MUNDUS

GeschichteSci-Fi / P16
08.03.2018
12.01.2019
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Die folgende Geschichte hat sich innerhalb kurzer Zeit in meinem Kopf zusammengebraut und dabei so gepackt, daß ich einfach mit der Niederschrift beginnen mußte, obwohl meine Pläne an sich ganz andere waren. Einige Ideen darin beschäftigen mich schon lange, andere sind neu; ob das ganze eine Erzählung bleiben oder sich sogar zu einem kleinen Roman ausweiten wird, weiß ich im Augenblick noch nicht so genau. Was den Hochladerhythmus betrifft, so kann ich wegen meines gegenwärtigen Zeitmangels keine Wunderdinge versprechen und appelliere daher an die Geduld interessierter Leser.


MUNDUS



Auf dem Schulweg


„Tom! Beeil dich, sonst kommst du noch zu spät zur Schule!“
Tom Becker stand fertig angekleidet in seinem Zimmer und wußte nicht so recht, ob er sich über seine Großmutter ärgern oder doch eher milde über ihre überflüssige Ermahnung lächeln sollte; schließlich war er noch nie zu spät zur Schule gekommen. Trotzdem entschied Tom sich für das milde Lächeln; immerhin war für ihn nicht nur der erste Schultag nach den Osterferien, sondern auch der erste Tag an seiner neuen Schule, und daher fürchtete seine Großmutter vermutlich, daß er sich auf dem noch ungewohnten Weg zum Education Tower, in dem auch die Steve-Jobs-Schule untergebracht war, verirren und dadurch verspäten könnte. Da er sich nicht daran erinnern konnte, sich schon einmal verlaufen oder auf andere Weise verirrt zu haben, war auch diese Befürchtung (sofern seine Großmutter sie wirklich hegte) etwas realitätsfern, aber Tom hielt es für das beste, auch darüber hinwegzusehen.
Er rief daher, während er sich auf den Weg zum Eßzimmer machte, seiner Großmutter durchaus wahrheitsgemäß zu: „Keine Sorge, ich bin bereit zum Aufbruch!“
Als Tom ins Eßzimmer eintrat, nahm er zwei Geräusche war, die sich gegenseitig durchmischten: aus der Küche drangen die Laute, die die Kaffeemaschine von sich gab, während zugleich ein leises, aber doch unüberhörbares Summen aus dem Wohnzimmer kam. Tom kannte dieses Geräusch sehr gut und wußte daher genau, wodurch es verursacht wurde: seine Großmutter ließ gerade all die ihr interessant erscheinenden Artikel, die ihr die Nachrichtensoftware von MUNDUS als informative Morgenlektüre vorgeschlagen hatte, ausdrucken. Gedruckte Zeitungen, wie sie früher einmal üblich gewesen waren, gab es schon lange nicht mehr, aber Toms Großmutter war altmodisch und wollte die Meldungen des Morgens nicht auf dem großen Computerbildschirm lesen, wie Tom es häufig tat, und das M-Phone dafür zu verwenden, wäre ihr schon wegen der kleinen Schrift erst recht nicht in den Sinn gekommen.
Tom störte es eigentlich nicht, daß seine Großmutter so altmodisch war; er fand es für gewöhnlich sogar recht interessant, ihr zuzuhören, wenn sie von früheren Zeiten sprach und etwa von den Telefonen mit Wählscheiben erzählte, die es in ihrer Kindheit noch gegeben hatte. Aber auch sonst fand sie in ihm einen aufmerksamen Zuhörer, wenn sie aus ihrem Leben erzählte, und dies tat sie recht häufig. Den Schilderungen seiner Großmutter verdankte Tom zudem seine - wenn auch nur vagen - Vorstellungen von den Zeiten zu Beginn des Jahrhunderts, in denen es MUNDUS noch nicht gegeben hatte. Offenbar hatte es damals schon große Internetkonzerne gegeben, aber noch kein Unternehmen, das mit MUNDUS zu vergleichen gewesen wäre: sie alle waren jedoch irgendwann entweder ganz verschwunden oder zu einem Teil von MUNDUS geworden, und heute gab es eben nur noch MUNDUS (wenn man einmal von den beiden Konkurrenten Globsoo und Quanshe absah, die in Rußland respektive China eine ähnliche Vormachtstellung besaßen wie MUNDUS in Europa, Amerika, Australien und einigen Teilen Asiens). Wann und wie genau MUNDUS zum größten und mächtigsten Unternehmen der Welt, das von Milliarden Menschen gleichermaßen als soziales Netzwerk, Suchmaschine, Versandhandel und Nachrichtendienst verwendet wurde und zudem auch noch die entsprechenden Geräte herstellte, wußte Toms Großmutter auch nicht mehr so genau. Doch selbst dann, wenn ihre umfassenden Erzählungen von früheren Zeiten gelegentlich kleine Lücken aufwiesen, fand es Tom dennoch fast immer interessant, ihr zuzuhören, zumal sie auch eine Menge an persönlichen Erlebnissen und kleinen Anekdoten beizusteuern hatte.
Nur über den Tod von Toms Eltern sprach sie kaum einmal, und wenn es sich nicht vermeiden ließ, gab sie nicht mehr preis, als daß Leonie und Paul Becker bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. In den elf Jahren, die Tom nun mit seiner Großmutter zusammenlebte, hatte Tom bis vor kurzem nie daran gezweifelt, daß dies der Wahrheit entsprach, doch vor einigen Wochen, kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag, waren ihm erstmals Bedenken gekommen: die ausweichende Art, auf die seine Großmutter vom angeblichen Unfalltod seiner Eltern sprach, und die leichten, aber doch spürbaren Verzögerungen, mit denen sie seine (ohnehin seltenen) Fragen dazu zu beantworten pflegte, hatten ein leichtes Mißtrauen in ihm geweckt. Er scheute sich jedoch, solche Überlegungen offen auszusprechen; schließlich wollte er sein an sich gutes Verhältnis zu seiner Großmutter nicht unnötig aufs Spiel setzen.
So setzte Tom sich nun an den Eßtisch, den seine Großmutter bereits nahezu vollständig gedeckt hatte; nur der Kaffee fehlte noch. Silke Becker sagte nun zufrieden: „Da bist du ja, Tom.“
„Natürlich, Oma“, erwiderte Tom mit einem leicht schelmischen Grinsen. „Hast du ernsthaft geglaubt, daß ich verschlafen würde?“
„So etwas passiert schneller, als du denkst, vor allem am ersten Schultag nach den Ferien“, behauptete seine Großmutter und schüttelte dabei ihre blondierten Locken, die ihr mittlerweile recht faltiges Gesicht umrahmten, „und gerade heute solltest du unbedingt pünktlich sein, um einen guten Eindruck bei deinen neuen Lehrern und Mitschülern zu hinterlassen.“
Tom dachte insgeheim, daß es zumindest seinen neuen Mitschülern vermutlich egal war, ob er pünktlich zum Unterricht erschien oder nicht, verzichtete aber darauf, einen entsprechenden Kommentar abzugeben.
„Bist du schon aufgeregt?“ wollte Silke Becker nun erfahren.
„Nur ein wenig. Es ist ja nicht das erste Mal, daß ich die Schule wechsle.“
„Ich hoffe, du vermißt deine alte Schule nicht allzusehr?“
„Warum sollte ich?“ gab Tom zurück. „So toll war die Zuckerberg-Schule nun auch wieder nicht, und da wir jetzt nun mal hier im Norden Berlins wohnen und nicht mehr in Neukölln, bin ich eigentlich recht froh darüber, eine Schule gefunden zu haben, die ich in einer knappen halben Stunde erreichen kann und nicht in anderthalb.“
„Dann bin ich ja beruhigt“, erwiderte seine Großmutter, die dann auf nach einem kurzem Blick auf ihr M-Phone sagte: „Die Kaffeemaschine hat gerade eine Nachricht geschickt, daß der Kaffee fertig ist, dann werde ich ihn mal holen.“
Während Silke Becker sich auf den Weg in die Küche begab, durchfuhr Tom (nicht zum ersten Mal) der Gedanke, daß seine Großmutter ihre frühere Neuköllner Umgebung ein wenig zu vermissen schien, was Tom nun so gar nicht verstehen konnte: schließlich war sie es gewesen, die den Vorschlag gemacht hatte, sich eine größere und schönere Wohnung zu suchen, nachdem sie in einer Lotterie eine Zusatzrente gewonnen hatte, durch die ihr und Tom nun immerhin doppelt so viel Geld wie zuvor zur Verfügung stand. Tom, der sich in der engen und muffigen Neuköllner Wohnung nie besonders wohl gefühlt hatte, war von ihrer Idee sofort begeistert gewesen, und er hielt den Umzug in den Norden der Stadt auch jetzt noch für völlig richtig: sein neues Umfeld gefiel ihm deutlich besser als Neukölln, und die Wohnung, die er bereits seit dem Jahreswechsel gemeinsam mit seiner Großmutter bewohnte, war nicht nur wesentlich größer, sondern auch in einem deutlich besseren Zustand; außerdem gab es einen recht ansprechend aussehenden Garten, den Tom noch ein wenig zu verschönern gedachte, wenn er einmal die Zeit dafür finden sollte. Tom freute sich immer noch, die alte Wohnung (und die auch nicht immer angenehme Nachbarschaft) hinter sich zurückgelassen zu haben, und um so mehr verwunderten ihn die gelegentlichen Anfälle von Wehmut, die seine Großmutter seit dem Umzug bisweilen überkamen.
Tom hörte die etwas schlurfenden Schritte Silke Beckers, die sich nun wieder dem Eßzimmer näherte; zugleich fiel ihm auf, daß das summende Geräusch des Druckers verstummt war. Er begab sich daher ins Wohnzimmer, nahm die ausgedruckten Artikel an sich und kehrte dann ins Eßzimmer zurück, wo er den kleinen Papierstapel so auf den Tisch legte, daß seine Großmutter ihn von ihrem Platz aus bequem erreichen konnte.
Inzwischen hatte auch Silke Becker das Eßzimmer wieder erreicht und stellte nun die Kaffeekanne auf einem Stövchen ab; dann nahmen Großmutter und Enkel beide ihre Plätze ein, füllten ihre Tassen und bestrichen ihre Brötchen, wobei Tom einfach zur Butter griff, während seine Großmutter sich für die Marmelade entschied. Während des Frühstücks sprachen sie nicht viel; Frau Becker las ihre Artikel, während Tom nach einem Blick auf sein eigenes M-Phone zu dem Schluß kam, daß es vielleicht besser wäre, nicht allein in dem T-Shirt, das er momentan anhatte, das Haus zu verlassen, sondern sich auch noch seine blaue Jeansjacke anzuziehen - wenn sie ihm am Nachmittag zu warm sein sollte, konnte er sie schließlich immer noch in seinem Rucksack verstauen. Nachdem Tom seine Kaffeetasse ausgetrunken hatte, kam er zu dem Schluß, daß es für ihn an der Zeit war, aufzubrechen. Er zog sich seine Jacke und seine Turnschuhe an, verabschiedete sich von seiner Großmutter und verließ das Haus.

Schon nach wenigen Schritten im Freien beglückwünschte sich Tom innerlich dazu, daß er seine Jacke angezogen hatte, denn es war jetzt in den Morgenstunden tatsächlich noch ein wenig kühl; er spürte, wie eine leichte, frische Brise um seine nackten Beine strich, was ihn aber nicht wirklich störte: da sein Oberkörper von der Jacke ausreichend gewärmt wurde, empfand er den kühlen Luftzug sogar als angenehm. Es war ein schöner Morgen, und das Gezwitscher der Amseln begleitete ihn auf seinem Weg zur S-Bahn. Er kam an einigen japanischen Blütenkirschen vorbei, die gerade in ihrer vollen Blüte standen und deren rosafarbene Kronen sich besonders prächtig von dem Hintergrund des tiefblauen Himmels anhoben. Tom mochte den April und den Mai besonders; insbesondere die warmen und angenehmen Frühlingstage galt es zu genießen, denn spätestens in zwei Monaten würde sich Berlin wieder (so wie in nahezu jedem Jahr) in einen Backofen verwandeln, in dem schon die geringste Anstrengung zur Qual geriet; für gewöhnlich stellten sich erst im September wieder erträgliche Verhältnisse ein.
Auf seinem Weg zur S-Bahn holte er allmählich einen Jungen und ein Mädchen ein, die offenbar dasselbe Ziel wie er hatten. Tom schätzte, daß der Junge elf Jahre alt war und das Mädchen neun; beide hatten schwarze Haare, braune Augen, trugen überdies dunkle Hornbrillen und sahen sich auch in allen anderen Belangen so ähnlich, daß sie leicht als Geschwister zu erkennen waren. Beide hatten blaue Sweatshirts an, die mit dem Schriftzug „I love MUNDUS“ bedruckt waren; außerdem trugen sie (so wie auch Tom) kurze blaue Jeans.
Das Mädchen schaute gerade auf sein M-Phone und sagte dann entzückt: „Der Beste Freund hat mir zum Geburtstag gratuliert!“
„Das ist doch nichts besonderes“, antwortete ihr Bruder in hochnäsigem Ton, „er gratuliert doch jedem zum Geburtstag!“ Das stimmte natürlich, wie Tom hätte bestätigen können: ihm hatte der Beste Freund gerade erst neulich im März ebenfalls Glückwünsche zu seinem Geburtstag geschickt.
„Ich finde es trotzdem sehr nett, daß er an mich gedacht hat“, beharrte das Mädchen.
„Meine Güte, bist du dumm“, sagte ihr Bruder daraufhin mit noch größerer Herablassung als zuvor. „Du glaubst doch nicht im Ernst, daß der Beste Freund wirklich all diese Glückwünsche selbst schreibt? Vermutlich haben jeden Tag zehn bis fünfzehn Millionen Benutzer von MUNDUS Geburtstag, denen kann der Beste Freund doch gar nicht allen persönlich gratulieren, und außerdem hat er schließlich noch andere Dinge zu tun. Das ist einfach so eine automatische Funktion von MUNDUS, die dafür sorgt, daß die Glückwünsche verschickt werden.“
„Du bist gemein!“ protestierte das Mädchen nun lauthals.
„Wieso gemein? Ich sage doch nur, wie es ist.“
„Du bist trotzdem gemein! Auch wenn es stimmt, hättest du es mir nicht sagen müssen.“
Tom lächelte ein wenig über den Dialog, den er zu hören bekommen hatte, doch dann begann er, zu überlegen: was wußte er eigentlich über den Besten Freund, außer der Tatsache natürlich, daß dieser an der Spitze von MUNDUS stand? Weder sein bürgerlicher Name noch sein Alter waren in der Öffentlichkeit bekannt, und obwohl jeder MUNDUS-Benutzer mit ihm „befreundet“ war, schien kaum jemand näheres über ihn zu wissen. Angeblich lebte er seit Jahren auf dem Mond, was Tom aber für unwahrscheinlich hielt; MUNDUS hatte zwar tatsächlich den Hauptfirmensitz vor geraumer Zeit auf den Mond verlegt, doch da der menschliche Körper einfach nicht für einen dauerhaften Aufenthalt auf dem Mond geschaffen war, war Tom sich recht sicher, daß auch der Beste Freund allenfalls einige Monate am Stück auf dem Erdtrabanten verbrachte, aber bestimmt nicht dauerhaft dort lebte. Auch sonst war der Beste Freund kaum greifbar. Es verging zwar kein Tag, ohne daß er sich entweder auf seinem Profil oder über den MUNDUS-Kurznachrichtendienst zu allen nur erdenklichen Themen geäußert hätte, doch wer garantierte schon, daß er all dieses Zeug wirklich selbst schrieb? Anscheinend alterte er auch nicht; sowohl auf aktuellen Fotos vom Besten Freund als auch auf solchen, die schon fünf oder sogar zehn Jahre alt waren, war stets ein freundlich lächelnder Lockenkopf zu sehen, der ungefähr vierzig Jahre alt zu sein schien.
Mittlerweile hatte Tom den S-Bahnhof erreicht, so wie auch die beiden Geschwister, die sich immer noch stritten. Eine scheppernde Stimme gab kurz darauf bekannt, daß sich der nächste Zug wegen Störungen im Betriebsablauf leider um einige Minuten verspäten werde. „Manche Dinge ändern sich eben nie“, murmelte Tom grimmig. Auf die Unpünktlichkeit der Züge in Berlin war Verlaß; laut den Schilderungen seiner Großmutter waren schon zu Beginn des Jahrhunderts regelmäßig Züge zu spät gekommen oder ganz ausgefallen, und daran hatte nicht einmal MUNDUS etwas ändern können - ein Gedanke, der fast ein wenig tröstlich war.
Tom setzte sich auf eine Bank und zog sein M-Phone aus der Hosentasche seiner Shorts heraus. Am gestrigen Abend hatte er seinen zukünftigen Klassenkameraden eine kurze Mitteilung („Hallo, ich bin der Neue!“) mit einem Bild von sich und einem Verweis auf sein MUNDUS-Profil geschickt, um sich schon mal ein wenig vorzustellen, und nun wollte er gern wissen, auf welches Interesse seine kurze Nachricht gestoßen war.
Wie er feststellte, hatte er immerhin fünf neue Follower unter seinen zukünftigen Mitschülern gewonnen, vier davon Mädchen, die wahrscheinlich sein Foto angesprochen hatte: Tom wußte sehr wohl, daß er recht gut aussah und mit seinen mittelblonden Haaren und den blauen Augen durchaus Anklang bei manchen Mädchen fand. Eine persönliche Nachricht hatte ihm aber keines der vier Mädchen geschickt; dafür hatte Manuel, der einzige Junge unter seinen neuen Followern, dies getan. Tom las nun:

„Hallo Tom!
Ich freue mich wirklich darauf, Dich kennenzulernen. Besonders gern habe ich auf Deinem Profil gelesen, daß Dir das Christentum sympathisch ist, es gibt sonst leider kaum jemanden in der Klasse, der sich überhaupt dafür interessiert.
Bis morgen früh, Manuel“

Tom nahm Manuel umgehend in den Kreis seiner MUNDUS-Freunde auf, verzichtete aber darauf, dessen Nachricht zu beantworten; schließlich würde er Manuel in einer Viertelstunde persönlich begegnen. Schon jetzt dachte Tom jedoch über Manuels Nachricht nach; offenbar war Manuel gläubiger Christ - zumindest ließen seine Worte dies vermuten, und Tom hoffte, keine zu großen Erwartungen geweckt zu haben, was seine eigene Affinität zur Religion betraf. Tom war nun recht froh darüber, sich auf seinem Profil nicht (wie er einen Moment lang ernsthaft erwogen hatte) als „konfessionell ungebundenen Christen“ bezeichnet zu haben, sondern als „Agnostiker mit großen Sympathien für das Christentum“, denn dies kam der Wahrheit zweifellos deutlich näher. Tatsächlich war Tom sich selbst noch nicht ganz im klaren, ob er nun religiös, womöglich sogar ein Christ war, oder nicht: einerseits hielt er das weitaus meiste, was in der Bibel (in der Tom sich recht gut auskannte) stand, für ziemlichen Unsinn; andererseits mochte er vieles an der christlichen Ethik, und ihm gefiel der Gedanke, daß es noch eine höhere Macht gab, die weit über MUNDUS stand. Wenn er sich in der Natur aufhielt, berührte ihn deren Schönheit häufig so, daß er darin tatsächlich das Wirken eines gütigen Schöpfergottes zu erblicken meinte (ohne daß er deshalb die Evolutionstheorie in Frage gestellt hätte); aber es gab auch durchaus Momente, in denen er sowohl Gott als auch die ergreifende Geschichte von der Auferstehung Jesu nur für eine schöne Erfindung hielt.
Dennoch wollte er gern an Gott und die Auferstehung glauben, und so las er nicht nur viel über das Christentum, sondern verfolgte auch mit großem Interesse, wie sich der Papst zu verschiedenen Themen äußerte. Ohnehin war Tom der gegenwärtige Papst durchaus sympathisch - viel sympathischer jedenfalls als der Beste Freund.
Die verspätete S-Bahn fuhr nun doch noch ein und riß Tom aus seinen Gedanken. Er stieg in den Zug ein und fand sogar einen Sitzplatz; sobald er saß, betrachtete er wieder sein M-Phone, da er noch einen kurzen Blick auf Manuels MUNDUS-Profil werfen wollte. Manuel war ein dunkelhaariger Junge mit einem sehr vertrauenerweckenden Lächeln, der sich, wie es Tom bereits vermutet hatte, auf seinem Profil als katholischer Christ zu erkennen gab; er schien jedoch ein recht liberaler Katholik zu sein, wie Tom beim Überfliegen eines Textes mit der Überschrift „Und sie bewegt sich doch!“ feststellte, in dem Manuel einige seiner Gedanken über die katholische Kirche niedergeschrieben hatte. Tom freute sich; alles sah danach aus, daß er in Manuel einen interessanten Gesprächspartner finden würde. Tom schaltete sein M-Phone wieder ab und verstaute es in der Hosentasche seiner Shorts; um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, reichte das, und für die gründliche Lektüre der von Manuel verfaßten Zeilen war die S-Bahn ohnehin nicht der richtige Ort.
Beim nächsten Halt des Zuges stieg ein bärtiger Mann in stark zerschlissener, recht schmutziger Kleidung ein und wandte sich dann mit arg brüchiger Stimme an die Fahrgäste: „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich habe keine Wohnung und kein Einkommen und bin daher auf kleine Spenden angewiesen. Ich würde mich über jede Unterstützung freuen und wünsche Ihnen noch eine angenehme Weiterfahrt.“
Mit wankenden Schritten bewegte sich der Mann durch den Zug und hielt den Fahrgästen einen etwas schmuddeligen Becher hin, in den nur sehr wenige von ihnen kleine Münzen hineinwarfen; zu ihnen gehörte das Mädchen, das Geburtstag hatte.
„Mia, solchen Leuten sollte man kein Geld geben“, tadelte ihr älterer Bruder.
„Und warum nicht, Lennard? Mir tat der Mann leid!“
„Das war bestimmt einer, der keinen Account bei MUNDUS hat“, erklärte Lennard.
„So was gibt es doch gar nicht, jeder ist doch bei MUNDUS“, widersprach Mia.
„Es stimmt schon, daß jeder von Geburt an MUNDUS-Benutzer ist“, räumte ihr Bruder ein, „aber es gibt Leute, die von MUNDUS ausgeschlossen werden, weil sie irgend etwas Schlimmes getan haben, womit sie MUNDUS und dem Besten Freund Schaden zufügen wollten. Deren Account wird dann gesperrt, und dann verlieren sie natürlich auch ihre Wohnung, können kein Geld mehr abheben und auch sonst nicht mehr viel machen - aber das haben sie sich dann selbst eingebrockt. Ich wette, das war einer von diesen Typen!“
Das Mädchen war nicht wirklich überzeugt: „Aber könnte es denn nicht sein, daß sich sogar MUNDUS mal irrt?“
Lennard machte eine wegwerfende Handbewegung. „MUNDUS weiß mehr über die Menschen als sie selbst - und deshalb macht MUNDUS auch keine Fehler!“
Der Zug verlangsamte sich wieder; es war für Tom an der Zeit, auszusteigen; auch die beiden Geschwister stellten sich nun vor der Tür auf und gedachten offenbar, ebenfalls auszusteigen. Tom dachte über das Gespräch der Kinder nach. Seine Sympathien lagen dabei ganz auf Mias Seite, auch wenn ihr Bruder einiges gesagt hatte, was der Wahrheit entsprach. In der Tat wurde man in der heutigen Zeit schon durch die Geburt automatisch zum MUNDUS-Benutzer, so wie Lennard es gesagt hatte (auch wenn das Profil natürlich während der ersten Lebensjahre von den Eltern verwaltet wurde). Das galt schon längst als Normalität, aber der kleine Vorfall rief Tom wieder ins Gedächtnis, wie sehr die Menschen mittlerweile von MUNDUS abhängig waren; daß es überhaupt Personen gab, die keinen MUNDUS-Account (mehr) besaßen, verdrängten die meisten. Tatsächlich führten diese Unglücklichen eine elende Existenz, denn sie konnten sich eigentlich nur noch mit Bettelei oder kriminellen Aktivitäten am Leben erhalten. Einige wenige führten wohl sogar ein Leben in der Natur und schlugen sich auf irgendeine Weise durch – auch im Tegeler Forst und im Grunewald sollte es einige von ihnen geben, wie Tom jetzt wieder einfiel. Die weitaus meisten, die aus dem MUNDUS-Netzwerk ausgeschlossen wurden, brachten sich aber innerhalb von wenigen Tagen um.
Vor allem aber ging Tom eine Äußerung Lennards nicht mehr aus dem Kopf: „MUNDUS weiß mehr über die Menschen als sie selbst.“ Tom überlegte kurz, was der Konzern über ihn wußte, und er kam zum Ergebnis, daß MUNDUS in der Tat über sein gesamtes Leben im Bilde war. Nur in Toms Gedanken und in seine Träume konnte MUNDUS noch nicht vordringen.
Und nicht einmal das war vollkommen sicher.
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