Blaues Blut

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Ganondorf Naboru OC (Own Character) Zelda
27.02.2018
02.02.2019
11
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Vorwort


Herzlich willkommen zu meiner ersten längeren FF nach langer Zeit! Die Muse hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Nicht nur das - scips Review zu meinem OS "Alle Regeln" hat mich echt motiviert. Danke dafür!
Vor Kurzem habe ich auch wieder die in meinen Augen beste Zelda-FF auf dieser Plattform gelesen: Helden in der Zeit von Terazuma. Wer sie nicht kennt und Lust auf eine Geschichte mit unglaublichem Spannungsbogen hat - lest sie. Sie ist voller eigenem kreativen Lore und fantastischen OCs. Kann ich nur empfehlen! UPDATE: Terazuma hat sich leider entschieden, die letzten zwei Teile ihrer Geschichte von der Plattform zu entfernen. Ich empfehle euch aber trotzdem, bei ihr vorbeizuschauen. Sie ist eine super Autorin.
Daher muss ich auch sagen, dass mich "Helden in der Zeit" stark beeinflusst hat. Das wird man wohl teilweise (hoffentlich nicht zu oft) merken. Ich hoffe aber, die paar Überschneidungen werden nicht zu irritierend sein. Besonders die Unterteilung in verschiedene Teile und die Formatierung der Kapitel-Titel haben mich angesprochen, deshalb habe ich es sehr ähnlich übernommen. Ich hoffe, das ist soweit kein Problem.

Damit wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!

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Teil I


Link blinzelte. Die Sonne schien, leichter Wind kroch über Grashalme. Etwas in seinem Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Unverständnis raubte ihm die Worte. Als er einen Schritt ging, merkte er, dass seine Beine sich seltsam anfühlten. Kürzer, schwächer. Er sah an sich herab – der Körper eines Kindes.
Gerade eben noch hatte sich alles anders angefühlt. Aber ganz konnte er es nicht benennen.
Ein Klimpern neben ihm ließ ihn den Blick wenden. Es war Navi, die ihren Kopf wie im Protest schüttelte und ein Keuchen von sich gab. »Link«, stieß sie schließlich aus und krallte die kleinen Hände in seine Mütze. »Link, wir – wir haben es geschafft! Und die Prinzessin – wir müssen zu ihr, müssen ihr helfen -«
Die Prinzessin. Er konnte sich an ein Gesicht erinnern, an hohe Wangenknochen und große, himmelblaue Augen. Aber das Bild schien fern und verschwommen, und er gab ein fragendes Geräusch von sich, bis Navi vor seiner Nase schwebte. Hinter ihr erhoben sich die Mauern von Stadt Hyrule, getaucht in das Licht der Mittagssonne.
»Die Prinzessin«, wiederholte sie. »Die Prinzessin – sag, warum siehst du mich so an?«
Es kam zurück, Stück für Stück. Der Stein, den er zwischen Bauch und Gürtel eingeklemmt hatte. Kaltes Metall drückte gegen seine Haut. »Die Prinzessin, die der Deku-Baum erwähnte?«, sprach er schließlich aus.
Navis Gesichtszüge fielen. »Zelda. Prinzessin Zelda, die uns hierher zurückschickte. Link, was ist in dich gefahren? Gerade eben noch hast du Ganon den Gnadenstoß verpasst!«
Der Name ließ ein Schaudern durch Links Körper zucken. Verblasste Erinnerungen kämpften sich in sein Bewusstsein zurück – ein schwarzer Himmel, tiefrotes Blut auf seinen Händen, die gefallenen Ruinen Hyrules um ihn herum. Er hörte das Lied in seinen Ohren hallen, das ihn zurückgebracht hatte. Er sah die Tränen in Zeldas Augenwinkeln.
»Ich kann mich kaum erinnern«, flüsterte er.
Navis Flügel erzitterten. »Du vergisst«, sagte sie, und dann lauter: »Du darfst nicht vergessen. Ganondorf lebt. Hier und jetzt lebt er noch. Wenn wir die Prinzessin nicht warnen, ereilt uns dasselbe Schicksal wie zuvor.«
Ruinen und Trümmer. Link spürte es in seinen Adern. Das Abbild einer verlorenen Zukunft schwebte vor seinen Augen, nur um eine Haaresbreite nicht greifbar. Er folgte Navis aufgeregten Flügelschlägen über den Marktplatz. Noch nie war er hier gewesen, und doch war der Anblick vertraut. Manche der Gesichter kannte er, ohne den Namen dahinter vermuten zu können. Manche der Schicksale erahnte er. Das Schloss türmte sich in den Horizont empor, und doch waren die Abkürzungen, durch die Navi ihn führte, ihm nicht unbekannt. Unter den verwirrenden Gedanken begannen seine Schläfen zu pochen.
»Ich spüre es, Link«, zirpte Navi, die Stimme vor Angst bebend. »Auch ich vergesse. Mehr und mehr. Wenn wir die Prinzessin nicht alsbald erreichen, kann keiner sie und das Land mehr warnen.«
»Warnen?« Link keuchte bereits. Der Pfad zum Schloss tat sich vor ihnen auf. »Vor was?«
»Ganondorf!«, fiepte die Fee.
Da war doch etwas gewesen – ein Gefühl, das sich unter die Haut bohrte wie eiskalte Nadeln, ein schwarzes Ross auf schwarzem Grund – es schwindelte Link. Er sah Wände vor sich, beschmückt mit identen Bildern, das dunkle Lachen eines Mannes in seinen Ohren klingend. Ein Schwert in seinen Händen, so viel schwerer als jenes, das er bei den Kokiri hatte finden können. Mit einem Mal vermisste er das Gewicht zwischen seinen Fingern.
Navi führte ihn über Wiesen, zirpte, um Link vor den Wachen zu warnen. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Der Name kam und schwand, mal als Erinnerung, mal als nichtssagendes Wort. Er sah dunkle Orte vor sich, bis sie ihm wieder durch die Finger glitten.
Ein schmaler Durchgang in den Mauern des Schlosses führte in den Schlossgarten. Seine Knie wurden nass, während er hindurch krabbelte. Die Enge ließ ein tiefes Gefühl der Panik in ihm aufkommen. Sein Herz raste, seine Beine bebten, als er wieder aufrecht stehen konnte. Navi sah zu ihm zurück. Ihre Augen waren glasig, und einen Augenblick lang fragte sich Link, was er nur falsch gemacht hatte. Sie presste beide Hände an seine Nasenflügel und ließ ihre Stirn an seiner Nasenspitze ruhen.
»Ich verspreche es dir«, sagte sie. »Ich lasse nicht zu, dass ich vergesse, was geschehen ist. Ich lasse nicht zu, dass Ganondorf dieses Land erneut zerstört. Farore soll mir beistehen.«
Ihre Ernsthaftigkeit machte ihm Angst. Vorsichtig tätschelte er mit der Fingerspitze ihren Rücken. »Du brauchst dich nicht zu fürchten«, versuchte er, sie zu beruhigen.
»Es gab Zeiten, da waren dies meine Worte.«
Zwischen Ruinen und Schatten, die ihm jetzt so fremd vorkamen. Da mochte es so gewesen sein. Nun verblassten Erinnerungen an düstere Tage. Sie kamen ihm vor wie Albträume, längst vergangen und so schnell wie möglich vergessen. Als ein Monster, riesengroß und heulend, seine Pranken auf ihn richtete. Als seine Schritte von zusammenfallenden Mauern hallten.
Navi führte ihn durch die Gärten. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto aufgeregter flatterte sie durch die Luft. Er verstand nicht gänzlich. Auch nicht, als seine Stiefel gegen weißpolierten Marmor trafen. Die Fee zischte nach vorn, dann wieder zurück, packte Links Mütze und zerrte ihn vorwärts. Erst vor den Treppen stoppten sie.
»Prinzessin Zelda!«, rief Navi aus.
Ein Mädchen wirbelte schlagartig herum. Sein Haar war verborgen von einem Schleier, und dennoch vermutete Link darunter hellblonde Strähnen. Es presste eine Hand vor den Mund und gab ein gedämpftes Geräusch von sich. Seine Augen blieben an der Fee hängen, ehe sie zu Link schweiften.
Navi begann wie wild zu zirpen. Ihre Worte wurden wirrer und ungelenker, bis selbst Link sie nicht mehr verstand. Verwirrt starrte das Mädchen sie an. »Stopp«, sprach es schließlich, seine Worte in einem melodischen Akzent, der Link vollkommen unbekannt vorkam. »Ich verstehe nicht. Wer seid ihr?«
»Ich bin Link«, antwortete er, bemüht um die schönste Aussprache, die er zusammenbringen konnte. »Und das ist meine Fee, Navi.«
»Bei den Göttinnen, Link! Auch sie hat vergessen!« Navi schwebte vor der Prinzessin auf und ab. »Prinzessin, so erkennt mich doch!«
Doch die Prinzessin erkannte nicht. Ratlos schüttelte sie den Kopf. »Es tut mir leid -«
»Der Traum, den Ihr hattet, erinnert Ihr euch daran? An dunkle Wolken und ein Licht, das daraus hervorzubrechen kämpfte? Eure Vermutung ist rechtens, denn das wird passieren – dunkle Wolken über Hyrule in Form dieses Mannes! Seht nur, seht!«
Selbst für Link waren die Worte beinahe zu schnell ausgesprochen worden. Die Prinzessin blickte die Fee an, ihre Augenbrauen zusammengezogen. »Woher stammt ihr?«, fragte sie schließlich. »Eure Aussprache scheint mir sonderlich – ich habe sie noch nie gehört.«
»Oh Farore – Link, lass sie doch verstehen!«
Er fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Dennoch versuchte er, den Sinn hinter Navis aufgeregten Worten zu erfassen. »Der Deku-Baum schickte mich zu dir. Navi glaubt, mit deiner Hilfe ein dunkles Schicksal verhindern zu können.«
»Nicht doch, Idiot!« Navi zerrte und zupfte an seinem langen Ohr, bis er mit einem protestierenden Laut zurückzuckte. »Berichte ihr von dem Traum, den sie hatte. Sag ihr, du seist das Licht, das durch Wolken gebrochen ist!«
»Ich bin durch Wolken gebrochen«, wiederholte Link zögerlich. »Sagt sie.«
Die Prinzessin runzelte die Stirn.
»Nein, nein! Sprich mir nach«, zirpte Navi verärgert.
Link tat, wie ihm geheißen, die Worte in seinen Ohren sinnentfremdet. »Du hattest einen Traum von Wolken, die Hyrule verdunkelten. Ein Licht brach durch. Die Göttinnen wollten dir zeigen, dass ich vor dir erscheinen würde. Der Mann aus der Wüste, den dein Vater empfängt – du musst bereits ahnen, was geschehen wird.«
Einige Augenblicke lang schwieg die Prinzessin. Die Flügel angelegt, landete Navi auf der Schulter ihres Schutzkindes. Dann winkte die Prinzessin die beiden zu sich und wandte sich um. Ein Fenster gab den Blick in einen prunkvollen Saal frei, die Wände geziert von Waffen und der Boden ausgelegt mit rotem Teppich.
»Der Mann aus der Wüste«, flüsterte sie. »Der König der Diebe. Meinte deine Fee ihn?«
Ein Mann trat hervor. Eine schwere Rüstung schützte den massigen Körper. Seine Haut war dunkel und seine Ohren rund. Link starrte und starrte, bis Navi den Namen in das Schweigen wisperte: »Ganondorf.«
Ein Zittern durchging ihn. Der Mann bückte sich, ein Arm auf sein Knie gebettet. Nur langsam hob sich sein Kopf. Gelb leuchtende Augen bohrten sich in Links, bloß Momente lang. Mit einem Keuchen stolperte der Junge zurück. Gerüche verdichteten sich zu vagen Erinnerungen, und in Zeldas entsetzter Miene sah er, dass es ihr ähnlich erging. Das Gefühl schwand, so schnell es gekommen war.
»Ich lag richtig?«, fragte die Prinzessin. »Er ist es, der Unheil über das Königreich bringt?«
»Ganz recht!« Navi begann erneut wie wild zu flattern. »Wir müssen ihn aufhalten! Es liegt in unseren Händen, Prinzessin. Wir müssen ihn aufhalten, bevor das Land dem Untergang geweiht ist!«
Link musste die Sätze übersetzen. Darauf legte die Prinzessin eine Hand vor ihren Mund. »In meinem Traum sah ich es«, sagte sie. »Einen Jungen mit einer Fee. Die Göttinnen sandten mir tatsächlich eine Prophezeiung, wie es scheint.« Sie musterte ihn. »Link. Der Name klingt vertraut. Als kannten wir uns schon eine Ewigkeit lang.«
Er wusste nicht, ob er dasselbe behaupten konnte. Das Himmelblau ihrer Augen war ihm nicht fremd. Ihre Art zu sprechen, ihre Art sich zu bewegen – manches konnte er vorausahnen, manches nicht. Und doch spukte ihr Name in seinem Kopf, als wäre er darin festgeschrieben worden.
»Hört zu, Prinzessin«, brauste Navi auf. »Link, sag es ihr – die Okarina die Zeit darf nicht in Ganondorfs Hände gelangen!«
Diese Aufforderung ließ die Prinzessin einen Schritt zurücktreten. »Woher wisst ihr von der Okarina? Sie ist ein königliches Relikt.«
»Navi weiß davon«, erwiderte Link. »Ich weiß nicht ganz, wovon ihr redet.«
»Ihr Misstrauen ist unbegründet!« Navi zerrte erneut an Links Ohr, diesmal vor Aufregung. »Wir dürfen das Zeitportal nicht öffnen. Sag es ihr! Ansonsten stiehlt Ganondorf das Triforce vor unseren Augen. Sprich schon!«
Zeitportal? Triforce? Link haspelte über die Worte, das Gesicht dabei vor Verwirrung verzogen. Unterdessen verdüsterten sich die Züge der Prinzessin.
»Es war mein Plan, vor Ganondorf an das Triforce zu gelangen«, sagte sie. »Rühren wir uns nun nicht mehr, so wird er sicherlich einen anderen Weg finden, in das Heilige Reich zu gelangen.«
Navi begann schwer zu atmen. Zunächst dachte Link, es läge an der Geschwindigkeit, mit der sie Satz nach Satz in sein Ohr gefiept hatte. Dann aber erkannte er, wie schwach ihr Griff an seinem Ohr geworden war. Sie zog nicht mehr daran – viel eher stützte sie sich ab.
»Lasst die Heiligen Steine im Besitz ihrer Patronen«, sagte die Fee. »Versteckt die Okarina, so gut es nur geht. Das Heilige Reich muss unberührt gelassen werden. Hörst du, Link?«
Ihr Sprechtempo war niedrig genug geworden, dass auch die Prinzessin sie verstand. Das Mädchen trat wieder einen Schritt vor. »Ihr Licht verblasst. Was ist mit ihr?«
Link nahm seine Fee vorsichtig von seiner Schulter und legte sie in seine Handflächen. Navi kauerte sich darauf zusammen. Ihre sonst kräftig blaue Haut wirkte weiß, ihre Flügel blieben bewegungslos. »Navi, geht es dir nicht gut?«, fragte er hilflos.
»Mache dir keine Sorgen.« Sie klammerte sich an seinen kleinen Finger und richtete sich auf, um der Prinzessin in die Augen zu sehen. »Ich bitte Euch, Prinzessin. Setzt Euren Plan nicht in die Tat um. Seid nicht diejenige, die Hyrule dem Untergang geweiht hat.«
Die Prinzessin schlug die Augen nieder. Hinter ihrem Rücken, zwischen Gürtel und Kleid geklemmt, zog sie eine blaue Okarina hervor. »Wärt ihr Handlanger Ganondorfs, so hättet ihr alles getan, um das Zeitportal zu öffnen. Die Göttinnen hätten dich mir nie auf diese Art gezeigt.« Ein prüfender Blick fiel auf Link. »Dann soll es so sein. Ich vertraue euch die Okarina der Zeit an. Die Göttin der Zeit soll dich schützen, während du die Okarina vor Ganondorf versteckst. Ist dir das recht?«
Link wusste nicht ganz, wie er reagieren sollte. Seine Fee hingegen reckte den Kopf nach oben. »Es ist uns vollends recht!« Sie wandte sich zu ihrem Schutzkind um. »Verspreche ihr, die Okarina zurückzubringen, sobald die Gefahr gebannt ist. Na los!«
Das tat er. Stotternd und zweifelnd zwar, aber dennoch. Die Prinzessin reagierte mit einem sanften Lächeln, das das Misstrauen in ihren Augen schmelzen ließ. Er glaubte, die Emotion schon einmal in dem Blau gesehen zu haben. »Eines noch kann ich für dich tun, ehe du die Okarina wegträgst«, sagte sie. »Kannst du denn die Okarina spielen?«
An seiner Schulter kicherte Navi leise. »Es ist schade, an wie viele Stücke du dich nie wieder erinnern wirst«, flüsterte sie. »Du und die Prinzessin habt die wundervollsten Lieder gespielt.«
Link wusste nicht, wovon seine Fee sprach. Er tippte ihr vorsichtig gegen den Rücken und zog seine eigene Okarina hervor. »Jeder Kokiri kann die Okarina spielen«, sagte er.
»Kokiri«, wiederholte die Prinzessin überrascht. »Du musst ein ganz besonderer Kokiri sein, wenn du den Wald verlassen durftest.«
Das konnte schon sein. Navi drückte sich gegen seine Halsbeuge, bis es ihn kitzelte. Er stupste sie nochmal an, doch sie reagierte kaum. Sie musste müde sein von den wirren Sachen, von denen sie pausenlos gesprochen hatte.
»Lass mich dir dieses Lied vorspielen«, sprach die Prinzessin. »Es ist die Hymne der Zeit. Nayrus Segen liegt darin. Sie soll euch auf eurer Reise schützen.«
Sie begannen zu spielen. Die Melodie kam Link so vertraut vor, dass er nur nach wenigen Takten einsteigen konnte. Navi wog ihren Kopf im schweren Rhythmus. Er wusste nicht woher, doch Link hatte das Gefühl gelenkt zu werden. Seine Finger kannten die Bewegungen auf dem Instrument, sowie etwas in ihm von der Wichtigkeit Navis Worte wusste. Als sie aufhörten zu spielen, wuchsen abendliche Schatten über die Mauern.
»Es war schön, euch zuzuhören.« Navis Stimme war nicht mehr als ein schwaches Raunen. »Meine Erinnerungen haben jedoch einen Preis. Link, ich muss gehen. Versprich mir, auf deiner Reise Acht zu geben …«
»Du musst gehen?«, wiederholte er und griff auf seine Schulter. Doch die war leer. Feiner Feenstaub blieb zurück, glitzernd auf seiner Fingerspitze. Die Prinzessin, die Okarina ein wenig gesenkt, beobachtete seine Bewegungen mit unsicherem Ausdruck.
»Sie ist verschwunden«, sagte sie. »Von einer Sekunde auf die andere. Passiert das mit euren Feen?«
Er schüttelte den Kopf. »Sie muss vorausgegangen sein. Die Reise bis zum Schloss muss sie müde gemacht haben.« Eine andere Erklärung gab es schließlich nicht.
»Sie war schnell genug, vor meinen Augen zu verschwinden.« Die Prinzessin legte den Kopf schief. Dann rollte sie die Schultern und überreichte ihm die Okarina. »Ich werde warten, auf dich und deine Fee. Ich habe Vertrauen in dich.«
»Dann«, die blaue Okarina in einer Hand balancierend, reichte er ihr seine Feen-Okarina, »nimm die. Damit du auch noch spielen kannst.«
Die Prinzessin lachte. Er wusste nicht ganz warum, und er runzelte die Stirn, bis sie die Okarina annahm. »Ich könnte jederzeit eine neue verlangen«, lächelte die Prinzessin. »Aber diese hier ist etwas Besonderes, nicht? Noch nie durfte ich so feine Handarbeit entdecken.«
»Sie ist von Salia. Sie schnitzt unsere Okarinas selbst«, erklärte Link und konnte den Stolz in seiner Stimme nicht verbergen.
»Salia.« Nachdenklich betrachtete sie das Instrument. »Ich hoffe, irgendwann kann ich dir diese Okarina wieder übergeben. Ich werde sie in Ehren halten.« Ein leichtes Lächeln legte sich erneut auf ihre Lippen. »Es ist mir fast, als hätten wir ähnliche Worte schon einmal gesprochen. Wann auch immer du die Hymne der Zeit spielst, denke an mich.«
»Versprochen.« Wie es unter Kokiri üblich war, hob er die Faust, allein der kleine Finger ausgestreckt. Der Mund der Prinzessin formte sich zu einem O, ehe sie Link in die Augen blickte.
»Was tust du?«
»Ein Versprechen geben.« Links Stimme klang zu einem Murmeln ab, bis er kurz davor war, die Hand wieder zurückzuziehen. »Ein Versprechen in Farores Namen … Kennt ihr das nicht?«
»Hylianer sprechen lieber mit Worten als mit Taten.« Sie ahmte seine Geste nach und tippte mit ihrem kleinen Finger gegen seinen. Etwas daran amüsierte ihn so sehr, dass er lachen musste. Ihren schamhaften Gesichtsausdruck ignorierend, schlang er seinen kleinen Finger um ihren und drückte ihre beiden Hände kraftvoll nach unten.
»Das ist ein Versprechen, uns wiederzusehen«, sagte er, »und Ganondorf aufzuhalten.«
»Ja.« Ihr Lächeln wurde strahlend. »Richte deiner Fee aus, dass ich mich auf euren nächsten Besuch freue.«
Er nickte und erwiderte ihr Lächeln. Zum Abschied spielte er die Melodie, die er ihr beigebracht hatte, solange die Wachen ihn nicht entdecken konnten.
Navi war unauffindbar. Sie wartete nicht vor dem Schlossgarten. Sie schwebte nicht am Eingang der Stadt. Sie flirrte nicht auf der Ebene von Hyrule, kein Licht im Dunkeln der ankommenden Nacht. Link suchte auf der benachbarten Farm, sprach mit dem Mädchen dort, doch auch dieses hatte keine Fee gesehen. Ein Fohlen leistete ihm Gesellschaft, während er bei den Kokiri nach seiner Schutzfee fragte. Doch Salia schüttelte bloß bedauerlich den Kopf und Mido keifte lachend, dass der feenlose Junge erneut feenlos geworden war. Der Kokiri-Smaragd blieb in dessen Händen. In seinen Augen war abzulesen, wie sehr er in Wahrheit doch um den Deku-Baum trauerte. Es ließ ein tiefes Gefühl der Schuld in Link hochkommen. Doch trotzdem zog es ihn zu anderen Orten.
Die Okarina der Zeit an seinem Gürtel befestigt, beschloss Link nach Tagen des Misserfolges, mit seinem Fohlen in den dunklen Wäldern Hyrules nach seiner Gefährtin zu suchen.
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