The Blank Rune

von Herania
MitmachgeschichteAllgemein / P18 Slash
12.03.2018
11.01.2019
12
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Hey ho!

Die Übersicht auf der Website wurde eingeführt. Auf ihr werde ich alle Arks eintragen, wenn es meiner Meinung nach eindeutig ist, wo sie stehen. Teilweise gibt es aber auch weniger eindeutige Zeiten, die man sich aber logisch erschließen kann. Für diese bin ich ein bisschen auf eure Mitarbeit angewiesen. Es gilt also: Wenn ihr das Gefühl habt, zu wissen, wo sich ein nicht eingetragener Zeitark befindet, dann schreibt mir gerne eure Vermutungen (über einem Review bitte nur, wenn auch eine normale Rückmeldung zum Kapitel gemacht wurde.) Wenn ich das Gefühl habe, dass da ein Konsens herrscht (oder einfach jemand sehr genau argumentiert), werde ich dann die entsprechenden Arks auf der Website eintragen.
Außerdem sollte ich vielleicht noch einmal anmerken, dass ich den Satz des Kapitels doch wieder eingefügt habe. Die atmosphärischen Sprüche fand ich zwar hübsch, aber nach drei Kapiteln mit dem Gedanken „Warum habe ich den Satz des Kapitels nicht mehr?“ ist mir aufgefallen, dass ich das einfach ändern kann. Um das Gesamtbild hübscher zu gestalten, werde ich den Satz nach und nach auch bei den alten Kapiteln wieder eintragen.

Viel Vergnügen!
Phi




Andere Ufer

Besitzt hier irgendjemand den Ansatz menschlicher Vernunft?



◊ Lagus ◊
Wasser. Wellen. Gezeiten

Arna weiß, wo sie sich befindet. Jedes Kind hat von der Arena gehört. Fress‘ deinen Salat, sonst kommen die bösen Spielmacher und holen dich! Als würde da irgendwer dran glauben. Wenn man Pech hat, dann hat man Pech. Das ist sie gewohnt, aber dieses Mal geht der Scheiß zu weit. Pech gehabt. Nur dass Arna wirklich keine Lust hat, bei diesem bekackten Spiel mitzumachen. Also bleibt sie liegen. Hält die Augen geschlossen. Was sollen die dagegen tun? Ne Mutation auf sie hetzen? Darum wird sie sich dann kümmern, aber bis dahin wird sie für diese Arschlöcher keinen Finger rühren. Stattdessen schließt sie die Augen und hofft, dass der erste Tag in Ruhe verstreicht.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du stiller sein musst! Was ist –“
„Gott, Brüderchen, wer hat dir denn jemals zugehört? Du redest den ganzen Tag nur dummes Zeug! Das geht da rein und da wieder –“
„Weißt du, wenn du niemandem zuhörst, ist es auch kein Wunder, dass du nicht dazulernst.“
„Wer ist hier der Idiot?“
„Ja, ich sicherlich nicht.“
„Das glaubst auch nur du!“
Arna dreht den Kopf, um zumindest auf dem einen Ohr zu liegen. Die sind doch beide nicht ganz dicht!
„Wenn Brian hier wäre –“
„Gott sei Dank. Das hätte noch gefehlt!“
„Er hätte mich auf Händen getragen!“
Arna stimmt dem entnervten Schnauben zu, das der Andere von sich gibt. Trotzdem öffnet sie eines ihrer Augen. Das mit dem Spiele ignorieren kann sie wohl aufgeben. Das glaubt ihr bei dem Krach keine Sau mehr. Scheiße. Dass diese Idioten ihr die Sache vermiesen müssen!
„Brian wäre schon vor Panik ins Becken gesprungen. Habe ich erwähnt, dass da Haie drin schwimmen?“
„Du hast von nichts Ahnung! Brian würde –“
„Könnt ihr beide die Fresse halten?“
Jetzt hat Arna sich doch aufgesetzt, während sie sich die Schläfen reibt. Zwei andere Menschen haben sich ihr zugewandt. Ein junger Mann und ein Mädchen. Beide in weißer Kleidung und mit einem seltsamen, rot blinkenden Halsband. Das ist dann wohl die Bekleidung der Arena. Die kleine Schnepfe scheint ungefähr in Arnas Alter zu sein. Sie hat ihre eine Hand in die Seite gestemmt, während sie sich mit der anderen durch ihre blonden Löckchen fährt. Als Arnas Blick an ihrem Ohr ankommt, kann sie einen kleinen herzförmigen Ohrstecker erkennen, der im grellen Neonlicht rosa glitzert. Auch ohne den Lärm wäre sie spätestens jetzt zu der Erkenntnis gekommen, dass das Balg vor ihr absolut unertragbar ist. Nicht dass der andere so viel besser wirkt. Das gleiche blonde Haar, das der sich nach hinten gegelt hat. Er wirkt etwas älter, eher so, als würde er bald mit den Ernten durch sein. Irgendso ein versnobter Typ, der wahrscheinlich alles immer besser wissen muss. Aber das haben die beiden ja offenbar gemeinsam.
„Und du bist?“, lächelt die Schnepfe und schwingt ihr Haar dabei in einer fließenden Bewegung nach hinten. Was haben die noch mal gesagt? Dass in dem Becken Haie schwimmen?
„Arna“, grinst sie selbst und gibt sich dabei extra viel Mühe, ihre Zähne zu zeigen. Angewidert tritt die Göre einen Schritt zurück. Der Andere seufzt ein weiteres Mal gequält und fährt sich auch mit der Hand durch die Haare.  
„Und du?“, fährt Arna ihm zugewandt fort. Zumindest fährt der Bengel nicht zurück, als hätte man sie geschlagen.
„Die hat Mundgeruch“, zischt das kleine Drecksding von weiter hinten. Arna schenkt ihr noch ein Grinsen.
„Ich bin Skipio Reynolds aus dem dritten Distrikt“, antwortet der Mann. „Und das ist meine Schwester Lexa.“
„Und was bist du für eine Hinterwäldlerin?“, grinst die dumme Schnepfe, während sie sich immer noch hinter ihrem Bruder versteckt. „Nein, lass mich raten. Bauerstochter? Ziegenmädchen? Du siehst auch wie jemand, der etwas mit Ziegen zu tun hat.“
Arna grunzt auf. Nicht nur weil die Beleidigung so schlecht ist, dass es weh tut. Ziegenmädchen. Sie wurde schon schlimmer bezeichnet, aber das hört man häufig. Wahrscheinlich, weil es der Wahrheit entspricht. Aber das muss man dem Schaf ja nicht sagen.
„Warum? Womit habe ich das verdient“, grummelt der Bruder in Richtung Himmel und dreht sich dann in eine andere Richtung. An der Seite steht ein weiterer Mann, der aber der Gruppe keine Beachtung schenkt und stattdessen direkt auf das Wasser starrt. Noch so ein seltsamer Typ. Arna betrachtet den Raum. Bis auf das Haifischbecken gibt es noch eine kleine Hintertür. Zumindest gibt es Hoffnung, diese Vollpfosten da einfach stehen zu lassen und zu gehen. Das hört sich insgesamt nach einer sehr guten Idee an.
„Der stand da schon, als ich aufgewacht bin“, erklärt Skipio. „Murmelte irgendetwas von der Rache der Spielmacher und der Ironie das Schicksals. Und da dachte ich mir, dass ich mit beidem nichts zu tun haben möchte.“
Arna muss zugeben, das absolut verstehen zu können. Hätte sie auch nicht gewollt.
„Lassen wir ihn stehen“, beschließt auch sie, während das Schaf in der Ecke leise seufzt.
„Er sieht so verträumt aus“, murmelt sie leise und beinahe andächtig.
„Krieg deine Hormone in den Griff!“, wird sie von ihrem Bruder angeschnaubt, worauf sie beginnt, ihn mit wütenden Blicken zu löchern.
„Du hast doch keine Ahnung von… von… Gefühlen!“
„Besitzt du eigentlich auch nur den Ansatz menschlicher Vernunft?“
„Besitzt hier irgendjemand den Ansatz menschlicher Vernunft?“, korrigiert Arna ihn. Auch ihre Augen wandern wieder zum Haifischbecken. Sollte sie diese behinderte Göre da reinwerfen oder gleich selbst springen?
„Hey du!“, jetzt ist Skipio doch auf diesen seltsamen Kerl zugegangen. Wahrscheinlich nur, um den anderen beiden zu entkommen. Arna haucht noch einmal in die Richtung der kleinen niedlichen Lexa, während diese quiekt und mit der Hand vor der Luft wedelt.
„Du bist so widerlich!“, zischt sie noch einmal, hebt dann demonstrativ ihren Schädel und läuft ihren Bruder hinterher.
„Immer gerne“, erwidert Arna und rollt aber hinter dem Rücken der anderen mit den Augen. Kann die eigentlich auch etwas anderes sagen?
„Hey“, wiederholt Skipio, der inzwischen bei dem anderen Mann angekommen ist und nach seiner Schulter greift. Dieser zuckt überrascht zusammen, als er berührt wird.
„Was?“, fragt der Kerl, während er sich zu den anderen dreht. Skipio erstarrt und Lexa schreit ein weiteres Mal auf, sodass nun auch Arna erschrocken zusammenzuckt. Der Mann sieht furchtbar aus, muss sogar sie sich eingestehen. Sein Gesicht ist leicht eingefallen, während die Augen dunkle Ringe zieren. Am auffälligsten ist aber der graurote Fleck. Eine einzige riesige Narbe, die unter der Nase beginnt und sich über die linke Wange Mund und Hals, bis unter das Oberteil zieht. Ein Fleck verstümmelter Haut. Vielleicht aufgerissen, wahrscheinlich verbrannt. Sie ist von seltsamen Schlieren durchzogen, die scheiße schmerzhaft aussehen. Als der Mann leicht mit der Nase rümpft, knittert die Stelle, während der Rest der Haut sich seltsam strafft. Das gesamte Gesicht wirkt verzogen, die rechte Seite kommt einfach nicht mit der Bewegung mit und sein ausdrucksloses Gesicht verzerrt sich zu einer einzigen Grimasse. Auch wenn Arna schon einiges gesehen hat, wird ihr bei dem Anblick schlecht.
„Immer noch verliebt?“, flüstert Arna leise. Falls die Schnepfe sie gehört hat, antwortet sie nicht.
„Wie siehst du denn aus?“, schreit sie tatsächlich. „Hast du denn noch nie etwas von Make-Up gehört?“
Skipio schüttelt nur stumm und mit leicht geöffnetem Mund den Kopf. Der hässliche Mann lacht leise. Dann winkt er mit der Hand ab und entfernt sich ein paar Schritte von dem Becken. Vorsichtig lugt das Mädchen hinein. Tatsächlich schwimmen da irgendwelche Fische unter der Oberfläche, aber sie kann nicht erkennen, worum es sich handelt. Aber sie hat auch noch nie einen Hai gesehen, also würde das auch nicht helfen. Als ob irgendetwas helfen würde. Können die einen wirklich totbeißen? Wahrscheinlich, egal ob da nun Haie oder Heringe drin sind. Das hier sind die Hungerspiele, da tötet einen alles.
„Was ist passiert?“, fragt der Bruder nach, als er sich gefangen hat. So halb gefangen. Dieser Schisser! Seine Stimme ist immer noch gedämpft als er spricht. Ist wohl einer dieser Wichser, die immer profitieren, ohne auch nur einmal im Leben arbeiten zu müssen. Hochnäsige Taugenichtse, allesamt! Denen würden wahrscheinlich noch nicht mal die Haie schmecken, so sehr sind die voll Scheiße!
Der Andere zuckt mit den Schultern.
„Es war ein tragischer Unfall“, antwortet er und sein schales, kleines Lächeln zerrt an seinem Gesicht. Narbenfresse.
„Und was ist die richtige Antwort?“, fragt der Mann und fährt sich noch einmal durch seine dumm gegelten Haare. Narbengesicht schweigt und zuckt stattdessen mit den Schultern. Kurz herrscht eine betretene Stille.
„Also, du solltest das wirklich abdecken“, unterbricht natürlich Lexa den einzigen auch nur halbwegs ertragbaren Augenblick.
„Wenn ich jemals genug Puder dafür finde, werde ich es versuchen“, verspricht der Mann. Arna kneift die Augen zusammen, während sie nach Spuren von Ironie sucht, doch das halbe Grinsen des Mannes ist so verzogen, dass es sowieso nur schrecklich aussieht. Lexa dreht sich schwungvoll um und geht auf die Tür zu.
„Ihr seid wirklich alle furchtbar“, betont sie noch einmal, während sie durch die Tür schreitet.
„So wie es in den Wald schallt, so schallt es auch wieder hinaus“, murmelt Skipio leise, während er die Tür betrachtet und sich dann mit einem eigenen Seufzen darauf zubewegt.
„Es hätte schlimmer kommen können“, merkt die Narbenfresse an.
„Du kennst dich damit aus, wie?“, stichelt Arna. Der Mann zuckt mit den Schultern.
„Noch hat sich niemand umgebracht. Oder etwas angezündet. Das nenne ich einen Erfolg.“
Damit hat er recht. Noch ist sich niemand an die Gurgel gegangen und Arna hat wirklich das Gefühl, jedes Recht dafür zu haben. Doch die kleine Schnepfe hineinzuwerfen, hätte der Bruder wahrscheinlich scheiße gefunden und so gerne Arna auch sein Gesicht gesehen hätte, der Kerl ist doch noch einmal einen Kopf größer. Da kennt sie ihre Grenzen.
Narbenfresse seufzt leise, als das Geschwisterpärchen wieder aus dem Raum auftaucht.
„Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht“, kündigt Skipio an, während Lexa wieder mit den Händen wedelt, als müsse sie etwas aus der Luft vertreiben. Tatsächlich kommt ein recht starker aber guter Geruch aus der Tür. Arna braucht nicht lange, um zu verstehen, dass es in dem Raum geräuchert riecht.
„Die gute Nachricht ist, dass wir versorgt sind“, spricht der Mann weiter.  
„Das hast du gut erkannt“, spottet seine Schwester.
„Wir haben eine recht große Menge an Fleisch in dem anderen Raum. Das scheint eine alte Räucherkammer zu sein“, fährt der Mann unbeirrt fort. „Die schlechte Nachricht ist, dass das hinter der Tür nur ein Lagerraum ist. Wir sind hier eingesperrt.“
Eingesperrt mit denen? Was für Sadisten haben sich das denn ausgedacht?
„Das stimmt so nicht“, erwidert die Narbenfresse und deutet auf das andere Ende des Raumes. Hinter dem Wasserbecken befindet sich eine kleine Leiter und schließlich eine Tür, die aus dem Raum herausführt. Die Kacheln am Boden sind dort weiß gehalten, während sie hier teilweise grau gefärbt ist. Als Arna sie genau betrachtet, kann sie ein Muster erkennen, das sich über den Boden zieht. Eine Botschaft.
„Und wie willst du durch das Wasserbecken mit den offensichtlich hungrigen Mutationen kommen?“
Narbenfresse zuckt mit den Schultern.
„Wir können sie füttern.“
„Klar, dann schwimme doch schon einmal vor“, muss Arna einfach darauf eingehen. Niemand beachtet sie, während Narbenfresse das Becken wieder überlegend betrachtet, der Bruder sich wieder dem Lagerraum zugewandt hat und Lexa sich natürlich durch die Haare fährt und die gesamte Gruppe ohne ein weiteres Wort missmutig betrachtet. Gelangweilt betrachtet sie das Muster, bis sie erkennt, dass es Buchstaben ergibt. Noch so eine beschissene Kleinigkeit. Ein wenig kann sie lesen. Wenn man etwas verkaufen will, ist das wichtig, damit einen niemanden verarscht. Aber gerne tut sie es noch lange nicht. Trotzdem betrachtet sie das Muster auf dem Boden, bis sie an etwas anderem hängen bleibt. Auf Skipios Fuß sind dunkle Linien abgebildet. In einem kleinen Rahmen sind zwei Hunde abgebildet, die gemeinsam den Mond anheulen. Da drüber und drunter sind wieder ein paar ätzende Buchstaben abgebildet. Arna richtet sich wieder auf und betrachtet den Mann. Er wirkt nicht wie jemand, der sich so etwas stechen lässt. Aber wer weiß schon, was in dem Kopf abgeht?
Wahrscheinlich nicht besonders viel.
„Du hast Dreck am Fuß“, beschließt sie den anderen trotzdem Bescheid zu sagen. Und wenn es nur darum geht, ihn ein wenig aufzuziehen. Das ist zumindest eine Beschäftigung, während sie mit diesen Idioten eingesperrt ist.
„Was?“, zuerst reagiert der Mann überrascht, bis der Blick des Mannes zum Fuß wandert. Sofort bilden sich kleine Falten auf seiner Stirn, während er seinen Fuß betrachtet, als wäre dabei, ihm den Sinn des Lebens zu verraten.
„Was hast du denn jetzt schon wieder?“, wird auch nach wenigen Sekunden die kleine Schnepfe auf ihn aufmerksam, bevor sie dem Blick folgt und die schwarzen Linien bemerkt.
„Du hast dir ein Tattoo stechen lassen?“
„Nein das habe ich –“
„Und mir wolltet ihr das verbieten?“
„Lexa –“
„Und dann auch noch auf dem Fuß? Was ist das denn für eine Stelle? Leute mit Geschmack tätowieren sich den Arm!“
„Lexa!“
„Oder den Hintern! Auf alle Fälle –“
„Jetzt halte doch endlich einmal deine… dein… dein verdammtes Mundwerk!“
Skipios Kopf ist hochrot angelaufen und er atmet schwer, während er versucht, seine Schwester mit Blicken zu durchlöchern. Diese kneift die Augen zusammen und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Du… du kannst mich mal!“, brüllt sie dann, während sich die ersten Tränen in bilden und die Wange hinunterlaufen. Dann dreht sie sich mit einer fließenden Bewegung in die andere Richtung und stürmt aus dem Raum. Mit einem lauten Knall schließt sich die Tür zum Lagerraum. Arna spürt wie die Erleichterung sie durchflutet, als das Balg wieder verschwunden ist. Bleiben nur noch die beiden Männer, mit denen man sich abgeben muss. Aber zumindest Narbenfresse scheint ein Gehirn zu besitzen. Oder zumindest muss er seine Dummheit nicht in die Welt schreien.
Skipio betrachtet noch kurz die Tür, bevor er mit der Schulter zuckt und sich wieder seinem Fuß zuwendet. Auch Narbenfresse hat sich darüber gebeugt, auch wenn er ein bisschen nach dem Abstand sucht. Arna beschließt, dass da kein Platz mehr ist, um auf ein dummes Stück Fleisch zu starren.
„Was steht da?“, verlangt sie einfach zu wissen. Sie hat nicht damit gerechnet, dass irgendjemand ihr antwortet, doch Skipio tut es trotzdem.
„Der Mond“, ist die erste Antwort, bevor er innehält. „Es scheint sich um eine Art individuelle Funktion der Spiele zu handeln.
„Aha.“
Was soll das denn heißen?
„Es scheint einen Vorteil und einen Nachteil zu geben. Der Vorteil ist, dass ich einmal am Tag für eine Person die Tagesphase vorzeitig beenden kann. Was auch immer das bedeutet. Die Hypothese, auf die diese Annahme zurückzuführen ist, lautet meiner Meinung nach, dass es eine eindeutige Unterscheidung ausmacht, ob es Tag oder Nacht ist.“
„Das hätte jetzt niemand erwartet.“
Skipio mustert Arna noch einmal, öffnet den Mund und schließt ihn dann wieder, bevor er fortfährt.
„Vielleicht hat das Halsband etwas damit zu tun. Es zählt Sekunden herunter. Allerdings kann das alles bedeuten. Die Tätowierung gibt darüber keine Auskunft.“
„Steht da noch was?“, fragt Arna nach.
„Ja“, antwortet ihr Skipio. „Der Nachteil ist, dass das Licht der Arena ausgeht, sobald ich sterbe.“
„Was dich nicht mehr interessieren muss“, merkt Narbenfresse an. Wieder zuckt Skipio mit den Schultern.
„Tatsächlich scheint es eher, als solltet ihr ein Interesse daran haben, mich am Leben zu lassen“, fügt er mit einem kleinen sehr selbstgefälligen Lächeln hinzu und Arna unterdrückt den Drang, ihm auf die Füße zu kotzen. Da ist immer noch das Haifischbecken und die Frage, wie man hier rauskommt. Später. Falls es dann noch ein später geben wird.
„Im Übrigen“, fährt der Schnösel fort. „gebe ich euch den ernst gemeinten Rat, ebenfalls nach ähnlichen Symbolen zu suchen. Ich bezweifele, dass ich der einzige bin, der eines trägt. Oder zumindest fällt mir kaum ein Grund ein, warum die Spielmacher mich bevorzugen sollten.“
„Kaum einen?“, fragt Narbenfresse nach. Das Lächeln des Mannes wird etwas schmaler.
„Ich wurde ausgesucht“, erklärt er. „Die Spielmacher haben meine Schwester geholt und zwei Stunden später sollte ich dann auch in die Spiele.“
„Ein Babysitter“, stellt Arna fest und erntet dafür einen weiteren wütenden Blick.
„Alleine ist dieses Mädchen ja zu nichts in der Lage“, beschwert der Mann sich trotzdem leise.
Narbenfresse hat sich inzwischen etwas abgewendet und steht an seiner Anfangsposition, um seinen eigenen Körper zu untersuchen. Arna beschließt das gleiche zu tun. Als sie erst einmal Arme und Beine hochschiebt, findet sie direkt über dem linken Knie ihr Zeichen.
„Der Wagen.
Vorteil: Erhält eine Rune nach Wahl, wenn er zwei Tribute tötet.
Nachteil: Stirbt, wenn an einem Tag niemand eine Rune erhält.“
Das sagt erst einmal gar nichts. Was zur Hölle sind Runen? Und was soll es bringen, sie zu bekommen? Zuerst einmal bedeutet es, dass Arna am Leben bleibt, wenn jemand eine kriegt. Und wenn das nicht der Fall ist, dann muss sie zwei Leute töten. Zwei Menschen einfach… töten. Wer hat sich das ausgedacht? Was soll das? Da haben es irgendwelche Arschlöcher aber wirklich eilig! Wie soll Arna das überhaupt anstellen? Sie ist vierzehn! Da kann man vielleicht mal jemanden aus dem Haus verjagen, aber töten? Selbst die Narbenfresse oder eine Bohnenstange wie dieser Skipio könnten sie überwältigen! Die haben ihr noch nicht einmal eine Waffe mitgegeben!
Arna will sich gerade laut beschweren oder zumindest weiter darüber auslassen, dass Skipios Tattoo offensichtlich besser ist, als sie einen wütenden Schrei hört, der von einem lauten Platschen unterbrochen wird. Erschrocken fährt das Mädchen herum und sieht, wie das Narbengesicht sich mit ausgezogenem Shirt über das Wasser gebeugt hat und mit der Faust auf seine eigene Reflektion einschlägt. Das Wasser spritzt ihm in das Gesicht und die Tropfen bilden im Becken kleine Wellen, die sich weiter ausbreiten. Arna will gerade anmerken, dass er seine Hand da lieber nicht reinstecken soll, als der Mann mit einem weiteren lauten Schrei zurückfährt. Ein Angstschrei wahrscheinlich, vielleicht auch ein Schmerzensschrei, als eines der gewaltigen Tiere aus dem Wasser fährt und mit dem Maul nach ihm schnappt. Narbenfresse fährt zurück, kommt aus dem Gleichgewicht und rutscht auf dem nassen Boden aus, während er die Hand so schnell er kann zurückzieht. Nicht schnell genug, denkt Arna zuerst, als das Tier nach dem Mann schnappt, aber gerade noch rechtzeitig entkommt die Hand dem Maul. Als das Maul des Tieres zusammenfährt, erwischt es nur das weiße Oberteil, das der Mann immer noch in der Hand hält. Hunderte weiße Zähne glitzern mit einem Mal im hellen Neonlicht und das kann doch nicht normal sein, die haben die Spielmacher extra scharf gemacht! Die sehen aus wie angespitzt, so etwas hat doch kein Fisch, oder? Arna vertreibt den Gedanken und bemerkt erst, dass sie immer noch mit offenem Mund starrt, als der Fisch zurück in das Wasser gleitet und die Narbenfresse das Shirt loslässt, um nicht mit in das Wasser zu fallen. Stattdessen stolpert er zurück und fällt der Länge nach auf den Hintern. Narbenfresse schreit noch einmal eindeutig vor Schmerzen, als er auf dem Boden aufkommt und Arna kann nicht anders als ein kleines schnaubendes Lachen von sich zu geben. Sofort wendet der gerade Angegriffenen sich ihr zu, aber was soll sie tun? Es sah lustig aus und der soll sich mal nicht so anstellen. Er hat es überlebt.
„Heilige Scheiße“, murmelt Skipio wiederum leise, der sich auch dem Geschehen zugewendet hat. Sein Blick wandert dabei zwischen dem Becken und der Narbenfresse hin und her. Naja. Offenbar hat er die Narben nicht nur im Gesicht. Der gesamte Oberkörper ist mit kleineren und größeren Flecken bedeckt, die genauso verunstaltet aussehen wie das Gesicht. Die Brust ist beinahe eine einzelne Fläche verkümmerter Haut, die linke Schulter hat einen grauen Fleck und Arna versteht mit einem Mal, dass es nicht der Sturz, sondern die plötzliche Bewegung war, die dem Mann solche Schmerzen bereitet hat. Schon jetzt ist die Schulter rot umschlungen, während die blauen Venen klar hervorstechen. Und auf der linken Brust, direkt über den Herzen befinden sich die schwarzen Linien, die die Spielmacher auch bei Arna und Skipio hinterlassen haben. Arna betrachtet sie dieses Mal und versucht, die einzelnen Buchstaben zu entschlüsseln.
„Die Liebenden.
Vorteil: Kann ohne Runen mit dem anderen Liebenden überleben.
Nachteil: Stirbt ein Liebender, stirbt der andere Liebende.“
Arna blickt zu Skipio, der immer noch den anderen Irren anstarrt als sei er das achte Weltwunder. Dann zuckt sie mit den Schultern.
„War doch gar nicht so schlimm.“
Narbenfresse wendet sich wieder ihr zu.
„Was meinst du? Den Hai, meine Narben oder… das da“
Unbeholfen deutet er mit dem Arm auf das Tattoo. Jetzt wo man den gesamten Körper sieht, bemerkt Arna, wie der gesamte Körper sich mit der Bewegung anspannt. Es muss weh tun, sich zu bewegen. Vielleicht könnte sie die Narbenfresse doch töten. Den Bruder ins Wasser stürzen. Das sollte für einen Tag genügen.
Aber womit? Und was dann? Es werden sich ja nicht jeden Tag zwei Menschen zum töten finden lassen. Das hält doch noch nicht einmal ein Karriero durch.
Narbenfresse betrachtet sie immer noch. Er hat inzwischen die Hände vor der Brust verschränkt.
„Alles“, antwortet sie ihm. Er runzelt die Stirn, antwortet allerdings nicht. Arna beschließt, doch etwas konkreter zu werden. „Das mit den Narben sieht kacke aus.“
„Was du nicht sagst.“
„Aber mein Zeichen ist schlimmer.“
Narbenfresse beginnt zu lachen. Es klingt nicht gerade glücklich und langsam beginnt das Mädchen sich zu fragen, ob der Typ versuchen will, den anderen Angst einzujagen. Auf jeden Fall ist er nicht gerade gut darin, oder zumindest hat sie nur das Gefühl, dass der völlig übergeschnappt ist.
„Das kommt darauf an, wer der andere Liebende ist.“
„Und du weißt das?“, fragt nun Skipio nach. Narbenfresse richtet sich auf.
„Ich habe eine Vermutung.“
Bohnenstange öffnet gerade den Mund und will wahrscheinlich fragen, was das denn bitte bedeuten soll, als Lexa wieder in den Raum hineinstürmt. Offenbar hat sie bemerkt, dass es eine bescheuerte Idee ist, die Zeit allein mit Räucherfleisch zu verbringen.
„Wollt ihr etwas Tolles sehen?“, fragt sie die Gruppe.
„Bitte verschone uns“, beginnt ihr Bruder gerade, als das Mädchen mit einem Schwung ihr Oberteil hoch und das Unterteil runter zieht, um ihre blanken Beine zu präsentieren. Narbenfresse stolpert zurück, bis er bemerkt, dass da immer noch ein Haifischbecken hinter ihm ist. Zu seinem eigenen Glück fängt er sich wieder und blickt stattdessen mit hochrotem Kopf in eine andere Richtung.
„Was tust du denn da?“, brüllt Skipio seine kleine Schwester an, während Arna selbst in schallendes Gelächter ausgebrochen ist. Anscheinend hat das Schaf doch manchmal Humor.
„Ich zeige dir mein Tattoo!“
„Du bist vierzehn!“
„Ich kann trotzdem eines haben! Und jetzt können weder du noch Mom es mir verbieten!“
Skipio öffnet den Mund, aber seiner Kehle entkommt nur ein kleines heiseres Quieken. Arna lacht noch ein bisschen lauter.
„Wo bin ich hier gelandet?“, stellt Narbenfresse eine sehr berechtigte Frage.
„Dann lass mich sehen und um Gottes willen, zieh zumindest dein Oberteil wieder über den Hintern!“
„Ich habe nichts zu verbergen!“
„Das glaube ich dir.“
Lexa zieht einen Schmollmund, während sie ihren Bruder wieder wütend mustert und das Oberteil tatsächlich etwas senkt, sodass nur noch der obere Teil des Oberschenkels gemeinsam mit der Tätowierung herausragt.
„Das war ein Witz, weißt du? Weißt du, was das ist?“, mault sie, während der Bruder die Linien mustert und schließlich seiner Schwester wieder die Hose hochzieht.
„Was steht da?“, fragt Arna ihn. Der Mann zögert und blickt Lexa fragend an. Diese grinst die anderen herausfordernd an.
„Ich bin die Welt“, posaunt sie schließlich durch den gesamten Raum. Dieses Mal ist es die Narbenfresse, die zu lachen beginnt. Lexa gibt ein kleines Schnauben von sich, fährt aber trotzdem fort.
„Ich kann nach einer Karte der Arena fragen. Mein Nachteil ist… äh…“
Skipio beendet den Satz:
„Du kannst nur mit Runen gewinnen.“
„Genau. Runen waren es“, murmelt sie. Mit einem Mal sieht das Mädchen etwas ernster aus, doch sie fängt sich schnell. „Keine Ahnung, was das bedeutet“, lächelt sie. „Aber es klingt cool.“
„Also kommt man mit den Runen hier irgendwie raus“, murmelt Arna leise. Noch ein Grund, jemanden schnell zu töten. Vielleicht muss man eine bestimmte Anzahl haben und kommt dann hier weg. Es wäre hier gar nicht so schwer. Einfach jemanden ins Becken stoßen. Narbenfresse steht nur wenige Schritte entfernt. Und an ihm hängt ein weiteres Leben. Bedeutet das dann, zwei Tribute getötet zu haben?
Eine Weile lang herrscht Stille.
"Und wieso hast du bitte nichts an?", spricht Lexa schließlich die Narbenfresse an und klingt dabei so vorwurfsvoll, dass Arna nicht anders kann, als noch einmal leise aufzulachen.
"Ich trage eine Hose", verteidigt sich der Andere. Er hat immer noch seine Arme vor der Brust verschränkt.
"Du weißt genau, was ich meine."
"Und du hast dich auch gerade ausgezogen. Was meinst, du warum, ich es getan habe?"
Der Blick des Schafs fällt kurz auf die Tätowierung, bevor sie den Mann noch einmal in aller Länge mustert.
"Kannst du dich wieder anziehen? Das ist wirklich hässlich, muss man schon sagen."
„Was hast du eigentlich für ein Symbol?“, unterbricht Skipio mustert Arna dabei. Diese hört Lexa leise schnauben, während sie den Blick ihres Bruders erwidert.
„Was geht es dich an?“
Der Mann runzelt die Stirn.
„Das klingt nicht gerade vertrauenswürdig.“
Arna grinst noch ein kleines bisschen breiter.
„Tut es nicht“, stimmt sie zu.
Skipio mustert sie noch ein paar Sekunden weiter, bevor er sich wieder abwendet. Richtig so. Auch ihn könnte Arna sicher in einen unbeobachteten Moment erwischen.
„Wie dem auch sei“, fährt er fort. „Ich schlage vor, dass wir uns damit beschäftigen, diesen Raum zu verlassen und für diese Zeitdauer einen Waffenstillstand vereinbaren. Denn ich für meinen Teil gedenke nicht, hier zu versauern.“
„Warum nicht?“, fragt Arna ohne es wirklich zu meinen. „Wir haben Wasser und Nahrung. Wir sind versorgt.“
„Ich nehme an, dass die Haie das anders sehen werden“, erinnert Narbenfresse.
Spielverderber.
Skipio seufzt noch einmal betont laut.
„Also ich für meinen Teil habe vor, so wenig Zeit wie nur möglich in dieser Konstellation zu verbringen. Ich nehme an, dass das in aller Interesse ist.“
„Also ich gehe, sobald ich die Möglichkeit habe!“, kündigt auch Lexa an. „Mit dem da halte ich es nicht länger als nötig aus.“
Mit diesen Worten zeigt sie auf ihren Bruder, der wieder seinen Scheißmund öffnet und das nicht so stehen lassen kann.
„Könnt ihr nicht einfach alle die Fresse halten?“, wird er von dem Narbengesicht unterbrochen. Als hätte man von dem etwas anständiges zu hören bekommen.
Arna beschließt, die anderen zu ignorieren und sich noch einmal genauer umzusehen. Da sind ja noch die andersfarbigen Kacheln. Auf der anderen Seite des Raumes ist ein kleiner Bildschirm befestigt. Ansonsten ist es ziemlich leer, aber durch ein Becken aggressiver Fische zu schwimmen, klingt nach einer wirklich beschissenen Idee. Aber rauskommen… das hier ist eine Gelegenheit, das versteht Arna. Sie braucht eine dieser seltsamen Runen und bisher hat sie nur eine Idee, wie sie an eine kommen kann. Wie viel Zeit hat sie noch? Skipio meinte, dass das mit den Halsbändern zu tun haben könnte. Vorsichtig schielt sie auf Lexas Hals. Noch fünf Stunden. Und ansonsten kann es sie selbst treffen. Trotzdem. Jemanden umbringen. Das ist schaffbar aber… selbst für ihre Verhältnisse etwas extrem. Auch ihre Mutter hat das immer gesagt.
„Jage sie aus den Haus! Drohe ihnen! Aber niemanden töten, das gibt Ärger.“
Ärger. Den hat Arna jetzt schon. Und als sie noch einen Blick auf die anderen Idioten wirft, bekommt sie das Gefühl, dass sich das auch nicht so bald ändern wird.




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@Borras: Arna ist ein… Schätzchen. Ich mag sie sehr gerne, aber diese Sicht war bisher eine der schwierigsten für mich. Was zum Teil daran liegt, dass ihre Art zu Sprechen und mein Schreibstil eine etwas seltsame Kombination sind. Ich hoffe, es gefällt dir so, wie es geworden ist. (Und wundere dich nicht, deine andere Figur kommt noch. Nur eben jetzt noch nicht.)

@Lumey: Lexa in der Geschichte zu haben, bereitet mir ein tierisches Vergnügen und sie bringt noch einmal eine ganz andere Atmosphäre in die Geschichte. Ich hoffe du freust dich auch über Skipio. Ich gebe zu, ich hatte den Platz reserviert, seitdem du mir das Konzept genannt hast und habe ihn dann am Ende mitgenommen, auch wenn meine Hoffnungen sich da nicht ganz erfüllt haben. Dafür musste ich recht lange überlegen, ob es ihn oder Brian trifft. (Aber ich glaube, mit Brian wäre Arna wirklich durchgedreht.)
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