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Erstes Treffen

KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
20.02.2018
20.02.2018
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Die Menschen auf der Straße verunsicherten ihn. Er fühlte sich einfach nicht wohl, als er, mit der Tüte seiner Einkäufe, die belebten Straßen in Richtung U-Bahn entlang lief. Seltsam, denn in „The World“ hatte er mit Menschenmassen kein Problem gehabt. Er hatte kein Problem damit vor den Augen aller in der Arena zu kämpfen. Oder sich ansprechen zu lassen. Die Realität hingegen stand auf einem ganz anderen Blatt. Hier war er nicht Endrance... hier war er einfach Kaoru Ichinose, der kleine „Shut in“, der bei seinen Eltern lebte und „The World“ nur verlassen hatte um seinen Körper den nötigen Schlaf zukommen zu lassen.
Doch „The World“ gab es nicht mehr und Kaoru wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte andere Spiele probiert, aber keines war wie „The World“, dass ihn nun über acht Jahre begleitet hatte. Damals, als es noch „The World R1“ gegeben und er Mia verloren hatte und vor einigen Monaten noch „The World R2“, dass ihm seinen Haseo geschenkt hatte.
Kaorus Herz begann wild zu schlagen, als er an den Adeptenschurken dachte, an dessen Seite er gegen Cubia gekämpft hatte. Danach hatte er ein Jahr gewartet, bis er zurück gekommen und etwas Eifersucht empfunden, weil nicht er, Endrance, der Grund dafür gewesen war.
Er hatte gefürchtet seinen Haseo nie wieder zu sehen, ihn wie Mia verloren zu haben, auch wenn er die Gewissheit hatte, dass Haseo in der Realität lebte. „The World“ war ihr Bindeglied gewesen. Solange es das Spiel gab, so lange hatte Kaoru hoffen und warten können, bis sein Haseo zurückkam. Doch, das Bindeglied war getrennt.
Genau das hatte Kaoru klar gemacht, dass er diese Gefühle für Haseo nicht einfach nur im Spiel hatte. Haseo hatte ihm viel gegeben. Kaoru arbeitete nun in einem kleinen Konbini in der Spätschicht, um sich an die Menschen zu gewöhnen. Er aß regelmäßig, hatte wieder einen Biorhythmus und allgemein konnte man wohl davon reden, dass Haseo seine Lebensart verbessert hatte. Ja er trauerte noch um Mia, aber er ließ sich von dieser Trauer nicht mehr einnehmen und lebte.
Und als hätte das Leben ihn dafür belohnt, als hätte es ihn belohnen wollen, weil er auch ohne „The World“ und Haseo nicht mehr von seinem Leben abließ, erhielt er diese E-Mail.
„The World“ ist nicht mehr, aber das ist kein Grund, dass wir nicht in Kontakt bleiben.

Wir haben viel gemeinsam durch gemacht und ich danke dir, dass du bis zum Schluss an meiner Seite warst.

Wir haben nie darüber gesprochen, aber wie ist eigentlich dein richtiger Name, Endrance?

Es klingt irgendwie seltsam, dass jetzt zu sagen, aber ich bin Ryou.

Sehr erfreut dich kennenzulernen.

Haseo

Kaoru hatte fast nicht wahr haben wollen, dass diese Mail wirklich von seinem Haseo kam. Er hatte sogar ganz vergessen, dass sie am letzten Tag von „The World“ ihre E-Mailadressen ausgetauscht hatte. Kaoru selbst hatte sich nicht getraut ihm zu schreiben. Er wusste gar nicht wie. Eine E-Mail war schließlich weit aus realer als eine geflüsterte Nachricht oder Ingame Nachricht in „The World“.
Auch wenn Kaoru etwas gebraucht hatte, so hatte er glücklich auf Haseos Nachricht geantwortet.
Ich bin Kaoru.

Es freut mich ebenfalls deine Bekanntschaft zu machen.

Haseo... ich meine Ryou, ich freue mich, dass du mir schreibst. Ich hatte schon Angst dich mit „The World“ verloren zu haben. Aber ich war tapfer und lebe mein Leben.

Dennoch, was ich dir in „The World“ sagte, meinte ich auch auf die Realität bezogen. Du bedeutest mir so viel, dass der Gedanke schmerzte nie wieder von dir zu hören.

Kaoru hatte die Nachricht mindestens dreimal neu geschrieben. Er wollte nicht wie ein Creep klingen und Ryou verschrecken, doch er hatte ganz cool auf diese Nachricht reagiert. Sie hegten so einen regen Kontakt und erzählten sich vieles aus dem privaten Leben. Kaoru hatte zum ersten Mal das Gefühl Haseo wirklich näher zu kommen und ihn kennenzulernen. Und doch, es war sein Haseo und seine Gefühle für ihn änderten sich nicht.
Allerdings, hatte die letzte E-Mail Kaoru in Sorge versetzt.
Auf der Arbeit läuft alles soweit gut.

Allerdings schwächel ich etwas. Habe mir wohl die Grippe eingefangen die bei uns grasiert. Ich habe etwas erhöhte Temperatur. Saeki meinte ich solle zu Hause bleiben und etwas Urlaub nehmen.

Ehrlich, ich weiß eigentlich nicht was ich Zuhause soll. Am Ende sitze ich da und arbeite wieder.

Für meine Arbeit bin ich ja auch umgezogen, also ist niemand da, mit dem ich mich wirklich unterhalten könnte. Shino studiert, damit sie bald zu Ovan und Aina nach Deutschland kann.

Kuhn redet jedes Mal nur darüber dass er nicht weiß was er aktuell machen soll. Tabby ist zu beschäftigt mit ihrer Ausbildung. Gaspard und Silabus versinken in einem neuen Onlinegame.

Eigentlich sind du und Saeki die letzten richtigen Personen mit denen ich Kontakt hege.

Aber... wir sind alle dennoch Freunde. „The World“ war mehr als ein Spiel für uns. Und es wird auch immer so bleiben, auch wenn ich manchmal die Zeiten vermisse. Habe ich mich wirklich so verändert?

Jedenfalls, pass auf, dass du die Grippe nicht auch bekommst.

Ryou

Sein Ryou fühlte sich nicht wohl. Er hatte die Grippe. Das war es, was Kaoru in Sorge versetzte. Noch dazu lebte er nun alleine. Wer kümmerte sich also um ihn?
Kaoru hatte durch diese Mail den Entschluss gefasst. Er würde das Haus verlassen. Er würde seinen Ryou pflegen und ihn helfen gesund zu werden. Zum Glück wohnten sie in derselben Stadt. Das hatte Kaoru bemerkt, als er Ryou um seine Adresse gebeten hatte. Klar und deutlich mit der Formulierung, dass er mal nach ihm sehen wollte. Auch wenn Ryou gemeint hatte, dass dies nicht nötig war, so hatte er auch nicht versucht ihn abzuhalten. Für Kaoru war dies ein Zeichen gewesen, dass Ryou ihn bei sich haben wollte. Eine Chance die Kaoru sicher nicht verstreichen ließ.

Es fühlte sich an, als hätte er eine Quest abgeschlossen und stand nun davor seine Belohnung zu bekommen. Er war nervös, als er vor der Wohnungstür stand, an deren Klingel der Name Ryou Misaki stand. Es würde ihre erste richtige Begegnung sein. Vielleicht nicht gerade eine die perfekt lief, immerhin war Ryou krank, aber sie konnte dazu führen, dass sie einander häufiger trafen.
Entschlossen drückte Kaoru die Klingel und lauschte in die Stille. Er fragte sich, ob er vielleicht unverschämt war, wenn er einfach die Tür öffnete und eintrat. Was wenn Ryou zusammen gebrochen war?
Und plötzlich kamen Geräusche von der anderen Seite. Schritte, die sich schwer und schleppend zur Tür bewegten.
Die Tür wurde aufgemacht und Kaoru konnte es nicht glauben. Die Nase war rot, das Haar strubbelig, die Augen von Ringen geprägt. Schweiß glänzte an seiner Stirn. Er sah wirklich nicht gesund aus und doch konnte Kaoru nicht den Blick von Ryou nehmen. Das war er, sein realer Haseo.
„Kann ich helfen?“, fragte Ryou mit verschnupfter Stimme. Scheinbar erkannte er Kaoru nicht, was vollkommen verständlich war. Sie hatten nie Bilder ausgetauscht. Im Nachhinein betrachtet war das richtig blöd gewesen.
„Haseo... ich meine Ryou, ich dachte mir ich komme vorbei und helfe dir beim gesund werden.“
Er konnte sehen, wie es im Kopf seines Ryous arbeitete. Und doch er schien zu wissen wen er vor sich hatte.
„Kaoru? Uhm... ich hab wirklich nicht mit dir gerechnet...“
Ryou war deutlich anzumerken, dass er gerade nicht wusste, was er tun sollte. Und doch wich er etwas zurück und machte mit einer Geste deutlich, dass Kaoru eintreten sollte.
„Wie geht es dir, Ryou? Ich hab mir Sorgen gemacht als ich gelesen habe, dass du krank bist.“
„Ich habe ziemliche Kopfschmerzen und bin müde.“
„Dann solltest du schlafen, Ryou. Ich mach dir in der Zeit etwa zu essen und... hier.“
Eilig kramte Kaoru in seiner Tüte und griff schließlich zu einer Packung Kopfschmerztabletten, die er Ryou in die Hand drückte. Er schien nicht einmal zu merken, dass dieser doch mehr mit der Situation überfordert war, als gedacht. Kaoru war einfach nur froh, seinen Ryou endlich mal zu sehen.

Ryou hatte sich nicht gewehrt, dass Kaoru ihn bemutterte. Er hatte sich schlafen gelegt, während Kaoru nach dem Rezept seiner Mutter etwas Reisbrei mit Pflaume gemacht hatte. Ryou hatte alles bis zum letzten Bissen aufgegessen, was für Kaoru ein gutes Zeichen war. Er hatte nicht einmal etwas dagegen, dass Kaoru selbst danach blieb. Stattdessen lag Ryou nun in seinem Bett. Müde, erschöpft und schwitzend. Vorsichtig wechselte Kaoru den Lappen auf seiner Stirn und beobachtete seinen schlafenden Ryou.
Das war er also, der wahre Haseo. Sie sahen einander nicht ähnlich und doch waren da so viele Züge an ihm, die ihn an Haseo erinnerten. Kaoru hatte befürchtet, enttäuscht zu sein, etwas zu verlieren, wenn er Ryou traf, aber seine Sorgen waren umsonst gewesen. Sein Herz klopfte immer noch wild. Seine Gefühle für seinen Haseo hatten sich nicht einmal in der Realität verändert.
Er hatte seinen Haseo nicht verloren, er hatte ihn als Ryou einfach nur wieder gefunden. Es war so gesehen sein kleines Happy End, auch wenn es nur einseitig war.
Vorsichtig beugte sich Kaoru zu Ryou hinab und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Haseo hatte ihn damals sein Herz gestohlen, es war nur fair, wenn er sich diesen einen Kuss stahl.
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