Teufelskreis

von Rose97
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München
05.03.2018
03.11.2019
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27.01.2018, 20. Spieltag der Bundesliga
Bayern München – TSG Hoffenheim; 5:2

„Herr Robben!“

„Herr Kimmich, Herr Kimmich, was sagen Sie zum Spiel…“

Thomas rollte genervt mit den Augen. Er stand, geschützt vor den Reportern, vor der Mixed Zone. Ihn hatten sie zum Glück noch nicht entdeckt und das war ihm auch ganz recht. Auf die ganzen Fragen konnte er momentan gut verzichten. Sie waren eh gefühlt immer gleich gestellt; warum treffe er nicht mehr, was wäre mit seiner Formkrise, hoffe er, diese bis zur WM wieder abzuschütteln.
Und er wusste langsam nicht mehr, was er darauf antworten sollte. Natürlich hoffte er, bald wieder der Alte zu werden, natürlich hasste er es, momentan des Öfteren nicht das verflixte Tor zu treffen. Gefühlt leierte er diese Standardantworten in jedes Mikro, das ihn erwischte und es kotzte ihn jedes Mal mehr an. Sich immer wieder rechtfertigen zu müssen. Immer wieder dasselbe zu erzählen.

„Hey, hast du vor, hier zu übernachten?“
Überrascht drehte Thomas sich um und blickte in das grinsende Gesicht von seinem Teamkollegen Robert, welcher ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte. Der hatte gut lachen. Er hatte ja auch heute getroffen. Anders als seine eigene Wenigkeit.
„Klar, ich warte nur bis die Meute weg ist, dann schlag‘ ich hier mein Zelt auf.“, versuchte er einen schwachen Witz zu reißen. Das konntest du auch schon mal besser, dachte er und schaute schweigend an Robert vorbei und gegen die Wand.
Robert hob eine Augenbraue. „Ich merk‘ schon, Radio Müller hat heute keinen Bock mehr auf Sendung zu gehen.“, bemerkte er und Thomas nickte seufzend.
„Worauf du Gift nehmen kannst. Aber es ist ja auch egal, ob ich was zu der Presse sage oder nicht – ich darf morgen garantiert trotzdem was über mich lesen. Und bestimmt nichts Positives, da wette ich mit dir.“

Er wollte die Schlagzeilen um sich selbst ja gerne ignorieren. Leider klappte das nur so lange, bis er eine Zeitung sah, die sein Gesicht zeigte, natürlich in Großaufnahme, wie er entweder verzweifelt in den Himmel blickte, sich die Hände vors Gesicht schlug oder auf dem Rasen kauerte, weil er – mal wieder – den Ball nicht über die Linie drücken konnte. Er las sich alle Artikel über sich selbst durch, und je mehr die Presse auf ihn eindrosch, ihn als „Gefahr für den deutschen Fußball“ oder „Sündenbock der Bayern“ hinstellte, desto mehr verlor er den Glauben an sich selbst, noch gut genug zu sein.
„Hey, nimm dir das mit der Presse nicht so zu Herzen, okay?“, unterbrach Robert seine Gedankengänge, „Du hast jetzt halt ein kleines Tief, aber das wird schon. Du wirst wieder der Alte, Thomas. Das weiß ich.“
Er hätte es dem Polen so gerne geglaubt.

„Komm, wir müssen los, die anderen warten“, fügte Robert hinzu und nahm ihm am Arm um ihn durch die Mixed Zone zu dirigieren. Doch Thomas stemmte sich gegen ihn und schüttelte bestimmt den Kopf.
„Vergiss es. Mich kriegen da keine zehn Pferde durch, die lauernd doch alle drauf, dass ich rauskomme um mich wieder mit Fragen zu löchern. Das brauch‘ ich gerade echt nicht.“
Robert seufzte und fuhr sich dann durch die dunklen Haare. „ Du musst ja nicht antworten, du gehst einfach wortlos an denen vorbei. Wärst nicht der Erste, der das macht.“
„Dann bin ich aber das Arschloch des Teams, weil heute anscheinend außer mir alle in Redelaune sind und den Reportern alles beantworten.“, zischte Thomas genervt.
Robert deutete ein Schulterzucken an, blickte einmal zu den Reportern und dann wieder zu ihm. „Musst selber wissen, was du machst, Kumpel. Ich sag‘ dem Busfahrer dann schon mal Bescheid, dass du noch ein wenig brauchst.“
Sprach’s und weg war er. Als die Reporter ihn erblickten stürzten sie sich sofort auf ihn wie ausgehungerte Raubtiere auf die Beute und ertränkten ihn in Fragen, welche Robert auch alle so ausführlich wie möglich beantwortete.

Thomas kniff die Lippen aufeinander und strich sich durch das kurze Haar. Es half alles nichts, Robert hatte recht. Er konnte nicht ewig hier stehen und Wurzeln schlagen. Denn wenn die Reporter auch nur ein bisschen des Zählens mächtig waren, würden sie schon längst gemerkt haben, dass sie bis dato nur 22 der Bayernspieler an ihren Mikrofonen hatten und er fehlte.
Und jetzt möglichst unauffällig durch das Bild zu huschen war immer noch besser, als wenn Lewy gleich verschwunden war und die Aufmerksamkeit der Mikros komplett ihm gelten würde.
Er atmete noch einmal tief durch, zog sich seine rote Kapuze tief ins Gesicht, senkte den Blick und ging schließlich schnellen Schrittes Richtung Ausgang, in der Hoffnung, niemand würde ihn ansprechen.
Natürlich wurde sein Wunsch nicht erhört.

Gefühlt in Zeitlupe schienen die Reporter ihn zu entdecken, das erste Mikro wurde ihm entgegen gehalten, dann zwei, dann drei… Das Blitzgewitter der Kameras blendete ihn und er kniff die Augen zusammen und hielt sich seine linke Hand schützend vors Gesicht, während er einfach stur weiter ging.
„Herr Müller! Herr Heynckes hat Sie heute erst spät eingewechselt, verliert er das Vertrauen in Sie?“
Bitte, lasst mich einfach in Ruhe. Bitte, schoss es ihm fast schon flehend durch den Kopf.
„Herr Müller, Sie haben schon wieder kein Tor erzielt und bald steht die WM an! Hoffen Sie, ihren Torinstinkt wieder zu bekommen?“
Natürlich wurde diese Frage gestellt.

Genervt stoppte Thomas, zog seine Hand vom Gesicht und funkelte den noch sehr jungen Reporter, der die Frage gestellt hatte, wütend an.
„Was stellen Sie manchmal eigentlich für bescheuerte Fragen?! Nein, natürlich hoffe ich das nicht! “er schrie eher den Reporter an, als dass er wirklich ins Mikrofon sprach, „Ich fühle mich klasse, wenn ich keine Tore schieße! Ist ja auch nicht meine Hauptaufgabe, wissen Sie. So als Angreifer.“
Der Reporter schwieg einige Sekunden und blinzelte ihn ein paar Mal irritiert an, ehe er nervös auflachte.
„Ach, ich wurde schon von meinen Kollegen vorgewarnt, dass Sie manchmal Witze reißen, lauter werden oder sarkastisch antworten. Aber um auf die Frage zurückzukommen…“
Thomas hätte heulen können.

Plötzlich schob sich Robert zwischen die beiden und lächelte den Reporter höflich an.
„Tut mir leid, dass ich mich hier so einmische, aber wir müssen wirklich los. Der Bus wartet.“
Damit nahm er Thomas sanft aber bestimmt am Arm und zog ihn vom Reporter weg. Thomas lies es einfach geschehen. Seine Ohren klingelten, sein Kopf dröhnte, er wollte nur noch nach Hause und in sein Bett.
Trotzdem schnappte er eine Unterhaltung von zwei Reportern auf, die sich – natürlich – um ihn drehte.
„Was war das denn bitte für eine Aktion? Jetzt lässt er schon andere für sich reden? Spielt wie der letzte Dreck und hat dann nicht mal den Mumm, dazu Stellung zu beziehen?“
Gereizt riss er sich von Lewy los und stapfte wortlos Richtung Ausgang, stieß die Tür auf und ging zum Bus.

„Thomas?“
Na klasse. Hatte man den nicht mal im Bus seine Ruhe?! Er wollte auf der Fahrt zurück mit niemandem reden, wollte einfach nur für sich sein und hatte sich deshalb extra von den anderen weggesetzt.
Deshalb drehte er sich auch nicht um, blickte einfach weiter aus dem Fenster während er antwortete.
„Was?“
„Könntest du dir mal für fünf Minuten die Kopfhörer aus den Ohren ziehen?“
„Warum, Josh? Seht ihr alle nicht, dass ich meine Ruhe haben will? Ich sitze allein hinten im Bus, habe Kopfhörer drin und schaue aus dem Fenster. Das ist die Definition von „Lass mich in Ruhe!“ Soll ich mir noch ein Schild basteln und umhängen, damit es jeder schnallt?“
„Mann, sei nicht so scheiße, Thomas.  Ich will wirklich mit dir reden.“
Thomas hob nur eine Augenbraue und schaltete dann seufzend die Musik aus.
„Willst du – oder sollst du?“
„Mats und Robert haben mich hergeschickt.“
Natürlich. Wer auch sonst?

Joshua war nun schon die dritte Person, die sich während der Fahrt zu ihm gesellte und versuchte, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Davor hatten Robert und Mats sich zu ihm gesetzt und versucht, ein Gespräch über seine Formkrise zu beginnen und wie sie ihm damit helfen könnten aber er hatte sich nicht daran beteiligt und geschwiegen, bis die beiden es aufgegeben hatten und wieder von dannen gezogen waren, aber nicht ohne ihm noch mitzuteilen, dass er sich wie ein Kleinkind verhalten würde, wenn er sich bockig ausschwieg.
Sie nannten es bockig, er nannte es konsequent.
Er wollte momentan mit niemanden über seine Probleme reden, also tat er es auch nicht.

„Und da konntest du nicht einfach nein sagen? Oder haben sie dir Geld geboten, wenn du dich dazu erbarmst, mit mir ein paar Worte zu wechseln?“
Joshua grinste leicht.
„Ja, zehn Euro. 15 wenn ich dich zum Lachen kriege. Wäre als nett, wenn du ihnen mal kurz strahlend zuwinken könntest. Meine Eltern haben mir diesen Monat das Taschengeld gestrichen, ich brauch‘ das Geld.“
„Sehr witzig, Kleiner.“
Joshua wurde wieder ernst und legte den Kopf etwas schief.
„Nein, im Ernst… Robert hat mir gesteckt, dass du mies drauf bist – und das nicht erst seit heute. Das kann doch nicht nur an deiner kleinen Formkrise liegen. Ist bei dir privat alles okay? Mit deinen Eltern, mit Lisa? Willst du wirklich nicht darüber reden? Danach geht es dir bestimmt besser. Und vielleicht können wir dir bei deinem Problem helf-“
„Verdammt, Josh, ihr seid nicht meine Psychologen! Es ist nichts! Ich bin momentan einfach nicht so gut drauf, das ist alles – und nein, bevor du fragst, es hat nichts mit euch zu tun. Nur mit mir. Das bekomme ich aber alles schon wieder in den Griff. Ich will einfach nicht darüber reden. Und wenn du mich jetzt entschuldigen würdest“, Thomas deutete auf seine Kopfhörer, „ich würde gerne weiter Musik hören. Allein.“
„Aber…“, begann der 23jährige noch einen schwachen Versuch, Thomas zum reden zu bekommen, aber dieser winkte nur genervt ab und wandte sich wieder dem Fenster zu.
Seufzend schüttelte der Jüngere den Kopf.
„Dann eben nicht…“, murmelte er und sah zu, dass er wieder zu den anderen kam.
Manchen Leuten war einfach nicht zu helfen.

Als Thomas später am Abend die Haustür aufschloss, begrüßte ihn einsame Stille. Er knipste das Licht an, schloss die Tür wieder und entledigte sich Jacke und Schuhen.
„Schatz, ich bin wieder da!“, rief er, aber nicht mal seine beiden Hunde kamen um ihn zu begrüßen.
Lisa ist bestimmt mit den beiden noch draußen oder beim Stall, dachte er und ging in die Küche. Der rosafarbene Klebezettel auf dem Küchentisch bestätigte seine Vermutung. In der geschwungenen Schrift seiner Frau stand dort:

Hey,
bin noch beim Stall, wenn du nach Hause kommst. Essen ist im Kühlschrank.
Bis nachher
Lisa

Thomas öffnete den Kühlschrank und holte die Nudeln mit Tomatensoße heraus. Während er sich das Essen erwärmte, spielte das Radio im Hintergrund erst verschiedene Lieder aus den Charts.
Mit seinem Essen und einem Glas Wasser ging er ins Wohnzimmer, stellte Teller und Glas auf dem kleinen Tisch ab und drückte im Vorbeigehen den Anschaltknopf des Fernsehers.
Sich einfach nur berieseln lassen, egal, was gerade so lief. Das war seine Abendplanung. Abschalten.
Den Tag abhaken.

„Hallo und Willkommen zur Sportschau.“, begrüßte ihn ein enthusiastischer Moderator und er stöhnte genervt auf.
Alles, nur nicht die Wiederholung des Bayernspieles. Da hatte Titanic ja ein glücklicheres Ende, zumindest im Vergleich mit seinem eigenen Spiel.
Hektisch griff er auf den Tisch und wollte die Fernbedienung greifen um das Programm zu wechseln.  
Leider bekam man es im Haushalt Müller oft nicht hin, einen Gegenstand nach Nutzung dorthin zurückzutun, wo er hingehörte, deswegen befand sich die Fernbedienung leider nicht am eigentlichen Platz. Also begann Thomas alle Zeitungen und Zeitschriften vom Tisch zu fegen, in der Hoffnung, die Fernbedienung zu finden, bevor der Moderator zum Bayernspiel kam.

Nichts. Keine Fernbedienung.

Im Hintergrund beendete der Moderator gerade die Aufzählung aller Spiele des Tages.
„Dann beginnen wir mal. Das Spiel, was wir uns zuerst näher anschauen werden, ist das Spiel der Bayern gegen Hoffenheim. Die Bayern haben souverän 5:2 gewonnen, soweit im Süden also nichts Neues.“
Thomas war inzwischen dazu übergegangen, alle auf der Couch befindlichen Kissen auf den Boden zu befördern, vielleicht war die Fernbedienung ja dazwischen gerutscht.
Auch nichts.
Komm, dann schalt‘ das Ding einfach aus, dachte er hektisch und ging auf den Fernseher zu. Genau in diesem Moment leuchtete ihm jedoch vom Bildschirm sein Gesicht entgegen. Wie in Trance blieb er stehen und starrte sich auf dem Flachbildfernseher an.
„Thomas Müller war mal wieder einer der schwächsten im Team. Er wurde von Jupp Heynckes erst in der zweiten Hälfte eingewechselt und konnte wie schon so häufig in letzter Zeit keine wirklichen Akzente setzen. Und als wäre das nicht schon genug hatte er nach dem Spiel noch eine kleine Auseinandersetzung mit einem Reporter.“, drang die Stimme des Moderators zu ihm durch.
Thomas wusste selbst, dass es schlauer wäre, den Fernseher sofort auszuschalten und sich nicht schon wieder anzuhören, was die Medien über ihn berichteten. Aber er konnte es einfach nicht. Auch wenn er wusste, dass sie ihn wieder auseinandernehmen würden und alles an ihm kritisieren würden, es war wie eine Sucht.
Das Bild blendete einen kleinen Ausschnitt ein, welcher ihn nach dem Spiel in der Mixed Zone zeigte wie er den jungen Reporter anschrie.
Schnitt auf Robert, der sich dazwischen schob und ihn von den Reportern wegzog.
Ein neuer Schnitt auf einen anderen Reporter, der nur den Kopf schüttelte und sich dann zu der Kamera umdrehte.
„Was für ein Hitzkopf. Man kann die Spieler anscheinend nicht mehr auf ihre unterirdische Leistung ansprechen, das war früher auch anders. Die wollten sich da noch wenigstens verbessern.“
„Ach und du denkst, das macht mir Spaß, in einer Formkrise zu stecken, die so tief ist wie der Marianengraben?!“, schrie Thomas den Fernseher an, ehe er ihn wütend ausmachte.

Er lernte es auch nicht. Nach jedem Medienbericht über sich, den er sich ansah, fühlte er sich wie der letzte Dreck. Und trotzdem schaute er es sich immer wieder an.
Er rieb sich müde durch das Gesicht und seufzte. Sein Blick wanderte ziellos durchs Wohnzimmer, ehe er am Schrank mit dem Hochprozentigen hängen blieb.
„Nur…ein kleiner Schluck…“, murmelte er und stolperte auf den Schrank zu. Er wollte sich ablenken von diesem Scheißtag. Und was war da besser als purer Alkohol?
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, sich ein Glas zu suchen sondern öffnete die Flasche sofort und setzte sie an seine Lippen.
Hätte er gewusst, was er damit für sich selbst lostreten würde, hätte er es bestimmt gelassen.
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Es geht weiter :) Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen – wenn ihr mögt, lasst mir gerne Feedback da, ich beiße auch nicht ;)
Und für die 5 Favoriteneinträge und das Review von littlefairy auch noch mal ein großes Danke :)
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