Alternative Handlungsstränge

GeschichteAllgemein / P18
27.02.2018
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Was wäre aus Leeza geworden, wenn sie 1934 ihre ältere Schwester getötet hätte?



Nass und kalt hingen ihre schulterlangen, dünnen Haare an der Seite ihres Gesichtes hinab. Ihr Haarschnitt war eigenwillig, sie wurden unten fransiger und waren nicht von derselben Länge. Das Wasser tropfte von den Haaren auf ihr hellblaues, leichtes Sommerkleid, dass in den Sturm auch durchnässt wurde. Doch Regenwasser war nicht das einzige, dass von ihrem schmalen, kindlichen Körper auf den Boden tropfte, von ihrem kreisrunden Wurfmesser tropfte auch verdünntes Blut, das von dem leblosen Körper vor ihr stammte. Ihre goldenen Augen versuchten sich von dem Anblick zu lösen, denn ihr war bewusst, dass sie schnell von hier verschwinden sollte. Vor ihr auf den Boden lag der tote Körper ihrer eigenen, älteren Schwester. Ein großer Mann in schwarzer Kleidung, ebenso durchnässt wie sie, hielt den Körper an seine Brust gepresst und wiegte sich selbst vor und zurück. Seine rostfarbenen Haare verbargen seinen Gesichtsausdruck, doch war sein gequältes Schluchzen und Flehen deutlich hörbar. Sie konnte nicht verstehen, was genau er sagte, denn seine Tränen erstickten seine Stimme. Er stöhnte wie ein sterbendes Tier und deckte den Körper mit seinem Mantel zu. Erst da konnte Leeza ihre Augen von ihr wenden und blickte triumphierend in sein Gesicht.

„Sie wagte es, ihre Liebe und Loyalität von Huey abzuwenden und sie einem anderen zu schenken! Und nun ist sie tot, ich habe meinen Vater gerächt und ihre verräterische Kehle durchgeschnitten!“ Sie gab ein irres Gelächter von sich und tanzte in der Mischung aus Schlamm, Wasser und Blut, sodass es hochspritzte. Und dann sah sie in seine Augen.



Scheiße!



Das waren keine menschlichen Augen. Die Person, die da vor ihr stand war vollkommen anders wie der Mann, der vorhin spielerisch Christopher ins Reich der Träume schickte. Vor ihr stand ein Monster, mit glühenden Augen, die alles verschlingen konnten. Und in den Moment wusste Leeza, dass sie einen großen Fehler begann. Abwehrend hob sie ihre Arme und machte sich mit dem runden Messer kampfbereit, obwohl sie ahnte, dass sie gegen diesen Gegner nicht den Hauch einer Chance hatte. In den Bruchteil einer Sekunde legte der Mann die Distanz zwischen ihnen zurück und hielt ihr Handgelenk dermaßen feste, dass sie heulend die Waffe fallen ließ. Mit der anderen Hand packte er ihr Kinn und zwang sie in sein Gesicht zu sehen. Als sie in seine Augen blickte überkam sie eine Welle der Übelkeit und sie spürte, wie ihr eine wässrige Flüssigkeit aus dem Mund quoll.



H-hilton!?



Leeza war keine gewöhnliche Sterbliche. Als sie geboren wurde, gab ihr ihr Vater einen Homunculus zu trinken. Dieses besondere Wasser unterschied sich optisch nicht von normalen, aber es enthielt das Wesen und die Erinnerungen einer Lebensform, die nur einen physischen Körper brauchte. Dieses Wesen ist imstande bei Konsum des Wassers durch ein anderes Lebewesen die Kontrolle über den Verstand des Körpers zu übernehmen. Doch Leeza ist damals imstande gewesen, den Homunculus zu unterdrücken und sich mit ihr zu einigen. Sie gab den Körper übermenschliche Fähigkeiten, wie die Kontrolle über Tiere zu übernehmen und freundete sich über die Jahre mit ihr an. Doch nun merkte der Homunculus, dass sich seine Wirtin in großer Gefahr befand und verließ den Körper zur Sicherheit.



„Du hast ihre Augen, ihre Haare, ihr Gesicht…“



Seine Hand streichelte zärtlich über ihren Unterkiefer und ihren Hals. Er flüsterte mit einer merkwürdig sanften Stimme, die einen wahnsinnigen Unterton hielt. Leeza versuchte sich zu befreien, und sofort wurde sein Griff wieder hart.



„Ich habe sie umgebracht, sie ist tot. Chané LaForet liegt tot unter deinen Mantel.“



Er riss sie abrupt an sich und legte seine Lippen an die Stelle zwischen Schulter und Hals und bevor sie reagieren konnte biss er feste zu. Sie gab ein verzweifeltes Kreischen von sich, und er wurde immer fester, bis ihre Haut und Muskulatur nachgab und ihr eigenes Blut an ihren nassen Körper runterlief, von ihrer Schulter ihre Brust hinab.



„Du kannst nicht sprechen. Du hast doch gar keine Stimmbänder.“



Seine Stimme klang weiterhin weich, und sobald sie sich zwang mit den Schreien aufzuhören, ließ er sie wieder los. Schnell versuchte sie Abstand zu gewinnen, doch er hielt ihr Handgelenk wieder fest.



„Du hast doch gar keine Stimmbänder, Geliebte.“



Was ist hier los!? Hat er den Verstand verloren und hält mich für sie!? Ist mir auch scheißegal, solange er mir nicht wieder wehtut… Ob ich wohl den nächsten Tag noch erleben werde? Ob ich meinen Vater wohl jemals wiedersehen werde?



Er zückte ein Messer, dass er wohl ihrer toten Schwester entnommen haben muss und zog sie wieder näher an sich ran. „H-hey, du willst doch nicht etwa…? Bist du irre?“ Verzweifelt versuchte sie ihre Hand zu befreien und ihn einen Tritt zu verpassen, aber er bemerkte ihre Versuche vermutlich noch nicht einmal. Sie schob ihre andere Hand schützend über ihren Hals, aber er schob sie einfach weg, ohne ernsthaft Kraft aufwenden zu müssen. Dann hob er das Messer an und hielt es an ihre Kehle, mit der anderen Hand tastete er ihren Hals ab. Sobald er ihre Halsschlagader lokalisierte setzte er an und drückte die Klinge langsam in ihren Kehlkopf.



„Arghhh! Hör auf, es tut weh, ich flehe dich an, du tust mir we- arghhhhh!“



Sie kreischte und trat nach seinen Beinen, aber er drückte unablässig und sehr langsam zu. Als ihr Kehlkopf vorne etwas geöffnet war, veränderte er die Lage der Klinge und schnitt ihre Stimmbänder durch. Die Schreie hörten sofort auf und verwandelten sich in ein Keuchen und schniefen. Er riss einen Teil seiner Kleidung ab und fing an, die grauenvoll schmerzende Wunde zu versorgen. Mit angsterfüllten und traurigen Augen sah sie wieder zu ihm.



„Huh? Was hast du denn? Warum schaust du mich mit diesen großen, traurigen Augen an? Belastet es dich so sehr, deine kleine Schwester getötet zu haben?“



Dieser kranke Bastard!



„Diese Art von Kleid passt doch überhaupt nicht zu dir. Komm her, ich geb dir dein altes.“

Mit diesen Worten zog er sie zu ihrer Schwester und entfernte den Mantel. Er nahm den Leichnam vorsichtig hoch und streifte ihm das schwarze, nasse und blutgetränkte Kleid ab. Den Körper legte er wieder hin und deckte ihn zu. Dann riss er Leeza mit einer einzigen Handbewegung das Kleid vom Körper und als sie da in ihrer nassen Unterwäsche hilflos und verwirrt vor ihm stand, stülpte er ihr das etwas zu lange Kleid ihrer Schwester über.

„Komm, Schätzchen, lass uns gehen, sonst erzeugt Leezas Körper nur einen Aufruhr.“ Er nahm sie mit sich mit, führte sie vorbei an Chanés verwirrt schauenden Freunden. Sie wagten es nicht, ihm näher zu kommen, weil seine Augen so irre glühten. Sie folgte ihm verängstigt quer durch Manhattan und sie hielten an einer Apotheke. „Du bist im Kampf verwundet worden, ich kaufe etwas Desinfektionsmittel und Verband…“ Dann gingen sie weiter, bis sie an den Rand von New York ankamen, mittlerweile war es später Nachmittag. Sie kamen an einer Reihe von leerstehenden Lagerhallen vorbei, die Hafenanlage war sehr heruntergekommen. Dies war nicht der Ort, an dem sie den stärksten Killer der USA hilflos ausgeliefert sein wollte. Neben der letzten Halle befand sich eine kleine Hütte, die intensiv nach Algen, Salzwasser und Rost roch. Von innen war sie überraschend sauber und es befand sich ein Bett und zwei Schränke dort. Er drückte sie auf einen Stuhl neben dem Bett, und band sie mit den Überresten ihres Kleides fest. Dann löste er den improvisierten Verband von ihren Hals und legte die pochende Wunde offen.



Bitte lass es aufhören, bis lass die Schmerzen aufhören, ich werde meine Schwester wenn du willst, aber bitte quäle mich nicht mehr!



Er legte dann seine Hände erstmal auf ihre Wangen und betrachtete intensiv ihr Gesicht. „So schöne Augen…“ verträumt streichelte er sie und seine Berührungen waren wirklich sanft. „Es tut mir leid, dass du verletzt wurdest. Wenn ich dich nur besser beschützt hätte!“ Dann tränkte er das Tuch mit dem Desinfektionsmittel und strich vorsichtig über die Ränder. „Ich habe nur rudimentäre erste Hilfe Kenntnisse, weil ich mich noch nie verletzt habe. Wir schauen mal, wie dein Körper mit der Wunde umgeht.“ Es war wirklich qualvoll und Tränen tropften auf ihre Wangen. „Shhh, jetzt wein doch nicht, du bist doch nicht so schmerzempfindlich.“ Aber es war wirklich qualvoll, und Leeza wusste sich nicht zu helfen. Sofort legte er seinen Mund wieder an ihren Hals.

„Du bist doch nicht so schmerzempfindlich, Chané.“

Mit diesen Worten drückte er seine Zähne wieder an das blutende Fleisch und die Schmerzen übertrafen ihren offenen Hals sofort. Ihr wurde kurz schwarz vor Augen, und Magensäure stieg in ihrer Speiseröhre hoch. Sie gab sich beste Mühe es zu ertragen und die Tränen zu versiegen. Sobald sie aufhörte zu weinen reinigte er wieder sanft die Wunde, und verband sie dann. Dann wandte er sich etwas von ihr ab und holte einen Kocher und eine Flasche Wasser aus dem Schrank. Er fing an das Wasser zu kochen und sie saß still da und versucht nicht zu existieren, um bloß nicht seine Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. Leider drehte er sich wieder zu ihr um und fing dann an, ihre Kopfhaut zu massieren. „Ich habe noch etwas von dem Mandelöl, was du so magst…“ Er trug es auf seine Hände auf und ölte fürsorglich ihre Haare und ihren Nacken ein, während er sie massierte. „Seit wann sind deine Haare eigentlich so lang?“ Er zückte wieder das Messer und Leeza zucke ausversehen etwas zurück. „Hey, keine Sorge, ich würde dir doch niemals wehtun!“ Stattdessen gab er ihr einen neuen Haarschnitt und trennte die fransigen Spitzen ab. Dann nahm er eine Decke vom Bett und schüttelte sie etwas aus, bevor er anfing, ihr das Kleid auszuziehen.



Bitte nicht, nein, tu mir das nicht an!



Sie wusste nicht, wie körperlich die Beziehung zwischen ihrer Schwester und diesen Monster gewesen ist, und wollte es auch gar nicht wissen, doch er machte keinerlei Anstalten ihren entblößten Körper unsittlich zu berühren. Stattdessen hüllte er ihre dünnen Gliedmaßen in die Decke ein und hing ihre durchnässte Unterwäsche und das Kleid ihrer Schwester zum trocknen auf. Dann nahm er das Wasser vom Herd, und füllte etwas davon in eine Metallflasche. Er umwickelte die Flasche mit einen Handtuch und legte sie unter die Decke auf ihren Bauch. „Damit du dich nicht erkältest.“ Seine Augen waren genauso sanft wie diese Handlung. Das restliche Wasser goss er in zwei Tassen und machte ihnen Tee. Dann zog er sich selbst aus und nahm sich neue Kleidung aus dem Schrank. Sein Körper war muskulös aber schlank und beweglich, sie hätte ihm unter anderen Umständen durchaus als attraktiv eingeschätzt. Er setzte sich neben sie auf das Bett und massierte nun ihren Rücken. „Es war lächerlich einfach, Christopher auszuschalten deswegen ärgert es mich so sehr, dass ich dir nicht geholfen habe! Ich hoffe, die Verletzung heilt schnell wieder, und dass dich Leezas Tod nicht allzu sehr belastet.. Es ist wirklich grausam von deinen Vater, dass er uns nicht in Ruhe leben lässt, aber wir bringen einfach alle um, die sich uns in den Weg stellen, nicht wahr?“

Er unterhielt sich weiter mit ihr, und als es dunkler und dunkler wurde, entzündete er einen kleinen Ofen. Dann band er sie von den Stuhl los und legte sie auf das Bett, wo er sie wieder anfesselte. Dann erlöschte er die Öllampe und sie konnte spüren, dass er sich neben sie legte. Er machte keinerlei Anstalten, sie zu umarmen oder zu streicheln.

Ein paar Minuten vergingen und dann konnte sie spüren, wie er mit seinen Lippen über ihre Schulter strich, langsam hoch bis zu ihren Hals.

Ihre Atmung wurde flach vor Angst und ihr Harndrang meldete sich schlagartig zu Wort.

„Normalerweise umarmst du mich und legst deinen Kopf auf meine Brust, Chané.“

Bevor er sie beißen konnte, folgte sie seinen Wunsch und umarmte diesen Psychopathen. Zögerlich legte sie sich halb auf ihn, was ihr Schmerzen im Hals und an der Schulter verursachte. „Oh, ich verstehe.“ Er klang beschwichtigend und zog sie vollständig auf sich. „Du hast Schmerzen, nicht?“ Er fing dann an, sanft ihren Rücken entlang zu streichen, vom Nacken bis zum Ende ihrer Wirbelsäule. Er roch ziemlich gut, stellte sie fest, und versuchte verzweifelt den Ernst ihrer Lage zu verdrängen.



Er wird mich vermutlich nie wieder gehen lassen, ich bin ein normal sterblicher Mensch und meine Schwester ist tot. Ha! Zumindest wird diese dreckige Verräterin nie wieder meinen geliebten Vater enttäuschen!



Dann wurde ihr leider bewusst, dass sie Huey nicht dienen kann, solange sie hier festsaß. Sie wunderte sich, ob sie ihm wohl jemals wieder sehen wird, und ob Chanés Tod ihm wohl sehr traurig machen würde, schließlich lautete sein eindeutiger Befehl an sie, Chané nicht zu töten. Sie führte sich seinen traurigen Gesichtsausdruck vor Augen, wenn er ihre Leiche sehen würde. Ob er sich wohl fragen würde, was eigentlich mit ihr passiert war? Huey versicherte ihr zwar ständig, wie sehr er sie liebte, aber sie konnte sich nicht darauf verlassen, dass er in seiner derzeitigen Lage imstande sein würde, ihr zu helfen.



Ob ich wohl immer noch sein Lieblingskind bin? Oder wird er jeden Tag an das Grab meiner Schwester gehen und ihr Blumen hinlegen?



Bei diesen Gedanken verspürte sie ziemliche Eifersucht und hätte vor Zorn fast die Kontrolle über ihre Atmung verloren.

„Ich kann deinen Herzschlag spüren, Geliebte… warum hat er sich verändert? Machst du dir wegen irgendetwas Sorgen? Ist es dein Vater?“ Leeza nickte zögerlich, um ihn bei Laune zu halten. „Ah, deine Schwester war doch bestimmt nutzlos. Solange er dich hat, braucht er sie bestimmt nicht, meine wertvolle Verlobte.“



Meine Schwester und dieses Ding waren… verlobt? Wie konnte sie es wagen! Wie konnte sie es wagen, eine andere Person außer Huey zu lieben!? Ich kacke auf ihr Grab! Ich buddele ihre Leiche aus und verfüttere sie an Hunde! Was passiert jetzt eigentlich mit ihrer Leiche…? Vermutlich knabbern schon irgendwelche Käfer an ihren nutzlosen Hintern, hahahahahahaha!



Diese Gedanken brachten ihr zumindest genug Freude, um bei Verstand zu bleiben. Nach einer Nacht voll mit unruhigen Träumen brachte er sie nach draußen, damit sie sich erleichtern konnte und setzte sie dann wieder auf den Stuhl. Er holte ein weißes Kleid aus den Schrank und zog es ihr über. Dann kochte er Wasser ab und fing an, sie und sich selbst etwas zu waschen. „Heute habe ich keinen Auftrag, wir haben den kompletten Tag für uns, Schatz!“ Sie zwang sich zu einen Lächeln. Doch sofort ließ er den Lappen fallen und legte seine Lippen wieder an ihren Hals! Dabei wollte sie ihn nur glücklich machen!

„Du lächelst doch auch sonst nicht, wenn ich dich mitnehme… Du bist doch gar nicht imstande, deine Emotionen so auszudrücken!“ Und sie konnte nicht mal schreien, als er wieder anfing sie zu bestrafen. Nach zehn Minuten war der Kragen ihres Kleides getränkt mit Blut. Er hörte auf und betrachtete sein Werk. „Rot steht dir gut.. aber es gefällt mir überhaupt nicht, dass deine Wunde so blutet.“ Er löste den Verband von ihren Hals und reinigte die Verletzung wieder. „Sieht aber schon viel besser aus!“ ist zufrieden und strahlt sie an, sein Gesicht sieht … süß aus. Er gibt ihr Tee und kocht ihr dann Nudeln mit Gemüse. Sie verzieht keine Miene, auch wenn oder gerade weil ihr Hals so brutal schmerzt. Danach band er sie los und nahm sie wieder aus der Hütte. „Es ist schönes Wetter… möchtest du nah New York, ein bisschen einkaufen?“ Sie nickte leicht und konnte dabei das Schmatzen ihrer offenen Schulter spüren.

Sie verbrachten den gesamten Tag damit shoppen zu gehen, Kuchen zu essen und er kaufte ihr auch Seife und Öl. Er redete und redete, aber zumindest biss er sie nicht. Am Abend zog er sie mit sich auf das Dach eine der Lagerhallen und hielt sie auf seiner Brust, sodass ihre Gesichter dem Sternenhimmel zugewandt waren. „Morgen muss ich leider weg, Chané, ich gebe dir etwas Geld, damit du dir Bücher kaufen kannst.“



Ob er mir wohl wehtun wird, wenn ich mir etwas nehme, was meine Schwester nicht lesen würde!? Ich sollte mir im Schrank ihre Bücher anschauen…



Seine Hände waren an ihrer Hüfte und ihrem Gesicht, er streichelte sie aber nicht sondern hielt sie einfach fest, entweder um sie bei sich zu spüren und um sie daran zu hindern wegzulaufen.



Im tiefsten Inneren weiß er also, dass ich nicht sie bin… hat er diesen Teil von sich nicht unter Kontrolle oder hasst er zwar mich, liebt aber mein Gesicht, dass so aussieht wie ihres?

Schlägt er mich deswegen nicht?



Sie schläft ein und als sie wieder aufwacht, ist es schon früher Morgen und sie liegt neben ihn auf dem Bett, anscheinend beförderte er sie vorsichtig genug hierhin, ohne sie zu wecken. Leider musste sie ziemlich dringend auf Toilette aber er schlief neben ihr. „Dein Herzschlag ist wieder schneller… musst du raus?“ Anscheinend war sein Schlaf nicht besonders tief. Er band sie los und nahm sie raus, legte sie dann wieder etwas hin. Als es draußen vollständig hell war, verschwand er einfach, aber auf den Stuhl befand sich ihr Frühstück.



Ich könnte weglaufen, mich verstecken und mein Aussehen verändern!



Aufgeregt fing sie damit an, ihre Fesseln zu lösen und sich zu befreien. Zumindest aß sie noch sein Essen. Sie nahm die teure Kosmetik ihrer Schwester mit und klaute als Siegerpokal auch ihr Kleid.



Ich könnte es immer noch benutzen, falls Huey Chané genauso vermisst wie ihr kranker Verlobter.



Sie bewegte sich vorsichtig und unauffällig durch New York und betrat dann einen Zug, der sie in den Westen bringen sollte. Sie gab das Geld für die Bücher für eine Fahrkarte aus und machte es sich auf den Rücksitzen gemütlich. Der Zug fuhr an und brachte sie zumindest nach außerhalb von New York. Sie tauschte die Seife bei einer Herberge gegen ein Zimmer aus, vermutlich war sie auch wertvoller als dieses Drecksloch, aber es war immer noch besser, als eine weitere Nacht bei diesen Wahnsinnigen zu verbringen. Als sie langsam einschlief konnte sie das Fenster leise knarzen hören. Bevor sie reagieren konnte, spürte sie ein Gewicht neben sich auf den Bett.



Gefunden!“



Er zog langsam die Decke weg und drückte ihren kleinen, schlanken Körper an sich.

Du liebst mich genauso sehr wie ich dich liebe und würdest niemals einfach so weglaufen, Chané.“

Doch er biss sie nicht. Stattdessen zog er einen Gegenstand aus seinen Mantel und als er seine Kleidung bewegte, kam ihr ein Schwall aus Blutgeruch entgegen. Der Geruch war überwältigend stark und ihr wurde fast übel davon, auch wenn sie eigentlich daran gewohnt war. Das Mondlicht zeigte ihn jetzt deutlich, und Leeza konnte erkennen, dass nicht seine Kleidung dunkel war, sondern dass er von den Haaren bis zu seinen Schuhen in Blut getränkt war. Anscheinend hat er sie direkt nach dem Auftrag gesucht, ohne sich vorher zu waschen. Seine Augen blitzten dermaßen furchteinflößend, dass sie sich übergeben musste vor Angst. Er hielt ihr den Gegenstand an das Gesicht und sie konnte das Messer ihrer Schwester erkennen.

„Ich liebe dich.“

Er nahm ihr Handgelenk und hielt es in seinen eisernen Griff, dann zog er ruckartig daran und mit einem unangenehmen, saftigen Geräusch sprang ihre Schulter aus dem Gelenk. Sie biss vor Schmerz auf ihre Unterlippe, und Blut quoll hervor. Er ließ den unbeweglichen Arm auf seinen nassen Schoß fallen und fing an, mit dem Messer einen Strich in ihre Haut zu schneiden. Es war nicht unbedingt schmerzhafter als der Biss, aber ungemein bedrohlicher. Danach ließ er einen kurzen Abstand und machte dann einen zweiten Schnitt, aber mit einem kleinen Haken am Ende.



Was!?



Dann setzte er direkt daneben wieder an, vier kleine Striche, die ein Quadrat bildeten. Nach wenigen Minuten, die ihr vorkamen wie eine Ewigkeit, war er fertig. Er hielt ihren Arm hoch und drehte ihn etwas, was das geschundene Gelenk zu einem widerwärtigen Ächzen brachte und Leeza dazu, sich gleich noch einmal zu übergeben. Im Mondlicht war das Ergebnis jetzt klar erkennbar.



I love you



Zitternd vor Angst und Ekel saß sie da und er bewegte den Arm, um die Schulter zurück ins Gelenk zu bringen. Dann beugte er sich runter und nahm das Desinfektionsmittel, was sie in der Hütte zurückgelassen hatte.



Nein, nein, bitte nicht! Ich flehe die Götter an, bitte nicht!



Mit seinen irren Augen tränkte er ein Tuch damit und wickelte es um die Wunde. Die Schmerzen explodierten und Leeza konnte nicht mehr deutlich sehen, ihr Sichtfeld war in weiße Qualen gehüllt. Dann verlor sie ihr Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, befand sie sich wieder gefesselt in der Hütte, Abendessen auf den Stuhl, das rostige Dach über und den Klang der schreienden Möwen in den Ohren. Neben ihr saß der Verlobte ihrer Schwester und reinigte ihre und seine Unterwäsche in einen Topf mit heißen Wasser und Kernseife. Und als die Sonne langsam Richtung Norden verschwand und die Stadt in Dunkelheit hüllte, verstummten die Möwen und legten ihre Köpfe zum schlafen auf ihre Federn.





Fünf Jahre später







Ihr Kopf war an seine Brust gelegt, die Händen strichen zärtlich über seinen Bauch und seine Hüften. Sie trug ein rotes, langes Kleid und die Haare zusammengebunden. Sie wusste mittlerweile selbst nicht mehr, wie ihr Name eigentlich lautete, und es war ihr auch egal.  



Denn Leeza LaForet hatte den Platz ihrer Schwester eingenommen und sich in ihren Verlobten verliebt, nachdem dieser sie über Jahre hinweg in die Rolle ihrer Schwester gepresst hatte. Ab und zu stieg Huey noch in ihren Gedanken auf, aber ihre Loyalität zu ihm schwand mit jedem Tag. Denn er ist nie gekommen, um ihr zu helfen, sie hat nie wieder von ihm gehört. Der Verlobte ihrer Schwester heiratete sie schließlich und sie war stolz an seiner Seite. Manchmal brachte er ihr sogar neue Dinge bei, half ihr dabei stärker gegen Feinde zu werden. Manchmal nahm er sie auch mit nach Manhattan und sie gingen zusammen essen oder tanzten in einen Jazz-Club. Von seinem Geld machte er ihr außerdem Geschenke, kaufte ihr Schmuck, Kosmetik, Bücher oder Blumen. Sie verlor ihre Angst vor ihm, denn sie war ihre Schwester, die Frau, die er als Zentrum seines Universums betrachtete, sie trug den Beweis dafür sogar auf ihren Arm. Irgendwann zogen sie nach New York, sie lebten zusammen in einem schicken Apartment und er verbrachte mehr Zeit mit ihr. Von ihren neuen Schlafzimmerfenster konnte sie die Möwen noch sehen, ihre Schreie verschmolzen von hier aus aber mit den Wogen des Meeres, wenn die Sonne sich Abend für Abend Richtung Norden bewegte.