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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
102 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
03.08.2018 3.165
 
Kapitel 24 - Frauengespräche

Sam zahlt an unserem Tisch noch für sein Essen, während Meg mit der Bezahlung der Kaffees und der Pancakes bereits schneller war. Ich finde es schrecklich so abhängig zu sein und würde alles dafür geben, wenigstens etwas Geld zu haben. Die ganze Zeit gibt Sam sämtliches Zeug für mich aus und inzwischen finde ich es mit jedem Tag unerträglicher. Er steht auf und wir folgen ihm nach draußen, bis zum Parkplatz.
Inzwischen ist es eine angenehme, kühle Nachtluft und um diese Uhrzeit tauchen hier offenbar nur noch Trucker auf, die sich einen Kaffee abholen, um dann wieder zu fahren.
>Ihr zwei wartet am besten hier, solange ich das mit den Zimmern kläre. < wirft Sam ein und verstaut sein Portemonnaie in seiner Gesäßtasche. >Mal sehen wie sie es da drin mit Kameras halten. Aber wenn ich mir den Rest von diesem Gelände so ansehe, bezweifle ich, dass außer an der Tankstelle irgendwas überwacht wird. <
Ich nicke und er verschwindet schnurstracks hinter das Diner, wo irgendwo ein kleines Hostel sein soll.
>Jetzt ist er weg. Steig in mein Auto und wir fahren sofort los! Bitte Nayeli. < fleht Megan und zieht an meiner Hand, damit ich ihr folge. Ich stemme die Fersen in den Boden und bleibe stehen.
>Was? Nein! Wie könnte ich ihn so hintergehen, nach allem was er getan hat? <
>Ich finde, er ist total paranoid. Wenn er seit Jahren nur alleine ist, wer sagt, dass er dadurch nicht auch irre geworden ist? Komm schon, wenn wir gleich losfahren, dann haben wir einen Vorsprung. Der findet uns nie. < sie hält mich noch fester am Handgelenk und will mich in Richtung ihres Wagens schleifen.
>Ich kann nicht. Wenn du gleich wieder nach Hause fahren willst, dann ist das okay. Aber ich kann Sam hier nicht einfach stehenlassen – das hat er nicht verdient. Du kennst ihn nicht und du bist skeptisch, das verstehe ich. Am Anfang wollte ich so schnell wie möglich aus seinem Haus abhauen und einmal habe ich es auch getan. Er wollte mich gehenlassen, als er mich beim Abhauen erwischt hat, aber ich bin wieder zurückgegangen. Das einzige, was er wirklich im Sinn hat, ist mich nicht festzuhalten, sondern mir auf die Beine zu helfen. <
Ich bin nicht wie diese Leute die ihm das angetan, ihn sitzengelassen und ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Ich will, dass er mir vertraut, so wie ich ihm.
>Lass mich dir helfen. Wenn wir uns gleich an die Cops wenden, dann …<
>Nein, das bringt doch alles nichts. Über diesen Punkt bin ich inzwischen hinaus. Ich wollte auch andauernd die Polizei anrufen und habe gedacht, dass mir jemand glauben würde, wenn ich es erkläre. Aber es wurde angeblich eine Tatwaffe mit meinen Fingerabdrücken gefunden. Kannst du dir vorstellen was mit mir passiert, wenn ich bei der Polizei bin? Meg versteh doch, ich kann mir keinen Anwalt leisten und würde wahrscheinlich nie wieder frei kommen. Immer wieder landen Leute unschuldig im Gefängnis und niemand kann sie dort herausholen. Ohne Sam werde ich allein nicht in der Lage sein, wieder normal leben zu können, vorausgesetzt es ist überhaupt irgendwann wieder möglich. <
>Du verlangst von mir, dass ich dich bei ihm lasse und meine Hände in den Schoß lege? Und zu Hause warte ich dann, bis von dir irgendwann mal ein Lebenszeichen auftaucht? <
>Nein, ich verlange es nicht, sondern ich bitte dich darum. < flüstere ich.
Meg beginnt bitterlich zu weinen, sodass ich sie stützen muss. Für sie ist das wirklich zu viel. Schniefend und gurgelnd sagt sie so etwas wie:
>Das ist so unfair. Du bist so ein guter Mensch. Wieso musste dir das passieren? <
>Das weiß ich nicht. < hauche ich. Wir zwei liegen uns in den Armen und geben uns gegenseitig Halt. Es tut so gut Meg zu sehen und zu hören.
>Das mit dem unauffälligen Nebeneinanderstehen habt ihr zwei noch nicht so raus. < feixt Sam hinter uns und wir fahren auseinander.
>Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht. < beteure ich.
>Ist nicht schlimm. In diesem Kaff wird nichts überwacht wie mir inzwischen klar ist aber ich will, dass du aufmerksamer wirst. Okay Kleines? <
Ich nicke ihm zu und weiß, dass ich anfangen muss so zu denken wie Sam. Er reicht mir einen Schlüssel und geht vor.
>Ihr zwei habt ein Doppelzimmer. Ich bin gegenüber von euch. <
Meg schaut mich skeptisch von der Seite her an aber folgt ihm dann schließlich.

            Das Hostel ist das, was ich erwartet habe, aber immerhin müssen wir nicht im Auto schlafen. Ich denke ohnehin, dass Sam das nur wegen Megan macht und er kein Problem damit hätte noch zu fahren. Immerhin kommt er jede Nacht ziemlich spät nach Hause.
Wir laufen einen schmalen Gang entlang, der mit einem befleckten blauen Teppich ausgelegt ist. Es ist nicht gerade unerwartet, dass Sam die beiden Zimmer ganz am Ende des Flures genommen hat. Ich kann mir kaum vorstellen, dass alle Appartements belegt sind.
Er macht sich bereits an dem Schloss zu schaffen und sagt lediglich knapp:
>Dann schlaft gut ihr zwei. <
>Werden wir. Danke. < lächle ich ihm zu, als er bereits eintritt. Megan öffnet die Tür unseres Zimmers und ich laufe hinter ihr her. Es ist gar nicht so schlimm wie ich dachte. Das Erste was ich immer mache, wenn ich weiß, dass bereits hunderte von Leuten vor mir in einem Bett lagen, ist mir die Matratze anzusehen und die sieht zumindest sauber aus.
>Nennt er dich immer „Kleines“? < will Meg wissen.
>Erst seit gestern glaube ich. Am Anfang nannte er mich Pocahontas. Was das angeht, ist das eine Verbesserung. <
>Als wärst du sein kleines Kuscheltier. < nörgelt sie leise vor sich hin und rümpft verächtlich die Nase. Ich ignoriere es hingegen und breite die Bettdecke aus. Das Basecap werfe ich auf den Nachtschrank und lasse mich auf das Bett fallen.
>Wow. < schwärmt Megan als sie mich sieht. >Was haben die mit dir angestellt? <
>Ziemlich cool, oder? Der Nasenring ist aber nicht echt. <
>Deine Haare sind genial. Du siehst ganz anders aus. <
>Das war auch Sinn der Sache. <
>Hat das auch alles Sam eingefädelt? < will sie wissen.
>Ja und ich würde ihm auch gerne nochmal danke sagen. Ich bin gleich wieder da, okay? <
Megan nickt nur aber kräuselt ihre Stirn. Ich glaube, sie macht sich weitaus mehr Gedanken zu Sam als es notwendig wäre. Könnte sie ihn doch in der kurzen Zeit nur so kennenlernen, wie ich es mittlerweile getan habe. Okay zugegeben, dass ich ihn wirklich kenne, will ich nicht behaupten aber ich kenne ihn jetzt zumindest etwas besser. Dass er eingelenkt hat, das Ganze hier mitzumachen und das nur, weil er sich wegen des Spruchs, den er mir an den Kopf geknallt hat, schlecht fühlte, macht ihn gleich wieder um einiges menschlicher.
Ich gehe durch den Raum und schließe hinter mir die Zimmertür. Direkt gegenüber klopfe ich bei Sam an und warte. Es dauert einen Moment aber dann öffnet er und schaut mich verwundert an.
>Kann ich kurz reinkommen? <
>Sicher. < dann geht er einen Schritt von der Tür weg und ich schließe sie. Er hat nur noch eine Jeans an und setzt sich auf das Bett. >Was ist los? <
>Ich wollte dir nur sagen, dass ich verstehen kann, weshalb du allein bist. Als ich Meg sagte, dass ich mich in Zukunft nicht gerade häufig bei ihr melden könnte, um sie nicht unnötig in Gefahr zu bringen, da habe ich begriffen was du mir die ganze Zeit versuchst zu sagen. Man bringt damit die anderen in Gefahr, die einem am Herzen liegen – obwohl man selbst verfolgt wird. <
>Freut mich zu hören, dass wir offenbar ähnlich ticken. <
>Nur wirst du bis an dein Lebensende so allein bleiben, oder? <
>Vermutlich ja. Aber ich nehme es in Kauf. Ich weiß, dass es das wert ist. Und sobald das alles hier vorbei ist, werden wir zwei ebenfalls getrennte Wege gehen. Das ist dir doch klar, oder? <
>Ich schätze schon. < erwidere ich traurig. >Aber denkst du nicht, dass dich das Alleinsein kaputt macht? Vielleicht nicht gleich aber in fünf oder zehn Jahren. <
>Keine Ahnung. Aber wer weiß, ob man überhaupt noch so lange lebt. Inzwischen weißt du ja wie schnell sowas läuft, also zerbrich dir nicht meinen Kopf. <
>Du bist knallhart. < grinse ich. >Du lebst bis du neunzig bist. Und wenn du in Rente gehst, dann suche mich bitte wieder auf. <
Er lacht und steht auf, um zu mir zu kommen.
>Geh jetzt ins Bett. An Schlaf denkt ihr zwei dort drüben wahrscheinlich nicht aber ich würde mich jetzt gerne aufs Ohr hauen. <
>Ich kann dir nicht sagen wie dankbar ich dir bin. Für das, was du heute getan hast, hast du einen noch größeren Stein bei mir im Brett als ohnehin schon. Ich weiß, dass dir dieses Treffen widerstrebt hat. <
>Das stimmt, das hat es. Aber deine Freundin scheint in Ordnung zu sein und ich finde es gut, dass sie skeptisch ist. Um ehrlich zu sein bin ich davon ausgegangen, dass sie irgendwann aufstehen würde und einfach ins Auto steigt, weil ihr das alles zu unbequem wird. Aber sei dir bewusst, dass es immer noch passieren kann und mache ihr begreiflich, dass sie mit niemandem über den heutigen Abend reden darf. <
>Das mache ich und Meg wird mich nicht hängen lassen – ich weiß es. <
>Ich hoffe es für dich Kleines. < erwidert er sanft.
>Okay, dann gehe ich wieder. Ich wollte nur, dass du es weißt. < dann umarme ich ihn und küsse ihn auf die Wange. Er wirkt kurz perplex aber schließt wie beim letzten Mal seine Arme um mich. Seine Haut ist so warm und weich und ich muss mich dazu zwingen ihn wieder loszulassen aber schließlich kriege ich mich wieder ein.
>Bis morgen. < sage ich schleunigst und verlasse fluchtartig sein Zimmer. Hinter seiner Tür bleibe ich noch einen kurzen Moment stehen und versuche mir zu erklären, weshalb sich mein Herzschlag so beschleunigt hat.
Ich klopfe an die gegenüberliegende Tür und Meg öffnet mir.
>Das hat aber lange gedauert für ein „Danke“. <
>Wir haben noch kurz geredet. < Meg mustert mich und schließt dann wieder zaghaft die Tür hinter mir. >Er sagte mir, dass du niemandem erzählen darfst, dass du mich heute getroffen hast. <
>Bist du verrückt? Natürlich tue ich das nicht. Das würde mir ohnehin niemand glauben. <
Die falschen Leute würden ihr das glauben aber das verkneife ich mir. Meg schnappt sich ihre Handtasche und fädelt etwas Zahnseide heraus, um sich damit vor den Spiegel im Bad zu stellen. Mit halbgeöffnetem Mund nuschelt sie nur teilweise verständlich:
>Übrigens wusste ich nicht in welcher Lage du im Moment steckst, deswegen habe ich im Auto ein paar Klamotten und sowas für dich. Und da du ja nicht mit mir kommen willst, würde ich sie dir geben. <
>Danke, das wäre großartig. Sam hat mir nur ein paar schwarze Shirts besorgt und eine Hose. <
>Hmm … ist mir schon aufgefallen. < murmelt sie und schnipst dann die benutzte Zahnseide ins Klo. >Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, hast du Gold getragen. Kaum zu fassen, dass es heute genau eine Woche her ist. <
>Stimmt. < brumme ich und kann nicht glauben, dass bereits so viele Tage vergangen sein sollen. Es kommt mir noch so frisch vor, als wenn es erst gestern passiert wäre.
>Nach allem was passiert ist, sind meine Eltern ziemlich besorgt. Ich muss ihnen wenigstens schreiben, dass ich heute nicht nach Hause komme. <
>Ja schon klar. Aber sag ihnen, dass du bei Jordan oder einem der anderen bist. < rufe ich ihr zu, als ich ins Badezimmer gehe und mich umsehe. Immerhin haben sie hier Duschgel in den kleinen Probeflaschen, was ich gar nicht gedacht hätte. Ich würde wirklich liebend gern mal ausgiebig duschen wollen und nicht im Schnellverfahren, da meine Wunde am Oberkörper inzwischen nicht mehr blutet.
>Soll ich noch mal zum Auto gehen und dir ein paar Klamotten holen? < fragt meine Freundin hinter mir und tippt in ihr Telefon.
>Ja bitte und könntest du deinen Verbandskasten mitbringen? Ich würde wirklich gern unter die Dusche springen aber ich muss mich danach wieder verbinden können. <
Sie steht im Türrahmen mit ernstem Gesicht. Ihr Blick fährt an mir rauf und runter.
>Ich habe gesehen, dass du humpelst. Wurde dir etwa ins Bein geschossen? <
Wortlos nicke ich ihr zu und sehe wie ihre Unterlippe bebt. Bevor sie heillos losschluchzen kann, platze ich dazwischen.
>Keine Sorge, mir geht es gut. Aber ich könnte nachher mal Hilfe gebrauchen. <
>Okay. Ich bin gleich wieder da. < erwidert sie mit kratziger Stimme. Megan schickt ihre Nachricht ab und stellt das Telefon wieder aus. Ich höre wie kurz darauf die Tür hinter ihr zugeht. Mühsam ziehe ich mir das Shirt über den Körper und versuche mich irgendwie von dem Verband und den Pflastern zu befreien. Im Spiegel kann ich die vernähten Einschusslöcher sehen, die ich bisher immer gekonnt ignoriert habe. Mein Schulterblatt sieht gar nicht so schlimm aus wie ich finde aber mein Bein hat sowohl vorn, als auch hinten die Nähte. Hinzu kommen die tiefen, blutverkrusteten Einziehungen, da es ein glatter Durchschuss war. Es sieht deswegen viel schlimmer aus, weil diese Wunde schwerwiegender ist und auch noch aufging, als ich gestern Morgen vor Sam davonlief. Mir ist bewusst, dass diese Narben nie mehr verschwinden werden.

            Es ist einfach fantastisch als ich unter der Dusche stehe und ich fühle mich gleich viel besser. Ich weiß, dass es auch an Sam liegt, der mir trotz seiner Bedenken entgegenkam und vor allem an Meg, da sie wie ein Stück zu Hause für mich ist. Ich höre, wie sie zurückkommt und sehe ihre Silhouette an der offenen Badtür vorbeihuschen.
>Sam hat gehört wie ich zur Tür raus bin. < ruft sie mir zu, ohne dass ich sie sehen kann.
>Ja und? <
>Er kam raus und dachte, dass du abhaust. Aber da er nur mich gesehen hat und mitbekam, dass ich was aus dem Auto hole, war er gleich wieder zahm. Er nimmt seine Aufgabe offenbar ziemlich ernst. <
Ich grinse und bleibe noch eine Weile unter dem Wasserstrahl. Selbst wenn ich gegangen wäre, dann hätte er mich wahrscheinlich genauso wenig aufgehalten wie gestern, als ich vor ihm davonrennen wollte. Er wollte die Sache zwar geklärt haben aber er hätte mich danach nicht gefangen gehalten.
Als ich aus der Dusche komme, stelle ich erst fest, dass es kein großes Handtuch gibt. Logisch, ich bin hier auch in keinem Sterne-Hotel.
Es gibt nur eines für die Hände. Ich bleibe daher einfach noch etwas in der Dusche stehen und lasse das Wasser abtropfen. Da ich weiß, dass nur Megan im Zimmer ist, laufe ich einfach nackt in den Raum hinein.
Als sie mich sieht, geht ihr Blick sofort an mir herunter. Sie schaut über die Kratzer, Abschürfungen, die blauen Flecken und bleibt schließlich bei meinem Bein hängen.
>Das sieht ja übel aus. Aber warum ist die Verletzung da vorne und nicht auf der Rückseite? Oh Gott jetzt sag mir bitte nicht, dass du auf die Typen zugelaufen bist und versucht hast, sie umzuhauen. <
>Nein, obwohl ich gern so taff wäre. Der Schuss ging durch, deswegen ist vorn die Austrittswunde. < ich zeige ihr die Rückseite meiner Wade, wo die Eintrittswunde etwas kleiner ist und meine Freundin sieht aus, als müsste sie sich gleich übergeben. Allerdings fängt sie sich sofort wieder und klopft auf das Bett.
>Komm her und sag mir einfach, was ich machen muss. <
Sie kramt bereits in dem Verbandskoffer rum. Ich setze mich auf das Bett, mit dem Rücken zu ihr.
>Kannst du mir dort etwas draufkleben? <
Nun sieht sie auch meine andere Schusswunde und verstummt. Ich höre nur wie sie mehrmals die Nase hochzieht und dann nach etwas Geeignetem sucht.
>Hat Sam dir das genäht? < will sie wissen und verstellt ihre Stimmlage bewusst heiter.
>Ja, es war mein Glück, dass er wusste wie das funktioniert. < Megan seufzt schwer und macht einen sterilen Klebeverband auf mein Schulterblatt. Dann berührt sie auch meinen Arm. >Das ist nicht so schlimm, denn das war nur ein Streifschuss. Den Rest kann ich selbst machen. < erkläre ich.
Ich nehme mir aus dem Kasten eine Müllbinde und ein Tuch, um mir das Bein neu zu verbinden. Allerdings glaube ich, dass Sam mir bald die Fäden ziehen kann und es dann ausheilt, soweit es geht. Meine Freundin verfolgt jeden meiner Handgriffe genauestens.
>Tut es sehr weh? < fragt sie mit belegter Stimme.
>Nein. Es ist okay. Ich sollte nur nicht rennen oder den Arm zu weit anheben. <
>Mir war nicht klar, dass sie dich so sehr verletzt haben. <
Dann streicht sie auch zittrig über meinen anderen Arm, auf dem der hämatöse Abdruck des ersten Täters ist.
>Das ist alles nicht so schlimm. Das heilt wieder. < überspiele ich die Situation, um Megan nicht weiter aufzuregen. Aber tatsächlich habe ich in diesem Moment keine übermäßigen Schmerzen. Schlimmer sind die Schmerzen, die ich innerlich und nicht äußerlich habe.

               Ich bin dankbar, dass meine Freundin vorausschauend ist und ein paar Klamotten eingesteckt hat. Für die Nacht ziehe ich mir ein Shirt und eine Panty an.
In der Tüte sind einige Shirts und Tops, Stoffhosen, kurze Hosen und zwei flattrige Röcke, die ich im Moment wohl eher weniger gebrauchen kann aber ich nehme dankbar alles mit, was ich kriegen kann. Sogar zwei flache Schuhpaare hat sie mit eingepackt. Es ist ein Segen, dass wir in allem die gleiche Größe haben.
            Später liegen Meg und ich zusammengekuschelt im Bett. Mir ist klar, dass wir zwei nicht viel schlafen werden. Dafür ist einfach viel zu viel passiert. Dass sie sicher sein will, dass es mir auch wirklich gut geht, kann ich voll und ganz verstehen.
Wir reden die ganze Nacht lang hindurch und ich merke wie ich immer mehr und mehr die Situation herunterspiele, nur um sie zu beruhigen.
Aber vielleicht nicht nur deswegen. Allmählich glaube ich, dass ich durch Sam inzwischen weiß, was mich zu erwarten hat, wie ich mich verhalten muss und dass es tatsächlich noch schlimmer hätte sein können. Ich bin noch am Leben und das werde ich schützen. Immerhin würde meine Familie wollen, dass ich wieder auf die Beine komme.
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