Ein zerrissenes Leben

GeschichteAllgemein / P16
Severus Snape
09.03.2018
19.01.2020
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Harry Potter streifte nachts durch die Schule. Der Junge wusste vom Stein der Weisen und vermutete zu Recht, dass man versuchte, ihn für den Dunklen Lord zu stehlen. Doch er verdächtigte Severus, und  das schmerzte. Es hatte ein Weilchen gedauert, bis Severus herausgefunden hatte, warum das so war, abgesehen von der Tatsache, dass Potter ihn ebenso hasste wie er Potter. Bei diesem ersten Quidditch-Spiel hatte Hermine Granger IHN gesehen, den Blick starr auf Harry gerichtet und Sprüche murmelnd. Sie war es gewesen, die seinen Umhang angezündet und dabei zum Glück für Harry Quirrells Augenkontakt unterbrochen hatte. Und natürlich hatte Potter die falschen Schlüsse gezogen, als er nach Halloween genau in dem Moment in sein Büro gestürmt war, als Argus die Wunde verbunden hatte, die Fluffy ihm als Dank für die Fütterung beigebracht hatte.
Es bestand also die, wenn auch geringe, Gefahr, dass Potter sich Quirrell anvertraute.
Quirrell war der nächste Punkt, der Severus Sorgen bereitete. Es war zu vermuten, dass der Verteidigungslehrer auf seiner Reise dem Dunklen Lord begegnet war und nun für ihn und in seinem Auftrag versuchte, Harry Potter zu töten und an den Stein der Weisen zu gelangen. Severus hatte sich mit der Materie befasst. Hatte man einen Stein der Weisen, war es auch für einen ungeübten Tränkebrauer ein Leichtes, das Lebenselixier herzustellen. Das Einzige, was dabei passieren konnte, war, dass der Stein kaputtging und dann nicht mehr wirksam war. „Ich würde den Stein zerstören, sollte man mich zwingen, das Elixier herzustellen“, hatte er zu Dumbledore gesagt. „Vielleicht ist es besser, ihn zu zerstören, bevor er in die falschen Hände gerät.“
Doch Dumbledore war wieder einmal mit seinen Gedanken wer-weiß-wo gewesen…
Draco Malfoy war mindestens so oft nachts unterwegs wie Potter und seine Freunde. Er spionierte den dreien nach und versuchte immer wieder, sie anzuschwärzen. Minerva McGonagall musste schon glauben, Severus würde sie absichtlich in die Irre schicken, sooft er ihr einen Tipp gab – es gelang nie, Draco zu stellen.
Louise Prince – und neuerdings ihr Anwalt – meldete sich fast wöchentlich bei ihm und forderte Geld. Die alte Schachtel war in eine teure Seniorenresidenz gezogen, ohne die Miete bezahlen zu können. Severus sah sich gezwungen, seinerseits einen Anwalt zu bemühen, aber die Alte gab einfach nicht auf.
Als ob all dies nicht reichte, begann Hagrid, sich komisch zu benehmen. Er war nervös und unzugänglich, mochte nicht einmal mit Severus auf ein Bier in den Eberkopf gehen. Die Vorhänge an seinen Fenstern waren immer geschlossen und neuerdings sah er oft etwas derangiert aus. Kürzlich war der Bart, sein ganzer Stolz, halb abgesengt gewesen. Lediglich Potter, Weasley und Granger durften noch zu ihm, doch ihnen auf den Fersen war Malfoy…
Schließlich vernachlässigte Hagrid auch noch seine Pflichten, Severus musste die Thestrale füttern und ein verletztes Einhorn versorgen. Die Schwefellochputzwürmer brüllten vor Hunger. Gerade als Severus vom Steineholen zurückkam, ging die Tür der Wildhüterhütte auf. Hagrid sah sich um und huschte heraus. Dieser Moment genügte Severus, um das Geheimnis von Rubeus Hagrid zu entdecken, aber er sah auch einen wohlbekannten Blondschopf in der Nähe. Ohne zu wissen, was er tun sollte, rannte er zum Schloss und Minerva McGonagall in die Arme. „Was ist denn mit dir los, Severus? Hast du einen Untoten gesehen?“
„Schlimmer“, japste Severus und traf eine Entscheidung. Er zog Minerva in ein leerstehendes Klassenzimmer, versah sie mit dem Muffliato- und allen möglichen anderen Anti-Abhör-Zaubern und sagte dann: „Hagrid hat einen Drachen in seiner Hütte, einen Norwegischen Stachelbuckel. Und Potter, Weasley und Granger wissen davon.“
„Ach du Scheiße“, flüsterte Minerva tonlos. Sie war bleicher geworden als ein Gespenst, doch auch so hätte Severus gewusst, wie tief ihr Erschrecken war. Minerva McGonagall benutzte normalerweise keine Fäkalwörter.
Minutenlang starrten sich die beiden Lehrer an, dann fasste Minerva in Worte, was Severus in verschwommenen Bildern durch die Gedanken zog: „Davon darf niemand erfahren! Wenn das bis ins Ministerium dringt, dann schmeißen sie Dumbledore raus und Granger, Potter und Weasley dazu!“
„Das darf nie passieren!“, zischte Severus. „Wenn Potter hier ´rausfliegt, ist er ohne Schutz, angreifbar, wehrlos. Der Dunkle Lord würde ihn töten, die absolute Macht übernehmen und niemand könnte ihn noch stoppen.“
„Und Hogwarts ist ohne Dumbledore nicht mehr sicher.“
„Malfoy – Malfoy spioniert Potter nach…“
„Irgendwann muss ich den doch mal erwischen…“
„Ich werde ihm einen Zauber aufhalsen, damit er vergisst, was er gesehen hat.“
„Der Drache muss verschwinden“, sagte Minerva, nun wieder gefasst. „Ich werde mit Charlie Weasley sprechen, der betreut doch Drachen. Wenn ich Du-weißt-schon-was benutze, wird niemand bemerken, dass ich weg bin.“
„Möchtest du einen Schluck Felix Felicis für dein Vorhaben?“
„Danke. Ein ordentlicher Stärkungstrank wäre mir lieber.“
„Kriegst du. Gib mir eine halbe Stunde, dann klopfe ich an deine Bürotür.“
Sie nickten sich zu, Severus löste die Schutzzauber.

Eine halbe Stunde später warf ein zornschnaubender Severus Snape die Bürotür hinter sich zu und marschierte mit großen, festen Schritten und wehendem Umhang zum Büro von McGonagall. Er hämmerte gegen die Tür und rauschte hindurch, kaum dass ein „Herein“ ertönt war. „Professor McGonagall, ich muss mich bei Ihnen über einen Schüler Ihres Hauses beschweren. Dieser Neville Longbottom ist derartig dumm und ungeschickt, dass es eine Zumutung ist, ihn zu unterrichten. Hat man eigentlich untersucht, ob dieser Mensch überhaupt ausreichend magische Kräfte besitzt, um hier zu lernen? Ich verlange von Ihnen, dass Sie etwas unternehmen!“
„Professor Snape, Longbottom würde nicht zu meinem Haus gehören, wenn er nicht begabt genug wäre, ein vollwertiger Zauberer zu werden. Ich werde nichts unternehmen.“
Während sie beide so laut gesprochen hatten, dass man es draußen im Flur hören konnte, hatte Severus eine Flasche mit dem kräftigsten Stärkungstrank, den er hatte, aus dem Umhang gezogen und vor Minerva hingestellt. Nun machte er die Geste des Daumendrückens und ging, nicht ohne die Tür kräftig ins Schloss zu werfen.
Wieder einmal erwies sich dieses Schauspiel als notwendig, Draco Malfoys Blondschopf verschwand nicht so schnell in der Nische, dass Severus ihn nicht gesehen hätte. Verfluchter Bengel!
Die ganze Nacht wanderte Severus in der Schule herum und fragte sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als er Minerva McGonagall ins Vertrauen gezogen hatte, statt zu Dumbledore zu gehen.
Dumbledore war im Moment gar nicht an der Schule. Der Zauberergamot, dessen Vorsitzender er war, beschäftigte sich zur Zeit mit der Aufklärung einiger kniffliger Betrugsfälle. Im Falle der Abwesenheit des Schulleiters war die Stellvertreterin voll verantwortlich, Severus hatte also zu ihr gehen MÜSSEN.
Was Hagrid betraf, war Albus Dumbledore befangen, da Rubeus Dumbledores Adoptivsohn war. Das war damals die einzige Möglichkeit gewesen, um Hagrid nach seinem Rauswurf ein Dach über dem Kopf geben zu können. Dumbledore sah seinem Jungen alles nach, auch von diesem Punkt her war es besser gewesen, mit Minerva zu reden.
Minerva McGonagall stand in dem Ruf, Entscheidungen allein auf Grund sachlicher Aspekte zu treffen, sie ließ sich nicht von sentimentalen Gefühlen leiten wie es Dumbledore zuweilen vorgeworfen wurde. Noch ein Pluspunkt für sie.
Nicht zuletzt waren die involvierten Kinder Schüler ihres Hauses. Nein, beruhigte Severus sich selbst, es war das Beste gewesen, Minerva einzuweihen. Gemeinsam würden sie das Problem lösen können, ohne dass es zu einem Skandal kam.
Am anderen Morgen ergab es sich, dass Minerva McGonagall neben Severus zum Frühstück ging. Er spürte, wie etwas in seine Umhangtasche glitt. Es war die Tränkeflasche, die eine Notiz enthielt:
„Evakuierung des Dr. ist längst eingeleitet. P+G+W sind umsichtiger als ich dachte. Aufpassen! M.“

Die erste Doppelstunde hatte Severus bei den Erstklässlern aus Slytherin und Gryffindor zu halten. Die Gruppen standen säuberlich voneinander getrennt vor dem Klassenraum. Als Malfoy ihn kommen sah, löste er sich aus dem Pulk und kam auf Snape zu, in den Augen eine Mischung aus Triumph und Schadenfreude. Severus wusste, was das zu bedeuten hatte, und stellte Augenkontakt her. Er brauchte nicht mehr Zeit für den Zauber als Malfoy brauchte, um drei Schritte zu tun, sich vor ihm aufzubauen und „Guten Morgen, Professor“ zu sagen.
„Ja?“, fragte Severus kurz angebunden.
„Potter, Granger und Weasley waren gestern spät abends noch bei Hagrid.“
„Kannst du das beweisen, Draco?“
Malfoy lief rosa an. „N-n-nein, aber ich habe sie öfter gesehen.“
„Das reicht nicht. Jetzt geh, ab ins Klassenzimmer!“
Crabbe und Goyle, die ein wenig hinter Malfoy gestanden hatten, starrten diesen so fassungslos an, dass Severus ihnen ebenfalls einen Vergessenszauber verpasste. Vermutlich hatte Malfoy ihnen von dem Drachen erzählt.
Puh, gerade noch mal gutgegangen!
Was war eigentlich mit Weasleys Hand los? Er hatte einen dicken, unprofessionell angelegten Verband darum, und das, was herausschaute, sah ungesund verfärbt und geschwollen aus. Nur gut, dass der Drache noch klein war, sonst wäre der Arm nicht mehr zu retten. Also war in der Pause ein Besuch bei Madam Pomfrey fällig.

Am Sonntag erhielt Severus von Minerva eine kurze Nachricht: „Norbert wird heute abgeholt. Mitternacht, Astronomieturm.“

Severus verbrachte den Abend damit, den Transportweg zu sichern. Er überzeugte sich, dass die Luft rein war, als Potter und Granger mit dem Korb zwischen sich unter dem Tarnumhang Hagrids Hütte verließen. Doch am Fuße des Astronomieturms lauerte Malfoy. Krötenschleim und Spinnenspucke! Wieso war der genau jetzt genau hier? Severus informierte Minerva. Die rieb sich die Hände und marschierte mit einem grimmigen Grinsen im Gesicht davon.
Als sie mit Draco zurückkam, war Severus hinter einem Vorhang versteckt. Während Minerva dem Bübchen nach allen Regeln der Kunst die Leviten las, forschte Severus in Dracos Erinnerungen herum. Sieh an, Malfoy hatte Ronald Weasley bei einem Besuch am Krankenbett das Buch geklaut, in dem der Brief von Charlie Weasley lag. Minerva überzeugte Draco davon, dass er auf einen Streich von Potter hereingefallen war. Genial!
Sicherheitshalber suchte Severus in Malfoys Erinnerungen nach dem Drachen, aber er fand nichts mehr. Glück gehabt!
In diesem Augenblick brachte Argus Filch Harry Potter und Hermine Granger herein, die er aufgelesen hatte, als sie vom Astronomieturm herunterkamen. Wieso hatte er die beiden gesehen? War Potter wirklich so dämlich und ließ den Tarnumhang liegen?
Nun kam auch noch Longbottom dazu; anscheinend hatte er Potter warnen wollen. Minerva putzte die drei gehörig herunter, zog ihnen je fünfzig Punkte ab und brummte ihnen eine Strafarbeit auf. Die betretenen Gesichter erfüllten Severus mit grimmiger Genugtuung.
Nachdem die Ertappten mit hängenden Köpfen abgezogen waren, kam Severus aus seinem Versteck und sagte: „Na, da warst du aber gar nicht kleinlich mit Punktabzügen!“
„Ich finde, Harry Potter hat einen Denkzettel verdient. Auch wenn ich ihn und seine Freunde lieber belobigen würde. Sie haben Hagrid geholfen, mit dem Vieh fertigzuwerden und dafür gesorgt, dass es nach Rumänien geschafft wird. Und Longbottom mag ein Tollpatsch sondersgleichen sein, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck.“
Severus verabschiedete sich von Minerva und spurtete auf den Astronomieturm. Tatsächlich, oben auf der Plattform lag, silbrig schimmernd im Mondlicht, das Stück Stoff, das er als Schüler so gern besessen hätte. Severus nahm es mit in seine Wohnung, untersuchte und befühlte den Umhang und zog ihn sich über. Er stand vor dem Spiegel, wusste, dass er dort stand, aber er sah sich selber nicht!
Die Versuchung war riesengroß. Er hatte den Umhang gefunden, was, wenn er ihn einfach behielt? Zumindest so lange, bis der Stein verschwunden war? Wenn er noch ein bisschen argumentierte, erklärte sich Dumbledore vielleicht doch bereit, ihn zu zerstören… Und bis dahin könnte er Quirrell überallhin folgen, ohne bemerkt zu werden. Verlockend!

Am Sonntagabend jedoch wollte Severus Hagrid besuchen und sehen, ob der Wildhüter wieder zur Vernunft gekommen war. Er fand ihn schließlich in den Schwefelsümpfen, wo er weinend die Gepanzerten Schwefellochputzwürmer fütterte. „Hab‘ sie vernachlässigt, die armen Würmchen“, schniefte Hagrid. „Hatte anderes zu tun.“
„Verbotenes“, entgegnete Severus. „Sei froh, dass Harry Potter die Sache bereinigt hat, ohne jemanden mit reinzuziehen.“
„Malfoy hat Norbert gesehen.“
„Der hat das längst vergessen.“
Hagrid atmete auf. „Ich würde dich ja gern zu einem Tee mit Schuss einladen, aber ich hab die Hütte noch nich wieder aufgeräumt. War heute den ganzen Tag im Wald unterwegs; da is schon wieder 'n Einhorn verletzt. Irgendwie is das komisch, das hat’s jahrelang nich gegeben und jetzt passiert es dauernd.“
„Ist schon gut, ich habe auch noch zu tun. Du kannst mich ein andermal einladen.“
Schon wieder ein Einhorn verletzt. Das war nicht komisch, das war traurig, bedrohlich, verdächtig. Irgendjemand fügte diesen Geschöpfen der Reinheit Schmerzen zu. Severus hatte die Verletzung gesehen – ein glatter Schnitt. Wer trieb da im Verbotenen Wald, auf dem Gelände der bestens gesicherten Hogwarts-Schule, sein Unwesen? Es musste jemand sein, der zur Schule gehörte, sonst wäre längst Alarm ausgelöst worden.
Ein Erinnerungsfetzen huschte durch Snapes Geist: ein Fleck auf einem Umhang. Quirrell?
Quirrell im Auftrag von Voldemort?
Es passte ins Bild. Severus fror plötzlich. Er rief sich all die Gespräche in Erinnerung, die er mit Quirrell geführt hatte. Seine alte Gewohnheit, neutral zu sprechen, nicht erkennen zu lassen, auf wessen Seite er wirklich stand, war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er keine Mühe damit hatte. Selbst wenn Quirrell eine Möglichkeit besäße, mit dem Dunklen Lord zu kommunizieren, dürfte dieser nichts von Snapes Abkehr erfahren haben.
Aber wo war der Dunkle Lord? Quirrell hatte Hogwarts in den vergangenen Monaten nur ganz selten verlassen. Andererseits bedurfte es nicht unbedingt räumlicher Bewegung, um mit dem Meister zu sprechen.
Ein Schauer nach dem anderen rann Snape den Rücken hinunter, und er suchte wieder einmal das Gespräch mit Dumbledore.
„Wenn der Stein zerstört wird, verliere ich einen sehr guten Freund.“
Nicholas Flamel, natürlich. Severus kam sich sehr dusslig vor, er hatte die Worte in den vergangenen Wochen schon mehrfach ausgesprochen, doch er wiederholte sie noch einmal, weil es einfach dringlich war: „Jemand versucht schon seit geraumer Zeit, den Stein für Voldemort zu stehlen.“
„Er wird ihn nicht bekommen. - Wen verdächtigst du eigentlich?“
„Quirrell.“
Dumbledore schüttelte den Kopf. „Ich bitte dich! Quirrell kann keiner Fliege etwas zu Leide tun.“
„Einer Fliege nicht“, entgegnete Severus bitter, „Harry Potter schon. Quirrell hat an Halloween den Bergtroll in die Schule gelassen. Quirrell war es, der versucht hat, bei diesem Quidditchspiel Potters Besen dazu zu bringen, ihn abzuwerfen.“
„Das mag ich nicht glauben. Warum sollte Quirin Quirrell so etwas tun?“
„Im Auftrag des Dunklen Lords.“
„Der noch immer in Albanien ist, wenn stimmt, was ich herausgefunden habe.“
„WENN es stimmt.“ Langsam wurde Severus ärgerlich.
„Ich werde Nicholas aufsuchen und mit ihm über den Stein reden. Vielleicht finden wir einen anderen Platz. Bis dahin bleibt der Stein, wo er ist und geschützt wie er ist.“
Es war einfach sinnlos. Je älter Dumbledore wurde, desto starrköpfiger wurde er. Oder überblickte der weise Albus wieder einmal das Große Ganze, während der kleine Tränkemeister Snape nur das sah, was vor seinen Füßen lag?

Snape hatte es geahnt. Am Montagmorgen, zwischen Frühstück und Unterrichtsbeginn, klopfte es an seine Bürotür und Draco Malfoy verlangte ein Gespräch. Ein Außenstehender hätte denken können, Malfoy wäre Snapes Vorgesetzter, solch ein herablassendes Auftreten legte der kleine Junge an den Tag.
„Ich muss mich beschweren. Professor McGonagall hat mir zwanzig Punkte abgezogen und eine Strafarbeit aufgebrummt. Dabei wollte ich nur melden, dass Potter einen Drachen in die Schule bringt.“
Severus schüttelte lächelnd den Kopf. „Man hat dich mit deinen eigenen Waffen geschlagen, Draco. Hast du nicht selbst versucht, Potter nachts herauszulocken, indem du ihn zum Duell gefordert hast? Bei der Gelegenheit möchte ich dich daran erinnern, dass das Duellieren ausschließlich erwachsenen Zauberern erlaubt ist.“
Draco stand der Mund offen.
„So weit ich weiß, hat Professor McGonagall die Sache aufgedeckt. Potter und seine Freunde haben dich glauben gemacht, dass sie auf dem Astronomieturm einen Drachen haben, nicht wahr?“ Severus schnalzte mit der Zunge und schüttelte erneut den Kopf. „Ich hätte dich wirklich für klüger gehalten. Ein Drache, ich bitte dich! Ein Drache in Hogwarts und niemand merkt etwas davon? Du bist denen ganz schön auf den Leim gegangen, wirklich. Punktabzug und Strafarbeit sind wohlverdient, schließlich warst auch du nachts unterwegs. Auch du bist nichts anderes als ein Schüler, auch für dich und gerade für dich als Erstklässler gelten die Schulregeln. Wenn es dich beruhigt, Potter, Longbottom und Granger wurden noch mehr Punkte abgezogen und sie müssen ebenfalls eine Strafarbeit absolvieren. Du hast allen Grund, ruhig zu sein und deine Aufgaben zu machen. Vergiss nicht, bis morgen Kräuterkunde nachzuholen. Sonst sehe ich mich gezwungen, erneut an deine Eltern zu schreiben.
Jetzt geh, Professor McGonagall sieht es nicht gern, wenn man zu spät kommt.“
Elternbriefe zu schreiben war nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung von Severus Snape, doch wenn es sich nicht umgehen ließ, schrieb er sie stapelweise, ohne Ansehen der Person des Empfängers. Lucius und Narzissa hatten bereits drei Mal Post bekommen und zu Severus‘ Verwunderung gar nicht reagiert. Von Lucius war eigentlich zu erwarten, dass er sofort auftauchte, sich beschwerte und versuchte, Strafmaßnahmen gegen seinen Liebling rückgängig zu machen. Entweder war Narzissa vernünftig genug, ihrem Mann das auszureden und Draco für seine Verfehlungen geradestehen zu lassen, oder aber das dicke Ende kam noch. Severus befürchtete letzteres und führte über Draco Malfoy besonders akribisch Buch.
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