MUNDUS

GeschichteSci-Fi / P16
08.03.2018
12.01.2019
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Die Anhörung


Obwohl in den Tagen, die auf dieses Treffen folgten, nichts geschah, wurde Tom immer mehr von dem beklemmenden Gefühl erfüllt, daß der Tafelrunde eine Katastrophe unmittelbar bevorstand. Während Manuel seine Besorgnis zu teilen schien, war Fiona ganz anderer Auffassung. „Alles, was wir bisher gemacht haben, war doch Pillepalle“, sagte sie während einer großen Pause im Dachgarten und fuhr fort: „Was nützen Aktionen, die von niemandem bemerkt werden? Wenn man etwas erreichen will, muß man Aufmerksamkeit erregen, und ich denke, daß uns das diesmal gelungen ist!“
„Das denke ich auch“, räumte Tom ein, „ich fürchte nur, daß es zu viel an Aufmerksamkeit sein könnte. Wir sind keine echte Untergrundorganisation wie die Erneuerer, die sich (was auch immer man von ihren Taten halten mag), so etwas viel eher erlauben können; wir sind nur ein paar Schüler.“ Tom schwieg einen Moment, bevor er noch hinzufügte: „Darf ich dich daran erinnern, daß du vor gar nicht so langer Zeit noch gesagt hast, Manuel und ich würden uns viel zu auffällig benehmen?“
„Das darfst du, aber ich glaube inzwischen, daß wir uns zu sehr von unserer eigenen Angst haben lähmen lassen.“
Trotz ihrer differierenden Auffassungen waren sich Tom und Fiona zumindest darin einig, daß die große Pause nicht der beste Zeitpunkt war, um über solche Dinge zu diskutieren, und so verabredeten sie sich für den Samstagnachmittag, wobei Tom die seltsame Ahnung hatte, daß er Fiona während ihres Treffens zum letzten Mal sehen würde.

Fionas Eltern hatten einen Schrebergarten innerhalb einer kleinen Gartenkolonie gepachtet, in dem Tom und Fiona sich nun treffen wollten; da es in dem Garten auch eine nicht sehr geräumige, aber dafür gemütliche Hütte gab, beabsichtigten sie, dort die nächsten Stunden zu verbringen. Es war ein für Berlin typischer Septembertag; die Temperaturen lagen bei ungefähr 35 Grad im Schatten. Während Tom sich der Gartenkolonie näherte, schwirrte eine Paketdrohne in so aufdringlicher Weise über ihm herum, daß er sich fragte, ob sie wirklich nur Waren auslieferte oder ihn (so ganz nebenbei) auch noch beobachtete; aber vielleicht war es besser, nicht allzu genau darüber nachzudenken.
Fiona erwartete ihn bereits im Garten; sie trug kurze Jeans wie Tom und dazu ein rotes T-Shirt. Sie lächelte, als sie Tom begrüßte, doch der Blick in ihren grünen Augen erschien ihm als seltsam leer.
„Hallo Tom“, sagte sie und fragte dann: „Weißt du vielleicht, was mit Finn los ist? Ich versuche schon seit dem Vormittag vergeblich, ihn zu erreichen.“
„Nein, ich habe keine Ahnung. Ich habe ihn zuletzt am Dienstag gesehen, außerhalb unserer Treffen hatte ich nie sonderlich viel Kontakt mit ihm. Aber ich kann ja mal ausprobieren, ob ich ihn mit meinem M-Phone erreiche.“
Dies tat Tom dann auch, nachdem er das Gerät aus der Hosentasche seiner Shorts herausgezogen hatte, doch Finn reagierte darauf ebensowenig wie auf die Anrufe und Nachrichten Fionas zuvor.
„Das ist ein wenig beunruhigend“, meinte Tom anschließend, nachdem er sein M-Phone wieder in der Hosentasche verstaut hatte, „aber es muß nicht zwangsläufig etwas zu bedeuten haben. Wolltest du aus einem bestimmten Grund mit ihm sprechen?“
„Ich wollte nur mal hören, ob er schon irgendwelche Ideen für das nächste Treffen am Dienstag hat.“
„Du könntest doch statt dessen Herrn Mayfeld kontaktieren.“
„Genau das sollen wir eigentlich nicht tun, außer in einem echten Notfall - und wir wissen ja gar nicht, ob ein solcher vorliegt. Wie du schließlich selbst gesagt hast, kann es viele Gründe haben, daß Finn sich nicht meldet.“ Anschließend deutete sie auf die Tür der Hütte und meinte: „Aber laß uns doch reingehen, drinnen ist es kühler.“
Das taten sie dann auch; Tom war froh, der immer noch stechenden Sonne zu entrinnen. Die Hütte war nur recht karg eingerichtet, aber es gab immerhin einen hölzernen Tisch, an dem mehrere Stühle standen, und einen Nebenraum, dessen Tür offen stand und der offenbar als Küche diente; auf dem Tisch lagen einige Gartenbücher, die vermutlich Fionas Eltern gehörten. Als Tom sich weiter umsah, bemerkte er außerdem eine Matratze auf dem Fußboden, die Fiona anscheinend dort platziert hatte.
„Wo wir nun schon mal zusammen sind, können wir ja Ideen für das nächste Treffen sammeln“, schlug Tom vor, während er sich auf einen der Stühle setzte.
„Das könnten wir natürlich tun“, entgegnete Fiona. „Ich habe aber eine bessere Idee“, fuhr sie fort und deutete dabei auf die Matratze.
Tom begriff und fragte: „Du denkst schon wieder ans Bumsen?“
„Du etwa nicht?“
„Oh doch“, gestand Tom; er schob alle Gedanken daran, daß es für sie wichtigeres zu tun gab, beiseite: wann würde sich für sie beide wieder eine solche Gelegenheit ergeben? „Dann fangen wir am besten gleich an“, sagte er noch, während er sich sein T-Shirt über den Kopf zog.
Sie entkleideten sich schnell, legten sich anschließend nackt auf die Matratze und während der nächsten zwei Stunden gab es für sie kein MUNDUS und keinen Besten Freund, auch keine Ritter der Tafelrunde und keine Erneuerer; es gab nur sie beide, Tom und Fiona, und ihre eng umschlungenen Körper.
Sie hatten es danach nicht besonders eilig damit, sich wieder anzuziehen, da es immer noch sehr warm war; so saßen sie noch eine ganze Weile nackt nebeneinander auf der Matratze, ohne viel miteinander zu sprechen. Dann kleidete sich Tom wieder an, verabschiedete sich mit einigen flüchtigen Worten und verließ die Hütte, wobei ihn schlagartig eine überwältigende Melancholie, wie er sie nie zuvor verspürt hatte, überkam und bis nach Hause begleitete.

Am Sonntag herrschte eine drückende Schwüle, die Tom vermuten ließ, daß ein heftiges Gewitter kurz bevorstand. Seine Großmutter litt erkennbar unter dem unangenehmen Wetter und hatte einen tiefroten Kopf, und Tom selbst ging es kaum besser; den ganzen Tag über marterte ihn ein heftiger Kopfschmerz, der sich vor allem im hinteren Teil seines Schädels austobte und sich mal als eine Wolke dumpfer, großflächiger Pein zeigte, um sich dann wieder in einen auf einzelne Punkte beschränkten, dafür aber um so intensiveren, bohrenden Schmerz zu verwandeln.
In den Abendstunden, als die Sonne bereits untergegangen war, zog dann tatsächlich Sturmgewölk auf, und kurz vor Mitternacht brach das von Tom beinahe sehnsüchtig erwartete Gewitter wirklich los. Die brodelnde Atmosphäre kam bis in die Morgenstunden hinein nicht zur Ruhe, und als Tom sich auf den Weg zur Schule machte, wurde er vom noch immer anhaltenden Grummeln der nur langsam abziehenden Gewitterfront und von seinen ebenfalls nur ganz allmählich abklingenden Kopfschmerzen begleitet. Die Luft war jetzt deutlich klarer als zuvor, und dennoch konnte Tom sich des Gefühls nicht erwehren, daß ihm selbst und den anderen Rittern der Tafelrunde noch ein weiteres und weitaus bedrohlicheres Unwetter erst noch bevorstand.
Nach seiner Ankunft in der Schule bemerkte er, daß Fiona noch nicht da war; sie erschien auch im weiteren Verlauf des Tages nicht. Manuel war wie gewohnt anwesend, doch während der Pausen führten sie nur kurze Gespräche über unverfängliche Themen.

Am folgenden Tag hielten sie es ebenso. Fiona fehlte weiterhin; Tom war einerseits beunruhigt darüber, andererseits gab es keinen wirklich konkreten Hinweis darauf, daß eine unmittelbare Gefahr bestand, und da das für den Nachmittag geplante Treffen auch nicht abgesagt worden war, hielt Tom es für das beste, sich in den siebenten Stock zu begeben und einen anderen Ritter oder Herrn Mayfeld persönlich zu fragen, wie er sich während der nächsten Tage verhalten sollte.
Während des Unterrichts hörte er kaum zu; seine Gedanken kreisten um die letzte Aktion der Ritter, und er fragte sich immer wieder, wie viel MUNDUS bereits darüber herausgefunden hatte, denn daß der Konzern einen solchen Hackerangriff wie den von Finn durchgeführten noch gar nicht bemerkt hatte, konnte Tom sich nicht ernsthaft vorstellen. Erst jetzt wurde Tom wirklich klar, wie amateurhaft die Ritter der Tafelrunde die ganze Zeit über agiert hatten - es war noch nicht einmal näher besprochen worden, wie die einzelnen Mitglieder der Gruppe sich in einem Notfall verhalten sollten, oder auch nur in dem Fall, daß die Kommunikation untereinander gestört wurde oder ganz zum Erliegen kam. Er hoffte inständig, daß er am Nachmittag die Gelegenheit bekommen würde, mit Herrn Mayfeld oder wenigstens mit Finn zu sprechen.
Nach dem Unterricht gingen Tom und Manuel zusammen in den siebenten Stock; obwohl es nicht annähernd so heiß war wie noch am Wochenende, schwitzte Tom dermaßen, daß er fühlen konnte, wie sein T-Shirt an seinem Körper klebte. Auch Manuel wirkte nervös und äußerst angespannt.
Während sie schweigend durch die bedrückend stillen und menschenleeren Korridore schlichen, erinnerte Tom sich wieder an sein erstes heimliches Treffen mit Fiona, und er fragte sich, welche Erklärung es für ihr Fernbleiben vom Unterricht gab.
Tom und Manuel warteten ein wenig ab, aber auch nach mehreren Minuten schien sich außer ihnen niemand in den gewundenen Gängen aufzuhalten.
Manuel schlug schließlich vor: „Laß uns einfach mal in den Raum gehen, in dem der Computer steht; wenn dort auch niemand ist, könnten wir uns ja kurz einloggen, um zu sehen, ob jemand eine Nachricht hinterlassen hat.“
Tom war von diesem Vorschlag zwar nicht wirklich überzeugt, hatte aber auch keinen Gegenvorschlag anzubieten und bekundete daher seine Zustimmung. So begaben sie sich zu dem Seminarraum, der so etwas wie das inoffizielle Hauptquartier der Tafelrunde darstellte.
Als sie in den Raum eintraten, bemerkten sie, daß dort tatsächlich jemand am Computer saß und unentwegt tippte. Es war jedoch weder Herr Mayfeld noch Finn.
Es war Herr Kunter.
„Tretet näher“, sagte er mit sanfter Stimme. „Eure Suche nach dem heiligen Gral endet hier.“

Tom und Manuel erwogen einen kurzen Augenblick lang, den Raum sofort wieder zu verlassen, doch die Tür, durch sie eben eingetreten waren, schlug zu, nachdem Herr Kunter eine Taste auf seinem M-Phone gedrückt hatte, und Tom wurde erst in diesem Moment klar, daß die Tür sich fernsteuern ließ.
„Es ist nicht sehr höflich, gleich wieder gehen zu wollen, wenn man zu einem Gespräch eingeladen wird“, meinte nun Herr Kunter, der sich nun umdrehte und die beiden Jungen mit seinen stechenden Blicken abtastete, als ob er ein Röntgengerät wäre. Er trug wie üblich sein offizielles MUNDUS-T-Shirt, blaue Jeans und die unvermeidlichen Badelatschen, in denen seine auffallend häßlichen Füße steckten. „Ich denke, es ist an der Zeit, daß wir uns einmal in Ruhe unterhalten“, fuhr er fort. „Ich habe vor, zuerst mit Manuel zu sprechen; anschließend bist du dran, Tom.“
Herr Kunter griff abermals zu seinem M-Phone und drückte auf eine Taste. Einen Moment lang geschah nichts, doch dann öffnete die Tür sich wieder, und es traten vier riesige, muskelbepackte Männer ein, die allesamt das offizielle MUNDUS-T-Shirt trugen. Sie ergriffen Tom, nahmen ihm sein M-Phone ab und führten ihn in einen anderen Raum, wo er die Anweisung erhielt, sich auf einen Stuhl zu setzen und zu warten.

Tom wartete mehrere Stunden, deren quälende Ereignislosigkeit durch die Schreckensszenarien, die seine Fantasie unaufhörlich hervorbrachte, noch erheblich gesteigert wurde. Was er von dem Gespräch mit Herrn Kunter, das wohl eher ein Verhör als eine Unterhaltung sein würde, zu erwarten hatte, konnte er nicht wirklich einschätzen; er zweifelte aber nicht daran, daß MUNDUS mittlerweile alles über die Ritter der Tafelrunde und ihre Aktivitäten herausgefunden hatte.
Da Tom noch die altmodische Armbanduhr besaß, die seine Großmutter ihm einst geschenkt hatte, war er immerhin in der Lage, gelegentlich nachzuschauen, wie lange er schon in diesem Raum saß, wobei er bei jedem Blick auf die Uhr ins Staunen darüber geriet, wie wenig Zeit tatsächlich verstrichen war, denn es kam ihm so vor, als ob er schon seit Wochen in diesem nahezu leeren Raum gefangen wäre.
Nach knapp drei Stunden traten die vier Männer ein, um ihn endlich abzuholen. Sie führten ihn wieder in den Seminarraum, in dem nach wie vor Herr Kunter am Computer saß und mit unverändert beeindruckender Geschwindigkeit auf der Tastatur herumtippte.
„Setz dich, Tom“, begrüßte ihn sein Lehrer für digitale Kompetenzen. Nachdem Tom dieser Aufforderung gefolgt war, fuhr Herr Kunter fort: „Ich spreche heute nicht als dein Lehrer mit dir, sondern als Mitarbeiter von MUNDUS. Laß uns zunächst klären, worum es in diesem Gespräch gehen wird: die Frage, die zu klären ist, ist allein die, ob dein momentan gesperrter MUNDUS-Account wieder entsperrt oder endgültig gelöscht werden soll. Das ist im wesentlichen deine Entscheidung. Übrigens rate ich dir, nicht abzustreiten, daß du zu den Rittern der Tafelrunde gehört hast (wenn ich richtig informiert bin, unter dem Tarnnamen Tristan); das wäre nämlich pure Zeitverschwendung. Um dir dies deutlich zu machen, will ich dich kurz darauf hinweisen, daß wir sehr genau wissen, was ihr über Monate hinweg im siebenten Stock getrieben habt; wir wissen übrigens auch, wann, wo und wie lange du mit deiner Freundin Fiona gevögelt hast. Nicht daß das wichtig wäre; aber MUNDUS hat dies dokumentiert. MUNDUS lebt von Daten, und daher werden Daten aller Art gesammelt, mögen sie auch auf den ersten Blick unbedeutend sein.“
Tom hätte Herrn Kunter am liebsten seine Faust ins Gesicht gerammt, und ein würgendes Gefühl erfaßte ihn; als er es zumindest soweit abgeschüttelt hatte, daß er sich imstande fühlte, wieder zu sprechen, fragte er: „Wissen Sie auch, wo Fiona jetzt ist?“
Herr Kunter lächelte weise, als er erwiderte: „Das wissen wir im Moment tatsächlich noch nicht; seit sie ihr M-Phone im Tegeler See versenkt hat, haben wir sie aus den Augen verloren; zumindest so lange, bis eine unserer Gesichtserkennungs-Drohnen sie wieder aufspürt. Ich nehme an, daß sie versuchen wird, sich den Erneuerern anzuschließen.“
„Die Erneuerer scheinen Sie aber nicht so gut unter Kontrolle zu haben“, warf Tom trotzig ein.
„Das ist nur eine Frage der Zeit. Abgesehen davon geht von den Erneuerern keinerlei Gefahr für MUNDUS aus; sie sind nicht in der Lage, irgendwelche Aktionen durchzuführen, die für uns wirklich gefährlich wären, und mit den Taten, zu denen sie fähig sind, bringen sie nur die Bevölkerung gegen sich auf. Selbst du bist doch kein besonders großer Freund der Erneuerer, oder sehe ich das falsch?“
„Nein, das stimmt schon“, räumte Tom ein.
„Na bitte. Und damit können wir zu unserem Gesprächsthema zurückkommen: der Frage, ob es dir auch weiterhin möglich sein soll, die Dienste von MUNDUS zu nutzen, obwohl du gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen hast. Bei einem erwachsenen Nutzer wäre diese Frage bereits entschieden, aber bei minderjährigen Nutzern findet zuvor eine Anhörung statt. Du solltest vielleicht auch darüber nachdenken, was der Verlust des Accounts für dich bedeuten würde. Zur Schule könntest du dann nicht mehr gehen, Geld stünde dir praktisch auch nicht mehr zur Verfügung; du könntest dich also nur den Erneuerern anschließen, dich durch Bettlerei oder Diebstahl über Wasser halten oder in den Wald gehen und versuchen, vom Reichtum des Waldes zu leben. Ich glaube nicht, daß eine dieser Optionen wirklich etwas für dich wäre.“
„Das ist wohl wahr“, gab Tom fast tonlos zurück. „Was verlangen Sie von mir?“
„Zunächst einmal solltest du dieses Schriftstück unterschreiben.“ Damit ergriff Herr Kunter ein bedrucktes Blatt Papier, unter dem schon einige Unterschriften zu finden waren: die von Ben und Bertil; die von Nina, Sophie und Philipp; und schließlich entdeckte Tom, daß auch Manuel unterschrieben hatte.
„Was steht da drin?“
„Lies es dir in Ruhe durch. Es handelt sich im wesentlichen um eine Erklärung, daß Herr Mayfeld euer Vertrauen mißbraucht und euch zu törichten und sogar illegalen Aktionen verführt hat. Der zweite Teil enthält dann ein klares Bekenntnis zu den Werten, für die MUNDUS steht.“
Tom las den Wisch durch; die Lektüre bestätigte im wesentlichen die Worte seines Lehrers. Der erste Teil des Dokuments stellte Herrn Mayfeld in das denkbar ungünstigste Licht, der zweite bestand aus peinlichen Lobhudeleien auf den Besten Freund.
„Das muß ich mir noch genau überlegen, ob ich das da unterschreibe“, sagte Tom schließlich angewidert.
„Dann überlege, wir haben genug Zeit. Du solltest dir aber im klaren sein, daß du deinem König Artus nicht hilfst, indem du nicht unterschreibst; sein MUNDUS-Account ist ohnehin schon längst gelöscht. Es geht hier also nicht so sehr um Herrn Mayfeld, der niemals wieder irgendwen unterrichten wird, sondern nur um dich.“
Tom sah sich das Blatt Papier noch einmal genauer an und sagte dann: „Finn hat auch nicht unterschrieben.“
„Finn ist tot“, erwiderte Herr Kunter mit eisiger Kälte.
„Tot?“ wiederholte Tom ungläubig und entsetzt.
„Tot. Mit seinem Hackerangriff auf MUNDUS-Profile hat er nicht nur gegen die Nutzungsbedingungen von MUNDUS verstoßen, sondern auch gegen Strafgesetze, und als die Polizei erschien, um ihn festzunehmen, hat er sich aufgehängt. Das ist bereits am Abend des vorigen Freitags passiert. Sein Ableben ist mit Sicherheit kein Verlust für die Menschheit.“
Tom rang einen Moment um seine Fassung; schließlich fragte er Herrn Kunter in höhnischem Ton: „Sie glauben wirklich, daß MUNDUS ein Segen für die Menschheit ist, nicht wahr?“
„Selbstverständlich. Du hängst offenbar immer noch der Vorstellung an, daß MUNDUS den Menschen irgendetwas aufzwingen würde. Aber in Wirklichkeit haben wir immer nur Dienste entwickelt und angeboten, die den Bedürfnissen der Menschen entsprachen. MUNDUS ist deshalb allgegenwärtig, weil unsere Nutzer genau das wollten.“
„Es gab immer welche, die auf all das keinen Wert legten. Es gibt sie auch heute noch, und es wird sie auch in Zukunft geben.“
„Mag sein, daß es solche geistig Verwirrten gibt, aber ihr Einfluß wird immer schwächer werden und zuletzt werden sie ganz verschwinden. Die Menschheit entwickelt sich weiter, Tom. Wir entwickeln sie weiter. Bereits heute ist die Menschheit auf eine Weise vernetzt, die sich früher niemand hätte vorstellen können; das M-Phone ist so etwas wie ein lebenswichtiges Organ geworden. Aber das ist nur der Anfang. Wir werden Implantate entwickeln, die den menschlichen Körper immer mehr ersetzen werden und die miteinander in ständiger Verbindung stehen werden, bis es schließlich keine Individuen geben wird, sondern nur noch ein gewaltiges Netzwerk aus Cyborgs. Diese Entwicklung steht noch am Anfang, aber sie ist trotzdem nicht mehr aufzuhalten.“
„Glauben Sie ernsthaft, daß niemand Sie daran hindern wird?“
„Wer sollte dies tun? Globsoo und Quanshe werden dies nicht tun, da sie diese Entwicklung selbst forcieren; die Erneuerer können uns nicht aufhalten, und sonst kann es erst recht niemand. Oder glaubst du vielleicht, daß uns der Gott der Christen aufhalten wird? Vergiß es. Gott existiert nur in den Wunschträumen einiger Schwärmer; auf das reale, das diesseitige Leben hat er keinerlei Einfluß. Es steht dir natürlich frei, zu glauben, daß in irgendeinem jenseitigen Leben Jesus Christus auf dich warten wird, doch in diesem Leben wird es immer nur den Besten Freund geben.“
„Existiert der Beste Freund denn überhaupt?“
„Natürlich existiert er. Der Beste Freund steht an der Spitze von MUNDUS, so wie der Papst an der Spitze der katholischen Kirche steht. Vielleicht wird sich irgendwann das Gesicht des Besten Freundes verändern, doch was tut das schon zur Sache? Gesichter interessieren heute niemanden, nur Bilder von Gesichtern, und die sind stets digital und veränderbar. Wir schaffen Bilder, und damit schaffen wir auch Fakten und die Realität - die einzige Realität, die noch greifbar ist.“
„Es gibt noch eine andere Realität, die der Erinnerungen“, widersprach Tom.
„Du weißt offenbar nicht sehr viel über das menschliche Gedächtnis. Das Gedächtnis ist manipulierbar, falsche Erinnerungen lassen sich einpflanzen, das haben Forscher schon in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhundert getan. Und wer verläßt sich schon auf sein Gedächtnis, wenn er Bilder vor sich sieht? Die Macht der Bilder ist stärker als die Erinnerung, und alle Bilder machen wir. Es gibt keine analoge Fotografie mehr, alle Bilder heute sind digital und damit unter der Kontrolle von MUNDUS.“
Tom spürte, daß ihm die Argumente ausgingen und seine geistigen Widerstandskräfte zunehmend erlahmten. „Ich bin müde“, sagte er schließlich.
„Dann will ich dir ein wenig Bedenkzeit gewähren“, versetzte daraufhin Herr Kunter mit einem Lächeln, das auf fast schon ekelhafte Weise falsch wirkte.

Tom wurde wieder in den Warteraum geführt, in dem er schon die Stunden vor seinem Gespräch mit Herrn Kunter verbracht hatte. Er verstand nun recht gut, warum nahezu alle Ritter der Tafelrunde das Papier, das ihm vorgelegt worden war, letztlich unterschrieben hatten. Er sah auch keinen anderen Weg mehr für sich - abgesehen von dem, für den Finn sich entschieden hatte. Er sehnte jetzt auch seinen Tod regelrecht herbei und schreckte dennoch davor zurück.
Während er noch so in dem Raum saß, nahm er wahr, daß die Tür geöffnet wurde, und er erwartete, daß entweder die vier muskulösen Männer oder gleich Herr Kunter eintreten würden.
Doch es war seine Großmutter.
„Oma!“ rief Tom völlig überrascht. „Wie kommst du denn hierher?“
„Dein Lehrer für digitale Kompetenzen hat mich benachrichtigt und über die Schwierigkeiten informiert, in die du dich gebracht hast.“
„Ich hatte eigentlich gehofft, daß du mich verstehen würdest“, entgegnete Tom. „Du fühlst dich doch in der heutigen Welt auch nicht wohl.“
„Ich verstehe dich ja auch. Besser als du annimmst. Ich muß dir jetzt endlich ein Geständnis machen, Tom.“
Diese seltsame Ankündigung weckte Toms Neugier dermaßen, daß er seine eigenen Probleme fast völlig vergaß. „Was denn für ein Geständnis?“
„Deine Eltern sind nicht bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, auch wenn ich das immer erzählt habe. In Wirklichkeit haben sie so ähnliche Dinge getan wie du und deine Freunde, und ihre MUNDUS-Accounts wurden gelöscht.“
„Gelöscht?“ wiederholte Tom konsterniert. „Du hast doch immer gesagt, sie hätten gar keinen gehabt, das wäre damals noch möglich gewesen...“
„Das entsprach auch nicht so ganz der Wahrheit. Sie waren bei MUNDUS angemeldet, und nach der Löschung ihrer Accounts sind sie von einem Hochhaus gesprungen; Hand in Hand.“
„Und das erzählst du mir jetzt? Nach so vielen Jahren?“
Betrübt entgegnete Silke Becker: „Ich verstehe durchaus, daß du wütend bist... Ich wollte es dir eigentlich schon viel früher sagen, aber als du zu mir gekommen bist, warst du noch zu klein, und dann habe ich es immer weiter aufgeschoben. Aber jetzt mußte ich es dir sagen. Tom, du bist alles, was ich noch habe; folge nicht dem Beispiel deiner Eltern, sondern versuche dich irgendwie mit der Welt zu arrangieren, auch wenn es noch so schwer ist.“

Nicht einmal zehn Minuten später unterschrieb Tom das Papier, das Herr Kunter ihm während der Anhörung vorgelegt hatte.
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