Licht & Schatten

GeschichteÜbernatürlich / P12
23.02.2018
28.03.2018
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Dieses Kapitel
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Hallo alle,

hier kommt nun das erste Kapitel meiner Fanf-Fic zu Nika S. Daveron's "Bedford Hope".

Wie oft bei meinen Stories ist der Kapitel Titel ein Song Titel, der natürlich auch einen Bezug zur Handlung hat.
Diesmal findet ihr am Ende des Kapitels den Link.

Da ich sonst fast ausschließlich im Supernatural Universum unterwegs bin, ist es ein etwas ungewohnter Ausflug.
Doch immerhin geht es da ja schließlich auch ein wenig um Engel und Dämonen. ;-)

Wie auch immer ... ich hoffe trotzdem es gefällt euch & wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen.

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Secrets & Lies



… und Hochmut ist’s, wodurch die Engel fielen,woran der Höllengeist den Menschen fasst.


(„Die Jungfrau von Orléans, Prolog – Friedrich Schiller)



Die Zeit, seit meinem letzten Besuch in Bedford, als ich dort gerade noch eine kurze Notiz für Hadriane in ihrem Zimmer zurücklassen konnte, war wie im Flug vergangen und es kam mir trotzdem wie eine Ewigkeit vor.
Die Nachricht, dass dort ein Schicksalswahrer den Tod gefunden hatte, hatte sich recht schnell bis nach Partridge verbreitet und für Aufregung gesorgt. Denn ein Schicksalswahrer konnte nur sterben, wenn er gegen seine eigenen Regeln verstieß. Etwas, dass bis jetzt noch nie geschehen war. Spekulationen darüber waren nicht nur unter den Schicksalswahrern, die sich hier aufhielten, Thema Nummer eins, sondern auch unter den Engeln.

Ganz genau wusste zwar keiner, was geschehen war und es war leider genau dieser Rest Unwissenheit, der sie Verunsicherte und noch misstrauischer als sonst machte. Das erschwerte es mir meine Kontakte zu nutzen einen neutralen Schicksalswahrer zu finden. Die meisten schienen nur noch das Eine im Kopf zu haben.
Und die, die es schnell als tragischen Einzelfall abtaten, richteten ihre Aufmerksamkeit auf mich und meine Querelen mit Goldfee und Lopenta. Leider.
Im Moment lief es also alles andere als optimal.
Doch ich durfte nicht aufgeben. Irgendeine große Sache bahnte sich an und ich hatte das drängende Gefühl, es würde uns alle wie eine Flutwelle überrollen und hinwegspülen, wenn wir nicht in der Lage wären es rechtzeitig zu stoppen. Keine Ahnung woher diese Gewissheit kam, aber ich war davon überzeugt, dass der Schlüssel dazu im Tod dieses Schicksalswahreres lag und in der Tatsache, dass Hadriane zu Unrecht in Bedford war.

Nur wie hing das zusammen? Was war das Ziel?
War das alles von langer Hand geplant? Wenn ja, wer zog dann die Strippen?
Und wie kam ich jetzt noch an den so dringend benötigten neutralen Schicksalswahrer?

Ich wälzte diese Gedanken garantiert schon seit Tagen hin und her, war anfangs dabei durch die Korridore Partridges gestreift, immer darauf bedacht möglichst wenigen über den Weg zu laufen, bis ich mich entschieden hatte darüber in meinem Zimmer nachzudenken.
Was auch gut funktioniert hatte, bis mich das leise, aber dennoch fordernde Klopfen an der Tür doch begann zu nerven. Alles in mir strebte danach einfach auf dem Bett liegen zu bleiben und weiter grübelnd an die helle Decke zu starren. Doch ich wusste, dass es nicht aufhören würde, bis ich nachsehen würde, wer unbedingt meine Aufmerksamkeit erregen wollte. Ich hatte also gar keine andere Wahl, als nachzugeben. Ich schwang  kopfschüttelnd meine Beine aus dem Bett, auf dem ich vollkommen bekleidet und mit Schuhen gelegen hatte – welche Sünde, wenn man manchen jüngeren Mitengeln hier Glauben schenkte, was ich natürlich nicht tat – und ging gemessenen Schrittes zur hellgrau gestrichenen Tür. Ich wollte es dem Störenfried nicht allzu leicht machen und öffnete deshalb auch betont langsam die Tür.

Kaum war sie einen Spalt offen, streckte sich mir auch schon der blonde Lockenkopf Tamaels entgegen, der aufgeregt drauflos plapperte.

„Sie will dich sehen, Amaranth. Und zwar SOFORT!“

Ich zupfte meinen schwarzen Anzug in Form, räusperte mich gelangweilt und fragte, „Was will sie von mir?“.

Wen er mit „sie“ meinte wusste ich sofort. Meine Vorgesetze und frühere Mentorin Saphir. Und genaugenommen ahnte ich auch den Anlass. Aber das wollte und durfte ich mir auf keinen Fall anmerken lassen.

„Ähm … ähm … das hat sich nicht gesagt“, stotterte mich Tamael an, „Aber sie hat gesagt SOFORT! Also komm jetzt endlich. Sie wartet schon ungeduldig“, sagte er, klang dabei ängstlicher, als ich es sein sollte und war schon auf der anderen Seite des Korridors, als ich noch gemächlich die Tür schloss.

„Na komm schon“, forderte er mich erneut auf und eilte den Gang entlang ohne auf mich warten.

Ich schüttelte den Kopf und marschierte hinter Saphirs persönlichem Assistenten her.
Den Weg kannte ich - ich war ja schon lange genug hier – aber dennoch wunderte ich mich jedes Mal an den gleichen Stellen über die selben Dinge. Nur eben in letzter häufiger als früher. So kam es mir jedenfalls vor.
Aber ich konnte mich ja immerhin auch täuschen.

Hier in Partridge war alles hell und sauber und sollte einen freundlichen Heile-Welt-Eindruck machen. Doch wenn man näher hinsah, erkannte man, dass hier doch nicht alles so freundlich und heil war.

Gut, die teilweise wirklich langen Korridore, so wie der, durch den mich Tamael gerade hetzte, waren hellgrau gestrichen, sauber und sogar zurückhaltend dekoriert. Sie hielten einem oberflächlichen Blick durchaus stand. Nahm man sich jedoch alles genauer vor, bemerkte man etwa, dass die Wandfarbe an manchen Stellen bereits leichte Risse bekommen hatte und der saubere Boden in den Ecken nur so voll Wollmäusen strotze. Von den geschmackvollen und zurückhaltenden Dekorationen ganz zu schweigen. Sah man da nämlich zu genau hin, erkannte man grauselige Details, die nicht so recht zum Image dieses Ortes passen wollten.

Das beste Beispiel dafür war eine in Grautönen gehaltene Variante des berühmten Bildes „Vertumnus“ von Giuseppe Acimboldo, die mich jedes Mal in ihren Bann schlug, wenn ich daran vorbei ging. So wie jetzt auch.
Auf den ersten Blick das Portrait eines Mannes mit vollem Haar. Im Original alles hübsch aus Pflanzen, Obst und Gemüse, kunstvoll und kreativ dargestellt. Ging man näher an das Gemälde heran sah man, dass der Schöpfer dieses Kunstwerks die pflanzlichen Bestandteile durch menschliche Körper ersetzt hatte. An sich nichts Schlimmes. Wenn man auch hier nicht gerade direkt davor fasziniert stehen blieb als sähe man es zum ersten mal und es eingehend studierte.

So wie ich nun.

Denn die Körper schmiegten sich nicht harmonisch in Form, sondern waren verdreht, gebrochen und teilweise grausam entstellt. So ähnelte es eher einem Werk von Hieronymus Bosch, nämlich seiner Darstellung der Hölle, dem jüngsten Gericht oder seinem Garten der Lüste.

Warum war mir das früher nie aufgefallen?
Oder hat sich das Bild etwa wirklich … verändert?

Wie auch immer, dieses Bild passte doch wohl besser an eine Wand in Bedford.

Bedford.

War das da ein Bein, was sich um das übergroße Auge schlang?

Ich ging noch näher heran.

Bedford.

Da war sie.
Hadriane.

Kein Bein, oder?

Hadriane

Immer kehrten meine Gedanken zurück zu ihr.
Ich konnte gar nicht anders. Ich musste unbedingt einen neutralen Schicksalswahrer finden, der beweisen konnte, dass sie vor die Metro gestoßen wurde.
Vorsätzlich.
Und von wem?

Ich stieß schon fast mit der Nase an das Bild.

Oh! Nein. Definitiv kein Bein.

Mir lief gerade kurz ein kalter Schauer über den Rücken, als Tamael am Ärmel meines schwarzen Anzugs zerrte.

„Was machst du da? Komm schon!“, raunte er aufgeregt, ließ los und eilte weiter.

Diesmal folgte ich seiner schlaksigen Gestalt, die in einem grauen Anzug steckte, durch die langen, hellen Korridore ohne genauer hinzusehen oder gar noch einmal an einem der zahlreichen, zweifelhaften Kunstwerke stehen zubleiben.

Bis wir an unserem Ziel, einer Tür, deren Grau sich kaum von dem des Ganges abhob, anhielten.

Tamael wollte anklopfen, aber er hatte kaum die Hand gehoben, als von drinnen ein barsches „Na komm schon rein“, ertönte.

Vorsichtig tippte er das helle Holz an und geräuschlos schwang die Tür auf. Ohne selbst die Schwelle zu übertreten winkte er mich durch den schmalen Spalt und schloss die Tür hinter mir genauso so leise, wie er sie geöffnet hatte. Ehrfurchtsvoll und ängstlich darauf bedacht unbemerkt zu bleiben.

Ein Teil von mir beneidete den unscheinbaren Engel um seine simplen Aufgaben. Damit würde er nie in den Fokus der Frau geraten, die mich nun in ihrem klinisch reinen Büro erwartete und wahrscheinlich auf einen unachtsamen Moment lauerte.

„Tz, typisch Tamael“, schnaubte die schlanke Gestalt hinter dem gläsernen Schreibtisch und deutete herzlich lächelnd mit ihrer weißen, schmalen Hand auf den Stuhl vor sich. „Bitte, setzt dich doch.“

Ich kannte Saphir gut.
Sie war meine Mentorin gewesen, hatte mich damals vor so langer Zeit ausgebildet und Anfangs hatte ich sogar so etwas wie Freundschaft für sie empfunden.
Bis … nun ja, dass war eine Angelegenheit, an die ich mich nicht gerne erinnerte. Es war schon so lange her, es war schon gar nicht mehr wahr.
Der Punkt ist aber, dass ich eigentlich genau wusste, wie sie aussah.
Ich hätte mit geschlossenen Augen jede einzelne Strähne ihres eisblonden Haares mit dem hellblauen Schimmer, alle grauen Sprenkel in ihren weißen Augen und jede Pore ihrer kristallenen Haut genauso detailliert beschreiben können, wie dieses puristisch eingerichtete, kalte Zimmer, in dem ich nun stand.
Und trotzdem starrte ich sie jedes Mal an wie bei beim Ersten Mal, als ich ein frisch geborener Seraph war, gerademal ein paar Tage alt. So überirdisch glänzte sie, ihre Umgebung sternengleich erhellend.
Mittlerweile war ich zwar ganz gut darin diese Überwältigung zu überspielen und die Verzückung verweilte nur eine Sekunde in mir, doch gänzlich ließ sich dieses Gefühl nicht abschalten.
Sie hatte eben diese Wirkung.
Auf alle Engel.
Denn sie war ein Archaii.
Eine der Engel, die mühelos zwischen Partridge, der Erde und dem Himmel hin und her wechseln konnten. Dies und ihre besonderen Fertigkeiten waren der Grund für ihre speziellen Aufgaben, die sie mittlerweile nur noch selten nach Partridge führten. Sie stand weit oben in der Hierarchie, war sehr mächtig und schon so manch niederem Engel zum Verhängnis geworden. Ein negatives Wort von ihr und ich konnte ernsthafte Probleme bekommen. Im besten Fall waren diese dann disziplinarischer Natur und ich würde mich lange Zeit nicht mit Hadriane treffen können.
Was schon schlimm genug war.
Im schlechtesten Fall aber …nun, den wollte ich mir lieber nicht in allen Einzelheiten ausmalen. Während unserer gemeinsamen Zeit war sie oft genug Richter und Henker in einem gewesen.
Wie gesagt, ich kannte sie gut.
Besser, als es mir jetzt lieb war.
Denn ihre vordergründige Freundlichkeit weckte mein Misstrauen und machte mich nervös.

„Nun setz dich schon. Du weißt ich hasse es, wenn man stehen bleibt“, versetzte sie und sah mich auffordernd an.

Natürlich hasste sie es. Denn dann musste sie empor blicken und der Einzige für den sie das tat war ER.
Meine wachsende Anspannung hatte mich einen Augenblick lang meine zur Show getragene Gleichgültigkeit vernachlässigen lassen und ein kleines Lächeln war mir entschlüpft und hatte wohl meine Gedanken verraten, denn ihr Blick gewann an Strenge.

Während ich wie beiläufig durch mein Haar strich, gewann ich meine Maske zurück und setzte ich mich auf den Besucherstuhl, der ganz aus Chrom und weißen Leder bestand. Dann wartete ich geduldig darauf, dass sie endlich mit ihren Vorwürfen begann und vertiefte mich derweil in den Anblick der schmucklosen, hellgrauen – fast weißen – Wand hinter ihr.
Es hatte fast etwas meditatives und half mir mich wieder auf meine Rolle als Unschuldiger zu konzentrieren.

Doch statt die Anschuldigungen wie Gewehrsalven auf mich einprasselten lächelte sie mich nur an und fragte, „Kann ich dir einen Tee anbieten, mein Lieber?“.

Höflich, wie ich war, und auch um das ganze Gespräch so kurz wie möglich zu halten, lehnte ich dankend ab.
Leider hielt es sie nicht davon ab für sich eine Tasse dampfenden Jasmin Tees aus dem Nichts materialisieren zu lassen, die sie dann genüsslich zwischen ihren schlanken Fingern hin und her rollte.

Überraschenderweise folgte danach nur einfacher Smalltalk und anderes Belangloses. Zum Beispiel über Tee: wie ihn die Menschen anbauen, wie er verarbeitet wird und welch göttliches Getränk es sein. Außerdem ging es noch um die neuen Seraphen, ob ich sie getroffen hätte und ob ich nicht endlich meine Garderobe mehr an die ihre – Grau in Grau – anpassen wollte. Wenigstens hier, so wie es sich, ihrer Meinung nach, gehörte.

Während dieser ganzen Zeit rechnete ich jeden Augenblick mit der unausweichlichen Ansprache zu meinem kürzlichen Verhalten auf der Erde und hatte mich innerlich dagegen gewappnet. Doch kein Ton kam diesbezüglich über ihre perfekten, weißen Lippen. Nicht mal das Thema, das in aller Munde war, der Tod des Schicksalswahrers, sprach sie an.
Gerade das hätte mich misstrauisch machen sollen. Aber ich war deshalb auch so erleichtert, dass ich nicht darüber nachdachte.

Als sie dann enttäuscht den letzten Schluck aus der Teetasse genommen hatte, stellte sie das makellos weiße Porzellangefäß auf der gläsernen Tischplatte ab.

„Tat gut mal wieder mit dir zu sprechen, Amaranth“, sagte sie und ein wenig wunderte ich mich über den Anflug von Melancholie in ihrer Stimme.
„Ich möchte dich aber nicht von der Arbeit abhalten.“

Das war ihre Art mir zu sagen, dass das Gespräch beendet sei.

Also erhob ich mich, nickte ihr zu und freute mich schon, dass mein Verhalten anscheinend doch nicht der Grund für meinen Besuch gewesen war und ließ meine Deckung fallen.
Ich gestatte mir ein kurzes, erleichtertes Aufatmen.
Und schalt mich einen Wimpernschlag später. Das musste für sie wie die Blutspur für einen Bluthund sein.

Fehler!, schrie ich mir selbst entgegen und wartete auf das Unvermeidliche.Es kam, wie es kommen musste. Ich hätte sie besser kennen sollen.

Denn ich war noch nicht ganz an der Tür angelangt, als sie mich dann doch noch ein paar einfache Worte innehalten ließen.

„Ehm … bevor ich es vergesse: war da letztens was … besonderes?“

Die Kälte in ihrer Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich wusste, jetzt würde sie zum eigentlichen Grund des Gesprächs kommen. Dennoch drehte ich mich äußerlich gelassen zu ihr um.

„Ich weiß nicht was du meinst“, antwortete ich kühl. Ich gab mein bestes Pokerface zum Besten.

„Auch wenn ich nicht mehr so oft hier bin. Man hört so einiges“, antwortete sie und musterte mich.

„Zum Beispiel?“
Ich hielt ihrem Blick stand.

„Zum Bespiel das in St. John? Die Sache in Ronda? UND in Paris?“

„Alles ganz normale Jobs. Mehr nicht.“

„Mehr nicht. Aha“, antwortete sie lauernd. „Du siehst es also als normal an, einen Dämon nicht zu töten, sondern ihn zu retten?“

„Sie“, erklärte ich.

„Stimmt. Ich vergas. Sie. Wie war nochmal ihr Name? Wenn die da sowas überhaupt haben?“  

Die Überheblichkeit in ihrer Stimme machte mich krank. Doch ich versuchte so emotionslos wie möglich zu antworten.

„Hadriane. Ihr Name ist … Hadriane.“

„Also kennst du tatsächlich ihren Namen! Interessant.“

„Ich …“, stammelte ich, konnte ihr ganz kurz nicht mehr in die Augen sehen.

„Ist sie hübsch? Ich würde wetten, dass sie das ist. Für einen Dämon jedenfalls.“

Hatte sie meine Reaktion auf eine falsche Fährte gelockt?
Sollte ich sie nähren, den Irrglauben schüren und ihrem herumgestocherte in Halbwahrheiten und Gerüchten eine neue Richtung geben?

„Du hattest ja schon immer einen … speziellen Geschmack. Aber eine Tändelei mit einem Dämon? Amaranth, die anderen reden schon. Das ist nicht gut.“

„Es ist nicht, was du … was die anderen denken. Du solltest mich besser kennen“, erklärte ich mit neugefundener Festigkeit in der Stimme und blickte ihr wieder geradewegs in die grauen Augen. „Gerade du, Saphir.“
Zuerst schien sie nicht zu verstehen und zog die faltenlose Stirn kraus. Doch schon einen Augenblick später erhellte sich ihre Miene und sie lächelte mich an.

„Ahh, ich verstehe. Du willst es interessanter gestalten. Stimmts?“

„Ganz genau. Ich lasse ihr Zeit besser zu werden. Mit ebenbürtigen Gegnern macht es einfach mehr … Spaß. Mir war … langweilig“, erklärte ich und hoffte meine Vorstellung sei überzeugend gewesen.
Denn für den Bruchteil einer Sekunde lag wieder ein Hauch Misstrauen in ihren Augen, der mich erschaudern ließ. Ein himmlisches Wesen wie einen Archaii machte man sich besser nicht zum Feind.

„Na, dann wünsche ich dir noch eine gute und erfolgreiche Jagd, mein Lieber.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als mir klar wurde, dass damit das heikle Gespräch in ihrem Büro beendet schien und sie weder Verdacht Hadriane betreffend geschöpft, noch die Sache Lopenta und Goldfee oder sogar auf meine Suche nach einem neutralen Schicksalswahrer angesprochen hatte.

Erleichtert nickte ich ihr zu, verabschiedete mich und war schon halb aus der Tür raus, als sie mich erneut ansprach: „Ach, eine Sache wäre da doch noch, mein Lieber. Entschuldige bitte, dass ich dich nochmals aufhalte. Du hast sicherlich genug zu tun.“

Sie hatte mich wieder erwischt.
Jetzt war ich sicher würde es unangenehmer werden.
Und gefährlicher für mich.

„Um was geht’s?“, fragte ich so entspannt wie möglich, obwohl ich innerlich lichterloh brannte. Wieder versuchte sie mit ihrer speziellen Art die Wahrheit zu enthüllen. Doch durch die lange Zeit unserer Zusammenarbeit war ich gewappnet.
Jedenfalls wollte ich das glauben.

„Mir ist da etwas zu Ohren gekommen. Es stimmt sicherlich nicht. Es ist einfach … zu unglaublich. Aber ich muss es fragen. Anweisung von oben“, erklärte sie in gespielter Vertrautheit und erwartete eine Antwort von mir.

Die ich ihr verweigerte und sie nur auffordernd ansah; die Türklinke immer noch in der Hand.

„Du … sollst, ich nenne es mal Differenzen mit Goldfee und Lopenta wegen dieses … Dämons haben? Stimmt das?“
Ihre Stimme hätte Diamant schneiden könne, so kühl und berechnend klang sie.
So wie ihre grauen Augen eisig blitzen, als sie mich musterten, um jede verräterische Regung auf meinem Gesicht zu registrieren und gegen mich zu verwenden.

Diese Frage hatte ich gefürchtet und mir war bis zu diesem Moment keine gute Taktik diesbezüglich eingefallen.
Ebenso unterkühlt wie sie antwortete ich, „Wer hatte nicht schon mal … Differenzen mit den Beiden?“ und setzte noch eine Lüge obendrauf, „Außerdem …wurden die beiden nicht auch kürzlich zusammen mit diesem verstorbenen Schicksalswahrer gesehen? Wie war nochmal sein Name?

„Rivendell“, antwortete sie ohne zu überlegen und verfluchte sich offenbar dafür nur einen Augenblick später. Sie wusste mehr, als sie zugegeben hatte. Das wusste ich jetzt, denn der Name konnte nur wenigen Bekannt sein. Was wusste sie noch?

„Stimmt. Rivendell. Eigenartig, oder?“, gab ich zu bedenken.

Saphirs Augen strahlten plötzlich belustigt und sie lächelte mich hintergründig an. „Da hast du recht. Eigenartige Dinge gehen hier vor, mein Lieber. Eigenartige Dinge.“

Ihr Blick hielt den meinen noch lange gefangen, wir starrten uns gewiss noch mehrere Sekunden stumm an, bevor ich die Stille zwischen uns brach.

„Möchtest du noch etwas mit mir besprechen, oder kann ich wieder meiner Arbeit nachgehen?“

„Nein, ich … ich denke es ist alles gesagt, Amaranth“, sagte sie, lehnte sich in ihrem großen, weißen Sessel zurück und legte die Fingerspitzen ihrer schlanken Hände aneinander.

Ich nickte ihr ein, hoffentlich, letztes Mal zu und trat endlich durch die Tür.

Draußen auf dem Gang atmete ich tief aus und wünschte mir sie nicht mehr so bald wiederzusehen. Sie kannte mich besser als jeder andere und sie diesmal getäuscht zu haben verschaffte mir etwas Luft für meine Ermittlungen.
Ob ich dieses Kunststück noch einmal würde vollbringen können, wagte ich zu bezweifeln. Ich konnte nur versuchen ab jetzt unter ihrem Radar zu bleiben und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Trotz der wie ein Damokles-Schwert über mir schwebenden Gefahr musste ich alles daran setzten bald Hadriane wieder zu sehen. Ich musste unbedingt mehr Information über diesen Vorfall mit Rivendell sammeln und wer war dafür wohl geeigneter als ein Augenzeuge.

Mit dem Kopf voller Pläne eilte ich durch die bedrohlich trostlosen Gänge zurück zu meinem Quartier.
Kein Engel hielt mich auf.
Nur Saphirs blitzende Augen schienen mich zu verfolgen.


Secrets & Lies - Ruelle

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Wird Amaranth es schaffen Hadriane unbemerkt wieder zu sehen und wichtige Informationen von ihr zu erhalten?
Ist er wirklich einer Verschwörung auf der Spur?
Und bleiben seine Bemühungen vor Saphir geheim?

Ich hoffe das erste Kapitel aus Partridge hat euch gefallen und Appetit auf mehr gemacht.

Ich freue mich schon auf eure Reviews/Kommentare - und vielleicht schaut ihr ja auch bei meinen anderen Geschichten rein. ;-)

LG

eure Sovereign146



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Weil dieses Kapitel in Partrigde, dem Übergang zum Himmel spielt, widme ich es
dem kleinen, bepelzten, vierpfötigen Familienmitglied, welches gestern seinen Weg über
die Regenbogenbrücke angetreten hat.

Fare thee well Henry
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