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Eine denkwürdige Nacht

OneshotAllgemein / P12 / Gen
Lot-Ionan
24.02.2018
24.02.2018
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Es stürmte so stark wie schon seit Zyklen nicht mehr. Lot-Ionan war froh, es sich im Sessel in seinem Studierzimmer bequem machen zu können und seine Pfeife genießen zu können. Einmal mehr war der Magus glücklich, dass er seine Behausung in einen Stollen gelegt hatte. Neben der Sicherheit, die dies für die Menschen außerhalb des Stollens mit sich brachte, bemerkte man hier unten nur wenig von dem schlechten Wetter, dass oben über die Erde fegte und die Menschen verängstigte. Lot-Ionan war selbst für einen magiebegabten Menschen nicht mehr der Jüngste und der Gedanke, den eisigen Regen auf der Erde ausgesetzt zu sein, ließ ihn erschauern.
Der Magus sah in den Kamin und dachte nach. Seine Famuli hatten ihm heute wieder einmal keine Ruhe gelassen. So gern er sie oft auch um sich hatte und so viel Freude es ihm für gewöhnlich machte, sein Wissen an sie weiterzugeben, so anstrengend konnten sie auch sein. Manche von ihnen waren auf eine Weise begriffsstutzig, die Lot-Ionan manchmal daran zweifeln ließ, ob Palandiell ihnen den letzten Funken Verstand geraubt hatte. Doch er schob seine Zweifel jedes Mal wieder beiseite. Zu gut erinnerte er sich noch an seine eigene Zeit als Famulus. Auch er hatte mit einigem seine Probleme gehabt. Und er konnte nicht von jedem Menschen erwarten, dass er alles ohne Schwierigkeiten sofort begriff.

Ächzend erhob sich der Magus aus seinem Sessel und strich sich die Robe glatt. Dann ging er zu seinem Regal herüber und nahm seine Branntweinflasche heraus. Erst kürzlich hatte er sie mit einem Totenkopfsymbol versehen, damit keiner seiner Schüler, der die Flasche sah, auf den Gedanken kam, sich einen Schluck zu genehmigen. Lot-Ionan hielt dies für einen sehr guten Einfall, denn er kostete sehr viel weniger Mühe als ein Zauber und war dennoch ebenso wirksam.

Lot-Ionan setzte die Flasche an den Mund und trank begierig. Erst als sie halb geleert war, setzte er sie wieder ab. Es tat einfach zu gut, sich ab und zu ein wenig von dem Branntwein zu gönnen, besonders an Abenden wie diesem. Der Alkohol vertrieb düstere Gedanken und heiterte ihn an dunklen Tagen auch in kleineren Mengen schon ein wenig auf. Er hob die Flasche gerade wieder an, um noch etwas von dem Branntwein zu trinken, als es an der Tür klopfte. Der Magus hielt inne und sah kurz zwischen der Tür und der Flasche hin und her. Dann verkorkte er die Flasche wieder und stellte sie zurück ins Regal. Erst als er sich wieder in den Sessel gesetzt hatte, erlaubte er dem Besucher, einzutreten.
Es handelte sich dabei um einen seiner Famuli. Merten war noch sehr jung, zählte gerade einmal dreiundzwanzig Zyklen, und war erst seit ein paar Monaten bei Lot-Ionan. Er war sehr unsicher, doch der Magus hielt ihn für einen sehr vielversprechenden Famulus. Aus ihm konnte durchaus ein fähiger Magus werden, wenn er ab und zu einmal über seinen eigenen Schatten sprang. Manchmal hatte Lot-Ionan jedoch auch das Gefühl, dass der Famulus mit den dunklen Haaren nicht ganz so schüchtern war wie er gerne tat. Dieses Gefühl dauerte allerdings nie sehr lange an.

So, wie der junge Mann jetzt in der Tür stand, hatte Lot-Ionan das dumpfe Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Merten schien nicht zu wissen, wie er seinem Lehrmeister sein Anliegen am besten vorbringen sollte. Lot-Ionan fürchtete, dass sich einige seiner Famuli wieder einmal in die Haare bekommen hatten und Chaos angerichtet hatten.
„Was ist passiert?“, fragte Lot-Ionan Merten freundlich. „Ist dir ein Missgeschick widerfahren?“ Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Ich war gerade am Tor. Draußen steht eine Gruppe Kobolde, die Euch zu sprechen wünschen!“, sagte der Famulus leise und sah seinen Meister verunsichert an. Lot-Ionan glaubte im ersten Moment, seinen Famulus falsch verstanden zu haben. Er zog verwirrt die Augenbrauen hoch. „Kobolde?“ Merten nickte. „Haben sie gesagt, was sie wollen?“ Merten verneinte mit heftigem Kopfschütteln. „Sie haben lediglich gesagt, dass sie mit Euch sprechen möchten! Und sie sagten, dass es wichtig sei!“ Lot-Ionan nickte langsam und erhob sich aus dem Sessel. Er wusste, dass Merten solche Dinge nicht erfand. Er war unsicher und manchmal etwas tollpatschig, aber er war eine ehrliche Haut und Lot-Ionan war sich sicher, dass Merten ihn niemals belügen würde.
Auch wenn es schon sehr spät war, machte ihn die Angelegenheit neugierig genug, um sich die Kobolde einmal anzusehen und sich ihr Anliegen einmal anzuhören. Außerdem befürchtete er, dass sie irgendetwas anstellen würden, wenn er sie zu lange warten ließ. Der Magus traute Kobolden durchaus eine Gemeinheit zu. „Dann wollen wir doch mal sehen, wie wir ihnen helfen können!“ Hinter Merten verließ er das Studierzimmer und verschloss es sorgfältig. Dann machte er sich auf den Weg zum Eingangstor seiner Stollen.

Bei den Kobolden handelte es sich um eine etwa fünfzigköpfiges Rudel, dass im prasselnden Regen stand und sich dicht zusammendrängte. Der Magus blieb im Eingang stehen und musterte sie unwirsch. Er mochte diese kleinen Wesen nicht, denn sie waren ihm zu hinterhältig und zu verlogen. Als sie ihn sahen, grinsten sie. Einer von ihnen trat vor, während die anderen gackerten und lachten. Er trug ein großes und längliches Bündel im Arm. Ein Bündel, dass aus Leibeskräften schrie. Lot-Ionan starrte das Bündel für einige Sekunden verdattert an. Dann wanderte sein Blick zu den Kobolden. „Was bei Palandiell soll das?“ Der Kobold mit dem Bündel im Arm bleckte die Zähne. „Wir bieten dir dieses Kind zum Verkauf an, Zauberer!“ Lot-Ionan beugte sich vor, um sich das Kind im Arm des Kobolds besser ansehen zu können. Es war fast noch ein Säugling. Auf den ersten Blick sah es ganz wie ein gewöhnliches Menschenkind aus, doch dann bemerkte der Magus, dass an diesem Kind irgendetwas anders war. Er hob den Kopf und sah den Kobold, der das Kind im Arm trug, durchdringend an. „Was ist das für ein Kind?“, fragte er leise, aber mit einem drohenden Unterton in der Stimme. „Ein Zwergenkind!“, erwiderte der Kobold mit einem schiefen Grinsen. Lot-Ionan sog scharf die Luft ein. Hinter ihm schnappte Merten deutlich hörbar nach Luft. Der Famulus musste immer noch hinter ihm stehen.
Lot-Ionan starrte den Kobold mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen an. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was der Kobold gesagt hatte. „Was bitte soll ich mit einem Zwergenkind anfangen?“, rutschte es ihm heraus, bevor er sich bremsen konnte. Der Kobold mit dem Bündel grinste jetzt noch breiter als vorher. „Wenn du kein Interesse daran hast, Zauberer, dann werden wir es in den nächsten Fluss werfen und ihm beim Ertrinken zusehen!“ Die anderen Kobolde gackerten böse. Lot-Ionan runzelte die Stirn. Er überlegte fieberhaft. Einerseits hatte er keine Ahnung, was er mit einem Zwergensäugling anfangen sollte, andererseits konnte er auch nicht zulassen, dass die Kobolde das Kleine ertränkten. Der Magus fragte sich kurz, wie diese kleinen Langnasen an das Kind gelangt waren, doch er beschloss, dass er es lieber nicht wissen wollte. Dann gab er sich einen Ruck und sah die Kobolde mit dem durchdringensten Blick an, den er aufsetzen konnte. „Was wollt Ihr dafür haben?“ Lot-Ionans Stimme klang so fest wie er beabsichtigt hatte. Die Kobolde wirkten zufrieden ob dieser Frage. Der Kobold neben dem mit dem Zwergenkind nannte ihm einen Preis, der Merten ein empörtes Schnauben entlockte. Doch Lot-Ionan wandte sich nur zu seinem Famulus um und bedeutete ihm, den genannten Preis zu holen. Er hatte keine Lust, mit den Kobolden zu diskutieren. Das Wetter behagte ihm nicht und diese Kerle noch weniger. Außerdem wollte er so schnell wie möglich in sein Studierzimmer zurück. Abgesehen davon konnte er bei dem Geschrei, dass der kleine Zwerg nach wie vor veranstaltete, nicht klar denken.

Gehorsam verschwand Merten im Stollen und kehrte kurz darauf mit der genannten Geldsumme zurück. Der Magus nahm ihm das Geld ab und reichte es wortlos dem Kobold, der den Preis genannt hatte. Der verstaute das Geld mit einem zufriedenen Gackern in einer Tasche. Der andere Kobold reichte dem Magus den immer noch schreienden kleinen Zwerg. Kaum hatte Lot-Ionan das Kind an sich genommen, verschwand das ganze Rudel ohne ein weiteres Wort im eisigen Regen. Der Magus starrte ihnen noch einige Sekunden nach, das Zwergenkind an sich gedrückt. Er war für den Moment zu fassungslos und von der Situation überfordert, um irgendetwas zu sagen oder auch nur zu denken. Er hatte gerade von ein paar Kobolden ein Zwergenkind gekauft! Die Situation wirkte auf einmal so absurd, dass Lot-Ionan laut auflachte.

„Meister?“ Die Stimme seines Famulus brachte Lot-Ionan wieder zur Besinnung. Der Magus drehte sich langsam zu Merten um. „Lass uns wieder reingehen und dieses Wetter aussperren!“, sagte er in einem Tonfall, aus dem seine Erheiterung noch deutlich herauszuhören war. Merten nickte zustimmend, aber verunsichert ob des Lachanfalles seines Meisters und schloss das Tor des Stollens sorgfältig, nachdem Lot-Ionan eingetreten war. Dem kleinen Zwerg gefielen die veränderten äußeren Bedingungen offensichtlich, denn es hörte augenblicklich mit dem Schreien auf, kaum, dass sie im Stollen waren. Dem Magus und seinem Famulus war es nur recht. Merten betrachtete das Zwergenkind, dann sah er seinen Meister verunsichert an. „Was sollen wir mit ihm anstellen?“, fragte er mit einem leichten Zittern in der Stimme. Lot-Ionan zuckte resigniert mit den Schultern. „Ich werde mir etwas einfallen lassen. Erst einmal werde ich ihn zu einer Magd bringen, die sich erst einmal um ihn kümmern soll. Sicher ist er durchgefroren und hat Hunger.“ Merten nickte und bat um Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Lot-Ionan nickte nur und sein Famulus eilte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Liska, die Magd, die er mit der Fürsorge des Zwergenkindes vorerst betrauen wollte, da er von ihr wusste, das sie ebenfalls ein kleines Kind hatte, starrte Lot-Ionan an, als zweifle sie an seinem Verstand. Doch Lot-Ionan war es gleich. Er hatte der jungen Frau die Situation erklärt und keine Lust, sich noch auf weitere Diskussionen einzulassen. Er musste dringend in Ruhe nachdenken, was man längerfristig mit dem Zwerg tun sollte. Doch die Magd schien nicht gewillt, ihn einfach gehen lassen. „Aber ehrenwerter Magus!“, sagte sie fest, als er sich gerade der Tür zuwenden wollte. „Ich kann doch nicht einfach…Ich meine, das ist ein Zwergenkind!“ Etwas hilflos brach sie ab. „Versuche es einfach!“, bat Lot-Ionan sie müde. „Und wenn es Probleme mit ihm gibt, komm einfach zu mir!“ Dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging zurück in sein Studierzimmer, bevor sie noch etwas sagen konnte. Der Magus hatte keine Ahnung, was er mit diesem Zwerg anfangen sollte, geschweige denn, wie sich der Zwerg, so allein unter Menschen, entwickeln würde. Doch eines wusste er: Er würde persönlich dafür Sorge tragen, dass der Zwerg eine Zukunft hatte, komme, was da wolle.
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