Rache

von Niekas
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
22.02.2018
06.12.2018
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Einige Monate waren vergangen, seitdem sie Yusuke begraben hatten. Mittlerweile wuchs schon Moos auf dem schattigen Plätzchen, das Toshikazu ausgesucht hatte. Shinobi waren keine mehr aufgetaucht, auch wenn Mizuki noch immer nicht anders konnte, als den Wald im Auge zu behalten, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot. Rumi und Toshikazu waren im Moment dabei, die Reissetzlinge auf das Feld zu pflanzen, und Rumi hatte ihn davon ausgeschlossen. Er war kräftig und geschickt mit den Händen, das gestand sie ihm zu, aber er bekam beim besten Willen nicht heraus, in welchen Abständen die Pflanzen stehen mussten. Also konnte er sich dem widmen, was er besser beherrschte.
Sakamae trabte gerade eine letzte Runde um das Haus. Sie war groß geworden, dabei hatte sie erst vor kurzem ihren siebten Geburtstag gefeiert. Als Geschenk hatte Rumi an dem dunkelgrünen Kleid den unteren Saum ausgelassen, alle Nähte aufgetrennt und sie neu zusammengenäht, um die Nahtzugabe zu nutzen. Jetzt reichte das Kleid Sakamae wieder ungefähr bis zu den Knien und passte einigermaßen.
Schnaufend kam Sakamae neben Mizuki zum Stehen. „Fertig.“
„Das waren erst neun Runden“, sagte er.
„Es waren zehn! Eine Kunoichi darf nämlich auch bei körperlicher Anstrengung das Denken nicht vergessen.“
Mizuki lachte. „Sehr gut. Die Dehnübungen kannst du mittlerweile allein.“
Sie stellte sich wacklig auf ein Bein und zog den Fuß mit beiden Händen nach oben. Mizuki machte die Übungen mit. Wenn Sakamae auf die Akademie gehen würde, wäre sie in der zweiten Klasse. Hatten seine Zweitklässler die Dehnübungen aus dem Kopf gekonnt? Einen Moment lang überlegte er, ehe er sich eingestehen musste, dass er sich nicht erinnerte.
„Also dann“, sagte er, nachdem sie die Übungen beendet hatten. „Wo waren wir gestern stehen geblieben?“
„Beim Abrollen“, antwortete Sakamae.
„Genau. Das ist wichtig, weil?“
„Weil Fallen nicht schlimm ist, wenn man es richtig macht.“
„Sehr gut.“
Sakamae rollte ihren Ärmel auf und zeigte ihm ihren Oberarm, der von Blutergüssen aller Farbschattierungen übersät war. „Ich bin schon voller blauer Flecke.“
„Das sollte dich als angehende Kunoichi nicht stören.“
„Tut es auch nicht, aber Rumi. Sie sagt auch, dass Sie einen schlechten Einfluss auf mich haben.“
„Wie meint sie das denn?“
„Ich habe gehofft, das wüssten Sie.“ Sakamae krempelte den Ärmel wieder herunter. „Machen wir heute wieder fallen?“
„Ja.“
„Und wenn ich einen Fehler mache, wieder fünf Liegestütze?“
„Zehn.“
„Mist. Ich dachte, ich könnte Sie reinlegen.“
„Du musst dich geschickter anstellen, um einen Shinobi zu täuschen.“ Mizuki machte einen Satz auf sie zu und zielte mit der Handkante auf ihre Brust. Im letzten Moment sprang Sakamae zurück. Sie landete auf den Füßen, blieb aber an einer Unebenheit im Boden hängen und fiel mit einem Aufschrei hintenüber.
„Verdammt!“
„Zehn Liegestütze.“
„Das war gemein!“, protestierte sie. „Ich war nicht vorbereitet!“
„Eine Kunoichi muss auf alles vorbereitet sein, Sakamae.“
Sie seufzte tief und stemmte die Hände auf den Boden. „Konnten Ihre Schüler Sie eigentlich leiden?“
„Oh, ich glaube, ich war sogar recht beliebt. Ich war keiner dieser Leuteschinder.“
„Ist das Ihr Ernst?“
„Ich habe schlimmere Lehrer kennengelernt als mich.“
„Zum Beispiel?“, schnaufte sie und drückte sich hoch.
„Die Ellbogen nicht abspreizen, näher an den Körper. Als ich sieben war, hatte ich einen Klassenlehrer, der in der ersten Stunde gefragt hat, wer die meisten Liegestütze nacheinander hinbekommen würde. Wir haben uns alle Mühe gegeben, um ihn zu beeindrucken. Natürlich hat Gai gewonnen, mit sechsundzwanzig. Also hat dieser Lehrer gesagt, der erste, der seine Hausaufgaben vergessen würde, würde siebenundzwanzig machen.“
„Würden Sie das schaffen?“, fragte Sakamae.
„Damals habe ich diesen Lehrer gehasst, und Gai noch mehr. Der wurde schließlich kurz danach zum Genin ernannt und war den Lehrer los. Aber später habe ich zweihundert geschafft.“
„Zweihundert!“
„Ich war jung und wollte Mädchen beeindrucken.“
Sakamae beendete die zehnte Wiederholung und legte die Brust ordentlich auf dem Boden ab, anstatt sich fallen zu lassen. „Macht man das so in Konoha?“
„Allerdings. Anko hat immer alle mit ihren, äh, Liegestützen beeindruckt.“
„Ich glaube, das meint Rumi mit schlechtem Einfluss.“

Am Nachmittag übten sie das Alphabet, das Mizuki in die Holzwand des Ziegenstalls geritzt hatte. Seine Notwendigkeit leuchtete Sakamae nicht halb so ein wie die des praktischen Trainings. Mizuki erklärte ihr zum dritten Mal, dass ein Shinobi in der Lage sein musste, einen sprachlich korrekten Missionsbericht zu verfassen, als Rumi und Toshikazu wiederkamen.
„Dabei kann ich ja lesen“, sagte Sakamae zu Toshikazu. „Jedenfalls die an der Westwand vom Ziegenstall.“
„Das sind die Hiragana“, sagte Mizuki, der auf der Stufe zur Haustür saß. „Die allein reichen eben nicht.“
Sakamae seufzte tief. „Wie viel kommt denn da noch? Ich meine nur, weil der Ziegenstall nur vier Wände hat.“
„Die Hauswände sind tabu, Mizuki“, sagte Rumi.
„Der Ziegenstall wird völlig reichen.“
„Beruhigend. Ich mache Essen. Sakamae, was hast du mit deinen Händen gemacht?“
Sakamae sah überrascht hinunter auf ihre Finger, die vor Dreck starrten. „Liegestütze. Sensei lässt mich ständig welche machen.“
„Diesmal nur dreimal“, sagte Mizuki. „Du hast dir Mühe gegeben.“
Rumi seufzte. „Wasch dir vor dem Essen die Hände.“
„Kann ich zum Fluss?“, fragte Sakamae eifrig. „Ich muss sehen, ob mein Damm von gestern noch da ist. Sensei hat mich bis jetzt nicht gelassen.“
„Meinetwegen. Aber sei bald wieder hier.“
„Ja ja!“
Sakamae rannte davon. Rumi zwängte sich an Mizuki auf der Stufe vorbei und ging ins Haus.
„Sie setzen sich wirklich durch bei ihr“, sagte Toshikazu. „Ich weiß nicht, ob ich es schaffen würde, sie einen Tag lang vom Fluss fernzuhalten.“
Mizuki lächelte. „Jahrelange Übung. Wie sieht es auf dem Feld aus?“
„Wie immer.“ Toshikazu runzelte besorgt die Stirn. „Einer der Zäune ist beschädigt.“
„Soll ich helfen, ihn zu reparieren?“
„Oh, das haben Rumi und ich heute schon getan. Mir macht eher Sorgen, wie dieser Schaden entstanden ist. Es muss ein ziemlich großes Tier gewesen sein.“
„Ein Tier?“, fragte Mizuki.
„Na ja, ich denke nicht, dass es ein Mensch war.“ Toshikazu lachte nervös. „Es kommt doch kaum jemand in die Gegend. Aber …“
Ein schriller Schrei erklang aus dem Wald. Toshikazu keuchte und sah sich um.
„Was war das?“
„Sakamae“, antwortete Mizuki, sprang auf und rannte. Er kannte den Weg zu Sakamaes Stelle am Fluss, man musste sie oft genug von dort einsammeln. Sie schrie immer noch, während er den ausgetretenen Pfad im Unterholz entlang hastete. Dornen verfingen sich in seiner Hose. Als er endlich zwischen den Bäumen hervorbrach und den Fluss vor sich sah, verstummte Sakamaes Schrei gerade in einem Wimmern. Sie kauerte auf einem Stück Rasen am Flussufer. Zwei überdimensionierte Hände lagen rechts und links von ihr, jede mit mindestens sieben Fingern mit langen Klauen, die dazugehörigen Arme so dick wie junge Bäume. Am anderen Ende der Arme hing ein Kind, das nur mit einer schmutzigen Unterhose bekleidet war. Zotteliges schwarzes Fell bedeckte den Kopf bis hinunter zu den Schultern, die Haut war ledrig, aschgrau und ohne Abzeichen. Die kleinen Augen waren stechend gelb und der Mund bestand aus einem Gewirr handlanger Tentakeln, die sich unaufhörlich bewegten wie Gras unter Wasser.
Sakamae wandte den Kopf und schluchzte auf, als sie Mizuki erkannte.
„Alles ist gut“, sagte Mizuki leise. „Ich bin hier. Geh ganz ruhig rückwärts.“
Er hatte keine Waffen dabei. Schon, er wusste nicht, ob er gegen dieses Untier angekommen wäre, aber ein Shuriken im Rückgrat war erfahrungsgemäß den Versuch wert. Sakamae schluckte hörbar und stand vorsichtig auf. Die Augen des Kindes folgten ihr.
„Alles ist gut.“ Sakamaes Stimme zitterte ebenso wie ihre Knie, als sie einen Schritt rückwärts machte. „Ich gehe. Ich wollte mir nur eben die Hände waschen.“
Die Finger zuckten. Kreischend stolperte Sakamae zurück. Mizuki machte einen Satz auf sie zu, aber ehe er sie erreichte, hatten die Arme zu schrumpfen begonnen. Sie wanderten auf den Kinderkörper zu, und das Fell wich von den Schultern zurück und schmolz zu einem wirren Schopf auf dem Kopf zusammen. Die aschgraue Haut nahm ein warmes Braun an. Der schon wieder normal proportionierte Junge streckte sich, und die Tentakeln an seinem Mund bildeten sich zu Lippen zurück. Er schmatzte ein, zwei Mal, jagte dann auf Sakamae zu und hielt ihr die Hände hin.
„Sauber!“
Sie starrte ihn an, noch immer auf dem Hinterteil sitzend, wie sie gefallen war. Mizuki trat neben sie. Ohne eine Spur von Angst blickte der Junge zu ihm auf. Seine Haut war so dunkel, als käme er aus Kumo, und fast lückenlos übersät von Schnittnarben. Seine Oberlippe zuckte und ein Tentakel baumelte träge davon herunter. Hastig leckte der Junge sich über die Lippen, was den Tentakel verschwinden ließ, und präsentierte Mizuki seine Hände.
„Sauber!“
„Ja, die sehen wirklich sauber aus“, sagte Mizuki. „Gut gemacht.“
Der Junge strahlte.
„Sensei“, raunte Sakamae ihm zu und rappelte sich auf. „Wer ist das?“
„Ein Junge aus dem Steinbruch“, sagte Mizuki. „Nicht wahr?“
Der Junge lächelte und antwortete nicht. Die gelben Augen hatte er trotz seiner Rückverwandlung behalten. Eindeutig eines von Orochimarus Monstern. Dabei hatte Nobuhisa doch gesagt, die Shinobi hätten alle getötet. Offenbar waren einige entkommen, das hatte Yusuke schließlich auch getan. Nur, dass der Junge offensichtlich besser davongekommen war als Yusuke.
„Kennen Sie den?“, fragte Sakamae, deren Blick zwischen Mizuki und dem Kleinen hin und her huschte.
„Nein. Aber ich nehme an, Nobuhisa hat ihm beigebracht, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht.“
„Sauber!“, sagte der Junge.
„Gut“, sagte Mizuki. „Dann sollten wir jetzt etwas essen gehen.“

„Ach du liebe Güte“ war alles gewesen, was Rumi gesagt hatte. Sie hatte das Abendessen kurzerhand verschoben, den großen Badezuber auf die Lichtung gestellt und das schon erhitzte Wasser zum Bad umfunktioniert. Wenig später saß der Junge bis zur Hüfte im bereits ordentlich trüben Wasser und planschte zufrieden darin herum, während Rumi ihm die Haare wusch.
„Ich habe noch nie einen Menschen mit so vielen Narben gesehen“, murmelte Toshikazu, der das Spektakel unschlüssig von der Haustür aus beobachtete.
„Für mich sehen sie aus wie Kampfverletzungen“, sagte Mizuki. „Vielleicht war er mit anderen Kindern zusammen, die ähnliche Ausfallerscheinungen hatten wie er, und sie haben sich gegenseitig verletzt.“
Der Junge prustete etwas Wasser und zwei Tentakeln aus, was Rumi einen Aufschrei entlockte, ehe er beide Tentakeln wieder einschlürfte und sie anlächelte. Toshikazu sah aus, als sei ihm nicht gut.
„Und ihr habt gesagt, dass er größer war? Dass er riesige Hände mit Krallen bekommen hat?“
Sakamae nickte. „Er war ein Monster.“
„Er ist ein kleiner Junge“, widersprach Mizuki. „Offenbar kann man ihn ganz gut unter Kontrolle halten, wenn man normal mit ihm redet. Zum Beispiel, ihn bittet, sich die Hände zu waschen.“
Unsicher sah Toshikazu ihn an. „Sind Sie dafür, dass wir ihn behalten?“
„Natürlich. Warum denn nicht?“
„Wegen Yusuke.“
„Gerade wegen Yusuke müssen wir ihn behalten“, sagte Mizuki.
Toshikazu und Sakamae sahen ihn mit großen Augen an.
„Und jetzt zwingen Sie mich nicht, das näher zu erklären. Ich bin ein abtrünniger Shinobi, nicht die Heilsarmee. Ich habe einen Ruf zu verlieren.“
„Also, mir ist Ihr Ruf egal“, sagte Rumi. Sie hatte den Jungen mittlerweile aus dem Bad gehoben, abgetrocknet und ihm ein Hemd angezogen, das wohl einmal ihren Söhnen gehört hatte. Der Junge zupfte verwirrt an den Ärmeln, während sie versuchte, ihn auch noch in eine Hose zu zwängen.
„Er guckt, als ob er nicht wüsste, was Kleider sind“, sagte Sakamae.
Toshikazu lachte unsicher. „Wenn er sich verwandelt, wird er die Kleider dann sprengen?“
„Wir hoffen einfach, dass er sich nicht verwandelt“, sagte Rumi und strich dem Jungen über den Kopf. Er lächelte.
„Also bleibt er hier?“, fragte Sakamae aufgeregt. „Dann braucht er aber einen Namen. Wir sollten ihm einen geben.“
„Und das solltest besser nicht du übernehmen“, sagte Mizuki. „Du hast mal eine Ziege Katze genannt.“
„Sensei, Sie sollten nicht anderen Leuten sagen, dass die schlecht darin sind, Ziegen Namen zu geben.“ Sakamae musterte den Jungen eingehend und deutete auf ihre Nasenwurzel. „Die Narben, die er da hat, sehen aus wie ein Ki.“
Mizuki hob verblüfft die Augenbrauen. „Seit wann kannst du Katakana lesen?“
„Na ja, ich weiß jedenfalls, was ein Ki ist.“
„Das ist besser als nichts.“
„Finde ich auch“, sagte Rumi. „Ki ist besser als nichts.“
Ki sah von einem zum anderen und lächelte.

Sie holten das Abendessen verspätet nach. Ki aß mit den Fingern, und Mizuki beschloss, dass Nobuhisa gut daran getan hatte, ihm das Händewaschen beizubringen. Sakamae saß neben ihm und versuchte mehrmals, ein Gespräch anzufangen, aber Ki sah sie nur freundlich von der Seite her an und aß weiter. Als er satt war, stand er auf und rollte sich in einer Ecke auf dem Boden zusammen.
„Ich weiß nicht, wie viel er versteht“, sagte Sakamae später zu Mizuki, als sie den Tisch abräumten.
„Für mich sah er aus, als würde er zumindest verstehen, dass du freundlich mit ihm gesprochen hast.“
„Was glauben Sie, wie alt er ist?“
„Äußerlich würde ich sagen, Zweitklässler. Aber vielleicht ist er auch erst zwei und die Experimente haben ihn schneller wachsen lassen. Das würde erklären, warum er nicht spricht.“
„Könnte er auch so alt sein wie ich und wegen den Experimenten nicht sprechen?“
„Möglich ist es.“
„Wenn Orochimaru mich damals gekriegt hätte“, sagte Sakamae leise, „wäre ich dann so geworden?“
Mizuki warf einen Blick auf Ki, der begonnen hatte, eine Strohmatte auf dem Boden zu zerrupfen. „Du bist davongekommen, Sakamae. Das zählt.“
„Aber Ki hätte ich sein können“, sagte Sakamae. „Wir behalten ihn, oder?“
„Natürlich. Wir werden ihn nicht wegschicken.“
Sakamae nickte langsam. „Das ist gut.“
„Dann hast du endlich jemanden zum spielen“, sagte Mizuki.
Sie sah ihn schief an. „Ja. Auch.“
Mehr sagte sie nicht.

Wie er es sich angewöhnt hatte, wann immer er nicht im Ziegenstall schlief, schlug Mizuki sein Schlaflager im Hauptraum des Hauses auf. Rumi bereitete ein zweites für Ki, und Sakamae verbrachte einige Zeit damit, ihm zu erklären, wozu es diente. Da Ki keine Anstalten machte, aus seiner Ecke zu kommen, hob Rumi ihn letztendlich hoch, setzte ihn auf der Matratze ab und breitete eine Decke über ihn. Ki quietschte und verkroch sich darunter.
„Kann er nicht bei mir schlafen?“, fragte Sakamae.
„Lieber nicht“, sagte Rumi.
„Wieso? Er ist nicht gefährlich. Ich weiß, wie man ihn beruhigt.“
„Es ist mir einfach lieber, wenn Mizuki ein Auge auf ihn hat. Wenigstens für die erste Nacht.“
Mizuki nickte und warf einen Blick auf die Waffentasche, die er neben sein Kopfkissen gelegt hatte. Nur zur Vorsicht.
„Glaubt ihr, er dreht wieder durch?“, fragte Sakamae herausfordernd.
„Das können wir nicht wissen“, sagte Rumi geduldig. „Aber es ist sicherer, wenn wir uns darauf einstellen, dass es passieren könnte. Was ist los, Sakamae? Du scheinst Ki ziemlich schnell ins Herz geschlossen zu haben.“
„Es ist nur …“ Sie stockte. „Wegen Orochimaru. Das ist alles seine Schuld.“
„Ja, ist es“, sagte Mizuki.
„Es ist doch ungerecht, wenn Ki dafür bestraft wird.“
„Das wird er nicht. Er bekommt hier ein zu Hause.“
Sakamae sah zu dem Huckel unter der Decke und seufzte. „Na gut. Aber vertragen Sie sich mit ihm, Sensei.“
Mizuki lachte. „Keine Sorge.“
Wenn er ehrlich war, war ihm nicht völlig wohl dabei, die Nacht bei Ki zu verbringen. Man wusste ja nie, wann der Junge wieder mutierte. Es war reiner Shinobiinstinkt, der ihn warnte. Dann wiederum hatte Sakamae recht. Ki konnte nichts dafür, und er war nicht bösartig. Vielleicht würde er einfach schlafen.
Mizuki löschte das Licht, kaum dass die anderen zu Bett gegangen waren. Der Mond war hell in dieser Nacht und fiel durch die Vorderwand des Hauses aus Papier und Holz. Wenn Mizuki sehr still war, hörte er Ki mit der Decke rascheln. Jetzt hatten sie also doch ein Versuchskaninchen von Orochimaru bei ihnen wohnen. Aber wenigstens war Ki ein Opfer, kein Komplize, wie Yusuke es gewesen wäre. Und es waren keine Shinobi mehr in der Gegend. Mizuki hatte keine Angst.
Das war natürlich gelogen. Aber er wollte sich einreden, dass er keine Angst hatte, weil er an das Blatt in Nobuhisas Bart denken musste und daran, wie sie Yusuke begraben hatten. Wenn sie Ki fortjagten, würde Sakamae ihm das nie verzeihen, und Mizuki wusste, dass er selbst es auch nicht tun würde. Ki war kein Monster, er konnte nichts dafür. Vor allem ließ er sich mit einem Wort beruhigen und war ein lieber Junge, ein freundliches, ruhiges Kind. Kein Vergleich zu dem Dämon damals, der abgesehen davon, dass er in jederlei Hinsicht ein Plagegeist gewesen war, zahllose Menschen ermordet hatte. Mizuki hatte es gesehen. Der Dämon wäre für niemanden ein Verlust gewesen, er hatte Recht damit gehabt, ihn töten zu wollen. Aber Ki hatte nichts getan.
Wieder musste er an Yusuke denken. Mizuki hatte geglaubt, Yusuke sei kein Verlust, und er hatte sich getäuscht. Er würde den Fehler bei Ki nicht wiederholen. Und er verstand nicht, wieso seine Gedanken ständig zu dem verdammten Dämon wanderten.
Etwas berührte seine rechte Hand. Er schrak zurück und tastete nach seiner Waffentasche.
„Sauber?“, fragte Ki neben ihm.
Mizuki atmete auf. „Du bist es. Geh wieder in dein Bett.“
In der Dunkelheit konnte er gerade mal die Umrisse des Jungen erkennen. Ki tastete nach seinem rechten Arm und nahm ihn in die Hände. Er zählte die Finger, einen nach dem anderen, und strich dann über das Brandzeichen.
„Lass das“, sagte Mizuki und schüttelte den Griff des Jungen ab. „Geh ins Bett.“
„Feuer“, murmelte Ki.
„Was?“
Es kam keine Antwort mehr. Der Junge kroch zurück zu seiner Decke und versteckte sich darunter. Mizuki presste die Lippen aufeinander. War das nur gut geraten gewesen, oder erkannte Ki eine Brandnarbe, wenn er sie berührte?
Er würde nie erfahren, was dieser Junge durchgemacht hatte. Wenn er ehrlich war, war es ihm lieber so.

Mitten in der Nacht erklang in nächster Nähe ein ohrenbetäubendes Krachen. Mizuki stand auf den Beinen und hielt ein Kunai in der Hand, ehe er richtig wach war. Sein Herz raste. Kalte Luft drang in den Raum, und als er sich suchend umsah, erkannte er den dunklen Wald und den Sternenhimmel. Er japste nach Luft. In der Wand klaffte ein gigantisches Loch, und eine Gestalt rannte draußen davon.
„Ki!“, rief Mizuki. „Bleib hier!“
Eine Tür öffnete sich. „Was ist los?“, fragte Sakamae schrill.
Mizuki ließ das Kunai sinken und sah sich zu ihr um. „Ki. Er ist weggelaufen.“
„Was? Warum?“
„Er hat sich nicht die Zeit genommen, es mir zu erklären.“
Die Schlafzimmertür öffnete sich und Rumi trat mit einer Kerze heraus. „Ist er fort?“, fragte sie heiser, ehe ihr Blick auf die Wand fiel. „Ach du liebe Güte.“
„Wir müssen ihn zurückholen!“, rief Sakamae.
„Da draußen im Wald ist es stockdunkel“, sagte Mizuki. „Wir verlaufen uns, wenn wir uns nicht sogar den Hals brechen.“
„Und Ki?! Er tut sich bestimmt weh!“
„Sakamae, wir können nicht da raus. Ich suche Ki, sobald es hell wird.“
„Und wenn er bis dahin schon …“
„Na na na“, sagte Rumi und tätschelte ihre Schulter. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass er Angst vor uns hatte. Wenn er trotzdem allein in den dunklen Wald läuft, macht er das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Er hat sich auch nicht den Hals gebrochen, ehe wir ihn gefunden haben.“
„Und sobald die Sonne aufgeht, gehe ich ihn suchen“, sagte Mizuki. „Versprochen.“
Rumi betrachtete seufzend die Wand. „So eine Bescherung. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber vielleicht ist der Junge nicht dazu gemacht, in vier Wänden zu leben.“
„Ich suche ihn trotzdem.“
„Ich komme mit!“, sagte Sakamae.
Mizuki wollte abwehren, seufzte dann aber. „Gut. Aber nur, wenn du jetzt schlafen gehst. Du wirst die Kraft morgen brauchen.“

Im hellen Morgenlicht war die Zerstörung gleichzeitig schlimmer und harmloser, als Mizuki erwartet hatte. Ein zwei Meter großes Loch war in die Vorderwand gerissen und ein Stück weiter am Waldrand war ein Gebüsch deutlich plattgewalzt. Aber nirgendwo an den Holzsplittern des Hauses waren Spuren von Blut zu erkennen. Während Rumi und Toshikazu sich daran machten, geeignetes Holz für die Reparatur aufzutreiben, suchten Mizuki und Sakamae am Rand der Lichtung nach Spuren.
„Da“, sagte Sakamae und deutete auf Kratzer an einem Baum, die die Rinde mühelos durchtrennt hatten, sodass das helle Holz durchschien. „Vielleicht muss er seine Krallen wetzen. Wie ein Bär.“
„Wenn ja, werden wir ihn schnell finden“, sagte Mizuki. „Es ginge natürlich noch schneller, wenn du durch die Baumkronen springen könntest.“
„Das haben Sie mir noch nicht beigebracht.“
„Du musst nur rauf auf den Baum und zum nächsten springen. Was soll ich dir dabei beibringen?“
„Sensei, das ist ein meilenweiter Abstand.“
„Also schön, ich bringe es dir bei. Ein andermal.“
Sie folgten der Spur weiter. Tatsächlich hatte Ki an vielen Stellen die Rinde der Bäume aufgerissen, hier und da einen Strauch umgeknickt. Sie fanden auch ein Nest aus Farn, das plattgedrückt, aber verlassen war. Wenige Minuten später stießen sie auf einen Bachlauf. Ki hatte sich darüber gebeugt und schlabberte Wasser auf wie ein Hund. Seine gigantischen Hände waren auf der anderen Seite des Bachs aufgestützt. Die Reste seines Hemdes hingen in Fetzen um seinen Leib.
„Ki!“, rief Sakamae.
Der Junge sah sich verblüfft um. Als er sie beide erkannte, hellte sein Gesicht sich auf. Er kam auf sie zu gejagt, und seine riesigen Arme rissen rechts und links Zweige ab. Mizuki wollte Sakamae hinter sich ziehen, aber sie machte sich von ihm los.
„Wasch dir die Hände, Ki!“
Ki wurde langsamer und legte den Kopf schief. Wasser tropfte von den Tentakeln an seinem Mund. Dann schrumpften seine Arme auf Originalgröße, und er hielt Sakamae die Hände hin. „Sauber.“
„Warum bist du weggelaufen?“, fragte Sakamae. „Du musst doch wieder nach Hause. Komm!“
Sie griff nach seiner Hand. Ki sah verblüfft darauf und blieb stehen.
„Sakamae“, sagte Mizuki. „Ich glaube nicht, dass er versteht, was zu Hause bedeutet.“
Sakamae sah sich zu ihm um. „Na, dann müssen wir es ihm eben erklären. Er ist ein bisschen langsam, Ki.“
„Es wird schwer genug, das Haus wieder zu reparieren“, sagte Mizuki behutsam. „Das können wir uns nicht ständig erlauben. Und ich glaube, dass Ki hier draußen gut zurechtkommt.“
„Aber wir können ihn doch nicht hier lassen!“
„Warum nicht? Er hatte am ganzen Körper keine frischen Wunden, als Rumi ihn gewaschen hat, und unterernährt wirkte er auch nicht. Er kann sich selbst Schlaflager bauen, wir haben den Farn gesehen.“
„Trotzdem. Bei uns hätte er es viel besser!“
„Wir können Ki nicht einsperren, Sakamae.“
Sie starrte ihn an. „Ich will ihn nicht einsperren. Ich will nur, dass er ein Bett hat und warmes Essen kriegt.“
Ki ließ ihre Hand los und kratzte sich ausgiebig am Kopf. Eine Fliege schwirrte durch die Luft, und er schnappte danach, erwischte sie aber nicht.
„Ich glaube, Ki kommt allein zurecht“, sagte Mizuki.
„Ist es, weil er ein bisschen ein Monster ist?“, fragte Sakamae herausfordernd. „Deswegen kann er einfach draußen im Wald leben oder was? Weil es das ist, was er verdient?“
„Er ist kein Monster!“, fuhr Mizuki sie an.
Sakamae wurde blass und wich einen Schritt zurück.
„Es geht nicht darum“, sagte Mizuki und bemühte sich, ruhig zu sprechen. „Ki hat niemandem etwas getan, er ist nicht bösartig. Aber ich finde, wir müssen tun, was das Beste für ihn ist. Nicht das Beste für uns.“
Sakamae presste die Lippen aufeinander. „Ich habe Angst um ihn, Sensei.“
„Ich weiß. Aber es wird alles gut. Ganz sicher.“
Sakamae sah auf den Boden.
„Ki ist ziemlich leicht zu finden, bei den Kratzern, die er hinterlässt. Wir können ihn regelmäßig aufspüren, ja? Das wäre auch eine gute Übung für dich, zum Fährtenlesen. Wir werden ihn im Auge behalten, ja, Sakamae? Wir können ihm Essen bringen. Wir können …“
Sie schüttelte den Kopf und fiel Ki um den Hals. Ki blinzelte und legte einen Arm auf ihren Rücken. Hoffentlich würde alles gut gehen, dachte Mizuki. Sakamae wäre am Boden zerstört, wenn dem Jungen etwas zustoßen würde. Sie hatte das nicht verdient. Und Ki auch nicht.
Ki war kein Monster. Mizuki griff sich an den Kopf. Er hatte wirklich einen Ruf zu verlieren.