Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

You're Scaring Me

OneshotSchmerz/Trost / P6 / Gen
23.02.2018
23.02.2018
1
1.595
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
23.02.2018 1.595
 
Hey : )

Es gibt also tatsächliche Leute, die Nowhere Boys kennen! Freut mich sehr! :D
Hier ist also noch eine FF! Viel Spaß beim Lesen! (Reviews sind immer willkommen! ^^)

Lg Frozen


----------


You’re Scaring Me



Sam rannte. Das Trommeln seiner Schritte auf dem Boden dröhnte in seinen Ohren und vermischte sich mit seinem Keuchen. Die Gebäude um ihn herum verschwammen, Menschen nahm er nur noch flüchtig war. Ein Autofahrer hupte empört, als er ohne sich umzusehen über die Straße rannte. Aber er hatte keine Zeit, um auf seine Umgebung zu achten. Sein Blick war nach vorne geheftet, sein Herz schlug laut in seiner Brust, während sich vor seinem inneren Auge wieder und wieder dieselbe Szene abspielte.

Grinsend lief er die Auffahrt zu Jakes Haus hinauf. Sie waren mit den anderen Jungs verabredet und Sam wollte Jake abholen, da dessen Haus auf seinem Weg lag. Er war nur noch ein paar Schritte von der Haustür entfernt, als er das Fahrrad von Jakes Dad bemerkte, das neben ihr an die Wand gelehnt war. Wie auf ein Stichwort fing in diesem Moment im Haus jemand an zu schreien. Sam blieb erschrocken stehen und horchte. Er verstand nicht, was gesagt wurde, aber er erkannte Sarahs Stimme. Dann eine tiefere: Gary. Sie schienen sich über etwas zu streiten. Zwar war das nicht selten und auch Sam war schon Zeuge einer dieser Auseinandersetzungen geworden, aber so aufgebracht hatte er sie noch nie gehört. Seine Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen und er machte einen Schritt vorwärts, um zu klingeln und herauszufinden, was los war, als die Tür plötzlich ruckartig aufgerissen wurde.

„Jake! Hey, was –“, setzte Sam an, als er seinen Freund herauskommen sah, doch Jake stürmte einfach an ihm vorbei. Verwundert starrte Sam ihm hinterher. Das Geschrei im Haus ging einfach weiter, durch die offene Tür hörte er es nur noch lauter. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte er, ob er hinein gehen sollte, doch der Gedanke war so absurd, dass er ihn verwarf, bevor er richtig darüber nachgedacht hatte. Stattdessen drehte er sich um und rannte Jake hinterher. An der Straße angekommen sah er sich um, doch Jake war bereits verschwunden. Trotzdem rannte Sam weiter. Felix und Andy waren vergessen, Sam sah nur Jakes aufgebrachten Gesichtsausdruck vor sich, seine Augen, die zu glänzen schienen, wie als würde er Tränen zurück halten.


Sams Seite fing an zu stechen und er hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Wenn er nicht gerade nach Luft schnappend Bremins Hauptstraße hinunter sprinten würde, hätte er jetzt vermutlich über diese Ironie gelacht. Sein Element war die Luft und trotzdem schien sein Körper es nicht zu schaffen, ihn mit genügend Sauerstoff zu versorgen. Normalerweise hätte er längst aufgegeben, eine Pause eingelegt. Aber der Gedanke an Jakes verzweifelten Gesichtsausdruck schien ihm neue Kraft zu geben. Zwar hatte er vorhin nicht gesehen, in welche Richtung Jake gerannt war, aber das war nicht wichtig. Er wusste, wohin er musste. Es gab nur einen Ort, an den Jake jetzt gehen würde.

Sam bog von der Straße auf einen Waldweg ab. Seine Snapback hatte er irgendwo unterwegs verloren, aber das war im Moment nicht wichtig. Er würde sie später wieder finden. Im Augenblick dachte er nur an Jake.

Durch die Bäume hindurch erblickte er die Hütte. Sie erinnerte ihn jedes Mal wieder daran, was sie erlebt hatten. Die Angst, den Schmerz, die Wut, die die andere Welt in ihm hervorgerufen hatte. Aber sie war auch der Ort, an dem ihre Freundschaft angefangen hatte. Dort hatte er Andy und Felix besser kennen gelernt und verstanden, dass sie ihm wichtig sein konnten. Dort hatte er begonnen, Jake anders zu sehen. Er hatte erkannt, dass er nicht nur der beliebte Footballspieler war, sondern auch der Junge mit der Familie, die so ganz anders war als seine eigene, so viel weniger perfekt. Dort hatte er begriffen, wer er war und wer er sein musste, wen Jake brauchte.

Sam und Jake. Jake und Sam. An diesem Ort hatte es angefangen und Sam wusste, dass es hier war, wo er Jake finden würde. Er trat zwischen den Bäumen hervor und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er Jake ein paar Schritte von der Hütte entfernt mit dem Rücken zu ihm stehen sah. Sam atmete noch schwer von seinem langen Sprint bis hier her, doch er hielt nur einen Moment inne, bevor er sich wieder in Bewegung setzte, um zu seinem Freund hinüber zu gehen. Da spürte er es.

Der Boden unter seinen Füßen vibrierte ganz leicht. Sams Lächeln verblasste. Auch aus der Entfernung sah er Jakes angespannten Rücken, die geballten Fäuste, und er beeilte sich, zu ihm zu kommen. Das Beben wurde stärker, als er ihn fast erreicht hatte war es schon nicht mehr zu leugnen und Sam musste aufpassen, nicht ausversehen zu stolpern.

„Hey …“ Er legte Jake eine Hand auf die Schulter und trat vor ihn, sah ihn besorgt an. Jake reagierte nicht. Seine Augenbrauen waren wütend zusammengezogen, die Lippen fest aufeinander gepresst. Er sah Sam nicht an, hatte den Blick starr auf etwas in der Ferne gerichtet. Hatte er überhaupt bemerkt, dass Sam gekommen war?

„Jake?“, versuchte er es noch einmal. „Alles okay? Was war bei dir Zuhause los?“ Jakes Blick zuckte zu ihm herüber und Sam erschrak. In Jakes Augen brannte ein Feuer, noch nie hatte Sam ihn so wütend gesehen.

„Hey, Jake, es ist okay. Ich –“

„Gary“, stieß Jake hervor und die Erde bebte stärker. Sam musste sich regelrecht an Jake festhalten, um nicht umzufallen. Ihm war klar, dass er Jake beruhigen musste – und zwar schnell. Er brauchte eine Ablenkung. Denn egal wie enttäuscht Jake von seinem Dad war, er nannte ihn nur bei seinem Vornamen, wenn er richtig wütend auf ihn war. Sam hatte das erst einmal erlebt und damals hatte Jake noch keine besonderen Kräfte gehabt. Er wollte sich nicht vorstellen, was jetzt passieren konnte.

„Jake, hör zu“, redete er deshalb beschwichtigend auf seinen Freund ein. „Du musst dich beruhigen! Du –“ In diesem Moment ertönte es ein lautes Krachen und die Welt schien zu kippen. Sam verlor das Gleichgewicht, ließ Jake los und stolperte ein paar Schritte zurück. Geschockt sah er zu, wie sich im Boden um Jake herum Risse bildeten.

„Jake!“, rief er. „Du musst damit aufhören, Jake!“ Jake hob seinen Blick und sah Sam an und Sam stockte der Atem. Noch nie hatte Jake ihn so angesehen. Genervt, verärgert, ungläubig – das ja. Aber nie so voller Wut, so erfüllt von der Macht seines Elements. Sam wusste, dass es nicht ihm galt. Jake war wütend auf seinen Dad, zwar kannte Sam den genauen Grund nicht, doch er wusste, dass es gerechtfertigt war. Trotzdem ging Jake zu weit, er verlor die Kontrolle.

„Ich hasse ihn!“, schrie Jake da auf einmal. „Ich hasse ihn!“ Die Risse im Boden wurden breiter, tiefer. Sam konnte sich nur noch mit Mühe auf den Füßen halten. Panisch sah er sich um, sah Jake an. Wenn er nicht aufhörte, würde der Boden unter ihnen wegbrechen, sie würden fallen, von der Erde verschluckt werden. Doch Jake starrte nur weiter vor sich hin, seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest ballte er seine Hände.

Sam wusste nicht, was er tun sollte. Er erkannte den Jake, der hier vor ihm stand, kaum wieder. Da war nichts mehr von dem Jungen, der die Augen verdrehte, aber trotzdem grinste, wenn er ihm einen neuen Trick auf seinem Skateboard zeigte. Nichts mehr von der Sanftheit, mit der Jake ihm manchmal durch die Haare fuhr. Nichts mehr von der Vertrautheit, die er spürte, wenn Jake seine Hand nahm und mit seinem Daumen sachte über Sams Handrücken strich.

„Jake.“ Seine Stimme war ganz leise und zitterte. „Du machst mir Angst.“

Sam hörte die Worte, die aus seinem Mund kamen, selbst kaum, das Beben um sie herum übertönte alles, löschte jedes Geräusch aus. Aber irgendwie mussten sie zu Jake durchgedrungen sein. Vielleicht hatte er sie gar nicht gehört, vielleicht hatte bloß er die Furcht gespürt, vielleicht hatte er sie in Sams weit aufgerissenen Augen gesehen. Egal was es war, es brachte ihn zur Besinnung.

Mit einem Mal war es ruhig. Der Boden hatte aufgehört zu beben, die Risse vergrößerten sich nicht weiter. Sam sah Jake an und als dieser den Blick erwiderte, sah Sam Tränen in seinen Augen schwimmen. In einem Sekundenbruchteil war Sam bei ihm und schlang seine Arme um ihn. Er drückte Jake fest an sich und als seine Beine nachgaben sank er mit ihm zu Boden. Jake zitterte und vergrub seinen Kopf in Sams Halsbeuge, klammerte sich regelrecht an ihn.

„Sam, ich –“, fing er an, doch Sam unterbrach ihn.

„Ssh … es ist okay.“ Beruhigend fuhr er mit den Fingern durch Jakes leichte Locken. Doch Jake entzog sich vorsichtig Sams Umarmung und sah ihn an.

„Nein, ist es nicht. Es –“ Sam brach es das Herz, als er Jakes rote Augen sah, den Schmerz darin und die Tränen, die ihm über die Wagen liefen. Er schüttelte den Kopf.

„Ich verstehe dich, okay? Du musst dich nicht entschuldigen, nicht dafür, nicht bei mir. Okay?“ Jake nickte zögerlich. Sam lächelte ihn an. „Und jetzt komm wieder her.“ Er öffnete seine Arme und Jake zögerte nur einen Augenblick, bevor er nachgab und sich von Sam erneut in eine Umarmung ziehen ließ.

„Danke.“

Sam hätte es fast überhört, so leise hatte Jake es gesagt. Er wusste, dass Jake sich nicht oft so verletzlich zeigte, jahrelang hatte nur seine Mom diese Seite an ihm gekannt. Es schmerzte ihn, dass auch er sie kannte, und gleichzeitig freute er sich, dass Jake ihm genug vertraute, um sich vor ihm nicht zu verstellen. Sam lächelte.

„Nicht dafür, Jake. Nicht dafür.“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast