Blutaar

von ColaHecht
GeschichteDrama / P16
OC (Own Character)
24.02.2018
18.03.2018
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Es war laut, es war heiß und stickig.
Um sie herum bewegten sich die tanzenden Massen. Dutzende von verschwitzten Körpern, dicht gedrängt.
Lia strich sich die verklebten Haare von der Stirn und drängte sich durch die Menge.
Man nahm sie gar nicht wahr.
Sie spürte das Vibrieren des Basses der lauten Technomusik, die den Raum erfüllte, in ihrem Brustkorb.
Unbeeindruckt schob sie die tanzenden Leute aus dem Weg, bis sie sich zur Toilette des Clubs vorgekämpft hatte.
Alle Türen waren verschlossen und sie lehnte sich gegen die abgeblätterte, von Postern verklebte Wand neben zwei weitere wartende junge Frauen.
Nervös sah sie sich um. Hier waren eigentlich nur junge Leute in ihrem alter – alle zwischen zwanzig und dreißig.
Die Toilettentür sprang auf und ein Mann und eine Frau verließen den Abort.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich an der Reihe war.
Lia schloss hastig die Tür hinter sich und atmete auf.
Es war nicht weniger heiß hier drinnen, aber die aufdringliche Musik war gedämpft und verschwand hinter dem Stimmengewirr der nahen Bartheke. Schnell nahm sie ihren Rucksack vom Rücken, stellte ihn auf dem Klodeckel ab und wühlte darin mit fahrigen Bewegungen herum.
Ein zerfledderter Stadtplan, eine halbleere Sodaflasche, eine Packung Taschentücher – ein Löffel. Eine sehr kleine, verschließbare Plastiktüte, ein Feuerzeug und ein kleiner, durchsichter zylinderförmiger Behälter mit einer sehr dünnen Nadel, die frontal daran angebracht war.

Das Gerät war nicht unbedingt so einfach und schmerzlos zu benutzen wie ein Hypospray. Diese Form des Luxus konnte Lia sich nicht leisten.
Dennoch war die Injektion einfach auszuführen – hatte die Nadel die obere Schicht der Epidermis durchdrungen, so genügte das langsame aber stetige Drücken eines kleinen Knopfes, oben am Zylinder angebracht, um die darin enthaltene Substanz in die Blutbahn zu befördern.

Mit zittrigen Fingern entnahm das junge Mädchen der kleinen Plastiktüte eine weiße, fein gemahlene Substanz, die zu einem Block zusammengepresst war.
Sie kniete vor dem Klodeckel, der ihr als Ablage diente. Über dem Waschbecken – das war zu riskant.
Die Substanz legte sie auf den Löffel, der deutlich abgenutzt erschien.
Lia drehte sich hastig um.
Ein Geräusch.
Jemand hatte gegen die Toilettentür geklopft.
Oder war es nur Einbildung?

Als sie vor fünf Jahren damit angefangen hatte, da hatte sie den Schmerz noch gespürt.
Wie die zähflüssige Masse sich in ihre Adern drückte, sie dehnte, das Blut verdrängte und gegen die Wände der Venen presste – ein schwerlich beschreibbarer Schmerz.
Das seltsame brennende Kribbeln, das sich unter ihrer Haut ausbreitete und den ganzen Arm entlang zog wie eine Schar Feuerameisen, die durch ihre Adern kroch.

Heute spürte Lia all dies nicht mehr.
Sie spürte nur, wie sehr sie sich danach sehnte, die Nadel durch die Haut zu stechen, Schicht für Schicht, bis sie die Vene erreicht hatte.
Den unscheinbaren Knopf der Kanüle zu drücken.
Diese Handlung bedeutete nichts weiter als die Erlösung dieses schrecklichen Zustandes, in dem der Schweiß ihr in die Augen rann und ihr Mund sich anfühlte wie Sandpapier.

Liquid.
Früher hatte sie sich noch Gedanken um so etwas Seltsames, Belangloses gemacht wie die Tatsache, dass sie den Namen für diese Substanz als äußerst fantasielos empfunden hatte.
Wer auch immer sie erfunden hatte, war wohl der Ansicht gewesen, dieser Name klänge irgendwie besonders exotisch und würde die Droge daher noch interessanter machen.
Derjenige hatte gewiss Recht gehabt.
Dabei war es doch lediglich ein einfaches Wort aus dem terranischen Englisch, welches sich mit „flüssig“ übersetzen ließ.
Das Liquid aber war, wurde es erhitzt, vielmehr eine dickflüssige Masse, deren Konsum anfänglich schmerzhaft war, dafür aber durchaus sehr schnell einen großen Reiz ausübte.

Sie öffnete die Toilettentür.
Ein Zeitgefühl hatte sie nicht, nicht mehr, und es kam ihr stets wie eine Ewigkeit vor – jedoch warteten meist nur vereinzelte Clubgäste darauf, als nächstes in die Kabine zu gelangen.

Hier fiel sie nicht auf.
Mit gläsernem Blick drängte sie sich erneut durch die Massen.
Die Musik war nicht mehr so bohrend und aufdringlich.
Vielmehr schien es, als würde sie ihr Gehör irgendwo aus der Ferne erreichen.
Die Enge, die Hitze – nicht mehr so beklemmend.
Lia fühlte sich leicht.
Sie war nicht euphorisch, nicht glücklich. Es war kein Höhenflug.
Vielmehr stand alles in ihr still.
Es war, als würden ihre Gedanken schlafen.
Als hielte alles in ihr für einen Augenblick den Atem an.
Sie sah sich und alles um sie herum wie von außen, wie durch die Augen eines neutralen Betrachters, der die Welt ohne sie zu werten so hinnahm, wie sie war.
Es gab nichts Verängstigendes, nichts Aufrührendes, Erschütterndes, Trauriges, Fröhliches.
Es war nur sie, sie und die Stille in ihr.

Im Sommer waren die Nächte auf Romulus meistens angenehm kühl.
Lia trug immer dieses zerschlissene, hellblaue Trägertop und eine Jeans, die bereits einigermaßen durchlöchert war.
Die schwarzen Stiefel passten nicht zu ihrem Outfit. Sie wirkten zu groß, zu intakt.
In der Tat hatten sie einmal einem Centurio gehört, der nach seinem Austritt aus der Galae Rihannsu gut gelaunt die Gasse entlang gekommen war, in deren Schutz sie an einem stürmischen, verregneten Abend ihre Credits gezählt hatte.
Er hatte gesehen, dass ihre Sneaker bereits wesentlich mehr Löcher besessen hatten als Stoff, und ihr die Stiefel geschenkt, die er nicht mehr brauchte.
Er gehörte zu den wenigen Leuten, denen Lia in ihrem Leben begegnet war, die sie wahrhaftig beeindruckt hatten – dabei wusste sie nichtmal seinen Namen.

Sie lief gedankenlos durch die Straßen, bis sie den Rand des Regierungsviertels erreicht hatte.
So spät waren nur noch wenige hier unterwegs.
Dennoch musste man sich vorsehen – besonders in den besseren Vierteln patroullierten Wachen leise im Schatten der Häuser.
Lia wusste, dass jene von ihrer Art oft ohne nennbaren Grund von den Straßen gezogen wurden.
Doch sie wusste ebenfalls, wie man sich den Blicken jener Wachmänner entzog, welche Routen sie nahmen, auf was sie achteten und wie man sich vor ihnen zu verbergen vermochte.



Eine kleine Pagode.
Sie stand etwas abseits der Wege, die durch den breit angelegten Park führten, der das Senatsgebäude säumte.
Jeder Baum, jede Blume, jede Bank und jeder Weg – alles war mit minutiöser Planung hier angelegt worden, von einem Architekten, der bereits seit vielen Jahrhunderten tot war.
Doch die Pracht seiner Gärten, Bauten und Anlagen war über die Dekaden nicht weniger geworden und hatten ihn unsterblich gemacht.
Jedes Schuldkind wusste, wie er hieß – sie hatte es einmal gewusst.
Sie nahm auf einer der weißen Bänke in der kleinen Pagode Platz.
Diese stand auf einer Anhöhung und war das Wetter klar, so konnte man sehr gut das beeindruckende Senatsgebäude erkennen, das etwa einen Kilometer vom Eingang des Parks aus entfernt war.

Lia legte die Arme verschränkt auf die flache Ballustrade, welche die Pagode umsäumte, und starrte stundenlang auf das vor ihr liegende Szenario.
Auf die kleinen, flackernden Sterne am klaren Firmament.
Auf die Blätter und Blüten, die im Wind rauschten, sich darin wiegten.
Auf die dunklen Umrisse des prächtigen Baus, der sich am Horizont erstreckte.
Ja, sie konnte stundenlang hier sitzen, alles ganz genau betrachten, ohne darüber nachzudenken, warum es aussah, wie es aussah, ohne zu bewerten, ob es schön war oder hässlich.
Sie fühlte nichts.
Aber es war keine Leere; es war eine Freiheit, ein Geschenk, es war wie eine Ordnung, die das Chaos in ihrem Inneren in ein wunderbares, harmonisches Gefüge verwandelte.
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