei Menschen auf dem Gewissen!“
„Was?“
Offensichtlich sind das Neuigkeiten für Phillip. Bitte, kann Finneas hier nicht einfach wieder raus? Er hat offensichtlich nichts mit der ganzen Sache hier zu tun!
Nein. Er weiß das eigentlich nicht.
Du hast nichts damit zu tun. Denk nicht weiter darüber nach. Wir müssen hier einfach nur wieder rauskommen.
Er weiß es nicht!
„Was? Ich habe zwei Morde begangen. Du keinen. Nicht wahr?“
„Nein, du lügst!“
„Meine Fresse.“
Finneas ist sich nicht ganz sicher, ob Tave gerade große Schmerzen hat, oder es diese Situation ist, die ihn so quält.
„Aber ich habe jemanden umgebracht! Und du weißt das!“
„Okay! Meinetwegen, dann ist der Dorfarzt eben auf deine Kappe gegangen! Okay, es steht eins zu eins, können wir jetzt –“
„Und du hast drei Leute getötet!“
„Was? Nein, das… das stimmt nicht!“
Um ehrlich zu sein, ist Finneas gerade auch ein wenig nach Weinen zumute.
„Willst du mich verarschen? Rhy, wir wissen beide, dass du drei Menschen umgebracht hast!“
„Vielleicht hat er es vergessen?“, versucht Finn die Situation wieder etwas zu bessern. Immerhin kann das in dieser Arena gut passiert sein.
„Ich meine vor der Arena!“
„Oh.“
„Aber vielleicht hat der hier ja noch ein paar Leute umgebracht, wer weiß?“
Sie wissen es wirklich nicht. Aber sie müssen erst einmal mit dem rechnen, was sie klar feststellen können.
„Du hast was?“ Die Antwort hat auch Tave aus der Fassung gebracht. „Ihr habt… was? Was habt ihr getan?“
„Ich habe keine drei Menschen ermordet! Ich verspreche es euch!“
„Liam!“ Die Stimme des Schwertträgers klingt beinahe verzweifelt. „Hast du es inzwischen mal?“
„Da war mal eine Schießerei, ich bin mir nicht sicher, ob da jemand gestorben ist.“
„Fuck, jetzt entscheide dich doch mal!“
„Ist ja gut, das wird schon nicht so wichtig gewesen sein.“
„Willst du mir ernsthaft sagen, dass Edda und Gerard nicht auf deine Kappe gehen? Willst du mir das wirklich ins Gesicht sagen?“
„Ja! Ich habe dir schon gesagt, ich habe das Feuer nicht gelegt! Warte, zählt Feuer überhaupt als direktes töten?“
„Ich habe –“
„Oh, ich habe die eine Person vergessen, die ich bei meiner Initiierung erstechen musste!“
„Ich war es nicht!“
Es ist plötzlich, als der Kanonenschuss durch seinen Kopf schießt. Der zweite schon an diesem Tag.
Der erste ist gut. Der zweite ist ein Problem.
Noch eine Person, die gestorben ist. Noch eine. Wie viele sind hier noch? Wie viele können hier noch raus?
„Jetzt haltet aber mal die Fresse!“
Tatsächlich wird es mit einem Mal wieder still. Rhy blickt zwischen Tave hin und her und scheint sich dabei nicht ganz sicher zu sein, ob er schockiert oder entrüstet schauen sollte. Phillip hat immer noch Rhy fixiert, die Arme vor der Brust verschränkt, Liam lächelt ruhig in die Richtung des Mannes mit Schwert.
Tave atmet noch einmal durch und Finneas ist sicher, dass seine betont aufgesetzte Ruhe von allen bemerkt werden soll.
„Liam. Wie viele Morde hast du jetzt begangen?“
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es waren vier.“
„Du denkst es?“
„Was erwartest du von mir? Dass ich mich an jede einzelne unserer Aktionen erinnere?“
Tave schüttelt noch einmal den Kopf. Öffnet noch einmal den Mund, schließt ihn dann wieder.
„Ja“, antwortet er schließlich. „Ja, das habe ich erwartet.“
Der Rothaarige zuckt bloß mit den Schultern. Finneas versucht sich möglichst unbemerkt einen weiteren Schritt von Liam zu entfernen. Der ist ja völlig wahnsinnig!
„Na gut. Dann mach dich mal ran an das Eisen. So. Zu euch beiden.“
„Ich meine es ernst, ich habe das Feuer nicht –“
„Hör nicht auf den! Der ist gut im Lügen, das kannst du mir glauben.“
„Gut. Ihr seid euch offenbar nicht einig.“
Der Mann klingt so, als würde er mit kleinen Kindern sprechen. Kleinen mordenden Kindern offenbar.
„Das kann man so behaupten“, antwortet ihm Phillip.
„Wie wäre es, wenn ihr dann ganz am Anfang anfangt?“
„Am Anfang?“
„Sag mal drücke ich mich genauso scheiße aus, wie ihr es tut?“, schreit der Mann los, sodass Rhy noch einmal nach hinten stolpert.
„Nein! Alles gut Tave! Der Anfang! Also. Äh…“
Rhy blickt noch einmal zu seinem Freund hinüber, der sich aber immer noch damit begnügt, dünnlippig in seiner Ecke zu schmollen.
„Also ich denke, wir sollten da anfangen, wo wir Phillips Vater ermordet haben.“
„Bitte was?“
Finneas schlägt sich die Hand vor dem Mund. Glücklicherweise nehmen die anderen ihn kaum wahr. Nur Taves Blick flackert kurz zu ihm rüber, konzentriert sich aber sofort auf die anderen. Liam neben ihm begutachtet immer noch das Brenneisen, macht aber keine eigenen Anstalten, es zu benutzen.
„Ich nehme an, dass ist dann das Problem..?“
„Nein, das war noch in Ordnung, den haben alle gehasst.“
„Okay, warte.“
Taves Finger umklammern sein Schwert, während er sich mit der anderen Hand an der Wand festklammert. Seine Stirn hat sich in dicke Falten gelegt. Phillip selbst scheint immer noch ruhig zu bleiben, zuckt sogar mit den Schultern, als der Blick von Tave auf ihm landet.
„Nein. Du musst noch früher beginnen, ich habe keine Ahnung, was der Scheiß soll.“
„Oh. In Ordnung! Also ähm… Phillips Vater war… schon ein ziemliches Arschloch. Oder?“
Jetzt wandert auch Rhys Blick in die Richtung seines Freundes. Dieser zuckt mit den Schultern.
„Schon ziemlich.“
„Genau! Und auf alle Fälle… war der nicht so begeistert von seinem Lebensstil.“
„Was?“
„Naja… äh. Der war bei Phillip eben nicht so gradlinig…“
„Äh… Hä?“
„Oh mein Gott…“
Jetzt ist es an Rhy, sich die Hände vor sein Gesicht zu schlagen.
„Auf alle Fälle hatten wir Angst, dass der so richtig auf uns losgeht“, spricht Phillip weiter.
„So richtig richtig!“
„Und… ja. Das war dann das.“
„Und deswegen habt ihr jemanden umgebracht?“
„Der hätte sonst Phillip gekillt! Du warst nicht dabei! Verdammte Scheiße, Tave, der hatte ihn schon fast totgeprügelt!“
„Okay! Klar! Ich habe jetzt nicht gedacht, dass ihr grundlos jemanden umlegt!“ Tave hebt beschwichtigend einen seiner Arme. Da er immer noch sein Schwert hält, wirkt die Geste trotzdem fehl am Platz. „Ihr seid ja nicht Liam. Aber… wer war das jetzt? Und was hat das jetzt mit dem Feuer zu tun?“
„Naja, der wurde dann eben vom Dorfarzt gebracht. Und wenn der herausgefunden hätte, dass ich sein Gift gestohlen habe…“
Rhy lächelt der gesamten Gruppe immer noch entgegen und fährt sich mit dem Finger durch die Haare. Als wäre er nur leicht verschämt. Als hätte er der Gruppe die Kekse weggegessen und wäre nicht dabei einen Mord zu gestehen!
„Und dann hast du den auch umgebracht?“
„Nein, das war Phillip.“
Der Blick der anderen wandert zu dem Mann. Dieser zuckt mit den Schultern.
„Ich bestreite nicht, was ich getan habe.“
„Du hast den umgebracht, weil die Rhy erwischt hätten?“
„Wir alle haben Dinge, die wir bereuen.“
„Ihr seid doch…“
Tave bricht wieder ab.
„Liam, machst du eigentlich irgendwann mal?“
„Ist ja gut! Ich will nur sehen, dass ich hier auch alles mitbekomme!“
„Du schaffst das schon beides auf einmal. Wir wollen doch nicht mitten in der Aufgabe einschlafen.“
Der Blick des Mannes mit dem Schwert liegt immer noch auf Liam. Der starrt mehrere Sekunden zurück, greift dann langsam nach dem Stempel und beginnt seine Hose hochzukrempeln. Die wollen… hier einfach weitermachen, während sich einer von ihnen Metall in die Haut brennt? Finn versteht das alles nicht mehr. Die sind doch alle hier völlig verrückt!
Lass dich von denen nicht beeindrucken. Wenn sie dir etwas antun, werden wir damit fertig.
Liam zischt auf, als das Metall sich in seine Haut brennt. Der eklig scharfe Geruch verdichtet sich noch weiter. Finn schließt die Augen. Das hier muss doch bald vorbei sein.
„Also sind wir jetzt bei einen für jeden von euch. Das ist ja das, was Rhy meinte.“
„Genau! Einer war ich und einer Phillip. Aber der wollte mich ja nur beschützen, also finde ich schon, dass wir beide mir geben könnten.“
„Wolltest du nicht gleiches tun?“, Finns eigene Stimme klingt gepresst. Kein Wunder, während er ruhig durch den Mund zu atmen versucht.
„Aber das war was anderes!“
„Na, wenn du meinst. Also, soweit so gut. Warum soll Rhy jetzt drei Leute getötet haben?“
„Weil er das Feuer in unserem Dorf gelegt hat und dabei sind zwei Menschen gestorben!“
„Ich habe es nicht gelegt!“
„Ach, und wer war es dann?“
„Ich weiß es nicht! Es kann jeder gewesen sein, vielleicht war es ja wirklich nur ein –“
„Ein tragischer Unfall! Dass ich nicht lache!“
„Aber ich war es nicht!“
„Okay. Dann lass mich mal erzählen!“
Finn hört, wie Liam ein zweites Mal laut aufzischt. Irgendwie wird diese Vorstellung auch nicht besser, wenn man die Augen geschlossen hält.
„Also nachdem unser Arzt weg war, war das Dorf dann auch nicht mehr gerade glücklich über den Vorfall.“
„Und davor waren sie es?“
„Äh… schon irgendwie?“
Rhys Stimme klingt klar und fröhlich durch seine Ohren.
Geht es dir gut? Ist das zu viel?
Finn öffnet die Augen wieder. Es hilft ja doch alles nichts.
„Und Rhy hat dann versucht das Gift meiner Schwester unterzuschieben! Und um in das Haus zu kommen, hat er ein Feuer angemacht, was sich dann ausgebreitet haben muss!“
„Das habe ich nicht getan!“
Liam ist bereits bei seinem dritten Brandmal. Himmel, was tut der Kerl da einfach so?
„Ach ja? Und warum warst du dann nicht bei uns, als das Feuer gelöscht wurde? Bist du in irgendeines der Häuser gelaufen, als Edda in Gefahr war? Hast du noch versucht, ihre Leiche aus dem Haus zu ziehen? Nein, du warst aus selbstverständlich absolut zufälligen Gründen im Haus meiner Schwester, um ihr das Scheiß Gift zuzuschieben. Warte, zählt das eigentlich als einen Mord? Wer weiß, was die Friedenswächter mit ihr angestellt haben!“
„Ich dachte, du konntest Ysabel nicht ausstehen…“
„Sie ist meine Schwester!“
„Bleibt ruhig! Wir müssen hier durchkommen, versteht ihr das nicht?“ Tave klingt beinahe flehend.
„Er hat das Feuer gelegt!“ Phillip hat sich direkt an ihn gewandt. „Niemand anderes könnte das getan haben!“
„Ich war es aber nicht!“
„Der Kerl ist ein Lügner! Glaub mir, der ist verdammt gut darin!“
„Phillip!“
Rhy ist inzwischen mehr als nur den Tränen nahe. Sie laufen klar sichtbar über seine Wangen.
„Warum soll der hier einen Mord gestehen aber keine drei?“
„Weil es dabei um mich geht, deshalb! Das eine Mal, dass mir was passiert, kriegt der seine verdammte Fresse nicht auf!“
Tave seufzt noch einmal.
„Bist du fertig, Liam?“
„… Ja.“
„Was heißt dass du dir vier Mal mit dem Stempel ein Brandmal verpasst hast.“
„Genau das, Tave. Ich habe mir alle vier Brandmale selbst gegeben.“
„Wie schön.“
Die beiden scheinen beinahe genauso viel Spannungen zu haben, wie Rhy und Phillip es tun. Und Finn dachte, dass der Parcour das gefährlichste an dieser Aufgabe wäre.
„Was ist eigentlich mit dir?“
Plötzlich liegt Taves Blick auf ihm. Instinktiv drückt Finn sich weiter gegen die Wand.
„Mit mir?“
„Hast du jemanden getöten!“
„Nein! Nein? Also nicht dass ich wüsste. In der Arena vielleicht aber…“
Aber…
Denk nicht mal dran!
„Es ist eben diese Arena. Ich weiß es nicht, okay? Ich habe schon so nicht die besten Erinnerungen!“
„Muss wohl reichen…“
„Was soll das bedeuten?“
„Es bedeutet, dass ihr euch erst einmal beide jeweils ein Mal verpasst. Und danach sehen wir weiter, ob sich die Tür öffnet. Wenn nicht, dann gehen wir bei Rhy auf drei.“
„Und wenn dann nicht passiert?“
„Dann machen wir einfach bei Liam weiter. Wer weiß, was der noch alles vergessen hat.“
„Bist du wahnsinnig?“
Liam hat inzwischen den Stempel wieder zurückgelegt und lehnt an der Wand. Er sieht ungesund aus, während schweiß ihm über die Stirn rinnt.
„Ach, dann sage mir doch bitte, dass du dir absolut sicher bist, vor der Arena niemand weiteren umgebracht zu haben. In diesen Worten: Ich weiß genau, vor der Arena habe ich nicht mehr als vier Menschen getötet.“
„… Fick dich, Tave.“
„Na also.“
Phillip zuckt mit den Schultern und greift erneut nach dem Eisen. Es glänzt hell im Fackelschein und Finn kann erkennen, wie das Wort ‚Mörder‘ abgebildet ist. Der vernarbte Mann hebt sein Oberteil, unter dem es nicht so viel besser als in seinem Gesicht ausseht. Er selbst setzt das Eisen dicht neben die Narben an der Seite seiner Brust ein und presst es hinein.
„Scheiße!“, flucht er, während es sich in ihn hineingräbt. Als er es wieder anhebt, heben sich die Wörter in tiefem rot ab. Die Haut daneben sieht seltsam wurstig aus.
„Dann mach mal.“
Es ist eine eindeutige Herausforderung, die er an Rhy weitergibt. Dieser hat gar keine andere Wahl, als den Stahl anzunehmen. Seine Finger greifen zuerst an die heiße Stelle, zucken dann wieder zurück. Vorsichtig legt er es zurück in das Feuer, bis es wider zu glühen beginnt.
„Na dann mal los.“
„Ich war es nicht!“
„Das werden wir dann ja sehen“, erwidert Phillip. Das werden sie. Aber erinnern werden sie es nicht. Beleuchtet werden sie immer noch nur vom Schein der Fackeln.
Wenn etwas ist, dann werden wir es wissen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.
Rhy presst die Lippen aufeinander, bevor er schließlich die Ärmel hochkrempelt.
„Muss ich –“
„Wir haben nicht ewig Zeit!“
Das haben sie wirklich nicht. Aber genug. Der Countdown, der an ihren Hals wegtickt, zeigt, dass noch in etwa zwei Stunden übrig bleiben.
Rhy schreit während er sich sein eigenes Brandmal setzt. Jetzt, wo Finn hinsieht, kann er sehen, wie der Rauch unter dem Metall aufsteigt. Nein. Das kann er sich wirklich nicht ansehen!
Du solltest es auch nicht.
Aber es ist zumindest früh vorbei. Finn hält den Atem an. Wartet.
Nichts passiert.
„Vielleicht… vielleicht hat sich irgendjemand das Ding nicht richtig aufgesetzt?“
„Wir haben es alle gesehen, Rhy.“ Taves Stimme klingt belegt. Noch nicht einmal mit der sonstigen Eindringlichkeit. „Und Liam hat die Wahrheit gesagt. Der kann wirklich nicht lügen.“
„Aber…“
Rhy bricht ab. Blickt wieder auf das Eisen.
„Ich war es nicht.“
„Die Türen sprechen da eine andere Sprache.“
Phillip mustert ihn immer noch.
„Vielleicht zählen indirekte Sachen doch?“
„Nein! Das… das glaube ich nicht!“
Liams Stimme klingt gequält. Wie viele Schmerzen bereitet es, sich das Ding einmal zu verpassen? Was muss es bedeuten, das vier Mal zu tun?
„Wir haben keine andere Ansätze Rhy. Was soll es uns bringen, die Dinge willkürlich zu verteilen?“
„Ich… ich will das nicht machen…“
Der Mann wirft das Ding zurück in den Ofen.
„Ich habe das nicht gemacht! Ich mache das nicht einfach!“
„Wir haben keine anderen Anhaltspunkte“, stimmt Liam noch einmal zu. Phillip ist währenddessen wesentlich schweigsamer geworden, als er es davor war. Als er noch mit Anschuldigungen um sich geschmissen hat.
Kann er das wirklich gewesen sein? Finn kann es nicht im geringsten abschätzen. Er kennt die nicht. Er kennt gar keinen von denen!
„Rhy. Ich hasse es, dass sagen zu müssen. Aber ich werde dich festhalten und diese zwei verpassen, wenn es sein muss. Also tu uns allen den gefallen und erspare uns das“
„Ich mache das nicht!“
„Okay! Fuck! Gebt mir das Scheißding!“
Es ist Phillip, der plötzlich das Ding in der Hand hält.
„Philli –“
„Glaub nicht, dass du draußen bist! Ich verpasse dir diese Teile, wenn das sein muss!“
„Aber –“
Rhy öffnet den Mund, verstummt dann wieder.
„Verzeihst du mir dann?“
„Was?“
„Wenn ich mir das Ding noch mal einbrenne. Verzeihst du mir dann?“
Phillip blickt auf das Metall in seiner Hand hinunter. Dann wieder zu Rhy. Dem Mann ist immer noch am Weinen, wenn auch leise.
„Also gibst du es zu?“
Liams Stimme hallt plötzlich durch den Raum. Sie klingt seltsam kalt zwischen all den Tränen.
„Nein! Aber… aber… würdest du es dann?“
Phillip scheint immer noch verloren. Sein Blick wandert umher, aber immer wieder zurück zur Situation.
„Okay.“
Sie werden das alles hier vergessen. Die Wunden werden bleiben.
Das Versprechen nicht.
Vielleicht ist es trotzdem für diesen einen Augenblick genug.
Es ist nicht besser, als Rhy sich das zweite Mal verbrennt. Dieses Mal macht er keine Anstalten, das Ding noch einmal aufzuheizen, sondern presst es einfach an die Unterseite des Arms. Blut tropft bereits auf der oberen Wunde und läuft den Arm hinunter.
„Hat noch jemand ein bisschen Stoff übrig oder so?
„Ach bei ihm ist das wichtig?“
In Liams Stimme klingt keine Anschuldigung. In seinen Augen leuchtet sie allerdings schon.
„Gut. Schauen wir –“
Tave kriegt seinen Satz nicht beendet, bevor die Türen sich mit einem plötzlichen und lauten Surren wieder öffnen. Finn stolpert beinahe nach draußen, erinnert sich aber, dass auf seinem Weg mehrere Feuerwerfer befestigt waren. Als er aber zurückschaut, sieht er aber, dass diese ausgeschaltet wurden. Anstelle des Rauschen des Gases, das sie immer wieder anzünden, begrüßt die Gruppe die melodische Melodie eines der Fallschirme.
„Was haben wir hier?“
Liam beeilt sich auf den Korb zuzugehen. Holt zuerst mehrere belegte Brote heraus. Tave nimmt sie ihm ab und verteilt jeweils eines an jedes Mitglied der Gruppe. Finn steckt seines ein.
„Die Salbe hier soll entzündungshemmend sein“, verkündet der Rothaarige. „Ansonsten ist hier nur noch die Rune und der Zettel, der uns sagt, dass wir die Aufgabe bestanden haben.“
„Na das ist dann zumindest etwas“, antwortet ihm Tave. Sowohl Rhy als auch Phillip schweigen, während letzterer nach der Tube greift und sie schließlich auf dem Arm des anderen verteilt.
Nicht ganz gradlinig, wie?
Finn dreht sich um.
„Ich… Äh… Geh dann mal“, kündigt er allein der Höflichkeit zuliebe an.
„Das werde ich auch tun“, folgt Tave seinem Beispiel.
„Du willst unser Bündnis doch nicht wirklich beenden?“
„Wenn du nicht allein sein willst, dann komm eben mit! Mir egal.“
Die beiden machen sich auf dem Weg, bevor Finn überhaupt Anstalten machen kann, sich selbst wieder auf dem Weg zu begeben. Er wartet jetzt trotzdem, auch als die beiden draußen sind. Von den beiden will er wirklich so viel Abstand wie nur möglich halten!
„Bei euch alles okay?“
Es ist nicht so, als würde er es so toll finden, bei den anderen beiden zu bleiben. Vier Morde, alleine unter denen. Wahrscheinlich.
„Alles gut.“
Phillip dreht sich noch nicht einmal in seine Richtung. Finn hält das für ein Zeichen, sich selbst wieder auf dem Weg zu begeben.
Wahrscheinlich sollte er glücklich sein. Das alles ging ja noch verdammt glimpflich für ihn ab!
Trotzdem. Wir müssen vorsichtig bleiben.
Ja. Er muss vorsichtig sein. Er weiß nicht, was noch auf ihn zukommen wird.


◊ Kenaz ◊
Licht. Klarheit. Feuer.
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