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Fingerabdrücke bleiben

von Lynnix
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / Gen
23.02.2018
25.11.2021
129
578.228
7
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.02.2020 5.231
 
Kapitel 21 - Klartext

Als ich am nächsten Tag wach werde, ist es schon wieder hell. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich gestern auch im Hellen eingeschlafen und war nur wegen einer kurzen Unterbrechung wach. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie sehr mein Kreislauf kämpfte. Erst als Sam mich aufweckte, spürte ich die geballte Ladung an Hitze und Kälte gleichzeitig. Irgendwann wäre ich sicher auch durch das Zittern zu mir gekommen, aber ich weiß nicht, ob ich mich ohne das Mittel in meiner Vene überhaupt so schnell beruhigt hätte. Der Zeitfaktor ist eben oft entscheidend. Bereitwillig ließ ich mir irgendeine unbekannte Substanz spritzen, aber ich weiß, dass ich Sam in dieser Hinsicht absolut vertrauen kann und er weiß, was er tut.
Ich werfe die Decke zur Seite und setze mich an die Bettkante. Die Kopfschmerzen sind noch da und ich muss die Augen zukneifen, da sie durch das Aufrichten nun auch noch pulsieren und irgendwie habe ich das Gefühl einen Rechtsdrall zu haben. In meinem Kopf dreht sich alles und ich lasse ihn in die Hände fallen, bis es vorbei ist.
Einen kurzen Augenblick später geht es schon besser und ich kann aufstehen, ohne gleich wieder umzukippen. Ich ziehe die Jalousie hoch, um etwas Licht hineinzulassen. Vor dem Fenster stehen mehrere Autos und irritiert sehe ich diverse Male dorthin. Sam hat doch fast nie Besuch und schon gar nicht von so vielen Personen. Den einzigen Wagen, den ich sofort zuordnen kann, ist ein Audi Q7 und ich weiß, dass er Dimitrij gehört. Das letzte Mal als ich ihn sah, haben wir erfahren, dass meine Familie und somit ein Haufen Beweise aus dem Weg geschafft wurden. Da steht allerdings noch ein schwarzer Lexus unter den anderen Marken und ich glaube, ihn gestern schon vor Sam´s Haus gesehen zu haben. Allerdings gab ich mir die größte Mühe, mich nicht blicken zu lassen und sah nicht allzu lange dorthin.
Ich ziehe mir ein paar frische Klamotten aus der Tasche und verschwinde damit erst einmal im Badezimmer. Auf dem Weg dahin höre ich Sam reden – allerdings erneut auf Russisch. Telefoniert er schon wieder?
Um etwas Privatsphäre zu haben, schließe ich mich ein und ziehe meine Klamotten aus. In der vergangenen Nacht habe ich in diesem eigenartigen Zustand so sehr geschwitzt, dass ich unbedingt eine Dusche brauche.

              Nachdem ich mich rundum sauber fühle, trete ich heraus in den Gang. Dieses Mal höre ich über den Flur hinweg auch andere Stimmen, die ebenfalls Russisch reden und gehe schließlich dorthin, von wo sie kommen.
Umso näher ich herangehe, desto unsicherer bin ich mir über die Anzahl der Personen. Ich will im Grunde nur Dimitrij ein „hallo“ zuwerfen, aber plötzlich stehe ich inmitten von einer Gruppe Männern, die alle von dem Wohnzimmertisch aufsehen, sobald ich das Zimmer betrete. Sie alle blickten zuvor gebannt auf einen Laptop.
Sam dreht seinen Kopf ebenfalls zu mir und blickt erst ziemlich ernst. Aber sobald seine Augen meine finden, lächelt er plötzlich. Er steht vom Sofa auf und kommt zu mir gelaufen.
>Hey, du bist ja wach. Ich wollte dich lieber in Ruhe lassen. Offensichtlich musstest du mal deine Batterien laden. <
Anstatt etwas darauf zu sagen, gerät sein Hals in mein Blickfeld und fassungslos starre ich darauf.
>Das sieht schlimm aus. < bekomme ich schließlich heraus. Dort wo ihm dieser Detective Archer die Gliederkette der Handschellen um den Hals legte, ist eine blau-violett angelaufene Linie.
>In einer Woche ist das wieder weg. <
Auch Dimitrij steht auf und kommt zu mir. Die anderen Männer stehen alle mit verschränkten Armen im Hintergrund und machen mir irgendwie Angst. Sie sehen so düster und gewaltbereit aus.
>Es ist wirklich schön, dass du noch unter den Lebenden weilt. < sagt der großgewachsene Phantomzeichner und reicht mir seine Hand.
>Ja, finde ich auch. <
Ich halte ihm meine ebenfalls hin, aber er hat einen so festen Griff, dass ich wegen meiner aufgerissenen Hände beinahe vor Schmerz in die Knie gehe.
>Oh tut mir leid. < er dreht meine Handfläche nach oben, um sie sich anzusehen. Weil ich zuvor duschen war, habe ich die Mullbinden abgemacht. Irgendeiner der hinteren Männer sagt etwas, das ich nicht verstehen kann.
>Komm, ich stelle dich den Anderen vor. < erklärt Sam und legt seine Hand zwischen meine Schulterblätter, um mich ein Stück vorzuschieben. >Das sind Aleksey, Sergej, Jegor, Nazar und Nikolaj. < Er deute mit seinem Kopf zu jedem einzelnen Mann und da sie eben mitbekamen, dass eine förmliche Begrüßung etwas schmerzhaft für mich ist, nicken sie mir zu. Der Letzte von ihnen kommt allerdings zu mir und da er so groß ist, will man sich automatisch vor Schreck noch mehr ducken. Unerwartet nimmt er nur meine Fingerspitzen und gibt mir einen Handkuss. Etwas peinlich berührt, schiele ich zu Sam rüber, der nur grinst.
Dieser Nikolaj lässt meine Fingerspitzen wieder los und sagt zu mir:
>Smelaya miss. <
>Was? < frage ich mit gerunzelter Stirn.
>Er sagt, dass du eine mutige Frau bist. < übersetzt mir Dimitrij.
>Spasibo. < bedanke ich mich grinsend. Das ist wohl eines der wenigen Wörter, die ich auf Russisch kenne.
Sam erklärt ihnen irgendetwas, das ich wieder nicht verstehen kann und legt dann seine Hand erneut auf meinen Rücken, um mich aus dem Raum zu schieben.
Womöglich störe ich sie gerade und soll verschwinden. Aber anstatt mich in das Gästezimmer zu schicken, geht er mit mir in die Küche und schiebt für mich einen Stuhl beiseite. Mit gerunzelter Stirn setze ich mich und sehe ihm dabei zu, wie er eine Pappverpackung von irgendwelchen Joghurtdrinks oder so etwas aufreißt.
>Wie geht es dir? < will er wissen.
>Ich schätze, ich bin irgendwo zwischen k.o. und okay. <
Bei dieser Bezeichnung schmunzelt er, dreht sich dann zu seiner Mikrowelle um und stellt sie an. Dann legt er mir eine Tabelle vor die Nase, sowie einen dieser Drinks, die er gerade auspackte.
>Ich war heute Morgen in der Apotheke. Du musst Gewicht zulegen und zwar dringend. Der Kerl, den ich nach kontrollierter Zunahme fragte, dachte, es handele sich um eine Person mit Magersucht. Er wollte mir schon einen Flyer für eine Klinik mitgeben, aber ich konnte ihn überzeugen, dass diese hochkalorischen Getränke reichen würden. Trinke das Zeug zweimal täglich und halte dich an deinen Ernährungsplan, dann bist du schon bald wieder die Alte. <
Darüber verwundert sehe ich auf die Tabelle, die er mir eben gegeben hat. Ich soll haufenweise Avocados, Bananen, Lachs, Olivenöl, Nüsse, fettreichen Käse, Nudeln und Trockenfrüchte zu mir nehmen. Skeptisch schüttle ich die Flüssigkeit in der Flasche und rieche an dem Inhalt, als ich den Deckel offen habe.
>Na los, runter damit. < sagt Sam belustigt.
>Du musst das nicht tun. <
>Doch muss ich. Du hast kaum noch Kraft Kleines und wenn du die nächsten kräftezehrenden Wochen und Monate überstehen willst, dann solltest du dich an den Plan halten. <
Was soll denn in nächster Zeit noch kräftezehrender werden, als das, was ich eh schon hinter mich gebracht habe? Da ich aber weiß, dass man mit Sam in solcher Hinsicht nicht lange diskutiert, nehme ich einfach einen Schluck von diesem Zeug. Nach kurzem Nippen setze ich die Flasche allerdings sofort wieder ab und schüttele mich bei dem Geschmack.
>Wäh, das schmeckt ja widerlich. < keuche ich. In dem Moment piept die Mikrowelle und Sam stellt mir einen Teller mit Nudeln in einer hellen Soße und Lachsstücken vor die Nase.
>Dann hoffe ich mal, dass das besser ist. <
>Sag bloß, du hast gekocht. < frage ich amüsiert.
>Ab und zu kriege ich das hin. Lass dir Zeit, wir sind ohnehin gleich fertig. <
>Womit denn? <
>Das erkläre ich dir lieber später. <
Er verlässt die Küche und will zurück zu den Männern.
>Hey Sam. < Daraufhin dreht er sich noch einmal zu mir um. >Danke. < piepse ich. Sein Mundwinkel zuckt und er dreht sich wieder um und verschwindet aus meinem Blickfeld.

            Ich brauchte geschlagene zehn Minuten, um diesen 200 ml Drink hinunterzuwürgen. Dafür machen es Sam´s Nudeln wieder gut. Als ich die Küche wieder herrichte, schnappe ich mir den Pappkarton und lese mir durch, was ich da eigentlich getrunken habe. Das waren allein sage und schreibe 400 Kalorien. Sam hat aber recht, denn ich wiege höchstens noch 45 Kilo bei einer Körpergröße von 170 Zentimetern und mein gesamter Körper hat darunter gelitten. So einen Überlebenskampf wie gestern würde ich unter derzeitigen Umständen kein weiteres Mal schaffen und ohne die dazugehörige Todesangst sowieso nicht.
Ich höre, wie die Männergruppe im Nebenzimmer alles zusammenpackt und sich allmählich auflöst. In der Mitte von Sam´s Tisch lagen haufenweise Dokumente, Festplatten und drei Laptops. Es sah beinahe so aus, wie in Robs Zimmer.
Mit einem Glas Wasser setze ich mich zurück an den Küchentisch und bemerke Sam´s Zeitung von heute Morgen. Er scheint schon lange auf den Beinen zu sein, wenn er bereits gekocht hat und zuvor in der Innenstadt war.
Die Menge wird vor dem Wohnzimmer etwas lauter und scheint dort stehengeblieben zu sein. Nach wie vor verstehe ich kein Wort und wende mich wieder der Zeitung zu. Ich blättere bis zu dem Teil vor, an der die Stellenanzeigen stehen und lese sie mir durch. Nun habe ich immerhin mein Diplom und meinen echten Pass. Nach ein paar unnützen Dingen finde ich eine Stelle im Verlagswesen. Sie suchen jemanden im Lektorat, der Texte optimiert, korrigiert und Struktur hineinbringt. Na bitte! Zwar keine PR-Abteilung, aber ich wäre in meinem studierten Fachbereich. Ein paar Stellen weiter finde ich auch noch etwas im Content-Management. Beides ist im selben Ort. Ich brauche ein Handy und muss dort anrufen, denn ich muss es wenigstens versuchen.
Nun rückt die Geräuschkulisse näher an mich heran und ich höre die Tür aufgehen. Automatisch schießt mein Kopf in die Höhe. Die Männer, die meinen Blick auffangen, nicken mir zum Abschied zu und ich tue es ihnen gleich, da wir einander sowieso nicht verstehen. Sie verschwinden alle nach draußen. Einzig Dimitrij kommt noch einmal zu mir gelaufen und Sam folgt ihm.
>Ziemlich verrückte Welt da draußen, was? Inzwischen entführen Cops die wichtigste Zeugin vom Revier und versuchen sie aus dem Weg zu schaffen. < sagt er in seinem unverkennbaren Akzent, legt seine Aktentasche auf den Tisch und setzt sich seufzend neben mich.
>Das dürfte dann wohl das dritte Mal gewesen sein, dass jemand versucht hat, mich aus dem Weg zu schaffen. <
>Das reicht ja auch für den Rest deines Lebens. < mischt sich Sam ein und lehnt sich mit verschränkten Armen gegen seinen Kühlschrank. >Deswegen muss das auch ein Ende nehmen. <
Ich höre, dass draußen die verschiedenen Motoren gestartet werden und der Wald wenige Augenblicke später plötzlich wieder so menschenleer wird, wie er es normalerweise ist.
>Wir sind an ihm dran und werden den Kerl finden. < versichert ihm Dimitrij. Sam nickt daraufhin lediglich, aber er sieht missmutig aus. >Und du? Geht es dir gut? < fragt er an mich gewandt und streicht mit dem Rücken seines Zeigefingers über die versorgte Wunde an meiner Stirn.
>Abgesehen davon, dass mir mein Kopf platzt und ich glaube, eine ziemlich fiese Erkältung zu bekommen, gut. <
Natürlich gehen mir viel zu viele Gedanken durch meinen Kopf, aber das will ich nicht genauer erklären müssen. Dimitrij gluckst, während Sam so schaut, als würde er mir kein Wort abkaufen. Und wieder ist da dieser Stich, wenn ich ihn ansehe. Ich will eigentlich bei ihm sein, aber ich will ihm auch aus dem Weg gehen. Man könnte sagen, es ist kompliziert.  
>Versuch einfach durchzuhalten. <
Ich lache daraufhin und sage:
>Es gibt wirklich Schlimmeres, als ein bisschen Schnupfen zu haben… < aber dann sehe ich seinen durchdringenden Blick und nuschle: >Oh … du meinst keine Erkältung. <
Ohne die Sache aufzuklären, steht er auf und greift sich seinen Aktenkoffer vom Küchentisch.
>Wie lange muss ich noch Kim sein? < frage ich, bevor er verschwunden ist.
>Ich weiß es nicht. Wir werden sehen. <
>Dann fürchte ich, ich brauche neue Handschuhe. <
Er grinst vorsichtig, aber nicht freundlich, sondern verbittert. Dann wirft er Sam einen Blick zu. Was ist hier eigentlich los?
>Ich muss zurück. Das hat länger gedauert als ich dachte. < Daraufhin schiebt er seinen Hemdärmel etwas beiseite und schaut auf seine Uhr.
>Dann bringe ich dich noch zur Tür. < bedeutet Sam und läuft schon an mir vorbei.
>Wir sehen uns Nayeli. <
Ich nicke Dimitrij zu und grinse leicht, aber ich merke, dass eine eigenartige Stimmung herrscht. Die beiden Männer reden noch einen kurzen Augenblick, aber dann verschwindet auch Dimitrij aus dem Haus.
Mit großen Schritten kommt Sam zurück in die Küche und setzt sich gegenüber von mir. Ich sehe wieder runter auf die Zeitung, denn ich will ihn einfach nicht andauernd ansehen müssen.
>Wo ist Hovland? < frage ich.
>Das ist westlich von hier in Grand Marais. Etwa 20 Minuten weiter. Warum? <
>Ich will wieder arbeiten. Und hier stehen zwei interessante Stellen drin. <
Daraufhin zeige ich mit dem Finger auf die Ausschreibungen. Er sagt allerdings nichts, greift auch nicht zu der Zeitung oder lehnt sich rüber, um sie zu lesen. Also blicke ich doch zu ihm auf.
Seine Augen fixieren mich und seine Kiefer sind zusammengepresst.
>Kleines, wir müssen über wirklich vieles reden. Du kannst nicht arbeiten und Dimitrij wird dir keine neuen Handschuhe machen, weil du sie nicht brauchst. <
>Was? Aber du hast doch vor ein paar Tagen gesagt, ich soll das machen, was ich gelernt habe. <
>Ja, das war die Idee vor ein paar Tagen, aber durch gestern Morgen hat sich alles geändert. Daran sehen wir, dass einfach nichts mehr planbar ist. Dinge gehen schief, man hat einen Plan-B und es geht wieder schief. Von jetzt an wirst du jeden Tag immer jemanden bei dir haben und keinen Schritt allein aus diesem Haus machen. Wenn ich nicht bei dir bin, dann ist es einer von denen, die du vorhin kennengelernt hast. Du wirst keine Sekunde mehr alleine sein. <
>Du machst Witze. < hauche ich. Allerdings sieht er keineswegs so aus, als wäre er zu Scherzen auferlegt. >Willst du mich vielleicht noch in einen Käfig sperren? <
>Tut mir leid, aber das ist notwendig. Du bist die letzte lebende Hauptzeugin und dein Kopf ist für Madjid im Moment mehr wert, als einhundert Personen auf der Fahndungswand. <
>Sam, du kannst mich nicht einmauern. < zische ich.
>Ich kann dich wählen lassen. Entweder bleibst du hier oder ich bringe dich in das besagte Safehouse unter. Das ist eine gut geschützte und zeitweilige Unterkunft für Zeugen. Aber dort hast du noch weniger Freiheiten und weniger Platz. <
>Bestrafst du mich gerade dafür, dass ich in Duluth war? <
>Ich weiß, dass es sich für dich wie eine Strafe anfühlt, aber ich kann keine Schwachstellen mehr zulassen. Wenn du ungehindert draußen herumspazierst und Madjid dich aufgabelt, dann wird er dir nicht einfach nur einen Kopfschuss verpassen. Du bist ihm zu oft entkommen und er denkt, dass du seine Leute umgelegt hast. Wenn er dich hat, dann wird er es genießen, dich auseinanderzunehmen. Das lasse ich nicht zu, also … ja, ich sperre dich in einen Käfig, wenn es sein muss. < Ohne etwas zu sagen, starre ich ihn wortlos an.
In Sicherheit zu sein ist ja schön und gut, aber das kostet mich nun noch mehr, als ich dachte. Zum einen kann ich nicht mehr tun oder lassen, was mir in den Sinn kommt und zum anderen, bekomme ich Sam permanent auf die Netzhaut gebrannt. Ich lege die Zeitung in die Mitte des Tisches und lasse meine Hand darauf liegen. >Um ehrlich zu sein, habe ich mit Widerworten gerechnet. Von mir aus brülle mich an oder sag mir, dass ich ein Idiot bin, aber bitte rede mit mir und sitz nicht so da wie eine Statue. < setzt er erneut an, greift zu meiner Hand und streicht sanft mit seinem Daumen über meinen Handrücken. Ich lasse es zu, aber ich sehe ihn nicht an. Warum macht er das schon wieder?
>Und jetzt spielen wir lediglich auf Zeit? < frage ich bitter. >Soll ich bis auf Weiteres in deinem Haus leben und dasselbe Buch ein zehntes Mal lesen? Soll ich wieder von dir abhängig sein und mich verstecken, bis du wieder die Nase von mir voll hast? <
>Ich hatte niemals die Nase von dir voll – das weißt du. < wispert er und blickt unglücklich zu mir.
>Du wolltest, dass ich Angora verlasse, weil dort keine Perspektive für mich war. Und nun habe ich Angora verlassen und die Konsequenz ist, dass ich gar keine Aussichten mehr habe. Entweder habe ich dich von nun an 24 Stunden als Babysitter um mich oder ich bin in diesem Safehouse, wo ich von Leuten umgeben sein werde, die ich weder kenne, noch von denen ich weiß, wie sehr ich ihnen trauen kann. Du lässt mich zwischen zwei Optionen wählen, die keine sind. <
>Es ist nur so lange bis Madjid aus dem Verkehr gezogen wurde und es wird nicht dauerhaft sein. <
Wütend ziehe ich meine Hand unter Sam´s weg.
>Es sind vier Monate vergangen, seitdem ich ihm das letzte Mal begegnet bin. Niemand kann mir sagen, ob nochmal genauso viel Zeit vergeht bis ihr ihn habt, oder sogar noch länger. Vielleicht erwischt ihr ihn auch nie, weil er keinen Grund hat, sich euch zu zeigen. Gib mir eine Waffe und lass mich gehen. Wenn er mich wirklich sucht, dann werde ich ihn schneller vor mir zu stehen haben, als ihr. <
Sam starrt mich mit großen Augen an.
>Du wirst nicht noch einmal einen Köder spielen. Schon gar nicht in diesem Zustand. Sieh zu, dass du dich erholst und spar dir deine Kräfte. Den Rest erledigen wir. <
>Dieses Gespräch wird nie enden, fürchte ich. Ich kann ebenso stur sein, wie du und ich werde mich nicht hinter Mauern verkriechen. Das habe ich lange genug getan. <
Daraufhin grinst Sam und ich verstehe den Sinn dahinter nicht. Dann steht er auf und verschwindet wortlos in seinem Flur. Wenn er jetzt keine Lust mehr auf Diskussionen hat, na von mir aus. Mir stinkt es auch bis zum Himmel. Ich brauche keinen Babysitter rund um die Uhr und am wenigsten brauche ich jemanden, der mich in einen Knast ohne Gefängnisstäbe setzt. Dann kommt Sam zurück, setzt sich direkt neben mich und hält mir seine Hand hin. Automatisch schaue ich auf sie herab.
Und dann bleibt mir meine Wut im Hals stecken.
>Vielleicht hilft dir das, wieder etwas fröhlicher zu werden. <
>Woher hast du den? < flüstere ich fassungslos und greife zu etwas Goldenem. Es ist nicht nachgemacht oder nur ein ähnliches Schmuckstück, sondern es ist der originale Kamm, den mir meine Mum in die Haare steckte. Lediglich ein Zacken ist herausgebrochen. Ich umgreife ihn fester und schließe meine Augen. Die Träne, die mir stumm aus dem Augenwinkel läuft, ist nicht aufzuhalten. Das ist alles, was ich von meiner Mutter noch habe. Ich muss zugeben, dass das ein ziemlich genialer und zugleich mieser Schachzug von Sam war, der mich tatsächlich matt setzt. Meine Lust weiter mit ihm zu diskutieren, ist wie weggeblasen.
>Du bist ein Arsch. Wie kannst du mir den geben, wenn ich versuche, sauer auf dich zu sein? < fluche und schniefe ich zugleich.
Sam legt den Kopf in den Nacken und lacht sich scheckig, anstatt beleidigt zu sein. Na toll, jetzt muss ich deswegen auch noch grinsen, obwohl ich es gar nicht will.
>Seit Monaten tue ich kaum etwas anderes, als zu versuchen, dich da rauszuholen. Ich sammle so viele Beweise, die mir in die Hände kommen und lasse nichts unversucht. Vor ein paar Tagen wollte ich noch einmal alles durchgehen und fand den Kamm in den Resten deines Kleides verwickelt. Ich dachte mir, dass du ihn gern zurück hättest. <
Während er sich noch über meine gemischte Reaktion amüsiert, gehen meine Augen wieder auf den Kamm und ich hauche:
>Danke. <
>Ich kannte deine Familie vielleicht nicht, aber ich denke, sie würden sicher nicht wollen, dass du auf dich allein gestellt bist. Du hast es vorhin geschafft, fünf gestandene und kaltblütige Männer für einen kurzen Moment zum Schweigen zu bringen, als sie von dir erfuhren. Ich schätze, bevor sie dich sahen, haben sie jemand anderen erwartet, als ich erklärte, was du gestern tun musstest. Ich bewundere es bis heute, dass du dir nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und jetzt schon wieder daran denkst, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Eines steht jedenfalls fest, ich habe mich anfangs vollkommen in dir getäuscht. Wenn die Hölle über dich hereinbricht, dann wirst du plötzlich ganz ruhig und funktionierst einfach. Das hast du bewiesen, als du mich zusammenflicken musstest, als du mit mir bei Scofieldt warst und gestern an der Klippe hast du es wieder gezeigt. <
>Hör auf, mich auf so ein Podest zu stellen. < erwidere ich plötzlich gar nicht mehr so benommen, wie zuvor. Was er gerade sagte, mag in gewisser Weise stimmen und mir ist klar, dass meine Familie nicht wollen würde, dass ich allein einem Mörder hinterherjage, aber alle anderen Sachen klingen unerschrockener, als sie es tatsächlich waren. >Klar ich weiß, was du meinst, aber du hast eben auch nicht alles mitbekommen. <
>Zum Beispiel? <
Da würden mir einige Dinge einfallen, die in letzter Zeit passiert sind, aber es gibt da eine Sache, die Sam endlich erfahren sollte.
>Als du Scofieldt erledigt hattest, war ich echt froh über meine Bewährungsprobe. Im Auto dachte ich dann, dass ich mit der Lizenz vielleicht gar nicht schlecht sein könnte, aber es gab da etwas, das die ganze Zeit in meinem Hinterkopf herumschwirrte und das ich dir einfach nicht sagen konnte, weil ich nicht wusste wie. <
Plötzlich wird Sam hellhörig und ahnt Schreckliches.
>Hat der Kerl…? <
>Nein, er hat damit rein gar nichts zu tun. < rede ich ihm sofort rein. Nachdenklich kaue ich auf der Innenseite meiner Wange herum und schaue schließlich zu Sam hoch. Ewig versuchte ich ihm etwas zu sagen, das ich einfach nicht über mich brachte. >Ich hielt die Idee anfangs für verrückt, eine Kopfgeldjägerin zu werden und trotzdem war ich davon überzeugt, das Richtige zu tun und das zu schaffen. Aber ich habe mich dort verprügeln, demütigen, psychisch plattmachen lassen und schließlich sogar dazu herabgelassen, bei Cataley vollkommen auszuticken. Die Hölle ist über mich hereingebrochen und ich bin keineswegs mehr ruhig geblieben oder funktionierte. <
>Wie meinst du das, dass du bei Cataley ausgetickt bist? <
>Sie wusste ganz genau wo sie mich treffen konnte und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. An dem Freitag als du mich wieder von der Schule abgeholt hast, da hatte sie uns mit einer anderen Stufe zusammen unterrichtet. Wir hatten Mentaltraining und dabei schickte sie uns mit einer VR-Brille in ein „Spiel“ das unsere Nerven testen sollte. Ich war als Letzte dran, also wusste ich, dass es immer nur drei verschiedene Situation geben konnte. Bei mir wählte sie plötzlich etwas ganz anderes und programmierte offenbar den Avatar um, dass er mich an den gleichen Stellen anschießen sollte, wo tatsächlich meine Verletzungen waren – schließlich hatte sie die Stellen ein paar Tage zuvor gesehen. Bei meiner Reaktion lachte sie sich kaputt und ich bin auf sie losgegangen. Im Grunde war das längst überfällig, aber ich bin trotzdem nicht gerade stolz darauf. Ich hätte es einfach lässiger hinnehmen müssen, aber ich habe sie so unfassbar dafür gehasst. <
Sam starrt mich fassungslos an, aber ich rede einfach weiter, denn jetzt ist es mir sowieso egal geworden, ob er mich dafür nun als zu schwach ansieht oder nicht. Ich erzähle ihm alles – die Sache mit meiner verlorenen Punktzahl beim Lasertag, die ständigen und demütigenden Sprüche innerhalb des Trainings, die Hetzjagd mit Cataley im Wald, die gezielten Schläge auf meine Verletzungen – einfach alles.
>Warum hast du mir das nicht einfach gesagt? Denkst du, ich hätte dir Vorwürfe gemacht? Wenn du auf sie losgegangen bist, dann hast du einen verdammt guten Grund dazu gehabt. < fragt Sam, nachdem ich fertig bin.
>Du bist an der Schule nicht gerade unwichtig und vielleicht wäre meine Handlungsweise auf dich zurückgefallen. Außerdem wollte ich nicht, dass du denkst, ich sei dem Druck nicht gewachsen. <
>Druck? Das hört sich nach systematischer Vernichtung an. <
So hatte es sich auch angefühlt, aber ich dachte nicht daran, einzuknicken. Zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, als es mir endgültig zu viel wurde. >Ein paar Dinge, die du eben genannt hast, habe ich schon mal gehört, aber erst viel zu spät. Henry hat immer wieder versucht, mich zu erreichen, weil er wissen wollte, weshalb du nicht mehr zur Schule kommst. Glaubst du wirklich, er hat das nicht mitbekommen, dass ein paar komische Dinge abliefen? Er hat dich sogar in sein Büro zitiert, aber er sagte, du hast nicht den Mund aufgemacht. Also sprach er Ruby beiläufig an und versuchte an ein paar Infos zu kommen, aber bei ihr musste er ganz schön nachhaken. Lukaz hat meistens parallel seinen eigenen Unterricht gemacht und nur ab und zu ein paar Auffälligkeiten im Training mitbekommen, denn schließlich stellt Cataley so etwas geschickt an. Allerdings berichtete er davon, wie gut du beim Lasertag warst und plötzlich vor Ende des Spiels waren alle deine Punkte weg. Er sah deinen Blick und den von Cataley und ihm war klar, dass sie ihre Finger im Spiel hatte. Mal davon abgesehen, warst du schon viel zu gut für die erste Stufe. Deswegen wollte Henry eine Aufnahme haben, als ihr durch das Labyrinth der FBI-Trainees musstet und er wollte eure Zielscheiben von der ungeplanten Waffenübung sehen. Cataley musste wegen deiner Auswertung in Henrys Büro auftauchen, weil nicht ersichtlich war, weshalb du nicht aufsteigen konntest. Er setzte sie auf eine Art Bewährung, aber da du nicht mehr zur Schule kamst und es keine anderen Schüler mit ähnlich seltsamen Auffälligkeiten wie Punktabzug oder dergleichen gab, ist die Sache irgendwie im Sande verlaufen. Als ich allerdings vor ein paar Tagen bei dir in Angora war und du mir sagtest, dass du auch ihretwegen nicht mehr dort sein wolltest, da habe ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und ihr endgültig ihre Konsequenzen aufgezeigt. Und da wusste ich noch nicht einmal die Sache mit dem Simulationsspiel. Sie musste erneut vor Henry stehen und dieses Mal auch noch vor mir. Da du schon lange weg warst, dachte sie, ihr würde nun nichts mehr passieren. Deswegen fiel sie auch aus allen Wolken, als sie nun wieder darauf angesprochen wurde und ich ein paar Insiderinfos von dir auspacken konnte. Das fand Henry alles andere als lustig, denn auf so ein Verhalten ist seine Schule nicht aufgebaut. <
>Ach na ja was solls?! Sie ist so ein Mensch, der sowieso immer mit allem durchkommen wird und du hast sie wahrscheinlich für das Anprangern entschädigt. Immerhin konnte sie dich dadurch wiedersehen. Das war womöglich ihr Highlight des Tages. < erwidere ich sogar teilweise amüsiert, denn ich weiß wie sehr Cataleys Augen glänzten, sobald er vor ihr stand. Inzwischen kann ich es vollkommen nachvollziehen, aber Sam haben zu wollen, gleicht reiner Selbstverstümmelung – etwas, das ich nun mit meiner ehemaligen Trainerin gemeinsam habe.
>Erinnere mich bloß nicht daran. < sagt er augenrollend. >Wenn ich bedenke, dass wir uns immer wieder mal in den Lehrgängen gesehen haben und es anfangs eigentlich harmlos war, ist es ziemlich schnell zu einer Besessenheit bei ihr geworden. Sie war aber nun mal nicht mein Ding und das sagte ich ihr anfangs so nett ich konnte. Anstatt mich in Ruhe zu lassen, wurde daraus allerdings eine fanatische Anhänglichkeit bei ihr. Dann tauchtest du irgendwann neben mir auf und ich konnte förmlich dabei zusehen, wie ihr die Hörner wuchsen. <
>Sowas deutete Henry schon an, aber das ist nicht mein Problem. Ich habe ihr schließlich nie etwas getan. Sie hatte keinen Grund das zu tun. <
>Nicht unbedingt. Sie wollte sich selbst immer im Mittelpunkt zu stehen haben und dich, im Vergleich zu ihr, kleinhalten. Aber dumm wie sie nun einmal war, hat sie dich damit besser ausgebildet als jeden anderen. Du hast ihr vielleicht nicht direkt etwas getan, aber du wurdest zu ihrem Problem, weil ihr klar gewesen sein musste, dass ich mich in dich verliebt hatte. <
Keuchend atme ich ein und bekomme einen beschleunigten Herzschlag mit sofort verschwitzen Händen. Habe ich mich gerade verhört?
>W… was hast du gerade gesagt? <
Er grinst auf eine Weise verlegen, aber auf eine andere Weise erwidert er vollkommen lässig:
>Ich liebe dich. Ich dachte, das war längst klar, als ich vor ein paar Tagen in deinem Apartment stand. <
>Es zu hören ist dennoch nicht nebensächlich. < grinse ich zurück. Egal ob nun ausgesprochen oder nicht, es ändert nichts an seiner Einstellung und es ändert nichts daran, dass ich mich furchtbar in seiner Gegenwart fühle – jetzt womöglich noch mehr. Was glaubt er eigentlich, wie ich damit umgehen soll?
>Du hast es mir nicht gerade leicht gemacht, mich dagegen zu wehren. Irgendwie hast du mich nach all den Jahren wieder lebendig gemacht und mir gezeigt, wie großartig es sein kann, nach Hause zu kommen und zu wissen, dort ist jemand, der auf einen wartet. Eigentlich hatte ich niemals vorgehabt, dich überhaupt so lange bei mir zu lassen. Aber du hast es geschafft, dass ich dir immer mehr von mir erzählte, was ich schon lange verdrängt hatte und kurz bevor ich nach Russland flog, merke ich, dass ich den Job deinetwegen im Grunde nicht annehmen wollte. Aber es war wichtig, denn dadurch habe ich die Männer, die du vorhin kennengelernt hast, auf meine Seite bekommen. Trotzdem war es ein Fehler, dich dort allein in der Schule zu lassen. Vielleicht hätte ich dir wenigstens Lukaz dalassen sollen. Als ich zurückkam, wollte ich dieses unkomplizierte Dasein mit dir einfach nur genießen, aber als wir beide miteinander geschlafen haben, da wusste ich, dass du keinen Tag länger bei mir sein durftest. Ich lag die ganze Nacht lang wach und sah dich an. Mein Plan war sämtliche Spuren zu vernichten, dass es so aussieht, als wärst du niemals bei mir gewesen. Den Rest der Geschichte kennst du. <
Sein Gesicht wirkt nun nicht mehr amüsiert oder leicht grinsend. Nun ist es wieder bitter und ernst. Warum muss immer alles so kompliziert sein?
>Lass uns einfach nicht mehr darüber reden. < hauche ich. Dieser Morgen danach gehört auf meine Liste, der schlimmsten Tage meines Lebens.
>In Ordnung. Dann reden wir nicht. <
Er greift um meine Taille und zieht mich einfach zu sich heran, als würde ich rein gar nichts wiegen. Überrascht und um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, halte ich mich an ihm fest, als er mich auf seinen Schoß setzt.
Ich verstehe die Welt nicht mehr, als er mein Gesicht zu seinem zieht und mich küsst. Für einen kurzen Moment ist es mir egal, wie gegensätzlich sein jetziges Handeln zu seiner Einstellung vor wenigen Tagen steht. Mir ist gerade alles egal.
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