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Mütter

GedichtFamilie / P12
16.02.2018
16.02.2018
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Mütter

Ich sah sie auf Straßen, in Gärten, Fabriken
und sah sie kochen, häkeln und stricken.
Ich sah sie in mondhellen Sommernächten
und sah sie in nachtdunklen U-Bahnschächten.
Ich sah sie weinen, ich sah sie lachen
und sah sie Altes neu wieder machen.
Ich sah sie in großen Abendtoiletten
und sah sie auch in zerwühlten Betten.
Ich sah sie mit schwarzen und grauen Haaren
und sah sie in jungen und alten Jahren.
Ich sah sie bei Regen, Sturm und Wind
und sah sie gebrechlich, taub und blind.
Ich sah sie interessiert in die Zeitung blicken
und sah sie neckisch mit dem Kopfe nicken.
Ich sah sie als Hure und edle Dame
und sah sie bei Kaffee, Kuchen und Sahne.
Ich sah sie mit Händen in Trümmern wühlen
und sah sie in der Küche Geschirr abspülen.
Ich sah sie inmitten von Bomben, Granaten
und sah sie auch unter den Soldaten.
Ich sah sie in Ehren. Amt und Würde
und sah sie beladen mit schwerer Bürde.
Ich sah sie geschändet und blutbefleckt
und sah sie in Gaskammern: tot und verreckt.
Ich sah sie als Diva, von Applaus umgeben
und sah sie als Greisin im Armenhaus leben.
Ich sah sie an Gräbern weinend stehn
und sah sie betend zum Himmel flehn.
Ich sah sie im Kindbett- und Totengewand
und sah sie als Dürers betende Hand.
Ich sah sie auf Haufen, als Leichen gehortet
und sah sie vom Kriege verstümmelt, gemordet.
Ich sah sie unter dem Weihnachtsbaum
und sah sie im Kino und auch im Traum.
Ich sah sie häßlich, ich sah sie schön
und sah sie ängstlich vorübergehn.
Ich sah sie hasen, ich sah sie lieben
und sah sie im Kriege und auch im Frieden.
Ich sah sie fluchen und sah sie klagen
und sah sie trotzdem niemals verzagen.