Freedom

von Hibiskiss
OneshotDrama, Tragödie / P16
21.02.2018
21.02.2018
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Freedom

Das grässliche Quietschen des schmiedeeisernen Eingangstors durchbrach die friedliche Stille des frühen Morgens und hinterließ einen stechenden Schmerz in den Ohren des alten Mannes, dessen faltiges Gesicht und der leicht gekrümmte Rücken die Spuren eines langen Lebens zeigten. Der gefrorene Kies krachte unangenehm unter seinen Füßen, während er den schmalen Weg zur alten Trauerweide einschlug, die in der hintersten Ecke des kleinen Waldfriedhofs stand und gerade um diese Uhrzeit dem Ort etwas noch Düsteres verlieh, als dieser es ohnehin schon an sich hatte.
Er hatte keinen Blick für die glitzernden Schneehäubchen links und rechts von ihm übrig, genauso wenig wie für die sauber gepflegten Grabsteine und die Kerze, deren Docht schon fast gänzlich abgebrannt war und nur noch aus einer kleinen flackernden Flamme bestand. Die Schönheit der Natur im Winter interessierte ihn nicht, das Gefühl der Trauer und des Verlustes hatten in ihm eine Leere und Kälte hinterlassen, die niemand hätte verdrängen können. Denn der einzige Mensch, der jemals irgendwelche warmen Gefühle in ihm ausgelöst hatte, lag unter einem einfachen Holzkreuz neben der alten Trauerweide.

Die Erde war noch frisch, aber es gab keine Blumen, keine Kerzen und nicht einmal einen richtigen Grabstein. Das Grab war schlicht und einfach, so wie sie es sich immer gewünscht hatte, und es war der einzige Wunsch, den er ihr jemals erfüllt hatte.
Es tat weh an sie zu denken, an ihre wunderschönen Augen, an ihr freches Grinsen und die Art, wie sie immer die Brauen hochgezogen hatte, wenn sie über etwas intensiv nachdachte. Es tat weh an den Klang ihrer Stimme zu denken, an die Beschaffenheit ihrer Haut und an ihre sanften Fingerspitzen, wenn sie die Konturen seiner Lippen nachgefahren war. Die Erinnerung war schon immer schmerzhaft gewesen, aber jetzt, wo er plötzlich alleine war, hatte er das Gefühl, als würde sie ihn unter Wasser drücken und gleichzeitig das Einzige sein, an das er sich wie ein Ertrinkender klammern konnte.

„Ich liebe dich.“ Drei kleine Worte, die er schon so oft aus ihrem Mund gehört, und sich trotzdem nie daran gewöhnt hatte. Sich auch nie daran gewöhnen würde! Es gab so vieles auf dieser Welt, das ihm wichtig war, so viele Menschen, die er schätzte und die für ihn irgendeine Bedeutung hatten. Aber keiner von ihnen hatte jemals so sein Herz berührt, niemandem hatte er zuvor so bedingungslos vertraut und sich fallen gelassen, weil er wusste, dass er aufgefangen wurde. Dass da immer diese zwei schützenden Arme sein würden, um ihn wieder hochzuziehen oder gemeinsam liegen zu bleiben.

„Jonas?“ Miras Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber er konnte dennoch den flehenden Unterton heraushören. Er wusste, dass diese wunderschönen Augen ihn ansahen, so intensiv, dass er fast spüren konnte wie sie sich direkt in seine Seele bohrten. Er wusste es, aber trotzdem hielt er seinen Kopf abgewandt, weigerte sich den Blickkontakt zu erwidern und festigte stattdessen einfach nur seinen Griff um den nackten Oberkörper seiner Freundin, fast so als würde er verhindern wollen, dass sie jemand klaute. Er liebte sie auch, wahrscheinlich noch viel mehr als sie es sich vorstellen konnte, aber die Angst war sein ständiger Begleiter, der schleichend in sein Bewusstsein kroch und sich dort festsetzte, genauso wie ein Parasit sich langsam durch den Körper fraß und sein Opfer zwang sich mit jeder Faser darauf zu konzentrieren. Er hatte Angst davor in ihre schokobraunen Augen zu sehen, weil er ganz genau wusste, dass er sich in ihnen verlieren würde. Er hatte Angst davor, diese einfachen drei Worte zu erwidern, weil es dann endgültig gewesen wäre. Er wollte es, aber er konnte einfach nicht.

Sein Vater hätte ihn gehasst, wenn er erfahren hätte, dass er sich in genau dieses Mädchen verliebt hätte. Er hätte ihn rausgeschmissen und Gott angefleht, dass er seiner Seele den Teufel austreiben würde. Seine tote Mutter hätte ihn aus dem Jenseits verflucht und seine Freunde hätten sich von ihm abgewandt und ihn spüren lassen, was es bedeutete, sich seinen Gefühlen hinzugeben. Er hatte es bereits einmal gesehen, was sie mit Typen wie ihm gemacht hatten, mit Männern, die verweichlicht waren und er wusste, dass sie keine Sekunde zögern würden, um ihm das Gleiche anzutun. Weil sie nicht verstanden, dass es einfach nur Liebe war. Dass er niemandem damit wehtat, eher im Gegenteil. Es war ganz bestimmt nicht krank, dass er sich in ein schwarzes Mädchen verliebt hatte und er war erst recht nicht vom Teufel besessen, aber eine streng katholische Erziehung in einem erzkonservativen Dorf in den Südstaaten hatte nun mal ihre Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen.

Er hatte Angst und er war feige. Aber Mira war es nicht, sie war bereits mit fünfzehn von zuhause ausgezogen, hatte die sichere Anonymität der Stadt verlassen, um sich auf dem Land mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Es war für sie nicht einfach hier draußen, wo die Uhren anders tickten und die Menschen jeden schief ansahen, der nur ein klein wenig anders war als sie es gewohnt waren, aber sie war trotzdem glücklich. Weil sie frei war und weil sie es einfach zuließ zu lieben. Mira hatte ihn niemals verleugnet, sondern die Konsequenzen mit einem frechen Grinsen ertragen und ihm alle Zeit der Welt gegeben, die er eigentlich nicht verdient hatte.


Der Schmerz war enorm. Die Trauer über den Verlust des einzigen Menschen in seinem Leben, den er zutiefst und aus ganzem Herzen geliebt hatte, bohrte sich wie eine glühend heiße Klinge durch seinen Körper, fraß ihn innerlich auf und machte jeden Atemzug zu einer Qual.  

Mira war viel zu gut für diese Welt gewesen. Und viel zu gut für ihn. Sie hätte etwas Besseres verdient gehabt, einen Menschen, der sie nicht einfach nur liebte, sondern es auch zeigen konnte. Einen Mann, der nicht so schwach und feige gewesen war. Er war ein verängstigtes kleines Geißlein gewesen und Mira der große loyale Wolf. Sie hatte ihn beschützt, indem sie all die körperlichen und seelischen Attacken von Jonas‘ Freunden wortlos hingenommen und niemals von ihm eingefordert hatte für sie einzustehen. Sie hatte es zugelassen, dass der Mann, den sie liebte, Lügen über sie verbreitete, um unangenehmen Fragen seines Vaters aus dem Weg zu gehen und um seinem Ruf im Dorf nicht zu schaden. Und sie hatte all seine halbherzigen Erklärungsversuche und Entschuldigungen weggeküsst, als sie ihn jede Nacht mit offenen Armen in der kleinen Hütte im Wald empfangen hatte.
Ja, Mira war einfach zu gut für diese Welt gewesen und sie hätte etwas Besseres verdient gehabt.

Aber stattdessen hatte sie gewartet. Sechzig verdammte Jahre lang hatte sie geduldig gewartet, ihm nie einen Vorwurf gemacht oder ihn bedrängt. Sechzig Jahre, und jetzt war sie tot. Gestorben, ohne auch nur ein einziges Mal die drei kleinen Worte aus seinem Mund gehört zu haben, die sie selbst so oft zu ihm gesagt hatte. Es war nicht fair, aber das war es noch nie gewesen. Nur hatte er sich bisher erfolgreich geweigert, den Tatsachen ins Auge zu blicken.
Er wusste ganz genau, wie sehr es sie damals verletzt hatte, als er Anna geheiratet hatte. Weil er zu viel Angst gehabt hatte zuzugeben, wem in Wahrheit sein Herz gehörte. Und trotzdem hatte sie ihm nie einen Vorwurf gemacht. Da war immer dieses verständnisvolle Lächeln auf ihren Lippen, auch wenn es nicht über den traurigen Blick in ihren Augen hinwegtäuschen konnte.

Jonas hatte sich bewusst dazu entschieden eine Lüge zu leben. Eine Frau zu heiraten, die er niemals geliebt hatte, nur um sich hinter der Fassade eines konservativen Familienlebens verstecken zu können. Und dabei den einzigen Menschen zu verleugnen, der ihm alles auf dieser Welt bedeutet hatte.
Alt zu werden war noch nie ein Vergnügen gewesen, aber in einer Lüge alt zu werden hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er gedacht hätte. Immer wieder hatte er an die – in seinen Augen – einzige Alternative gedacht, um aus seinem selbst erbauten Käfig auszubrechen, aber letztendlich war es Mira, die davon Gebrauch gemacht hatte. Deren Geduld nach sechzig Jahren geendet hatte, plötzlich und unerwartet, und sie damit ein letztes Mal bewiesen hatte, dass sie nicht so feige war wie er selbst.

Sie würde dort oben auf ihn warten, so wie sie es schon sein ganzes Leben lang getan hatte. Nur diesmal würde er die richtige Entscheidung treffen. Diesmal würde er ihr alles sagen, was er ihr hier unten nicht hatte sagen können. Und vielleicht würde Mira ihm irgendwann vergeben, dass sie so lange auf ihn warten musste. Denn diesmal würde es ganz anders sein: Diesmal würden sie beide frei sein!
Sein Blick wanderte nach oben zu den vereisten Baumkronen, durch die bereits die ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages brachen. Er spürte den kühlen Wind auf seiner Haut, roch den herben Geruch des Waldes und schmeckte den kalten metallenen Geschmack des Revolverlaufs in seinem Mund. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er langsam die Augen schloss und der Schuss die Stille des Waldes durchbrach.


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Für die liebe Amaineko, alles alles Liebe zum Geburtstag :D
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