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Fen'Harel, ich sehe dich

KurzgeschichteTragödie, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Solas
28.02.2018
22.02.2021
16
20.741
10
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28.02.2018 1.070
 
I. TAM


Er war der Beste.
Auch wenn man es ihm selten zutraute, sofern man noch keine Bekanntschaft mit ihm gemacht hatte.
Denn er war selbst unter Seinesgleichen, den Elfen, von eher kleiner und zierlicher Gestalt. Und sein Gesicht wirkte so jung und unschuldig, dass man ihm die Jahre schlichtweg nicht ansah.

Doch wer einmal gegen ihn gekämpft hatte, der vergaß ihn nicht.
Tam war der beste Bogenschütze in seiner Ausbildungstruppe. Niemand konnte so lautlos töten wie er. Die Pfeile flogen schnell und verfehlten fast nie ihr Ziel. Und er selbst blieb dabei meist unentdeckt.

Als er das erste Mal in die Truppe kam, auf den Übungsplatz, da lachten sie über ihn. Nur Leliana stand am Rand und wartete ernst ab, was geschehen würde. Sie hatte von seinem Talent erfahren und ihn aus seinem Clan herbringen lassen, ohne ihn vorher kennengelernt zu haben. Und er war dem Ruf nur zu gerne gefolgt, denn er war es leid, seine Fähigkeiten bei der Jagd zu verschwenden, während andere große Taten vollbrachten.
So wie der Inquisitor, von dem er schon so viel Heldenhaftes gehört hatte.
Tam hatte immer gewusst, dass er etwas Entscheidendes dazu beitragen konnte. Und nun konnte er es unter Beweis stellen.

Er ließ sie lachen. Alle miteinander. Laut und voller Häme. Siegessicher. Er wartete geduldig und ohne eine Miene zu verziehen.
Und als der erste Gegner zum Schlag ausholte, wich er mühelos aus und verschwand in den Schatten, aus dem sich fast zeitgleich Pfeile lösten und den Gegner mit seiner Kleidung an den Boden nagelten.
Ohrenbetäubende Stille stellte sich daraufhin ein und ungläubig, vom Ehrgeiz gepackt, traten zwei weitere Rekruten gegen ihn an.
Nun war es Tam, der lächelte.

So kam es, dass er schnell aufstieg in Leliana’s Netzwerk aus Spionen und Attentätern. Für die besonderen Fälle wählte sie bald nur noch ihn aus und er hatte bisher nie versagt.
Und nun, da die Inquisition sich offiziell aufgelöst hatte und ein mächtiger Gegner, aus den eigenen Reihen entschlüpft, sich formierte, so rief sie Tam wieder zu sich.

„Spüre ihn auf. Egal, wie lange es dauert. Ganz gleich, wo du suchen musst.
Mache dich unentbehrlich für ihn, gewinne sein Vertrauen. Das allein dürfte schwer genug werden, doch du musst es schaffen. Er darf niemals an dir zweifeln und wenn es bedeutet, dass du an dir selbst zweifelst, dann ist es gerade gut genug.
Wir wissen zu wenig über ihn, um ihn jetzt direkt anzugreifen und möglicherweise ist er sogar zu mächtig für unsere Streitmacht.
Alles, was wir kennen, ist sein größerer Plan, den er dem Inquisitor offenbarte. Und irgendetwas macht ihn selbstsicher genug zu glauben, dass nichts und niemand ihn aufhalten kann.
Deine Aufgabe wird es sein, seinen Schwachpunkt zu finden und wenn es dir möglich ist, im richtigen Moment zuzuschlagen.
Natürlich werden die Mitglieder der Inquisition weiterhin nach anderen Wegen suchen, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Aber du, Tam, du bist meine geheime Rückversicherung. Niemand weiß von dir, denn dies habe ich nicht mit den anderen Mitgliedern abgesprochen.
Wenn alles andere scheitert, dann weiß ich, du bist dort. Bei ihm. Lauernd. Und du wirst tun, was getan werden muss. Wirst du diesen Auftrag annehmen?“

Tam kniete mit gesenktem Blick vor Leliana und hatte sich all das aufmerksam angehört. Mit jedem Satz der Meisterspionin, der er treu ergeben war, wurde ihm die Bedeutung dieser Mission bewusster und ließ sein Blut höher kochen bei der Aussicht auf den Ruhm, den er damit zu erlangen vermochte.
„Ihr könnt Euch auf mich verlassen“, sagte er nur.
Und Leliana kniete sich ebenfalls vor ihn, legte eine Hand unter sein Kinn und hob es an, bis er ihr in die Augen schauen musste.
„Ich kann nicht dafür garantieren, dass du überlebst, noch kann ich dir zu Hilfe kommen, sollte deine Tarnung fehlschlagen. Du bist auf dich allein gestellt. Sei dir dessen bewusst.“
Leliana war dafür bekannt, nicht zimperlich mit ihren Spionen umzugehen, doch nun hatte sie so einen Ausdruck, als fiele es ihr schwer, ihn ins Ungewisse zu schicken. Er fühlte Verbundenheit, nein tiefe Loyalität, und fasste den Entschluss, diese Mission um jeden Preis zu erfüllen. Leliana war diejenige gewesen, die sein Potenzial erkannte und ausschöpfte. Er würde sie nicht enttäuschen.

Tam nickte nur und das reichte ihr.
Als sie sich beide erhoben, gestattete er sich dennoch eine Frage.
„Wäre es nicht klug,  ihm eine Frau zu schicken?“
Leliana lehnte sich gegen ihren Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich glaube nicht. Er ist nicht anfällig für Gefühle und weltliche Gelüste, wie mir scheint. Und er ist alt und gerissen genug, sich nicht davon leiten zu lassen, wenn er ein höheres Ziel verfolgt. Die beste Chance, an ihn heran zu kommen, ist ein Vertrauter, der seine Vision teilt. Doch wie gesagt, das wird wahrscheinlich das Schwierigste daran. Die Einsamkeit ist ihm ein altbekannter Begleiter. Ich weiß nicht einmal, ob er bereit ist, sie aufzugeben.“


Und nun saß Tam hier. Vor Solas‘ Räumen in seinem Versteck.
Er hatte ihn aufgespürt und es geschafft, sich innerhalb von drei Jahren zu seinem Leibwächter hochzuarbeiten. Er war der Schatten des Schreckenswolfes, bei Tage und auch bei Nacht. Doch Vertrauen oder auch nur die nötige Nähe, um genügend Wissen zu erlangen, wie man ihn besiegen konnte – bis dahin war es noch ein steiniger Weg.
Er bekam diesen sagenumwobenen Elfen, Elfengott oder was auch immer er nun war, nur selten von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er folgte ihm zwar außerhalb seiner Räume auf Schritt und Tritt, jedoch stets mit genügend Abstand, um im Verborgenen zu bleiben.

Tam fragte sich so manches Mal, was Solas all die Stunden in seinen Gemächern trieb.
Es war immer still. Manchmal drang Gemurmel durch die dicke Holztür, doch Tam war es bisher noch nicht gelungen, Einlass zu erhalten. Sein Platz war hier, auf ein paar breiten Balken über der Tür, die wahrscheinlich sowieso mit mehreren Zaubern belegt war. Doch Zauber konnten gebannt oder umgangen werden. Das wusste auch Solas.
An Tam vorbeizukommen dagegen…
Ein Schmunzeln, mit einem gewissen Anteil verdienter Selbstgefälligkeit, schlich sich in seine Mundwinkel und er zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, dann kratzte er sich über die juckende Bandage um seinen Oberkörper.
Er war geduldig, was seinen Auftrag anging. Er konnte warten.
Und er hatte sich bisher gut in seine ihm angedachte Rolle, die er im Übrigen nicht zum ersten Mal spielte, eingefunden.

So gut, dass er manchmal sogar selbst vergaß, dass er eigentlich eine Frau war.
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