Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

if you could, would you take it back?

von Dissa
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
Alex Standall
04.03.2018
04.03.2018
1
912
3
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
04.03.2018 912
 
„Was zur Hölle ist das??“
„Ich arbeite mich durch die Karte durch. Das ist meine Bestimmung“
„Gott, wie verrückt“
„Ich bin einfach ein Suchender“


Ich ertrinke in den Fluten an Worten, die mich überschütten.

„Drei heiße Getränke gegen den Rest der Welt“

In den Fluten, die mich überschwemmen. Mich ertrinken, in meinem eigenen Kopf.

„Manch braucht Freunde. Auch wenn es nur heiße Schokolade Freunde sind. Ganz besonders, wenn dein Leben gerade scheiße ist“

Ich versuche nach Luft zu schnappen, aber es gibt keine Oberfläche, an die ich dringen könnte. Da sind nur diese Worte und Buchstaben, die sich um mich herum scharren.

„Vielleicht sagst du, es ist nichts, Alex, es sind nur Worte“

Bis mir die Luft ausgeht.
Ich schreiend hochfahre. Aufwache in einem Zimmer, das ich nicht kenne und ich nicht kennen lernen will. Mein Kopf brummt, die Worte schallen noch immer nach. Ihre Worte. Die sich an mir festbeißen und zerren, bis sie mich zerreißen. Zerrissen haben sollten.
Vorsichtig fasse ich an meinen Kopf. Bandagiert. Und es durchfährt mich, wie ein Blitz. Kribbelnd, gefährlich, unter Strom. Der eine Gedanke mit 1000 Volt.
Ich habe überlebt.
Meine Hände graben sich in die weiße Decke, die meinen Körper überdeckt, so fest, dass meine Knochen weiß hervorstechen. Ich beiße meine Zähne zusammen, um nicht laut loszuschreien, bis mein Kiefer schmerzt. Dabei tut sowieso schon alles weh. Alles zieht sich zusammen, wird von meinem Herz angezogen, in der Hoffnung, dass meine restlichen Organe es verhindern können.
Dass mein Herz bricht.
Die unzähligen Risse ziehen sich hindurch. Sie klaffen auseinander, wie eine riesige Fleischwunde. Das widerliche daran: Ich trage die Wunde in mir drin, tief in mir drin und niemand kann einfach daher kommen und ein Pflaster darauf kleben. Dafür sind Herzen nicht ausgelegt.
Mein Herz ist für all das hier nicht ausgelegt.
„Endlich aufgewacht, was?“
Ein Mädchen kommt zu mir und erst jetzt bemerke ich, dass ich in keinem Zimmer liege. Ich liege mitten in einem Flur, in dem die einzige Lichtquelle von den flackernden Lampen an der Decke herrührt. Draußen ist es dunkel und die Dunkelheit versucht sich einen Weg von draußen nach drinnen in meinen Körper zu bannen. Bis sie bemerkt, dass sie mich bereits beheimatet.
Sie setzt sich an die Kante meines Bettes. Ihre dunklen Haare sind gewellt und von hinten, wie sie dort sitzt und an ihrer Tasse nippt, sieht sie aus, wie Hannah.
„Willst du auch einen?“ fragt sie und reicht mir ihre Tasse. Es riecht nach dem biederen Geruch von Kakao, der viel zu süß in meine Nase steigt. Der viel zu viele Worte mit sich anschwemmt. Ich lehne ab. Und schaue auf ihr rundes Gesicht mit ihren großen blauen Augen, die mich fixieren.
„Wo bin ich?“ bringe ich hervor.
Sie beteuert mir leiser zu sein. Damit uns keiner erwischt, erklärt sie. Weil man das hier nicht darf, erklärt sie, nachts wach sein. In einer Psychiatrie muss man schlafen.
„Auch wenn das manchmal nicht möglich ist, du weißt schon, wenn alle schreien, wie Verrückte“ sie grinst, „nicht, dass wir nicht weniger verrückt wären“.
„Ich bin nicht verrückt“ rechtfertige ich mich für etwas, was eigentlich keiner Rechtfertigung bedarf. Was nicht peinlich oder unangenehm sein sollte. Manche Menschen verrücken eben. Ihr Weg verrückt in eine falsche Richtung. Dabei kann es jedem passieren. Und während sie so vor mir sitzt, das Mädchen, das viel zu sehr wie Hannah aussieht, gebe ich zu, dass auch ich vom Weg abgekommen bin. Viel eher wollte ich meinen Weg frühzeitig beenden.
Man sieht, dass auch sie den gleichen Weg einschlagen wollte, wie ich. Denn ihre Arme sind bandagiert. Blutdurchdrungen. Als könnte kein Verband der Welt ihren Wunsch aufhalten, sterben zu wollen.
„Du musst sie jetzt küssen“ erklärt sie mir und reicht mir ihre Arme da. Ich schaue sie an. Ihre Locken, die über ihre dünnen Schultern fallen und frage mich, ob dass das Jenseits sein soll. „Wenn du sie anstarrst, musst du sie auch küssen. So ist das in der Irrenanstalt“.
Ihre Hände wandern an meine Schläfen. Sie rückt näher an mich heran und flüstert mir ein „Ich mach es dir vor“ zu, bevor sie meine Stirn küsst. Durch den Schmerz hindurch, als wäre sie die zweite Kugel, die ich abgeschossen hätte.
Sie beugt sich wieder zurück. Mittlerweile sitzt sie komplett auf dem Bett und ich ziehe meine Beine an mich heran, um ihr noch mehr Platz zu gewähren. Dann bin ich an der Reihe mich zu ihr zu beugen. Dem mir fremden Mädchen einen Kuss auf ihre Arme zu geben, die nur so nach Eisen riechen. Sie lacht, als wäre es das witzigste, was ihr je passiert ist. Dabei ist es das schönste, wie sie mir verrät.
Ich dachte an die Liste. An die Kassetten. An Hannah.
Und als sie mich fragt, wer ich denn jetzt eigentlich sei.
Da dachte ich an Jessica. Und Hannah.
Wie sie zu mir kamen und mich fragten, ob ich verrückt sei.
Ich sah sie an. Sah ihre dunklen gewellten Haare und ihre großen blauen Augen, die meine suchten und entgegnete ihr:
„Ich bin ein Suchender“
Und ich wünschte mir nicht mehr, als dass dieses Mädchen Hannah sei. Lebendig. Dass sie vor mir säße. Ich mich zu ihr vorbeugen würde. Und ihre blutunterlaufenden Verbände küssen würde.

Es sind nicht nur Worte, Hannah.
Es waren nie nicht nur Worte.
Es waren Gedanken ohne Plan. Und Pläne ohne Gedanken.

Wenn du könntest, würdest du sie zurücknehmen?

---------------------------------------------------------------------------------

Kursiv geschriebenes = Zitate aus der Serie "tote Mädchen lügen nicht"
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast