Ordenskontrolle im Gasthaus "Zum Fliegenden Fisch"

von SilviaK
GeschichteHumor, Fantasy / P12
13.02.2018
25.03.2018
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"Probleme?" fragte der Paladin und deutete auf das zerbrochene Stuhlbein, das Hyron unauffällig auf einem Fensterbrett ablegen wollte.
"Nicht mehr als die üblichen in einer Gastwirtschaft", knurrte dieser.
"Schlägereien also." Der Paladin machte sich mit einem Kohlestift eine kurze Notiz auf einem seiner Pergamente.
Hyron blickte ihn finster an. Fermalis ignorierte das. Sein Blick wanderte über die heruntergekommene Fassade des Gasthauses und blieb an dem neuen Holzschild hängen, auf das Harmis einen eleganten fliegenden Fisch gemalt hatte. Das war Alix' Idee gewesen. Wenn es hier schon keine Vögel im Haus gab, dann wenigstens einen Fisch mit Flügeln. Zumal Syuk ihr bestätigt hatte, dass solche verrückten Viecher wirklich existierten … nun ja, ihr hauseigener Fischmensch musste es ja wissen.
"Fisch!" knurrte Fermalis abfällig. Er spießte Harmis mit einem Blick auf, der seiner Missbilligung nur allzu deutlich Ausdruck verlieh und Harmis einmal mehr ins Schwitzen brachte. "In dieser verkommenen Stadt gab es lange genug seltsame Bräuche. Aber wir werden hier bald für Ordnung sorgen und dieses widerwärtige Meeresgezücht zurück in den Ozean verbannen!"
Hyron betrachtete Fermalis mindestens genauso abfällig wie der Paladin den fliegenden Fisch. "Ich glaube, dein Bild macht ihm Angst", sagte der Söldner zu Harmis. "Sollen wir es lieber abhängen, bis er wieder weg ist?"
"Freches Mundwerk für einen Bediensteten", konstatierte Fermalis, maß ihn von Kopf bis Fuß und notierte wieder etwas.
Hyron sah aus, als würde er den Paladin zu gern genauso behandeln wie den Säufer, auf dessen Kopf er gestern Nacht den Stuhl zerschlagen hatte. Harmis verdrehte die Augen. Alix funkelte den Söldner an und fuhr sich mit der Handkante über die Kehle. Sei bloß still!
Fermalis sah wieder auf und Harmis an. "Erklärt Euch, Wirt. In Alaris wärt Ihr für solch einen Frevel in den Schlund gewandert. Hier sieht man das anders – noch. Was treibt Euch dazu, dieses … Flossengetier anzurichten und zu verkaufen?"  
"Nichts weiter als die heilige Pflicht, Herr Paladin. Je mehr wir von diesen Fischen auf die eine oder andere Art vernichten, desto weniger schwimmen noch im Meer."
"Vernichten, indem man sie isst?!?" Fermalis' Miene schwankte zwischen Unglaube und Abscheu.
"Sie schmecken gar nicht so schlecht", mischte Hyron sich wieder ein. Dem schien das allmählich Spaß zu machen. "Außerdem zahlen die Leute hier gut für solche pikanten Gerichte." Pikant im Sinne von 'eigentlich fast schon verboten, und deshalb um so interessanter'. Harmis hätte auch nie gedacht, dass ihr Fischgasthaus sich zu so einem Geheimtipp unter den Bürgern von Kath entwickeln würde. Wenn sie es länger betrieben, konnte daraus eine richtige kleine Goldgrube werden.
"Wollt Ihr mich auf den Arm nehmen oder habt Ihr heute Morgen schon zu viel Schwarzblatt gekaut?" blaffte der Paladin den Söldner an.
Harmis schluckte erneut. Er selber hätte jetzt zu gern eine große Tasse Schwarzblatttee zu sich genommen, um seine flatterigen Nerven zu beruhigen. Hyron hielt sich da eher an Gebranntes und Wein.
"Nein, Herr Paladin", versuchte Hyron sich an einem unterwürfigen Tonfall und scheiterte mit Absicht kläglich. "Wir verkaufen hier Fisch, keine Drogen, die der Gesundheit nicht zuträglich sind."
Fermalis holte tief Luft. Doch dann schien er sich zu sagen, dass dieser großmäulige Kerl eine weitere Diskussion, die seinen Aufenthalt hier noch weiter in die Länge gezogen hätte, nicht wert war. Stattdessen machte er sich weitere Notizen, steckte schließlich den Kohlestift fort und drehte seine Pergamentsammlung um.
"Habt ihr diese Leute schon einmal gesehen oder von ihnen gehört? Waren sie zu Gast in eurem Haus?"
Er zog ein Bild nach dem anderen nach vorn, so dass Harmis, Hyron und Alix alle der Reihe nach betrachten konnten. Gor hatten sie noch am besten von allen getroffen, wenn auch übertrieben finster dreinblickend. Hyron sah viel breiter und wilder aus, als er war. Alix wirkte nur halb so hübsch, wie sie für Harmis aussah, und hatte überdies eine viel zu lange Nase und einen verkniffenen Mund abbekommen. Und er selbst hätte sich ohne Bart und ausufernden Haarwuchs auch nicht unbedingt wiedererkannt. Sollte er wirklich dermaßen knochig und weggetreten dreinblickend aussehen wie der gelehrter Hänfling da auf dem Bild? Ob sie wussten, dass er eine versteinerte Hand besaß, war der ungelenken Zeichnung leider nicht anzusehen.
Dann holte Fermalis das letzte Bild hervor: ein haarloser Fischmensch mit breitem, unmenschlich gestreiftem Gesicht, großen Augen und einem bösartigen Zähnefletschen. Er war mit nichts weiter als einer Art Lendenschurz bekleidet, damit sein abartiger Meermenschenkörper so richtig gut zur Geltung kam – warum auch immer er flossenartige Fortsätze an Armen und Beinen haben sollte, erschloss sich Harmis allerdings nicht. Irgendeinen Korallenspeer hatte der Zeichner ihm auch noch in die Hand gemalt.
Das sollte wohl Syuk sein. Vom dramatischen Gesichtspunkt her sah dieses Bild ziemlich gut aus – vom realistischen ließen sich leider auch Ähnlichkeiten erkennen. Aber an sich war letzteres egal. Wer Syuk zu Gesicht bekam, wusste, was er war, egal wie dieser fantasievolle Kritzler ihn aufs Pergament geworfen hatte.
"Nun?" rief Fermalis sich wieder mit strenger Stimme ins Gedächtnis.
"Nein, tut mir leid, die waren noch nie bei uns", sagte Harmis mit ehrlichem Bedauern in der Stimme.
"Nie gesehen", knurrte Hyron. "Gibt’s Kopfgeld, wenn ich einen von denen zufällig mit einem Stuhl erschlage?"
"Die sehen gefährlich aus. Ihr werdet uns doch vor denen beschützen, Herr Paladin?" Alix versuchte einen verängstigten Augenaufschlag, der ihr erstaunlich gut gelang.
Fermalis prüfender Blick glitt von einem zum anderen. Erst bei Alix' Frage schlich sich etwas Milde in seine Augen.
"Natürlich werden wir das. Falls Ihr sie irgendwo seht oder sie bei euch einkehren, schickt jemanden zum Orden und meldet das! Sie werden gesucht wegen Aufwiegelung, mehrfachem Mord, verbotenen Umtrieben mit Meermenschen und anderen Lästerlichkeiten sowie Widerstand gegen den Orden! Wer sie versteckt oder unterstützt, kann gleich nach ihnen in Alaris in den Schlund springen."
"Wir werden darauf achten", versprach Harmis und räusperte sich. "Wollt Ihr die Bilder vielleicht in unserem Gasthaus aushängen?"
"Erst einmal will ich es mir ansehen. Geht voran, ihr drei!"
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