The Blank Rune

MitmachgeschichteAllgemein / P18 Slash
12.03.2018
14.01.2020
31
145974
10
Alle Kapitel
39 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Eines der wichtigsten Kapitel dieser Geschichte und an dieser Stelle kann ich mich nicht zurückhalten und werde für diese Rune – sprich dieses Kapitel – einen kleinen Hinweis geben: Lehnt euch einfach zurück und genießt es.

Viel Vergnügen!






Teile eines Ganzen

Verschollenes wird aus der Dunkelheit wieder ans Licht gezogen. Erinnerung verglühen im hellen Schein der Flammen.



◊ Wunjo ◊
Licht. Glück. Freude.

Ein Funken, der ein plötzliches Feuer auslöst. Eine plötzliche Verzweiflung, die niemals wieder nachlässt.
Tief, tief, tiefer brennt es sich in ihn hinein. Versengt Haut, versengt Fleisch bis die Stimme ihm versagt und dabei war es nur der erste Schmerz!
Das Knacken von Glas unter den Füßen ist plötzlich, aber nicht unwillkommen.

Das, was Rhy aus dem Schlaf reißt, ist sein eigener Schrei. Zuerst ein lauter, der die Stille durchreißt, seine Augen öffnet und die Luft aus der Lunge sprengt. Dann ein zweiter Schriller, höher, panischer hallt er in seinen Ohren nach. Er versucht nach Luft zu schnappen und als er sie findet, wird sie ihm wieder entrissen, als ein weiterer Schrei seine Kehle durchdringt.
Weiterrennen. Weiterrennen! Sonst hat es ihn erreicht!
Das Gefühl zwischen den Fingern ist kalt und er nimmt wieder Abstand. Jetzt noch nicht. Er will leben. Er will, dass sie beide leben.
Phillip, der immer noch seine Schulter hält und es wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Er zittert immer noch.
Da kann nicht sein! Es kann einfach nicht sein! Das hier ist unmöglich!
Sein Verrat kommt nicht unerwartet, aber er schmerzt trotzdem, wie tiefes gleißendes Metall.
Das neue Angebot ist gut. Er muss das hier schaffen. Er muss. Er muss!
Plötzlich zersplittert der Stein. Zerbröselt zwischen den Fingern und Rhy ist nur einen halben Meter entfernt und dreht sich zu der anderen Stimme um.

Der Kopf droht ihm zu zerplatzen, es schmerzt. Jeder einzelne Gedanke, jedes Bild jede Erinnerung, die aufblitzt und verschwindet, bevor er danach greifen kann. Er versucht sich an das Jetzt zu klammern, versucht Schemen zu erkennen, aber alles verschwimmt vor ihm, während sein Kopf sich selbst in Teile spaltet. Seine Kehle ist wund gerieben vom Schreien, langsam verklingen sie mit seinem letzten Rest kraft, während er zu würgen beginnt, zur Seite stürzt und sich mit beiden Armen auffängt.
Erst jetzt, wo seine eigene Stimme ihm den Dienst versagt, bemerkt er, dass er nicht der einzige ist, der schreit. Es ist nur ein kurzer Laut, ein einzelner frustrierter Ausbruch, aber er reißt Rhy aus seinem Kopf heraus, gibt ihm ein Ziel, denn er muss doch erkennen, von wo er kam! Der Raum dreht immer noch Pirouetten, aber er wird etwas klarer und als Rhy in die Richtung des Raumes blickt, kann er ihn erkennen.

Tave sitzt vornübergebeugt. Er hat ihm irgendwann einmal ins Gesicht geschlagen – daran erinnert Rhy sich noch genau.
Ein plötzliches wiedersehen, als die anderen auf ihn zukommen. Es fühlt sich vertraut an.
Und nun liegt er da, beinahe in sich zusammengerollt, während seine Arme zittern. Der eine eng an die Brust gezogen, in dem anderen ein Schwert – sein Schwert – umklammert. Er schüttelt leise den Kopf und murmelt etwas in sich hinein. Schnell. Manisch. Rhy hat nicht das Gefühl, dass es für andere Ohren bestimmt ist.
Aber er ist da. Er ist da.
„Tave?“
„Halt endlich deine verdammte Fresse!“
Der Ausbruch kommt schnell und unerwartet. Warum muss der so schnell so laut werden?
Tave. Er ist immer wütend…
Dann wünscht er ihm eben keinen guten Morgen.
So unglaublich angenehm ist der bisher ja auch nicht. Die Kopfschmerzen haben etwas nachgelassen.
Er hat kein Andenken, das er in den Abgrund werfen kann.
Seine Finger zittern vielleicht noch. Sein Hals ist rau, die Augen wässrig. Der Rest des Körpers brüllt nach Erlösung. Die Arme… sein Arm steht geradezu in Flammen.
Mörder. Mörder. Mörder!
Aber ansonsten geht es ihm gut.
Vorsichtig beginnt er mit dem Aufstehen, in der Hoffnung das seine wackeligen Beine ihn halten. Beginnt sich mit den Händen zu halten und will sich gerade in die Hocke gehen, als er seinen Arm betrachtet. Das Oberteil ist ein bisschen hochgekrempelt. Darüber ein zähes rotbraun, das sich bis in das Weiß des Stoffes verfängt. Blut. So viel davon! Rhy spannt seine Finger an, versucht den Schmerz zu ignorieren.
Er greift den Schlüssel aus der Luft und sie müssen hier raus, raus, raus!
Unter seiner Hand… Rhy schließt seine Finger. Umschließt den hölzernen Griff. Zittrig atmet er ein und wieder aus, bevor er weiter an sich hinunterblickt. Er sieht, wie seine in rot getränkten Finger die Waffe umklammern. Blutunterlaufenes Metall einer Axt blitzt ihm entgegen und mit einem Mal bemerkt er den Gestank. Lehnt sich zur Seite, als ein Würgereiz ihn schüttelt, ohne sich zu übergeben. Das hier ist doch nicht real. Wie ist er überhaupt hierhergekommen? Wo war er das letzte Mal?
Er stand vor dem Wald.
Es war gerade vorbei.
Er –
Er sieht es zerbrechen, er sieht, wie es durch seine Finger rinnt. Aber das kann nicht sein. Darf es nicht! Er kann das hier nicht zerstören!
Wie kann er es wagen.
Wie kann er es wagen!

Seine Hand zittert stärker. Klammert sich um den Griff, bis die Knöchel weiß hervorleuchten. Eigenartig. Rhy blinzelt ihnen kurz entgegen. Nimmt geistesabwesend einen Ärmel und beginnt auf der Haut herumzuwischen.
Zuckt zusammen, als der Schmerz zunimmt und gegen die raue Haut reibt. Raues trockenes Gewebe. Warte… Nein. Das ist nicht er! Das kann nicht sein!
Rhys Bewegungen werden schneller. Immer hektischer tupft er das Blut weg, bis sein anderer Ärmel sich vom alten Rostbraun in weiteres frisches Rot wandelt. Auch er ist verfärbt. Kaum einen sauberen Fleck kann er erkennen.
Blut löst sich nicht im Wasser. Es verfärbt es nur und jemanden auf diese Art loszuwerden ist keine gute Idee. Man müsste die Kleidung verbrennen und das bedeutet Feuer…
Alles! Alles, nur das nicht!
Rhy spürt das Brennen in seiner Haut, auch als er den Ärmel wieder hinunterreißt, die Haut betrachtet, die im besten Fall noch rot angeschwollen ist, sich graugelb aufrollt. Gelbe Blasen auf dunklen Löchern und er hat das hier schon einmal gesehen. Es ist ewig her und gar nicht so lange. Ein Jahr vielleicht.
Seine Haut glühte. Wäre es nicht so grausam gewesen, er hätte ehrfürchtig innegahalten.
Sie hatten ihn zu Ceres getragen. Weil es niemand anderen mehr gab, die sich hätte um ihn kümmern können. Für einen kurzen Moment war die Sache mit dem Arzt vergessen. Einfach so. Nur damit die Hexenjagt am nächsten Morgen weitergehen konnte. Aber er war vorbereitet. Rhy ist an seiner Seite geblieben, bis Ceres sagte, dass er es überleben würde. Er dachte damals noch, dass das sein Sieg sei…
„Phillip!“
Mit einem Mal steht er auf den Beinen. Der Kopf protestiert, der Schwindel wird stärker, aber Rhy hält sich. Ignoriert den Schmerz. Das Blut. Die Axt in seiner Hand und blickt sich im Raum um. Tave hat sich keinen Millimeter bewegt. Arna –  
Das Messer lag in ihrer Hand und glänzte rot. Rot! Sie war nur noch wenige Schritte entfernt und er musste sich konzentrieren, auf die Waffe zu achten. Sein Ziel lag in ihrer anderen Hand –
Sie saß auf den Boden, die Beine aneinandergezogen. Auch hier das Blut. Auf allen von ihnen. Esca. Genauso ins Rot getaucht steht er an dem Rand. Sein Blick auf ein Buch gerichtet. Ein dünner lederner Einband, mit unregelmäßig und behelfsmäßig zusammengebundenen Blättern. Ein anderer Mann sitzt auf dem Boden und zumindest der untere Teil seiner Kleidung wäre verschont geblieben, wäre da nicht ein großer durchtränkter Verband am Bein.
Rhy dreht sich weiter. Durchleuchtet den Raum ein zweites Mal. Und noch einmal, bis der Schwindel ihn übermannt und er sich an der Wand festkrallen muss.
Phillip.
„Wo ist Phillip?“
Seine Stimme ist panisch und trotzdem ruhiger, als er es erwartet hat. Fremd. Zu rau, zu schnell, zu verzweifelt, so kann man doch nicht reden! Nicht hier, wo die Kameras auf ihn halten und alle es hören können. Aber er kann nicht weg sein! Die Liebenden können nicht getrennt werden! Nicht endgültig…
„Wo ist Phillip?“
Besser. Leise. Melodisch. Wenn er nur nett genug fragt, werden die Antworten sicher kommen.
Die Laute hallen durch den Raum und verstummen erst einmal in der Stille. Tave dreht sich zu ihm und Rhy erwartet schon, erneut angeschrieben zu werden, doch der andere bleibt stumm. Betrachtet ihn nur weiterhin leise und schüttelt dann den Kopf.
„Hey“
Eine leise Stimme. Flüsternd. Und eine Hand auf seiner Schulter, dessen sanfter Druck sich bereits in sein Fleisch gräbt und ihn aufzischen lässt. Wie weit gehen seine Brandmale, wenn selbst diese Geste schmerzt?
„Ja? Was ist?“
Er beißt die Zähne aufeinander und dreht sich zu Esca um. Verbannt den Schmerz aus seinem Gesicht und schenkt ihm das Lächeln, das die Javisons dazu bewegen konnte, ihm ein Stück Brot zwischen die Finger zu schieben.
Man wird ihm sagen können, dass die Spielmacher es waren. Es ist eine einfache Ausrede. Eine glaubhaftere als die Geschichte, die er zu erzählen hat.
Esca blickt ihn kurz und konzentriert an. Kurz flackert sein Blick zur Seite. Huscht über seinen vernarbten Arm, dann wieder nach oben.
„Ich weiß, wo Phillip ist.“
„Wo?“, fragt er ein wenig zu hastig. Trotzdem ging das doch wesentlich einfacher als erwartet. Natürlich muss er hier irgendwo sein! Es ist seltsam genug, dass Rhy nicht bei ihm geblieben ist, aber es wird sicherlich eine gute Begründung dafür geben. Phillip ist da manchmal ein wenig… eigen. Selbst wenn es sicherer ist, wenn die beiden zusammenbleiben, es kann sicherlich gute Gründe geben, warum er ihm ein wenig Raum gelassen hat.
Esca blickt sich kurz um. „Ich war gestern bei ihm, ich weiß nicht warum, aber das war im Wald und wir haben da eine Hütte gefunden. Wenn du willst, zeige ich dir wo sie –“
Der Satz wird von plötzlichen festen Schritten unterbrochen, die geradewegs näher kommen. Esca dreht sich gerade um, will den Ankömmling begrüßen oder vielleicht auch einfach äußern, dass sie sich gerade in einer wichtigen Unterhaltung befinden, als sich ein Stück Metall bereits in seinen Hals gebohrt hat. Die Frage verwandelt sich in ein Gurgeln, bevor sie ausgesprochen werden kann. Rhy stolpert nach hinten. Will schreien. Er sieht, wie Esca, der immer noch das verdammte Schwert in seinem Hals hat, in seine Tasche greift, doch Tave tritt den Mann bereits nach hinten und zieht dabei seine Waffe durch. Schneidet durch Haut und Fleisch während der andere nach hinten kippt und mit dem Kopf gegen die Wand kracht.
„Du weißt also wo Phillip ist, ja? Das weißt du also?“, brüllt Tave durch den Raum. Rhy blickt sich um. Sowohl Arna als auch der Andere sind wie versteinert. Was ist hier los? Was hat Tave, der andere wollte doch nur helfen!
„Wo ist er dann, hm?“ Schreit, er immer noch den Halb toten Mann an. Lässt seine Waffe noch einmal sausen und in den Bauch des anderen gleiten. Seine Augen sind geweitet, sein Gesicht zu einer Grimasse verzerrt. Rhy erwartet ein Geräusch, einen kalten matschigen Laut vielleicht, doch Tave ist schon dabei, alles zu übertönen:
„Wo ist er denn? Hält vielleicht mit Avery ein Kaffeekränzchen? Hat Ash ihn etwa zum Tee eingeladen?“
Wo ist Avery?
Was ist hier los? Was zur Hölle ist bei ihm falsch? Was hat er gesehen? Wo ist Avery? Wer soll Ash überhaupt sein? Rhy spürt, wie sein Kopf noch stärker zu schwirren beginnt. Wie seine Wunden kribbeln und mit einem Mal wird ihm neblig vor Augen, er kann kaum das ganze Blut sehen. Kann kaum hören, was der andere sagt.
„Fick dich! Du verfickter Hurensohn!“
Esca antwortet nicht. Keucht noch nicht einmal, als Tave ihn zum dritten Mal die Waffe durch den Körper jagt. Natürlich nicht, murmelt etwas leise in Rhys Gedanken hinein. Er ist tot. Nur noch ein blutiger Haufen Mensch. Instinktiv umklammert er die Axt fester. Tave… der ist doch völlig hinüber! Er muss sich selbst verteidigen, wenn es hart auf hart kommt. Nein… nicht nur das. Er muss Phillip verteidigen. Esca wollte ihm doch gerade sagen, wo er sich befindet!
Der Gang mündet vor einer Tür mit einer kleinen metallenen Plakette. Man muss die Augen zusammenkneifen, um sie zu entziffern.
Warum will Tave das nicht? Hat er etwas zu verheimlichen? Ist Phillip in Gefahr? Hat Tave etwas damit zu tun? Wenn er es herausfinden will, muss er mindestens genauso schnell sein, wie er. Noch ist der andere Mann abgelenkt, mit ein wenig Glück könnte er etwas herausfinden. Doch der Kopf schwirrt ihn immer noch. Seine Waffe wackelt zu sehr vor seinen Augen und als er den Arm hebt, zieht sich der Schmerz so sehr durch seinen Körper, dass er den Griff beinahe fallen lässt. Schweiß verklebt sich zwischen den Fingern, sodass das Holz zwischen ihnen hin und her rutscht. Der Atem brennt in seinem Hals. Hoffentlich hat er sich nicht auch noch eine Krankheit eingefangen.
Rhy versucht seinen Atem wieder einzufangen. Stellt sich vorsichtig in einen breiteren Stand und ist dabei schon dankbar genug, dass die Beine nicht zwischen ihnen wegklappen. Tave hat sich inzwischen wieder umgedreht. Auch er atmet schwer, doch im Gegensatz zu Rhy beruhigt sich das langsam aber sicher wieder.
„Wo ist –“
„Habe ich nicht gesagt, dass du deine Fresse halten sollst?“
„Was geht eigentlich bei dir ab?“, zuerst denkt Rhy, dass er nur laut gedacht hat, doch der Mann mit dem verletzten Bein ist nur näher an die beiden herangetreten. „Suchst du Ärger oder was?“
Erst erwartet Rhy einen weiteren Kampf, aber der andere bleibt wenige Meter entfernt stehen. Die Hände zu Fäusten geballt. Leere Hände, die keine weiteren Waffen beinhalten. Tave hat sein Schwert immer noch in der Hand. Träge tropfen einzelne Tropfen Blut herunter. Noch mehr davon. Wie viel davon muss schon geschlossen sein?
Langsam öffnet er den Mund. Atmet erst einmal nur leise ein und wieder aus. Rhy tritt noch einen Schritt weiter zurück. Stößt seitlich gegen die unebene Steinwand. Am liebsten würde er sich gegen sie lehnen, aber wenn der Wahnsinnige mit dem Schwert dann auf ihn zukommt, hat er gar keine Chance mehr.
„Ob ich Ärger suche? Ich? Ich bin es, der Ärger sucht?“
Ein leises Lachen entkommt seinen Lippen, doch Rhy hat nicht das Gefühl, dass es besonders nett gemeint ist. Ein kalter Schauer jagt ihn über seinen Körper. Ja, er ist sicher fiebrig.
„Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken“, murmelt der Mann so leise und trotzdem hallt die Stimme durch den gesamten Raum. Sein Kiefer ist angespannt, als würde er gleich durch ihn hindurch beißen. „Dass ihr den Nerv habt, so etwas zu sagen. Ihr verdammten…“
Der Mann setzt ab. Blickt die anderen an. Für den Bruchteil einer Sekunde bleibt sein Blick an Rhy hängen, die Augen verkleinern sich zu Schlitzen.
„Ihr habt absolut keine Ahnung.“
Eine klare Feststellung. Und irgendwie hat Rhy das Gefühl, dass die Worte an ihn gerichtet sind. Er will den Mund aufmachen. Fragen, was er meint. Ihn daran erinnern, dass er dann doch so freundlich sein könnte, zu erklären, wovon Rhy denn keine Ahnung hat. Aber der Kopf schwirrt ihn zu sehr. Er kann kaum noch stehen, die Knie zittern und seine Stimme hat sich ausgeschrien.
„Zieh einfach deinen Ärmel hoch.“
„Was zur Hölle meinst du?“
Arnas Stimme. Sie klingt zittrig, aber hat noch genug Kraft.
„Das weiß die Kleine nicht“, sein Grinsen erreicht noch nicht einmal die Spitzen seiner Mundwinkel. „Schaut bei Rhy nach. Da steht es.“
Mit diesen Worten dreht er sich um und rennt durch das offene Tor in den Wald. Lässt sie anderen ohne irgendeine Antwort zurück.
„Ich…“ Das eine Wort lässt seine Kehle neu entflammen. Egal. Die anderen beiden sehen ihn an. „Ich habe keine Ahnung, was er meint!“
Zumindest klingt er genauso sehr den Tränen nahe, wie er sich auch fühlt. Was war das überhaupt. Das war so… so… unhöflich!
Mit einem Mal ist der Boden unglaublich verlockend. Der Stein sieht so kühl aus. Das könnte er gerade gebrauchen.
Er wird hier sterben. Das wird mit jeder Minute eindeutiger.“
„Hast du vielleicht einen Zettel bei dir?“
Arna klingt genauso müde, wie Rhy sich fühlt. Inzwischen ist auch sie aufgestanden. Ihre Haare sind fettig, die Augen zieren trotz des vielen Schlafes dunkle Ringe. Das Rot ihrer Kleidung ist noch eindeutiger, ein riesiger dunkelroter Fleck, der sich von ihrem Arm ausbreitet. Das ist eindeutig nicht ihr eigenes Blut, doch es scheint nicht so, als würde es die andere besonders interessieren. Oder sie ist gut darin, es nicht zu zeigen.
Rhy zuckt mit den Schultern. Auch das tut weh. Jede Bewegung schmerzt. Er will nicht in seine Tasche reingreifen. Das klingt nach Höllenqualen!
„Ich glaube nicht“, murmelt er müde und sieht die anderen an… Merkt, dass er zu leise spricht und sie ihn noch nicht einmal gehrt haben. Vorsichtig sieht er sich wieder um, bis er schließlich an dem Bildschirm hängen bleibt. Von dem schwarzen Spiegel aus blickt ihm sein eigenes Gesicht entgegen. Die Umrisse seiner Augen sind genauso müde, wie er sich fühlt. Der Arm ein aus dunklen und hellen Schemen meliertes Chaos mit… mit dunkleren Linien, die sich über den Untergang ziehen.
Rhys Blick rast zu seinem eigenen Arm. Tatsächlich. Zwischen dem Chaos sind dunkle Linien zu erkennen. Linien, sich bis zu seinem Ärmel schlängeln. Rhy braucht ein paar Sekunden, bis er versteht, dass es sich um Buchstaben handelt. Noch weitere Sekunden, bis er die Kraft aufbringt, vorsichtig den Ärmel hochzuziehen.
Die dunklen Linien sind von dem Chaos beinahe verschont. Tiefere gerötete Rillen, die tief in den Körper gestanzt wurden. Auf ihnen eine klare Botschaft.
„Mörder“
Rhy hört sich wimmern, während er den Ärmel sofort wieder über den Arm zieht. Er schafft es beinahe, den brennenden Schmerz dabei zu ignorieren.
Mörder. Mörder!
Was ist das? Warum? Er versteht das alles hier nicht! Warum ist dieses… Ding in seinem Körper? Was ist mit ihm geschehen?
Mörder.
Ein stummer Blick führt ihn zurück zu Esca, der immer noch beinahe schlafend an der Wand lehnt. Tave ist doch selbst ein Mörder. Warum sollte der ihn etwas zu sagen haben?
„Wir sollten hier weg“, murmelt er leise. Das Tor hinter ihnen ist immer noch offen. Das vor ihnen geschlossen. Blutige schlieren sind darauf zu sehen, in die Rune, die darauf geschrieben ist. Rhy traut sich nicht, nachzusehen, ob es sich um echtes Blut handelt. Dieser Ort ist nicht gut. Nichts zu essen oder zu trinken. Nichts weiter zu tun, als in den Wald zu gehen und auf sein Glück zu hoffen.
„Gehen wir“, murmelt er eher sich selbst zu. Er muss Phillip finden. Dann wird sicher alles wieder gut werden… irgendwie. Sie haben das doch immer geschafft, wenn Not an Mann war. Es war sicherlich nicht immer alles gut. Für sie beide nicht. Sie hatten sicherlich ihre Tiefen. Aber es hat doch irgendwie funktioniert. Sie sind da doch immer durchgekommen. Sie können das hier immer noch schaffen.
Er kann das hier schaffen. Er wird sie beide retten.
Nicht wahr?

Rhy will sich wegdrehen. Er will aus dem Raum gehen. Seinen brennenden Körper dazu zwingen, zumindest diese Distanz zu überbrücken und hoffen zu können, dass die Luft da draußen ein kleines bisschen kühler ist. Dieses Mal ist es ihm nicht vergönnt. Dieses Mal ist es der andere Mann mit den blonden Haaren, der ihn unterbricht. Zuerst nur auf ihn zutritt und Rhy denkt erst, dass er nur mit ihm reden will. Bereitet sein Lächeln vor, als der Andere nach seiner Axt greift. Es braucht einen Augenblick zu lange, um zu verstehen, was das bedeutet. Lange genug, dass seine Finger den Griff nicht fest genug umklammern, dass er seinen Körper dazu zwingen kann, nicht nachzugeben. Dass die Waffe ihm aus den Händen gleitet.
„Tut mir Leid“, murmelt er leise und erst jetzt wird Rhy klar, dass das hier ein Angriff ist, einer auf ihn. Er stolpert zurück, spürt dabei immer noch seine Beine unter ihm wackeln. Nachgeben. Dass er fällt, ist sein Glück, als die Axt kurz über ihn hinwegschwingt. Geradewegs dahin, wo vor einem Augenblick noch sein Hals war. Der Mann zischt auf, aber jetzt weiß der Neuner, dass er keine Zeit hat. Tritt zur Seite aus, direkt auf den Verband, den der Andere immer noch trägt. Der Mann stolpert nach vorne und Rhy rollt sich zur Seite, bevor der andere mit der Waffe auf ihn fallen kann. Er muss sich konzentrieren. Der Andere hat ihn angegriffen, also ist es nur richtig, sich zu verteidigen. Was passiert hier überhaupt? Sind denn alle wahnsinnig geworden?
Rhy, hat keine Zeit, weiter zu reagieren, denn der andere ist nach vorne gestolpert, fängt sich aber zu schnell wieder. Die Axt liegt ruhig in seiner Hand. Scheiße. Kann der etwa kämpfen? Egal.
Wenn er das hier nicht schafft, dann ist er tot. Dann wird Phillip auch sterben. Und das geht nicht. Das kann er nicht zulassen, also wird es auch nicht passieren. Sie haben immer alles überstanden.
Aber er liegt am Boden und der Andere dreht sich schon wieder zu ihm.
Rhy kriecht zurück. Er sieht dunkle Punkte vor seinen Augen tanzen, kann den Anderen dazwischen kaum noch ausmachen. Will sich auf seine Arme stemmen, die einfach unter ihm nachgeben. War es das jetzt? Nein, das kann nicht sein. Aber was soll er tun? Er wird es nicht hochschaffen. Er wird es garantiert nicht schaffen, dem anderen die Waffe aus der Hand zu reißen. Nein. Er hat eine Waffe!
Der Andere schwingt mit der Axt und Rhy versucht sich zur Seite zu rollen. Zu spät denkt er bereits, sieht dem Schmerz auf ihn zukommen, als Arna plötzlich über ihm steht und den Mann zur Seite schubst.
Rhy nutzt den Augenblick, versucht zumindest auf die Knie zu kommen. Er muss Zeit schinden. Die Welt schwankt vor seinen Augen, als er sich nach oben hieft. Aber inzwischen spürt er weniger das Feuer auf seiner Haut und hört stattdessen, wie das Blut durch seine Ohren raust, wie seine Finger sich anspannen, als er in seine Tasche greift. Das Metall der Klammer ist erhitzt. Ein winzig kleines Ding. Noch nicht einmal wirklich scharf, aber mit einem gut platzierten Hieb… Er muss jetzt schnell sein. Einen Plan haben. Er kann das schaffen, er hat doch immer einen Plan! Es muss ja noch nicht einmal ein Guter sein!
Er sieht, wie Copper sich dem Mädchen zuwendet. Wenn er sie tötet, ist er vielleicht abgelenkt… Kehrt ihm den Rücken. Nein. Zu gefährlich. Wenn er sich dreht, ist Rhy verloren. Er muss die Axt sichern, bevor er zusticht, aber wie?
Arna weicht aus und schreit, als die Waffe sich in ihren Arm bohrt. Jetzt oder nie! Er will nach vorne schießen, ein einziger Angriff, aber er kommt kaum hoch spürt, wie seine Beine stolpern, die Waffe weniger gezielt in seiner Hand liegt, als er es hofft. Eine Verzweiflungstat, merkt er zu spät, als er auf den Anderen zustolpert. Der Andere, der ganz klar aus einem der Karrieredistrikte kommt. Der sich ihm schon zugewandt hat und Rhy weiß, dass er das nicht schaffen kann. Die Axt wird ihn treffen, bevor er überhaupt an ihn herangekommen ist. Wenn sie beide untergehen, wäre das schon kein schlechtes Ergebnis. Aber das kann er nicht zulassen. Was nun. Was nun?
Sie haben versagt. Das bedeutet, dass nur noch Arna die Aufgabe übernehmen kann…
Das Metall klirrt leise auf dem Stein, als er die Klammer fallen lässt. Betet, dass sie versteht, als er sich den anderen entgegenwirft. Sein Fuß findet sein kaputtes Bein, seine Hand, die Arm, mit dem der Mann die Axt umklammert. Nur eine gezielte Bewegung und er wird sich aus den Griff herausreißen können. Aber vielleicht reicht es, dass sein Bein ihn ablenkt. Vielleicht reicht es, dass sie beide zu Boden gehen, dass er mit dem Rücken nach hinten fällt, während Rhy versucht, mit seiner Ferse die Wunde zu finden und sich in sie hineinzubohren. Bitte lass das genug sein! Nur für diesen einen Augenblick!
Als die beiden auf dem Boden aufkommen, wird ihm schwarz vor Augen. Er hört noch das Blut rauschen, er spürt seinen Körper noch. Vielleicht ist er sogar noch bei Bewusstsein genug, um die Hand so fest er kann gegen das Handgelenk des Anderen zu drücken. Er will seinen Blick wieder erheben, doch alles in seinem Körper fokussiert sich nur noch drauf, sich um den anderen zu klammern.
Trotzdem spürt er, wie der Arm von ihm gerissen wird. Einen Windhauch, als die Waffe sich über ihn hochschwingt…
Ein weiteres Klirren – dieses Mal dunkler. Ein halber Schrei, der schnell wieder verstummt. Ist das etwas Gutes? Es ist nicht sein eigener Laut. Das muss etwas Gutes sein…
Rhy ist sich nicht sicher, ob er ohnmächtig geworden ist, aber als er die Augen öffnet, ist der andere noch unter ihm. Die Augen halb geschlossen, der Mund zum Schrei geöffnet. Die Klammer hat sich in seinen Hals gebohrt. Noch mehr Blut, dass sich verteilt. Immer mehr davon… In seinen Haaren hat es sich schon verteilt, läuft trübe seine Wange entlang. Rhy hat nicht genug Kraft, dass es ihn noch kümmern kann. Von irgendwo hört er ein leises Schniefen. Arna. Genau.
Den Kopf zu heben ist bereits ein Kraftakt. Den Rest des Körpers folgen zu lassen, scheint absolut unmöglich und schließlich rollt Rhy sich zur Seite. Seine Finger greifen nach dem unebenen Stein. Einzelne Gesichter starren ihm entgegen. Eines lächelt ihm sanft entgegen. Ein anderes urteilt mit strengem Blick.
Fußstapfen vor ihm, mit denen er unbedingt Schritt halten möchte.
Er verliert sie aus dem Blick, aber das ist egal. Weiter. Nur weiter!
Sie kippt vor ihnen um und liegt einfach da. Es bleibt nicht viel Zeit. Sie werden bald folgen.“

Die Finger ziehen an ihm hoch. Die raue Haut reißt auf. Einzelne Blasen platzen und eine heiße Flüssigkeit rinnt über seine Finger. Beinahe rutscht er ab, kommt schließlich in eine Position, die man mit gutem Willen als sitzend bezeichnen kann. Genug, um sich zu drehen. Und vor ihm das Mädchen. Noch mehr Blut zwischen ihren Fingern. Ein leises Schniefen, das weiter durch den Raum geht. Sie blickt ihn kurz an, ihre Augen treffen sich. Sie presst die Lippen aufeinander, während ihr bebender Körper ihr trotzdem ein leises Klagen abverlangt. Sie versucht, sich zusammenzureißen. Er versucht es das.
Was war das?, will er fragen. Aber das bedeutet sprechen. Den letzten Rest Kraft aufbringen, den er jetzt dringend sammeln muss. Der wollte ihn töten. So plötzlich.
Mörder.
War es seine Schuld? Er hat sich doch nur verteidigt. Der Andere war offensichtlich wahnsinnig! Die sind doch alle irre! Was hat es mit ihm zu tun, wenn jeder durchdreht? Gar nichts. Er hat nichts getan.
Blut spritzt auf seine Hand. Auf seine Kleidung, aber kann ihm egal sein.
Er kann sich an nichts erinnern, was er getan hat.
Wieder öffnet Rhy den Mund, dieses Mal einfach, um weiterzukommen. Um diese Gedanken zu vertreiben. Er sollte Arna danken. Sie hätte auch versuchen können, vor dem Irren Karriero wegzulaufen. Er hat sie auch angegriffen… Der Gedanke hat etwas beruhigendes.
Er will sich wirklich bedanken, doch es ist dieser Moment, in dem der Bildschirm sich wieder zu Wort meldet. Langsam macht Rhy sich ein Bild von den Buchstaben, spürt sie in der schweren Masse seines Gehirns herumschwirren, bevor er sie eingefangen bekommt.
„Die Prämisse des Wagens wurde erfüllt. Welche Rune möchtest du erhalten?“
Arna sitzt wahrscheinlich an der Sache!
Das Mädchen starrt die Worte an. Die Augen geweitet.
„Ich verstehe das nicht.“
Mit einem Mal sieht sie wieder aus, wie ein Kind, dem jemand ein viel zu kompliziertes Rätsel gestellt hat. Dabei ist dieses ganz einfach. Rhy hat die Karte gesehen, sie haben darüber gesprochen. Am Ofen war das. Zwei Personen muss der Wagen töten, dann kann er eine Rune erhalten.
Zwei.
„Ich verstehe das nicht“ Die wurde werden beinahe zwischen den schluchzenden Lauten verschluckt. Die Dunkelheit am Rand von Rhys Augenliedern wird mit einem Mal so unglaublich verlockend. Aber langsam wird ihm klar, dass diese für ihn den Tod bedeuten könnte. Phillips Tod.
Ich verstehe es auch nicht, will er sagen und weiß noch nicht einmal mehr, ob es eine Lüge ist. Die Runen, die der Bildschirm inzwischen anbietend darstellt, tanzen vor seinen Augen. Es sind nicht mehr viele. Wahrscheinlich sollte er sie zählen, aber immer wenn er sich versucht, auf eine zu fokussieren, verschwimmen die anderen.
„Du musst eine wählen.“
Er ist sich nicht sicher, ob die Worte seinen Hals überhaupt verlassen haben. Neben ihm die Leiche des Karrieros. Ein paar Schritte entfernt Esca. Warum muss so kurz vor Ende alles den Bach runtergehen? Warum muss es am Ende doch immer eine Katastrophe geben? Egal. Irgendwo da draußen muss Phillip sein. Rhy muss ihn finden. Sie können das hier gemeinsam überstehen.
Rhy sieht, wie auch Arna zu Boden gleitet. Als hätte jemand ihre Fäden getrennt und würde sie nicht immer noch wie Espenlaub zittern, hätte er gedacht, dass sie plötzlich auch gestorben ist. Das sie alle von Anfang an nur zum Tode verurteilt waren und dass die Show jetzt einfach vorbei ist. Der Gedanke ist beinahe beruhigend. Einfach in die stille gleiten. Ist der Tod nicht eigentlich das gleiche, wie ein sehr ruhiges Leben?
Nein. Phillip ist da draußen. Er hat die gleichen Wunden ausgehalten, wie die, die nun Rhys Haut übersehen. Wenn er das gemacht hat, dann kann Rhy das jetzt auch schaffen.
Also konzentriert er sich auf seinen Atem. Auf sein viel zu hektisch schlagendes Herz und wartet, bis aus Arnas Weinen nur noch ein Wimmern wird. Bis sie langsam wieder aufsteht, den Bild wieder dem Bildschirm entgegengewandt. Irgendwie die Kraft aufbringt, den Rücken noch gerade zu halten und Rhy kann sie dafür nur bewundern.
Schließlich deutet sie auf ein Zeichen. Eines das Rhy bekannt vorkommt.
„Welches ist das?“ Die Worte sind leise und genauso rau, wie seine Kehle sich anfühlt. Doch zumindest sind sie gesprochen.
„Wenn Sonne und Mond sich die Hand geben“, ist die Antwort, die Arna ihm gibt. Er nickt nur. Sie haben beide gewusst, dass es darauf hinauslaufen muss. Der dunkle Himmel, der sich über den Wald ausbreitet, spricht eine eigene Sprache. Sie haben bereits versagt.
„Es wäre so einfach gewesen“, flüstert Arna leise. Den Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet, auch als ein kleines Fallschirm mit einem einzelnen Stein entgegensegelt. Bedeutet das, dass sie keine Belohnungen mehr erhalten? Oder bekommt man für eine nicht gemachte Aufgabe auch einfach keine Belohnung? Wieder etwas, wovon er keine Ahnung hat. Weitere Fragen, die ihm durch die Finger rinnen, tausende einzelne Tropfen, in denen er ertrinkt.
Arna hebt das Ding auf. Schweigt und Rhy schließt die Augen mit der einzigen Hoffnung, dass das Ende bald kommt.



◊ Wunjo ◊
Licht. Glück. Freude.
Review schreiben