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Geschichten aus dem Nichts

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16 / Gen
Der Outsider OC (Own Character)
01.03.2018
18.03.2018
5
4.940
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01.03.2018 1.053
 
Das Nichts war ein kalter und trostloser Ort, das wusste der Junge.
Seit er eines Nachts aufgewacht war und anstatt der ihm bekannten Straßen seiner Heimatstadt nur die endlose Weite des Nichts vorgefunden hatte, hatte ihn der eiskalte Griff des Ortes nicht mehr losgelassen.

Er kannte die Legenden um diesen Ort und seine Gezeichneten. Eine handvoll Menschen, die sein Zeichen trugen und durch eine Welt wanderten, die Sterbliche sonst nur nach dem Tode betraten. Menschen, denen mächtige Kräfte zuteil wurden, doch die in den meisten Fällen einen hohen Preis dafür zahlten.

Die Menschen fürchteten sich vor ihm, dem Outsider. Dem Mann mit den Augen schwarz wie Kohle.

Er war ihm begegnet. Das heißt beinahe.
Sein kurzer Ausflug in das Nichts hatte ein jähes Ende gefunden, als ihn ebendiese Augen entdeckten. Seitdem war er nicht mehr in die Welt gezogen worden, die so anders war, als alles das er kannte.

Der Junge vermutete, dass sein Aufenthalt im Nichts alles andere als geplant gewesen war. Anders als die zahlreichen, im Geheimen arbeitenden Priester, die nicht halb so unauffällig waren, wie sie glaubten zu sein, warb er nicht um seine  Aufmerksamkeit. Überall in der Stadt waren Schreine ihm zu Ehren aufgestellt, unentdeckt in verlassenen Gebäuden und versteckten Sackgassen. Die Bürger wussten, dass jegliche Kulthandlungen in seinem Namen untersagt waren und unter schwerer Strafe standen, doch es scherte sie wenig. Die Schreine überdauerten.

Einer dieser Schreine war im Hof einer verlassenen Fabrikhalle platziert worden. Der Junge konnte den unterschwelligen Gesang der Walknochen hören wohin auch immer er ging. Der Schrein stand an dieser Stelle schon seit sich der Junge erinnerte. Damals hatte er ihn gemeinsam mit seiner Mutter entdeckt, als sie eines Tages vom Einkaufen zurückgekehrt waren. Ungewöhnliche Gesänge schienen von dem laienhaft zusammengenagelten Holzkonstrukt auszugehen und sein erster Impuls war gewesen näher zu kommen, seine Hand auszustrecken und zu prüfen ob dieses dumpfe Summen auch spürbar war. Doch seine Mutter hatte ihn eilig mit sich gezogen und hatte, kaum dass sie Zuhause angekommen waren, die Stadtwache benachrichtigt und den Schrein gemeldet.
Keine zwei Wochen später war dieser an der selben Stelle erneut aufgebaut worden.

Diese Prozedur hatte sich seitdem fortgeführt. Sobald die Kultstelle gemeldet und von den Authoritäten abgebaut worden war, dauerte es selten länger als zwei Wochen bis der Schrein von Neuem geweiht wurde. Doch der Junge hatte ihn kein einziges Mal besucht.

Er hatte auch keinen Grund gehabt. Der Kult des Outsiders stand unter Strafe und seine Mutter hatte ihr Möglichstes getan ihn von gesellschaftlichen Randgruppen fernzuhalten. Und bisher hatte er auch keinerlei Verbindung gehabt mit dem kryptischen Gott.

Jetzt standen die Dinge allerdings etwas anders.

Wie hieß es so schön? Wenn man etwas einmal gesehen hatte, dann konnte man es nicht einfach wieder nicht sehen.
Die Legenden erzählten von einem Outsider, der über Zeit und Raum stand, allwissend und immer neutral. Nichts war ihm unbekannt, weder die Zukunft, die passieren würde, noch die Zukunft die unter Umständen passieren könnte. Und dennoch, als die schwarzen Augen des Leviathans ihn im Nichts entdeckten, hatte sich in ihnen ein Ausdruck der Überraschung gezeigt.

Seit dieser Nacht war der Junge immer wieder zum Schrein gekommen. Wahrlich nicht bewusst; in den letzten Tagen hatten ihn seine Füße  zu diesem Ort geführt, obwohl es sein Kopf nicht beabsichtigte. Manchmal wandelte er so gedankenverloren auf seinem Heimweg, dass er erst mit den Knien unangenehm gegen die alten Holzplanken des Schreins stoßen musste, ehe er bemerkte wohin ihn sein Weg wieder einmal geführt hatte.

Dafür dass die Gesänge der Walknochenrunen bis zu seinem Zuhause gut zu hören waren, hätte man meinen können, dass die Geräuschkulisse direkt vor dem Schrein um einiges lauter sein sollte. Doch auch hier beschränkte sich das Summen auf ein Hintergrundgeräusch, das beruhigender wirkte als es sollte.

Doch so sehr es ihn auch in den Fingern juckte nach den Runen zu greifen, wagte er es nie.

Es handelte sich immerhin um einen Schrein, einen heiligen Ort, wem auch immer er gehörte. Dort geopferte Gegenstände zu entwenden, kam ihm vor wie Blasphemie, zumal er nicht einmal eine Verwendung für diese hatte.
Genau genommen fragte er sich welchen Nutzen diese Knochenartefakte überhaupt hatten.

Manche Anhänger des Kultes opferten Speisen und Getränke, aufwendig angerichtet auf Tellern aus Kupfer. Andere wiederum brachten Schmuck und wertvollen Kleinkram dar. Das alles erschien dem Jungen weitaus praktischer als ein paar alte Walknochen.
Aber wer wusste schon was ein Gott praktisch fand, in einer Welt in der es nichts gab aus Kälte und Trostlosigkeit.

Er erinnerte sich noch mehr als deutlich an die frostigen Temperaturen des Nichts. Er hatte sich nur kurze Zeit dort aufgehalten und doch hatte es ihn eine halbe Ewigkeit gekostet sich in seinem Heim wieder aufzuwärmen. Er wollte sich nicht vorstellen, wie es dem Outsider gehen musste.

Der Junge blinzelte langsam und fällte einen Entschluss.

In der Dunkelheit der Nacht schlich er durch die Straßen, von Schatten zu Schatten, und versuchte dabei jedweden anderen Nachtwanderern aus dem Weg zu gehen. Er schaffte es unentdeckt bis zur alten Fabrikhalle und schlüpfte vorsichtig durch einen Spalt in das baufällige Gebäude.

Etwas weiter im hinteren Bereich der Halle unter einer zum Teil eingestürzten Treppe stand der Schrein des Outsiders. Opulente Bahnen aus blauen Stoff waren zwischen ihm und der Nische angebracht und ließen, nebst des lilanen Glühens der Lampen, das Konstrukt nur noch mehr fehl am Platz wirken.

Der Junge trat bedächtig näher. Seit er das letzte Mal an diesen Ort gelangt war hatte sich eine weitere Lampe zu ihresgleichen gesellt und wenn er sich nicht irrte fehlte eine der handteller großen Runenartefakte, die ein Unbekannter auf diesem Altar hinterlassen hatte. Doch der so entstandene Platz auf der Holzplatte kam ihm nur recht. Wortlos legte er die gefütterte Decke, die er von Zuhause mitgenommen hatte neben das verbliebene Knochenartefakt und trat zurück. Einige Augenblicke verstrichen. Nichts geschah.

Er wusste nicht genau auf was er gewartet hatte. Es war nicht so gewesen, als hätte er mit irgendeiner Reaktion gerechnet. Und bei sovielen Schreinen, wie es in der Stadt gab, bezweifelte er, dass sich der Outsider bei jeder Gabe persönlich bedankte.

Oder ihm lag schlicht mehr an ein paar alten Walknochen.

Gemächlich machte der Junge sich auf den Heimweg, noch immer darauf bedacht niemanden auf sich aufmerksam zu machen.  Keine Menschenseele bemerkte seinen Streifzug, nur einem einzelnen Augenpaar entging er nicht.

Einem Augenpaar schwarz wie Kohle.
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