Blaues Blut

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Ganondorf Naboru OC (Own Character) Zelda
27.02.2018
02.02.2019
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Kapitel 1: Begegnungen


Ganondorf nächtigte in einem der Gemache im linken Flügel der Burg. Die oberen Stockwerke waren, mit Ausnahme ihres Gemachs und jenes ihres Vaters, stets unbesetzt. Nur selten kamen ferne Verwandte zu Besuch. Zeldas Tante hatte für ein paar Jahre hier gelebt, ehe sie Monate vor Zeldas Geburt verstorben war. Sie kannte das Gesicht bloß von Portraits und ihren Charakter von den Geschichten der Küchenkräfte. Noch sentimentaler wurden die Bediensteten allein, wenn Zelda nach ihrer Mutter fragte.
Sie mied den linken Flügel, so gut es ging.
Das erste Abendessen, das ihr Vater, Ganondorf und sie zusammen verbrachten, war nervenaufreibend gewesen. Allein die Anwesenheit dieses Mannes ließ Schauer nach Schauer über ihren Rücken klettern. Sie hatte vermieden, zu ihm aufzusehen. Den Großteil ihres Essens hatte sie stehen gelassen. Ihr Vater hatte nicht weiter nachgefragt.
In den frühen Morgenstunden, noch ehe Impa sie von ihrem Zimmer holen und mit ihr das Lesen und Schreiben üben konnte, begab sich Zelda zum Gemach ihres Vaters. Sie nickte der Wache zu, die gerade ihre Runden durch das obere Stockwerk machte, und klopfte gegen die Holztür. Auf die Geste hin blickte die Wache sie an.
»Verehrte Prinzessin. Euer Vater ist mit König Ganondorf auf einen morgendlichen Ritt gegangen.«
Sie stutzte. Mit einem leisen Dank machte sie wieder kehrt.
Sie hatte ihren Vater oft genug gewarnt. Er hatte ihr kein einziges Mal geglaubt. Sie hatte gefleht und gebettelt, bis ihr Vater sie gar wütend abgewiesen hatte. Es war ihr schleierhaft, wie er an den ihr geschickten Prophezeiungen zweifeln konnte. Angst kroch mit jedem Tag spürbarer durch ihr Blut. Die Worte der Fee hatten sich in ihren Kopf gebrannt, die Ahnung von Unheil sich in ihr Bewusstsein geschlichen.
Auch Impa merkte ihre Unruhe. Zelda hatte den Text schon Dutzende Male abgeschrieben – eine der Legenden, die sich um die Heilige Nayru rankten – und doch wurden die Striche auf dem Pergament ein wenig zittrig. Es entging weder ihr noch Impa, dass sie sich bei einem Wort schließlich verschrieb.
»Das Schreiben benötigt Konzentration«, tadelte Impa über die Schulter der Prinzessin, »welche Ihr nicht zu besitzen scheint. Was liegt Euch auf der Seele, Prinzessin?«
Mit zusammengebissenen Zähnen tunkte Zelda die Feder in die Tinte und strich das Wort durch. Es sah scheußlich aus. Die Nonnen der Zitadelle hätten bei solch einem Anblick die Hand aufs Herz gelegt. Sie schob die Feder zur Seite. »Ich habe dir bereits gesagt, wie Vater auf meine Warnungen reagierte. Es will mir nicht aus dem Kopf gehen.«
Einige Augenblicke lang schwieg Impa. Das Licht der Kerzenflamme tanzte über staubige Buchrücken, die sich an den Wänden aneinanderreihten. »Ihr seid noch nicht alt genug zu verstehen, Prinzessin.«
»Dann erkläre es mir.« Beide ihrer Handflächen landeten auf der Tischoberfläche, während Zelda herumwirbelte. »Erkläre mir, wieso Vater einem Mann Glauben schenkt, dessen Augen von nichts als Lügen sprechen.«
»Wenn Ihr einen solch königlichen Befehl aussprecht, kann ich mich wohl kaum erwehren.« Hinter Impas Worten vermutete Zelda etwas wie Hohn. Ihre Bedienstete bückte sich zu ihr hinunter. Feine Falten zeichneten sich an ihren Augen und an ihren Mundwinkeln ab. »Der König der Gerudo ist ein mächtiger Mann. König Daltus hat sehr wohl die Möglichkeit, ihn abzulehnen. Doch das bewiese weder politisches noch wirtschaftliches Geschick. Wir hätten den Zorn eines kampfbereiten Volkes auf uns gehetzt und den Händlern der Wüste ihre Wege verwehrt.«
»Nichts davon zählt, wenn das Land letztendlich untergeht.«
Impa suchte in den Augen der Prinzessin nach etwas. Ob sie es fand, konnte Zelda nicht sagen. »Was schlagt Ihr dann vor?«
Das ließ Zelda sekundenlang verstummen. »Wir bannen ihn aus diesem Land«, sprach sie schließlich.
»Keine Wache, und sei sie noch so mächtig, könnte König Ganondorf in seine Wüste bannen. Es bräuchte allein seine Truppen, jegliche Barriere zu sprengen.«
Impas Blick wurde prüfend. Zelda fühlte sich plötzlich unwohl. Die Erwartung einer weiteren Antwort schnürte ihr die Kehle zu. »Wir lassen ihn köpfen.«
Darauf schossen Impas Augenbrauen in die Höhe. »Für welche Tat, wenn ich fragen darf, oh höchste Tyrannin?«
»Für die, die er begehen wird«, flüsterte Zelda, während sie spürte, wie Hitze sich in ihren Wangen ausbreitete.
»Ich werde so tun, als hätte ich das nie gehört. Wenn Ihr so regieren wollt, wie Ihr jetzt denkt, stehen Hyrule wahrlich dunkle Zeiten bevor.«
»Du glaubst mir nicht«, stellte Zelda fest. »Du glaubst wie Vater, dass nichts geschehen wird.«
Die Antwort ließ länger auf sich warten. Sie war verborgen hinter einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Impa legte schließlich den Kopf in den Nacken, ließ ihre Knochen knacksen und richtete sich wieder auf. »Ich glaube an Eure Fähigkeit, von Dingen zu wissen, die kein anderer Hylianer erahnen könnte. Die Göttinnen scheinen Euch auf besondere Weise gesegnet zu haben.«
»Dann solltest du mir auch helfen, Hyrule vor Ganondorf zu bewahren, nicht?«
»Ich verspreche Euch, auf König Ganondorf Acht zu geben. Alles Weitere entzieht sich meiner Macht.«
Zelda wusste, dass ihre Bedienstete solche Worte nicht bedeutungslos dahinsprach. Es machte die Angst in ihrem Herzen jedoch nicht erträglicher. Sie presste die Lippen aufeinander und sah weg. Stumm machte Impa sich daran, das aufgeschlagene Buch wegzutragen und eine leere Seite Pergament aufzufinden.

Am nächsten Tag, als sie zu dritt beim Mittagsessen saßen, unterbrach ihr Vater sein Gespräch mit Ganondorf und nannte ihren Namen. Zelda sah von dem gegarten Gemüse auf, das sie auf ihrer Gabel gestapelt hatte. Süffisanz tanzte in Ganondorfs Augen. Sie ließ sich davon nicht beirren.
»Ich habe Vorbereitungen für die Verhandlungen mit den Zoras zu treffen«, sprach ihr Vater. Seine Augen waren so blau wie ihre und trugen eine Schwere, die sie noch nie ganz verstanden hatte. »Ich würde dich bitten, König Ganondorf nach unserer Mahlzeit durch die Stadt zu geleiten und ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu präsentieren.«
Zelda erstarrte. »Thies würde mich beim Reitunterricht vermissen.«
»Dies kann nachgeholt werden«, winkte ihr Vater ab.
Ein amüsiertes Lächeln zog sich über Ganondorfs Gesicht. »Wenn die Prinzessin nicht wünscht, meine Begleitung zu sein, so will ich sie zu nichts zwingen.«
»Bei Nayru, redet nicht so.« Ihr Vater lachte auf. »Sie ist ein braves Mädchen. Ihre Ernsthaftigkeit und ihr Ehrgefühl hat sie von ihrer Mutter, die Göttinnen sollen sie segnen. Noch nie hat sie eine Reitstunde verpasst. Doch daran soll es nicht scheitern.«
»Ist dem so? Dann würde es Euch doch nichts ausmachen, Prinzessin? Ich stünde in Eurer Schuld.«
Zelda biss die Zähne zusammen. Bernsteinfarbene Augen bohrten sich in ihre. Ihre Finger schlangen sich fester um die Gabel. Sie spießte ein Stück gare Zwiebel auf. »Wenn Vater es so wünscht, diene ich gerne als Eure Begleitung, König Ganondorf.« Die Worte waren beinahe ausgespuckt worden. Sie schloss die Lippen um das Gemüse und kaute es mit mehr Kraft als nötig.
Nach dem Essen bedeutete ihr Vater ihr mit einer Geste, auf ihrem Platz zu verweilen. Er schickte die Wachen hinaus und bat Ganondorf, nach seiner Ruhezeit am Tor der Burg auf die Prinzessin zu warten. Dieser quittierte die Bitte mit einem weiteren spöttischen Blick, der allein Zelda galt. Als ihr Vater und sie alleine waren, wandte er sich zu ihr hin.
»Ich bitte dich, Zelda«, seufzte er. »Mir ist bewusst, dass König Ganondorf dir ein Dorn im Auge ist, auch wenn der Grund mir nicht ganz ersichtlich wird. Dennoch hat eine Prinzessin hylianischen Blutes die Etikette zu bewahren.«
Sie blickte auf ihr übriggebliebenes Essen herab. »Mehr als meine Worte zu wiederholen, kann ich nicht tun. Vater, deine Gastfreundschaft wird dem Volk Hyrules die Köpfe kosten.«
Ein erneutes Seufzen verging im Schweigen. »Gehe zu Priester Anselm, wenn es dir ein solch dringliches Anliegen ist. Er kann mit dir die Botschaft zu deuten versuchen.«
Ihre Wangen wurden ein wenig warm. Die Gewissheit, nicht ernstgenommen zu werden, trieb ihr Tränen der Wut in die Augen. Priester Anselm würde sie anhören, doch mehr konnte auch er nicht tun. So sehr sie sich auch mühte, konnte sie den Blick nicht mehr heben.
»Ich bete, dass dir nichts geschieht.«
»Spreche keine so unheilvollen Worte.« Ihr Vater klang bereits müde von der Konversation. »Spute dich. König Ganondorf wartet bereits. Ich werde drei Wachen mit euch schicken.«
Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, als sie aus dem Speiseraum trat.

Es war ein frischer Herbsttag. Der Marktplatz war überfüllt und voller Leben. Von jeder Ecke drang Musik, die Klänge von Flöten und Okarinen, Lauten und Fideln. Jeder Schritt, den Zelda tat, fühlte sich steif und vorsichtig an. Ganondorf war neben ihr ein Riese, in seiner massigen Gestalt so furchteinflößend, dass sich so mancher nach ihm umdrehte. Nicht einmal die Wachen an ihrer Seite boten ihr ein Gefühl der Sicherheit.
Hier und da begrüßte man sie. Bauern und Handwerker verneigten sich vor ihr, Kinder sahen sie mit offenen Mündern an. Die Aufmerksamkeit behagte ihr nicht ganz. Sie war es gewohnt, auf ihrer Burg von strahlenden Lächeln und sanften Worten begrüßt zu werden.
»Eure Marktplätze sind sonderbar«, sagte Ganondorf. Seine Stimme war so tief und dunkel wie seine Aufmachung. »Aber unseren nicht unähnlich. Allein vor der Sonne braucht ihr euch weniger zu fürchten als wir.«
Zelda antwortete nicht. Ihr war nicht nach Tratscherei zumute. Stattdessen erläuterte sie in knappen Worten, welcher Weg vom Markplatz zum Rathaus führte.
»Ihr habt einen Bürgermeister?«, fragte Ganondorf daraufhin.
Sie hielt zwei Finger in die Lüfte und sah zu ihm hoch. Er erwiderte den Blick, ein Mundwinkel hochgezogen.
»Wir pflegen eine ähnliche Tradition. Wir nennen sie Stadtverwalterinnen. Aber die Gerudo sind wilde Frauen, und sie streiten lieber über belanglose Dinge als zu verwalten.«
Diesmal wollte ihr keine Antwort einfallen. Sie zeigte ihm den Brunnen der Stadt, die Wachtürme, die ihr Vater zu loben pflegte. Die Tavernen und Gaststätten waren Belange des unteren Volkes, aber sie erwähnte deren Standorte trotzdem. Als sie wieder zum Markt gelangten, bemühte sie sich, ihre Erklärungen kurz zu fassen. »Die Zoras bringen uns Fisch, den kein anderes Volk in die Hände bekommt. Die Goronen sind Meister des Schmiedens. Keiner unserer Schmiede kommt an ihre Waffen und Schilder heran.«
»Sieh an«, murmelte Ganondorf und bückte sich zu einem goronischen Stand. Die Menschen um ihn herum wichen sofort zur Seite, die Augen groß. Zelda konnte es nachvollziehen. Der Anblick einer Gerudo war sonderbar genug – der Anblick des gerudonischen Königs war beinahe unwirklich. Auch der Händler, ein großgewachsener Gorone, blinzelte in seiner Nervosität öfter als notwendig.
»Waffen scheinen Euch zu interessieren«, sagte sie.
Er nahm ihre Worte mit gehobenen Augenbrauen. »Nun, wir können die Kunst in solcherlei Handarbeit erkennen.«
Noch ehe sie eine Antwort geben konnte, vernahm sie eine bekannte Melodienabfolge. Sie reckte den Kopf. In der Nähe des Brunnens hatte sich eine Schar versammelt, die den Klängen einer Fidel lauschte. Jedes andere Instrument um den Platz herum verstummte. »Oh«, machte Zelda. Sie spürte Ganondorfs fragenden Blick auf sich, und die Aufregung machte jede Vorsicht zunichte. »Im Herbst ziehen viele Minnesänger durch das Land und bleiben, um Geschichten zu erzählen. Der Melodie nach scheint dies das Lied es Helden aus dem Himmelsreich zu sein.« Schleunigst trat sie näher an die Menge heran und winkte Ganondorf zu sich. »So kommt schon. Die ersten Verse sind die schönsten!«
Die Frauen machten ihr den Platz frei, noch bevor die Wachen ihr einen Weg bannen mussten. Sie schaffte es in die vordersten Reihen und hockte sich neben den anderen Kindern auf den Boden. Hinter ihr bemühten sich die Wachen, durch die Menge zu gelangen. Sie kannte den Minnesänger noch nicht – ein junger Knabe, ein Mensch, sicher eine seiner ersten Reisen – doch die Geschichte war dieselbe, die sie schon einige Male zuvor hatte hören dürfen.
Die Geschichte eines einfachen Jungen, der, von Farore gesegnet, seinen Mut fand und vom Himmel herunterstieg. Einem Mädchen schwor er die ewige Liebe, ehe er sich auf Reise begab. Abenteuer nach Abenteuer umringte ihn. Er rettete das Mädchen aus großer Gefahr, die ihnen beiden beinahe das Leben nahm. Letztendlich ließ er sich in den Armen seiner Geliebten nieder, nahm sie zu seiner Ehefrau und lebte mit ihr glücklich bis an sein spätes Ende.
Manche der Marktfrauen konnten Zeilen mitsingen. Die Kinder summten die Melodie. Jede dieser Geschichten wog schwer in Zeldas Herz. So oft sie die Verse auch hörte, nie wurde sie ihnen müde. Die Händler beschenkten den Minnesänger mit Wein und gesalzenem Fisch. Zoras baten ihn um das Saiteninstrument und versuchten mit ungeübten Fingern, die Melodien nachzuahmen.
»Ist dies einer eurer Bräuche?«, fragte Ganondorf neben ihr, als sich der Trubel aufzulösen begann. Die ehrliche Neugierde ließ Zelda vergessen, was ihre Albträume ihr gezeigt hatten. Sie lächelte ihm zu.
»Einer unserer schönsten Bräuche. Zu Festen lädt Vater Minnesänger auf die Burg. Die meisten davon sind Menschen, doch es gibt einen zoranischen Sänger, der zweimal bei uns erschien. Er hat die schönste Stimme und singt von den bezauberndsten Abenteuern.«
Ganondorf erwiderte ihr Lächeln. »Eure Leidenschaft für Freiheit wäre einer Gerudo würdig.«
Sie sah ihn an. Ihre Wangen wurden heiß – vor Scham und vor Zorn auf sich selbst. Bevor sie eine scharfzüngige Antwort geben konnte, kam Ganondorf ihr zuvor.
»Ich sehe dies als Kompliment. Ihr seht es als Beleidigung. Doch Ihr seid noch jung, und anders als der geehrte König könntet Ihr euch noch die Mühe machen, ein fremdes Volk wie das meine kennenzulernen. Wie ich es gerade tue.«
»An Eurer Stelle würde ich meine Zunge hüten«, zischte Zelda, weil ihr nichts anderes einfallen wollte. Er lächelte stumm.
Auf dem Weg zum Tempel der Zeit, der letzten Sehenswürdigkeit, fühlte sie ihr Herz schneller pochen. Links Fee hatte von dem Zeitportal gesprochen, von der Gefahr, die davon ausging. Aber die Okarina der Zeit war nicht mehr in ihren Händen. Es war der einzige Gedanke, der sie beruhigte. Vor den Eingangstoren der Zitadelle traf sie auf eine der Nonnen, Marika.
»Hast du den Minnesang vernommen?«, fragte Zelda nach kurzer Begrüßung. »Es war der Held des Himmelsreiches. Oh Marika, versprich mir, dieses Lied bald niederzuschreiben!«
»Ein wahrlich schönes Lied. Ich werde mein Bestes tun, Euren Wünschen nachzukommen.« Die Nonne neigte den Kopf vor ihr. Ihr Haar war verborgen von einem weißen Schleier, ihr Körper in dunkelblauen Stoff gehüllt, der ihre Verbindung zur Heiligen Nayru symbolisierte. Nur ihr freundliches Gesicht und ihre schmalen Hände blieben sichtbar. Langsam glitt ihr Blick zu dem König der Wüste. Das Lächeln wich nicht. »Ihr müsst König Ganondorf sein. Willkommen in unserer Zitadelle.«
»Eine Zitadelle als religiöse Stätte? Ihr Hylianer seid mir ein fremdartiges Volk.« Ganondorf lachte leise. Während erneut Wut durch Zeldas Adern kroch, schien Marika sich nicht im Geringsten an seiner Wortwahl zu stören.
»Priester Anselm ist überaus interessiert an der westlichen Kultur. Eure Religion ist der unseren nicht unähnlich, wenn ich dies behaupten darf. Vielleicht sind wir der unseren nur abhängiger.«
»Und eine schöne Frau wie du muss in den religiösen Stätten verkümmern. Dies scheint mir schlimmer als jede Abhängigkeit.«
Zelda kam nicht mehr ganz mit. Sie wusste Marikas ruhige Miene nicht zu deuten, und der Unterton in Ganondorfs Stimme kam ihr fremdartig vor. Um sich nicht vollends zu entblößen, reckte sie den Kopf nach oben. »Marika verkümmert ganz und gar nicht. Ihre Handschriften gelten als die schönsten des Klosters – gar die schönsten der Stadt. Niemand kann Initialen dermaßen kunstvoll gestalten wie sie.«
»Eine Ehre, solch ein Lob von der königlichen Familie zu erhalten«, lachte Marika. »Übt noch ein paar Jahre und Eure Schriften werden meine übertreffen.«
Ganondorf gab ebenso ein sanftes Lachen von sich. Zelda verstand die Belustigung nicht. Sie ließ ihre Lippen aneinandergepresst, bis sie am Hauptgebäude der Zitadelle ankamen. Der Tempel ragte inmitten der übrigen Klostergebäude mit seinem hohen Turm heraus, seine Wände im Sonnenlicht weiß glänzend. Marika hatte sie begleitet, und die Hand auf das Tor gepresst, sah sie zu Ganondorf zurück.
»Unser Brauch verlangt es, die drei Goldenen Göttinnen zu ehren«, erklärte sie. »Vor dem Altar gehen wir auf die Knie, neigen unseren Kopf und falten in einer Geste der Demut die Hände. Ihr seid herzlich eingeladen, es uns gleichzutun.«
Ganondorf grinste. Es wirkte ein wenig höhnisch. »Ich teile deine Religion nicht. Ist es dir überhaupt erlaubt, mir Eintritt zu gewähren?«
»Fremde Religionen machen uns keine Angst«, erwiderte Marika. »Im Gegenteil: wir begrüßen sie. Vielfalt ist eine Bereicherung.«
Ganondorf grinste noch immer, als er über die Schwelle trat. Es behagte Zelda nicht ganz, doch sie legte Vertrauen in die Nonne. Helle Fliesen glänzten im Sonnenlicht, ihre Schritte hallten durch die Leere. Zeldas Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Angst entfachte in ihr, schwerer als je zuvor. Eine der Wachen folgte ihnen und beobachtete vom Eingang aus, wie sie sich vor den Altar knieten. Ganondorf machte ihnen die Bewegungen nach, ließ seinen Blick auf Zelda ruhen, während diese die Hände faltete und die Augen schloss.
Sie betete zu Nayru und bat um deren Weisheit. Sie bat um die Möglichkeit, jedes Unheil zu verhindern. Sie bat darum, ihr Land nicht sterben zu sehen. Ahnungen beschlichen sie, Bilder von Ruinen und einem Himmel, der rot wie Blut leuchtete. Ein Lachen, das sich unter ihre Haut fraß. Eiseskälte unter ihren Fingerspitzen.
Sie schnappte nach Luft und öffnete schlagartig die Augen.
Vor ihr erstreckte sich das Zeitportal. Dahinter lagen Dinge, von denen Ganondorf niemals erfahren durfte. Doch als sie zu ihm hinüberschielte, sah sie seine Augen daran haften. Er starrte, als könnte allein dadurch das Portal zu einem Nichts zerschmelzen. Das Schaudern zog sich von ihrem Kopf bis zu ihren Zehenspitzen.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, und sie stieß beinahe einen Schrei aus.
»Prinzessin. Welch Ehre.« Anselm lächelte ihr zu. Sein Gewand war weiß wie Schnee. Eine Kette hing an seinem Hals, der Anhänger ein leuchtender, kleiner Saphir. »Und der König der Wüste, wie ich sehe. Habt Ihr beschlossen, dem Absolutum der Goldenen Göttinnen Treue zu schwören?«
»Die Gerudo kennen kein Absolutum jenseits des Königs«, sprach Ganondorf und richtete sich auf. Zelda tat es ihm gleich, doch Marika betete weiter, die Augen fest geschlossen.
»Ist dem so?« In Anselms Augen glitzerte Amüsement. »So sagt, seid Ihr das Absolutum, das jedem Wesen Leben eingehaucht hat? Wenn nein, solltet Ihr die Überzeugungen Eures Volkes überdenken.«
»Dies ist also der Kern eurer Kultur. Priester und Nonnen, die gute Miene zu bösem Spiel machen«, lachte Ganondorf. »Euer König beweist weniger Mut als ihr.«
Zelda mochte zwar nicht viel von dem verstanden haben, was der Priester und der König sich zu sagen hatten. Doch diese Aussage ließ sie vor Wut aufkeuchen. »Wagt es nicht, derart über Vater zu sprechen!«
»Aller Mut, den er nicht besitzt, ist wohl in Euch geflossen, Prinzessin.« Ganondorf grinste und wandte sich zum Ausgang. Der Anblick eines derart mächtigen Mannes ließ das Blut in ihren Adern Mal für Mal gefrieren. Sie schlang die Arme um den Oberkörper. Er verschwand durch die schwere Holztür, und fröstelnd blieb Zelda zurück.
»Priester«, flüsterte sie. »Ich hatte einen Traum. Die Göttinnen zeigten mir, dass der König der Diebe unser Land zerstören würde.«
Anselm sah zu ihr hinab. Die Sanftheit in seinem Gesicht konnte sie nicht beruhigen. »Die Wege der Göttinnen sind unerklärlich. Vielleicht wollten sie Euch bloß zur Vorsicht treiben.«
Daran glaubte sie nicht. Es wurde nicht wahrer, je öfter sie es hörte. Immer noch sah sie Links Gesicht vor sich, und sie wusste, dass auch er das Gefühl böser Ahnungen teilte.
Langsam wurde es Abend. Ganondorf und sie sahen dabei zu, wie Händler ihre Waren abzuräumen begannen. Auf dem Markplatz begegneten sie zwei Gerudo, schwere Tücher und Decken um ihre Schultern geschlungen. Sie trugen Hosen und ihre Knöchel waren sichtbar. Der Anblick trieb Zelda ein wenig Röte ins Gesicht. Sie schämte sich für die zwei Mädchen, die die einfachsten Etiketten nicht zu kennen schienen.
Beide hatte Ganondorf von seiner Heimat mitgenommen, wie er erklärte. Denn beide seien bereit, sich einen Mann zu suchen. Zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Lebensjahr, wenn sie das erste Mal weibliches Blut vergossen – Zelda kannte diesen Ausdruck nicht – durften sie ihre erste Reise außerhalb der Wüste wagen. Dabei mit dem König zu gehen, sei die größte aller Ehren.
»Ich dachte, Gerudo führen ein männerloses Leben«, wunderte Zelda sich.
»Das tun sie. Sie empfangen den Nachwuchs. Der Mann bleibt stets in seiner Heimat zurück.«
Verwirrt sah sie ihn an. »Doch wie sollen eure Frauen Kinder bekommen, wenn sie keinen Mann an ihrer Seite haben?«
Ganondorf lachte. Selbst die Wachen gaben Geräusche von sich, die sich amüsiert anhörten. Zelda sah einen jeden von ihnen irritiert an. Sie fühlte sich mit einem Mal blöd genug, nicht näher darauf eingehen zu wollen.
Bevor sie zurückgingen, besah sich Ganondorf ein weiteres Mal des Brunnens am Marktplatz. Er bückte sich darüber und sah in die Dunkelheit hinab. Neugierig tat Zelda es ihm gleich, doch sie erblickte nichts als Schwärze. Dann erkannte sie, in welche Lage sie sich gebracht hatte. Mit seiner Kraft konnte er ihren leichten Körper mühelos in den Brunnen stürzen. Wer wusste, was in solch einem Kopf schon vorging.
Augenblicklich wich sie zurück. Darauf beugte sich Ganondorf ein wenig zu ihr hin. Sie wollte weiter zurücktreten, doch alles, was er tat, war leise in ihr Ohr zu sprechen.
»Hylianische Frauen wie Ihr werdet selbst mit königlichem Blut unterdrückt. Es erschließt sich mir nicht, wie Ihr in einer solchen Welt leben wollt.«
»In keiner Weise werde ich unterdrückt«, erwiderte sie. Irgendwo verstand sie, dass diese Konversation nicht für fremde Ohren bestimmt war. Irgendwo war es ihr auch lieber. Durch die Nähe konnte sie besser erkennen, wie viele Lügen in seinen Augen schimmerten.
»Glaubt Ihr, als Königin erginge es Euch besser? Euer Mann wird die Entscheidungen treffen. Ihr werdet bloß seine Gefährtin sein, nicht mehr wert als ein zwitschernder Spatz auf seiner Schulter.«
Sie wusste nicht, wo die Provokation lag. Deshalb starrte sie bloß.
»Mit Eurem Mut und der Kampfeslust, die ich an Euch erahne, sollte Euch Besseres vergönnt sein. Denkt Ihr nicht?«
Sie waren sich nah. Zu nah. Doch Zelda dachte nicht mehr daran, den Kopf zurückzuziehen. Die Haut des Königs schien rau. Das Flüstern ließ seine Stimme dunkler wirken, als sie sowieso schon war.
»Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte sie.
»Ich kann Euch Freiheit versprechen. Ich kann Euch ein Land versprechen, das Ihr zu Besserem machen könnt.« Etwas an seinem Ausdruck war sanft. Es stellte Zelda die Haare an ihrem Nacken auf. »Ihr seid ein schlaues Mädchen. Denkt darüber nach – über die Möglichkeiten, die Euch ansonsten verwehrt bleiben würden.«
Er wich zurück. Der Augenblick endete. Zeldas Atem ging schwer und stockend. Kein Wort wollte mehr ihre Lippen verlassen. Sie verbarg das Zittern ihrer Hände, indem sie beide auf ihr Kleid legte. Im Dämmerlicht traten sie den Weg zur Burg an.
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