As sure as the rivers reach the seas

OneshotSchmerz/Trost, Suspense / P18
05.03.2018
05.03.2018
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.
Der Titel ist ein Zitat aus dem Songtext von Over the hills and far away, gewählt habe ich persönlich die Version von Gary Moore, weil sie sich in diesem Kontext passender für mich anhörte als die Version von Nightwish.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Hier kommt nun der siebte Oneshot in meiner kleinen Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk.
Den sechsten Oneshot findet ihr bei Interesse hier: Home came for them
Wie schon der dritte Oneshot – Hero at Dunkirk – spielt auch dieser nach der Evakuierung Dunkirks bzw. der Operation Dynamo.
An dieser Stelle muss ich übrigens zugeben, dass sich der Handlungsverlauf gerade gegen Ende geringfügig verselbstständigt hat, sodass der Oneshot doch etwas länger geworden ist als ursprünglich geplant.


Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!






As sure as the rivers reach the seas


Der Soldat zu seiner Linken keuchte überrascht, als der Lastwagen durch ein weiteres Schlagloch holperte, auf der gegenüberliegenden Holzbank, ein paar Plätze weiter, ächzte ein anderer. Wahrscheinlich der Belgier mit dem dreckverschmierten Verband am Oberschenkel, mutmaßte Farrier stumm und war noch immer nicht sicher, ob der Mann die kommende Woche überhaupt noch erleben würde.

Die Deutschen hatten sie – ihn und andere Gefangene – an einem Sammelpunkt in Lastwagen zusammengepfercht und nun, nun brachte man sie irgendwohin, vermutlich weit weg von der Front, um ihnen nicht nur die Flucht sondern auch die Chance, hinter die Linien ihrer Landsleute zu gelangen, so schwer wie nur irgend möglich zu machen. Nicht, dass in diesem Augenblick sonderlich viele von ihnen Fluchtpläne schmiedeten, bemerkte er mit einem Anflug von Sarkasmus für sich selbst, ganz im Gegenteil! Außer ihm und den beiden deutschen Soldaten schienen alle auf der Ladefläche dieses Lastwagens zu schlafen oder vor lauter Erschöpfung wenigstens zu dösen oder vor sich hin zu vegetieren, erleichtert darüber, dem Tod durch Kugelhagel und Bomben für den Moment entronnen zu sein. Vielleicht waren sie sogar zu erschöpft, um sich darum zu sorgen, unter welchen Umständen die Deutschen ihre Kriegsgefangenen unterbringen und zu was sie sie zwingen würden. Nach all den Nachrichten und Schlagzeilen, die es über das Deutschland unter Hitlers Regierung in den vergangenen Jahren und Monaten gegeben hatte, täten sie jedoch wohl gut daran, genau das zu tun. Im Gegensatz zu ihm waren die meisten anderen einfache Infanteristen, ihr Leben zählte weniger als das eines Offiziers, so grausam das auch sein mochte. Als Offizier konnte man wenigstens noch mit einer ansatzweise besseren Behandlung rechnen, weil man lohnend als Tauschobjekt eingesetzt werden konnte, sollte es erforderlich werden. Doch in diesem Augenblick war auch dieses Wissen bar jeder Bedeutung, konstatierte Farrier wortlos. Was es wert war, würde sich zeigen, sobald die Deutschen sie wie eine Wagenladung Schlachtvieh an ihrem Bestimmungsort abgeliefert hatten.

Und wieder ein Schlagloch, schon wieder! Als ob die Straße mit Löchern anstelle von Steinen gepflastert worden war!

Der Belgier stöhnte erneut, der Laut diesmal hörbar schmerzerfüllter als zuvor. Eine andere Stimme, ein anderer Mann sagte etwas auf Französisch, einer Sprache, die er nicht verstand, den Tonfall aber erkannte er, mahnend, eindringlich, wie eine zu lange und zu oft wiederholte Durchhalteparole. Einer der Deutschen keifte ein paar harsche, drohende Worte zurück; und in der Dunkelheit unter der Plane, die ihnen den Blick nach draußen in die Nacht verwehrte, verzog er mit einer Mischung aus mitleidigem Hohn und Verachtung den Mund. Es war nicht anzunehmen, dass die Belgier mehr davon verstanden hatten als er selbst, nämlich kein Wort. Auch hier konnte er nur anhand des Tonfalls vermuten, worum es ging. Und wäre die Situation nicht so kritisch, dann wäre spätestens dies Grund genug, um schlechte Witze darüber zu reißen. So jedoch biss er nur die Zähne zusammen, ballte die Hände zu Fäusten, bis es wehtat und ließ wieder locker. Es wäre ein Himmelfahrtskommando sondergleichen, hier und jetzt einen Fluchtversuch zu unternehmen, rief er sich zur Ordnung. Er musste warten, beobachten, analysieren, antizipieren und dann, im richtigen Moment das Richtige tun, dann und wirklich nur dann würde er eine Chance haben und solange hielt er besser den Mund. Solange er unter dem Radar seiner Wächter flog, solange sie andere und nicht ihn für die Aufrührer hielten, solange war er einigermaßen sicher. So sicher wie jemand in seiner Position zu dieser Zeit nun einmal sein konnte, relativierte er die Überlegung.

Er schloss die Augen. Es konnte nicht schaden, wenn er versuchte, etwas Ruhe zu finden, ganz gleich, wie erschöpft er war und völlig ungeachtet der Tatsache, dass ihm das Adrenalin noch durch die Adern schoss und er das Blut in den Ohren rauschen hören konnte. Mehr als weitere Schlaglöcher würde die Zeit auf dieser Ladefläche nicht zu bieten haben und herausfinden, wohin man sie brachte oder auch gebracht haben würde, würde er schon noch früh genug und bis dahin…

Es war kein weiteres Schlagloch, das ihn aus dem Schlummer riss, in den er verfallen war, sondern ein schmerzverzerrter Aufschrei, der gleich darauf mit eindringlichen Worten und vermutlich einer Hand unterdrückt wurde. Wieder der Belgier, hielt er nach der ersten Schrecksekunde im Stillen fest, während einer der Deutschen schon etwas brüllte. Der Lautstärke nach zu urteilen war es nicht an die Gefangenen unter seiner Aufsicht adressiert und… Ruckelnd kam der Lastwagen zum Stehen.
Was auch immer gleich passieren würde, es würde… Unwillkürlich hielt Farrier den Atem an, bemerkte erst jetzt, dass dort, wo die Plane nicht ganz bündig mit der Ladefläche schloss, Licht zu sehen war. Hatte er wirklich so lange… Einer der beiden Deutschen machte einen Schritt an ihm vorbei, packte den Belgier in der Uniform und zerrte ihn unter weiteren gebrüllten – für ihn im Wortlaut noch immer unverständlichen – Sätzen auf die Beine und stieß ihn vorwärts, vorwärts in Richtung des Hecks, dorthin, wo noch mehr Tageslicht durch den Spalt in der Plane zu erkennen war. Der andere Deutsche schlug den schweren Stoff zurück und im ersten Augenblick musste er geblendet die Augen zusammen kneifen, doch bloß solange, bis der Belgier mit dem Verband am Oberschenkel für einen Wimpernschlag Schatten warf. Dann stieß der Deutsche ihn von der Ladefläche und es hätte den dumpfen Aufprall und den neuerlichen Schmerzenslaut überhaupt nicht gebraucht, um ihm klarzumachen, dass der Mann sich nicht auf den Beinen hatte halten können, dass er vermutlich mit dem Gesicht voran auf dem Boden aufgekommen war, dass er vielleicht gerade noch die Kraft gehabt hatte, sich mit den Händen abzufangen, doch das, das war eigentlich reine Spekulation seinerseits. Aus dem Augenwinkel – denn er wagte nicht, direkt hinzusehen, um niemanden zu provozieren – sah er, wie der Deutsche von der Ladefläche sprang. Sein Kamerad blieb auf der Ladefläche zurück, das Gewehr im Anschlag, nicht nur augenscheinlich bereit, jeden zu auf der Stelle zu erschießen, der sich jetzt rührte. Farrier biss die Zähne aufeinander, so fest, dass er seine eigenen Kiefer knirschen hörte. Man musste weder sonderlich klug noch erfahren sein, um zu wissen, was jetzt folgen würde. Starr richtete er den Blick auf die Plane auf der gegenüberliegenden Seite.

Es herrschte Totenstille. Bevor der Schuss sich löste und auch danach und selbst dann noch, als der Lastwagen sich wieder in Bewegung gesetzt hatte. Spätestens jetzt musste jeder hier begriffen haben, was auf dem Spiel stand; und Farrier, den Blick auch jetzt noch unentwegt auf die Plane gerichtet, fasste einen Entschluss.

Er war ein Offizier der Royal Air Force. Er würde hier, in Feindeshand, nicht sterben. Er würde sich weder brechen lassen noch den Verstand verlieren noch verzweifeln noch aufgeben. Er würde den Deutschen diese Genugtuung nicht geben. Er würde fliehen, er würde nach Hause kommen, bevor dieser Krieg vorbei war und er würde wieder fliegen, er würde diesen ganzen verdammten Krieg überleben und irgendwann, irgendwann später als alter Mann in seinem ganz eigenen Bett sterben. Aber nicht in diesem Krieg und schon gar nicht als Gefangener!
Er würde zurückkehren. Er würde seine Eltern und seinen Bruder wiedersehen. Er würde Collins wiedersehen und sie würden im Gedenken an Fortis Leader mehr als nur einen Whisky trinken, sie würden sich so sehr betrinken, wie sie es sich vor dem Einsatzbefehl für die Operation Dynamo vorgenommen hatten.

Das würde so sicher sein wie alle Flüsse das Meer erreichten.

Er würde alles, alles andere seinen Fluchtplänen unterordnen. Er würde überlegt vorgehen, er würde einen kühlen Kopf bewahren und er würde keine aussichtsreiche Möglichkeit ungenutzt verstreichen lassen. Er würde nach Hause zurückkehren, um jeden Preis. Er würde seine Familie nicht mit der Ungewissheit über seinen Verbleib und sein Schicksal zurücklassen. Das würde er ihnen nicht antun. Er würde wieder nach Hause kommen. Er würde sie nicht dazu zwingen, ihn für tot erklären zu lassen. Er würde…

Der Lastwagen hielt erneut, draußen wurden Befehle gebrüllt. Diesen Tonfall erkannte er nur zu gut. In dieser Hinsicht war das Militär wohl überall auf der Welt gleich. Kurz darauf wurde die Plane am Heck zurückgeschlagen und die Deutschen trieben sie hinter vorgehaltenen Waffen von der Ladefläche. Wie Vieh, wie er es sich schon ausgemalt hatte.
Der Boden unter seinen Stiefeln war staubig, graslos und ungepflastert, es brauchte auch nur einen einzigen raschen Blick, um zu erkennen, dass das Areal eingezäunt war, gesichert mit teils bloß provisorischen Wachtürmen. Andere Lastwagen standen herum, noch mehr Gefangene, gedrängt in kleinen Gruppen, und die Deutschen sortierten sie wie Vieh anhand ihrer Ränge neu. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde. Es war von vorneherein klar gewesen, dass man irgendwann und irgendwo die einfachen Soldaten von den Offizieren trennen würde – und man trennte sie.

Er verzog keine Miene, als man ihm erneut den Lauf eines Gewehrs in den Rücken stieß, um ihn zum Gehen zu bewegen. Das hatten die Deutschen am Strand von Dunkirk schon getan, dass sie es wieder tun würden, war nur eine Frage der Zeit gewesen; und auch jetzt ließ er sich augenscheinlich widerstandslos dorthin dirigieren, wo sie ihn haben wollten. Er würde überlegt vorgehen, er würde unter ihrem Radar fliegen, er würde nicht auffallen – und er würde entkommen.

Doch noch nicht hier und noch nicht jetzt.

Ein weiterer Lastwagen, eine weitere Ladefläche mit Holzbänken im Dämmerlicht unter einer Plane, damit sie nicht sahen, welchen Weg man nahm und wohin man sie, ihn und andere Offiziere der Royal Air Force, brachte. Sie waren nicht viele, nicht einmal ein Dutzend und im Grunde genommen empfand er es fast als lachhaft, dass die Deutschen nicht damit gewartet hatten, bis sie mehr von ihnen zusammen hatten, um sie dorthin zu bringen, wo sie sie haben wollten. Andererseits… andererseits hieß das wohl, dass bisher nicht mehr von ihnen in Gefangenschaft geraten waren und das wiederum war gut, war sehr gut so.

„Wadham“, raunte der Flying Officer neben ihm plötzlich, gerade noch so laut, dass er ihn verstehen konnte, aber nicht laut genug, damit die Wachen es über das Dröhnen des Motors hinweg hören konnten.

Er stutzte für einen Wimpernschlag. Eigentlich… „Farrier“, erwiderte er ohne eine Miene zu verziehen.

„Abgeschossen?“

„Nein.“

„Defekt?“

„Kein Treibstoff mehr“, gab er Auskunft.

„Hm…“

„Du?“

„Abgeschossen.“

Wadham ballte die Hände zu Fäusten, nicht mehr als das, aber bei Weitem genug, um ihn wissen zu lassen, was er davon hielt.

„Fallschirm?“, hakte er nach.

„Ja.“

„Hm…“

Und damit wollte Farrier es fürs Erste auf sich beruhen lassen. Sie würden mit einiger Sicherheit noch mehr als genug Zeit haben, um sich darüber auszutauschen. Das würde sich sogar schwerlich vermeiden lassen. Er wollte den Blick wieder auf die Plane auf der anderen Seite richten, nicht länger auf Wadhams noch immer zu Fäusten geballte Hände starren, auf den krustigen Schorf, der sich über seinen Knöcheln gebildet hatte, doch er kam nicht dazu. Es war der Blick des Mannes auf der gegenüberliegenden Bank, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der sleeve rank* wies ihn als Flight Lieutenant aus.

„Blackwell“, hörte er Wadham erneut.

„Hm…“

Der Flight Lieutenant wandte den Blick wieder von ihm ab, so plötzlich, dass wohl kaum außer Frage stand, dass er Wadham zur Kommunikation mit ihm aufgefordert haben musste; und so unhöflich das auch anmuten musste, konstatierte Farrier stumm, so nachvollziehbar fand er es. Man tat zweifellos gut daran, die Männer zu kennen, mit denen man zusammengepfercht wurde und vielleicht… vielleicht…

„Pläne für Weihnachten?“

Schlagartig war klar, worauf all das hier hinauslaufen würde, denn niemand, absolut niemand würde zu dieser Jahreszeit schon nach Weihnachten fragen! Doch was hatte er eigentlich anderes erwartet? Es war die verdammte Pflicht jedes gefangen genommenen Offiziers, zu fliehen und wenn ihm das nicht gelang, es wenigstens so oft wie möglich zu versuchen und damit den Feind in Schach zu halten!

„Zuhause sein“, antwortete er leise und ohne Regung.

Wadhams Hände entspannten sich. Der Schorf war an einigen Stellen aufgesprungen und unter seiner Kruste zeigte sich frisches, helles Rot. Es schien ihn nicht zu kümmern, als er erwiderte: „As sure as the rivers reach the seas, mate.“



***


* Da ich keine angemessene deutsche Übersetzung dafür gefunden habe, habe ich wieder einmal einfach den englischen Begriff verwendet. Sleeve ranks sind Rangabzeichen, die sich – wie der Name es schon vermuten lässt – an den Ärmeln der jeweiligen Uniformjacke befinden.

Zu Oneshot Nr. 8 geht es hier entlang: The tide is turning now
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