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Aus den Erinnerungen des Morgensterns

von Ava Ellis
GeschichteDrama, Fantasy / P6 / Gen
16.02.2018
03.03.2018
3
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16.02.2018 1.112
 
Dies ist eine alte Geschichte, so alt gar, dass selbst das Land in dem sie spielte schon längst zu Staub zerfallen ist. Und auch der Wind, der ihn in alle Himmelsrichtungen zerstreute, hat sie bereits vergessen. Nur einige der Sterne erinnern sich noch. Nur sie wissen, um die seltsamen Geschehnisse, die sich in diesem einst mächtigen Königreich ereignet haben.

Doch manchmal, kurz vor Mitternacht, wenn Sonne und Mond zusammen schlafen, kannst du sie noch miteinander flüstern hören: "Morgenstern, Morgenstern schläfst du? Morgenstern warum antwortest du nicht?"

Morgenstern: "Humm hamm, kleine Sterne, warum stört ihr mich in meinem Schlaf? Was wünscht ihr denn? "

Sterne: "Ah Morgenstern, lieber Morgenstern, erzähl uns doch eine Geschichte! Es ist still und die Menschenkinder schlafen und auch Väterchen Mond träumt, umgeben von wolkigen Schafen. Vertreibe du die Zeit für uns, erzähl' uns mehr Geschichten!“

Sich räkelnd, räuspernd, streckend und gähnend, begann der Morgenstern zu reden: "Hmm, eine Geschichte sagt ihr? Geschichten … Geschichten kenne ich so manche, tragische wie komische, denn tausende von Jahren bin ich alt und viel habe ich gesehen. Aber eine gibt es, die mir mehr in Erinnerung geblieben ist als andere. Hm, ich werde ich euch davon erzählen:

Huh, lange ist es her.
Es war in meiner Jugend, als die Welt noch jung war und die Tiere noch sprachen und auch verstanden wurden.
Damals gab es ein stolzes und schönes Königreich. Es war umgeben von mächtigen Wäldern und lag geschützt in einem tiefen Tal begrenzt durch ein hohes Gebirge.
Die Böden waren reich an fetter Erde, die stets gute Ernten hervorbrachte. Die Berge bargen tief unter ihren Wurzeln große Vorräte an Gold und Silber.
Die Bewohner dieses Königreiches schienen fröhlich und zufrieden, denn selten einmal litten sie Hunger und ihr König regierte mit sanfter und gerechter Hand. Es waren fürwahr friedliche und glückliche Zeiten. Einzig ein Thronfolger fehlte dem Königreich noch, doch frohe Kunde erschallte: die Königin trug ein Kind unter dem Herzen.

Kleine Sterne, ihr hättet damals in die Städte und Dörfer leuchten sollen, denn Seltsames hättet ihr gesehen: Die Menschen waren so voller Freude, dass sie  des Nachts nicht mehr schliefen.
Und hah, ich sah sogar ein kleines Mädchen, inbrünstig betend, vor ihrem Bettchen sprechen: „Lieber Herr Gott im Himmel, Mama sagt, dass du auf alle aufpasst. Wenn das stimmt, dann beschütz doch bitte auch unsere nette Königin. Weil, lieber Gott, Mama sagt, dass du das kannst. Und weißt du, die Königin ist so lieb. Sie hat mir am letzten Maifest sogar eine Blumenkrone aufgesetzt.“
Denn ein jeder liebte den König und die Königin.

Doch so groß die Aufregung auch war, es war nichts im Vergleich mit jener, die im Palast herrschte. Diener, Höflinge und Minister, sie alle rannten gleichermaßen, wie aufgescheuchte Ameisen, hin und her und her und hin.
Kleine Sterne, mir wurde ganz schwindelig davon!!
Nur der König und die Königin schienen als einzige ruhig und voll von stillem Glück zu sein. Oft habe ich nachts beide zusammen, Arm in Arm und lächelnd zu mir aufschauen sehen.
Doch wo ein Licht besonders hell strahlt, wirft es auch einen um so dunkleren und längeren Schatten. Denn der Königin ältere Schwester, betrachtete die beiden Liebenden aus der Dunkelheit heraus: mit Augen voll von Eifersucht und Missgunst.

Hamm, hum seltsame Wege, kleine Sterne geht manchmal das Herz der Menschen.
Nicht selten vergilt es Liebe mit Hass und Vertrauen mit bitterstem Verrat!
Diese Schwester nun, ertrug das Glück der Königin nicht. Vielleicht, weil auch sie lange schon heimlich den König liebte, vielleicht aber auch, weil sich ihr Herz nach Macht verzehrte?
Sie besaß aber einige Kenntnisse im Bereich der Magie, sowie der Kräuter  und Heilkunde. Ein Wissen, welches von der Mutter seit Generationen an die älteste Tochter weitergeben worden war.
Und so reifte der Plan in ihr, die Königin und ihr ungeborenes Kind zu töten, um endlich selbst den Thron zu besteigen.

Nacht für Nacht brachte sie ihrer Schwester einen Trank, der sie stärken sollte und jede Nacht trank die Königin, die ihrer Schwester blind vertraute,  dankbar lächelnd das Gebräu.
So zogen die Monate ins Land und die Königin wurde immer schwächer.
Niemand im ganzen Königreich wusste es sich zu erklären. Und niemand, auch nicht die Armee von Ärzten und Kräuterkundigen, mit ihren Aderlassen und Kräutertunken, war in der Lage ihr zu helfen

Doch auch die Geburt rückte näher.
Jeder aber fürchtete das Schlimmste. Das Land schien den Atem anzuhalten. Kein Lautes Rufen oder Lachen war mehr in den Gassen und auf dem Markt zu hören.
Im Palast eilten die Bediensteten, lautlos mit bleichen Gesichtern, wie Geister, umher.
Der König wich nicht mehr von der Seite seiner bettlägerigen Liebsten. Und ihm wieder nun folgte stets die Fürstin, Schwester der Königin, wie ein Schatten.

Schließlich in einer stürmischen Nacht, geschah es: die Königin lag in den Wehen. Niemand außer ihrer Schwester war bei ihr.
Kurz zuvor hatte der König, wütend auf das Versagen der Ärzte, sie alle aus seinem Königreich verbannt. Den Hofdamen und jedem Menschen im Palast wurde es verboten, ihre Gemächer zu betreten. Dies war eine der Bedingungen der Fürstin, die Sie sich erbat: als letzten Hoffnungsschimmer ihr Wissen um die Magie einzusetzen!
Und so war also niemand da, der die Ereignisse verhindern und dem Lauf des Schicksals eine andere Richtung hätte geben können.

Denn kleine Sterne, in jener Nacht, während ein Blitz den Himmel zerriss, verschwand die Königin ohne eine Spur zu hinterlassen und ward, für eine lange Zeit, von niemanden mehr gesehen.
Zwischen den Falten ihres Nachtgewandes aber, sah man, im Licht der Kerze, an ihrer statt zwei wunderschöne Kinder.

Welche im verborgenen wirkende Kraft auch immer am Werk gewesen sein mochte, die Zwillinge waren gesund und glichen einander wie ihr es tut, Freund Castor und Pollux.
Die Magie der Fürstin hatte in diesem Punkte also versagt. Und sie musste schnell handeln, wollte sie eine Entdeckung vermeiden.

Doch gerade als die Fürstin ihre Hände hob und begann, einen Zauberspruch zu murmeln, schrie einer der Säuglinge. Trotz des tosenden Windes und des prasselnden Regens, reichte dies allein, um die Aufmerksamkeit der Hofdamen zu erregen und sie alarmiert herbeieilen zu lassen.
In Panik wirkte die Fürstin ihren Zauber und eines der Kinder verschwand lautlos. Doch bevor ein weiterer Spruch ihre Lippen verlassen konnte, öffnete sich die große Tür zum Gemach der Königin: und die Hofdamen strömten wie Wasser hinein…“


Die Stimme des Morgensterns wurde immer leiser und leiser. Bei dem letzten Satz schließlich, war er eingeschlafen. Und wie sehr die kleinen Sterne auch baten und flehten, einzig das sanfte Schnarchen des alten Sterns antwortete ihnen. Doch sie waren nicht allzu traurig, denn viele Nächte kennt das Sternengeschlecht. Und sie sind von Natur aus, ein geduldiges Völkchen.
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