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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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10.08.2018 2.176
 
Kapitel 25 – Vertrauen zu dir

Offensichtlich sind Megan und ich doch irgendwann eingeschlafen. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit, als wir in unserem Gerede versunken sind. Als ich aufwache, ist meine Hand ganz eng in ihrer verschlungen. Ich bin so froh ihr Gesicht zu sehen. Dieses Verlangen, das ich seit Tagen hatte, konnte endlich befriedigt werden. Ich musste mit irgendjemandem reden, der mich kennt, irgendjemanden in die Arme nehmen, der versteht, was meine Familie für mich bedeutete. Mir ist klar, dass Sam es mir nicht erlauben wird, mich jeden Tag bei ihr zu melden aber das macht nichts. Meine beste Freundin weiß, dass ich lebe und dass es mir gut geht. Mehr wollte ich gar nicht.
Sie bewegt sich, lässt meine Hand los und streckt ihre Glieder.
Gähnend sieht sie zu mir und murmelt:
>Oh Gott, wann sind wir denn eingeschlafen? <
>Ich denke mal erst vor ein paar Stunden. Aber ich glaube, dass wir jede Einzelheit bis ins Genauste ausdiskutieren konnten. <
>Das stimmt. < lächelt sie, aber ihr Lächeln gefriert wieder angesichts der Tatsache, was wir zu bereden hatten. >Mir fehlen immer noch die Worte. <
>Ist nicht schlimm. Du kannst es ohnehin mit niemandem teilen – das musst du mir versprechen. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann, aber ich muss es dir nochmal sagen. Niemand darf wissen, dass ich noch lebe so lange diese Männer dort draußen herumlaufen. <
>Und was ist, wenn sie niemals gefunden werden? Schließlich kommt das doch andauernd vor, dass irgendwelche Fälle offen bleiben. <
>Soweit ich weiß haben es sich die Behörden ziemlich leicht gemacht und der Fall wurde mit mir als Mörderin geschlossen. Dort draußen wird sicher niemand nach diesen Typen suchen. Vielleicht wäre es besser, wenn du meinen Namen vergisst und ihn nicht mehr erwähnst. <
>Solange ich dich nicht vergessen muss, okay. < haucht sie und verschränkt ihre Hand wieder mit meiner. >Ich bin immer für dich da, falls du mich brauchst. <
>Ich weiß. Danke. <
>Wir machen immer alles zusammen. <
>Immer! < stimme ich zu und verhake den kleinen Finger meiner freien Hand mit ihrem, wie wir es früher so oft getan haben.

            Wir haben uns eine Stunde vor der Zimmerabgabe aufraffen können und sind endlich aufgestanden. Ich bin heilfroh, dass Megan mir ein paar Klamotten mitgebracht hat, so habe ich wenigstens das Oberteil wechseln können. Wie ich Sam kenne, ist er sicher erst wach geworden und sitzt bestimmt fertig in dem Zimmer. Megan und ich brauchen nicht lang, um die paar Sachen die wir haben zusammenzuräumen und die Betten zu machen.
Ich schicke meine Freundin auf den Gang vor, um sie überprüfen zu lassen, ob dort Menschen stehen. Ab und zu vergesse ich, dass ich mich äußerlich verändert habe. Vielleicht ist das sogar gut so – dadurch bin ich vorsichtiger. Sie kann allerdings nicht mal den Flur entlanglaufen, da öffnet Sam bei dem Geräusch, das sie von sich gibt, auch schon seine Tür.
>Guten Morgen ihr zwei. Seid ihr so weit? < will er wissen.
>Ich denke schon. Zusammengepackt ist alles. < erwidere ich.
>Gut, dann setz noch das Basecap auf. Wollt ihr etwas frühstücken? <
>Nein ich nicht. Um ehrlich zu sein ist mir immer noch schlecht. < berichtet Megan und kommt das Stück vom Flur zurückgelaufen.
>Na schön. Dann gehe ich mal die Zimmer bezahlen. Treffen wir uns am Auto? < will Sam wissen.
>Oh nein. Ich kann mein Zimmer noch selbst bezahlen. < sagt Meg empört und stolziert mit dem Schlüssel in Richtung der dürftigen Rezeption.
Sam gluckst und schaut zu mir.
>Die ist ja wie du. Wenn du Geld hättest, würdest du mich deshalb bestimmt genauso anzicken. <
>Davon kannst du ausgehen. < lächle ich matt, greife mir das Basecap und Meg´s Tüte mit den Klamotten, um danach die Tür hinter mir zuzuziehen.
>Willst du denn wenigstens etwas essen? < will er wissen und mustert mich abschätzend.
>Nein, im Moment habe ich keinen Hunger. <
>Na schön. Vielleicht halten wir unterwegs irgendwo an, falls du welchen bekommst. <
Er legt seinen Arm über meine Schulter und weckt in mir ein noch größeres Gefühl des Vertrauens. Ermattet, weil ich weiß was mir bevorsteht, lehne ich meinen Kopf seitlich an seine Brust und seufze.
>Ich hoffe, das hat dir etwas geholfen sie zu sehen. <
>Sehr sogar. < gebe ich zurück, als ich meinen Kopf auch schon wieder erhebe und in sein Gesicht sehe.
>Habt ihr über alles reden können? <
>Wir haben uns irgendwann nur noch im Kreis gedreht aber ich schätze, sie hat verstanden was es für sie bedeutet, mehr zu wissen als sie wissen sollte. Meg wird dichthalten. <
>Dann wollen wir mal hoffen, dass du recht behältst. Komm schon, lass uns zurückfahren. <
Sam lässt seinen Arm immer noch auf meiner Schulter liegen und läuft mit mir dorthin, wo sich Meg inzwischen aufhalten muss.
Als sie uns zwei sieht, runzelt sie kurz die Stirn und zückt dann das Portemonnaie, als sie ihre Rechnung bekommt. Sam's Berührung schürt ihre komischen Gedanken von gestern wohl nur noch mehr und deswegen rücke ich schnell etwas von ihm ab.
>Ich habe gerade für uns beide bezahlt. < verkündet sie und packt alles zurück in ihre Handtasche.
>Danke, ich gebe es dir irgendwann zurück. < beteure ich schuldbewusst.
>Ach hör auf damit Yeli. Du musst mir überhaupt nichts zurückgeben. <
Ich schenke ihr ein mattes Lächeln. Am liebsten würde ich es den beiden hundertfach zurückzahlen was die getan haben und wahrscheinlich noch tun werden. Aber leider sind meine Möglichkeiten begrenzt.
Auch Sam nimmt seine Rechnung entgegen und schlendert dann mit uns beiden nach draußen. An seinem Pick-up angekommen mustert er die Tüte, die ich in meiner Hand halte, weil ich sie nicht an Megan übergebe.
>Was ist da drin? < will er wissen und nickt zu dem Plastikbeutel.
>Megan dachte, dass ich vielleicht ein paar Klamotten und Schuhe gebrauchen könnte. <
>Aha. Und was ist da noch drin? <
>Nichts. < antwortet sie daraufhin irritiert.
>Kein Handy oder anderes Zeug mit dem man Nayeli orten könnte? <
>Nein. < gibt sie zurück und wirft mir einen unsicheren Blick zu.
Ich drehe mich zu ihr und weiß, dass wir uns wieder trennen müssen.
>Ich versuche mich bei dir zu melden. Ich weiß nur nicht wann aber sei dir sicher, dass es mir ganz bestimmt gut geht. < erkläre ich und sehe, wie ihr Blick trostlos wird.
>Du verlangst wirklich von mir, dass ich jetzt nach Hause fahre und so tue, als wäre der letzte Tag nicht gewesen? <
>Mir ist klar, was ich da von dir verlange aber es muss sein. <
>Ich kann dich doch jetzt nicht einfach gehen lassen. < haucht sie. Ihr Gesicht verzieht sich zu einer traurigen Miene.
>Nayeli wird sich bei dir melden, sobald es sicherer ist. < mischt sich Sam ein, der gerade die Tüte nach dessen Inhalt durchsucht hat.
>Tu mir nur einen Gefallen und halte sie nicht in deinem Haus gefangen. Sie ist ein Freigänger - schon immer gewesen. < bittet sie ihn und ihr Blick wirkt nun noch flehender.
>Da mach dir mal keine Sorgen. < lächle ich und umarme sie. Meg legt ihren Kopf auf meiner Schulter ab und mir ist klar, dass ihr das hier genauso schwerfällt wie mir. Es gab nie einen Zeitraum wo wir länger als zwei Wochen voneinander getrennt waren und jetzt ist es ziemlich ungewiss, wann es das nächste Mal sein wird.
>Pass auf dich auf. < haucht sie und zieht die Nase hoch.
>Du auch. Ich hoffe, dass du bald einen Job findest. <
>Das ist gerade meine geringste Sorge. < winkt sie halb lachend und halb weinend ab.
>Greenfield sucht sicherlich. <
>Ja tun sie, aber das ist dein Job. Da gehörst du hin. <
>Nein bist du doof? Die Stelle schnappt dir doch ein anderer weg. Bewirb dich da und halte den Platz für mich warm. <
Sie lacht und nickt mehrfach. Dann löst sie sich langsam von mir. Ich wische ihr die Tränen weg.
>Ich finde es unglaublich, wie du das Ganze wegsteckst. Du bist kaum wiederzuerkennen. < staunt sie.
>Sag das lieber nicht. Du hättest mich in den ersten Tagen sehen sollen. <
>Ich würde selbst jetzt zusammenbrechen, wenn ich du wäre. <
Dabei ziehe ich nur den Mundwinkel hoch. Zusammenbrechen würde mir nur leider nicht mehr weiterhelfen. Das habe ich schon durch.
Sam öffnet den Pick-up, wirft die Tüte mit den Klamotten auf einen Sitz und öffnet mir die Tür auf der anderen Seite.
Meg verzieht bereits ihr Gesicht und aus reinem Egoismus damit ich es nicht sehen muss, wie weh ihr der Abschied tut, umarme ich sie.
>Keine Tränen Meg. < flüstere ich an ihr Ohr gelehnt.
>Gibt es denn nichts was ich tun kann? Ich will dir auch daraus helfen. <
>Du könntest versuchen Duluth im Auge zu behalten. < wendet Sam überraschend ein. >Verfolge das, was in der Stadt vor sich geht – Überfälle, Morde, alles was du in den Zeitungen finden kannst und was sich herumspricht. Vielleicht gibt es Zusammenhänge. <
>Ja das mach ich. Gib mir deine Telefonnummer! < erwidert sie euphorisch.
>Nein. Wir melden uns bei dir. < erwidert er kompromisslos.
>Mir war klar, dass du so etwas sagen würdest. <
Sam grinst daraufhin diebisch und reicht ihr zum Abschied die Hand. Ich verstehe meine Freundin in jeder Hinsicht, dass sie ihm gegenüber so skeptisch ist. Mir ist auch klar, dass es ihr vollkommen gegen den Strich geht, mich mit ihm fahren zu lassen aber sie schlägt schließlich in seine Hand ein und blickt ihn direkt und durchdringend an.
>Danke. Pass gut auf sie auf Sam. Sie ist mir das wichtigste auf der Welt. < beteuert sie.
>Keine Sorge. Wir kriegen sie da raus. <
Sie lächelt, aber es erreicht ihre Augen nicht. Dann küsst sie mich auf die Wange und sagt:
>Ich hab dich lieb. <
>Ich dich auch. <
Wehmütig steige ich ein und Sam macht mir die Tür zu. Er läuft um den Wagen herum aber die ganze Zeit sehe ich nur Megan an, die neben dem Seitenfenster steht und zu mir hochsieht. In diesem Moment bete ich, dass diese Männer gefunden werden, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden und dass ich eines Tages wieder mein normales Leben führen kann – und wenn es sein muss unter einem anderen Namen.

            Schließlich fährt Sam mit mir vom Parkplatz, der um diese Uhrzeit voller ist. Ich sehe meiner Freundin nach, wie sie uns mit verschränkten Armen langsam hinterherläuft. Beim nächsten Abbiegen kann ich sie nicht mehr sehen.
>Alle Achtung Kleines. Ich hätte nicht gedacht, dass du so einfach von hier fortzubekommen wärst. <
>Was bringt das schon so einen Abschied noch länger rauszuzögern? Immerhin konnte ich mich richtig verabschieden. Das letzte Mal konnte ich es nicht und da dachte ich, ich müsste sterben. Ich habe sie wiedergesehen und konnte mit ihr reden. Du hast mehr für mich getan, als du es jemals hättest tun müssen. Und genaugenommen müsste ich jetzt gar nicht mehr dein Problem sein. Du hättest mich einfach mit ihr fahren lassen können. <
>Das ist wahr. Aber was man findet, auf das sollte man aufpassen. <
>Ich kenne nur: „Was man findet, darf man behalten.“ <
>Du bist kein verlorener Schlüsselanhänger, sondern ein menschliches Wesen. Dich kann man nicht behalten, höchstens zum freiwilligen Bleiben überzeugen. <
Er bringt mich zum Lächeln, wenn auch gegen meinen Willen. Ich setze das Basecap ab, greife nach der Tüte voller Klamotten um sie aus dem Weg zu räumen und rutsche neben ihn auf den mittleren Platz. Die Beine ziehe ich an und ich lege meinen Kopf auf seiner Schulter ab. Er seufzt und legt erneut seinen Arm um mich, so wie schon vorhin in dem Hostel. Ich habe mich doch irgendwie dazu entschieden, freiwillig bei ihm zu bleiben, oder? Und das nun schon zum zweiten Mal.
Ich atme seinen Geruch ein, der mich beruhigt und schließe die Augen, obwohl ich nicht müde bin – nur so unendlich erschöpft.
>Bist du sicher, dass du nichts essen willst? < will er wissen.
>Ja. Mir ist ehrlich gesagt ziemlich übel. <
>Du bist innerlich zu aufgewühlt. Lass dem Ganzen etwas Zeit. <
Ich nicke nur und sehe mit einem Auge wie er soeben auf den Highway fährt. Ermattet schließe ich es wieder und verschränke meine Arme vor der Brust.
>Du bist so still. Das passt gar nicht zu dir. <
>Du wirst es kaum glauben können aber jetzt ist mir zur Abwechslung mal nicht nach reden. <
>Na das ist mal was ganz neues. <
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