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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
102 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.07.2020 4.735
 
Kapitel 43 - Die Lizenz

*TRIGGERWARNUNG!*
Dieses Kapitel beinhaltet Erwachseneninhalt und Gewaltszenen.

Am nächsten Tag
Es ist toll, wenn ich einmal nicht um sechs Uhr morgens aufstehen muss, sondern mich stattdessen in der Decken- und Kissenlandschaft umherwälzen kann. Sam hatte bisher nicht viel Schlaf, denn er kam erst vor vier oder fünf Stunden nach Hause und war danach erst duschen, bevor er zu mir ins Bett stieg. Ich bekam es nur unterschwellig mit.
Seine Lippen liegen in meiner Halskuhle, er befindet sich zur Hälfte auf meinem Körper und hat seine Hand durch meine Unterwäsche hindurch auf meinen Hintern gelegt. Für ihn ist das offenbar die perfekte Einschlafposition, denn so wache ich inzwischen fast täglich auf.
Bei mir knurrt allerdings so langsam der Magen und ich überlege, wie ich Sam von mir herunterbekommen soll, ohne ihn zu wecken. Als ich einen Versuch wage, zieht er scharf die Luft ein und küsst mich dort, wo bis eben seine Lippen lagen.
>Wo willst du schon wieder hin? Du hast noch ewig viel Zeit bis zur Prüfung. < brummt er.
>Ich will nach unten. Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. <
Dabei fahre ich ihm mit den Fingerspitzen durch die kurzen Haare, bis er zu mir hochsieht.
Er schlingt seine Arme um meinen Körper und dreht sich dann auf den Rücken. Zwangsläufig muss ich ihm hinterher und sitze direkt auf seiner Morgenlatte, die mein Hungergefühl irgendwie in den Hintergrund rücken lässt.
Ich winde mich dennoch aus seiner Umarmung heraus und will aus dem Bett aufstehen, aber Sam legt die Arme fester um mich und reißt mich einfach mit Wucht zurück ins Bett.
>Wehe du gehst jetzt. < knurrt er.
>Lass los! Ich muss mal. < lache ich und versuche mich zu befreien.
>Ist mir egal. Ich will, dass du hierbleibst. <
Er vergräbt sein Gesicht in meinen Haaren und streicht mir sinnlich über den Hals. Seine Lippen küssen sich über mein Schlüsselbein entlang und er fährt mit seiner Hand unter mein Top auf meine Brust. Meine Brustwarze dreht er vorsichtig zwischen zwei Fingern und als ich ein leichtes Stöhnen von mir gebe, massiert er sie kräftiger.
>Wo bist du nur gewesen? < haucht er leise und bedeckt mich weiter mit seinen Küssen.
>Ich habe mich erst etwas ausprobiert. < erkläre ich ihm schelmisch, worauf er mit düsterem Blick zu mir hochsieht.
>Es scheint allerdings so, als wenn meine Vorgänger nicht sonderlich viel an dir probiert hätten. <
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, fährt seine andere Hand zwischen meine Beine. Als seine Finger meine Mitte finden und meinen Nervenknoten umkreisen, treibt Sam mich sofort in ganz andere Gefühlswelten. Er hat recht mit dem, was er eben andeutete. Bei niemandem fühlte ich mich jemals so wie bei ihm – physisch wie psychisch. Bei ihm ist jede Berührung wie auf mich abgestimmt und jedes Mal gibt er mir dabei das Gefühl, als wenn nichts auf der Welt wichtiger wäre als ich. Wie oft kommt so etwas wohl vor?
Mir entfährt ein Seufzen, während seine Hand mein Oberteil nach oben streift und seine Lippen eine heiße Spur auf meinem Bauch hinterlassen.
Der Stoff landet außerhalb des Bettes und gerade als Sam mit seinen Lippen über meine Brust fährt, da klingelt sein Handy.
Frustriert stöhne ich auf, da es ein totaler Stimmungskiller ist. Mein Freund lässt sich allerdings gar nicht stören und macht einfach weiter. Ich riskiere einen Blick zur Seite und sehe zu seinem Display.
>Geh ran, das ist Veronica! <
>Später. < nuschelt er.
>Was ist, wenn sie endlich mehr weiß? Wir warten jeden Tag auf ihren Anruf. <
>Herr Gott, ist ja schon gut. < motzt er, lässt von mir ab und greift quer über mich rüber.
Diese Gelegenheit nutze ich prompt aus, steige aus dem Bett und greife mir das nächstbeste Kleidungsstück, das mal wieder Sam´s Hemd ist. Ich weiß, dass er sich nicht gerne beim Telefonieren belauschen lässt und daher lasse ich ihn allein. Auf dem Weg nach unten ziehe ich mir auf der Treppe sein Hemd über, knöpfe es zu und gehe im Bad meinen Grundbedürfnissen nach. Danach mache ich in der Küche etwas zu essen, da mir ziemlich der Magen knurrt. Meine Mum sagte immer, ohne Frühstück kann mein Hirn nicht arbeiten und schon gar nicht, wenn mir auch noch eine Prüfung bevorsteht. In dem Fall stimme ich ihr absolut zu.
Nach kurzer Zeit höre ich, dass Sam endlich aufgestanden zu sein scheint und offensichtlich das Telefonat beendet hat. Er verschwindet im oberen Bad, was mir noch ein wenig Zeit verschafft, die Pancakes fertigzumachen.
              Sobald ich den Letzten auf den Teller packe, kommt er auch schon zu mir heruntergelaufen und sieht aus wie das blühende Leben. Das ist beneidenswert. Weshalb brauchen wir Frauen dazu drei verschiedene Tagescremes? Umgezogen hat er sich allerdings nicht, er trägt nur eine Boxershorts.  
>Und? Gute oder schlechte Nachrichten? < will ich von ihm wissen. Allerdings wirkt er nicht griesgrämig, was daher schon Antwort genug für mich ist.  
>Weder noch. Sie wollte nur etwas wissen. <
Sam´s Hände umgreifen meine Taille und ziehen mich weg von der Arbeitsplatte.
>Ich bin noch nicht fertig. < protestiere ich feixend.
>Wir sind beide noch nicht fertig. Wo waren wir stehengeblieben? < fragt er schelmisch, nimmt mich hoch und setzt mich auf den Esstisch. Er reißt mir sein Hemd vom Körper und macht mit dem weiter, was wir oben begonnen haben.
>Sam, hier ist ein Fenster. < keuche ich, als ich fast nackt auf dem Präsentierteller sitze.
>Hier kommt doch nie ein Mensch vorbei. <
Auf dem Tisch steht schon der Ahornsirup bereit und anstatt ihn über die Pancakes zu gießen, verteilt ihn Sam doch allen Ernstes auf meinem Oberkörper. Seine Zunge wandert von meinem Nabel an mir empor und in kurzer Zeit treibt er mich an den Rand des Wahnsinns.
Er küsst mich, als er bei meinem Gesicht angekommen ist und seine Lippen schmecken süß. Ich greife zu seinem Becken und ziehe ihn enger zu mir heran, damit ich an den letzten verbliebenen Stoff seines Körpers herankomme.  

            Eine Dusche, um uns von dem klebrigen Sirup zu befreien und ein anschließend kalt gewordenes Frühstück später, stehe ich bereits in dem Gästezimmer und packe alle Sachen der Bounty Hunter Schule zusammen, die ich wieder abgeben muss. Ich suche mir eine stretchige Hose aus dem Schrank, in der ich in meiner praktischen Prüfung genug Bewegung habe, sowie ein Shirt und einen Pulli. Es ist komisch zu wissen, dass das mein letzter Tag sein könnte und ich morgen sozusagen auf die Menschheit losgelassen werde.
>Und bist du nervös? < fragt Sam hinter mir. Ich drehe mich zu ihm um, der sich lässig im Türrahmen angelehnt hat.
>Irgendwie schon. Ich muss schließlich Lukaz k.o. hauen. <
>Du musst ihn nicht ausknocken. Du musst ihm nur zeigen, dass du weißt, was du tust. <
>Das klingt so einfach, wenn du das so sagst. <
>Du warst schon vorher nicht schlecht, aber in den letzten zwei Wochen ist deine Technik richtig gut geworden. Mach´ dir keine Sorgen deswegen. Ich mache mir jedenfalls keine. <
>Das beruhigt mich ja, dass du dir mal keine Sorgen um etwas machst. <
Er stößt sich von dem Türrahmen ab und kommt zu mir. Dann greift er zu meinen Hüften und zieht mich enger zu sich heran.
>Was stellen wir nur mit all der Zeit an, die wir plötzlich haben werden? < fragt er mit laszivem Blick und setzt einen hauchzarten Kuss auf mein Ohr.
>Ich bin mir sicher, dass dir da schon was einfällt. <
In meinem Kopf ist es wie leergefegt und ich lasse mich mehr von Sam ablenken, als ich sollte. Da wir heute so gemütlich in den Morgen hineinleben, passiert es uns, dass wir mehr Zeit als geplant vertrödeln und ich erschrecke mich, weil es schon so spät ist. Plötzlich kommen wir etwas in Eile und lassen einfach alles stehen und liegen.
Schnell springe ich in meine Turnschuhe hinein, schnappe mir die gestapelten Klamotten vom Bett und meinen Notizblock. Als ich aus dem Gästezimmer zurückkomme, hechte ich schnell zum Flurschrank und schnappe mir den Autoschlüssel um loszufahren. Die Haustür steht bereits offen und ich sehe Sam in seinem Pick-up sitzen und auf mich warten.
>Hey ich wollte fahren. < maule ich. Er fährt ein Fenster runter und ruft mir zu:
>Vergiss es. Dieses Baby hat dich dort zum ersten Mal hingebracht und er bringt dich auch das letzte Mal dorthin. <
Ich rolle mit den Augen und schließe die Tür hinter mir ab. Als ich in den Pick-up einsteige, werfe ich den Schlüssel des Mustangs in die Ablage der Mittelkonsole und schmolle.
>Man könnte glatt denken, du liebst den Wagen mehr als mich. < wirft Sam ein.
>Nur minimal. < kontere ich. Er schnaubt belustigt auf und wirft den Motor an, um mich hoffentlich ein allerletztes Mal nach East Cook zu bringen.
Für 1 ½ Stunden könnte ich theoretisch noch lernen, aber ich sehe nur beiläufig in meine Unterlagen hinein. Viel lieber bin ich einfach nur mit dem Kopf an Sam gelehnt und genieße die Nähe, genieße sein Parfum und genieße vor allem, dass es in meinem Leben aktuell etwas ruhiger geworden ist und ich mich fallen lassen kann. Er grinst mich von der Seite her an und legt dann wie so oft beruhigend eine Hand auf meinen Oberschenkel.
Während wir diese Fahrstrecke auf uns nehmen, komme ich seit langem wieder dazu, die Landschaft zu genießen. Wenn man selbst auf das Fahren konzentriert ist, hat man dafür eher weniger ein Auge.
              Nach sechzig verfahrenen Meilen in Richtung Nordwesten kommen wir an der Schule an. Sam öffnet das Tor und parkt den Wagen in der Nähe des Fahrstuhls.
>Oh Mann. Ich mache das wirklich. < keuche ich. Wenn ich an Lukaz und den praktischen Teil der Prüfung denke, werde ich langsam nervös.
>Ja und ich finde es klasse. Besonders, weil du das selbst willst. Du warst mal eine überzeugte PR-Agentin und nun ein Hunter. <
Schelmisch sehe ich zu ihm.
>Noch nicht. <
>Hmm … aber in spätestens zwei Stunden. < wirft er optimistisch ein. Wir steigen aus und laufen zu dem Fahrstuhl.
              Oben angekommen betreten wir den langen Gang. Lukaz sagte, dass sich die Prüflinge in der Cafeteria einfinden sollen, also steuern wir darauf zu.
Da alle drei Stufen gerade Unterricht haben, ist hier drin ziemliche Stille. Zwei weitere Prüflinge stehen mit Lukaz schon bereit und Sam zieht mich hinter sich her.
Als mein Trainer uns beide sieht, läuft er uns entgegen und schlägt Sam auf die Schulter, sobald sie zusammentreffen.
>Was machst du denn hier? < will der Russe von meinem Freund wissen.
>Glaubst du, das lasse ich mir entgehen? Außerdem muss ich sichergehen, dass du sie fair bewertest. <
>Eigentlich wollte ich Kim besonders in die Mangel nehmen. < erklärt mein Prüfer mit einem Augenzwinkern zu mir.
>Schon klar. Wahrscheinlich verbindest du mir die Augen. < erwidere ich spöttisch. Daraufhin reißt er begeistert die Augen auf und schnippst mit dem Finger in meine Richtung.
>Gute Idee. So machen wir es! < lacht er und geht dann zusammen mit uns zu den anderen Prüflingen. Wir warten bis der Letzte auch noch gekommen ist und die Uhr Punkt 15:00 anzeigt. Unsere Theorieprüfung schreiben wir hier oben, da die anderen Räume aktuell belegt sind. Jeder von uns sitzt an einem dieser runden 10er-Tische und kann sich voll ausbreiten. Lukaz gibt uns einen Stift und zwei beidseits bedruckte Seiten Papier mit vorbereiteten Fragen. Er stellt sich einen Wecker, erklärt die Prüfung als begonnen und wir können sofort loslegen.
Er und Sam unterhalten sich in der Ecke des Raumes so leise, dass es keineswegs störend ist. Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Stuhl und rattere die Fragen nur so durch. Tatsächlich wird nach zwei Paragraphen gefragt, aber es sind recht einfache. Ansonsten ist die Prüfung bunt gemischt mit Fragen quer durch alle Fächer, die ich bisher hatte. Selbst Schießtraining und Einsatzlehre haben eine theoretische Passage bekommen.
Schließlich packe ich mein Prüfungsblatt beiseite, lege den geschlossenen Stift darauf und sehe zu Lukaz.
Der unterhält sich zwar immer noch mit Sam, aber er nimmt mich aus dem Augenwinkel wahr. Als er mich so sieht, runzelt er die Stirn, formt mit den Lippen ein „Fertig?“, worauf ich nicke und er dann irritiert auf seine Armbanduhr blickt. Meinen Freund sehe ich schmunzeln, als mein Trainer auf mich zukommt. Dieser nimmt sich meine Theorieprüfung und da die anderen noch schreiben, macht er sich schon daran, mein Blatt zu kontrollieren. Innerhalb von zehn Minuten hat er sich alles durchgelesen und macht seine Notizen am Rand von dem, was ich schrieb. Da Sam lässig mit einem Kaffee in der Hand neben ihm war und sehen konnte, was mein Prüfer dort tat, kennt er bereits mein Ergebnis.
Endlich sieht mein Freund nach oben und direkt zu mir. Ich werfe ihm einen erwartungsvollen, aber auch fragenden Blick zu. Er soll mir mein Ergebnis mitteilen, aber anstatt das zu tun, grinst er mich an und steckt sich den Finger in den Hals.
Soll das heißen, meine Prüfung ist zum Kotzen? Schockiert sehe ich ihn an. Kann er nicht mal genauer werden? Wozu habe ich einen Joker bei mir, wenn er mir nicht mal Entwarnung geben kann? Allerdings grinst er dabei so dreckig und diabolisch denke ich: „Na warte, das kriegst du zurück“.
Zum Ende der Prüfungszeit piept Lukaz´ Armbanduhr und nur Zac scheint nicht ganz fertig geworden zu sein.
Alle anderen geben ihr Blatt ab und Sam kommt auf mich zugelaufen.
>Als Nächstes hast du deine Nahkampfprüfung und zuletzt musst du schießen. Dann bist du durch. < erklärt er mir leise.
>Was sollte der Finger in deinem Hals bedeuten? <
>Das sollte heißen, dass du so ein unglaublich ekelhafter Streber bist. <
>Was? < frage ich verwirrt.
>Du hast irgendeine Zusatzaufgabe beantwortet und damit mehr als 100 % erreicht. Das ist ja widerlich. <
Ich gluckse.
>So eine ähnliche Prüfung musst du doch sicher auch mal irgendwann gehabt haben. Wie war dein Ergebnis? <
>Bei der Army geht es eher darum, pragmatisch zu sein und ich bin nicht so der Theoretiker. <
>Das heißt, du hast es verkackt. <
Daraufhin schnaubt er belustigt, aber beantworten tut er mir meine Frage nicht. Ich erinnere mich daran, dass er einmal über das Fach „Strafprozessrecht“ fluchte. Dieses Fach ist für jemanden, der lieber praktisch arbeitet, eindeutig zu staubtrocken.
Lukaz kommt mit den Seiten in der Hand auf uns zugelaufen und erklärt:
>Die anderen Stufen haben jetzt Feierabend und die Halle ist frei. Kommt bitte mit! <
              In dem Untergeschoss ist reichlich Platz, um jemandem ausweichen zu können und ich sehe, dass Madison auf der anderen Seite dabei ist, alles für unsere Schießprüfung aufzubauen. Als sie damit fertig ist und auf uns zukommt, um nach draußen zu gelangen, hält Lukaz ihr die verbliebenen Theorieprüfungen hin, damit sie diese weiter durchgehen kann, während wir anderen gleich von unserem russischen Trainer in die Mangel genommen werden.
Beim Herauslaufen ruft sie uns noch ein „Viel Glück“ zu.
>Gibt es einen Freiwilligen, der anfangen will? < fragt unser Prüfer. Wir Absolventen sehen einander an, aber keiner sagt etwas, also zucke ich mit den Schultern und gehe einen Schritt vor. Dann habe ich es wenigstens hinter mir.
Mein Trainer schickt die anderen Prüflinge ein paar Meter weiter, damit sie auf den Bänken Platz nehmen.
Sam grinst bereits erwartungsvoll, als ich mir die Bandagen um die Hände wickle. Hoffentlich blamiere ich mich nicht, denn schließlich muss ich mich mit Lukaz anlegen. Mir ist klar, dass er alles testen wird, was in den praktischen Fächern vorkam.
Mein Freund lehnt sich gegen eine Wand, um nicht im Weg herumzustehen. Ich binde mir meine Haare nach oben, mache meine Schultern etwas warm und gehe dann auf einer Bodenmatte in Position.
Es gibt keinen Startschuss, sondern mein Prüfer rennt sofort auf mich los. Er holt aus und vor Schreck ducke ich mich durch seinen Arm, aber dafür greift er mich an der Taille und wirft mich zu Boden. Das lasse ich zu, ohne mich zu wehren. Denn seine Technik treibt auch ihn zwangsläufig auf die Matte. Als er über mich gebeugt ist, schlage ich ihm meinen Unterarm an den Hals, klemme dann seinen Kopf zwischen meinen Beinen ein und fixiere oben seine Arme. Ich kann ihn so vielleicht nicht mehr schlagen, aber sein Gesicht wird von Sekunde zu Sekunde rötlicher. Er will sich herauswinden, aber ich halte einfach meine Beine weiter zusammen und warte darauf, dass er aufgibt. Das wäre jedoch zu schön gewesen, wenn das passiert wäre. Lukaz wiegt einiges mehr als ich und konnte sich soeben aus meinem Hebel herausdrehen. Ich versuche noch einmal nachzugreifen, aber da hat er schon die Arme frei und befördert seine Faust in Richtung meines Bauches, den ich mit meinem hochgezogenen Knie schütze. Meine Hand ist frei und ich kann ihm somit einen Kinnhaken verpassen. Endlich kann ich in den Stand springen und sehe ein paar Meter neben der Matte Handschellen liegen. Mein Trainer sagte zuvor nicht, was ich tun soll, aber ich glaube zu wissen, was er erwartet. Ich schlittere dorthin und will sie mir greifen, aber da kommt er schon wieder. Dieses Mal zieht er aus seinem Gürtel ein Übungsmesser aus Plastik und „sticht“ auf mich ein. So wie ich es bei Madjid tat, führe ich meine Hand an dem Messer vorbei zu seiner Hand und kann ihn mit einem geübten Griff entwaffnen, wodurch es einige Meter weiter außer Reichweite rutscht.
Lukaz´ Schnelligkeit ist kaum zu toppen und er bringt mich echt ins Schwitzen, als er sofort sein Knie in meine Seite rammt. Dafür wehre ich seine Faustschläge ab und kann in einem kurzen Moment ausnutzen, ihm die Beine wegzutreten. Als er zu Boden geht, greife ich die offenen Handschellen, doch sobald ich mich zurückdrehe, steht er wieder aufrecht. Ich muss ihn abwehren, um nicht selbst jeden Moment wieder zu liegen und nehme beide Ellenbogen zum Schutz vor Schlägen hoch.
In einer kurzen Sekunde schaffe ich es, meine Ellenbeuge um seinen Nacken zu legen, seinen Oberkörper hinunterzuziehen und ihm mein Knie gegen die Lippe zu rammen.
Ich weiß nicht was mehr wehtut – meine Kniescheibe oder seine Zähne. Offensichtlich habe ich ihn damit nicht unwesentlich verletzt, denn er blutet und ich will mich schon fast dafür entschuldigen, da grinst er und beginnt wieder seine Fäuste nach vorn schnellen zu lassen. Mit meinen Handflächen wehre ich seine Schläge und Tritte ab und warte auf einen günstigen Moment. Als dieser gekommen ist, greife ich zu den Handschellen, die zur Hälfte aus meiner Hosentasche hängen und lasse ein Riemen an seinem Handgelenk einrasten. Aber leider nur einen. Die andere Seite baumelt noch geöffnet an seinem Gelenk herum. Ich verpasse ihm einen Kick, um ihn auf dem Boden zu haben und um ihn dort endlich in beide Handschellen zu legen.
Jedoch greift er zu meinem tretenden Bein und dreht es um, wodurch leider ich diejenige bin, die auf die Erde gezwungen wird. Als er sich zum wiederholten Male auf mich stürzen will, rolle ich mich zur Seite und komme an die Handschelle heran. Um ihn am Boden zu halten, setze ich mich einfach auf ihn und will nun auch seine zweite Hand fixieren. Er wirft mich von sich herunter und steht dann in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit wieder aufrecht.
>Verflucht, jetzt bleib doch endlich liegen! < meckere ich. Aber dann bemerke ich, dass ich ihn inzwischen in beiden Handschellen habe. Verdutzt guckt er mich an und steht mit fixierten Händen vor dem Körper vor mir. Sam fängt schallend an zu lachen, weil Lukaz und ich wohl gleichermaßen dämlich gucken. Davon lässt sich mein Trainer allerdings nicht lange beirren und nutzt noch das, was er hat – seine Beine.
Er greift wieder an und versucht mich mit seinen verbliebenen Extremitäten plattzumachen. Wenn ich irgendwann einmal so eine geübte und widerspenstige Zielperson haben sollte wie ihn, dann kann ich nur hoffen, bis dahin ein paar Muskeln mehr zu haben. Am liebsten würde ich mich keuchend auf den Boden werfen, aber das hier ist immer noch eine Prüfung. Ich muss ihn endlich umhauen, auch wenn ich keine Ahnung habe wie.
>Schon gut. < japst er plötzlich und nimmt eine entspannte Haltung ein, als ich gerade wieder loslaufen wollte. >Das, was ich gesehen habe, reicht mir mehr als genug. Kann mich mal bitte wieder jemand befreien? <
Sam gluckst weiterhin und geht zu ihm, während ich mich mit den Händen auf meinen Knien abstütze und erst einmal wieder Luft holen muss. Verdammt, ich glaube, ich habe es wirklich vermasselt. Mein Freund greift aus Lukaz´ Hosentasche den Schlüssel für die Handschellen und befreit ihn wieder.
>Dann los. Wer will als Nächster? < ruft er den drei Männern auf der Bank zu. Wie zuvor sehen sie sich alle fragend an, ehe Jacob voller Tatendrang aufsteht und in Richtung der Matte läuft. Sam nickt zu der Ecke, von der er dem Spektakel zugesehen hat und ich folge ihm dorthin, um den nächsten Prüfling nicht zu stören.
Meine Halswirbelsäule fühlt sich so an, als hätte man mir alles ausgerenkt und ich knackse sie durch.
>Wiederholt man die Prüfung am nächsten Tag, wenn man es vergeigt hat? < will ich wissen.
>Keine Ahnung. Darüber habe ich mir noch nie den Kopf zerbrochen und dir kann es auch egal sein. <
>Meinst du? Ich denke nämlich, dass ich es gerade vermasselt habe. <
>Wieso? Nur weil du Lukaz nicht k.o. geschlagen hast? < gluckst Sam. >Wenn du das geschafft hättest, dann hätte mich das mehr als gewundert. So ziemlich keiner aus der dritten Stufe kann deinen Trainer plattmachen. Dafür hat er viel zu viel Erfahrung. Er wollte nur sehen, ob du alles beherrschst und das tust du. <
Positiv überrascht ziehe ich meine Augenbrauen hoch.
>Na wenn das so ist. < erwidere ich deutlich entspannter und sehe von weitem Jacob dabei zu, wie er versucht, sich gegen seinen Prüfer zu wehren.
            Dieser Part dauerte bei Weitem länger, als das, was wir in der Theorieprüfung aufschreiben mussten. Dafür wird der Schießteil innerhalb weniger Minuten erledigt sein. Wir ziehen auf die andere Seite der Halle weiter.
Vier Zielscheiben sind bereits aufgebaut und am anderen Ende davon liegen mehrere Waffen unterschiedlichen Kalibers mit der Munition bereit.
Wir bekommen alle eine Schutzbrille und Ohrschützer.
Unsere Aufgabe: Verballere die gesamte Munition, schieß mit allem, das vor dir liegt und triff die Mitte des Ziels so oft wie möglich. Auch wenn ich mich bei der vorherigen Prüfung nicht sonderlich gut fand, weiß ich, dass ich jetzt in meinem Element bin. Ich schaue mir an, was vor mir liegt und warte auf unseren Startschuss. Sam steht genau hinter mir, aber das stört mich nicht. Seitdem ich wieder bei ihm bin, hat er mich nur einmal seit Langem schießen sehen und das war am Palisade Head.
>Los! < brüllt Lukaz und ich zücke die Pistole vor mir, stecke dann das Magazin hinein, entsichere und schieße los. Es sind nicht die üblichen Ziele vor uns, die wir sonst aus Papier oder Styropor hatten, sondern diese sehen wie eine lebensgroße Person aus und bestehen aus Metall. Wir stehen so weit weg, dass mögliche Querschläger kein Unheil anrichten können. Der Kopf ist eingekreist und genau dort ziele ich hin. Sobald ich das Magazin leer habe, greife ich zu meiner nächsten Waffe und mache wieder meinen gewohnten Griff, bis ich alle vier Waffen zum Qualmen gebracht habe. Zac ist kurz vor mir fertig geworden und die anderen beiden sind nur wenig später ebenfalls durch. Ich nehme die Ohrenschützer ab und drehe mich zu Sam um. Der blickt jedoch nicht mich an, sondern mein Ziel – mit aufgerissenen Augen und offenem Mund.
>Das ist krass, oder? < sagt Lukaz lachend neben ihm. >Und echt selten. <
Irgendein Gurgeln kommt aus Sam´s Mund und ich grinse ich mich hinein, da ihm nicht oft die Worte fehlen. Ich habe die metallene Platte beinahe jedes Mal an derselben Stelle getroffen. Die eingekreiste Fläche an der Stirn der Zielscheibe ist bei den anderen ringsherum massiv eingebeult, bei mir ist sie jedoch nicht mehr vorhanden. Stattdessen glüht es bei meinem Ziel heiß um das entstandene Loch herum im Metall.
>Ich wusste, dass du zielsicher bist … aber das! < keucht Sam.
>Sie ist Deadshot. < lacht Jacob herüber. Mein Trainer schmunzelt und sagt:
>Geht noch mal eine Zigarette rauchen oder direkt hoch in die Cafeteria, wir treffen uns gleich dort. <
              Gesagt, getan, gehe ich mit Sam und Quentin nach oben. Mein Freund ist wegen meiner Schießkünste immer noch vollkommen perplex, die er gerade mit eigenen Augen gesehen hat. Für meine Mitstreiter ist das inzwischen schon normal geworden, weil sie es zuvor jeden Tag gesehen haben. Ich glaube, ich bin trotzdem froh, wenn ich meine Zielperson nicht erschießen muss, sondern sie schnellstmöglich ohne Hilfe von Waffen in Gewahrsam nehmen kann.
In der Mensa angekommen sind wir schon wieder allein. Die anderen Schüler aus den Stufen stehen wahrscheinlich gerade unter ihren Duschen oder treffen sich in ihren Zimmern bis es Abendessen gibt.
Zac und Jacob kommen nach wenigen Minuten ebenfalls herein und setzen sich mit ihrem Qualmgeruch direkt zu uns. Ich habe mir meinen geliebten Latte Macchiato aus dem Automaten gezapft und rieche lieber daran.
Kurz darauf kommen Lukaz, Madison und Henry gemeinsam hinein. Bei Sam´s Anblick grinst der Schulleiter und peilt ihn an.
>Dass du dir das nicht entgehen lässt, war klar. < feixt dieser. >Aber es ist gut, dass ich dich sprechen kann. Denkst du, du könntest nächsten Monat mal wieder einen Workshop geben? Wir haben eine neue Trainerin dabei. <
Henry nickt zu Madison, die meinen Freund freundlich angrinst und dann zu mir sieht, weil ich so eng neben ihm bin. Sie hat sich vermutlich schon gewundert, weshalb er bei der Prüfung dabei war.
>Sicher. < erwidert er lässig und schüttelt meiner Trainerin die Hand. Erst jetzt scheinen sich Jacob, Quentin und Zac wirklich dafür zu interessieren, wer eigentlich die ganze Zeit bei mir ist. Dass man seinen Freund mit zu so einer Prüfung mitbringt, ist hier alles andere als üblich, aber nun ist wohl offensichtlich, dass er mehr mit der Schule zu tun hat, als sie glaubten. Dann wendet sich der Leiter grinsend an uns, weil wir ihn so erwartungsvoll ansehen.
>Ich will euch gar nicht länger auf die Folter spannen. < wirft Henry ein. >Lukaz hat euch beurteilt und ich habe eure schriftlichen Prüfungen mit Madison durchgesehen. Ihr habt es natürlich alle geschafft. <
Plötzlich atme ich wieder und ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich die Luft anhielt. Auf meinem Gesicht breitet sich das wohl größte Lächeln seit Langem aus und ich bin so stolz, dass ich die Schule nun doch noch abgeschlossen habe. Mein Blick geht zu Sam, der mir mit verschränkten Armen zuzwinkert. Das Ganze ist relativ locker und Henry gratuliert uns allen. Madison tut das ebenfalls und schüttelt jedem die Hand. Lukaz hingegen umarmt mich herzlich und überreicht mir dann meine Lizenz, die in einer Klarsichtfolie ist.
               Die drei anderen neuen Bounty Hunter haben sich inzwischen freudestrahlend von uns verabschiedet und packen ihre Taschen in ihren Zimmern. Auch Madison ist inzwischen gegangen, zwinkerte mir zuvor allerdings noch zu und sagte mir verschwörerisch, dass sie hofft, dass ich eine von ihnen werden würde – eine von den Frauen, die Undercover die brenzligen Fälle annehmen.  
Da Henry noch in der Mensa ist, nutze ich die Gelegenheit und frage ihn, wie das Ganze ab jetzt läuft und wie ich an meinen Auftraggeber komme. Er gibt mir ein paar hilfreiche Tipps und verweist außerdem darauf, dass ich meine Lizenz im Wagen noch einmal genauer ansehen sollte. Stirnrunzelnd nehme ich es zur Kenntnis und gebe schließlich noch meine geliehene Trainingskleidung ab.
Ich bedanke mich bei Henry für alles und verabschiede mich auch von Lukaz.
Und so verlasse ich die Schule gemeinsam mit meinem Freund als ausgebildete Kopfgeldjägerin.
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