The Blank Rune

von Herania
MitmachgeschichteAllgemein / P18 Slash
12.03.2018
25.06.2019
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Ins Unbekannte

Neues Licht mit neuem Schatten. Ein Aufbruch, eine Reise und ein Verweilen in der Bewegung.



Pan hört die Schritte, die die anderen machen. Sie scheinen sich alle um einen bestimmten Punkt zu scharren. Wo genau sie sich befinden, kann er nicht sagen. Also bleibt er, wo er ist. Das verhindert, aus Versehen in jemanden hineinzulaufen und die Person zu berühren. So etwas könnte jetzt wirklich keiner mehr ertragen. Pan hat nicht gesehen, was sie mit Oxyll gemacht haben. Zumindest das ist ihm Gott sei Dank erspart geblieben. Doch er hat es gehört. Er hat ihn schreien gehört. Schrill. Animalisch. Verzweifelt. Er hat gehört, wie er den Schmerz herausgeschrien hat, er hat gehört, wie die Schreie leiser wurden und wie die Stimme nachgab, weil da einfach keine Kraft mehr war. Er hat das Sägen gehört, als es fast leise war und dann hat Fatima geschrien, um es irgendwie zu übertönen. Und dann war da nur noch ihr Weinen und schließlich… Stille. Auch jetzt hallt sie immer noch in seinen Ohren nach, weiter und weiter, auch wenn schon Stunden vergangen sind. Auch wenn Oxyll inzwischen wieder wach ist und es weitergehen kann und irgendwie muss man sich arrangieren, aber wie? Wie? Er wird es noch hören, es wird ihn verfolgen, bis in die tiefsten Träume hinein. Das weiß er. Das spürt er unter seinen offenen Liedern, das summt in seinem Schädel. Das kriegt er da nicht mehr raus.
„Wir haben zwei Möglichkeiten, um den Raum zu verlassen.“
Aber noch halten sie sich alle und finden irgendwie die Kraft, weiterzumachen. Sich an etwas festzuklammern, was auch immer es ist. Pan kann nicht anders, al ein bisschen stolz für diese völlig fremden Menschen zu empfinden. Er selbst würde sich doch auch gerne verkriechen. Er hätte es verstanden, wenn sie es alle getan hätte. Vielleicht hätte man dann auch selbst nachgeben können. Doch das wäre ein fataler Fehler und einen, den er hier nicht begehen muss. Es ist ein wenig, als würde man einem Engel zuhören. Einen, der einen anschreit, dass man das Leben doch wertschätzen sollte. Immer. Darauf kommt es doch an.
„Also. Als Oxyll und… und ich wach waren, lag da in der Mitte des Raumes ein Zettel“, erklärt Finneas und Pan hört, wie die Rede durch das leise Rascheln von Papier durchbrochen wird. Wahrscheinlich zeigt der Mann den anderen gerade seinen Beweis.
„Könntest du vorlesen?“, fragt er in die Richtung, in der er die Gruppe vermutet. Wer ist auch auf die Idee gekommen, einen Tribut einfach erblinde zu lassen? Völlig hilflos zu machen. Und dann die Aufgabe mit den Richtsprüchen. Diese scheiß Urteile, die er abgibt. Den Regeln nach. Hätte Oxyll nicht nach ihm gegriffen, hätte er das auch nicht gemacht. Oder? Pan weiß es nicht.
„Oder wir lassen das wieder Copper machen. Der hat damit Übung.“
Egal. Er kann es nicht mehr ändern. Das war ein Rückschlag, aber damit muss man jetzt umgehen. Irgendwie. Das ist es immer wert.
„Glaubst du“, beginnt der aggressive Einser, wie er es immer tut, bricht dann aber doch ab. „Ihr wollt mich doch nur verarschen“, brummt er, doch es fehlt der übliche Biss in der Stimme.
„Soll ich dann?“, fragt Finneas, bevor er einfach damit beginnt:

„Ingwuz. Verlasst den Ausnüchterungskomplex.“

An dieser Stelle bricht der Mann noch einmal ab, während wieder kurzes Rascheln zu hören ist.
„Dann ist da eine längere Anleitung auf der Rückseite. Ich lese wieder vor.“
Noch eine Anleitung. Hoffentlich führt es dieses Mal nichts in das absolute Verderben. Oxyll und Finneas klangen zuvor ganz zuversichtlich, doch jetzt ist die Situation wieder angespannt.
„Der Ausnüchterungskomplex besteht aus mehreren Zellen, die aneinandergereiht sind. Jede einzelne Zelle ist durch zwei Türen zu verlassen. Die linke führt immer aus dem Bereich hinaus und beendet erfolgreich die Aufgabe.“
Das klingt doch nett. Zu nett, um keinen Haken zu haben.
„Die Tür öffnet sich allerdings nur, wenn die Bedingung der jeweiligen Zelle erfüllt ist. Diese wird jedes Mal beim Betreten oder Aufwachen im Raum auf einem der Bildschirme abgebildet. Die rechte Tür lässt sich immer durchqueren, aber wohin sie führt, ist unbekannt. Es muss sich für eine Tür entschieden werden. Wird eine geöffnet, bleibt die andere dauerhaft verschlossen.“
Kurz erfüllt Stille den Raum. Jemand seufzt leise.
„Aufgaben in Aufgaben“, murmelt Pan, was er denkt. „Wann nimmt das ein Ende?“
„Dieses Mal ist es nicht so schlimm.“
Oxylls Stimme, bemerkt Pan überrascht. Er klingt so schwach, wie man es wohl erwarten sollte. Er ist Heiser. Als würde das Wort jeden Augenblick wegbrechen und mit ihm auch sein Sprecher. Aber er redet. Alleine das beruhigt den anderen.
„Worum geht es?“, fragt Pan selber nach und rechnet trotz des Einwandes vom Herrscher mit dem Schlimmsten. Was bedeutet ‚nicht so schlimm‘ schon bei einer Person, die gerade den Arm verloren hat.
Finneas seufzt laut und betont.
„Die Aufforderung lautet, dass alle Tribute im Raum den anderen ihre Karte zeigen sollen.“
Das klingt… tatsächlich sehr harmlos.
„Keine Chance!“, ist es aber Copper, der dem widerspricht. „Das mache ich nicht.“
„Was?“ Oxyll klingt verwirrt. Zurecht. Das soll jetzt ein Problem sein? Warum das Risiko eingehen, eine weitere Aufgabe annehmen zu müssen?
„Ihr wollt mich doch verarschen!“, brüllt der Mann noch einmal seinen Lieblingssatz.
„Wenn er die Karte nicht zeigen will, dann kann das einen guten Grund haben“, wendet Fatima ein. „Manche Karten kann man nicht einfach so zeigen.“
„Ich habe auch nicht den Drang, zu zeigen, was ich habe“, fügt Finneas hinzu. „Wenn Copper also nicht bereit ist, seine Karte zu zeigen, werde ich es auch nicht tun.“
„Immer die Schuld auf jemand anderen schieben“, murmelt Pan.
„Du bist da fein raus“, entgegnet der Zehner. „Deine Karte kennt jeder. Um genauer zu sein, hätten wir viel früher herausfinden sollen, worum es sich handelt.“
Man kann aber auch wirklich unter die Gürtellinie treten.
„Und bei dir ist das natürlich etwas anderes.“
„Anscheinend.“
Pan schnaubt leise.
„Jedenfalls zeige ich meine Karte nicht. Und ihr könnt ja versuchen, mich zu zwingen, wenn ihr euch traut“, unterbricht Copper den Wortwechsel, bevor er zu einem wirklichen Streit ausarten kann. Kurz darauf hört Pan Fußschritte und eine der Türen öffnet sich. Anscheinend hat niemand den Drang, den Karriero aufzuhalten. Oder die Kraft.
„Und wie soll ich jetzt durch die Tür kommen?“, fragt er in die Dunkelheit hinein. Ewige Finsternis. Werden die Spielmacher ihm sein Augenlicht wiedergeben, wenn er es aus den Spielen schafft? Falls er es schafft. Erblindet durch die Arena. Das ist doch völlig unmöglich. Aber einfach aufgeben und sterben? Das geht nicht. Das tut man nicht. Irgendwie kann es gehen. Irgendwie geht es immer, würde sein Vater sagen. Sein großartiger Vater, der sich kaum bewegen kann und trotzdem weitermacht. Auch er gibt nicht auf, also wird Pan es auch nicht tun. Er muss zurückkommen. Ob mit Augenlicht oder ohne.
„Folge einfach erst einmal meiner Stimme“, hört er Finneas aus der Ferne. „Du kannst ruhig direkt darauf zugehen. Ich sage dir Bescheid, wenn du zur Seite treten oder stehenbleiben musst.“
Pan nickt, was sich irgendwie seltsam anfühlt, ohne zu sehen.
„In Ordnung“, fügt er deswegen noch hinzu.
„Dann lass uns beginnen. Weiter nach vorne. Noch weiter. Du kannst wirklich einfach der Stimme folgen, ich sage schon Bescheid, wenn es anders aussieht.“
„Haha… aussieht“, murmelt Pan, folgt aber den Anweisungen des Anderen, bis er die Tür hinter sich zufallen hört. Sofort setzt er sich auf den Boden. Er ist genauso weich wie der Letzte.
„Wie sieht der Raum aus?“, fragt er die Anderen.
„Genau wie der Letzte“, ist es wieder der Zehner, der mit ihm redet. „Gepolsterter Raum mit zwei Türen. Scheint genau das gleiche Verfahren zu sein.“ Alle anderen schweigen. Nach der… der Sache mit Oxyll ist es stiller geworden. Fatima redet nur noch, wenn sie wirklich etwas zu sagen hat und ihre Stimme ist dabei so… bitter. Es ist traurig, sie zu hören, nachdem sie vorher so standfest klang. Copper kann offenbar nur genervt oder aggressiv sein und die Sache mit Coal ist ja wohl nur ein einziger schlechter Scherz. Pan hat mit jedem Schritt Angst, gegen den stummen Mann zu stoßen und dann… dann was? Ihm eine weitere unerträgliche Strafe aufhalsen? Zum Tode verurteilen? Pan will es gerade wirklich nicht herausfinden.
„Haben wir wieder eine Bedingung?“, fragt der Zehner nach.
„Ja“, antwortet ihm Copper. „Zwei Tribute verzichten auf ihre Vorteile.“
Das klingt schon wesentlich problematischer. Aber natürlich müssen die Aufgaben schwieriger werden. Trotzdem. Es scheint ertragbar und dieses Mal verliert niemand ein Körperteil.
„Also ich habe kein Problem damit, meinen Vorteil loszuwerden“, lächelt Pan traurig.
„Wehe dir“, hört man Oxyll zischen. Natürlich geht es nicht. Wenn Pan niemandem mehr den Richtspruch geben kann, sind sie an der Aufgabe gescheitert. Dann hat Oxyll das zweite Urteil ganz ohne Grund auf sich genommen. Das geht nicht. Das kann niemand zulassen.
„Wenn jemand den letzten Richtspruch auf sich nimmt, können wir den Vorteil loswerden“, erinnert Finneas.
„Freiwillige vor“, erwidert der Mann aus dem fünften Distrikt. Der Typ hat sie doch nicht mehr alle! Das ist gerade das letzte, was irgendjemand auf sich nimmt.
„Ich würde es tun.“
Fatimas Stimme.
„Nein“, antwortet Pan ihr einfach.
„Aber wer dann? Ich will… nicht noch einmal. Nie wieder. Lieber… Lieber werde ich…“
Die Frau verstummt. Jemand schnalzt leise und missbilligend mit der Zunge.
„Du stehst unter Stress“, erinnert Finneas. „Diese Entscheidung ist unbedacht.“
„Und ich erlaube es nicht“, ist es dieses Mal Pan, der versucht, die Diskussion mit möglichst viel Nachdruck zu beenden. Die Frau ist völlig fertig. Und die kann doch nicht so einfach ihr Leben wegwerfen wollen! Und darauf läuft es doch hinaus. Das mit dem Arm kann man schon nicht so einfach wegstecken. Der dritte Spruch. Pan wird ihn irgendwann geben müssen. Und selbst wenn jemand nach ihm greift, bleibt es immer noch seine Schuld.
„Wer bleibt? Wir brauchen Pans Vorteil“, beschließt der neue Anführer. Der Vize beschließt Pan ihn zu nennen. Oxyll ist ja noch nicht tot. „Und meinen gebe ich nicht her.“
„Natürlich tust du das nicht“, spottet Copper.
„Und was ist mit dir?“, fragt der Vize nach.
Kurz herrscht Stille.
„Mir egal“, antwortet er.
„Fehlt nur noch einer“, murmelt Oxyll. „Meinen behalte ich“, fügt er schnell hinzu. Finneas seufzt betont laut.
„Er ist nicht unbedingt notwendig.“
„Aber…“
„Aber Oxyll hat wirklich genug gegeben“, beendet Pan den Satz, bevor der Herrscher eine noch dümmere Begründung findet. Was denkt diese Finneas sich eigentlich? Pan hat es wirklich nicht erwartet, aber langsam beginnt er zu hoffen, dass Oxyll bald wieder das Ruder an sich reißen kann. Das war irgendwie angenehmer.
„Wer kann dann seinen Vorteil entbehren? Fatima und Coal besitzen wertvolle Informationen. Pan und ich können unseren nicht abgeben.“
„Ach, jetzt kannst du das nicht?“
Wer glaubt dem das eigentlich?
„Es wäre eine schlechte Idee. Auf alle Fälle bleiben nur noch Copper und Oxyll.“
„Und wenn wir weitergehen“, beginnt Pan.
„Und noch einmal riskieren, dass es schlimmer wird?“
Nein. Das will niemand. Trotzdem hat keiner eine Antwort. Oxyll sägt sich vielleicht den Arm ab, aber auf seinen Vorteil verzichtet er nicht. Manche Menschen haben eben seltsame Prioritäten.
„Ich nehme den Richtspruch“, wiederholt Fatima. Sie klingt näher. Zu nah. Pan versucht aufzustehen, stattdessen verschätzt er sich mit der Nähe zum Boden und knickt wieder zur Seite. Warum hat er sich nicht an die Wand gesetzt? Daran kann man sich zumindest orientieren.
„Nein!“, versucht er sie noch einmal zu überzeugen. Nicht noch einmal zu überzeugen. Nicht noch einmal! Kein weiterer Richtspruch. Nicht hier und jetzt. Bitte bitte nicht! Pan kann das nicht noch einmal aushalten! Nicht die Schreie und nicht die Stille.
„Wir können auch weitergehen. Das kann doch nicht schlimmer werden als… als das hier!“
„Und dann? Und dann?“, schreit die Frau und sie klingt nah, verdammt nah! Pan kriecht nach hinten und betet, dass da niemand hinter ihm steht. Aber das kann er nicht zulassen. Das ist Selbstmord! Damit will er nichts zu tun haben!
Aber was soll er dagegen tun?
„Wir müssen das doch eh tun“, fährt Fatima fort und jetzt spürt Pan die Wand hinter sich. „Warum es hinauszögern? Warum nicht einfach selbst gehen. Ich… nicht noch einmal… Nicht noch –“
„Wir gehen weiter!“
Pan zuckt zusammen, als Oxyll durch den Raum brüllt. Kurz darauf hört Pan ihn keuchen und dann leise wimmern, bis etwas sanft auf dem Boden aufschlägt. Nur ein leises fernes Geräusch, das trotzdem durch Mark und Bein geht. Ein Würgen. Ein Schniefen. Was genau geschieht da? Wie geht es Oxyll? Wo ist Fatima?
„Scheiße“, hört er den Vize sprechen. Dann Schritte, mehrere in Oxylls Richtung, dann in seine und wo ist Fatima?
„Was passiert hier?“
„Oxyll ist umgekippt“, antwortet Copper nicht gerade hilfreich aus der sicheren Distanz. Wo ist Fatima?
Töne in der Nähe. Es ist Coal, der eine kleine Melodie summt, während er sich weiter entfernt. Wie viele Schritte sind es? Auf dem weichen Boden sind sie so verdammt schwer zu hören.
„Und was dann?“ Fatimas Stimme klingt entfernter. In Tränen getränkt. Niemand kann mehr. Niemand. Aber wenn sie jetzt stehen bleiben… wer weiß, was dann passiert.
„Wir gehen weiter“, wiederholt Oxyll. Er ist aus den wenigen Metern Distanz kaum zu hören. „Wir müssen den Spruch klären. Aber nicht jetzt. Jetzt sind wir in dieser verdammten Aufgabe.“
„Und riskieren, dass es schlimmer wird“, fasst Finneas zusammen und Pan bekommt den Drang, diesen Mann zu schlagen. Richtspruch hin oder her.
„Unbekannt“, ist das Wort, das der Herrscher spricht. Die Stimme bricht weg.
„Wir gehen weiter“, murmelt er schließlich leise und müde. „Irgendwann muss es ja enden.“
„Ja, aber worin?“, fragt Finneas nach und mit einem Mal klingt er nur noch hilflos. Er hat Angst, wird Pan plötzlich klar. Er hat Angst vor der Frage, wie es weitergeht. Er will hier raus. Und es ist die sinnvollste Idee. Oxyll den Vorteil zu nehmen oder einfach die Sprüche hier und jetzt zu beenden. Sinnvoll und dumm. Noch stehen sie. So halb.
„Wie schlimm kann es noch werden?“, fragt er also mit halbem Lächeln, was allen in den Köpfen spukt.
„Fordere die da oben nicht heraus“, warnt Copper.
„Unbekannt“, murmelt Fatima leise. „Unbekannt…“
Sie klingt etwas weniger verzweifelt. Tonlos. Heiser. Aber nicht mehr ganz so überzeugt, sich das Leben zu nehmen. Das wird momentan reichen müssen. „Finn, würdest du –“
„Finjas“, wird sie unterbrochen. Fatima stockt, spricht dann aber weiter. Wer hat auch gerade die Nerven, sich um diesen wirklich seltsamen Mann zu kümmern? Ganz ehrlich, wie soll man den jetzt nennen? „Finjas, könntest du mir die Regeln noch einmal geben?“
„Das kann ich machen“, antwortet der Zehner. Kurz darauf herrscht angestrengtes Schweigen, das nur von Coals leisem Schnalzen durchbrochen wird. Noch einer, der die Stille wirklich nicht mehr erträgt.
„Das hier ist gar keine Opferung“, murmelt Fatima leise. „Es ist ein Test.“
„Ein Test?“, wiederholt Copper.
„Oder ein Rätsel. Hier in der Aufgabe. Das Ziel ist, die Ausnüchterungszelle zu verlassen. Jede Zelle bietet zwei Türen. Solange wir in der Aufgabe sind, können wir weitergehen.“
„Ja. Und?“
Unbekannt. Das haben sie gesagt.
„Sobald wir keine Wahl haben, sind wir aus der Aufgabe“, schlussfolgert Pan. „Sobald sie die Strategie ändern wollen, haben wir bestanden. Sie können uns nicht ewig durch diese Kammern jagen und der Inhalt der anderen Seite ist unbekannt. Er kann nach draußen führen.“
„Das ist eine Herausforderung an das Kapitol“, knurrt Copper. In seiner Stimme schwingt berechtigter Zweifel mit. Ist es wirklich klug, die Götter der Arena herauszufordern? Nein, ist es nicht. Aber man muss es ja nicht so verkaufen.
„Es ist keine Herausforderung, hat Fatima doch schon gesagt. Es ist ein Rätsel.“
Die Frau widerspricht ihm nicht.
„Und dann ist da eine Mutation nach der Aufgabe und wir sterben“, grummelt der Einer weiter.
„Wir müssen ja nicht blind durchrennen“, verteidigt Pan. „Also, ihr müsst nicht blind durch. Wenn eine Bedingung in Ordnung wirkt, dann nehmen wir sie. Aber wir sollten die Möglichkeit doch wenigstens bedenken.“
Komm schon, will Pan die anderen anschreien. Es geht doch nur darum, diesen einen Raum zu verlassen. Sollte dafür nicht jeder Grund gut genug sein?
„Also gut“, murmelt der Vize gerade noch hörbar. „Dann weiter. Hier einigen wir uns heute ja nicht mehr.“
Es bleibt eine Weile still, bis erste leise Schritte auf dem weichen Boden zu hören sind. Und endlich. Endlich geht die Tür auf. Pan wartet und lässt die anderen vorangehen. Dabei versucht er so genau er kann auf die Schritte zu hören. Wenn Fatima etwas tun will, ist das hier die letzte Gelegenheit, bevor es wieder kein Zurück mehr gibt. Vielleicht geht der neue Plan ja auf.
Hoffentlich geht er auf.
„Kommst du?“, fragt der Zehner nach und Pan atmet erleichtert auf.
„Bereit, wenn du es bist.“
Vorsichtig folgt er der Stimme des Anderen in den nächsten Raum hinein. Der Mann spricht klar und deutlich zu dem anderen. Er wirkt so verdammt ruhig. Er hat doch gesehen, wie sie Oxyll den Arm abgesägt haben. Er hat es gesehen! Wie kann er da noch so entspannt bleiben? Wie ruhig ist er wirklich, wenn er allen Ernstes in Erwägung ziehen konnte, jemanden zu opfern, um nicht in die nächste Aufgabe zu müssen?
„Worum geht es dieses Mal?“, fragt Pan. Es ist Fatima, die ihm antwortet.
„Zwei Tribute erklären sich bereit, einen weiteren Nachteil anzunehmen. Der Nachteil wird von außen entschieden und ist identisch mit dem Nachteil eines anderen Tributs im Raum.“
Wieder bleibt es zuerst still, während jeder über das neue Angebot nachdenkt.
„Unannehmbar“, spricht der Zehner schließlich aus, was alle denken. „Anscheinend werden wir das mit dem Durchgehen ausprobieren müssen.“
„Und beten, dass die uns gehen lassen“, fügt Copper hinzu.
„Sollen wir das nicht noch einmal durchgehen?“, fragt Pan.
„Mein Nachteil ist scheiße!“, beeilt Copper sich zu sagen. „Scheiß Karte! Glaubt mir, den wollt ihr nicht.“
„Na ganz klasse“, murmelt Oxyll leise und tonlos. „Hat hier irgendjemand eine gute Karte?“
Pan beschließt, ihn nicht darauf hinzuweisen, dass seine eigene gar nicht übel ist. Zumindest hat ihm niemand das Augenlicht genommen. Sein Schicksal hat er sich selbst zuzuschreiben. Und Pan selbst. Der Gerechtigkeit. In der Arena gibt es keine Gerechtigkeit.
„Also irgendwer würde riskieren, erblindet zu werden“, grinst er. Das ist doch bescheuert. Wie sollte das irgendjemand annehmen?
„Und wie soll das überhaupt bei Fatimas Nachteil funktionieren?“, fügt der Zehner hinzu. Am Ende muss der Scheiß noch zwei Mal durchgeführt werden. Das wäre ein Desaster.
„Dann weiter“, drängt Pan die Gruppe nach vorne und hört, wie die anderen sich bewegen. Seltsam, jetzt wo die Aufgabe schwerer ist, geht alles wieder leichter.
Aber erst einmal wieder durch den Raum. Beim dritten Mal geht es ein wenig schneller, doch dem Mann schlägt das Herz mit jedem Schritt bis zum Hals. Ein Fehltritt. Eine verdammte Person, die nicht rechtzeitig ausweicht.
„Worum geht es dieses Mal?“, fragt er, bevor er den Raum überhaupt erreicht hat. Wahrscheinlich ist es wieder nur eine weitere Grausamkeit, bevor es weitergeht.
„Ich schaue gleich nach“, verspricht der Vize, während er den Mann leitet. Schließlich schließt sich die Tür. „Dieses Mal geht es um die Aufgabe“, kündigt er an.
„Wenn ihr durch die linke Tür geht, werden drei Aufgaben ausgewählt. Alle drei Aufgaben müssen von den Tributen zwei Mal durchgeführt werden, bevor die Rune erhalten werden kann.“
Sofort ist das Rascheln von Stoff zu hören. Passiert gerade etwas Wichtiges? Geht es Oxyll gut?
„Coal scheint da sehr gegen zu sein“, erklärt Copper.
„Natürlich ist das eine schlechte Idee“, stimmt der Zehner zu. „Alleine die Möglichkeit, dass es noch einmal an die Richtsprüche geht…“
„Oder wir diese Aufgabe noch einmal machen müssen“, fügt Pan hinzu. „Damit sich die ganze Sache richtig gelohnt hat.“
„Wir sollten aufhören, die Spielmacher auf dumme Gedanken zu bringen“, murmelt Oxyll.
„Kannst du noch?“, fragt Pan ihn.
Ein leises Lachen ist die Antwort.
„Was gibt es denn für Aufgaben?“, fragt Nummero Zehn nach. „Wir haben das Ding bei uns gefunden und ich habe die Sache mit dem Gericht. Gibt es da noch andere Leute, die einen Zettel haben?“
„Wenn die mir so ein scheiß Stück Papier gegeben haben“, murmelt Pan und stockt, als er tatsächlich etwas zwischen seinen Fingern findet. Super. Die haben dem Blinden wirklich etwas zum Lesen gegeben. Wie witzig. Das Publikum lacht sich sicher kaputt.
Mit einem genervten Schnauben wirft Pan den Zettel so weit er kann von sich.
„Vorsicht, ich hole den Zettel“, warnt der Zehner. „Er ist dir vor die Füße gefallen.“
„Natürlich ist er das“, seufzt Pan, während er betont darauf achtet, sich keinen Zentimeter zu bewegen.
„Liest du ihn vor?“, fragt er, während er es leise unter sich rascheln hört.
„Gleich“, murmelt der Mann aus der Nähe und Pan spürt den Luftzug, als der Andere sich wieder aufrichtet. Instinktiv klammert er sich noch stärker an der Wand fest. Sie gibt leicht nach, als er sich in sie hineindrückt.
Aus sicherer Distanz beginnt der Vize vorzulesen.

„Daggaz. Findet den Teufel unter euch.“

„Den Teufel?“, fragt Pan nach. Was soll das denn bedeuten? Dass es einen Spion gibt? Haben die Spielmacher eine Mutation erschaffen?
„Das ist eine Karte“, erklärt Fatima mit ihrer neuen tonlosen Stimme.
„Was für eine?“, fragt der Zehner nach. Die Frau bleibt einige Sekunden still.
„Lasst uns weitergehen“, antwortet sie schließlich. „Oder hat noch jemand anderes eine Aufgabe?“
Niemand antwortet.
„Copper?“
„Sehe ich so aus?“, brüllt der Mann unerwartet laut. Pan reibt sich gespielt pikiert das Ohr.
„Also noch ein Raum. Hat irgendjemand Lust, Pan zu führen?“
„Ich muss doch eh alles machen“, stellt der Einser sich zur Verfügung.
„Oh, das wird lustig“, murmelt Pan, versucht aber gar nicht erst, wirklich bissig zu klingen. Dieser Copper scheint eigentlich ganz in Ordnung zu sein, wenn er einem nicht gerade mit der Faust droht. Trotzdem kann Pan sich nicht vorstellen, von dem anderen geschlagen zu werde. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er überhaupt kein Bild von dem Mann hat. Raue Stimme, spricht wütend… Aber sonst?
„Also. Kommst du jetzt?“
„Wenn du mit mir sprichst, weiß ich auch, in welche Richtung ich soll.“
„Ist ja gut, ich mach ja schon. Arschloch.“
„Immer gerne.“
Der andere grunzt unzufrieden.
„Ich schwöre dir, wenn du mich gleich berührst, bringe ich dich um!“
„Ich glaube, du hast die Rollen verwechselt.“
Vorsichtig geht es Schritt für Schritt weiter.
Immer weiter.
Wohin?
„Du machst das wirklich gut.“
„Haha. Ich habe schon verstanden, dass du wieder zu Finn willst.“
„Finjas!“, ertönt es noch einmal von den billigen Plätzen.
„Ich meinte das ernst. Ich unterhalte mich doch lieber, statt nur geführt zu werden.“
Einen Moment lang bricht die Unterhaltung ab und Pan bleibt stehen. Er will gerade anmerken, dass sie so nicht weiterkommen, als der Andere antwortet:
„Du bist seltsam.“
Pan muss leise lachen.
„Das bin ich wohl.“
Copper schweigt kurz und räuspert sich dann.
„Dann beenden wir diese Scheiße endlich. Ich hab‘ echt keine Lust wegen dir ewig im gleichen Raum rumzustehen.“
„Dann sind wir uns einig.“
„Kommt ihr jetzt endlich?“, raunt der Zehner von weiter vorne.
„Ja doch!“, knurrt Copper ihn an. „Komm schon“, wendet er sich wieder Pan zu. „Ich habe echt keine Lust mehr, hier zu bleiben.“

Der fünfte Raum. Wie viele kommen noch? Einer? Zehn? Hundert? Es könnten auch unendlich viele sein. Vielleicht läuft die Gruppe die ganze Zeit im Kreis.
Unbekannt. Die Aufgabe ist unbekannt.
„Hm…“, hört man den Zehner leise murmeln der schon am Zettel ist. „Das Angebot ist interessant.“
„Und was ist es?“, fragt Copper genervt. Er hat sich inzwischen wieder ein gutes Stück von Pan entfernt. Gut so. Ein blaues Auge ist mehr als genug.
„Die Tribute müssen nichts machen oder aufgeben, um den Bereich zu verlassen.“
„Das klingt doch super!“, unterbricht Pan, auch wenn er weiß, dass da noch ein Haken kommen muss. Doch diesen kurzen Augenblick lang möchte er sich einfach freuen.
„Stattdessen wird für jeden, der die Aufgabe verlässt, ein dritter Tribut im nächsten Jahr gelost, der aus demselben Distrikt kommt. Dieser zieht ebenfalls in die Spiele des nächsten Jahres. Freiwillige Meldungen sind nicht zugelassen.“
Ein weiterer Tribut. Das bedeutet mehr oder minder, eine weitere völlig fremde Person in den Tod zu schicken. Jemanden aus demselben Distrikt. Es könnte sein Bruder sein. Oder jemanden, den er noch nie gesehen hat. Und in seinem Fall wahrscheinlich auch nie sehen wird.
„Das sind vier Tribute im ersten Distrikt“, stellt Oxyll fest. „Das ist doch gar nicht so schlecht.“
„Karrieros“, schnaubt Fatima still in sich hinein.
„Es ist egal, welchen Distrikt es trifft“, bemerkt Pan. „Wenn nur einer überleben kann, sind das sechs weitere Tote.“
„Als würden die nicht jedes Jahr die Regeln ändern“, merkt Copper berechtigterweise an. Es ist ein Trend geworden, alternative Regeln und Systeme zu erfinden. Besonders seitdem Jason Bright zur Spitze dazugestoßen ist. Der hat die Spiele komplexer gestaltet und die Zahl der potentiellen Sieger vergrößert. Trotzdem ist es auffällig, dass noch nie mehr als vier Sieger die Arena wieder verlassen haben. Und meistens sind es immer noch nur ein oder zwei völlig zerstörte Seelen.
„Das sind immer noch mehr Opfer“, hält er also fest. „Opfer, die sich potentiell den Arm absägen müssen“, fügt er hinzu. Die Worte schmecken bitter in seinem Mund. Aber was soll er tun? Es ist die Wahrheit.
„Aber es ist auch eine Chance, dass der eigene Distrikt gewinnt“, beharrt Copper.
„Und es ist nicht unser Problem“, bemerkt er Zehner. „Es erhöht unsere Überlebenschancen. Vielleicht sogar die aller Tribute, wenn man die letzte Aufgabe sieht.“
„Es ist sehr wohl unser Problem!“, entgegnet Fatima.
„Lasst uns noch einmal nachdenken“, schlägt Pan vor.
Der Zehner seufzt genervt und Pan hat das Gefühl, das Rollen seiner Augen auch mit geschlossenen Augen sehen zu können.
„Das Problem ist uns doch bekannt. Der Vorteil einer Gruppe für das Leid der Fremden.“
Das fasst es zusammen. Außer vielleicht für die Karrieros, die darin keinen wirklichen Nachteil sehen.
„Wir haben auch gesagt, dass wir einfach weitergehen können“, erinnert Pan. „Vielleicht müssen wir niemanden opfern.“
Es klingt utopisch. Es ist unmöglich.
„Ich gehe nicht durch diese Tür“, antwortet Fatima. „Lieber verrotte ich hier.“
„Das bezweifele ich“, murmelt der Vize leise, doch inzwischen klingt er ein wenig unsicherer. Wie kann man ihn überzeugen? Die Gruppe muss sich doch irgendwie einigen!
Leise Schritte sind im Raum zu hören. Irgendwer geht immer weiter auf und ab. So kommen sie nicht weiter. Es sei denn, jemand prescht wieder voran, um allen anderen die Entscheidung zu versauen. Doch Oxyll ist verletzt und niemand anderes scheint sich sicher genug zu sein.
„Wir können auch weitergehen“, sagt Copper schließlich. „Ich habe da nicht wirklich etwas gegen. Dann machen wir eben etwas anderes.“
„Wir können nicht ewig weitergehen“, spricht Zehn männlich. Er klingt entfernt. Leise.
Dann wieder Schritte.
„Doch. Wir können“, erinnert Fatima.
„Was sagt Coal eigentlich?“, fragt Pan nach.
„Er deutet auf die rechte Tür“, antwortet ihm Copper. „Der will weitergehen.“
„Und Oxyll? Was denkst du?“
Eine Weile bleibt es still.
„Ich kann mich enthalten“, sagt er schließlich. „Ich verstehe, dass ein ordentlicher Tribut für die unteren Distrikte schwer zu stellen ist.“
„Das hast du nett gesagt“, lächelt Pan. Manchmal vergisst er, dass der Einser immer noch ein Arsch ist. Ein sehr heldenhaftes Arschloch. Aber eben immer noch ein Arsch.
„Besten Dank“, versteht der Andere seine Ironie offenbar so gar nicht.
„Also weiter?“, fragt Zehn männlich noch einmal. „So ohne Probleme kommen wir hier wahrscheinlich nicht noch einmal raus.“
„Ja“, antwortet ihm Fatima. Sie klingt müde. Pan ist es auch. Wie viel bleibt noch? Wann hat das hier ein Ende?
„Also gut“, seufzt der Vize. Es sind Schritte zu hören, bevor sich die Tür mit einem lauten Knarren öffnet.
„Was“, murmelt er leise, während mehrere Schritte sich um ihn versammeln.
„Das…“, Oxyll verstummt.
„Was ist denn?“, fragt Pan nach. Verdammt noch einmal, warum können die nicht einfach mal sagen, was Sache ist?
„Der Ausgang“, haucht Zehn männlich. „Das ist das Ende der Aufgabe.“
Das Ende. Das verdammte Ende! Die Opferung hätte noch nicht einmal etwas gebracht!
Der Vize schweigt. Die anderen auch. Man hört nur, wie die Schritte lauter werden, als ihre Füße den weichen Boden verlassen. Irgendwo quietscht leise etwas. Dann ein dumpfer Laut. Pan steht wie angewurzelt im alten Raum. Er sollte sich fortbewegen. Diese Aufgabe hinter sich lassen. Den anderen einfach mal daran erinnern, ihm zu helfen. Aber er ist müde und ihnen wird es nicht anders gehen.
„Äh… soll ich dann?“, ist es Copper, der seine Gedanken durchbricht. Pan beginnt zu lächeln.
„Ja. Gerne.“
Langsam lässt er sich weiter durch den Raum führen, bis er an einer neuen Wand steht. Sie ist glatt. Hart. Pan könnte weinen, als er sich zwischen seinen Fingern spürt. Er tut es sogar, spürt die Tränen sein Gesicht hinunterrinnen, während er sich einfach auf den Boden fallen lässt.
Danach bleibt es ruhig. Er hört Oxylls schweres Atmen und sein leises Wimmern. Er hört Fatima schniefen und Copper leise fluchen. Aber das spielt gerade keine Rolle mehr. Jetzt einfach loslassen und sich der Finsternis überlassen. Den Boden fühlen, der sich angenehm kühl gegen seinen Rücken schmiegt. Die Augen schließen, sodass die Dunkelheit gar nicht mehr so auffällt. Und für einen kleinen Moment ignorieren, dass die Hölle gerade erst angefangen –

„Nein. Scheiße. Nein!“
Oh bitte, bitte nicht! Nicht noch etwas! Es ist doch gerade ruhig geworden! Das kann doch nicht sein! Sie sind gerade erst fertig. Sie sind fertig!
„Was ist?“, fragt er trotzdem. Der Körper auf dem Boden, die Augen noch geschlossen. Als würde es irgendeinen Unterschied machen.
„Bildschirm“, murmelt Copper. Es klingt konzentriert. Wahrscheinlich liest er gerade.
„Was steht da?“, fragt er also mit zitternder Stimme, was er fragen muss. Dabei will er es gar nicht wissen. Er will sich hier hinlegen und schlafen und diese Scheiße hinter sich lassen.
„Äh… soll ich vorlesen?“, fragt der Zehner mehr als dass es wirklich vorschlägt. Ganz ehrlich, was ist falsch mit dem? Pan beschließt, ihn einfach zu ignorieren.
Sollen die doch tun oder lassen, was sie wollen.
„Wir bekommen eine Belohnung für das Bestehen der Aufgabe“, antwortet stattdessen Copper. „Aber wir müssen entscheiden, was es ist.“
Oh nein. Nein, nicht noch eine Entscheidung! Es reicht doch. Es reicht! Es reicht!
Leider ergreift der Zehner jetzt wieder das Wort.
„Entweder… ähm… entweder… Jeder von uns kann ein Brötchen oder eine Flasche Wasser bekommen.“
„Ich würde töten für ein Brötchen“, knurrt Copper.
„Unterstehe dich!“, murmelt Oxyll. Seine Stimme klingt gedämpft.
„Und die andere Möglichkeit?“, fragt Pan nach. Er wird es ja doch hören müssen. Der Zehner seufzt und der Rest bleibt still. Es ist wieder Copper, der das Wort ergreift.
„Oder Oxyll bekommt eine Schmerztablette.“
Der Deal klingt… einfach. Er klingt einfach, bis Pan bemerkt, dass ihm der Magen knurrt und die Frage sich stellt, wann er das nächste Mal etwas bekommen kann. Bisher sah die Arena nicht gerade nach viel Nahrung aus. Und Wasser werden sie am nächsten Tag brauchen. Aber dafür Oxyll sein Schmerzmittel verweigern… Verdammte Scheiße, Pan will das nicht entscheiden! Sie waren doch gerade erst durch! Warum noch einmal? Warum? Muss das wirklich sein?
Anscheinend ist auch keine andere Person bereit, etwas dazu zu sagen. Fatima schnieft immer noch leise. Der Zehner hat mit der letzten Tür anscheinend auch seine Selbstsicherheit wieder verloren. Copper antwortet nicht. Und auch Oxyll kann oder will sich nicht äußern. Was sollte er auch sagen? Natürlich wäre das Schmerzmittel besser für ihn.
„Mir egal“
Copper spuckt die Worte förmlich aus.
„Ich… ich weiß es auch nicht“, flüstert der Zehner. „Das Schmerzmittel ist wichtig, oder?“
„Aber wir haben Hunger. Und das wird nicht besser.“
„Man braucht Lebensmittel, um wieder gesund zu werden“, erinnert Fatima. „Trotzdem…“
Ihre Worte versinken im Schweigen, bis es gerade Copper ist, der leise zu weinen beginnt. Der Zehner folgt nur kurz darauf. Das war es, wird Pan klar. Es geht nicht mehr.
„Bitte.“
Er erkennt seine eigene Stimme kaum wieder. Auch sie ist kraftlos geworden.
„Kann einfach jemand entscheiden? Es ist ganz egal, was. Nur… irgendetwas? Es muss auch keinen Sinn ergeben… Irgendwie eben…“
Schweigen. Wieder. Eine Sekunde. Und noch eine. Pan spürt, wie auch ihm wieder die Tränen kommen, wie er geschüttelt wird. Wie die Kehle sich zuschnürt, sodass nichts davon wirklich rauskommt.
Dann ein leises Schnalzen in der Distanz.
„Coal?“
Keine Worte. Natürlich. Niemand macht sich die Mühe, den Mann zu übersetzen. Wer weiß, wer überhaupt noch hinsieht?
Doch nur kurz darauf hört Pan das leise Klingeln eines Fallschirms. Und das ist ihm Antwort genug.


◊ Ingwuz ◊
Anfang. Einladung. Möglichkeit.
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