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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
18.10.2019 3.990
 
Kapitel 06 – Das dunkle Viertel

Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker und dieser Ton ist bei Weitem angenehmer als der von Rubys bunter Eule. Trotzdem vermisse ich diesen Klang und besonders diese kleine Karatekämpferin. Es ist Mittwoch und somit der dritte Morgen, seitdem ich Grand Portage verlassen habe. Das ist zwar keine lang vergangene Zeit, aber trotzdem verbrachte ich die letzte Nacht weniger grübelnd.
Ich denke, ich war gestern so fertig von meiner Schicht, dass ich dadurch wie eine Tote schlief. Vielleicht fällt es mir auch allmählich leichter, meine Lage zu akzeptieren, indem ich abstumpfe. Es ist mir sogar lieber nichts zu fühlen, als das, was in meinem Unterbewusstsein sitzt, das ich aber nicht herauslassen will.
Ich stehe auf, mache mich im Bad fertig und kontrolliere meine Handschuhe auf Schäden. Dann ziehe ich mich an, kaschiere die Narbe an meinem Bein und esse etwas.
Die Auswahl meiner Nahrungsmittel ist dürftig und daher esse ich zwei Milchbrötchen aus der Tüte. Große Ansprüche habe ich nicht und es reicht immerhin, um keinen Kreislaufzusammenbruch zu riskieren. Dennoch würde ich im Moment dafür töten, um einen richtigen Kaffee zu bekommen.

               Das Diner öffnet in etwa zwanzig Minuten und ich beschließe schon rüberzugehen. Sobald ich die Apartmenttür öffne und nach draußen sehe, komme ich mir wie in einer Geisterstadt vor. Morgens ist hier kein Mensch und kein Laut zu hören.
Debra scheint noch nicht da zu sein, denn die Jalousien der Dinerfenster sind noch unten. Inzwischen weiß ich, welchen Wagen sie fährt und kann ihn auf dem Parkplatz zwischen den Trucks nirgends entdecken. Da ich gestern praktischerweise einen Schlüssel für das Lokal bekam, muss ich nicht auf sie warten.
Ich schließe meine Tür ab und gehe am Ende des Ganges die Metalltreppe hinunter.
Sobald ich auf dem Asphalt stehe, frage ich mich, weshalb er so fleckig aussieht. Das ausgelaufene Öl war gestern noch nicht da.
Bei genauerem Hinsehen bemerke ich allerdings, dass es gar keine schwarzen Ölflecken sind, sondern es ist getrocknetes, dunkelrotes Blut. Oh Gott, hoffentlich ist es nicht von der Blondine, die gestern Abend in dem Diner saß und verprügelt wurde. Vielleicht passierte ihr mitten in der Nacht noch viel Schlimmeres.
Grübelnd wende ich meinen Blick davon ab und laufe hinüber zu meiner Arbeitsstelle. Gegen diesen Kerl, der sie so zugerichtet hat, muss man doch etwas tun können. Ich kenne diese Frau nicht und weiß nicht einmal ihren Namen, aber das muss ich auch gar nicht, um bereits den Willen zu haben, den verantwortlichen Kerl erwürgen zu wollen.
Sobald ich im Diner bin, lasse ich erst einmal Licht herein und öffne die Fenster. Die frische Luft ist nur leider nicht hilfreich, denn der Gestank hängt sicherlich schon seit Jahren hier drin fest.
Da meine Chefin immer noch nicht hier ist, mache ich bereits Kaffee. Auch wenn ich es nicht tun soll, mache ich zumindest eine Kanne mit zwei Löffeln mehr des Pulvers fertig. Bereits gestern gab es Gäste, die verständlicherweise wegen des Geschmacks und dem dafür zu hohen Preis meckerten. Sobald er durchgelaufen ist, mache ich mir selbst eine Tasse damit voll und stecke 2 $ von meinem gestrigen Trinkgeld in die Kasse. Sobald ich einen großen Schluck davon nehme, will ich ihn am liebsten wieder ausspucken. Was zur Hölle kauft sie da eigentlich ein?
Beim Durchsuchen der Schränke im Lagerraum werde ich fündig. Sie spart nicht nur an der Milch, sondern auch noch am Pulver des Getränks, das hier eigentlich am besten laufen würde.
Die Sorte, die ich in der Hand halte, kauft sie in einem Dutzend billig ein. An der Kiste steht sogar der verringerte Preis mit der Aufschrift „Mangelware“.
Unter Mangelware verstand ich bisher immer, dass zwei Kekse schief zusammengesetzt waren oder der Aufdruck auf der Verpackung nicht genau gedruckt war, aber das hier ist Ausschussware. Der Kaffee kann selbst mit Milch und Zucker nicht genießbar sein, denn das Pulver ist gestreckt mit 8 % Wasser und fein gemahlenen Pflanzenfaserresten.
Plötzlich ist mir alles vergangen und ich kippe die Tasse in den Ausguss. Stattdessen mache ich mir einfach einen Tee.
Die Tür des Diners klingelt, als sie geöffnet wird und Debra kommt zu ihrer Schicht. Sie atmet tief ein und sagt:
>Guten Morgen. Hier drin riecht es, als hättest du bereits alles im Griff. <
>Ja, ich war schon ein paar Minuten früher hier. <
>Na sehr schön. So habe ich mir eine Angestellte vorgestellt. <
Sie läuft gutgelaunt zum Tresen, klappt das Holzbrett nach oben und geht dann hinter in den Lagerraum, um sich womöglich ihre Uniform anzuziehen.
Privat scheint sie wohl gern weite T-Shirts mit Print zu tragen. Sie ist untersetzt, hat ein ziemlich rundliches Gesicht, trägt eine altmodische Frisur und blauen Lidschatten. Ich überlege wie alt sie sein könnte. Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? Auf dieser Ebene haben wir noch nicht miteinander gesprochen und wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich auch nicht, dass wir das je tun werden. Sie interessiert mich privat im Grunde genauso wenig, wie ich sie und sie will einfach jemanden für die Nachtschicht. Noch nie habe ich Menschen so schnell analysiert wie jetzt. Seit meinem Unterricht mit Simon checke ich die Personen vor mir regelrecht ab und versuche sie zu kategorisieren. Weshalb habe ich das nicht auch Samstagnacht in Grand Portage getan?

            So wie gestern kam Mitchel erneut zu spät zur Arbeit. Debra brüllte durch die ganze Küche, da es dieses Mal fast eine ganze Stunde war. Der Koch ist sich allerdings keiner Schuld bewusst gewesen und schrie genauso zurück, dass sie ihn ja gern ersetzen könne, vorausgesetzt sie hat Ersatz.
Seit diesem Zeitpunkt zicken sich die beiden nur noch an und ich versuche mich bei dem Gezanke nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, obwohl es mich bald wahnsinnig macht.
Die Gäste, die das Geschrei mitbekommen, grinsen amüsiert und fragen mich während des Bedienens, ob sie hier in einer Realityshow gelandet wären. Potenzial hätte dieser Schuppen dafür auf jeden Fall. Von professionellem Verhalten ist hier keineswegs etwas zu erkennen.
Ich mache meinem Ärger Luft, sobald es 12:30 Uhr ist. Meine erste Schicht habe ich hinter mir und draußen brumme ich vor mich hin, da ich diese Geräuschkulisse nicht länger ertragen hätte. Einen derartigen Lärm muss ich schließlich schon nachts neben mir aushalten, obwohl meine Ohrstöpsel Gold wert sind.
Noch genervter bin ich allerdings, weil dieser blöde Bus auch noch zehn Minuten zu spät kommt.
              Wie ich es gestern mit dem Kerl am Telefon besprochen habe, fahre ich bis zu einer bestimmten Straße und steige dort aus. Als ich schließlich bei der genannten Adresse aufkreuze, kommt er aus seinem Wohnblock zu mir heruntergelaufen und ist kurz angebunden. Das Fahrrad braucht tatsächlich so einige Reparaturen, aber das kriege ich sicher hin. Er gibt mir auch noch sein altes Schloss mit zwei Schlüsseln mit.
Das Rad hat allerdings so platte Reifen, dass ich es nicht mal schieben kann. Bis zur Haltestelle muss ich es tragen und bin komplett fertig, als ich dort ankomme.
Ich erkläre dem Fahrer wohin ich muss, denn leider kenne ich noch nicht alle Busfahrpläne und auch nicht die Straßennamen in der Gegend. Zum Glück versteht er meine Beschreibung und sagt mir, wo ich aussteigen muss.
               Ich bin etwa zehn Minuten unterwegs, steige mit dem Rad aus und schließe es draußen an einer Laterne an. Wenn ich es noch weiter durch die Stadt schleppen muss, dann breche ich zusammen.
In der Innenstadt sehe ich leider nicht das Geschäft, das ich bräuchte.
Nach kurzer Zeit befürchte ich, dass die Internetcafés ausgestorben sind, ebenso wie fast alle Telefonzellen. Für mehr und bessere Jobangebote benötige ich aber nun mal beides.
Immerhin finde ich ein Fahrradgeschäft, in dem ich dem Mitarbeiter die kümmerliche Lage des Rads schildere und alle Sachen zusammengestellt bekomme, um es wieder in Schuss zu bringen.
Somit ist mein gesamtes Trinkgeld von gestern Abend verschwunden, sowie ein Teil von dem Geld, das ich bereits bei mir trug. Es ist bitter, wenn die Scheine schneller ausgegeben, als verdient sind. Allerdings bin ich ein vorausschauender Mensch und sehe auf die Dauer mit dem Rad mehr finanzielle Vorteile. Ganz zu schweigen von der Zeit, die ich mit dem Warten auf den Bus vergeude.
Ich will eigentlich schnurstracks zurücklaufen, um mich um die Reparatur zu kümmern, aber ich laufe noch schnell woanders hinein und besorge eine einfache Glühlampe. Wenn ich nur noch eine Nacht lang in dieses rote Licht der Lampe aus dem Stundenhotel sehen muss, dann befürchte ich, dass ich mich bald selbst wie im Rotlichtmilieu fühle. Schlimm genug, dass das um mich herum Normalität ist.
Es gibt einen Haufen Kleinigkeiten, die ich ebenfalls gebrauchen könnte, aber ich beschränke mich nur auf das Wichtigste.
Selbst als ich vor einem Starbucks stehe, tropft mir bei dem Kaffeegeruch der Zahn, aber ich gehe weiter, ohne etwas zu kaufen.
Das Geld, das ich in dem Spülkasten des Apartments sicher und trocken versteckt habe, versuche ich nicht mehr anzufassen, sondern es nur als letzten Ausweg zu sehen. Ich wünschte beinahe, dass ich es überhaupt nicht angenommen hätte. Allerdings wäre ich ohne die Scheine bereits in den ersten 24 Stunden komplett aufgeschmissen gewesen.
Als ich wieder bei der Haltestelle angekommen bin, sehe ich auf die digitale Anzeige und habe dieses Mal das Pech, eine Weile warten zu müssen.
Wenigstens habe ich noch Zeit, bevor ich wieder zu meinem Dienst muss.

Später zur zweiten Schicht
Auch jetzt bin ich wieder die Erste, die den Laden aufschließt. Ich hatte nach meiner Rückkehr noch etwas Zeit und nutzte die Gelegenheit, um eine halbe Stunde zu schlafen.
Länger hielt ich es aber nicht mehr aus. Es ist einfach zu warm und zu stickig in diesem beengten Zimmer und das winzige Badezimmerfenster bringt nicht den gewünschten Erfolg. Gegenwärtig ist in dem Apartment allerdings noch weniger Platz, weil nun auch noch ein Fahrrad neben meinem Bett steht.
Inzwischen hat es sich bei den Bewohnern herumgesprochen, dass hier jemand Neues eingezogen ist. Da ich ein auffälliges Dinerkostüm trage, können mich die anderen Personen sofort zuordnen und ich werde häufiger angesprochen, sobald ich draußen herumlaufe. Eigentlich will ich einfach nur meine Ruhe haben, aber
stattdessen wurden mir mehrfach Drogen angeboten, einmal Personenschutz von einem Kerl, den ich selbst sehr fragwürdig finde und auch ein Job.
Dieser Job beinhaltet allerdings das Verkaufen meines Körpers und das kommt nicht infrage, vollkommen egal wie verzweifelt ich wäre.
             Seufzend gehe ich wieder der stumpfsinnigen Arbeit nach und hoffe inständig, dass in der zweiten Schicht das Trinkgeld besser wird.
So kann ich mein Rettungspuffer noch weiter aufstocken.
Debra kommt kurz nach mir in das Diner und grinst breit, weil ich schon wieder früher an meinem Platz bin.
>Wenn auf Mitch auch nur annähernd so viel Verlass wäre, dann wäre mein Laden eine Goldgrube. < erklärt sie und kommt mit ihrer Jacke über dem Arm zu mir. Anstatt ihr zu antworten, grinse ich dümmlich und bezweifle sehr, dass Mitchels Zuverlässigkeit etwas retten könnte. Debra sollte lieber ihren Geiz einstellen, mehr Werbung machen und das Geld in bessere Zutaten investieren.
Wenn dieser Vorort von allen Stadtmenschen gemieden wird, dann wird das Diner in so einer Lage niemals eine Goldgrube sein.
Neben den Durchreisenden, die einen kurzen Stopp einlegen, kreuzen inzwischen Personen auf, die ich mittlerweile schon mal gesehen habe. Unter anderem die verprügelte Blondine von gestern Abend. Ihr Jochbein und ihre Schläfe sind geschwollen und blau angelaufen. Ich presse die Kiefer aufeinander, als sie so misshandelt vor mir an der Bar steht. Man müsste diesem Typen, der das mit ihr gemacht hat, definitiv an den Kragen gehen. Sie setzt sich gequält auf einen der runden Barhocker, so als hätte sie Schmerzen und ich frage sie mitleidig:
>Nochmal eine Packung Eis? <
>Heute Abend vielleicht. < murrt sie und schenkt mir ein sarkastisches Lächeln. >Gib mir erst mal einen Wodka! <
>Ernsthaft? Es ist vier Uhr Nachmittag. < keuche ich.
>Ja und? <
Ich presse die Lippen aufeinander, aber drehe mich schließlich zu den Gläsern und Flaschen um. Vielleicht ertragen diese Frauen es nur auf diese Weise. Widerwillig stelle ich ihr das Hochprozentige hin und sie kippt es in einem Zug hinter. Sie knallt mir den exakten Betrag dafür auf den Tresen und geht mit den Worten:
>Wir sehen uns sicher später. <
>Mein Gott. < hauche ich und sehe ihr hinterher.
>Du hättest das junge Ding mal vor zwei Monaten sehen sollen. < erklärt Debra aus heiterem Himmel und erschreckt mich beinahe zu Tode. Irgendjemand hat einen viertel Dollar in die Jukebox geworfen und es ertönt lautstark „these boots are made for walking“ aus ihr heraus, wodurch ich meine Chefin überhaupt nicht hörte.
>Wie meinst du das denn? < will ich wissen.
>Als sie hierherkam, war sie eigentlich ein hübsches Mädchen, aber mittlerweile sehe ich ihnen allen beim Verfall zu und bei ihr geht es sogar noch schneller. Ich frage mich, was sie geritten hat, als weiße Frau in einem Schwarzenviertel anschaffen zu gehen. Das ist glatter Selbstmord. <
Schwarzenviertel? Irritiert sehe ich durch das Diner. Die einzige Person, die eine dunklere Haut hat, bin aktuell ich. Debra fängt meinen verwirrten Blick auf und ergänzt:
>Nein, nicht hier drin. Es ist die andere Straßenseite, wo weiße Frauen nichts verloren haben. Dort leben sonst Latinos und Schwarze. <
Ist ihr eigentlich klar, was sie mir gerade sagt?
>Ich wohne ebenfalls dort drüben. Gehöre ich mit meinem dunklen Teint also von Grund auf in dieses Gemäuer, während eine weiße Frau dort falsch ist? < frage ich skeptisch.
Daraufhin wirft sie mir einen eigenartigen Blick zu. Offenbar fällt ihr gerade auf, dass sie mich beleidigt hat. Ganz unbegründet ist ihre Ansicht jedoch nicht. Es gibt andauernd diese Rassenkriege und Gangschießereien.
>Wie rutscht man da nur hinein? < nuschle ich eher zu mir selbst und sehe dieser blonden Frau hinterher, die sich draußen eine Zigarette angesteckt hat.
>Keine Ahnung, ich habe nie eine von ihnen gefragt. Ich schätze mal, sie haben sich auf den Falschen eingelassen oder ihnen wurden Drogen angeboten, die sie nicht mehr bezahlen konnten. Vielleicht wurde auch das große Geld versprochen und dabei verschwiegen, dass sie den großen Teil vom Verdienst abgeben müssen und falls sie nicht genug anbringen, werden sie verprügelt. <
Es ist eine Mischung aus Mitleid, Verzweiflung und Hilflosigkeit die mir durch den Schädel rast. Was ist, wenn ich hier in einem Jahr immer noch bin oder sogar länger? Sehe ich dann auch so entkräftet und ausgemergelt aus und bin eine von ihnen? Mir wird plötzlich richtig schlecht und ich will mich übergeben.
Mich reißt ein Gast aus meinen Gedanken, der ziemlich unhöflich zu mir brüllt, dass ich verdammt nochmal seine Tasse auffüllen soll.
Genervt wegen seiner Art schnappe ich mir die Kanne und gehe zu ihm.
>Wird ja auch Zeit. < motzt er herum und ich bin kurz davor, meine Faust in seinem Gesicht zu versenken. Er hat so viel auf den Rippen, dass ihm sein Bauchspeck über die Jeans quillt und sich durch das fleckige T-Shirt abzeichnet.
>Sie haben mich einmal gerufen und hier bin ich. < rechtfertige ich mich verstimmt und gieße ihm den Kaffee nach. Daraufhin grinst er mich blöd an, zieht an seiner Zigarette und pustet mir den Qualm provokativ ins Gesicht. >Das ist absolut unangebracht. < zische ich.
>Erspar mir dein Weibergewäsch und verziehe dich wieder an deinen Herd. <
Darüber, dass er mich mundtot macht, bin ich ziemlich schockiert, denn das passiert mir nun wirklich selten. Vielleicht tue ich das, weil ich noch so sauer wegen dieser Einstellung auf weiße Frauen in den „falschen Vierteln“ bin, aber dieser Machospruch von eben, löst meine Wut darüber nur noch mehr aus. Ich hasse es, wenn man herablassend behandelt wird.
Ich schnappe mir die Zigarette aus seiner Hand und werfe sie in seinen Kaffee.
>Raus hier! So redet niemand mit mir. <
>Was? Bist du bescheuert? Ich bezahle für diese Drecksplürre und werde dann noch so angemacht? <
Mit zornfunkelndem Blick beuge ich mich mit ausgestreckten Armen über den Tisch.
>Ich sagte raus hier! <
Ganz offensichtlich hat er nicht damit gerechnet und wollte viel lieber sehen, wie ich geduckt vor ihm abhaue. So wurde ich nicht erzogen und ich habe meinen Stolz. Jetzt habe ich diesen Stolz erst recht, wo ich doch diese jungen Frauen dort draußen sehe, dessen unsichtbare Fesseln sie nach und nach zerstören.
Wortlos steht er auf, schnappt sich seine Jacke und geht ohne zu bezahlen. Daraufhin kommt Debra angerannt und faucht mich an.
>Was zur Hölle war das denn? <
>Zieh die beiden Kaffee von meinem Lohn ab. < erwidere ich und gehe meine Runde zu den anderen Kunden, die mich immerhin freundlich behandeln. Offensichtlich hat eine Frau Mitte 40 mit strengem Pferdeschwanz und Brille die Situation in der Ecke mitbekommen und zwinkert mir keck zu.
>Das war genau die richtige Reaktion. < flüstert sie verschwörerisch. Ich sehe ihr sofort an, dass sie nicht von hier ist. Daraufhin nicke und grinse ich ihr dankend zu. Diesen Zuspruch teilt meine Chefin augenscheinlich ganz und gar nicht, denn als ich die Kaffeekanne wieder zurückstelle und neben Debra stehe, funkelt sie mich böse an.
>Für Racheakte ist hier kein Platz. < zischt sie.
>Du hättest dir das also gefallen lassen? Hast du eine Ahnung was er zu mir gesagt hat? <
>Und wenn er dich als Flittchen bezeichnet hättet, wäre mir das scheiß egal. Mach deinen Job, halt die Klappe und seh´ hübsch aus. Wir leben hier vom Trinkgeld. <
Wütend stampft sie nach hinten ins Lager. Ich hingegen massiere mir angestrengt die Schläfen und finde ganz und gar nicht, dass man sich als Frau derartige Sprüche anhören muss. Wir sind im 21. Jahrhundert, kein Objekt und kein hirnloses Wesen. Trotzdem schlucke ich meinen Ärger herunter und mache einfach weiter, als wäre nichts gewesen.
Gegen 17 Uhr taucht Ed wieder auf und er grinst mich strahlend an, als er mich sieht. Dieser Blick steckt an und ich schmunzle, ehe er überhaupt vorn bei mir angekommen ist.
Er hat noch nicht einmal Platz genommen oder seinen Hut abgelegt, da stelle ich ihm auch schon das Stück Cheesecake vor die Nase und gieße ihm den schwarzen Kaffee ein.
>Na das nenne ich doch mal Enthusiasmus. < feixt er.
>Ich bin eben lernfähig. <
>Ohne Zweifel. <
Er legt auch seine Zeitung auf den Tresen und faltet sie auf, um darin zu lesen.
Ich mache derweil alles, was notwendig ist, um dem wütenden Blick von Debra aus dem Weg zu gehen. Wenn nötig, dann wische ich sogar dreimal denselben Tisch ab, was allerdings überhaupt nicht schlimm ist. Denn so langsam zeigt sich, dass die Tische nicht eierschalenfarbig sind, sondern normalerweise weiß.
Ich begegne in der nachfolgenden Zeit auch noch weiteren Leuten, die unhöflich oder mürrisch sind, aber immerhin beleidigen sie mich nicht. Hier braucht man ganz klar ein dickes Fell.
Zu den späteren Stunden tauchen ein paar Junkies und weitere Prostituierte nacheinander auf. Manche sind eher auf Krawall gebürstet und andere überhaupt nicht. Manchmal sehe ich, wie einer der Trucker die Frauen eine Weile vom Fenster aus ansieht, sich über die Lippen leckt und kurz darauf mit einer von ihnen im Auto oder auch im Apartment verschwindet.
Wäre meine Mum noch am Leben, würde sie nach nur zwei Minuten in diesem Laden einen Herzinfarkt bekommen.
Besonders der heutige Tag kommt mir irgendwie extremer als die anderen beiden vor und insgeheim denke ich, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, wann  und nicht ob  ich hier eines Nachts Probleme bekommen werde. Die Gegend als „Schwarzenviertel“ zu bezeichnen, ist in meinen Augen dennoch nicht korrekt.
In meinem Kopf ist es „das dunkle Viertel.“ Die Leute, die dort wohnen, haben verschiedene Abstammungen, dessen Hautfarbe zwar dunkler ist, aber dennoch benutze ich diese Bezeichnung nicht wegen unseres Teints. Die Benennung passt wegen der allgemeinen Dunkelheit, die dieses Gebiet umgibt. Es sind die Handlungen und Zustände, die diese Gegend in einen dunklen und unheimlich Ort verwandeln.

              Ed ist wieder recht lange hier und bleibt womöglich bis kurz vor Ladenschluss. Er hat den Platz von der Bar zu einem Vierertisch am Fenster gewechselt. Ich laufe zu ihm und will ihm den Kaffee nachschenken.
>Hier kommt Scribe hin. < sage ich zu ihm und tippe auf ein Feld seines Kreuzworträtsels.
>Wer? < fragt er irritiert und führt einen Finger auf das Feld, auf das ich eben gedeutet habe.
>Eugéne Scribe. Der französische Bühnenautor der 1861 gestorben ist. <
>Woher weißt du denn sowas? <
>Was Autoren und Bücher angeht, kannst du mich so ziemlich alles fragen. Das ist … ich meine… das war  mal mein Ding. <
>Wie wird der geschrieben? <
Mein Büchergehirn habe ich eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr aufgefrischt. Dabei war es doch das, was mich einmal ausmachte.
Ich buchstabiere ihm den Namen und helfe ihm hier und da mit einigen Feldern, bis in dem Diner allmählich so viel zu tun ist, dass er es allein weitermachen muss. Immer wieder frage ich mich, wohin Debra eigentlich verschwunden ist und jedes Mal, wenn ich etwas aus dem hinteren Raum holen muss, sehe ich sie rauchend im Lagerraum stehen. Dieser Zigarettenqualm hier drin stört mich wirklich enorm. Bei Ruby war es okay danebenzustehen, aber hier drin habe ich den Geschmack schon selbst auf der Zunge.
Inzwischen ist es draußen stockdunkel und es beginnt ziemlich stark zu regnen.
Das Lokal wird dadurch noch voller, da niemand im Wind und im Guss stehen will. Meine Chefin wittert hier offenbar ihre finanzielle Chance, aber die Wenigsten wollen etwas bestellen und sich stattdessen nur vor der Nässe schützen, bis der Regen vorbei ist.
Bei diesem Thema kann Debra plötzlich ziemlich hässlich werden und sobald die Personen nichts von der Karte bestellen, werden sie kurzerhand von ihr herausgeworfen.
Aber wenn ich mich gegen einen blöden Machospruch wehre, dann ist das ein Verbrechen?
Den Part des Rauswurfs überlasse ich mal schön ihr und halte mich aus diesen Streitereien raus. Ich fühle mich gerade nur für die zahlende Kundschaft verantwortlich und als diese so weit versorgt ist, gehe ich zu meinem Lieblingsgast rüber.
>Hey Ed, kann ich dich mal was fragen? <
>Sicher. Aber erst, wenn du mir sagst, wer „Stolz und Vorurteil“ 1813 schrieb. <
>Jane Austen – britische Schriftstellerin. < rattere ich herunter. Dieses Buch habe ich gefühlt hundertmal gelesen.
Verblüfft schreibt er die Antwort hin und legt dann den Stift beiseite.
>Was willst du wissen? <
>Ich habe heute Nachmittag ein Fahrrad abgeholt, aber es ist in keinem guten Zustand und ich muss einiges daran herumbasteln. Hast du zufällig etwas Werkzeug, das ich mir leihen könnte? <
>Was muss denn gemacht werden? < will er wissen.
>Definitiv die Bremsen, beide Reifen und die Kette. Der Rest zeigt sich wahrscheinlich erst. <
>Ich kann morgen etwas mitbringen und es dir reparieren. <
>Danke das ist nett, aber das Werkzeug reicht mir. Das habe ich schon öfter machen müssen. <
>Keine Widerrede. Ich bastle gern an so etwas herum und bin von der alten Schule wie du weißt. Ich finde, du solltest sowas nicht machen müssen. Stell es morgen zu deiner zweiten Schicht vor dem Diner ab, dann sehe ich es mir mal an. <
Sein Einwand ist so niedlich und ich grinse bei seinem freundlichen Angebot. Allerdings denke ich, dass ich so manches Mal schon aufgeschmissen gewesen wäre, wenn ich mich immer darauf ausgeruht hätte, dass das keine Angelegenheit für eine Frau ist.
>Danke, das wäre großartig. <
Er nickt zufrieden und reicht mir seine leere Tasse, damit ich sie erneut füllten kann.
Tja offensichtlich gibt es eben doch nicht nur miese Menschen an diesem Ort.
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