Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
GeschichteDrama, Krimi / P16
23.02.2018
14.02.2020
101
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7
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Danke an den Leser, der mir die 7. Empfehlung gegeben hat. :-*
Yippie. Langsam läuft es. ^^
Viel Spaß bei dem Kapitel. Es passt so schön zum Valentinstag.
Liebe Grüße Lynn

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Kapitel 22

Allein Sam´s Anwesenheit, Geruch und Berührung genügen, um meine Wut, mein Unverständnis und meine Angst für einen Moment in Luft aufzulösen. Wie kann ein einzelner Mensch nur so eine Macht über mich haben, dass ich für einen Augenblick vollkommen vergesse, dass das hier nicht gut für mich sein kann?
Er kann mich nicht nach Lust und Laune umherschieben wie eine Schachfigur und nicht jedes Mal ein Spiel nach seinen Regeln machen, nur um mich dann dafür bluten zu lassen.
Ich löse meine Lippen keuchend von ihm und schiebe mich einige Zentimeter mit meinen Händen gegen seine Brust gestemmt weg.
>Oh nein Sam, ich bin nicht so jemand, mit dem man umspringen kann, wie es einem gerade gefällt. In dem einen Moment küsst du mich und im anderen muss ich darauf warten, dass du deine Meinung änderst. Such´ dir jemand anderen dafür! <
Wütend will ich aufstehen, aber er zieht mich wieder zurück.
>Ich habe im Grunde nur eine Meinung geändert. < versichert er mir ernst und mit fester Stimme. Meine Hände haben sich in seinem Hemdstoff verkrallt und ich habe es zuvor gar nicht gemerkt.
Na los, nun sag´ es schon! Ich soll jetzt doch lieber in das Safehouse verschwinden, weil du gerade merkst, dass das hier doch zu viel Nähe ist. Erneut versuche ich mich hochzudrücken und will runter von ihm, aber er zieht mich einfach wieder lässig zurück zu sich.
>Welche Meinung denn? < frage ich in einem verletzten Ton, weil er mich so intensiv anschaut. Das war etwas, was mich von Anfang an, an Sam faszinierte. Dieser durchdringende Blick, der viel zu lange anhält. Als ich ihn noch nicht gut kannte, da wirkte er einschüchternd und ich wollte den Blickkontakt immer abbrechen, aber mittlerweile kann ich nicht mehr wegsehen. Meine Hände krallen sich immer noch verzweifelt in seinen Stoff. Ich habe Angst vor seiner Antwort, die ich doch eigentlich schon kenne. Weshalb zerfleische ich mich nur selbst so? Kann es nicht einfach ein glatter Bruch sein und damit ist die Sache erledigt?
Er lächelt plötzlich sanft und streicht mir über die Wange, was mich noch mehr verwirrt.
>Es fällt mir selten so schwer an Grundsätzen festzuhalten, aber ich kann nicht mehr alle Empfindungen so ausknipsen wie früher … und ich will es auch nicht. Also würde ich vorschlagen, du und ich, wir werden es … versuchen. < erklärt er vorsichtig. Ich hauche ungläubig aus. Hat er gerade das gesagt, was ich denke? Langsam glaube ich, ich habe immer noch Fieber oder ich muss wohl doch bei meinem Sprung gestorben sein und das hier ist meine Vorhölle.
>Was? Trotz deiner Prinzipien? <
>Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich wegen der offenen Aufträge und meiner Zielpersonen hin- und hergerissen, aber ich weiß, dass ich dich bei mir haben will und ich hoffe, dass du immer noch das Gleiche willst, wie damals. Du hast hier so sehr gefehlt, dass ich es in all der Zeit nicht mal hinbekommen habe, das Gästezimmer über das einmalige Aufräumen hinaus, zu betreten. < Das sieht man eindeutig. Auf dem Nachttisch ist bereits eine Staubschicht, die nicht zum Rest des Hauses passt. >Was sagst du dazu? <
Am liebsten würde ich sagen, dass ich skeptisch bin, ihm irgendwie nicht traue und nicht sein Spielball sein will.
Er hat uns beiden so wehgetan und das nur wegen dieser unbarmherzigen Welt dort draußen. Ich habe innerlich ein Problem damit, einfach jubelnd „Ja“ zu rufen und sofort bei seinem ersten Fingerschnips zu springen – denn ich weiß, dass ich das keinem anderen Mann verzeihen würde. Es widerstrebt mir, mich nach alldem so einfach herumkriegen zu lassen, nur weil ihm jetzt einfällt, dass er mich doch will. Er hätte mir die letzten Monate eine Menge erspart, wenn er nicht so stur gewesen wäre. Und dennoch bin ich einfach so glücklich, dass er es überhaupt in Erwägung zieht, mich in sein Leben zu lassen. Auf welche unberechenbaren Launen und Entscheidungen ich mich hier einlasse, weiß ich nicht, aber ich werde es wohl auch nie erfahren, wenn ich jetzt ebenfalls die Sture spiele.
Ich beiße mir auf die Lippe und sehe, wie er mir immer noch erwartungsvoll in die Augen sieht. Die letzten Monate habe ich immer wieder versucht, ihn zu verstehen, aber wenn ich eines über Sam weiß, dann ist es, dass er nie etwas grundlos tut und in den aller seltensten Fällen tut er etwas nur um seinetwillen. Bei seiner nächsten Ausatmung, ist ein tiefer Seufzer mit dabei und seine Schultern sinken etwas runter, weil meine Überlegungen zu lange dauern. Ich bin ihm immer noch eine Antwort schuldig, aber ich glaube, sobald ich den Mund aufmache, beginne ich zu schluchzen. Also schiebe ich meinen verletzten Stolz endgültig beiseite, gebe kampflos auf und nicke einfach.
Meine Hände vergraben sich in seinen länger gewordenen Haaren und er fasst zu meinem Hinterkopf, um mein Gesicht wieder seinem zu nähern.
>Ich habe keine Ahnung, ob das funktioniert. < flüstert er. >Und ich werde dir niemals mehr geben können als mich. <
>Kein normales Paar der Welt weiß vorher, ob das funktioniert. <
>Du hältst uns für normal? < gluckst er.
Der Einwand ist berechtigt und ich lächle matt. Wir verkörpern wohl kaum den gängigen Kennlernvorgang vom ersten Date bis zum ersten Kuss. Trotzdem bleibt da noch ein Gedanke in meinem Hinterkopf.
>Ich will nur nicht, dass du das jetzt tust, nur damit ich hier bleibe und nicht gegen dich rebelliere. <
>Das tue ich nicht und ich spiele auch nicht mit dir. Wir haben beide wichtige Menschen in unserem Leben verloren, aber vielleicht gibst du mir die Chance, einen Teil dieser Lücke zu schließen, verzeihst mir was passiert ist und siehst das hier in irgendeiner verkorksten Weise als dein Zuhause an. <
Dass er nicht spielt, sehe ich, denn das ist echte Reue in seinen Augen. Ich sah sie schon vor wenigen Tagen in Angora und sie hat mich zerrissen.
>„Zuhause“ klingt irgendwie gut. Ich fühle mich seit einer Weile nirgendwo mehr Zuhause. <
>Ich weiß. < flüstert er und drückt meinen Kopf leicht gegen seine Brust. >Dann lass uns das ändern. Und ich werde noch vorsichtiger als sonst sein und niemanden an dich herankommen lassen. Du bist in meiner Nähe sicherer als allein und solange wir Madjid nicht haben, wirst du dich nirgendwo allein hinwagen. Ich weiß wie schlimm das für dich ist, aber in diesem Fall muss ich dich hier festhalten, solange er auf freiem Fuß ist. <
Ich nicke widerstrebend, aber ich kann es verstehen, obwohl ich es alles andere als toll finde. Mit diesem Mann ist nicht zu spaßen und ich habe nicht vor, seinetwegen ein weiteres Mal im Lake zu landen.
Ich werde auf jeden Fall versuchen, mir keine Gedanken mehr über die vergangenen Monate zu machen, keine Zukunftspläne zu schmieden und nichts zu erwarten. Mit dieser Einstellung habe ich in Angora gelebt und überlebt. Außerdem half es mir, von Niederschlägen nicht mehr enttäuscht zu werden. Es kann sein, dass sich bereits morgen wieder alles ändern wird, was Sam eben sagte. Möglicherweise wird mich Madjid irgendwann erschießen oder vielleicht werde ich für den Rest meines Lebens auf der Flucht sein, weil ich meinen Prozess niemals gewann. Wer weiß das schon? Aber fürs Erste lebe ich im Hier und Jetzt.
Und so akzeptiere ich mein vorübergehendes Dasein im goldenen Käfig.

Später
Nach anfänglichen Hemmungen meinerseits, scheint es nur einen halben Tag nach unserem Gespräch fast so, als wäre ich nie weg gewesen. Sam wirkt so lässig, wie er auch sonst immer zu mir war und bei ihm zu sein, ist nicht so verkrampft, wie ich es anfangs befürchtete. Ganz im Gegenteil. Ich merke wie er versucht, mir quasi jeden Wunsch von den Lippen abzulesen und er will, dass ich mich wohlfühle und dass es mir gut geht.
Weil er dachte, dass ich durch das Erlebte in den letzten Tagen vollkommen fertig sein muss und weil er mir deswegen nichts aufladen wollte, schlug er vor, am Abend einfach zwei Tiefkühlpizzen in den Ofen zu packen.
Da er mich aber zuvor schon selten in Watte packte, sollte er jetzt auch nicht damit anfangen und daher lehnte ich seinen Vorschlag ab. Außerdem konnte ich mich bei ihm endlich mal wieder kulinarisch ausleben und mehr als nur trockenen Reis auf einer einzigen Kochplatte zubereiten.
           Seine Augen glänzten vor Begeisterung, als er mir die beladenen Teller   abnahm und sie in sein Wohnzimmer trug. Ich kann es kaum glauben, mit ihm gemeinsam zu essen, zu reden und die Wärme seines Kamins zu genießen.
Nun sitzen wir beide in diesem Zimmer und verträumt blicke ich auf die letzten Bissen auf meinem Teller.
Sind wirklich drei Monate seitdem vergangen? Auf jeden Fall kam es mir deutlich länger vor, was eindeutig an dem Diner liegen muss.
Plötzlich keinen Job mehr zu haben ist eigenartig für mich, da ich doch schließlich nichts anderes mehr tat und ich kann mir im Moment nicht vorstellen, gar nichts mehr zu tun. Gerade weil so viel passierte, brauche ich eine Ablenkung.
>Du sag mal…< setze ich nachdenklich an. >Wie sieht’s eigentlich mit Home Office aus? Ich kann arbeiten, ohne das Haus zu verlassen. <
>Und an was hast du gedacht? <
Daraufhin stehe ich auf, gehe in seine Küche und bringe ihm die Zeitung von heute Morgen. Ich deute auf eine der beiden interessanten Stellen.
>Bei einem Verlag? Texte korrigieren? < fragt er überrascht.
>Ja dazu bin ich sowieso die ganze Zeit am Computer. Vielleicht lassen sie mit sich reden und ich kann es hier tun. <
>Tja auf jeden Fall hast du Talent, wenn es darum geht eigene Sachen zu schreiben. < erwidert er schmunzelnd. Ich blicke ihn irritiert an. Dann lehnt er sich weit rüber zu seinem anderen Sofaende und ich sehe nicht, was er da in seinen Händen hat, bis er mir schließlich meinen Schreibblock vor die Nase legt. >Ich hoffe du bist mir nicht böse, aber ich habe deine Servierten gelesen. Die über mich war netter, als ich sie verdient habe. <
Ich starre ihn schockiert mit offenem Mund an.
>Hey, das ist privat. <
>Mag sein, aber auch gut. Außerdem konnte ich dadurch mehr in deinen Kopf hinein sehen, vor allem bei der Sache mit Megan und Iye. Du wirkst um einiges verschlossener, als damals und du belügst jeden, der dich fragt, wie es dir geht. <
Ich sehe ihn lediglich an. Was hat er erwartet? Natürlich bin ich verschlossener und im Grunde wollen die meisten Leute nun mal hören, dass es einem gut geht. Sie haben keine Lust, sich das Leiden von jemandem anzuhören. >Allerdings habe ich auch nicht gewusst, dass du zeichnen kannst. < setzt er erneut an.
>Oh Gott, du hast das Bild von dir gesehen. < keuche ich und reiße schockiert meine Augen auf.
Grinsend kaut er und amüsiert sich darüber, dass ich rot anlaufe. Als er sein Essen hinunterschluckt, schlägt er den Block allerdings mittig auf, noch bevor ich ihn greifen kann und tippt auf etwas Geschriebenes von mir.
>Und woher hast du das? <
Ich lese mir durch, was er aufgeschlagen hat und es ist das Prozedere des Hackens.
>Von einem IT-Studenten. Da fällt mir ein, dass ich ihn noch anrufen muss, um ihm zu sagen, dass ich die Stadt verlassen habe. Er hat mir gezeigt wie das Hacken und Cracken geht. Ich bin noch lange nicht gut und mache bestimmt noch Fehler, aber ich musste meinen Suchbereich erweitern, um diese Kerle zu finden und da fiel mir nur dieser Weg ein. Das hat mich doppelt sowohl gekostet, wie sein normaler Stundenlohn, damit er mir das zeigte, aber schließlich habe ich ihn überredet bekommen. Ich hatte Henry mal gefragt wie ich vorgehen müsste, aber dort an der Schule hätte ich doch niemals das Hacking gelernt. <
>Wow, du bist ziemlich systematisch vorgegangen. Wenn ich daran denke, dass du die Munition aufgespart hast und gelernt hast, einen fremden PC von innen heraus zu zerlegen, tja wer weiß … vielleicht hättest du die Typen tatsächlich irgendwann gefunden. <
>Du bist mir aber zuvorgekommen. <
>Sei froh. Aber ich habe so im Gefühl, dass du dich von diesen Rachegefühlen eines Tages noch befreien kannst. <
Wie denn? Dafür bleibt mir nur noch Madjid und Sam denkt überhaupt nicht daran, mich in seine Nähe zu lassen.
Dann feixt Sam plötzlich und ich sehe zu ihm.
>Ich fasse es einfach nicht, dass du Henry das tatsächlich gefragt hast, wie man solche Personen findet. <
>Naja ich dachte mir, dass ich doch nichts zu verlieren habe und wir haben nur rein hypothetisch drüber gesprochen. < erwidere ich augenzwinkernd, worauf Sam erneut lacht. Irgendwie höre ich sein Lachen und seine Stimme schon die ganze Zeit dumpfer und ich reibe über mein linkes Ohr. Mir ist schon wieder so schwindlig wie heute Morgen und ich lehne mich ermattet an sein Sofa an. Nach einer kurzen Gedankenpause füge ich hinzu:
>Ich habe ihn wirklich gemocht. Die Schule war großartig und ich habe es geliebt mit Ruby und den anderen zu trainieren. Irgendwie gaben sie mir das Gefühl, dass ich dort richtig wäre und nur mehr üben müsste, um besser zu werden. <
Seitdem ich beschloss, nicht mehr zu der Schule zurückzukehren, schwang immer etwas Wehmut mit.
>Und ich dachte eine Zeit lang, dass ich dich zu etwas Falschem überredet habe. <
>Du hast mir vielleicht einen kleinen Schubs gegeben, aber dadurch hast du nichts anderes aus mir gemacht. Ich dachte mal, ich hätte ziemlich viel für mein Diplom geopfert, aber da ich nun meine komplette Identität aufgegeben habe, meine Alarmzeichen ignorierte was meine Wunden anging und meine Freunde hinter mir gelassen habe, weiß ich was es heißt, wirklich etwas zu opfern. Das alles nur wegen dieser Kerle. Als du mir die Möglichkeit gegeben hast eine Kopfgeldjägerin zu werden, da dachte ich, dass das genau das richtige wäre. Aber als Cataley mir den Kampf angesagt hatte und ich dein Haus verließ, da hatte ich keinen Anreiz mehr, mich weiter malträtieren zu lassen. Und als mein Job in dem Diner vollkommen aussichtslos wurde, da wollte ich nach Duluth, um wenigstens etwas zu holen, das beweist, dass es noch etwas anderes gibt, was ich gut kann. Auch, wenn es plötzlich an zweiter Stelle gerückt war. <
Wieder reibe ich an meinem Ohr herum. Irgendwie ist es ein eigenartiges Gefühl darin.
Sam schluckt schwer und seufzt.
>Wenn das wahr ist, dass du es so sehr geliebt hast und dieser PR-Job für dich an die zweite Stelle gerückt ist, dann solltest du die Schule vielleicht doch beenden und dich nicht hiermit aufhalten. <
Dabei winkt er mit der Zeitung und dem Stellenangebot, das mich reizt.
Daraufhin sehe ich ihn skeptisch an. Hat er mir nicht zugehört?
>Hast du die Kleinigkeit mit Cataley vergessen? Sie war die einzige, die mir das Ganze versaut hat. Selbst wenn ich ein Hochgefühl hatte und in den anderen Fächern gut war, dann verpasste sie mir in ihrer Stunde wieder einen Dämpfer und nahm mich in die Mangel. <
>Cataley ist weg. Henry hat sie rausgeworfen. <
>Was? Wann das denn? < keuche ich vollkommen überrascht.
>Am Montag. Kurz nachdem ich bei dir in Angora war. Ich habe dir doch gesagt, dass sie ein zweites Mal vor ihm stehen musste und ich dabei war. <
>Aber dabei hast du nicht erwähnt, dass er sie rausgeworfen hat. <
>Du hast nicht gefragt. < lacht er und zieht mich an meinem Arm zu sich heran. Diese belanglose Geste treibt sofort meinen Puls hoch, aber durch die sanfte Schwenkung wird mir auch wieder schwindlig. >Henry duldet so etwas nicht und nun hat Lukaz das Kommando. Er entscheidet, wer aufsteigt und wer nicht. Für Cataleys Fächer sucht er derzeit einen neuen Trainer, solange teilen sich Lukaz und Simon den Job und ich finde, das ist eine gute Mischung. <
Mir steht der Mund offen.
>Und das nur meinetwegen? <
>Jetzt wage es bloß nicht, dich deswegen schlecht zu fühlen. Sie hat das verdient – das wissen wir beide. Die Trainer waren auch ein kleines bisschen schadenfroh. <
Irgendwie kann ich es nicht abstellen zu grinsen. Das wäre ziemlich cool, wenn ich diese Lizenz wirklich bekommen könnte. Dieses Mal könnte ich es durchziehen ohne Schikane.
>Glaubst du denn Henry würde mich einfach so wieder annehmen? <
>Er würde sich freuen dich wiederzusehen … aber dir ist klar, dass das natürlich erst geht, wenn wir Madjid aus dem Weg ist. <
Und schon gehen meine Mundwinkel wieder nach unten. Das habe ich schon wieder glatt vergessen.
>Na toll. < murre ich.
>Ein Team von acht Leuten ist auf ihn angesetzt. Wir kriegen ihn. <
>Acht? <
>Die fünf von vorhin, ich, Dimitrij und Lukaz.<
>Aber die, die vorhin hier waren, die kennen mich doch überhaupt nicht. <
>Sie kennen mich und ich kenne sie – alles andere ist egal. Ich habe in Russland eine Menge für sie getan und sie sind mir noch einen Gefallen schuldig. Ich gab ihnen einen Auftrag und sie führen ihn aus. <
>Und was stelle ich so lange an? <
>Du hältst dich so lange von gefährlichen Typen fern. <
Daraufhin pruste ich los.
>Dir ist schon klar, wo ich die letzten drei Monate gelebt habe oder? Ich war umzingelt von gefährlichen Typen. Einmal saß sogar Patrick Lambert vor mir. <
>Sollte ich den kennen? < fragt er irritiert.
>Nein ich schätze er ist für deine schwarze Liste nicht kriminell genug, aber er saß vorn an der Bar und als ich ihn überredet habe seine Sonnenbrille abzunehmen, da hatte ich so ein komisches Gefühl. Er stand auf der Fahndungsliste und auf seinen Kopf waren 3.500 Dollar ausgesetzt. Ich habe ihn erwischt und er sitzt mittlerweile im Gefängnis. Allerdings wurde ich ziemlich mies von meiner Chefin gelinkt. Die erzählte nämlich, dass sie es war, die ihn erkannt und die Polizei verständigt hatte und ich ihn nur festhielt, bis die Cops eintrafen. Diese blöde Kuh hat die gesamte Kohle eingeheimst und mich um meinen Hackerlaptop gebracht. < zische ich.
>Moment mal… jetzt mal langsam. < sagt Sam und richtet sich etwas bequemer vom Sofa auf. Seine Gesichtsmuskeln heben sich zu einem angedeuteten Grinsen. >Du erzählst mir gerade, dass du dich mit jemandem angelegt hast, der ganz offenkundig Dreck am Stecken hat, als wäre es das normalste der Welt. <
Daraufhin grinse ich.
>Und du redest genauso wie der Polizist, der ihm die Handschellen anlegte. Ich habe genau das getan, was ich gelernt hatte und das kam mir zugute. <
Es ist wirklich lustig Sam dabei zuzusehen, wie seine Mimik zwischen Erstaunen und Bestürzung hin und herwechselt. Zum Schluss macht er lediglich einen glucksenden Ton. Gedankenverloren setzt er an:
>Ich habe wirklich viel von dir verpasst und die Dinge, die ich jetzt allmählich erfahre, zeugen von Entschlossenheit. Du hackst, du fängst Kriminelle, du planst einen Mord, bringst einen Cop um. Angora hat dich verändert… Auch wenn du kaum Möglichkeiten hattest, Fuß zu fassen, bewundere ich dich dafür erst recht, dass du überhaupt so lange durchgehalten hast. <
>Das sind aber auch nur die Dinge die cool klingen. Wir wissen beide, dass ich diese Entschlossenheit erst vor weniger Tagen verloren hatte. <
>Und trotzdem hast du sie wieder. < daraufhin blättert Sam noch einmal in meinem Block herum und hält mir die Postkarte vor die Nase, die ich aus Duluth mitnahm. Daraufhin grinse ich, weil ich niemals gedacht hätte, dass ich diesen gedruckten Text einmal so sehr nachempfinden könnte.
„Wie stark du tatsächlich bist, erfährst du erst dann, wenn stark sein die einzige Option ist, die du hast.“
Nigels Zettel mit seiner Telefonnummer liegt mit einem Eselsohr ebenfalls auf der Seite, die Sam eben aufgeblättert hat. Als ich noch an der Schule war, sagte er mal, dass es nötig ist, manchmal falsch abzubiegen. Dieses falsche Abbiegen, hat mir vielleicht mein Gewicht, meine Hoffnung und mein Geld geraubt, aber allmählich glaube ich, dass mich diese Zeit stärker gemacht hat, auch wenn ich es innerhalb der letzten Monate bei weitem nicht so empfand. Aber wie heißt es so schön? Was einen nicht umbringt, macht einen stärker.
So schlimm wie die letzte Zeit für mich auch war, so sehr glaube ich, dass es irgendwie notwendig war, das durchzustehen. Und da mich nun schon zum dritten Mal jemand umbringen wollte, bin ich inzwischen ein Profi, wenn es ums Überleben geht.
>Deine Ex-Chefin scheint ein ziemliches Biest gewesen zu sein, wenn sie dich um das gesamte Kopfgeld gebracht hat. < wirft Sam ein.
>Im Gegensatz zu einer gewissen Puerto-Ricanerin war sie der reinste Engel, aber sie hat meine Situation vollkommen ausgenutzt und wusste, dass ich sie wohl kaum irgendwo anschwärzen konnte. Du hättest diese Bruchbude mal von innen sehen sollen. Sie sparte nicht nur am Inventar, sondern auch am Lohn… Ach übrigens da fällt mir noch etwas ein. < murmle ich und blättere den Block durch, den Sam in der Hand hat. Irgendwo muss er doch sein. Ich befürchte schon, ihn verloren zu haben, aber schließlich finde ich den Gehaltscheck von meinem Dad, den ich noch aus Duluth mitgenommen habe und halte ihn vor Sam´s Gesicht. >Denkst du, ich bekomme ihn irgendwie eingelöst? Mein Dad bekam ihn an dem Freitag, als die Typen in unserem Haus waren. <
>Da steht der Name von deinem Vater drauf. Das wird schwierig, aber ich krieg das sicher hin. Apropos, was ich dich noch fragen wollte … < beginnt er und sieht mich so komisch an. >Hast du jemals …? < er verschmälert seine Augen und legt den Kopf schief. Offenbar überlegt er, was er mich fragen will.
>Jemals was ? <
>Na ja … Oh man, wie drücke ich das jetzt aus? < er räuspert sich und blickt Richtung Decke. Als er sich offenbar ein paar Worte zurechtgelegt hat, dreht er seinen Körper etwas zu meinem hin und setzt erneut an. >Also, ich weiß, dass du ziemlich um dein Geld betrogen wurdest und offenbar wusstest du ab und zu einfach nicht wie es finanziell weitergehen sollte …, um diesem Engpass auszuweichen, hast du dich …? <
>Nein… niemals. < antworte ich ihm ernst, bevor er noch eine halbe Stunde braucht, um seine Frage zu formulieren. Ich wurde immer wieder von den Kunden oder den Bewohnern gefragt, ob ich meinen Körper hergeben würde – für kein Geld der Welt wäre ich diesen Schritt gegangen.
Er presst die Lippen aufeinander und seufzt erleichtert.
>Übrigens hast du einer ganzen Menge Strichmädchen einen Gefallen getan, als du den Dealer aus dem Weg geräumt hast, der mich angegriffen hat. Wie ich hinterher erfahren habe, hat er die Mädchen regelmäßig verprügelt. Eine von ihnen wurde sogar umgebracht – aber ich weiß nicht, ob er es war. <
>Nur gut, dass du dort weg bist. <
>Tja ich hätte nur liebend gern, den Kleinen neben mir mitgenommen. <
>Cody? < Daraufhin sehe ich ihn mit fragendem Blick an. >Oh, na ja ich habe den Namen auf einer deiner Servierten gelesen. <
>Über das Thema Privatsphäre reden wir noch. < nuschle ich nicht ganz ernst gemeint und kann dabei nicht mal eine mürrische Miene beibehalten.
>Was machst du da eigentlich  ständig an deinem Ohr? < fragt er, als ich schon wieder daran herumdrücke.
>Keine Ahnung. Es tut seit gestern irgendwie weh. Etwas ist komisch und ich höre auf der Seite alles dumpfer. <
>Ist dir schwindelig? <
>Ja andauernd. Das nervt. <
>Seit wann genau hast du das? <
>Das erste Mal habe ich es gemerkt, als ich in den Lake gesprungen bin. <
Er schürzt die Lippen und stellt mir Fragen, als würde ich vor meinem Arzt sitzen.
>Ist dir aufgefallen, dass es blutet? < will er wissen. Ich überlege kurz, aber so oft wie ich heute schon daran herumgefummelt habe, wäre es mir aufgefallen, wenn es so gewesen wäre. Also schüttele ich den Kopf. >Du hast dir wahrscheinlich einen Mikroriss in dein Trommelfell getrieben, als du eingetaucht bist. Hätte mich auch gewundert, wenn dir dabei nichts passiert wäre. <
>Na toll das auch noch. < meckere ich vor mich hin.
Sam grinst, greift nach meinem Handgelenk und zieht mich zu sich. Ein wenig unbehaglich ist mir diese Nähe immer noch und ich genieße sie mit Vorsicht. Es ist einfach eigenartig, dass ich nun endlich das tun kann, was ich die ganze Zeit schon will, ohne dass er mich beiseiteschiebt.
Sobald ich näher bei ihm bin, umfasst er meinen Rumpf und zieht mich auch noch die letzten Zentimeter heran, dass kein Blatt Papier mehr zwischen uns passt.
Er streift mit seiner Nasenspitze an meiner nach oben, küsst mich dann auf die Stirn, auf die Nase und schließlich auf meinen Mund. Grinsend lasse ich es mir gefallen und lege meine Arme um ihn. Es ist fast zu schön um wahr zu sein.
Aus einem anfänglich vorsichtigen Kuss, wird ein stürmischer, energiegeladener und berauschter.
Sam´s Laptop und sein Handy machen plötzlich eigenartige Geräusche, wodurch sich Sam sofort von mir löst, meinen Körper herunterdrückt und unter dem Couchtisch eine Waffe hervorzieht. Er ist sofort in höchster Alarmbereitschaft, tippt die Entertaste und plötzlich sehe ich ein schwarz/weißes Bild darauf, auf dem die Zeit rückwärts läuft und wo etwas durch galoppiert.
Sam seufzt, lässt sich wieder auf das Sofa fallen und packt die Pistole zurück unter den Tisch. Er tippt erneut auf dem Laptop herum und die Uhrzeit entspricht der jetzigen.
>Was war das denn? < frage ich verwirrt und stütze mich auf meine Unterarme, um wieder hochzukommen.
>Nur ein Wildschwein. Ich habe seit heute Morgen überall Bewegungsmelder und Kameras rund um das Haus installiert. <
>Was? Du kannst doch keine ruhige Minute mehr schlafen, wenn ein Eichhörnchen herumrennt. <
>Nein, die reagieren erst ab einer gewissen Größe und Masse. Sicher ist sicher. <
Weshalb bin ich darüber eigentlich so verwundert? Ich kann wohl froh sein, dass er nicht zwei Bodyguards pro Fenster zu stehen hat. Sichtlich entspannter beugt er sich zu mir herunter, denn er hat mich zuvor im Eifer des Gefechts flach auf den Bauch geworfen, wodurch sich nun alles vor meinen Augen dreht.
Lässig legt er nun einen Arm um meinen Rumpf, dreht mich viel sanfter auf den Rücken und legt sich zu mir. Genaugenommen liegt er auf mir, denn Platz für zwei ist hier nicht.
Unbehelligt legt er seine Lippe wieder auf meine, so als wäre die Störung gar nicht der Rede wert gewesen. Seufzend schließe ich die Augen.
Aber dann legt er meine Haare beiseite, küsst meinen Hals und streicht mit der Hand meine Taille runter, bis sie am Saum meines Shirts ist. Er fährt darunter und auf meiner nackten Haut wieder hoch. Dabei zieht sich auch mein Oberteil weiter nach oben. Mir wird bei seiner Berührung verdammt heiß, aber nicht vor Lust, sondern wegen meinem wachsenden Unbehagen. Nicht dass es nicht schön wäre, was er da tut und normalerweise wäre ich sofort mit dabei, aber ich sehe Sam plötzlich vor mir in der Küche sitzend, wie er seine Hände ineinander verschränkt hat und mit ernstem Blick die Wand anstarrt, als ich den Raum betrete. Ich kann an nichts anderes denken, als an diesen verfluchten Morgen danach und ich höre diesen niederschmetternden Satz, als würde Sam ihn tatsächlich laut aussprechen.
„Du solltest jetzt gehen.“
Seine Hand geht zu meiner Brust und das bringt mich nun wirklich aus der Ruhe. Keuchend stütze ich mich mit meinen Ellenbogen auf und schiebe mich etwas von Sam weg. Dadurch verschwinden seine Lippen von meinem Hals und seine Hand von meiner Brust.
>Ich denke, ich gehe jetzt ins Bett. < sage ich außer Atem und versuche noch mehr Platz zwischen uns zu bringen.
>Ist dir das hier zu unbequem? < feixt er.
>Nein, das nicht. Ich… bin nur müde. <
Er lässt mich allerdings nicht weg, sondern umgreift erneut meinen Rumpf und fixiert mein Kinn, damit ich ihn ansehen muss. Wie so oft durchbohren mich seine grauen Augen.
>Du misstraust mir. < merkt er nur einige Sekunden später an. Ich muss ihm überhaupt nichts erzählen – er weiß sowieso wieder Bescheid, nur indem er mir ins Gesicht schaut. Ich würde ihm wirklich gern widersprechen, aber was bringt es ihn anzulügen? Selbst das würde er wissen.
>Wie ernst ist dir das? < frage ich direkt heraus. >Was ist, wenn du die Sache morgen wieder anders siehst? Ich habe ernsthaft Angst davor, dass du nicht weißt, was du willst. <
Er presst die Lippen aufeinander und zieht die Stirn reuevoll in Falten.
>Ich hatte mehr als genug Zeit mir darüber klarzuwerden, dass ich dich bei mir haben will und ich will, dass du keinen Zweifel daran hast. Wir haben bereits zusammen im selben Haus gelebt und ich fand es hat so lange funktioniert, bis ich der Querschläger war. Aber das wird nicht nochmal passieren. Du bist hier, das ist im Grunde mehr als ich hoffen konnte. Es ist verrückt, dass ich nachts gut schlafen kann, wenn ich jemanden erschossen habe, aber das mit dir, kann ich mir überhaupt nicht verzeihen. Mir ist klar, dass ich etwas Furchtbares bei dir angerichtet habe. Wenn Vertrauen kaputt ist, ist es nun mal kaputt. < dann weicht er meinem Blick plötzlich aus.
>Es ist nicht kaputt, denn immerhin vertraue ich dir mein Leben an. Vielleicht ist es nur etwas mit Kratzern versehen. < hauche ich.
Ein vorsichtiges Grinsen umspielt seine Lippen. Er lässt mich los und richtet sich auf, wahrscheinlich um mir etwas Distanz zu geben.
Eigentlich will ich keinen Abstand zu ihm, aber im Moment denke ich es ist am besten so.
>Na schön. Wenn es Zeit ist, die du brauchst, dann bekommst du die von mir. < erwidert er verständnisvoll.
>Du meinst wir gehen es langsam an, nachdem wir alle möglichen Schritte übersprungen haben? < frage ich belustigt.
>Willst du ein Date? <
Daraufhin lache ich. Ein Date mit Sam – na das ist doch mal was.
>Klar doch. Auf dem Schießstand oder lieber auf der Rennstrecke? <
Da muss selbst er schmunzeln. Uns haben merkwürdige Situationen und Dinge zusammengeführt, wieso sollten uns jetzt normale Zustände einholen?
>Ich denke, ich gehe wirklich ins Bett. < setze ich erneut an, denn ich finde, für die ersten Schritte ist das mehr als genug für heute gewesen. Sein amüsiertes Grinsen verfliegt etwas. Er berührt meine Wange mit seinem Handrücken und dann auch meine Stirn.
>Geht es dir denn gut? <
>Ich fühle mich zumindest nicht so, als hätte ich Fieber. <
Daraufhin nickt er und küsst mich. Als ich mich von ihm löse, zieht er seinen Laptop heran, um noch etwas zu arbeiten. Ich weiß, dass er im Moment alles an eingehenden Aufträgen liegen lässt und sich mit voller Konzentration in meinen Fall stürzt. Ich habe keine Ahnung, wie er die Sache mit dem toten Polizisten bereinigen will. Auf jeden Fall habe ich ihm eine ganze Menge Papierkram dadurch verschafft.
Ich küsse ihn und gehe schließlich in das untere Zimmer und nicht in sein Schlafzimmer im Obergeschoss. Vielleicht kränke ich ihn dadurch und sollte es so sein, tut es mir leid, aber ich muss einfach sicher sein, dass Sam beständig bleibt und dass seine jetzige Meinung nicht nur eine Laune ist. Aber sollte es wirklich echt sein, kann keiner von uns beiden weglaufen.
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