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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
102 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
12.06.2020 6.560
 
Kapitel 39 - Verfolgt
(geänderte Erzählweise)

*TRIGGERWARNUNG!*
Dieses Kapitel beinhaltet blutige Gewaltszenen und kann bei vereinzelten Personen eventuell aufwühlend und/oder belastend sein.

Nayeli hat es getan. Sie kam zu diesem Treffpunkt, hat Madjid absichtlich auf sich aufmerksam gemacht und nun, da er nur wenige Meter hinter ihr läuft, muss sie all ihre Kraft aufwenden, nicht in Panik zu geraten. Bei Patrick Lambert war sie damals in dem Diner bei Weitem nicht so aufgeregt und selbst als der Dealer in Angora auf sie losging, raste ihr Puls nicht so sehr wie jetzt.
„Ich will sie genauso beseitigen wie ihre Mutter.“ ist der Satz, der ihr wieder einfällt, als Madjid ihn wütend zu seinem Handlanger sprach. Nayeli gehen hundert Dinge durch den Kopf und sie hat keine Ahnung, wohin sie ihn nun führen soll. Es ist doch niemand sonst bei ihr. Außerdem hat sie gerade keine einzige Reihenfolge der Geschäfte mehr in ihrem Kopf und weiß nicht, wo sie sich befindet, da sie förmlich einen Blackout hat.
Beiläufig dreht sie ihren Kopf seitlich, um ihren Verfolger aus dem Augenwinkel zu sehen.
Er bleibt gerade in einer Menschenmasse stecken und kämpft sich mit arabischen Flüchen und Handgreiflichkeiten wieder frei. Inzwischen sind nur wenige Augenblicke vergangen, seitdem Dimitrij ihr sagte, sie solle weitergehen. Und nun ganz plötzlich ist ihr ein Mörder auf den Fersen. Bisher weiß noch niemand was hier los ist.
>Sam, wo steckst du? Madjid folgt mir und ich habe keine Ahnung wo ich bin. Ich lief einfach weiter durch diese Gasse, in der er stand. < erklärt sie leise, damit ihr Verfolger nichts von einer bestehenden Funkverbindung mitbekommt.
>Er folgt dir? < brüllen plötzlich mehrere Stimmen geschockt los. Bis eben hatte niemand eine Ahnung, dass Opfer und Täter aufeinandertrafen.
>Ja. < haucht sie aus.
Dimitrij fängt sich als Erster und sagt:
>Was siehst du? Auf welchen Laden gehst du zu? <
>Five Below. <
Während sie Dimitrij eilig tippen hört, scheint Sam wieder in der Realität gelandet zu sein.
>Kleines, werde sofort den auffälligen Mantel los und hänge diesen Kerl ab. Jetzt wo er weiß, dass du hier bist, wird er die Mall nicht verlassen. Wir riegeln die Etage ab und du gehst jetzt zu Dimitrij runter! <
>Jetzt kann ich dich sehen. < keucht der Phantomzeichner erleichtert, als er Nayeli endlich wieder im Visier hat. >Er läuft gute zehn Meter hinter dir, also versuche nicht mehr zu reden. Sam hat recht. Werde den Mantel los und schüttele Madjid ab. Ich sage dir Bescheid, wenn er dich nicht mehr verfolgt und dann kommst du zum Van. Der Typ zückt gerade ein Handy. Wahrscheinlich versucht er seine Leute zu erreichen. <
Tatsächlich klingelt nur Sekunden später ein Handy von einem der Marionetten. Es ist Sophia ein wenig unbehaglich, zwischen drei bewusstlosen Männern in einem Van zu sitzen, aber irgendwie mussten die Hunter die Zielpersonen ja unauffällig aus dem Gebäude bekommen.

            Nayelis Atmung geht inzwischen stoßweise und sie fragt sich ernsthaft, wie sie das anstellen soll, was Sam und Dimitrij von ihr wollen. Madjid ist doch nur zehn Meter hinter ihr, aber immerhin hält ihn die Fülle an Menschen davon ab, sie direkt anzugreifen. Diese 390.000 Quadratmeter sind der reinste Fluch, aber wenigstens weiß sie, dass alle Augen von Sophia und Dimitrij nur noch auf sie gerichtet sind.
Die Indianerin erkennt in einer dieser Gassen, wo die Menschen zwangsweise noch enger aufeinandertreffen, eine Gelegenheit zu entwischen. Unauffällig löst sie bereits den Gürtel des roten Mantels und öffnet langsam die Knöpfe. Als die aufkeimende Lücke da ist, huscht sie hindurch und weiß, dass Madjid nicht so schnell hinterherkommt. Sie zieht den Mantel aus und wirft ihn kurzerhand über die Lehne einer Sitzbank. Die Mutter, die dort mit ihrem Kind sitzt, stiert sie irritiert an.
Erst jetzt kann Madjid wieder weitergehen und für diese Dreistigkeit, ihm im entscheidenden Moment im Weg gestanden zu haben, verpasst er einem Fremden eine Schelle und geht weiter. Der fremde Mann weiß gar nicht wie ihm geschieht und vor allem hat er keine Ahnung, wer ihn gerade geschlagen hat.
Als der Taliban wieder bessere Sicht hat, versucht er sein entflohenes Spielzeug wiederzufinden, aber hektisch sucht er die Umgebung ab.
>Alqarf. (Scheiße). < flucht er auf Arabisch und geht weiter geradeaus. Dieses Mädchen spielte ihm geradezu perfekt in die Hände und hat seinen Jagdinstinkt geweckt. Seine Nasenflügel blähen sich und er presst wütend seine Kiefer aufeinander. Niemand von seinen Anhängern geht ans Handy. Was machen diese Idioten eigentlich? Das ist der Nachteil, wenn man sich so schnell wie möglich Personen zur Hilfe besorgen muss, die man kaum kennt. Sie sind unfähig.

            Sam hat inzwischen viel zu lange nichts mehr von Nayeli gehört, auch wenn es ganz sicher nur wenige Sekunden waren, aber für ihn fühlt sich jede hilflose Sekunde wie eine Minute an.
>Kleines, bitte sag mir, dass du ihn abgehängt hast. <
>Ich will mich nicht umdrehen aber ich denke schon. Den Mantel bin ich gerade losgeworden. < flüstert sie, was ihn immerhin aufatmen lässt.
>Gut und nun zu dir Dimitrij. Sag den Teams verdammt nochmal zu welchen Abteilen sie müssen, um diesen Kerl nicht mehr rauszulassen! Wir rennen hier alle nur im Kreis herum. Was ist das für eine Scheiße? <
>Es tut mir leid aber es läuft nicht so wie geplant. <
>Sag uns wo wir abriegeln müssen! Genau dafür bist du der Analyst. < ruft er aggressiver.
Nayeli kann seine Wut verstehen und auch die der anderen. Ruby erklärt ihr gerade zeitgleich, dass sie ihr helfen will, um Madjid von ihr wegzulocken – denn zu diesem Zweck ist sie ja schließlich hier, aber auch sie hat keine Ahnung mehr, wo sie überhaupt noch hinsoll. Es führt kein schneller Weg zu ihrer Freundin. Immer wieder wechseln die Sprachen per Funk und jeder hat seinen Auftrag verstanden, ihn aber in die Tat umzusetzen, ist in diesem Moment nur langsam möglich. Dimitrij und Sophia schicken die Männer nun zu den Posten auf der dritten Etage, die gerade günstig für sie sind, ohne dass sie wieder eine lange Strecke auf sich nehmen müssen. Sie sind genug Personen und haben Madjids Helfer ausgeschaltet. Wenn sie nun noch sämtliche Ausgänge auf dieser Etage besetzen, dann werden sie ihn schon kriegen. Die Frage ist nur wann.
Dann dreht sich Nayeli doch flüchtig um. Auf den ersten Blick hat sie ihren Verfolger zwar nicht entdeckt, aber das hat nichts zu heißen.
>Ist er weg? < fragt sie per Funk. Eine eisige Stille ist jedoch in der Leitung. >Hallo? Habt ihr mich gehört? <
>W…wir haben ihn wieder verloren. < piepst Sophia und ahnt wohl gleich Sam´s nächsten Wutausbruch herbei. Ehe er sie gleich anschreien kann, erklärt sie zu ihrer Verteidigung weiter: >Aber zumindest kann ich ihn nicht hinter Nayeli laufen sehen. Es geht eben nur eines. Wir sollten euch zu euren Posten lotsen. <
Sam atmet angestrengt aus und massiert sich genervt seine Schläfen.
Seine Freundin ist nun beinahe am Ende des südlichen verwinkelten Flügels und dort klafft sich eine Lücke auf. Die Leute, die ihr entgegenkommen, werden immer weniger – was sie irritiert. Dann kommt sie zu einer Stelle, die sie in die vierte oder in die zweite Etage führen würde. Zuvor kam sie an dieser Verzweigung noch nicht an und bemühte sich bisher so wenige Nebengänge zu benutzen wie möglich. Aber sie hat sich – bei dem Versuch Madjid abzuhängen, hoffnungslos verlaufen. Und wenn sie selbst ehrlich zu sich ist, hasst sie es, dass von jetzt an das Team so lange nach ihm suchen wird, bis er gefunden wurde.
Inzwischen laufen ihr nur noch einzelne Grüppchen entgegen.
>Ich gehe gleich runter in die zweite Etage und laufe dann zum Van. < verkündet sie.
>Gut, hat jetzt jeder seinen Posten eingenommen? U kazhdogo yest´svoya pozitsiya? < fragt Dimitrij. Es irritiert Nayeli, da sie die Bestätigungen hört, aber sie kann niemanden sehen, der hier hinten abriegelt, wo sie steht.
>Nayeli, gib mir deine Position durch. Ich kann dich nicht finden. < ertönt erneut die Stimme von Sophia.
Aber anstatt ihr zu antworten, steht sie am Ende des Ganges und sagt:
>Hier stimmt was nicht. Max, wo war das, wo vorhin die Rolltreppe gesperrt war? < keucht Nayeli plötzlich, als sie nicht nach unten kommt. Beide Rolltreppen sind ausgestellt. Das wäre nicht das Tragische, denn sie könnte einfach trotzdem laufen aber die, die sie theoretisch in das zweite Geschoss führen würde, ist mit den Stufen zusammengeklappt. Das bedeutet, sie blickt hinunter in ein klaffendes Loch. Die Rolltreppe die nach oben führt, wird immerhin nur durch ein Absperrschild lahmgelegt.
>In einer verwinkelten Ecke des Südflügels. Warum? < meldet sich Max sofort.
>Weil ich wahrscheinlich nur ein oder zwei Gänge weiter stehe. Ich habe das gleiche Problem wie du vorhin, aber ich komme von hier aus nicht nach unten, weil es keine Rolltreppe mehr gibt. Ich kann nur durch die Absperrung nach oben in die vierte Etage. <
>Dann gehe lieber nach oben, bevor du dort stehenbleibst! Siehst du Madjid irgendwo? < ruft Sam.
Sie wirft einen Blick hinter sich und schaut zu einigen Menschen. Die meisten haben ihr den Rücken zugewandt, da sie schnell merkten, dass es hier nicht weitergeht.
>Ich glaube nicht. Zumindest fällt er mir nicht ins Auge. <
Eilig duckt sie sich bereits durch die Absperrung durch und läuft nach oben über die stillgelegten Metallstufen.
>Okay Leute, jetzt an alle. < verkündet Dimitrij. >Madjid trägt eine Jeans, schwarze Schuhe und eine offene dunkelblaue Jacke mit einer Fellkapuze. Auf dem linken Oberarm ist ein weißes Logo mit einem Berg. Wie er aussieht, wisst ihr. Nayeli bleibt in der vierten Etage bis wir ihn haben. <
Er wiederholt das Ganze noch einmal auf Russisch und sofort sehen sich die Teams genau um. Sophia und Dimitrij versuchen auf den Bildschirmen hinterherzukommen so gut es geht. Madjid ist irgendwo auf der dritten Etage und er muss schleunigst gefunden werden. Der Phantomzeichner versucht im Van ein mobiles Bild von Sam´s Freundin zu bekommen, aber er hat keinen Kamerazugang zu der Stelle, die sie ihm beschrieb. Auch die Stelle, an der Max vorhin festhing, ist nicht zu finden. Er versucht es erneut. Doch es ist dasselbe Problem, das er schon hatte, bevor der Einsatz überhaupt losging.
Dimitrij richtet sein Headset und sagt:
>Nayeli, ich kann dich nicht sehen und ich habe keinen Zugriff auf die Kameras in der vierten Etage. Ich weiß nicht, weshalb das so ist aber ich versuche es immer wieder. <
Gerade in diesem Moment kommt Nayeli endlich oben an und sieht sich verwirrt um. Sie steht auf verschraubten Holzspanplatten, ist umgeben von ein paar provisorischen Stellwänden, die ebenfalls aus Holz sind und wird umringt von transparenten Planen, die von den Decken herunterhängen. Es riecht nach frischer Farbe, aber es ist auch unglaublich staubig.
>Du hast keinen Zugriff, weil hier oben die absolute Baustelle ist. Müssten hier nicht mehrere Kinos sein? Ich bin vollkommen allein. < berichtet sie.
Da auf einen Samstag kein Bauarbeiter arbeitet und der Teil nun ziemlich offensichtlich für die Besucher der Mall gesperrt ist, ist hier kein Mensch.
Sie läuft weiter, aber ihr wird schnell klar, dass wohl die ganze Etage gesperrt wurde, um sie zu renovieren.
>Das ist doch nicht zu fassen. < ruft Sam verächtlich aus. >Wir haben seit 1 ½ Tagen dieses Gebäude nach sämtlichem Mist geprüft und wissen sogar welche Parkplätze nicht an das Personal vergeben wurden. Wie kann es sein, dass niemand weiß, dass eine komplette Etage stillgelegt ist? <
>Du hast es genauso überprüft wie ich. Sogar mehrfach. < verteidigt sich Dimitrij, der darüber genauso aufgebracht ist. >Weder auf der Homepage, noch im Personalcomputer war davon etwas zu lesen. Wir wussten nur von dem Flur, der renoviert wird. <
Das weiß Sam, aber das macht es nicht weniger nervenaufreibend.
>Dreh nicht um, Kleines! Bleib dort. < ruft Sam ins Headset hinein. >Ruby, kannst du deine Position verlassen und zum Südtrakt gehen? Vielleicht läuft Madjid noch in der Nähe herum und versucht sie wiederzufinden. Er muss dich sehen und du musst ihn weglocken. <
>Ja kein Problem, Sergej behält meinen Bereich mit im Auge. < bestätigt sie.
Um alle sofort über die neue Sachlage aufzuklären, hört Nayeli wieder nur die russische Sprache in der Leitung.
Es gibt jedoch einen Gedanken, den Sam nicht laut aussprechen will. Von jetzt an, ist seine Freundin schutzloser denn je. Das Beste wird sein, wenn sie einfach mitten auf der Baustelle wartet, bis es Entwarnung gibt – und wenn es Stunden dauert, aber das ist ihm egal.
Nayeli geht hingegen weiter und überlegt, ob sie über einen der Personalflure von hier wegkommt. So könnte sie endlich zu Dimitrij gelangen und auf diese Weise wurden immerhin auch die drei Anhänger von Madjid von hier weggeschliffen. Da das ehemalige Kino eine gigantische Fläche benötigt, gibt es weniger unnötige verwinkelte Gänge und somit auch weniger Wege zu dieser Etage, wodurch sie nicht einfach bei der nächstgelegenen Rolltreppe wieder hinunterlaufen kann. Durch die Bauarbeiten sieht einfach alles gleich aus und sie hat schnell den Überblick verloren, was auch an den Schutzplanen liegt, die von den Decken hängen. Sie kann dadurch nicht weit genug nach vorn sehen und verliert schnell die Orientierung.
Lukaz riegelt nun auch den Bereich ab, wo Sam bis eben noch war. Der Profikiller kann seine Freundin einfach nicht schutzlos allein lassen. Sein Gefühl sagt ihm, dass er dort sein muss, wo sie ist. Er wird denselben Weg nach oben nehmen, den sie vor wenigen Minuten nahm, statt mit einem alternativen Weg zu experimentieren. Ganz offensichtlich besteht keine Kameraverbindung und im Grunde geht es kaum besser, um unauffällig zu ihr zu gelangen. Allerdings haben seine Wut und seine Hilflosigkeit ein Maß angenommen, das er bisher selten kannte. Wieso zum Teufel muss immer alles schiefgehen, wenn es um Nayeli geht? Jahrelang als er allein arbeitete, passierte so ein Mist nie. Er ist und bleibt dieser Meinung – zu große Teams funktionieren nicht.
>Kleines, wo bist du jetzt? Ich versuche zu dir zu kommen. < fragt er deutlich panischer, weil sie schon wieder eine Weile lang nichts sagte.
>Ich habe keine Ahnung. Hier sieht alles gleich aus. < sie läuft zu einer Tür, die nun offenbar in einen der Flure führt und rüttelt daran herum, aber sie ist durch einen Schlüssel abgeschlossen worden. >Mist. Ich komme nicht über die Flure zu Dimitrij. Die Türen haben hier oben nicht die digitalen Türöffner, die wir per Handysoftware öffnen können. Wahrscheinlich kommen die erst mit der Renovierung. Ich komme hier jedenfalls nicht raus. <
Eine gute Nachricht hat Sam inzwischen nicht mehr erwartet, aber dennoch gibt es Schlimmeres als das. Er wird ohnehin gleich bei ihr sein.
>Wo ist Madjid? Hat ihn irgendjemand? < ruft Sam in das Headset hinein und wiederholt es auf Russisch. Aber niemand sagt etwas in den Leitungen. Nayeli versucht es weiter und rüttelt an einer anderen Tür herum, nachdem sie die nächste Plane beiseite geschlagen hat. Jedoch ist es egal, was sie versucht. Hier oben scheint sie festzusitzen, bis einer der Männer ihren Verfolger hat. Seufzend lehnt sie sich gegen eine Betonwand und stellt sich darauf ein, hier ausharren zu müssen. Aber sind das Schritte, die sie da plötzlich hört?
>Wo ist Madjid? < zischt Sam noch einmal und bei dieser kaltblütigen Tonlage läuft es selbst seiner Freundin eiskalt den Rücken runter.
>Es tut mir leid. < sagt Dimitrij ehrfürchtig >Sophia und ich haben ihn nirgends auf den Bildschirmen. Aber wir haben nun alle Übergänge der gesamten dritten Etage auf dem Schirm und ihr riegelt sie zusätzlich ab. Er kann ungesehen nicht mehr von dort wegkommen. <
Jeder der das soeben gehört und verstanden hat, presst die Lippen zusammen. Madjid wird auf jeden Fall heute gefasst werden. Er ist hier irgendwo und er will sein Vorhaben durchziehen. Nayeli will er um jeden Preis.
Die Stille in der Leitung ist zum Bersten gespannt. Sam fängt sich als Erster wieder.
>Kleines? Ich bin gleich oben. Schick mir deinen Standort von dem Handy. Sonst laufe ich wieder Ewigkeiten ziellos umher. < sagt er abgehetzt und kommt erst jetzt auf diese Idee. Bisher nahm er an, dass Dimitrij die ganze Sache auf die Reihe bekommen würde und alle Personen leiten könnte. Auch Nayeli kam diese Idee zuvor nicht und sie tastet hektisch an ihrer Kleidung herum.  
>Scheiße nein. < keucht sie plötzlich. >Das Telefon ist noch in dem Mantel. <
Ihre Anweisung war es, so schnell wie möglich das Kleidungsstück loszuwerden und sie dachte keinen Moment an das Handy. Da sie zuvor nie eines besaß, verschwendete sie keinen weiteren Gedanken daran, dass etwas fehlen könnte.
Sie hört Sam fluchen, weil er schon wieder nicht durch die Menschenmassen kommt, aber immerhin scheint Ruby laut ihrer Aussage bald an der vereinbarten Stelle zu sein, was Sam immerhin ein wenig besänftigt. Zu allen Seiten blickend, überlegt die Indianerin, was eine ausreichende Beschreibung für Sam und die Hunter wäre, um ihren Standort genauer darstellen zu können. Sie geht instinktiv dorthin, wo das natürliche Licht herkommt. Dort schiebt sie die Planen beiseite.
>Ich stehe am Fenster und kann genau parallel zu diesem Wasserpark schauen. < informiert sie die anderen.  
>Na das ist doch mal ein Anhaltspunkt. < seufzt Sam, der soeben an Rubys Standpunkt vorbeigelaufen ist. Endlich funktioniert etwas und sie läuft nun ihre Strecke auf und ab, in der Hoffnung, dass Madjid auf sie aufmerksam wird.
Nun ist er bei der stillgelegten Rolltreppe angekommen. Er ist noch längst nicht bei seiner Freundin, aber jetzt kann ihm zumindest niemand mehr im Weg herumstehen.
Nayeli hingegen lässt die Plane wieder zurückfallen und weiß, dass Sam sie jeden Moment zu Dimitrij begleiten wird, während die Teams den Rest erledigen. Das hatten sie sich wohl alle etwas anders erhofft und der Weg bis hierher glich dem reinsten Chaos.  
Sie hört wieder Schritte auf dem Holzboden und weiß, dass sie auf keinen Fall  eingebildet sind. Instinktiv dreht sie sich dorthin, aber es ist durch die vielen Stellwände und Plastikplanen niemand zu sehen. Sie überlegt, ob sie Sam bereits entgegenlaufen sollte, aber es ist wohl besser, wenn sie ihre Position nicht verlässt. Bei ihrem Glück verpassen sie sich sonst noch einmal.
Die zu hörenden Schritte wirken jedoch zu aggressiv aber dennoch zu langsam. Sie weiß, dass Sam in diesem Moment so schnell er kann zu ihr rennt. Wer auch immer vor ihr ist, es ist nicht ihr Freund.
Ihr Blick richtet sich auf einen Schatten, der auf die milchigen Planen zuläuft. Dort bahnt sich allmählich eine breite Gestalt an. Vielleicht hat jemand von der Security gesehen, wie sich Nayeli auf die abgesperrte Etage schlich.
Vorsichtig bewegt sie sich seitwärts und lässt den Schatten nicht aus den Augen, aber dann reißt er den Vorhang beiseite und sie zuckt zusammen.
Die kalten, dunklen Augen des Talibans blicken auf sie herab. Erst schauen sich die beiden vollkommen schockiert an, aber dann wird Madjids Lächeln breit, als er sein Opfer erkennt.
Vor wenigen Minuten ging er weiter diese Gasse hinter dem Treffpunkt entlang und hoffte, dass er den roten Mantel wiedersehen würde.
Er sah ihn – allerdings lieblos über eine Bank geworfen. Das hätte ihn wütend machen sollen, aber es heizte ihn nur noch weiter an. Zeitweise hatte er sein Opfer verloren und hätte er sich nicht noch ein weiteres Mal am Ende des verzweigten Südflügels nach hinten umgedreht, wäre es ihm entgangen, dass sich eine einzelne, schwarz gekleidete Person eine stillgelegte Rolltreppe hochschleicht. Das letzte Stück des Pferdeschwanzes wehte umher und erbost schubse Madjid jeden Menschen beiseite, der ihm auch nur in die Quere kam.
Aber da steht sie nun vor ihm. Schön und zerbrechlich wie eine Blume und bereit, aus dem Boden herausgerissen zu werden. Madjid genoss bereits den Moment, als sich ihre Augen bei seinem Erscheinen weiteten. Ihn hat sie hier ganz sicher nicht erwartet.

(-->„Sea of Flames” von Epic North)
https://www.youtube.com/watch?v=phP2ubLwpU8
>Endlich habe ich dich, Häschen in der Grube. < sagt er boshaft mit einem arabischen Akzent. Alle Personen, die der englischen Sprache mächtig sind und bis eben noch über Funk miteinander geredet haben, erstarren zu Eis. Jeder hat diesen Satz gehört und sie kennen Madjids Stimme durch die Spionage.
>Nein, nein, nein! < ruft Sam aus und beordert alle Hunter und Killer sofort zu diesem Südflügel, wo Ruby bis eben noch auf und ab lief. Er schickt seinen jetzigen Standort an jedes der Handys, damit sich auch niemand mehr verlaufen kann. >Ich bin gleich da Kleines, okay? Versuch ihn hinzuhalten. <
Sam gibt weitere Anweisungen, während Nayeli einfach nur dasteht und nicht fassen kann, dass der Plan immerhin doch geklappt hat. Mit beschleunigter Atmung starrt sie ihn an und in ihrem Blick verwandelt sich etwas in abgrundtiefen Hass.
>Du solltest besser aufpassen, was du im Internet machst, kleine Blume. < schwatzt er grinsend und zückt ein Messer.
>Warum? Du bist doch voll darauf reingefallen. < entgegnet Nayeli mit mehr Stärke in ihrer Stimme, als sie von sich erwartet hätte.
>Was? < fragt der Taliban sichtlich irritiert und hält kurz inne.
Aber ohne noch länger mit diesem Mörder einen Plausch zu halten, ohne ihn bis zum Eintreten der Hilfe länger hinzuhalten und ohne diese geduckte Haltung einzunehmen, die jetzt vielleicht normal wäre, weiß sie, was sie seit Monaten mit diesem Kerl anstellen will.
Es war nicht nur dummes Gerede von ihr, ihn beseitigen zu wollen, sondern es war ihr absoluter Ernst. Sam wird ihr womöglich nicht die Möglichkeit geben, ihn sich vorzuknöpfen, wenn er erst einmal an ihre Seite gekommen ist. Also macht sie einen Satz nach vorn und greift ihn an. Sie hat zu lange darauf gewartet, zu lange in einer unterwürfigen Haltung verharrt, zu lange diese seelischen Schmerzen erdulden müssen.
Bei ihrer unerwarteten und abrupten Bewegung reißt Madjid die Augen auf. Er dachte, die kleine Blume würde panisch davonlaufen, so wie damals. Als sie auf ihn zukommt, zögert er nur für einige Sekunden und rennt dann ebenfalls auf sie zu. Auf keinen Fall will er sie umbringen – nicht hier und nicht so schnell, aber ihr Auftreten wirkt entschlossen ihn anzugreifen, weshalb er aus einem Reflex heraus sein Messer von oben auf sie niederstechen will.
Doch seine Angreiferin sah es bereits kommen und so wie sie es gelernt hat, greift sie an Madjids Handgelenk, verdreht es, worauf er schmerzerfüllt keucht und die Waffe fallenlässt. Sie versenkt ihr Knie in seinem Magen und stößt ihn dann von sich. Bei dem Stolpern nach hinten reißt er eine Plane mit sich.
>Nayeli, was ist da los? < japst Sam, der außer Atem ist, weil er so rennt. Er ist auf der vierten Etage und peilt die Richtung an, die seine Freundin ihm beschrieb. Eilig schiebt er die Folie am Fenster zur Seite, um zu sehen, wie weit der Wasserpark noch entfernt ist. Sofort rennt er wieder los und muss Nayeli finden. Sie beantwortet seine Frage nicht. Stattdessen hört er Gekeuche und Schmerzensschreie – aber nicht von ihr, sondern von einem Mann.
Die Indianerin bekommt zwar die Funksprüche mit, aber sie hört das alles nur noch im Hintergrund. Wieder geht Nayeli auf Madjid zu, der vollkommen geschockt davon ist, dass sie ihn soeben angriff. Eine Welle reinster Selbstsicherheit durchströmt sie, da sie ihm die Verblüffung ansieht. Er steht wieder und versucht ihr eine mit seiner Faust zu verpassen. Doch sie wehrt ihn ab und schlägt ihren Ellenbogen in sein Gesicht, wodurch er wieder einige Meter rückwärts läuft. Sie lässt ihm keine Chance. Hinter ihm ist eine dieser Stellwände und sie greift seinen Kopf, um ihn gewaltsam dagegen zu donnern.
>Leute, sie macht ihn vollkommen fertig. < haucht Lukaz, der genauso abgehetzt wirkt, wie der Rest des rennenden Teams. Immerhin sind bisher nur Madjids gequälte Ausrufe zu hören. Das Messer, das der Taliban zuvor auf Nayeli hinabsausen ließ, liegt inzwischen zu weit weg, aber er zückt ein Weiteres. Dieses Mal ein Springmesser.  
Er ist also ganz eindeutig mit dieser Waffe geübter als mit einer Pistole und das scheint sein Ding zu sein, Menschen abzustechen. Sein Arm schnellt vor und will Nayeli am Bauch treffen. Doch sie dreht sich heraus, schnappt sich seinen langgestreckten Arm und schleudert ihn über ihren Rücken zu Boden. An der Hunterschule gab es Personen, die sie in Grund und Boden trampelten, aber Madjid kann ihnen nicht annähernd das Wasser reichen. Er liegt auf den Holzplatten und versucht mit einem Stöhnen wieder aufzustehen, aber Nayeli tritt ihm in die Seite. Das Springmesser liegt zu ihren Füßen und sie greift danach.
Als er wieder aufstehen will, lässt Nayeli die Waffe auf ihn niederrasen. Sie treibt ihm die Klinge direkt mittig durch die Hand und somit in den Holzboden hinein. Ein schier entsetzlicher Schmerzensschrei geht schallend über die gesamte Baustelle und auch jeder in der Leitung hat das gehört. Dieser grauenvolle Mann, der so schreckliche Dinge tat, jammert wie ein verletztes Tier. Sie starrt weiter auf diesen Kerl am Boden, der sich vor Schmerz windet. Er kann nur dann aufstehen, wenn er das Messer aus seiner Hand und dem Boden zieht. Wie in einem Wahn kniet sie sich über ihn.
>Du hast absolut keine Ahnung was Schmerzen sind. < haucht sie und meint es auch so.
Ihre Faust rast auf ihn nieder, ebenso die zweite Faust und dann wieder die Erste. Links, rechts, links, rechts.
Dieser Mann hat Iye und ihre Mutter umgebracht. All ihr Verlust, all ihr Schmerz und all ihre Rache stecken in diesen Schlägen.
Anfangs versuchte sich Madjid noch mit einer Hand zu wehren und brüllte sie an, aber nun verebben die Schreie. Blut klebt an ihren Fäusten und es verteilt sich über den Holzboden.
Plötzlich greift jemand von hinten unter ihre Arme und zieht sie von ihm herunter. Sie will sich wehren, aber dann wird sie gedreht und sieht in die hellen Augen von Sam. Er ist vollkommen außer Atem und blickt zwischen ihr und dem blutüberströmtem Madjid am Boden hin und her. Sein Herz rast, aber er ist auch unfassbar erleichtert, als er an seiner Kleinen herabsieht und sie scheinbar unverletzt ist. Nur ihre Fäuste sind in Mitleidenschaft geraten.
>Ich bin bei ihr. Madjid ist ausgeknockt, ich bin raus aus der Leitung. < erklärt Sam knapp, wiederholt es auf Russisch und trennt dann die Verbindung zu den anderen. Schnell aktualisiert er den Standort für die Handys und greift dann auch zu dem Ohr seiner Freundin, um die Verbindung zu kappen.
Dem Würgen nahe sieht Nayeli auf ihre Hände. Sie sind blutverschmiert und die Fingerknöchel sind aufgeplatzt. Madjid gibt keinen Laut mehr von sich.
Sam greift energisch ihren Hinterkopf und drückt erleichtert seine Lippen auf ihre.
>Es tut mir so leid, das war nicht geplant. Ich wollte nicht, dass du ihm begegnest. < erklärt er und drückt dann Nayelis Kopf gegen seine Brust. Sam wirkt viel aufgewühlter als sie es ist.
>Er hatte nichts drauf. Gar nichts! < erklärt sie vollkommen verwirrt in einer hohen Stimme. >Weißt du wie leicht es damals gewesen wäre, wenn ich das gekonnt hätte, was ich heute kann? <
>Es gibt Kriminelle, die nur durch ihre Waffe bedrohlich sind. <
Doch plötzlich hören beide ein Keuchen und als Madjid offenbar wieder zu sich kommt, schießt auch der Schmerz durch seine Hand, die durch das Messer am Boden gepinnt ist.
Er spuckt Blut und richtet seinen Kopf auf. Er sieht erst zu seiner Hand, blickt panisch davon weg und erkennt dann, wie sich Nayeli an Sam klammert.
>Du verdammte Rothaut. < japst er und greift zu dem Griff seines Springmessers aber er schafft es nicht, sich zu überwinden, es herauszuziehen.
Bei dieser Beleidigung drückt sie sich von Sam´s Brust ab und will erneut zu Madjid aber ihr Freund lässt sie nicht weg.
>Nein, Kleines. Du bringst ihn um, wenn du weitermachst. <
Entgeistert starrt sie ihn an, denn genau das ist doch Sinn und Zweck des Ganzen. In dem Moment, als sie Sam sagen will, dass er sie loslassen soll, weil sie es beenden will, kommt Ruby angerannt. Jetzt, da jeder eine Route auf dem Handy hat, der er folgen kann, sind auch Max und Nigel schnell bei ihnen. Abgehetzt sehen sie den blutenden Madjid, der die Welt nicht mehr versteht. Wo kommen plötzlich die ganzen Leute her? Niemanden scheint es zu kümmern, dass hier jemand ein Messer in der Handfläche hat. Er erträgt diesen stechenden Schmerz kaum, keucht und hält Stellenweise sogar die Luft an.
>Oh Mann, geht’s dir gut? < erkundigt sich Nigel bei Nayeli, die nur nickt.
Madjid scheint jetzt erst mitzubekommen was hier eigentlich läuft, denn er starrt Ruby an, die den identischen Look wie sein potenzielles Opfer trägt. Er ist geradewegs in eine Falle hineingetappt und erst jetzt wird ihm klar, wie offensichtlich er hierhergeführt wurde. Ihn scheint die Wut zu packen und er umgreift den Griff des Messers erneut, um es sich dieses Mal mit einem Schmerzensschrei aus der Hand zu ziehen. Mühevoll richtet er sich auf und taumelt ein paar Schritte rückwärts. Dann will er benebelt auf Nayeli zugehen, doch Sam lässt sie los und schlägt ihm mit der Faust frontal in seine Visage.
Madjid fällt um wie ein nasser Sack. Erst knallt er auf die Seite und dann rollt er auf den Bauch. Erneut ließ er dabei das Messer fallen. Das ist wohl nicht sein bester Tag.
Sam fackelt nicht lang, zückt aus seinem Gürtel die Handschellen, die er ihm hinter seinem Rücken anlegt und reißt Madjids Nacken an den Haaren gepackt nach hinten.
>Du verdammtes Arschloch wirst sie nie wieder anfassen. < zischt er in sein Ohr.
Dieser Mann – der so lange in Nayelis Alpträumen war, liegt so schnell am Boden wie sie es niemals für möglich gehalten hätte. Sie ist einfach nur verwirrt darüber und fragt sich, ob sie es damals wenigstens hätte versuchen sollen, ihn oben im Flur anzugreifen. Allerdings waren die Männer in der Überzahl und sie hatte keine Ahnung vom Kämpfen. Anstatt etwas zu antworten, stöhnt er nur irgendetwas Unverständliches vor sich hin, als Sam ihn auf die Beine zieht.
Sein Gesicht sieht übel aus, so als hätte er bereits zehn Runden in einem Boxring gestanden. Sam hält ihn an den Handschellen fest und holt mit der anderen Hand eine Spritze aus seiner Jackentasche. Er nimmt die Kappe zwischen seine Zähne und zieht sie ab. Sobald Madjid aus dem Augenwinkel sieht, was Sam vorhat, schreit er plötzlich los. Max war schon darauf vorbereitet und drückt ihm seine Hand auf den Mund, während der Stoff direkt in seine Halsvene gejagt wird. Nun kommen auch nach und nach die anderen des Teams dazu und Madjids Blick wird immer verzweifelter.
Das linke Auge von ihm schwillt allmählich zu und dennoch öffnet er beide, um zu Nayeli zu sehen.
Sie geht zu ihm heran, so nah, dass ihre Gesichter nur zwanzig Zentimeter auseinander stehen. Hasserfüllt blickt sie an diesem Mann hinunter und kann nicht glauben, dass ausgerechnet er die zwei Hilflosesten in dem Haus ermordete – offenbar weil es leichter für ihn war.
>In meiner Erinnerung warst du so viel größer. < haucht sie und meint es in zweierlei Hinsicht, weil er vor ihr steht wie ein Häufchen Elend. Aus seiner Kehle kommt ein ängstliches Wimmern. Er hätte im Leben nicht gedacht, dass ihm so eine Überraschung blühen würde. Langsam sackt er in den Knien ein und seine Augenlider werden schwerer.
>Was hast du ihm gespritzt? < fragt sie Sam, als nun die Teams vollzählig sind.
>Nur ein Narkosemittel. <
Nikolaj rückt neben Nayeli, nickt zu dem verprügelten Madjid und fragt sie:
>Eto byl ty? (Warst du das?) <
>Da. (Ja.) <
>Ty znayesh´ kak eto rabotayet, printsessa. (Du weißt wie das läuft, Prinzessin.) < bemerkt er feixend. Er wusste, dass Nayeli die Ausbildung zu einer Kopfgeldjägerin angefangen hat und auch, dass sie derzeit mit den anderen Huntern trainiert, aber er hatte keine Ahnung, was sie kann. Da ihr Russisch noch ziemlich schlecht ist, will sie Lukaz fragen, was Nikolaj als Letztes zu ihr gesagt hat, aber sie sieht zu Sam, der bei dieser Bemerkung ziemlich sauer aussieht.
               Damit Madjid nicht alles mit seinem Blut einsaut, verbindet der Profikiller ihm notdürftig die Hand und wickelt einige Male eine abgerissene Plane fest herum. Er geht äußerst lieblos mit diesem Kerl um und lässt ihn einfach liegen.
>A teper´pokonchim s ublyudkom. (Und jetzt weg mit dem Mistkerl.) < zischt er und trifft ihn noch mit seiner Schuhspitze, als er von ihm weggeht.
Aleksey wirft ihn sich lässig über die Schulter und Nayeli beißt sich wütend auf die Wangeninnenseite. Für sie ist es unverständlich, weshalb ihr Freund sie aufgehalten hat. Sie hätte es doch hier und jetzt beenden können. Sam schaltet seine Funkverbindung wieder ein.
>Dimitrij, weißt du wie wir hier rauskommen? < fragt er.
Da Sam ihm den Standort geschickt hatte, kann Dimitrij darauf reagieren und beschreibt mithilfe des Bauplans das Treppenhaus, das die Teams nehmen sollen.
>Die Türen sind alle zu. Das können wir vergessen. < erwidert Nayeli, die bereits versucht hat, hier herauszukommen. Aber Nigel läuft sofort los, um das zu überprüfen.
Gute dreihundert Meter weiter verursacht er einen Heidenlärm, als er versucht, die Tür aufzubekommen. Er macht sich gewaltsam am Schloss zu schaffen, damit sie unbemerkt von hier wegkönnen.
>Ich habe sie offen. < ruft er ihnen zu. Sam nickt und sagt etwas zu den russischen Männern. Aleksey läuft bereits mit Madjid auf seiner Schulter los, um ihn von hier wegzubringen. Sergej läuft zum Unverständnis von Nayeli in die andere Richtung, während der Rest bereits hinter Aleksey hergeht. Zurück bleiben nur Sam und sie. Dann holt der Profikiller das bekannte Fläschchen mit Wasserstoffperoxid heraus und gießt es über die Blutflecken. Dort wo Madjids Hand verletzt wurde, ist reichlich davon zu finden. Nayeli will hingegen die Messer einsammeln. Sie greift sich das blutige Springmesser, das der Taliban als Zweitwaffe dabeihatte und sucht dann nach dem Ersten. Madjid wurde ziemlich durch die Gegend geworfen und es liegt etwa zwanzig Meter weiter. Sie hockt sich bereits hinunter und will danach greifen, aber dann hält sie inne und ihr stockt der Atem.
>Ich bin hier fertig. Wir können abhauen. < verkündet Sam und dreht sich bereits in Richtung der Tür, die Nigel geknackt hat. Er merkt jedoch sofort, dass seine Kleine dort auf dem Boden hockt und die andere Waffe anstarrt.
Sam kehrt um und läuft zu ihr. Da er die Funkverbindung nicht mehr benötigt, kappt er sie wieder.
>Was ist los? <
Sie sieht mit einem seltsamen Blick zu ihm hoch.
>Wenn du mich damals danach gefragt hättest, dann hätte ich dir dieses Messer niemals beschreiben können, aber ich erkenne es an dem Griff wieder. <
>Das ist die Mordwaffe? < keucht Sam.
>Ja, ohne Zweifel. < haucht sie aus und will danach greifen.
>Nein, warte. < Sam zieht seine Lederhandschuhe aus der Innentasche seiner Jacke und zieht sie sich über, um nach dem Messer zu greifen.
Er muss sofort an die Worte von der Anwältin Veronica Ambers denken.
„Bringen Sie mir im besten Falle die Tatwaffe.“ Es sind zwar sicher keine nachweislichen Blutspuren von Nayelis Familie mehr darauf, aber die Breite der Klinge wird man den Wunden zuordnen können und es werden Madjids Fingerabdrücke zu finden sein. Ein leichtes Lächeln umspielt sein Gesicht, auch wenn ihm die ganze Zeit nicht danach war.
>Weshalb hast du mich von ihm weggezerrt? < sprudelt es plötzlich aus Nayeli heraus. Sie ist wirklich sauer deswegen.
>Weil du ihn umgebracht hättest, wenn ich es zugelassen hätte. <
>Selbstverständlich. Nur deswegen sind wir doch hier. Du hast sämtliche Clanmitglieder erledigt, lass mir wenigstens diesen Scheißkerl. Soweit ich weiß, hast du mir gesagt, dass du mir sogar noch Munition für ihn geben würdest. <
>Ich kann verstehen, dass du dich übergangen fühlst, aber es ist besser so. Wer einen Job hat wie wir, muss verdammt auf seinen Gemütszustand aufpassen. Es ist eine Gratwanderung und manchmal sind wir nur ein paar Schritte davon entfernt, so zu werden wie unsere Zielpersonen. Ich lasse das nicht zu. <
>Was zur …? < beginnt sie angriffslustig, aber schafft es immerhin sich noch rechtzeitig auf die Lippen zu beißen und sich zu beruhigen. >Sam, seit einer Woche planen wir das Ganze. Ich hatte ihn und ich wollte ihn loswerden. Das wäre endlich ein Abschluss für mich gewesen. <
>Du bist ihn doch losgeworden. Und nun lass uns gehen. Du fährst jetzt mit den anderen ins Penthouse zurück und ich kümmere mich um den Rest. Ich werde dich dann später abholen. <
Sam diskutiert überhaupt nicht mit ihr, sondern lässt sie eiskalt stehen. Auf keinen Fall wird er sie das jetzt tun lassen, was in ihr brodelt – auch wenn er jedes ihrer Gefühle verstehen kann. Er legt das Messer von Madjid in seine linke Hand und streckt die rechte nach ihr aus.
Einen Augenblick lang ist sie dazu geneigt, seine Hand wegzuschlagen, aber sie greift danach und lässt sich von ihm hochziehen. Sie ist so wütend, denn er hätte ihr diese Gelegenheit nicht nehmen dürfen. Es ist ungerecht, dass sie zurückfahren muss, während er sich um die vier Männer in dem Van kümmert.
Vor Erleichterung legt er seine Stirn auf ihre, doch sie sieht ihn nicht einmal an.
Die beiden stehen immer noch mitten auf einer Baustelle, wo eben noch ein Mörder krankenhausreif geschlagen wurde.
>Gehen wir, bevor uns die Security noch erwischt. <
              Sam läuft mit ihr zu dem Flur und dann die vier Geschosse hinunter. Als die beiden im Erdgeschoss angekommen sind, öffnet Sam die Tür einen Spalt. Dort steht Max davor, der es bemerkt.  
>Ihr könnt kommen, die Luft ist rein. < erklärt er sofort.
Fast das gesamte Team steht dort an dem Seiteneingang und Sophia kommt stürmisch zu Nayeli gelaufen, um sie zu umarmen.
>Gott sei Dank ist alles gut gegangen. Bist du verletzt? < will sie wissen.
>Mir geht’s gut. <
Da Nayeli allerdings keine Jacke mehr trägt, beginnt sie bei den Temperaturen sofort zu frieren und schlingt die Arme um ihren Körper.
>Lasst uns endlich abhauen. < befiehlt Sam, nimmt die Hand seiner Freundin und zieht sie bereits wieder hinter sich her. Da sie von hier aus eine Weile zu den Parkflächen laufen müssen, gibt er ihr seine Jacke.
            Bei den Parkplätzen angekommen, setzt sich Sam zusammen mit Aleksey,   Lukaz und Sergej in seinen Pick-up. Seine Freundin hat keine Ahnung wo er jetzt eigentlich mit ihnen hinfährt. Sie weiß nur, dass ihm Dimitrij mit einem Van voll Krimineller folgen wird. Vielleicht entsorgen sie die Kerle direkt in einer Müllverbrennungsanlage oder sie versenken sie auf dem Grund des Lakes. Fakt ist jedenfalls, dass Sam nicht vorhat, Nayeli in diese Dunkelheit seines Geschäfts mit hineinzuziehen.
Sie steigt nun zusammen mit Sophia, Ruby und Max bei Louis ein und lässt sich von Sergej den roten Mantel zurückgeben, der tatsächlich noch unberührt auf der Bank lag. Selbst das Handy ist noch da. Sam verabschiedet sich überstürzt von ihr und lässt sie mit ihren ungeordneten Gedanken und verworrenen Emotionen bei den anderen Huntern zurück.
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