Zuckerwasser

von justsweet
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
28.02.2018
04.06.2018
20
80748
9
Alle
73 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 
Hallo Ihr Lieben!
Als „Fan der ersten Stunde“ unserer drei ??? habe ich schon viele Eurer Geschichten verschlungen.
Meinen Respekt an Eure Talente!
Nun wage ich mich an meine erste eigene FF und konfrontiere meinen Lieblingsdetektiv mit einer weiteren Schicksalswendung, an der man wachsen oder zerbrechen kann. Die man kontrollieren kann, wenn man den Willen dazu hat. Und den, glaube ich, hat Justus. Und Freunde, die ihn dabei unterstützen. Wenn er es zulässt.

Viel Spaß beim Lesen!

************



Erschöpft hustend ließ er sich auf eine alte Holzkiste an einem schattigen Zaunvorsprung des Gebrauchtwarencenters Titus Jonas nieder und blinzelte auf die Stapel sorgfältig sortierter Kisten, die in der heißen Mittagssonne vor ihm thronten. Mit dem Handrücken wischte er sich eine besonders hartnäckige Strähne seines schwarzen Haares aus dem Gesicht und griff mit einem leichten Stöhnen in die Kühlbox neben sich, in der er extra zuvor mehrere Cola-Dosen verstaut hatte.                          
Die Erwartung des kühlen Nasses auf seiner brennenden Zunge steigerte sich unterbewusst ins beinahe Unermessliche, als er eine der Metallbüxen hervorzog und das Klicken und anschließende Zischen beim Öffnen vernahm. Gierig setzte er die Dose an seine Lippen und leerte sie in wenigen Zügen. Anschließend fuhr er sich mit der Zunge durch den Mund. Die Erleichterung war schon wieder vorbei. Wie auf einem zähen Film schien die prickelnde Flüssigkeit durch seinen Mund geglitten zu sein, ähnlich der kostbaren, wenigen Regentropfen, die in der ausgetrockneten Wüste auf brüchige Erde fielen und schon auf ihrem kurzen Weg in die tieferen Strukturen der Risse versiegten, so dass die Erde sogleich wieder anfing zu glühen. Er lehnte seine Arme auf die angezogenen Knie, senkte den Kopf und knüllte die Dose in seinen Händen.

„Danke, mein Junge, das soll es gewesen sein.“ Er hatte nicht bemerkt, dass sein Onkel aus der Freiluftwerkstatt herausgetreten war und ihm nun anerkennend auf die Schulter klopfte. „Ohne Dich hätte ich den ganzen Krempel aus der Versteigerung niemals allein auf Vordermann bringen können. Schade, dass Bob und Peter gar nicht helfen konnten…“ Justus vernahm den fragenden Unterton seines Onkels, ohne dass er aufblicken musste.

„Bob und Peter müssen eben auch mal bei sich zuhause mit anpacken, Onkel.“

„Na, aber sie waren ja das ganze Wochenende nicht hier. Gleich, nachdem Ihr Eure Besprechung hattet, sind sie verschwunden. Ist alles in Ordnung bei Euch, Junge?“ In ihm bohrte nun doch ein schlechtes Gewissen, dass er die Aufräum- und Sortierarbeiten aller Habseligkeiten aus einer kürzlich stattgefundenen Versteigerung fast völlig seinem Neffen hatte aufdrücken müssen. Beinahe das ganze Wochenende hatte Justus ihm bei der Plackerei geholfen und sich mehr als er selber körperlich eingebracht.

„Natürlich, Onkel. Bob war mit seinen Eltern übers Wochenende bei Freunden zu Besuch und Peter hatte neben der Lernerei für die anstehende Prüfung ein Fußballturnier. Er kommt nachher noch vorbei, dass wir zusammen lernen.“

„Na gut, mein Junge, dann gönn Dir vorher noch eine Pause. Deine Tante hat wieder in der Küche gezaubert für uns hart arbeitende Männer.“ Titus Jonas knuffte seinen Neffen scherzhaft in die Seite, was diesem ein leichtes Schmunzeln entlockte, und zog ihn am Arm auf die Füße.

Justus warf seine Dose in eine Mülltüte, in der diese sich zu ihren Vorgängern gesellte, warf sich die klappernde Tüte über die Schulter und ging mit müden Schritten zum Wohnhaus der Familie Jonas. Bei dem Gedanken an eine schwere Sahnetorte spürte er sogleich ein Unwohlsein in der Magengegend. Ja, in letzter Zeit hatte er mit nicht wenig Stolz festgestellt, dass sich die Lust auf seine sonst so lieb gewonnenen kleinen Sünden ziemlich in Grenzen hielt. Nicht ohne Erfolg, wie er vor wenigen Wochen seinen beiden besten Freunden verkündet hatte:

„Seht her, Kollegen!“ hatte er begeistert gerufen, als er laut polternd durch die Tür in die Zentrale gestürmt war. „Die Ausgangsituation meiner Gewichtsentwicklung möge euch aus Gründen der Diskretion verschwiegen bleiben, aber ihr müsst zugeben, dass der optische Effekt nicht mehr von der Hand zu weisen ist! Mein Erfolg beziffert sich bereits im zweistelligen Bereich!“          
Um das Gesagte zu unterstreichen, hatte er an seinem gern getragenen T-Shirt gelupft, welches seinen Körper immer recht eng umspannt hatte und nun locker an den Seiten herabfiel. Außerdem hatte er seine Jeans schon um drei Löcher enger spannen können und auch diese zeigte viel mehr Bewegungsfreiheit an seinen Beinen.

„Gratuliere, Erster!“ hatte Peter unter lautem Klatschen geantwortet.

„Wenn deine jetzige Diät tatsächlich bei DIR wirkt, dann wird der Erfinder stinkreich damit!“ hatte er sich aber nicht verkneifen können.

Bob dagegen hatte ihren Ersten mit einem Anflug von leichter Sorge betrachtet, dieses Gefühl jedoch sogleich energisch von sich geschoben, als er das strahlende Leuchten in Justus´ graublauen Augen sah und ihn anerkennend mit der Schulter angestoßen. „Klasse, Erster!“, worauf dieser sein Grinsen erwiderte. „Nicht wahr?“

Der dritte Detektiv hatte nie gefunden, dass ihr Anführer kein hübscher Junge war. Dieses ewige Gerede um seine zugegebenermaßen recht stämmige Figur lenkte die Aufmerksamkeit zu Unrecht ab von vielen Dingen, die einfach schön an ihm waren. Seine tiefschwarzen Haare zum Beispiel, die ihm manchmal einen ungewollt verwegenen Ausdruck verliehen und in widerspenstigen Strähnen in sein dagegen leicht blass erscheinendes Gesicht fielen. Das Gesicht, das so weich wirkte, da aus ihm keine harten Wangenknochen hervorstachen wie bei manch anderem pubertierenden Jungen. Und seine Augen, die Bob schon in vielen verschiedenen Nuancen zwischen dunklem grau, grün und blau hatte schimmern sehen und die immer diese einnehmende Souveränität ausstrahlten. In denen er in all den Jahren ihrer Freundschaft aber mitunter auch melancholische Züge gesehen hatte.

Nun hatte er also tatsächlich abgenommen. Das war doch toll, oder etwa nicht? Bob wollte sich für seinen Freund freuen.
Woher kam dann dieses bohrende Gefühl, dass dabei etwas nicht stimmte?                                                                                                                                                        
Vielleicht, dass Justus immer so müde aussah?                                                                                          
Dass seine gewohnt geschwungenen Reden in letzter Zeit ungewohnt kurz ausfallen konnten? Dass ihm gar keine so einschlagende Veränderung im sportlichen wie ernährungstechnischen Verhalten seines Freundes aufgefallen war? Wieso sollte diese eine Diät, die er nicht einmal genau benennen hätte können, einen derart drastischen Gewichtsverlust bewirken?



Diese Gedanken gingen nun auch zum wiederholten Male dem ersten Detektiv durch den Kopf, als er die Badezimmertür hinter sich schloss. Durst…. Er drehte den Wasserhahn auf, hängte sich kopfüber darunter und ließ sich das Wasser ins Gesicht und in den brennenden Mund laufen. Anschließend ging er zur Toilette, um sich zu erleichtern. Mal wieder.
Wer viel trinkt, muss halt oft.                          
Er seufzte tief, doch dieser Atemstoß ließ ihn erneut in einen kräftezehrenden, tief klingenden Husten verfallen. Als der Reiz nachließ, lehnte er seinen Kopf an die kühlen Fliesen der Wand neben sich und schloss die Augen. In diesem kurzen Moment hier im Bad konnte er sich gehen lassen. Vor niemandem musste er Haltung bewahren, um keine besorgten Blicke auf sich zu ziehen, keine Fragen nach seinem Befinden beantworten, dessen Erklärung er selbst nicht einmal imstande war.            
Mit nicht unerheblicher Enttäuschung hatte er sich bereits eingestanden, dass sein Abnehmen nicht einfach ein erfreulicher Erfolg durch seinen Verdienst war und er nicht mehr länger drum herumkommen würde, seinen körperlichen Zustand doch einmal einer eingehenden Analyse zu unterziehen.                                                                                                                                                      
Dabei hatte er sich so gefreut, als er tatsächlich mal wieder auf die Waage gestiegen war. Wieder ein Gefühl, das ihn in die Irre getrieben hatte. Oder fühlte man sich nun so, wenn man nicht mehr so „füllig“ war? Zugegeben, er hatte niemals exzessiven Sport getrieben, aber eben solche, die es taten, wie auch Peter, zutiefst bewundert für ihre Fitness, mit der sie scheinbar durchs Leben sprangen. Eine derartige Fitness fühlte er nun jedoch keineswegs, im Gegenteil. Mit seinen „paar Kilo mehr“ hatte er sich körperlich besser gefühlt als jetzt. Irgendwas stimmte nicht. Sein Verstand bohrte sich aus seinem Inneren wieder an die Oberfläche…Polydipsie… der medizinische Fachbegriff für pathologisch vermehrtes Trinken…. Er war so müde….…ein kurzes Schläfchen wäre jetzt genau das Richtige. Vielleicht braucht Peter ja noch ….

„Hallo Peter! Justus ist kurz im Bad, sich eben frisch machen. Setz Dich doch schon mal auf die Veranda, ich bringe Euch gleich was!“ Die durch die Badezimmertür vernommenen Worte seiner Tante machten seine Hoffnung auf ein kleines Nickerchen augenblicklich zunichte.                  
Resigniert begab er sich wieder zum Waschbecken, wusch sich die Hände und nahm noch ein paar letzte Schlucke aus dem Wasserhahn, dann trat er wieder zur Tür hinaus.

„Justus, mein Junge, wie siehst du denn bloß aus?“ Beinahe wäre er in seine Tante hineingelaufen, die anscheinend vor der Tür gewartet hatte. „Dein Husten klingt furchtbar! Du solltest wirklich zu Dr. Weddington gehen. Dass Titus dich auch so hat schuften lassen. Na, der kriegt was zu hören, seinen armen kranken Neffen…“

„Ist schon gut, Tante Mathilda, die Arbeit ist ja nun beendet,“ unterbrach er ihren Redeschwall.  „Und der Husten ist in der Tat sehr hartnäckig, bedarf aber sicher keiner weiteren medizinischen Abklärung, sondern lediglich weiterhin deiner hervorragenden Medizin.“ Er versuchte es mit einem Lächeln.

„Pha! Der müsste doch schon längst weg sein! Und es wäre sicherlich kein Weltuntergang gewesen, wenn dieser ganze Krempel aus der Versteigerung zum Wohle deiner Gesundheit nicht in den letzten beiden Tagen unbedingt hätte verräumt werden müssen. Was Titus da aber auch wieder angeschleppt hat. Sag mal, hast du Fieber…?“ Mit sorgenvollem Blick fasste sie ihrem Neffen an die leuchtend roten Wangen und dann an die feuchte Stirn.

„Alles bestens, Tante Mathilda, wirklich. Es ist eben heiß draußen und wir haben gearbeitet.“ Genervt nahm er ihre Hand aus seinem Gesicht, um dann beschwichtigend zu Boden zu blicken. Er wusste es doch selbst nicht genau. Ein Gefühl, das er hasste.

„Also schön,“ sagte sie nun in einer merklich besänftigten Stimme, „wenn dein Husten aber bis übermorgen nicht deutlich besser sein sollte, werde ich dich höchstpersönlich zu Dr. Weddington schleifen, hörst du? Und nun geh schon, Peter wartet auf der Veranda auf dich. Ich bringe euch gleich Zitronenmuffins und Limonade.“

„Danke, Tante“ sagte Justus schnell, schob sich an seiner Tante vorbei und trat hinaus auf die Veranda zu seinem braun gebrannten Freund, der in ärmellosem Surfer-Shirt und Bermudas auf einem der bequemen Liegestühle saß und kurz durch seine schwarze Sonnenbrille hindurch zu ihm aufsah.

„Hi, Just!“ begrüßte er ihn mit kurzem Kopfnicken. „Du und dein Onkel habt aber wirklich ´nen Haufen Arbeit gehabt mit den Sachen, was? Was hat denn der Typ für Zeug aufbewahrt?“

„Hi, Pete,“ antwortete Justus und ließ sich in den Liegestuhl neben seinem Freund fallen.              
„Oh, es war eine einsame, alte Dame, die aus mehreren Generationen Dinge aufbewahrt hat, die ihr etwas bedeutet haben. Nun gab es keine Verwandten und ihr Wunsch war es, die Sachen an Leute abzugeben, denen sie ebenso etwas Wert waren. Viele Interessenten gab es allerdings nicht, sonst hätte Titus nicht soviel ersteigern können. Wirkliche Wertgegenstände dürften nicht darunter sein, sie waren nicht einmal wirklich geordnet.“

„Ist ja so wie bei diesen herrenlosen Containern, die an Leute versteigert werden, die nur mal kurz ´nen Blick reinwerfen dürfen und dann für sich überlegen, was sich darin an verborgenen Schätzen verbergen könnte. Da gibt´s doch diese Sendungen im Fernsehen!“

„Hmm.“ Justus´ Sinn nach verborgenen Schätzen war für heute mehr als gestillt.

Tante Mathilda kam mit einem Tablett heraus, auf dem frisch duftende Zitronenmuffins und zwei Flaschen Limonade standen.

„Hier, meine Herren, schlagt zu. Wenn ihr noch etwas braucht, ich bin in der Küche.“

„Danke!“ sagten beide Jungen einstimmig und beugten sich vor. Dabei griff Justus nicht wie von Peter vermutet nach dem fluffigen Gebäck, das in bunten Papierkörbchen auf einen Teller gestapelt war, sondern nach der Flasche Limonade, die er ohne einmal abzusetzen leerte. Peter schürzte beeindruckt die Lippen. „Alle Achtung, Erster, das nenn ich mal Durst!“

„Wie war dein Spiel, Zweiter?“ Zu Justus´ Erleichterung ging Peter sofort auf die Ablenkung ein: „Oh, fantastisch! Es war von Anfang an sehr spannend, da die Francisco Soccers wirklich sehr starke Gegner sind!“ Mit kauendem Mund schwelgte der Rothaarige zurück in die einzelnen Spielszenen vom Wochenende, unterstrich seine Erzählungen mit nachgestellten Bewegungen seiner Arme und Beine und vertilgte dabei einen Muffin nach dem anderen.

Justus hörte den Ausführungen seines Freundes zu und fuhr sich zum wiederholten Male mit der Zunge über seine Lippen. Sie brannten furchtbar. Sein ganzer Mund brannte. Eigentlich schien sein ganzer Körper zu brennen. Er hatte das Gefühl, in jeder einzelnen Zelle seines Körpers ein heißes Kribbeln zu spüren. Er schluckte trocken herunter und kämpfte mit sich, einfach Peters Limonade zu schnappen und hinunterzuspülen. Beim Anblick der Muffins wurde ihm übel. Wie sie so da lagen, diese dicke Zuckerkruste vor sich hin schmelzend….einzelne Schwitztropfen hatten sich gebildet und glänzten schmierig vor sich hin… Zuckerwasser … Justus musste den Blick abwenden und hielt sich reflektorisch den Unterarm vor den Mund, um seinen Brechreiz zu unterdrücken.

„Alles in Ordnung, Just?“ Peter hatte seine Erzählungen erschrocken beendet und schaute seinen Freund prüfend unter der hochgeschobenen Sonnenbrille an.

„Hmm? Ja, ja,“ Justus erhob sich. „Lass uns an die Arbeit machen. Du musst doch lernen. Geh schon mal vor in mein Zimmer, ich komm gleich nach. Ich gehe nur noch kurz auf die Toilette.“                    
Er spürte, wie sich der irritierte Blick seines Kollegen in seinen Rücken bohrte, als er im Haus verschwand.



----------



„Wozu zum Himmel muss man denn bloß diesen verdammten Pentosephosphorwasweißichwasweg wissen? Ich will doch kein Arzt werden, verdammt!“ Fluchend warf sich Peter rücklings auf Justus´ Bett, auf dem dieser die letzten zwei Stunden mit ausgestreckten Armen und Beinen fast regungslos gelegen hatte.

„Pentophosphatweg, Zweiter,“ grummelte er nun, ohne dabei die Augen zu öffnen.

„Dann eben Pentophosphatweg. Dieser ganze oxidative und nicht-oxidative Mist bringt mich echt zum Kotzen!......und du pennst hier gleich ein, oder was?“ Entrüstet knuffte er seinem Freund in die Seite.

„Au, verdammt!“ hustend setzte er sich auf und strafte Peter mit einem erbosten Blick.

„Also schön. Zeig her!“ Mit einem hörbar genervten Unterton schnappte der erste Detektiv sich das Biochemie-Buch und kniff sogleich angestrengt die Augen zusammen. Irritiert starrte Peter seinen Kollegen an. „Kannst du das nicht lesen, oder wie?“

Der Erste räusperte sich verlegen. „Doch. Klar. Ich habe nur etwas Kopfschmerzen.“ Peter hob misstrauisch die linke Augenbraue. „Kopfschmerzen,“ wiederholte er in ungläubig tiefem Ton. „Kann es nicht vielleicht doch sein, dass Du eine Brille brauchst, Erster? Du schaust in letzter Zeit auch dauernd so verkniffen auf den Bildschirm.“ Er kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen.

Ein Brummen.

„Ist doch nicht schlimm! Kannst Dir ja auch gleich Kontaktlinsen verschreiben lassen, wie Bob!“

„Schon gut, Peter, schon gut.“ Justus konnte seinen Ärger nicht verheimlichen. Ja, es war ihm selbst schon aufgefallen, dass es ihn verdammt noch mal Anstrengung kostete, die Buchstaben auf dem Computerbildschirm oder in seinen Büchern zu entziffern. Mehrfach schon hatte er an der Schrifteinstellung ihres Computers herumprobiert, um den vermeintlich technisch bedingten verwaschenen Schleier, der die einzelnen Zeichen umgab, zu entfernen. Seine Unsicherheit, was die vermutete Ursache betraf, hatte noch zugenommen, als er feststellen musste, dass seine beiden Kollegen diesen Fehler gar nicht zu bemerken schienen.

„Ich glaube, es reicht für heute. Du hast den Sinn dieser biochemischen Funktionskette doch schon verstanden.“

Die Ablenkung fruchtete, wenn auch nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte: „Sinn? Welchen Sinn???“ frotzelte Peter.

Ein genervtes Aufschnauben von Justus ging in einen erneuten Hustenanfall über.

„Okay, okay. Schon gut.“ Peter hob beschwichtigend die Hände. „Ich denke, ich sollte meinem geplagten Hirn eine Pause gönnen. Ich werde noch eine Runde schwimmen gehen, bevor es nachher losgeht.“

Justus riss erschrocken die Augen auf. Verdammt! Die Party! Kellys Geburtstagsparty! Sie waren heute Abend bei ihr zuhause eingeladen. Auch er, wobei er sich erspart hatte, darüber nachzudenken, ob sie ihn wirklich aus freien Stücken oder auf Peters Nachdruck eingeladen hatte. War ihm auch egal. Verdammt. Jede Faser seines Körpers sträubte sich gegen diesen Abend.

„Peter, ich…“

„Keine Widerrede, Erster“, unterbrach ihn dieser jedoch sofort, um jegliche hergeholte Ausrede im Keim zu ersticken. „Ich hole dich um acht mit Bob zusammen ab, dann fahren wir gemeinsam rüber. Es wird ein toller Abend, wirst sehen!“ Mit diesen Worten schwang sich der Sportliche behände aus dem Bett, klaubte seine Sachen zusammen, warf dem Schwarzhaarigen noch einen betont optimistischen Blick zu und verschwand mit einem „Tschüüüß!“ aus dem Zimmer.



*******

So, das war mein erstes Kapitel. Ich hoffe, es hat Euch gefallen.
Review schreiben