Sicherer Hafen

GeschichteRomanze / P16
28.02.2018
21.10.2020
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08.02.2019 1.151
 
Es war mitten in der Nacht. Capp war nach der Trauerfeier für Danny Borelli, dem großen Bruder von Anwärter Jimmy, noch in den hauseigenen Pool gesprungen und war ein paar Bahnen geschwommen. Wie immer traf es den großgewachsenen Mann sehr, dass es wieder ein Kollege nicht geschafft hatte. Auch wenn er Danny Borelli nicht gekannt hatte. Die Familie von Danny trauerte. Und das schmerzte Capp. Als er damals zur Feuerwehr gegangen war, hatte seine Mutter ihm das Versprechen abgenommen, dass er sich immer nach der Schicht bei ihr meldet. Auf der einen Seite fand er das bescheuert. Aber auf der anderen Seite verstand er die Sorgen seiner Mutter auch. Also hatte er sich gefügt. Gerade wollte der Mittdreißiger sich hinlegen, da meldete sich sein Handy. Genervt ging er ran. "Capp!" bellte er dem Anrufer entgegen. "Capp, hier ist Ginger vom Chicago Med.! Severide wurde gerade mit multiplen Stichverletzungen eingeliefert. Komm schnell her!" erklärte die Krankenschwester. "Bin unterwegs!" rief Capp, legte auf und zog sich schnell Hose und Pullover über. „Verdammt, was war Severide nur zugestoßen? Ginger klang sehr besorgt! Hoffentlich ist alles nur halb so schlimm…“ dachte er. Dann informierte er Chief Boden. Dieser versprach, sofort zu kommen.

Es dauerte keine Stunde, bis sich alle von der 51 im Chicago Med. versammelt hatten. Nun warteten sie auf Neuigkeiten. Ungeduldig saßen die Männer auf den Stühlen. Chief Boden versuchte mehrfach, seinen ehemaligen Kollegen Benny zu erreichen. Er war ja immerhin Severides Vater! "Haben Sie ihn noch immer nicht erreicht, Chief?" erkundigte sich Herrmann nach einer Weile. Traurig schüttelte dieser den Kopf. "Machen Sie sich keine Sorgen, Chief! Severide ist ein verdammt zäher Hund! Der packt das!" munterte Capp seinen Vorgesetzten auf. Doch innerlich machte er sich selbst größte Sorgen um seinen Kollegen und guten Freund.
In den frühen Morgenstunden kam endlich ein Arzt zu ihnen: Doktor Eldridge. "Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass es nicht gut aussieht um Lieutanant Severide. Er hat lebensbedrohliche Stichwunden im Thoraxbereich, sowie an den oberen Extremitäten. Letztere sind wohl Abwehrverletzungen. Seine Lunge wurde stark beschädigt; sein linker Lungenflügel ist kollabiert, konnte aber während der OP wieder stabilisiert werden. Auch der obere Teil des Darms wurde verletzt. Ein Stück, dass nicht mehr zu retten war, wurde entfernt. Ebenso wie die Milz. Der Lieutanant hat insgesamt sehr viel Blut verloren. Und es ist wohl zu erwarten, dass er auch weitere Transfusionen benötigt. Sein Zustand ist äußerst kritisch." erklärte der Arzt sachlich die Lage.
"Ich habe Blutgruppe null negativ! Ich kann spenden!" rief Tony sofort. Der Arzt nickte ihm zu. "Eine Schwester wird gleich zu Ihnen kommen, Mr ..." sagte der Arzt. "Marshall. Anthony Marshall!" gab Tony an. "Gut, Mr Marshall. Die Schwester wird gleich zu Ihnen kommen. Ich muss jetzt weiter." verabschiedete sich der Arzt und wandte sich zum Gehen. "Doktor? Können wir zu ihm?" erkundigte sich Chief Boden. Der Arzt verharrte in der Drehung und blickte zu Boden. "Später!" antwortete er und ging dann endgültig. Keine zehn Minuten später wurde Tony zur Blutabnahme gerufen. Und alle hofften und beteten für Severide. "Bitte Shay! Lass ihn nicht sterben! Bitte Shay! Lass ihn nicht sterben!" ging es vielen durch den Kopf.

>>>

Die Sonne ging langsam über der Stadt auf. Die Strahlen drangen langsam, aber sicher, durch die zugezogenen Vorhänge in das Zimmer und trafen auf das Bett. Dort lag Jimmy Borelli. Der junge Feuerwehrmann kam nur langsam zu sich. Er rieb sich die Augen vom Schlaf frei und blinzelte gegen die Sonnenstrahlen an, die ihn im Gesicht trafen. Zwar waren diese abgeschwächt durch die Vorhänge. Doch selbst dieses schwache Licht verursachte hämmernde Kopfschmerzen. Ihm brummte der Schädel. Verdammt! Er hatte definitiv zu viel getrunken! Aber er hatte es nicht geschafft! Er hatte es einfach nicht geschafft, zu der Trauerfeier für seinen Bruder zu gehen! Jimmy wollte sich ein wenig Mut anzutrinken. Doch das hatte nicht funktioniert. Also hatte Jimmy mehr getrunken. Und noch mehr. Und dann noch mehr. Und irgendwann, dass wusste der junge Mann noch, hatte er im besoffenen Kopf beschlossen, zum Haus von Chief Boden zu gehen und ihm die Meinung zu sagen. „Shit!“ ging es plötzlich dem jungen Mann durch den Kopf und setzte sich ruckartig auf. Und kassierte für diese unüberlegte Aktion sofort die Quittung: hämmernde Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit! Der junge Mann ließ sich wieder zurück auf das große Bett fallen und kämpfte gegen das Verlangen des Übergebens an. Doch vergeblich! Jimmy drehte sich zur Seite und lehnte sich über den Bettenrand. Da kam es auch schon hoch und raus. Zu seiner Überraschung, und auch zu seiner Erleichterung, stand da ein Eimer, welcher die Sauerei auffing. Mit einem Anflug von Dankbarkeit drehte sich Jimmy wieder auf den Rücken und starrte an die Decke.

Er war doch nicht etwa im Haus von Familie Boden? Nein, er konnte sich nicht daran erinnern, Chief Boden oder seiner Frau begegnet zu sein. Er betrachtete die Zimmerdecke eine Zeitlang und wurde irgendwie das Gefühl nicht los, ihm diese Decke bekannt vorkam... Nein! So ein Quatsch! Woher sollte ihm denn die scheiß Decke bekannt vorkommen? Das war einfach eine ganz normale und handelsübliche Holzdecke! Fertig! Die gab es on ganz Chicago sicherlich hundertfach. In den USA sogar zehntausendfach! Der junge Mann konnte nur den Kopf über sich schütteln. Aber nicht zu heftig! Jetzt könnte Jimmy aber eine Flasche Wasser gebrauchen. Vorsichtig erhob sich der dunkelhaarige und blickte sich suchend um. Und er wurde tatsächlich fündig! Auf dem Nachttisch fand Jimmy eine Flasche Wasser. Und Kopfschmerztabletten! Perfekt! Nun fühlte sich der junge Feuerwehrmann einigermaßen bereit, sich der Welt zu zeigen. Er erhob sich vom Bett und sah sich genauer um. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihm dieses Zimmer bekannt vorkam... Nein! Das war doch bescheuert! Vermutlich waren es restliche Erinnerungsfetzen von letzter Nacht... Klang plausibel! Aber nichtsdestotrotz stellte sich die Frage, wo er war? Noch etwas wackelig auf den Beinen und mit schwerem Kopf machte sich Jimmy auf den Weg nach Hause. Doch Moment mal! Wo war seine Uniform, die er für die Trauerfeier angezogen hatte? Er trug nur ein weißes T-Shirt und eine blau gestreifte Pyjamahose. Und plötzlich wurde Jimmy schlagartig klar, wo er war! „Fuck! Fuck! Fuck!“ dachte er. Das durfte jetzt nicht wahr sein!!! Er musste hier raus! So schnell und unauffällig wie möglich! So leise wie er nur konnte, schlich Jimmy aus dem Zimmer auf den Flur und zur Treppe, die nach unten führte. Er blieb kurz stehen und lauschte. Doch es war still im Haus! „Scheiß auf die Uniform!“ sagte sich der junge Feuerwehrmann. Jimmy wollte nur noch raus hier! Schnell ging er die Treppe runter und steuerte die Tür zu seiner Linken an. Doch da hörte er sie auch schon. Die Stimme, die Jimmy jetzt, und überhaupt nie wieder hören wollte. "Hallo Jimmy!"
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