Irish Rose

von Miwa86
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
03.03.2018
29.03.2020
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03.03.2018 2.280
 
Schottland, Inverness, 2005

Einen Vorteil hatte es ja, wenn man mit einer Gruppe Studenten verreiste, sinnierte Fiona, als sie ihre Reisetasche auf das Bett in dem kleinen Zimmer abstellte. Man konnte etwas preiswerter Urlaub machen. Dadurch, dass sie sich ihrer Cousine Zoe und vier von deren Freunden angeschlossen hatte, brauchte sie nur ein Sechstel des Gesamtpreises für die Ferienwohnung zu zahlen. Das, und die Tatsache, dass der Urlaub in der Nebensaison stattfand und daher eh billiger ausfiel, reichte aus, um sie darüber hinweg sehen zu lassen, dass einige aus diesem Haufen sich gerade äußerst kindisch verhielten. Jedenfalls dem lauten Kreischen nach zu urteilen. Kopfschüttelnd, aber mit einem belustigtem Grinsen streckte Fiona den Kopf aus der Zimmertür und sah dabei zu, wie Fabienne und Sarah mit vereinten Kräften auf Brian los gingen. Den genauen Grund dafür konnte sie zwar nicht erkennen, doch da alle drei lachten, konnte es nichts allzu ernstes sein. „Mach dir keine Gedanken!“ Unvermittelt tauchte Zoe neben ihr auf. „Fabienne ist wie alle Französinnen leicht reizbar. Was Brian gerne ausnutzt.“ Die Augen ihrer Cousine funkelten amüsiert. „Aber sie sind wirklich dicke Freunde.“
„Na, okay.“ Fiona zog es vor, nicht weiter darauf einzugehen. Manchmal machten sich die sieben Jahre Altersunterschied, die zwischen Zoe und ihr lagen, eben doch bemerkbar. „Wie sieht euer Plan für die nächsten Tage aus?“, wechselte sie stattdessen das Thema. „Bislang habt ihr euch da ja doch sehr bedeckt gehalten.“ Bei dem Lächeln, welches sich daraufhin auf Zoes Gesicht zeigte, ahnte Fiona schon, dass ihr die Antwort unter Umständen nicht gefallen würde. „Also erst mal wollen wir uns natürlich erholen“, ihre Cousine schien ihrem Blick auszuweichen. „Dann hat Shane für uns eine Tour zu den Whiskeybrennereien hier in der Gegend organisiert, komplett mit Probe und allem Drum und Dran. Und übermorgen nehmen wir an einer Gespenstertour teil. Organisiert von einer Gruppe Mitstudenten hier aus der Gegend.“ Darauf schien Zoe sich besonders zu freuen. Fiona dagegen verkniff sich nur mit Mühe ein Aufstöhnen. Ausgerechnet eine Gespenstertour. Dabei hasste sie Geistergeschichten wie die Pest und mied auch sonst alles, was auch nur ansatzweise in diese Richtung ging. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verblasste. Das waren ja tolle Aussichten.
„Hey.“ Anscheinend war Zoe ihr wenig begeisterter Gesichtsausdruck nicht entgangen, denn nun wandte sie sich von dem Spektakel im Wohnraum, wo ihre drei Mitreisenden immer noch miteinander kabbelten, ab und ihr direkt zu. „Du musst ja nicht überall hin mitkommen. Die Gespenstertour kostet sowieso extra, das ist nicht im Preis inbegriffen.“
„Genau!“ Das letzte Mitglied der Reisegruppe gesellte sich zu ihnen. „Keine Teilnahmepflicht.“ Shane drückte sowohl Zoe als auch ihr einen Stadtplan in die Hand. „Für alle Nicht- Schotten hier. Ich will nicht, dass mir einer verloren geht.“ Neugierig geworden wandte Fiona sich ihm zu. „Bist Du von hier?“ Außer über Fabienne wusste sie kaum etwas von Zoes Freunden. „Aus Edinburgh“, Shane zuckte leicht mit den Schultern, „also nicht direkt von hier.“ Nun zeigte sich auch in seinen Zügen etwas Neugier. „Du magst also keine Geistergeschichten?“, erkundigte er sich bei ihr. „Nein!“ Vehement schüttelte Fiona den Kopf, sodass ihre schwarzen Haare nur so durch die Luft flogen. „Allerdings habe ich ein Faible für Mythen und Legenden“, bekannte sie dann. „Oh, damit können wir dienen.“ Der junge Mann begann breit zu grinsen. „Die Highlands sind, was das angeht, ein wahres Paradies. Hier in Inverness gibt es beispielsweise den so genannten Feenhügel, den Craigh na Dun. Ein Steinkreis, durch den angeblich Menschen in das Land der Feen reisen sollen. Oder so ähnlich.“ Er warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu. „Genaueres müsste in der Bibliothek zu finden sein. Aber ich warne dich, die Abteilung da dürfte riesig sein.“
„Das macht nichts.“ Gut gelaunt erwiderte Fiona das Grinsen. „Ich mag Bibliotheken“, antwortete sie, ohne zu verraten, dass sie selbst in einer arbeitete. „Und sollte das Wetter morgen schlecht sein, weiß ich wenigstens, was ich unternehmen kann.“ Da es in Schottland zu dieser Jahreszeit oft regnete, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihrer Neugierde bereits morgen nachgeben konnte, sogar ziemlich hoch. „Okay.“ Shane wechselte einen schnellen Blick mit Zoe. „Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“ Aus irgendeinem Grund schien ihm das wichtig zu sein. „Mach ich schon nicht.“ Damit wandte Fiona sich wieder dem Geschehen im Wohnraum zu. „Ich schätze, wenn wir heute noch Abendessen haben wollen, sollten wir sie jetzt langsam trennen, oder?“, erkundigte sie sich bei niemand besonderen. Die Restaurants hatten schließlich nicht ewig auf. Außerdem wurde sie auch langsam müde, da sie im Gegensatz zu Zoe und deren Freunden nicht aus London, sondern aus Dublin angereist war. Und zumindest am heutigen Abend sollten sie als Einstand schon alle zusammen essen gehen, fand sie. „Nichts leichter als das.“ Sowohl auf Zoes als auch auf Shanes Gesicht zeigte sich nun ein hinterhältiges Lächeln. Gemeinsam traten die beiden zu den anderen dreien hinüber. Eine kurze Kopfnuss nach links, zwei Mal Haare rupfen nach rechts und schon ließen die drei Streithähne voneinander ab. Fiona grinste in sich hinein. Da hatte sie sich ja muntere Begleiter ausgesucht.

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Vorsichtig blätterte Fiona in einem Buch über den Feenhügel. In einem Punkt hatte Shane nicht übertrieben, stellte sie beiläufig fest. Der Craigh na Dun schien so etwas wie die schottische Antwort auf Stonehege zu sein. Zwar nicht ganz so berühmt wie sein englisches Gegenstück, aber zumindest hier in der Gegend ziemlich bekannt. Besonders interessant fand sie jedoch den Hinweis, dass man rund um die Steine noch bis Mitte der Siebziger Jahre Anzeichen für Hexen- oder Druidentum gefunden zu haben glaubte. In diesem Punkt waren die Historiker sich anscheinend nicht ganz einig. Allerdings hatte es wohl in den späten Sechzigern zumindest einen Mordfall in unmittelbarer Nähe des Steinkreises gegeben, sodass selbst die Polizei damals ein rituelles Motiv nicht ganz ausschließen mochte. An dieser Stelle unterbrach Fiona ihre Lektüre. Hexentum und Ritualmord, das roch schon wieder verdächtig nach einer Gruselstory, damit wollte sie nichts zu tun haben. Schaudernd sah sie aus dem Fenster in den Nieselregen hinaus. Das war nun einmal der Nachteil an ihrem Hobby. Einige Geschichten nahmen eine ziemlich düstere Wendung. Ein leises Seufzen entwich ihr, dann wandte sie sich wieder ihrer Lektüre zu. Beziehungsweise hatte es gerade vor, als sich jemand vernehmlich räusperte.
Erschrocken riss Fiona den Kopf hoch. Und fand sich Auge in Auge mit einer schon etwas älteren Dame wieder. „Ja?“ Verwirrt fragte sie sich, ob sie unabsichtlich gegen eine Hausregel verstoßen hatte. Allerdings sprach das freundliche Lächeln auf dem Gesicht der Anderen dagegen. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber ich kam nicht umhin, Ihr Interesse an unserer hiesigen Sehenswürdigkeit zu bemerken.“ Die Dame deutete auf die aufgeschlagenen Bücher, die Fiona vor sich auf der Tischplatte ausgebreitet hatte. „Arbeiten Sie an einem Buch oder einer Facharbeit?“
„Nein.“ Abwehrend schüttelte Fiona den Kopf. „Mein Interesse ist rein privater Natur.“ Höflich erwiderte sie das Lächeln und deutete auf ihren aufgeschlagenen Notizblock. „Ich wollte mich nur mal in den hiesigen Mythen und Legend umhören, um sie mit denen meines Wohnorts zu vergleichen. Ein Bekannter empfahl mir daraufhin, es mit dem Craigh na Dun zu versuchen, um den sich wohl ein paar interessante Geschichten ranken sollen.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern, wobei sie sich fragte, warum sie der anderen Frau so viel erzählte. „Ich muss zugeben, dass ich bis auf ein paar historische Diskussionen über Sinn und Zweck der Steine noch nichts entdeckt habe.“ Und dem möglichen Mordfall, aber das war nichts, was sie interessierte. „Nun, wenn Sie an Geschichten interessiert sind“, die ältere Dame schien etwas zu zögern. „Es gibt in meiner Familie eine mündliche Überlieferung, die mit den Steinen zu tun hat.“ Unaufgefordert ließ sich die Frau auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder. „Viel ist es auch nicht und, wie gesagt, auch nur eine Geschichte, die man ebenso gut als Märchen abtun könnte“, wieder dieses Zögern, „aber wenn Sie an Sagen oder Mythen interessiert sind, dürfte es genau das Richtige sein.“ Außerdem schien die Frau es zu genießen, eine Zuhörerin gefunden zu haben. Rasch verbiss Fiona sich ein Grinsen. Ihr war eingefallen, dass Klatsch und Tratsch ebenfalls zu den Lieblingsbeschäftigungen der Schotten gezählt wurde. Bis eben hatte sie es noch für ein Klischee gehalten. „Ich bin ganz Ohr, Mrs …?“
„Graham. Sophia Graham.“ Resolut schüttelte die Frau ihr die Hand. „Fiona Westwood.“ So viel Höflichkeit musste, bei aller Neugierde, noch sein. „Also, Mrs. Graham, ich bin ganz Ohr.“ Aufmerksam setzte Fiona sich zurecht und wartete ab.

„Hm“, Mrs. Graham räusperte sich, „die Geschichte beginnt kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Meine Urgroßmutter, die damalige Mrs. Graham, war zu jener Zeit die Haushälterin des Reverends. Nun war dieser wohl neben seiner Arbeit für die Kirche auch noch ein begeisterter Historiker, in seinem Haus soll es eine Sammlung an alten Dokumenten gegeben haben, die einem Museum Konkurrenz machen könnte.“ Ein leichtes Schnauben, bei dem offen blieb, was die Frau davon hielt. „Jedenfalls hatte der Reverend 1945 ein Ehepaar zu Besuch, der Mann war anscheinend auf der Suche nach Informationen über seinen Urahn oder so. Die Ehefrau, nun, sie ist diejenige, um die es in dieser Geschichte geht.“ Mrs. Graham lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und sah Fiona eindringlich an. Anscheinend kam sie jetzt auf den Kern ihrer Erzählung zu sprechen. „Claire Randall und meine Urgroßmutter hatten sich wohl ganz gut verstanden, zumindest ließ der wohlwollende Ton, den Uroma immer anschlug, wenn sie von ihr sprach, darauf schließen.“ Ein leichtes Schulterzucken. „Jedenfalls ist diese Claire durch die Steine gegangen. Und damit meine ich nicht, dass sie zwischen zwei Steinen hindurch gegangen ist, sondern dass sie in der Lage war, durch die Steine in die Vergangenheit zu reisen.“ Überrascht schnappte Fiona nach Luft. „Was … wie ...“, sie holte tief Luft. „Wie war das möglich?“ An und für sich war das natürlich völlig unmöglich. Man konnte nicht durch die Zeit reisen. Aber, und hier rief Fiona sich noch mal ins Gedächtnis, nach welcher Art Geschichte sie suchte, als Sage war es ein guter Aufhänger. „Über das `Wie´ weiß ich auch nichts genaueres.“ Wie es aussah, schien Mrs. Graham ihre Reaktion zu genießen, denn nun zeigte sich ein bedeutungsvolles Lächeln auf ihrem Gesicht. „Aber es ist, wie ich es Ihnen sage: Claire Randall reiste Fünfundvierzig in die Vergangenheit. Und kam zwei Jahre später, also 1947, wieder zurück. Ich kann mir nicht vorstellen, was ihr Mann damals durchgemacht hat“, fügte sie noch an. Nein, das konnte Fiona sich auch nicht vorstellen. Genau so wenig, dass es tatsächlich möglich sein sollte, durch die Zeit zu reisen. Die arme Frau musste doch einen ziemlichen Schock davon getragen haben. Und überhaupt erst der Kulturschock. Zweihundert Jahre waren ja doch eine ziemlich lange Zeitspanne. Zumal damals Engländer in den Higlands auch nicht gerade hoch angesehen worden waren.
An dieser Stelle schüttelte Fiona leicht unwillig den Kopf. Himmel, sie war doch sonst nicht so leichtgläubig. Sie sollte es wirklich besser wissen und die Worte dieser Frau nicht so ernst nehmen. Es war eine bloß eine Sage, mehr aber auch nicht. „Ich danke Ihnen, Mrs. Graham. Das ist in der Tat eine … interessante Geschichte.“ Es gelang ihr, trotz aller Skepsis, einen freundlichen Tonfall beizubehalten. „Auch dafür, dass Sie mich so bereitwillig an ihrer Familienlegende teilhaben lassen.“ Obwohl sie eher andere Gründe dahinter vermutete. „Ach, nich doch, Kindchen.“ Die ältere Frau wirkte geschmeichelt. „Ich bin froh darüber, festzustellen, dass es noch Menschen gibt, die Interesse an alten Sagen haben. Ihr jungen Leute seid sonst doch mehr an dem Neuen interessiert.“ Zu diesem verstecktem Vorwurf würde Fiona sich nicht äußern, dass brachte erfahrungsgemäß herzlich wenig. Stattdessen behielt sie ihr freundliches Lächeln bei. „Und diese Mrs. Randall?“, erkundigte sie sich höflich. „Was wurde aus ihr?“
„Ach“, ihre Frage schien Mrs. Graham wieder auf das Thema zurück zu bringen, „das weiß ich nicht genau. Sie soll wohl mit ihrem Mann nach Amerika gegangen sein. Ich nehme an, dass sie dort auch geblieben ist. Oh, obwohl, einmal war sie noch auf Urlaub hier. Da lebte meine Urgroßmutter aber schon nicht mehr, deswegen weiß ich da auch nichts genaueres drüber.“ Mit einem Mal wirkte sie sehr geschäftsmäßig. „Wie auch immer, ich hoffe, ich konnte Ihnen weiter helfen.“
„Das auf jeden Fall.“ Dankend lächelte Fiona der anderen Frau zu. „Ich werde auf jeden Fall weiter recherchieren, ob ich in dieser Richtung noch weitere Legenden finde.“
„Tun Sie das.“ Mrs. Graham erhob sich. „Und vergessen Sie nicht, am Craigh na Dun vorbei zu sehen.“ Freundlich zwinkerte sie ihr zu. „Auch wenn man die Geschichten nicht immer für bare Münze nehmen sollte, der Anblick lohnt sich.“
„Danke.“ Fiona sah der Frau nach, nachdem diese sich mit einem letzten freundlichen Lächeln von ihr verabschiedet hatte. Unwillkürlich fragte sie sich, ob sie gerade auf einen Trick hereingefallen war. Es wäre nun wirklich nicht das erste Mal, dass sich eine Stadt passend zu ihrer Sehenswürdigkeit eine Geschichte ausdachte, um Touristen anzulocken. Allerdings, Fiona lächelte in sich hinein, während sie langsam anfing die Bücher wegzuräumen, sie war ja schließlich hierher gekommen, um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Daher wäre es doch schade, wenn sie die Erwartungen der älteren Frau enttäuschen würde. Und bis zum Abendessen, zu dem sie sich mit Zoe und den anderen verabredet hatte, war schließlich noch genug Zeit. Also von daher, warum eigentlich nicht.

Schließlich hatte sie sämtliche Nachschlagewerke, die sie auf dem Tisch gehabt hatte, wieder an die entsprechenden Stellen in den Regalen zurück geräumt. Nachdem Fiona sich mit einem letzten Blick vergewissert hatte, dass auch wirklich nichts liegen geblieben war, weder ein Buch noch ihre Notizzettel, verließ sie die Bibliothek und trat auf die Straße hinaus. Den wissenden Blick, mit dem Mrs. Graham ihr nachsah, bemerkte sie nicht.