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Fen'Harel, ich sehe dich

KurzgeschichteTragödie, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Solas
28.02.2018
22.02.2021
16
20.741
10
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22.02.2021 1.703
 
VIII. Tam


Die Bogenschützin mit den seidigen, hellbraunen Haaren zog sich bedächtig Solas‘ Hemd über, ihre eigenen Hosen, als würde sie eine Rüstung anlegen. Dabei dachte sie über die letzten Stunden nach, in denen sie versucht hatte, jede Minute bis ins Kleinste auszukosten. Sich seine Gesichtszüge unauslöschlich einzuprägen ebenso wie sein verhaltenes Lächeln und seine ernsten Augen. Sie hoffte, ihre Haut würde sich an seine Berührungen erinnern. Und ihre Ohren an seine Stimme. Sie roch an dem Hemd und wusste, der angenehme Geruch würde sich verflüchtigen. Zwischen ihren Beinen fühlte sich noch das heiße Zeugnis ihrer letzten Zusammenkunft, deren Intensität sie bis ins Mark erschüttert hatte.
Jedes Detail wurde sorgfältig in kleine Schatzkisten verpackt und in ihrer inneren Bibliothek abgestellt.
Erst dann drehte sie sich langsam zu ihrem Geliebten um, der noch immer auf dem Bett lag und sie anstarrte. Erhaben wie immer, und der sich ansonsten jedoch nicht rührte.
Sie ging auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Lächelte ihn versonnen an.

„Weißt du, wie oft ich Geschichten über dich erzählt bekam? Du warst allgegenwärtig im Leben meines Clans, obwohl dich niemals jemand zu Gesicht bekommen hatte. Man drohte uns als Kindern, dass wir uns benehmen sollten, da du uns sonst holen würdest. Und ich dachte nur aufgeregt, ob Fen’Harel dann mit mir auf seinem Rücken durch den Wald laufen würde, während ich mich lachend in seinem Fell festhalte. Man berichtete uns von deinem Verrat an den anderen Göttern und mahnte uns stets, achtsam zu sein und dies niemals zu vergessen. Ich habe diese Geschichten geliebt, doch ich wollte nicht glauben, wenn du wirklich existiertest, dass du ohne Grund so grausam bist. Ich war mir immer sicher, dass es für dein Handeln eine Erklärung gab. Und insgeheim bewunderte ich dich sogar. Der einsame Wolf, der nach seinen eigenen Regeln lebte. Wie hätte ich ahnen können, dass ich im Recht war und dass die wahrhaftige Begegnung mit dir die Faszination noch steigern könnte.“

Solas zuckte, aber sein Körper wollte ihm nicht gehorchen. Seine Augen blitzten sie voller von Unglauben gefärbter Wut an. Ja, sie verstand es und würde mit seiner Verachtung umgehen können. Er hatte sich ihr geöffnet und fand sich nun in dieser Situation wieder.
In einer Ohnmacht, die er nicht kannte.
Mit Gefühlen, die er nicht gewollt hatte.
Und noch bevor er erreicht hatte, was sein tiefer, tiefster Wunsch gewesen war.
Sie hasste es, ihn so schwach zu sehen und sich dafür verantwortlich zu wissen. Doch es war ihre einzige Möglichkeit. Pfeile und Dolche allein wären wirkungslos gewesen.
Solas‘ ruhige, besonnene Stärke, die er nicht offen zur Schau stellen musste, hatte sie stets beeindruckt. Und sie hatte ihm die Zähne gezogen und ihn angekettet, damit er ihr nicht die Kehle rausriss. Sie hatte seine wilde, stolze Seele eingefangen und gestutzt. Doch sie würde ihm nicht die Würde nehmen, ihn zu lange in diesem Zustand zu lassen.

„Gib dir keine Mühe, das Gift in deinen Muskeln ist stark. Es wird dich so schnell nicht aus seiner Umklammerung lassen“, flüsterte sie. Sie kannte die Wirkung des Mittels, das sie in seinen Wein hatte fließen lassen. Man verlor die Kontrolle über seinen Körper und konnte kaum mehr die Fingerspitzen rühren, geschweige denn sprechen. Und wenn man es versuchte, breitete es sich noch weiter aus und brannte sich durch sein Opfer.
Die Augen des Schreckenswolfes füllten sich mit dem blauen Leuchten, auf das sie gewartet und welches sie gefürchtet hatte. Tam hatte damit gerechnet, dass es sie vielleicht das Leben kostete, weil sie irgendetwas übersehen oder ihn unterschätzt hatte. Sie würde den Tod ebenso willkommen heißen wie den Schmerz, denn eine andere Wahl gab es nicht. Doch das Licht flackerte nur und verlosch im nächsten Augenblick.
„Du hast mir beigebracht, immer zwei Schritte voraus zu sein – schon vergessen? Ich habe deine Magie bereits seit Längerem manipuliert. Jeden Tag hast du etwas zu dir genommen, das sie schwächte und deine Manaregeneration beständig reduzierte. Und da ich nicht wusste, ob es ausreicht, ob es gegen deine Macht ankommt, habe ich mich um weiteren Barrieren gekümmert, die dein Zaubern erschweren sollten.“ Sie beugte sich vor und holte etwas unter dem Kissen hervor, einen Stein, der dunkel und metallen glänzte. „Ich habe sie überall hier verteilt, ebenso rund um deine Gemächer. Jeden Tag einen mehr. Sie unterdrücken die Fähigkeit von Magiern, sich mit dem Nichts zu verbinden. Natürlich sind sie bei dir nicht so wirksam wie bei gewöhnlichen Magiern, aber ich hoffte, es würde ausreichen, ohne dich zu misstrauisch zu machen.“
Sie wollte ihn nicht unnötig quälen und legte den Stein beiseite.

Wieder fing das Blau seiner Augen an zu leuchten und sie konnte sehen, wie sehr es ihn anstrengte. Solas zitterte und wehrte sich gegen sein unsichtbares Gefängnis im Innen und im Außen.
Warum? hörte sie seine vorwurfsvolle Frage in ihrem Kopf. Er musste wirklich unglaubliche Macht besitzen, wenn er dies selbst in seiner Verfassung noch zustande brachte.

Sie war froh, dass er gezwungen war, ihr zuzuhören, denn sie hatte das dringende Bedürfnis sich zu erklären. Ihn nicht in dem Glauben zu lassen, sie würde ihn verraten. Denn das tat sie nicht.
Lelianas Auftrag war nicht länger der ihre. Jetzt ging es nur darum, sich nicht selbst zu verraten.

Sie legte ihre Handflächen aneinander und bettete sie in ihrem Schoß.
„Solas, du musst wissen, dass ich nicht gelogen habe. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dir in dieser Welt zu leben, die du schaffen möchtest. Es ist das, was ich am meisten begehre. Auf ewig mit dir zusammen zu sein. Umgeben von dieser wundervollen Schönheit, die ich dank dir sehen durfte und die mich niemals mehr loslassen wird, solange ich lebe.
Ich hatte gehofft, wir könnten es, ohne diesen immens hohen Preis zu bezahlen. Dass deine Suche nicht von Erfolg gekrönt sein würde, ich eine andere Lösung finde oder dass du dich eines Tages umblickst und siehst, dass es reicht, was wir haben. Doch als du mir von deinem Fund berichtet hast, ihn mir gezeigt hast, da wusste ich, du würdest niemals davon abrücken. Und ich würde mich entscheiden müssen zwischen dem, was mein eigenes selbstsüchtiges Herz verlangt und dem, was größer und richtig ist für das Schicksal aller anderen.“
Sie machte eine kleine Pause und rang mit sich. Dann legte sie eine Hand an seine Wange und schaute ihn unverwandt an.
„Ich sehe dich, Fen’Harel. Dich, Solas, wie du wirklich bist. In all deinen Facetten. Den hellen und den dunklen, sogar den dunkelsten. Ich liebe alles daran. Nichts könnte daran etwas ändern, weder dein Tod noch mein eigener. Und doch…“ Ihre Stimme brach jetzt und Tränen bahnten sich ihren Weg, rannen ihr über die Wangen.

„Es ist nicht richtig, was du vorhast. Man kann ein großes Unrecht nicht durch ein anderes großes Unrecht wieder gutmachen, nur weil man die Macht dazu besitzt. Ich kann nicht zulassen, dass du all die Leben auslöschst, die nichts dafür können, in der Welt, wie sie jetzt ist, geboren zu sein, damit du deine Schuld begleichen kannst. Du bist erwacht und fühltest deine Last, doch sie wird nicht verschwinden, wenn du dein Vorhaben zu Ende bringst. Stattdessen bist du dabei, dir noch mehr aufzuladen.“

Sie seufzte und lachte freudlos, während ihr die Luft zum Atmen auszugehen schien.
„Ich weiß, ich bin jung und vielleicht denkst du, mir fehle der Weitblick. Aber dennoch ist mir Eines klar: die Konsequenzen unserer Fehler müssen wir tragen. Vor allem die jener Fehler, die nicht wieder gutzumachen sind. Das ist die Aufgabe, der man sich stellen muss. Ich werde sie genauso tragen, wenn das Einzige, was ich jemals liebte, durch meine Hand, stirbt. Leliana hat mich zu dir geschickt und du hast mich bleiben lassen. Ihr Plan ist nicht länger von Bedeutung, denn ich wäre dir überall hin gefolgt, wenn ich es mit meinem Gewissen vereinbaren könnte.“

Die Rinnsale ihrer Tränen waren zu kleinen, unaufhaltsamen Bächen geworden und sie schaffte es kaum, sich zu beruhigen. Genug zu beruhigen, um zu tun, was sie tun musste.
Sie stand auf und lief herum, fuhr sich durchs Haar. Sie wollte es ausreißen, weil sie nicht wusste, wohin mit ihrem Schmerz.
Ihre Haut war ihr zu eng. Sie wollte sie abwerfen und sich am liebsten auflösen.
Nach langem Schweigen, in dem sie dem Kampf in sich Raum gab, drang sein Flüstern erneut in ihren Kopf vor. Diesmal sanft, ohne die Wut und Enttäuschung von vorhin.
Das sieht dir ähnlich, es alleine mit dem Schreckenswolf aufzunehmen und ihn zu erlegen. Sie fuhr herum, doch es lag kein Tadel in seinem Blick.
„Nein, du irrst dich, Alter Wolf. Du hast mich vorher geholt und ich will nicht mehr zurück…“
Es kam keine Antwort darauf und nach ein paar Atemzügen rechnete sie nicht mehr damit. Doch scheinbar hatte er nur Kraft sammeln müssen.
Ar lath ma, Tamriel. Ich verstehe dich.

Und sie schaute ihn mit großen Augen an, stürzte zu ihm zurück, lehnte ihre Stirn gegen seine, schluchzte unaufhörlich. Ihre Tränen fielen auf sein Gesicht, liefen ihm über die hohen Wangenknochen und erweckten den Anschein, er würde mit ihr weinen. Seine Milde machte es noch unerträglicher. Seinen Hass, seine Empörung hätte sie leichter ertragen können. Doch nun hatte sie fast den Eindruck, dass er erleichtert war, sein Vorhaben nicht mehr durchführen zu müssen.
Oder redete sie es sich ein, um ihre unmögliche bevorstehende Tat zu entschuldigen?
Ein Kuss.
Innig und verzweifelt.
Den er nur mit seinen wissenden, sanften Augen erwidern konnte.

Sie setzte den Dolch, der schon lange auf seine Aufgabe gewartet hatte, auf die helle, makellose Haut seiner Brust. Dort zwischen die Rippen, an denen sein Herz schlug, dessen Rhythmus sie so gerne lauschte.
Tam wusste genau, wo die Stelle war, die zu einem schnellen Tod führte.
Sie wusste es blind.

Mein Herz, hallte es noch einmal in ihrem Kopf. Danke, dass du mich nicht einsam sterben lässt.

Blaugrauer Rauch wirbelte um ihre Wangen,
streichelte ihre Tränen fort,
streichelte den Schmerz fort.
Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, tauchte tief ein, denn sie wollte es offenen Auges tun.
Das war sie ihm schuldig.
Er sollte sehen, wie sie um ihn trauern würde und dass diese Trauer durch nichts zu lindern sein würde.

Das Zittern hatte sie verlassen.
Sie umfasste das Heft des Dolches fester mit beiden Händen.
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