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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
31.01.2020 6.562
 
Kapitel 20 – Bedeutende Einblicke

Dass Sam eindeutig besorgt um mich war, ist nicht abzustreiten – dazu muss man kein Genie sein. Mir wäre das Herz ebenfalls in die Hose gerutscht, wenn ich gewusst hätte, dass er von einer dubiosen Person verschleppt wurde und er plötzlich an einem tosenden See nicht mehr bei ihr ist. Ich kann mir vorstellen wie es für ihn ausgesehen haben muss und ich kann mich auch noch gut an seine Stimmlage erinnern, als er an dem Ort ankam und ich noch gute drei Meter unterhalb der Sprungkante an der Felswand hing.
Es kam noch nicht oft vor, dass ich ihn panisch erlebte, aber in diesem Moment war er es eindeutig.
Die Erleichterung darüber, dass ich nicht tot, sondern hier bei ihm in diesem Zimmer bin, spiegelt sich in seiner Umarmung wider, die eher einem Klammergriff ähnelt.
>Sam? < hauche ich.
>Hmm...? <
>Es geht mir gut. Du kannst mich wieder loslassen. <
Er seufzt und löst sich ein Stück von mir, aber hält noch meine Hand fest. Ich will nicht, dass er das tut und weiche etwas von ihm weg, um sie ihm zu entziehen.
>Was ist los? <
>Was los ist? Dieses Umarmen und Händchenhalten ist alles andere als hilfreich mich von dir abzunabeln. Du musst verstehen, dass ich hier nicht bleiben kann. Kannst du mir bitte eine Strecke an deinem Laptop raussuchen, mit der ich nach Texas komme? Diese Buspläne machen mich wahnsinnig und ein Zug wäre mir lieber. <
>Was? Weshalb willst du nach Texas? <
>Da kennt mich immerhin keiner. Das war ursprünglich mein Ziel bevor ich festgenommen wurde. <
>Auf keinen Fall. Einer von diesen Typen ist immer noch da draußen. Er weiß, dass du lebst und er wird dich finden wollen. Du hast ja recht und ich will es dir nicht schwerer machen als nötig. < daraufhin lässt er meine Hand los und rutscht ein paar Zentimeter zurück. >Aber fürs Erste kannst du nicht weg. Bitte Kleines, sei vernünftig. <
Das war klar, dass er dagegen sein würde. Ich habe auf seine instabile Meinung gehofft, aber hierbei muss er natürlich wieder beharrlich sein. Trotzdem brauche ich seine Erlaubnis nicht. Schließlich kann er mich hier nicht einsperren.
>Wie hast du mich überhaupt gefunden? Ich hatte doch das Armband nicht mehr. < frage ich, um das Thema vorerst ruhen zu lassen.
>Dimitrij und ich empfangen und überwachen gesiebte Polizeiberichte, die rund um deinen Fall und deine gefälschte Identität handeln. Ich war seit gestern Nachmittag nicht mehr am Laptop und bekam es nicht mit, aber Dimitrij rief mich heute früh an und sagte, dass sein Computer eine Meldung rausgab, dass Stunden zuvor in Proctor eine Frau festgenommen wurde, die Kimberly Grant heißt, 22 Jahre alt ist und indianisch aussieht. Mehr Informationen hatten wir bis dato nicht, aber das konntest nur du sein, vollkommen egal wie häufig dieser Name in den Staaten auftauchen mag. Daraufhin fuhr ich so schnell ich konnte zu dem Department, von dem der Einweisungsbericht war. Als ich dort ankam, sagte mir eine Polizistin, dass du vor nicht mal einer Stunde von einem Beamten mitgenommen wurdest. Ich fiel aus allen Wolken, als sie mir den Namen des Kerls nannte, den ich im Prinzip schon seit Tagen verfolge. Gott sei Dank hatte sie sich seine Dienst- und Wagennummer notiert, die sie mir natürlich nicht geben wollte. Wir können von Glück reden, dass sie noch ein Anfänger ist und strikt nach Vorgabe gehandelt hat, anstatt diese Aktion blind durchzuwinken. Bei einem älteren Beamten mit Betriebsblindheit hätte das durchaus passieren können. Sie meinte, dass sie die ganze Zeit ein komisches Gefühl hatte und du sagtest offenbar auch noch etwas zu ihr, dass sie stutzig machte. Dann stand ich auch noch so geschockt vor ihr und das reichte wohl, um der Sache nachzugehen. Während ich da war, meldete sie es ihrem Vorgesetzten. So konnte ich auch schnell ihre Notizen zu Archer von ihrem Schreibtisch abfotografieren. Jeder Streifenwagen der Cops hat GPS und es gibt eine Website, über die man Polizeifunk live abhören kann. Es war auffällig, dass Archer jeden Einsatz per Funk abwimmelte und er niemandem genau sagte, warum er woanders aufgehalten wird. Ich raste euch beiden sofort hinterher und telefonierte unterwegs mit sämtlichen Leuten, weil ich abklären musste, was an der Sache mit dem FBI dran war. Aber das war natürlich absoluter Blödsinn, wie ich es mir dachte. <
Ich glaube die Polizistin hieß Nancy Coleman. Sie zog zwar ihren strengen Job durch, aber immerhin war sie menschlich genug, mich auf die Toilette zu lassen. Außerdem weiß ich noch, dass sie aus dem Fenster sah, als Archer mich mitnahm. Irgendetwas schrieb sie sich auf, was nun ganz offensichtlich die Wagennummer und das Kennzeichen war. Zuvor sagte ich ihr noch, dass sie auf ihren Instinkt hören muss. Hat dieser Satz von mir dafür gesorgt, dass sie noch ein weiteres Mal nach diesem Archer und mir sah?
>Mir ging der Hintern echt auf Grundeis. Erst sitze ich wie eine Verbrecherin in einer Zelle und wenig später schaue ich in den Lauf einer Waffe. <
>Kann ich mir vorstellen. < sagt Sam und schürzt die Lippen. >Wie bist du ihm überhaupt entkommen? <
>Er hat mich direkt an der Klippe bedroht und ich bin gesprungen. <
Plötzlich gluckst Sam und sieht mich so berechenbar an. Was ist daran so witzig?
>Ja das klingt nach dir. Wer sich mit Spionen und Mördern anlegt, springt auch von einer Klippe in die Tiefe und riskiert im schlimmsten Fall einen tödlichen Aufprall. <
Schließlich muss ich auch grinsen, aber verziehe kurz darauf wieder mein Gesicht. Ich massiere meine Schläfen, weil ich Kopfschmerzen bekomme und mein linkes Ohr schmerzt seit dem Sprung.
>Das hört sich an, als hätte ich mehr Leben, als eine buddhistische Katze. < murmle ich.
>Dann hättest du ja glücklicherweise noch ein paar gut. < erwidert er grinsend. >Ich sollte mich jetzt lieber an die Arbeit machen und Madjid finden. <
Für mich war dieser Mann immer nur der Taliban. Jetzt ist er für mich der Mann, der übriggeblieben ist und der inzwischen wahrscheinlich mehr Angst vor mir hat, als ich vor ihm. Wenn er wirklich denkt, dass ich all seine anderen Leute aus dem Weg geräumt habe, dann würde ich zu gern sein Gesicht sehen, wenn er erfährt, wer tatsächlich dafür verantwortlich ist und mir den Rücken freigehalten hat.
Sam steht vom Bett auf und geht in Richtung der Tür. Dort bleibt er allerdings stehen und dreht sich noch mal zu mir um.
>Ich dachte nicht, dich nochmal wiederzusehen. < sagt er leise.
>Du wolltest mich ja auch nie wieder sehen. <
>Das ist nicht wahr. Ich hielt es für das Beste, aber ich wollte es nicht. < Am liebsten würde ich ihm sagen, dass es das auch nicht besser macht und er mir das einfach ersparen soll, aber ich nicke nur. Ich bin viel zu ausgelaugt, um mich mit ihm zu streiten – außerdem habe ich das noch nie gern getan. >Du solltest etwas essen. In der Küche steht ein Teller für dich. Falls du irgendetwas brauchst dann sag es. Ich bin draußen vor der Tür und telefoniere. <
Dann geht er, ohne eine Antwort von mir abzuwarten.
Ich seufze und lehne meinen Kopf genervt gegen die Wand. Da lasse ich mich doch lieber noch einmal anschießen, als diese eigenartige Situation mit ihm auch nur länger als einen Tag durchzustehen. So müssen sich wohl Paare fühlen, die sich getrennt haben, aber noch in der gemeinsamen Wohnung leben. Da ich vorhin sein Duschgel benutzt habe, rieche ich nun auch noch nach ihm, was der reinsten Folter gleicht. Ich bin mir jedenfalls sofort darüber im Klaren, dass ich das nicht kann.
Da ich immer noch friere, ziehe ich mir ein zweites Paar Socken an und laufe schließlich in seine Küche.
Ich sehe Sam, der sich gerade einen Kaffee in die Tasse gießt. Wie vorhin im Auto hat er ein Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt und hört offenbar gerade jemandem zu.
Einen kurzen Moment will ich wieder umdrehen, denn seine Telefonate gehen mich nichts an, aber dann flüstert er zu mir:
>Willst du auch einen? < und deutet auf seinen Kaffee.
>Nein danke. Ich bin auf Tee umgestiegen. <
Ich höre jemanden in der anderen Leitung etwas sagen, aber kann den Inhalt nicht verstehen. Sam starrt mich vollkommen irritiert an, sagt kurz „moment“ in den Hörer, was sich ausgesprochen wieder sehr russisch anhört und wendet sich an mich.
>Du bist auf Tee umgestiegen? < fragt er entgeistert, als hätte er sich verhört.
>Ja, das Diner hat mir die Lust auf Kaffee versaut. Der war einfach widerlich. <
Daraufhin spricht er wieder auf Russisch mit seinem Gesprächspartner und durchforstet fragend seine Schränke.
>Ist schon gut, ich brauche nichts. Ich will nur schlafen und diese üblen Kopfschmerzen loswerden. < flüstere ich, bevor er noch seine gesamte Küche wegen eines Teebeutels auf den Kopf stellt.
Er schließt die letzte verbleibende Schranktür und verschwindet mit seiner Jacke und seinem Heißgetränk zur Tür raus.
Auf dem Küchentisch steht ein Teller mit zwei Croissants, die sogar noch etwas warm sind. Sie sehen etwas lustig aus und ihre Form gleicht eher einem Fragezeichen.
Die muss er gemacht haben, während ich mich in seiner Badewanne aufwärmte – aber seit wann backt Sam?
Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, ohne ihn beleidigen zu wollen. Aber dann sehe ich auf der Arbeitsfläche noch die Verpackung von der Frischteigrolle und grinse. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ihn, wie er den Lake entlangläuft. Mich würde trotzdem interessieren, mit wem er da redet und worüber. Im Moment habe ich keine Ahnung welchen Plan er mit Dimitrij verfolgt, aber er sagte, dass er meinen Schuss nicht verschleiern will. Dann soll ich es also gestehen? Fakt ist, dass ich mit vier Morden nie wieder aus dem Gefängnis herauskomme.
Nachdenklich ziehe ich den Stuhl vom Tisch weg und setze mich, um endlich etwas in den Magen zu bekommen.

            Als ich fertig bin, kommt auch Sam wieder rein. Er streift sich allerdings nur die Schuhe ab und verschwindet samt Jacke und Handy am Ohr ins Wohnzimmer. Ich höre ihn ein bisschen herumpoltern und reden. Kurz darauf kommt er schon zurück, hat das Telefonat beendet und sich ein paar Dinge unter den Arm geklemmt.
Er schnappt sich aus seinem Flurschrank seinen Rucksack und kommt zu mir in die Küche. Dort drin verschwinden sein Laptop und haufenweise Kabel mit einer Festplatte.
>Haust du ab? < frag ich.
>Ja, ich muss mich dringend mit ein paar Leuten treffen. < Sitze ich so tief in der Patsche, dass er sich gleich mit ein „paar“ Leuten treffen muss, oder geht es hierbei gar nicht um mich? Das Zweite wäre mir ganz klar lieber. >Ich weiß nicht wann ich wieder hier bin, es könnte vielleicht eine Weile dauern. Aber in etwa 15 Minuten wird ein Wagen vor dem Haus stehen. Stör dich daran nicht, es ist nur reine Vorsicht. < erklärt er mir kurz. Daraufhin runzle ich die Stirn aber nicke, denn er muss sich bei mir nicht rechtfertigen wenn er wegmuss und er kommt dann in sein Haus zurück, wann es ihm passt.
Das mit dem Wagen vor seinem Haus irritiert mich allerdings. Mit einer kreisenden Bewegung an meinen Schläfen laufe ich an ihm vorbei und will zurück in sein Gästezimmer.
>Kleines warte! < Er läuft mir hinterher und bleibt neben mir stehen. >Ich weiß, dass du hier nicht sein willst und vielleicht wartest du nur auf eine Gelegenheit wie diese, bis ich das Haus verlasse, damit du dich ebenfalls verziehen kannst. Aber wenn du das tust, dann kann ich dir nicht mehr helfen. <
>Du hast recht, ich will hier nicht sein. < gebe ich flüsternd zu und sehe schließlich zu ihm auf. >Und ich weiß nicht, wo das hinführen soll, weil ich das nicht ertrage bei dir zu sein. Ich bin dir hinterhergelaufen als du mein Apartment verlassen hast und ich weiß, dass du mich gehört hast. Es gab nichts auf der Welt, das dich bewegt hätte, mich mitzunehmen und doch sitze ich jetzt wieder hier und warte darauf, dass du vielleicht oder vielleicht auch nicht den Fall für mich gewinnst und mich dann wieder gehen lässt. <
Er seufzt und sagt für einen Moment lang überhaupt nichts.
>Du siehst mich die ganze Zeit schon so an, als wenn du am liebsten vor mir flüchten willst. Ich weiß wie verworren das alles ist. Aber ich kann vielleicht versuchen, dich in einem Safehouse unterzukriegen, wenn du dich dann besser fühlst. Bis dahin will ich dich so lange in meiner Nähe wissen, bis Madjid und eventuelle Anhänger aus dem Weg sind. Aber wenn du sowieso gehst, sobald ich gleich das Haus verlasse, dann sag es mir lieber jetzt, denn dann brauche ich gar nicht erst loszufahren, wenn mein Treffen umsonst sein wird. <
Er ist ziemlich energisch. Ich weiß doch, dass er mir nur helfen will und leider weiß Sam ziemlich genau, was in mir vorgeht. Irgendwie wusste er das schon immer und diese Verbindung, die einmal zwischen uns war, ist für mich nie zu erklären gewesen.
Ich gebe den Kampf fürs Erste auf und löse meine Finger von meinen pulsierenden Schläfen.
>Keine Sorge. Wenn du zurückkommst, dann bin ich noch hier. Ich verspreche es. <
Seine Mundwinkel ziehen sich vorsichtig nach oben, aber er hört ebenso meinen Widerwillen heraus.
>Dann bis später. <
Ich merke, dass er noch einen kurzen Moment zu lange wartet, bevor er mir den Rücken zuwendet. Wir sagen für gewöhnlich nicht einfach „bis später“ und gehen ohne uns noch einmal anzugrinsen, uns zu umarmen oder uns einen Kuss auf die Wange zu geben. Das ist eine seltsame Beklemmung, aber schließlich geht er zur Tür raus und ich bin allein.
            So als hätte plötzlich jemand ein Sauerstoffzelt über mich gestülpt, kriege ich plötzlich wieder Luft.
>Warum musste ich mich nur in dich verlieben? < flüstere ich schmerzlich und hasse mich selbst so sehr dafür.
Was soll ich jetzt so lange allein anstellen? Bisher war ich es gewohnt immer etwas zu tun zu haben. Wenn ich nicht gerade am Arbeiten war, dann habe ich meine Besorgungen in der Stadt gemacht, war bei Rob oder lernte mit Cody. Dabei fällt mir ein, dass Rob noch gar nichts von meinem Aufbruch weiß.
Aber vielleicht sollte ich erst einmal alles der Reihe nach machen.
In Sam´s Gästezimmer packe ich widerstrebend ein paar Sachen aus. Dabei stoße ich auch auf die Packung mit den Handschuhen. Es sind zwar nicht mehr so viele darin, aber diese Tüte wäre mir mit ein paar anderen Dingen in dieser Tasche beinahe zum Verhängnis geworden. Noch heute Morgen hatte ich an einer Hand vollkommen andere Fingerabdrücke, als an der Anderen und fast wäre ich aufgeflogen. Ich kann gar nicht sagen, ob der korrupte Cop mich in gewisser Weise also sogar gerettet hat. Das heißt natürlich bevor er mich eiskalt erschießen wollte und mich gern im Lake treibend gesehen hätte.
In der Tasche finde ich den Schreibblock, aus dem schon die Hälfte herausfällt, weil er inzwischen so voll ist. Genervt sammle ich alle losen Zettel vom Boden auf und packe sie dort wieder hinein. Dann zieht aber ein Buch meine Aufmerksamkeit auf sich, das ich schon wieder vollkommen vergessen habe. Es lag im Wohnzimmer zwischen all den alten Wälzern, die offenbar schon seit Jahren nicht mehr angerührt wurden.
Das Problem ist, dass ein Schloss daran befestigt ist. Ich ziehe die Haarnadel aus meiner Frisur, worauf mir der zu lange Pony ins Gesicht rutscht.
Für gewöhnlich klappt es damit ein Schloss zu öffnen aber egal wie oft ich es versuche, es ist nicht so leicht zu knacken, wie ich dachte.
Nachdem ich es geschlagene zehn Minuten versucht habe, werde ich allmählich aggressiv und rüttle daran herum. Es ist nur ein Buch verdammt, wie fest kann ein Schloss da schon sein?
Allerdings glaube ich, mit brutaleren Mitteln rangehen zu müssen.
In Sam´s Messerfach werde ich fündig und versuche es damit aufzubekommen, aber es ist ebenso aussichtslos.
>Wahrscheinlich bist du eh nur ein bescheuertes Haushaltsbuch oder sowas. < fluche ich und sehe es finster an. Mein Blick geht intuitiv zu dem Küchenfenster und ich sehe dort ein Auto, wie Sam es vorausgesagt hat. Ich entferne mich davon, weil ich nicht gesehen werden will. Wer auch immer das ist, die Person darin hat den Motor ausgestellt und sitzt einfach nur da.
Auf dem Flurschrank liegt der Zweitschlüssel von Sam. Er wollte oft genug, dass ich abschloss, wenn er verschwand oder er hat es selbst getan. Dass da ein Auto steht, ist laut seiner Aussage eine reine Sicherheitsmaßnahme und ich solle mich nicht daran stören. Das nicht „stören“ ist ziemlich leicht von jemandem dahergesagt, der offenbar noch nie vor seinem Küchenfenster ausspioniert wurde. Aber wofür ist diese Person hier? Um zu verhindern, dass ich verschwinde?
Nur um ein besseres Gefühl zu haben schließe ich ab, hole mir das Buch aus der Küche und fülle dort meinen Wasserhaushalt wieder auf, der mir in der Zelle verboten wurde. Ich will zurück in das Zimmer verschwinden und muss dazu am Eingang vorbei. Eine verriegelte Tür ist zwar kein Garant für Sicherheit, aber besser als nichts.
Ermattet lasse ich mich auf das Bett fallen und massiere meine Stirn. Inzwischen werden die Kopfschmerzen immer schlimmer und ich fühle mich irgendwie nicht wohl. Mir ist schwindlig und übel, aber ich schiebe es einfach auf den Stress in letzter Zeit und besonders auf die letzten 24 Stunden. Vielleicht sollte ich einfach mal wieder richtig schlafen und dann wird das schon.

Später
(geänderte Erzählweise)
Als Sam wieder vor seiner Bleibe steht, wird ein Fenster des anderen Wagens heruntergelassen. Ihm wird auf Russisch gesagt, dass alles ruhig war. Er nickt dankend, aber hat dennoch ein komisches Gefühl. Es ist schon eine ganze Weile dunkel und es beunruhigt ihn, dass im gesamten Haus kein Licht brennt. Dabei ist es gerade mal kurz nach sieben. Schläft sie etwa schon?
Nayelis Kontrolleur wirft den Motor an, verabschiedet sich bis morgen und rollt dann von seinem Grundstück.
Umso näher Sam der Haustür kommt, desto unsicherer wird er, ob er jeden Moment ein leeres Haus vorfinden wird. Er könnte es ihr nicht verübeln, aber sollte sie weg sein, dann findet er sie definitiv nicht noch einmal so schnell.
„Sie ist gegangen. Was hast du erwartet?“, sagt er sich selbst. Vielleicht ist sie in dem kurzen Zeitfenster abgehauen, als für 15 Minuten niemand hier war oder vielleicht ist sie auf der Rückseite des Hauses durch ein Fenster geklettert. Inzwischen traut er ihr wirklich eine Menge zu.
Er schließt die Tür auf und lässt seine Schuhe im Flur stehen. Hier drin ist es viel zu leise. Es flackert kein Fernseher, es klappert kein Geschirr, er hört keine Schritte oder das Rücken eines Stuhles.
Er presst die Kiefer zusammen und stellt seinen Rucksack in die Ecke. Als er das Licht anstellt, sieht er allerdings ihre Schuhe und ihm fällt auch auf, dass die Tür zweimal abgeschlossen war.
Sie ist doch noch hier?
Ein leichtes Lächeln umspielt sein Gesicht. Für einen Moment dachte er, sie hätte es tatsächlich nicht mehr ausgehalten.
Er geht den Gang entlang. Die Tür des Gästezimmers ist angelehnt, aber auch in diesem Zimmer ist es stockdunkel.
Mit seiner Fußspitze öffnet er leise die Tür und blickt in den Raum hinein. Sam kann Nayeli nicht sehen, aber er kann sie hören. Sie atmet viel zu schnell und viel zu flach. Hat sie einen Alptraum? Wundern würde es ihn nicht, nach alldem, was allein heute passiert ist.
Er tritt vorsichtig an sie heran, denn er will sie in diesem Zustand nicht erschrecken. Als er das kleine Licht neben dem Bett anstellt, schreckt er auf und setzt sich neben sie.
>Kleines? <
Ihr Körper ist glühend heiß, aber sie zittert gleichzeitig. Auf ihrer Stirn sind Schweißperlen und als Sam vorsichtig an ihren Schultern rüttelt, wird sie nicht wach.
>Hey Kleines. Wach auf! <
Ihre Augen gehen zu Schlitzen auf und sofort wieder zu. Sie hat Herzrasen und Sam hat keine Ahnung wie lange das schon so geht.
Er befühlt ihre Stirn und merkt, dass sie ziemlich stark fiebert. Das muss eine Gegenreaktion auf die Unterkühlung sein. Noch dazu ist sie eingepackt, als würde sie in den Bergen leben. Sam richtet sie auf und legt ihren Oberkörper über seine Schulter, um ihr die beiden Pullover auszuziehen. Selbst darunter trägt sie noch ein Shirt. Dann läuft er zur Küche, hinunter in den Keller und durchsucht seine Medikamente. Er war sich sicher, noch ein Fläschchen Fiebersenker und Schmerzmittel zu haben. Als er nach dem Mittel greift, sieht er, dass es vor drei Monaten abgelaufen ist.
>Scheiß drauf. < sagt er, sucht eine Spritze und eine Nadel und läuft zurück in ihr Zimmer. Besorgt zieht er die Flüssigkeit auf und atmet einen Moment auf, als sie ihn ansieht – wenn auch nur durch enge Augenschlitze.
>Hast du eine Ahnung wie viel du wiegst? <
Daraufhin schüttelt sie kaum merklich den Kopf.
Sam will das Mittel nicht überdosieren, allerdings kann die Wirkung abgeschwächt sein, da es über dem Verfallsdatum ist. Alles ist besser als gar nichts zu tun, also treibt er ihr den Stoff direkt in die Vene.
Sie sagte doch sogar noch, dass sie ziemliche Kopfschmerzen hätte und müde sei. In Verbindung mit der Unterkühlung hätte Sam an so etwas denken müssen. Warum hatte er sie allein gelassen?
Um das Fieber noch schneller herunterzubekommen, holt er ein nasses Handtuch und legt es ihr auf die Stirn. Als er sich wieder zu ihr setzt, rutscht ein Block von der Bettkante herunter und verteilt sämtliche Zettel im ganzen Zimmer.
>Kannst du mich hören? < fragt er und dreht ihr Gesicht zu sich hin.
>Ja, du redest nämlich ziemlich laut. < nuschelt sie. Das entlockt ihm zumindest ein Grinsen.
>Tut mir leid. Kannst du mir sagen wie lange das so ging? <
>Nein. < erwidert sie angestrengt. >Ich habe geschlafen. <
>Das Mittel wirkt schon. Es wird dir in ein paar Minuten schon besser gehen. <
>Okay. Lenk mich so lange ab und erzähl mir einfach irgendwas. <
>Ehm … keine Ahnung. Ich kann sowas nicht auf Knopfdruck. <
>Gut, dann erzähl ich dir was. < sagt sie leise und schließt wieder die Augen. >Du hast mir die Tour versaut. Mischa und die anderen sollten mir gehören und jetzt sind drei von ihnen nicht mehr da. Lass mir wenigstens den Taliban. <
Mit ausgestreckten Armen lehnt sich Sam nach hinten auf das Bett, um sie mit großen Augen anzusehen.
>Was? So schockiert? < fragt sie belustigt, als sie für einen Moment ein Auge öffnet.
>Nein, eher verblüfft. Du hast solche Gedanken schon einmal angedeutet und du hast so entschlossen gewirkt, als ich dir damals ihre Namen gab. Aber ich ging nicht davon aus, dass du sie dir wirklich holen wolltest. Das sind wohl Gedanken, die jeder hat, wenn ihm so etwas angetan wurde und deshalb nahm ich dich in dieser Hinsicht nicht ernst. Sie haben dich zwar angetrieben, aber ich dachte nicht, dass du tatsächlich in Erwägung gezogen hast, sie selbstständig zu finden. <
>Naja ich habe sie nie ernsthaft suchen können. Ich besitze schließlich keine Lizenz so wie du und nicht mal eine als Hunter. Meine Möglichkeiten waren ohne die ganze Technologie begrenzt. Außerdem habe ich keine Pistole und keine Kampftechniken bis zum Schluss gesehen. Ich bezweifle, dass ich allein eine Chance gehabt hätte. <
>Aber du würdest sie trotz dieser schwierigen Umstände gern an den Pranger stellen, für das, was sie mit deiner Familie getan haben. < sagt er ruhig und ohne jeglichen Ausdruck in seinem Gesicht. Nayelis Augen fallen immer wieder zu, aber sie kämpft, um wach zu bleiben.
>Absolut. Einer von vieren ist ja zumindest noch übrig. Die Pistolenkugel, die ich aus der Halskette holte, war eigentlich für Iyes Mörder bestimmt. Vielleicht war es sogar Madjid, der ihn umbrachte, dann brauche ich nur noch eine weitere Munition und muss den anderen Dreien nicht hinterhertrauern. <
Stirnrunzelnd fällt Sam's Blick auf ihren Hals und er greift zu der besagten Kette, von der eindeutig das untere Gegenstück fehlt. Er hatte sich an der Klippe schon gefragt, warum sie an dem Schmuckstück herumnestelte und woher sie plötzlich die Munition hatte, da er zuvor die klickende und leere Dienstwaffe des Polizisten hörte. Da er aber damit beschäftigt war, nicht das Bewusstsein zu verlieren, rutschte diese Erinnerung in den Hintergrund – nicht aber die Erinnerung an Nayelis unbeugsame Aura, als sie die Pistole auf ihn hielt. Sam blickte genau wie Archer ebenso in den Lauf der Waffe, aber er zweifelte nicht eine Sekunde an der Treffsicherheit seines Schützlings.
>Du hast also die einzige Kugel, die du hattest, für mich geopfert. <
>Geopfert? Sie hat doch ihren Zweck erfüllt. < grinst sie schelmisch.
Daraufhin schnaubt auch Sam belustigt. Ihm fällt auf, dass sie allmählich wieder besser aussieht und ihre Atmung sich fast normalisiert hat, aber sie wirkt dennoch so unendlich müde und abgekämpft. Vielleicht hat sie sich in den letzten Stunden auch einfach damit abgefunden, hier zu sein. Er kann verstehen, weshalb sie ihm gegenüber so kalt ist. Das ist eine Art Selbstschutz und er ist der Letzte, der ihr das übel nehmen könnte.
>Ich gebe dir liebend gern eine neue Kugel. < verspricht er ihr. Daraufhin grinst sie erneut, aber sagt nichts mehr. Sie schaut ihn lediglich an. Er sollte wohl besser gehen und sie allein lassen. >Du solltest noch etwas schlafen. Dein Körper hat genug abbekommen und du musst ihn dringend schonen. <
Sam hatte mit Widerworten gerechnet, aber sie nickt nur und hat bereits Mühe ihre Augen offenzuhalten. Er steht auf und sammelt alles zusammen, was er eben im Eifer des Gefechts vom Bett geworfen hat. Das Papier legt er irgendwo in die Mitte des Blockes hinein und dreht sich wieder zu ihr um.
Sie ist schon eingeschlafen. Eigentlich kein Wunder, denn ihr Körper versucht alle Systeme hinunterzuschrauben, um seine Energie zu sammeln. Energie, die ihr nach und nach ausging – das sieht man ihr deutlich an.
Sofort kommen wieder die Schuldgefühle in ihm hoch, als er sie so sieht. Ihre dünnen Arme sind um den Brustkorb geschlungen und ihr ausgezehrter Körper schreit förmlich nach Hilfe. Er geht aus dem Zimmer raus und will ihr eine Decke holen. Auf halber Strecke bemerkt er, dass er den Block aus Versehen mit herausgenommen hat, legt ihn in der Küche ab und kehrt nur wenig später zurück zu ihr, um sie zuzudecken. Wahrscheinlich wird sie bis morgen früh durchschlafen – das würde ihn nicht wundern. Er stellt die kleine Lampe aus und verschwindet aus dem Zimmer.

              Irgendwann holt ihn schließlich der Hunger ein. Dieses Treffen vorhin ging ziemlich lange und hat seine ganze Konzentration gefordert. Im Schrank findet er noch ein Tütchen für eine Tassensuppe. Weil er keine Lust hat, noch etwas zu kochen, bereitet er sich den Imbiss in der Mikrowelle zu und setzt sich damit an seinen Tisch. Dort liegt der Block von Nayeli, den Sam ablegte. Darin sind sicher ihre Aufzeichnungen der Hunterschule. Sam blättert beiläufig durch und liest in ihrer schönen Handschrift Dinge wie „Gründe für die Kriminalität“, „unauffälliges Verhalten bei Observationen“ oder „Griffvarianten bei der Entwaffnung“. Dinge, die er eben auch irgendwann einmal gelernt hat.
Aber da ist mehr drin als das, viel mehr. Er sollte wirklich nicht in ihren Sachen herumkramen, aber er kann nicht anders, weil er plötzlich auf eine komplett detaillierte Hackeranleitung stößt. Das ist nicht einfach ein Ausdruck aus einem Computer, sondern das ist immer noch ihre Handschrift. Sie hat Quellcodes aufgeschrieben und die Aufschlüsselung mit Bleistift darüber geschrieben. Woher weiß sie so etwas? Er blättert den ganzen Block von vorn nach hinten durch und mit jeder Seite, spürt er regelrecht ihre Verzweiflung in den letzten Monaten.
Da ist ein Bild von ihm drin, das sie offensichtlich gezeichnet hat und es ist erstaunlich, dass sie ihm darauf keine Teufelshörner und rote Augen gemalt hat, nachdem was er mit ihr gemacht hat. Aber das ist es nicht, was ihn am meisten bestürzt.
In diesem Block sind Servietten. Es sind einige, die sie beschrieben hat und die an sämtliche Personen gerichtet sind. Sam überlegt, sie wegzulegen, da er in ihrer Privatsphäre herumschnüffelt, auch wenn es nicht vorsätzlich war. Trotzdem kann er nicht anders und liest sie:

An die Männer, die mir alles genommen haben.
Euch zu treffen brachte etwas ins Rollen, das ich als mein persönliches Fegefeuer betrachte. Durch euch kann ich nie wieder an meine Familie denken, ohne sie in meiner Erinnerung zu lieben und gleichzeitig zu betrauern.
Durch euch kann ich nicht mehr in den Spiegel sehen, ohne meine zwei Gesichter zu sehen, die ich euretwegen tragen muss.
Durch euch hat es angefangen, dass ich gelernt habe, Schmerzen zu ertragen, aber durch euch lernte ich auch sie zuzufügen. Ich weiß durch euch, dass ich keine Hoffnung in einen gerechten Prozess setzen kann, denn ihr habt mir bereits den Prozess gemacht. Euretwegen kann ich nicht lieben, ohne zeitgleich mit deren Verlust rechnen zu müssen. Ihr habt aus meinem Leben eine Flucht gemacht und mein Gesicht mit dem einer Kriminellen verbunden. Ihr windet euch aus der Schlinge und macht mich zu eurem perfekten Sündenbock, den ihr den anderen zum Fraß vorwerfen könnt.
All das könnte ich ertragen, wenn ich wüsste, dass ich die Zeit ein letztes Mal zurückspulen könnte, um meiner Familie Lebewohl zu sagen. Doch selbst das habt ihr mir genommen. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich nicht besser auf sie geachtet habe.
Für meine Familie mag es zu spät sein, aber ich bin übriggeblieben. Dafür muss es einen Grund gegeben haben. Ich kenne eure Namen und eure Gesichter und früher oder später wird sich der Kreislauf wiederholen, nur dieses Mal werdet ihr diejenigen sein, die um ihr Leben rennen.
     

Sam liest sich diesen Text zweimal durch. Sie hat es ernst gemeint – schon die ganze Zeit. Er dachte, er hätte etwas aus Nayeli gemacht, das sie nicht ist, aber das ist nicht wahr. Diese Kerle haben sie zerstört. Psychisch wie physisch. Diese Gefühle, die mit einem durchgehen, kennt er nur allzu gut und er weiß, dass sie nie damit aufhören wird zu leiden. Die Zeit heilt einen Scheiß. Es wird irgendwann leichter, aber die Wunden hören niemals auf zu bluten.
Sam streicht mit seiner Hand über den kleinen Stapel an Servietten und verteilt sie alle nebeneinander.  

Iye.
Was ich niemals vergessen will, ist deine Begeisterung, dein Lachen und deine Lebensfreude. Ich habe Angst, dass meine Erinnerungen irgendwann verschwinden und nichts mehr bleibt. Ich will sie mir bewahren, meine Augen schließen und dein Lachen mit dieser Zahnlücke sehen.
Als du geboren wurdest, dachte ich, ich würde es hassen einen kleinen Bruder zu haben. Aber du warst so toll und ich habe dich so sehr geliebt. Ich brachte dich ins Bett, ich musste vor dir so oft das Indianerehrenwort schwören, dich bei deinen Fußballspielen anfeuern und unter deinem Bett nach Monstern suchen. Du hast jeden einzelnen Jungen gehasst, mit dem ich je zusammen war, weil du immer dachtest, er hätte mich dir weggenommen. Niemand hätte dich jemals aus meinem Herzen vertreiben können, aber dann kamen „sie“ und nahmen dich aus meinem Leben. Ich habe es nie laut ausgesprochen wie ich dich dort liegen sah. Ich glaube, dass ich das auch niemals tun werde. Allein der Gedanke daran ist zu viel für mich und ich möchte es vergessen.
Damals konnte ich nicht auf dich aufpassen, aber heute könnte ich es. Es tut mir so leid, dass ich nicht an deiner Seite war und es tut mir so leid, dass ich leben darf und es eigentlich gar nicht will. Ich will aufgeben und einfach alles wegwerfen und hinter mir lassen, aber immer dann bewahrt mich etwas oder Jemand davor. Vielleicht beobachtest du mich und willst, dass ich stark bleibe.
Neben mir wohnt ein kleiner Junge in deinem Alter. Wenn ich manchmal die Augen schließe und ihn einfach nur reden lasse, dann ist es, als würdest du neben mir sitzen – lebendig und glücklich. Ich male mir aus, was für ein toller erwachsener Mensch du geworden wärst und dass du irgendwann deine eigene Familie gehabt hättest. Ich wünschte, dass dir das widerfahren wäre.


Sam legt die Serviette beiseite und fährt sich seufzend mit der Hand durchs Gesicht. Er weiß, dass Nayeli dieses Leben nicht mehr wollte und dass sie kurz davor war aufzugeben. Denn er war in ihrem schwächsten Moment bei ihr, worüber er so glücklich ist, dass er es selbst heute nicht in Worte fassen kann. Allein diese beiden Texte sind herzzerreißend, aber er greift sich den Nächsten.

Meg.
Fast zwanzig Jahre lang habe ich dich nie belogen und nun tue ich es bei jedem Telefonat. Ich sage dir, dass es mir gut geht und ich schaffe es, dass du es mir jedes Mal abkaufst.
Wir machten fast zwanzig Jahre lang alles zusammen und heute fühle ich mich so weit von dir entfernt, wie noch nie zuvor. Beinahe jeden Tag verbrachten wir gemeinsam, so ziemlich jedes Geheimnis war der Anderen bekannt und jeder kannte uns nur als Duo. Wenn ich nur noch einmal einen einzigen Tag mit dir als meine beste Freundin haben könnte und sein dürfte, wer ich bin, dann würde ich noch einmal auf die Silberhochzeit deiner Eltern gehen. Du würdest mir wieder diesen roten Punkt auf meine Stirn malen, mir die langen Haare flechten und mir sagen, dass ich nun aussehe wie eine von euch. Ich würde wieder in deinem Sari tanzen und mich so fühlen, als wäre ich ein Teil eurer Familie.
Daran denke ich, wenn ich mit dir reden kann und dir sage, dass es mir gut geht. Denn wenn ich diese Bilder in meinem Kopf habe, dann geht es mir wirklich gut und es fällt mir leichter, dich zu belügen.
Daran, dass ich im vergangenen Sommer nicht nur eine, sondern somit gleich zwei Familien verloren habe, denke ich erst wieder, nachdem ich aufgelegt habe.

Jordan.
Du warst meine Megan in einer männlichen Form. Du warst derjenige, der mich huckepack eine Meile nach Hause trug, weil ich mir in den hohen Schuhen Blasen gelaufen hatte. Die besten Siege deines Eishockeyteams waren angeblich die, bei denen ich zugesehen habe. Die schönsten Abende mit dir waren die, wo wir einfach ziellos auf deiner Velocette Venom umherfuhren.
Mit dir ist es anders, als mit Meg. Du bist jemand, der noch lebt und mir wichtig ist, aber nichts von meinem Überleben wissen darf. Zu dir werde ich nie wieder Kontakt haben, nie wieder mit dir reden oder dich noch einmal sehen. Für dich bin ich nicht mehr da und werde nie wieder zu dir zurückkehren. Ich sah dich auf diesem Friedhof, du liefst nur einen Meter an mir vorbei und trotzdem konnte ich dir nicht einmal ins Gesicht sehen. Du tatst mir leid und vielleicht wäre ich zu dir gelaufen, wenn ich nicht zurückgehalten worden wäre.
Aber nun hast du die Möglichkeit mich zu vergessen. Vielleicht fällt dir das sogar leichter, als mit einem gebrochenen Herzen zu leben. Denn ich hätte niemals das erwidern können, was du von mir wolltest.

Dad.
Ich bin mir sicher, dein folgenreicher Schritt hat dich viel Überlegung und Überwindung gekostet. Du warst für gewöhnlich viel zu stolz dafür, andere um Hilfe zu bitten und schafftest die Dinge lieber aus eigener Kraft. Das muss ich wohl von dir haben.
Aber eben weil du es dieses Mal nicht aus eigener Kraft schafftest, weiß ich wie sehr du dich zuvor aufgeopfert haben musst und ich weiß, dass du alles tatst, um uns ein besseres Leben zu geben. Aber so schlecht war es nicht – wir waren doch glücklich. Als ich kleiner war, da sagtest du mir, dass der Erfolg für einen Indianer nicht davon abhängt, wie viel er verdient oder welche gesellschaftliche Stellung er einnimmt, sondern einzig und allein davon, wie glücklich er ist. Warum haben wir das nur verloren? Warum wollte ich unbedingt an die Spitze? Habe ich uns in Wahrheit in diese Misere getrieben, weil ich um alles in der Welt mehr wollte?
Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich dir sagen würde, wenn ich dich noch einmal sehen könnte. Eine Zeit lang dachte ich, ich hätte dich nie gekannt und ich dachte, dass kein Vater der Welt seine Familie so in Gefahr bringen darf. Aber wenn ich dich heute noch einmal sehen könnte, dann wäre mir das alles egal, was du getan hast. Wir hätten das, was wir uns niemals kaufen könnten – Zeit.
*Pilamayaye wakan tanka nici un ake u wo, ahoe!


Sam kann leider kein Lakota und er weiß nicht, was die letzten Zeilen bedeuten. Was er allerdings weiß, ist, dass seine Kleine hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe zu ihrem Vater und dem Unmut über seine Entscheidung. Was ihn entrüstet, ist, dass sie sich indirekt die Schuld an der Problemanhäufung gibt. Das kann nicht ihr Ernst sein. Wir alle wollen doch irgendetwas. Sie wollte eben einfach Karriere machen. Ist das so verkehrt? Es sind noch ein paar andere Servietten bei. Er findet welche, bei denen alles mehrfach durchgestrichen ist und er kann nichts davon lesen. Aber dann entdeckt er noch eine Lesbare, die unter der für Iye versteckt war. Sam runzelt die Stirn, als er seinen Namen liest, aber weglegen kann er sie auch nicht.

Sam.
Was soll ich nur über dich schreiben? Das ist nun Serviette Nummer vier und keine wurde dir bisher auch nur annähernd gerecht.
Ich weiß nur, dass mir inzwischen klar ist, weshalb du dich so strikt dagegen wehrst, irgendetwas zu fühlen. Es ist besser gar nichts zu empfinden, als das, was ich tue.
Wie geht es, dass ich einen einzigen Moment so sehr verfluchen kann, ihn aber gleichzeitig nie wieder missen möchte?
Manchmal dachte ich, ich hätte hinter deine Maske gesehen, aber dann war darunter noch eine Weitere und darunter noch eine. Du bist kaputt vom Leben und dadurch handelst und reagierst du anders als Andere. Du hast Dinge gesehen und erlebt, von denen manch einer nur aus dem Kino heraus berichten kann. Sicher warst du an vielen Orten, an denen die Leute gern einmal sein wollen und wahrscheinlich an noch mehr, an denen niemand sein will.
Es gab einmal eine Zeit, da hast du mir Angst gemacht und warst für mich ein einsamer Kerl in einem Wald, der inmitten eines blutigen Tisches im Keller stand. Dann warst du der Kerl, der mir sein Blut gab, damit ich nicht sterbe, der mir half wieder zu laufen und vor allem, meinen persönlichen Kampf auszufechten.
Ich weiß nicht genau, für welchen Sam ich das schreibe. Für den Sam, der mir mein Leben rettete, der mich aufgefangen hat und zum Lachen brachte, oder für den Sam, der ernst schaut, nicht lächelt, die Welt verflucht, mich nicht mehr sehen wollte und der mich von sich stieß.


Daraufhin packt Sam alles wieder zusammen, da er kein einziges Wort mehr lesen will und sitzt einfach auf seinem Stuhl, mit den Ellenbogen auf den Tisch und stur geradeaus blickend. Er lässt seinen Kopf einfach seufzend in seine Hände fallen. Sein Essen ist bereits kalt geworden …

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*(Auf Wiedersehen und möge der große Geist mit dir sein und dich führen)
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