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Der Weg der Wahrheit

GeschichteDrama, Tragödie / P18 / Gen
Catherine Chandler Jacob Wells Joe Maxwell Mary Paracelsus Vincent
12.02.2018
12.02.2018
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Der Weg der Wahrheit

Es war schon in der Abenddämmerung, als Catherine vom Joggen nach Hause kam.

Gerade, als sie sich duschen wollte, bemerkte sie einen Schatten auf ihrem Balkon. Freudig ging sie sofort zur Tür, um diese zu öffnen.

„Vincent?!“ sagte sie noch in die Nacht hinaus, doch als sie in dieses Gesicht sah, war sie wie gelähmt. Zu spät erkannte sie ihren Irrtum. Im selben Augenblick wurde ihr ein Sack über den Kopf gestülpt und ihre Sinne schwanden. Sie wurde weggebracht.

Zur selben Zeit unten saß Vincent in seiner Kammer und lass ein Buch. Er spürte Catherines Freude. Er wusste, dass sie ihm die gleichen Gefühle entgegenbrachte, aber auf einmal war ihr Signal verschwunden. Vincent ließ das Buch fallen und stürmte nach oben. Auf ihrem Balkon angelangt, klopfte er an die Tür und rief mehrmals ihren Namen. Aber, nichts! Nachdenklich wandte er seinen Blick zu Boden.

„Catherine, wo bist du? Was ist mit dir geschehen? Gib mir ein Zeichen!“

Vincent drehte sich langsam, sah auf einmal eine Goldmünze. Er betrachtete sie verwundert, steckte sie ein und ging wieder zurück in die Tunnel.

Father saß an seinem Schreibtisch und lass in einem Buch, als Vincent herein kam. Father sah am Gesichtsausdruck seines Sohnes, dass etwas nicht stimmte.

„Was hast du, Vincent?“

„Als ich heute in meiner Kammer war, hatte ich für einen Augenblick Catherine gefühlt. Ich fühlte eine Freude in ihr, aber mit einem Mal verschwand ihre Freude und ich spüre sie nicht mehr...Ich ging nach oben, um nach ihr zu sehen, aber…sie war verschwunden. Father…“

Ahnungsvolles, sekundenlanges Schweigen…

Mit einer eleganten Handbewegung warf Vincent die oben gefundene Goldmünze auf den Tisch.

„Paracelsus…“

Ungläubig sah Father auf das Goldstück, nahm es zögernd zwischen seine Finger. Dann sah er seinen Sohn, der vor ihm stand, ins Gesicht.

„Paracelsus? Vincent, du sagtest…er sei tot!“

„Er lebt. Paracelsus ist am Leben. Und er hat Catherine.“

Die beiden Männer sahen sich an und blankes Entsetzen kehrte in ihre Gesichter zurück.

„Catherine ist…sein Köder. Er will dich Vincent. Die Botschaft ist eindeutig!“

Father war bleich geworden. Vincent nickte.

„Ich muss zu ihr.“

Father sah Vincent nur an, ohne ein weiteres Wort. Er wusste, dass ihn nichts und niemand aufhalten würde.

Kurze Zeit später machte sich Vincent auf den Weg.

Zur selben Zeit, weit entfernt, waren Catherine und ihr Begleiter am Ziel angelangt. Der Sack wurde entfernt und das erste, das sie sah, war Paracelsus, der bereits auf sie gewartet hatte.

„Paracelsus?!“

„Ja richtig. Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Willkommen in meinem Reich.“

„Warum?“

Catherine schien allmählig zu begreifen, was Paracelsus im Schilde führte.

„Ich werde mir das zurückholen, was mir gehört Und Vincent ist das einzige Hindernis. Du wirst Zeugin seines Untergangs sein. Dieses Ereignis sollten wir vielleicht schon einmal vorfeiern!“ Paracelsus klang sehr siegessicher.

Catherine hatte nun verstanden! Entsetzt sah sie Paracelsus an und wollte es nicht glauben.

„Orlik, geh unserem Gast entgegen und sorge dafür, dass er hierher findet.“

Catherines Blick ging hinüber zu seinem Begleiter. Er sah zum Fürchten aus! Primitiv, riesig und mit dem Nacken eines Kolosses!! Der Riese schnappte sich ein Messer und machte sich auf den Weg. Catherine hatte Angst! Aber nicht um sich selbst. Sie hatte Angst um Vincent und ließ sie ihm diese auch fühlen.

In diesem Augenblick, als Vincent ihre Signale auffing, beeilte er sich und war schon ganz nahe. Er wurde bereits von Orlik erwartet. Ohne jede Vorwarnung stürzte er sich auf den vollkommen ahnungslosen Vincent und hielt ihn mit den Armen fest wie in einem Schraubstock. Minuten später kamen Paracelsus und Catherine an den Ort des Geschehens. Vincent kämpfte um sein Leben. Er wurde von diesem „Untier“ mit einer Leichtigkeit von sich gestoßen und durch die Luft geschleudert. Wieder wurde Vincent gepackt und an die Felswand geworfen, wo er schließlich mit dem Hinterkopf aufschlug und bewusstlos liegen blieb.

Catherine hatte die ganze Zeit über geweint und schrie vor Angst auf.

„Vincent! Vincent!...Oh mein Gott, nein!“

Vincent regte sich nicht und über Catherines Gesicht liefen die Tränen. Paracelsus glaubte schon an seinen Sieg, doch er wurde jäh enttäuscht. Langsam kam Vincent zu sich und bewegte sich mühsam. Sein Kopf brummte. Da befahl Paracelsus.

„Orlik, geh schon! Töte ihn!“

„Nein! Bitte! Tu es nicht! Ich flehe dich an!“ Catherine flehte ihn an, doch es war vergebens. Paracelsus reagierte gar nicht darauf.

„Mach schon, los! Worauf wartest du!“

In dem Augenblick öffnete Vincent seine Augen und sah nur noch, wie eine 30 cm lange Klinge auf ihn zuraste. Noch benommen von seinem Sturz reagierte Vincent noch nicht schnell genug. Er konnte der Klinge nicht mehr ausweichen und spürte, wie sie sich schmerzlich in seine Schulter bohrte. Sie fuhr auf der anderen Seite der Schulter wieder heraus und blieb im Boden stecken. Vincent schrie vor Schmerz auf und konnte sich nicht rühren. Der Schmerz war so intensiv das er das Bewusstsein verlor.

Catherine konnte das alles nicht fassen und ließ sich auf den Boden fallen. Sie wollte zu ihm! Doch Paracelsus riss sie wieder zurück. Auch ihr Betteln und Flehen half nichts. Vincent lag da wie tot. Er rührte sich nicht und Paracelsus glaubte sich sicher bis er aus der Ferne Stimmen hörte. Schnell verschwand er mit Orlik, der Catherine den Mund zu hielt, damit man sie nicht hörte.

Father, Mary, William und Cullen, die Vincent kurz nach seinem Aufbruch gefolgt waren, trafen um einige Zeit später dort ein. Sie sahen Vincent regungslos auf dem Boden liegen und unter ihm eine Blutlache.

„Oh mein Gott, Vincent! Er wurde nieder gestochen! Das Messer steckt immer noch in seiner Schulter. William, Cullen, schnell. Bringt ihn vorsichtig hierher. Schnell, er hat sehr viel Blut verloren, los, los!“ und zu Mary gewandt:

„Mary, wir brauchen heißes Wasser.“

Aber sie war schon unterwegs. Sie hatte schon gleich erkannt, was zu tun war.

Nun kam auch schon Orlik, der die bewusstlose Catherine auf seinen Armen hielt. Wortlos lief er auf Father zu, ließ seine Last zu Boden fallen und verschwand.

Mary stürzte sich, nachdem sie das heiße Wasser, das sie geholt hatte, abstellte umgehend dorthin, wo Catherine immer noch benommen lag. Sie bekam ein paar Schluck kaltes Wasser. Dann half ihr Mary endgültig auf die Beine. Catherines erste Sorge galt Vincent.

„Father, wie geht es ihm! Wie schwer ist seine Verletzung?“

Der alte Mann drehte sich kurz zu ihr um:

„Nicht besonders gut. Er hat eine tiefe Wunde in der Schulter.“

Father musste ihr nichts mehr erklären Sie sah, wie es um Vincent stand.

„Was kann ich tun Father.“

„Sei einfach nur für ihn da. Er braucht dich jetzt. Ich hoffe nur, dass ich die Wunde richtig sauber bekomme.“

Dann drehte sich Father wieder zu Vincent, um ihm endlich das Messer, das noch immer steckte, zu entfernen. Noch bevor Father mit seiner Arbeit beginnen konnte, kam Vincent langsam wieder zu sich. Sein Kopf tat ihm weh und er fasste sich an seine Stirn. Doch als er versuchte wieder aufzustehen hielt Father ihn sofort zurück.

„Nein Vincent, du darfst dich jetzt nicht bewegen. Das Messer…du wurdest niedergestochen.“

Ein kurzer Blick von Vincent zu Catherine und er atmete erleichtert auf. Doch als er sich zurücklegen wollte durchfuhr ihn ein betäubender Schmerz. Er stöhnte schmerzerfüllt auf und begann am ganzen Körper zu zittern. Catherine war währenddessen an seine Seite gekrochen und hielt seinen Kopf. Sie versuchte ihn zu beruhigen, indem sie sein Gesicht und seine Mähne streichelte. Catherine war dem Weinen sehr nahe, aber sie wollte stark sein, für ihn, für ihren Vincent. Father musste endlich operieren.

„Vincent? Vincent, sieh mich an! Ich gebe dir ein schmerzstillendes Mittel. Hast du mich verstanden?“ Vincent nickte nur kurz, schloss die Augen und atmete tief durch, was ihm nun auch Schmerzen bereitete. Father gab ihm zwei Spritzen und nach wenigen Minuten ließ das Zittern nach. Vincent wurde zunehmend ruhiger.

Father desinfizierte die verletzte Stelle. Vincent lag ganz ruhig, mit geschlossenen Augen. Ganz behutsam lockerte Father erst das Messer in der Wunde. Dann entfernte er es Millimeterweise. Immer darauf bedacht das er keine inneren Gefäße verletzte. Das war eine schweißtreibende Arbeit, doch Vincent fühlte nichts davon. Anschließend wurde die Wunde von beiden Seiten genäht und verbunden.

Viele Stunden saß Catherine schon an seinem Krankenlager und wartete voller Ungeduld auf Vincents Erwachen. Father hatte schon einige Male nach seinem Patienten geschaut. Besorgt stellte er Fieber fest, was ihm gar nicht gefiel.

Tagsüber wachten abwechselnd Father oder Mary an Vincents Krankenlager. In der Nacht war Catherine bei ihm, solange bis sie selbst vom Schlaf überwältigt wurde. In der 2. Nacht stieg das Fieber noch einmal an. Seine Wunde heilte aber gut.

Wieder einmal rieb ihm Catherine mit einem nassen Tuch das Gesicht, den Hals und ganz vorsichtig die nicht verbundenen Teile seines Oberkörpers ab. Und mit jeder Berührung die sie tat stieg mehr und mehr ein eigentümliches Gefühl in ihr auf. Wie sie ihn da so vor sich liegen sah merkte sie wie ihr Verlangen wuchs. Ihr Verlangen ihn zu berühren, ihn zu streicheln und zu liebkosen. Seiner muskulöser Oberkörper, die breite wohlgeformte Brust, sein flacher Sixpack und seine starken von Muskeln durchzogenen Arme ließen ihr Blut in Wallung bringen.

Nur einen kleinen Moment dachte sie daran, ob ihr Gefühl das sie nun gefangen hatte, nicht Unrecht sei. Er lag da, hatte nicht die Möglichkeit ihre Gefühle einzuordnen. Doch das war nur ein winziger Moment. Ihre Hände strichen zärtlich über sein Gesicht, seinen Hals und seine Brust. Als ihre Fingerspitzen seinen Bauch erreicht hatten konnte sie nicht mehr zurück. Sanft küsste sie seinen Bauch, seine Brust und seinen Mund.

„Vincent, ich liebe dich.“ Sagte sie leise und legte ihren Kopf wieder zurück auf seinen Bauch. Bald darauf war sie eingeschlafen.

Viele Stunden später kam Vincent zu sich. Das Fieber war gesunken. Er hatte die Krise überstanden. Gleich spürte er, dass Catherine bei ihm lag. Zärtlich streichelte er ihr über den Kopf. Catherine öffnete die Augen. Vincent sah sie müde an.

„Vincent! Gott sei dank. Es…es tut mir leid. Es ist alles meine Schuld.“ Sagte sie leise und traurig.

„Hör auf. Du weißt genau, dass es nicht wahr ist. Catherine, es ist nicht deine Schuld. Niemand hat Schuld.“ Seine Stimme klang sanft und beruhigend. Catherine stand auf und setzte sich auf sein Bett, sah ihn an. Vorsichtig setzte sich auch Vincent auf. Seine Muskeln spannten sich dadurch an und kamen so noch mehr zur Geltung. Vincent fühlte ihre Erregung. Beide fühlten ein Verlangen, ein Gefühl, das mehr aussagte, als Worte es je vermocht hätten. Als Vincents Hand in ihr Haar fuhr und ihren Kopf langsam, aber ohne Zweifel aufkommen zu lassen an sich zog, waren da nur noch zwei Menschen. Nichts mehr war wichtig.

Ihre beiden Lippen berührten sich erst zögerlich, doch bald konnten sie nicht mehr an sich halten. Sie küssten einander innig, zärtlich und fordernd zu gleich.

Die Intensität der Gefühle hatte sie beide gefangen. Es gab keine Tunnel mehr, nicht die Welt über ihnen. Sie schwebten auf Wolken, wollten sich nur noch berühren. Ihre Hände suchten die nackte Haut, der Atem ging schneller.

„Vincent, ich…ich will dich. Schlaf mit mir!“ kam heiser von ihr.

Vincent hielt mit seinen Berührungen inne. Hatte er sich das, was jetzt war, nicht so sehr gewünscht? Und doch! Sein Verstand widersprach ihm. Leise sagte er zu Catherine, die ihn mit leuchtenden Augen bat. Tief sah er ihr in die Augen.

„Catherine, das wäre nicht gut. Was ist, wenn…wir ein Baby bekommen würden. Ein kleines Wesen, das vielleicht so aussieht, wie ich? Ich weiß nicht.“

„Vincent, es ist mir gleichgültig. Wenn es jetzt nicht passiert, dann ist es eben beim nächsten Mal. Und wenn ein Baby unterwegs sein sollte, dann wird es unser Kind sein. Etwas, was uns beiden gehört. Bitte. Vincent, ich will es!“ Catherine sah ich mit flehenden Augen an. Ungläubig musterte er sie, um irgendwelche Zweifel an ihr festzustellen. Doch nichts! Sie wollte es wirklich! Um jeden Preis!

„Du bist unglaublich, Catherine Chandler!“ schmunzelte er.

„Nein. Nur wahnsinnig in dich verliebt. Sonst nichts!“ lächelte sie zurück. Sein Herzenswunsch stand vor der Erfüllung. Nun ließ auch er sich nicht mehr lange bitten.

„Komm. Lass uns woanders hingehen.“ Flüsterte er ihr zu.

„Wohin?“ Catherine verdutzt. Hatte er es sich doch anders überlegt?

„Dort hinten ist ein kleiner See. Wir wären ungestört.“ Gab er leise zurück. Plötzlich musste Catherine schmunzeln.

„Was ist so lustig?“

„Ich hatte Father und die anderen total vergessen. Ich glaube es wäre ganz schön peinlich geworden, wenn uns jemand erwischt hätte.“ Gestand sie ihm.

Mit etwas Mühe erhob sich Vincent von seinem Bett, reichte ihr galant seine Hand und begab sich mit ihr zum See, der nicht weit entfernt lag. Hinter einem Felsvorsprung ließen sie sich in den weichen Sand gleiten. Langsam darauf bedacht das Vincents Wunde nicht aufriss, streiften sie einander die Kleider vom Körper. Das zärtliche, gegenseitige Streicheln ging langsam in festere, intensivere Berührungen über. Als Vincent Catherines Lippen auf seiner Brust, seinem Bauch spürte, hatte er schon vergessen, was er war. Nun fühlte er die geliebte Frau, spürte die Wärme ihrer Haut und wollte nur noch eins mit ihr sein. Catherine legte sich langsam auf den Rücken. Sie musste ihn nicht bitten. Vincent glitt über sie, küsste ihre Kehle, ihren Hals. Sein Mund wanderte abwärts. Vorbei an ihren vollen Brüsten, Bauch und verweilte an ihrem Schoß. Catherines Körper wand sich unter ihm entgegen. Sie war Vincent hoffnungslos verfallen und gab ihm mit ihren Lauten zu verstehen, dass er ihr genau das gab was sie brauchte. Vincent neckte sie mit seiner Zunge an ihrer empfindlichsten Stelle und ließ ihr keinen Moment der Ruhe. Als er sich wieder an ihrem Körper rauf bewegte striff seine lange Mähne über ihre Haut und ließ Catherine fast zerspringen. Vincent gefährliche und tötlichen Krallen ließ er zart über Catherines bebenden Körper gleiten. Ihr wurde schwindlig vor lauter Extase und konnte nur seinen Namen mehrfach keuchen. Catherine spürte wie erregt er war. Sie öffnete ihre Augen und sah in seine azurblauen Augen. Sein Blick war voller Leidenschaft. Catherine griff in seine dicke Mähne, zog ihn zu sich runter und öffnete ihre Lippen, um seiner Zunge Einlass zu gewähren. Ihre Zunge tastete sich ebenfalls hervor und glitt über seine langen Reißzähne. Es war nur zu aufregend für sie. Ihre Augen flehten ihn an sie zu erlösen. Vincent verlagerte seinen Körper, umfasste ihren Oberschenkel und glitt langsam in Catherines warmen Schoß hinein. Sie hielt sich an seinem starken Nacken fest, legte ihren Kopf zurück und wölbte sich ihm entgegen. Vincent folgte ihr, küsste ihr Kinn, Wange, Hals. Ihrer beider Bewegungen waren harmonisch. Catherines Hände fühlten festes Fleisch, seine sich bewegenden Muskeln über ihr. Durch ihr gemeinsames Band wusste er wie weit Catherine in ihrer Extase war. Als wenn sie es gespürt hätte sah sie ihn mit flehenden Augen an. Vincent verstärkte seinen Griff und seine Bewegungen. Sie bog sich ihm weiter entgegen, umschloss seine Hüfte mit ihren Beinen und ließ sich voll und ganz fallen. Vincent spürte wie sich ihr Schoß verengte. Nun war der Reiz auch für ihn zu groß. Fast gleichzeitig kamen beide zum Höhepunkt und rangen nach Luft. Ihre Herzen schlugen so laut das man meinen konnte jeder müsste es hören. Als sich ihr beider Atem wieder ein wenig beruhigt hatte, sahen sie sich noch längere Zeit wie zwei verliebte Kinder und küssten sich unentwegt.

Vincent glitt langsam von ihr, legte sich an ihre Seite.

Überglücklich schloss Catherine die Augen und bettete ihren Kopf an seiner gesunden Schulter.

Catherine fand als erstes die Sprache wieder.

„Du bist unglaublich, Vincent. Ein Traum von einem Mann.“

Vincent sagte nichts, sondern lächelte sie müde an. Es hatte ihn doch mehr Kraft gekostet, als sie dachten.

„Es war richtig Vincent, glaube mir.“ Catherine sah ihn wieder an.

„Bereust du es etwa?“ meinte Catherine mit einem schelmischen lächeln.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ Gab er schmunzelnd zurück. Noch einmal drückten sie sich fest aneinander, bevor sie sich schließlich endgültig von einander trennten.

Die Zeit holte sie bald wieder ein. Viel zu schnell wurde es Morgen. Als Catherine auf ihre Uhr sah, war es schon sieben Uhr.

Als Father Vincents Krankenlager betrat, lief dieser schon wieder auf und ab.

„Vincent , Gott sei dank. Dir scheint es erstaunlich gut zu gehen. Was machen deine Schmerzen? “ fragte Father erstaunt.

„Ganz gut, denke ich. Gelegentlich schmerzt es noch, aber das geht vorüber.“

Father sah sich die Schulter an und erneuerte gleich den Verband. Catherine kam dazu und die beiden lächelten sich verliebt an. Father entging dies natürlich nicht und freute sich still für die beiden.

„Tja mein Junge, die Wunde heilt gut. Aber du hast ganz offensichtlich noch etwas Temperatur. Fühlst du dich stark genug für den Heimweg?“

„Sicher schaff ich das. Es wird schon irgendwie gehen…Jetzt mal etwas anderes!“ gespannt wartete Father auf die Frage.

„Wie kommt es, dass ihr so schnell zur stelle wart. Seid ihr mir gleich gefolgt?“

„Das kann man sagen, ja. Als du aufgebrochen bist, kam Mouse zu mir und berichtete, dass er Paracelsus zusammen mit einem riesigen Mann gesehen hat der doppelt so groß und doppelt so breit war wie du. Und das dieser Mann ziemlich brutal und gefährlich aussah. Darauf hin haben wir ein paar Sachen zusammen gepackt, und sind dir umgehend gefolgt. Später, als du schon verletzt am Boden lagst brachte er Catherine hierher und wir wussten was Mouse mit brutal und gefährlich meinte.“

Vincent hörte ihm stumm zu und sah nachdenklich drein. Er lehnte sich gegen den Felsen und dachte merklich nach.

„Warum fragst du?“ Father klang besorgt und auch Catherine war unwohl zu mute.

„Ich überlege gerade, ob ich ihn aufsuchen und mir seinen Begleiter vornehmen soll!“ kam tonlos von Vincent. Catherines Augen wurden größer und auch Father sah ihn verblüfft an.

„Oh nein! Das wirst du ganz bestimmt nicht tun, mein Junge!“ platzte es aus Father hervor. Catherines Einwand kam anschließend.

„Hast du vergessen was er mit dir gemacht hat Vincent...Es hätte nicht viel gefehlt und du wärst jetzt nicht mehr unter uns. Ganz zu schweigen davon, dass du jetzt immer noch verletzt bist.“ Catherine war außer sich. Doch Vincent war wie ausgewechselt. Irgendetwas riet ihm dazu dies durch zu ziehen, egal was es kostete.

Father ging auf ihn zu. Er sah seinen inneren Kampf. Er ging zu ihm um ihn ins gewissen zu reden.

„Vincent...“ begann Father leise, denn er wusste das er jetzt sehr vorsichtig sein musste mit dem was er nun sagen wollte.

„…Sei doch bitte vernümpftig. Er würde dich umbringen!“ doch Vincent wandte sich von ihm ab. Catherine sah, wie die Wut in ihm aufstieg. Seine Stirn lag in Falten und er kämpfte mit sich, um die Beherrschung nicht zu verlieren.

„Wie lange, glaubst du, soll das noch so weiter gehen, Father.“ Kam es plötzlich aus ihm heraus.

„Wie oft waren in letzter Zeit die Tunnel bedroht! Wie oft soll noch jemand entführt werden! Wie viele Menschen müssen noch sterben! Ich habe es endgültig satt, Father. Ich möchte niemanden von euch verlieren!“ Vincent schnaufte vor Wut. Seine Augen glühten. Catherine wollte zu ihm, doch er wandte sich von beiden ab und ging zum nahe gelegenen See. Catherine wollte ihm folgen. Mary jedoch hielt sie zurück. Erstaunt sah Father sie an.

„Lasst ihm ein paar Minuten um über das alles noch einmal nachzudenken. Ich gehe gleich zu ihm und versuche mit Vincent zu reden. Vielleicht hört er ja auf mich.“ Mary klang ganz ruhig und gelassen. Sie holte Father und Catherine einen Tee.

„Ich hoffe er fängt sich wieder. Das es ihn so zu schaffen macht hätte ich nicht für möglich gehalten. Er war eigentlich immer der jenige, der diplomatisch an diese dinge ran ging.“ Sagte Father leise.

„Es belastet ihn sogar sehr.“ Gestand Mary.

„Ich habe oft mit ihm darüber geredet, wenn solche Ereignisse vor ihm lagen oder bereits vorüber waren.“ Gab Mary zu. Father war darüber sehr überrascht. Und Catherine war überrascht, weil Vincent eher zu Mary ging, als zu Father.

„Ich dachte immer das er nur mir alles erzählt was er auf dem Herzen hat. Ich habe nie bemerkt das auch du…“ Father verlor die Worte.

„Vergiss bitte nicht, Jacob…“ bei dem Namen erschrak er etwas.

„…Ich bin wie eine Mutter zu ihm. Es gibt nun mal Dinge für die Väter nicht zuständig sind.“ Kam schmunzeln aus ihr hervor. Da mussten nun auch Father und Catherine lächeln.

„Ich werde jetzt zu ihm gehen und mit ihm reden.“ Beide nickten ihr zu und Mary verschwand.

Während die beiden ihren Tee tranken, suchte Mary ihren Ziehsohn. Sie fand ihn auf einen Felsvorsprung sitzend. Er hatte gerade ein paar kleine Steine ins Wasser geschmissen, als sich Mary neben ihm nieder ließ.

„Wurdest du geschickt, um mich umzustimmen?“ kam tonlos von Vincent.

„Nein, ich bin freiwillig gekommen.“ Mary lächelnd

„Was ist bloß los mit dir? Ich weiß, du hörst es nicht gern, aber was du vor hast wäre glatter Selbstmord!“ erstaunt sah er sie an. Das hätte er nun wirklich nicht erwartet. So direkt hatte es ihm noch keiner gesagt. Doch Mary meinte es ernst.

„Ich hätte beinahe Catherine verloren, Mary. Und das alles nur, weil er mich wollte! Sie war ein Köder, damit er an mich ran kommt! Du weißt, was er mit Wincloe und Lou gemacht hat, weil ich zwischen ihm und Father stehe! Ständig gerät irgendjemand meinetwegen in Lebensgefahr! Ich halte das nicht mehr aus…Ich kann nicht mehr, Mary!“ Vincent klang verzweifelt.

„Es bringt aber nichts, wenn du blind ins verderben rennst, mein Junge! Wir alle lieben dich. Und da ist noch jemand, hast du das schon vergessen? Bitte vergiss Catherine nicht. Sie liebt dich mehr als ihr eigenes Leben. Das weißt du...Vincent, du hättest mit deiner Verletzung nicht die geringste Chance diesen Kampf zu gewinnen. Das sage ich dir ganz ehrlich. Das wissen Father und Catherine auch. Nur du verstehst es nicht, warum?“

„Wenn Catherine etwas zustoßen sollte, Mary…“ dabei sah er Mary direkt an

„…dann bringe ich mich um. Das ist mein voller ernst!“ Mary sah ihm seine Verzweiflung an. Seine Panische Angst, Catherine oder jemand anderen der ihm nahe stand zu verlieren, machte ihn blind. Sein hass auf Paracelsus war gewaltig!

„Bitte, sag so etwas nicht. Wir werden eine Lösung finden…Aber bitte, tu nichts unüberlegtes, ja?“ Vincent vergrub sein Gesicht in seinen Händen und holte tief Luft.

„Ich gehe jetzt wieder zu den anderen. Denk darüber nach, ja?“ Mary streichelte seinen Hinterkopf, erhob sich und ging zurück. Father und Catherine warteten schon ungeduldig.

„Und? Wie geht es ihm?“ Father klang besorgt. Catherine gesellte sich zu ihnen.

„Er ist ziemlich verzweifelt. Der Gedanke, dass Catherine seinetwegen fast getötet wurde macht ihn völlig fertig. Vincent macht sich die größten Vorwürfe dafür das Wincloe und Lou seinetwegen nicht mehr unter uns sind. Das muss zu verschiedenen Gefühlsausbrüchen geführt haben und weiß nicht damit umzugehen.“

„Was kann er denn für Wincloes und Lous tot? Das war doch nicht seine Schuld!“

„Das habe ich ihm auch versucht zu erklären.“

Catherine nahm eine Decke und ging zu ihm. Vincent saß immer noch am Felsvorsprung und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Die Ellenbogen stützte er auf seinen Knien ab. Leise setzte sie sich zu ihm, breitete die Decke über ihn aus und lehnte sich an ihn an. Sanft flüsterte sie ihm ins Ohr:

„Ich liebe dich, Vincent!“ und wartete auf eine Reaktion. Zärtlich kraulte sie seinen Nacken und fühlte, wie angespannt er war.

„Sag irgendetwas. Ich bitte dich.“ Catherine war besorgt und glaubte, er würde sich von ihr abwenden.

„Ich hasse ihn so abgrundtief.“ Dieses Mal war seine Stimme nicht sanft und einfühlsam, sondern tief und hart. So hatte Catherine ihn noch nie reden hören. Das machte ihr Sorgen. Dennoch schmiegte sie sich an Vincent heran und genoss seine Nähe. Catherine verstand ihn. Immerhin hatten sie wegen Paracelsus zusammen viel durchmachen müssen. Viel Leid und Schmerz.

„Ich verstehe dich, Vincent…Ich verstehe dich sehr gut! Mir geht nicht anders. Ich wünschte mir auch er würde uns alle endlich unseren Frieden lassen…aber nicht indem du dich opferst. Wenn du nicht mehr bist Vincent, dann will ich auch nicht mehr leben.“ Jetzt endlich sah er zu ihr auf und legte seinen Kopf auf ihre Schulter und an den Hals. Catherine hielt ihn so fest sie konnte. Sie gab ihm das Gefühl, nicht allein zu sein und das brauchte er. Nach ein paar erholsamen Minuten richtete er sich auf und sah sie nachdenklich an. Catherine streichelte sein Gesicht. Fuhr mit ihrem Daumen gedankenverloren über seinen Mund und den Nasenrücken. Um ihn aus seinen Gedanken zu entreißen küsste sie ihn zärtlich und innig. Nach geringem Zögern gab er sich ihren Gefühlen hin und küsste sie ebenfalls leidenschaftlich und voller Hingabe. Die zwei verkrochen sich zu ihrem Platz im weichen Sand. Gott sei dank haben Father und Mary beschlossen die beiden allein zu lassen.

Catherine half ihm sein Hemd auszuziehen, da es ihm immer noch leichte Schmerzen bereitete seine Schulter zu bewegen. Sie wusste, er war bereit. Seine Angst, sie zu verletzten war Vergangenheit. Er wollte sie.

Ein Verlangen stieg in beiden auf, stärker und intensiver als bisher. Die anfänglich scheuen Küsse wurden dringender. Sie spielten mit ihren Zungen, streiften sich die Kleider vom Körper und sanken schließlich nieder. Sie erforschten streichelnd und fordernd zugleich, all die Dinge, die bisher tabu schienen. Kleine schmeichelnde Küsse krochen über Catherines Haut, steigerten das Verlangen, ihn in sich zu fühlen, weiter an. Catherine sah in seine Augen, die sie mit unglaublichem Glanz anstrahlten.

„Liebe mich Vincent. Ich will dich!“ Sanft küsste er sie wieder und ein feines Lächeln lag in seinen Augen. Ihre Hände glitten über den vor Verlangen glühenden Körper und sie fühlte seine Muskeln, die angespannt waren und bei jeder Berührung von ihr noch zu wachsen schienen. Während der ganzen Zeit hielten sie ihren Blickkontakt aufrecht. Fest beieinander gingen ihre gegenseitigen zärtlichen Berührungen weiter. Mit einer geschickten Bewegung drehte sie Vincent. Ein kurzer Blick und sie vereinigten sich in voller Harmonie. Catherine stemmte sich ihm entgegen und nur kurze Zeit später durchströmte sie beide ein unglaubliches Glücksgefühl. Ihre beiden Bewegungen harmonierten und ihre Hände glitten über seinen Körper. Sie fühlte jede Faser seiner Muskeln, spürte seine Wärme. Das gleichmäßige Spiel seiner harten Muskeln steigerte ihr Verlangen noch mehr. Für Catherine war Vincent der perfekte Liebhaber. Unwiderstehlich!

Auch Vincent hatte das Gefühl und er wusste es, sie ist alles für ihn. Sie war das wovon er sein ganzes Leben lang geträumt hatte. Seine Catherine!

Aber auch nach ihrem gemeinsamen Höhepunkt hatten die beiden noch lange nicht genug voneinander. Catherine lag erschöpft auf dem Bauch, nachdem sie wieder voneinander gelassen hatten und versuchte sich zu entspannen. Doch Vincents Hände wollten ihm nicht gehorchen. Voller Zärtlichkeit streifte er über ihre Haut. Als sich Catherine zu ihm drehte und ihre Arme um seinen Hals legte, sagte sie:

„Ich liebe dich Vincent! Du bist traumhaft!“

„Du bist alles für mich!“ Mehr wagte er nicht zu sagen. Ihm fehlten einfach die Worte, um das auszudrücken, was ihn bewegte.

„Wie wäre es mit einer kleinen Abkühlung?“ Catherine schmunzelnd.

„Gute Idee.“

Catherine sprang gleich hinein und Vincent folgte ihr. Erst blieb jeder für sich allein, um sich zu waschen und frisch zu machen. Doch dann tauchte Vincent lautlos unter und schwamm unbemerkt zu ihr hin. Genau vor ihr tauchte er auf und hielt sie an ihren Hüften. Verliebt und überglücklich sahen sich die zwei an. Ihre Hand striff durch sein nasses Haar und über seine Brust. Lächelnd sahen sie sich an.

„Küss mich, Vincent!“ ohne zu zögern tat er es. Ihre küsse wurden inniger und intensiver. Sie spielten mit ihren Zungen, was beide offensichtlich sehr genossen. Langsam löste er sich von ihr und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Was ist so lustig?“ Catherine neugierig.

„Bekommst du eigentlich nie genug?“ Vincent neckend.

„Von dir mein Schatz, werde ich nie genug bekommen. Schließlich haben wir zwei einiges nachzuholen! Noch irgendwelche Fragen?“

„Nein Frau Anwältin, das war alles!“

Nach einigen Minuten verließen sie den See und trockneten sich gegenseitig ab und zogen sich an. Hand in Hand gingen sie zu den anderen, die bereits am warmen Feuer saßen. William und Cullen hatten sich schon schlafen gelegt. Nur Father und Mary waren noch wach und sprachen über belanglose dinge. Gemeinsam setzten sie sich dazu.

„Na ihr zwei, alles in Ordnung?“ fragte Mary lächelnd. Beide nickten erleichtert. Vincent sah zu Father, der seinen Sohn aufmerksam beobachtete.

Keiner von beiden sagte zuerst ein Wort. Schweigend sahen sie sich vorerst an. Plötzlich legte Father seine Hand auf Vincents rechte Schulter.

„Wir werden eine Lösung finden. Uns wird schon etwas einfallen. Vielleicht hilft uns sogar der Zufall zu einer ganz simplen Lösung…Bitte tu nichts unüberlegtes, mein Sohn. Das könnten wir uns niemals verzeihen.“ Father klang sehr gefasst und Vincent nickte zustimmend.

„Ich hoffe sehr, dass wir bald eine Lösung für dieses Problem finden, Father. Sollte er mir nur zufällig über den Weg laufen oder wieder jemanden wehtun, kann ich für nichts mehr garantieren. Und Aufhalten wird mich erst recht niemand können. Niemand!“ damit ging der eindringliche Blick an alle drei.

Vincent lag noch lange wach. Sein Kopf ruhte auf seiner rechten Hand, und er sah gedankenverloren in das noch reichlich lodernde Lagerfeuer.

Die ungewohnte Umgebung und das Knistern des Feuers ließ Catherine wach werden. Ihr Blick ging zu ihm. Langsam stand sie auf und kroch zu Vincent unter die Decke. Mit seinen Gedanken schien er sehr weit weg zu sein, denn erst als Catherine direkt vor ihm lag hatte er sie bemerkt. Behutsam rutschte sie etwas unter ihn, um Vincent ganz bei sich zu haben. Zärtlich legte er seine linke Hand auf ihren Bauch und schmunzelte. Unterwürfig sah Catherine zu ihm herauf und flüsterte:

„Mir ist kalt!“

„Soll ich dich wärmen?“ Vincent schelmisch.

„Wenn es dir nichts ausmacht?“ gab sie gleichermaßen zurück. Catherine rutschte ganz nah an ihn heran, schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn leicht zu sich herunter. Was die zwei nicht ahnten war, dass Father wach wurde und dies aus dem Augenwinkel kritisch beobachtete.

Father hielt die Luft an und sagte leise zu sich `Jetzt wird er sie tatsächlich küssen. ` Er sah, wie sie sich genussvoll und zärtlich einander hingaben. Der Arme konnte ja nicht ahnen, dass der letzte Schritt längst getan war. Father befürchtete das Schlimmste. Beide hielten inne. Nachdenklich sah Vincent sie an.

„Du denkst doch nicht etwa immer noch darüber nach zu ihm zu gehen?!“ Catherine klang besorgt. Doch Vincent sagte nichts. Er brauchte auch in diesem Moment nichts sagen. Sie sah ihm an was er dachte und machte nun ein fast ernstes Gesicht.

„Vincent, ich möchte nicht, dass du zu ihm gehest! Er bringt dich um und das weißt du ganz genau so gut wie ich.“ Catherines Worte waren deutlich. Sogar so deutlich, dass auch Father alles verstand. In Vincents Gesicht konnte sie seinen Kampf mit sich selbst sehen. Er sagte sich selbst: `Einerseits hat sie recht, aber andererseits ist Paracelsus mit seinem Ungeheuer eine große Bedrohung! ` Vincent starrte auf das lodernde Lagerfeuer, als würde er dort sämtliche Antworten finden. Um ihn aus seinen Gedanken zu entreißen, ergriff sie sein Kinn, drehte seinen Kopf zu sich und sah ihn flehend an.

„Versprich mir was!“ Catherine eindringlich. Vincent zögerte einen Moment.

„Was soll ich dir versprechen.“ Fast tonlos.

„Das du nichts unüberlegtes tust.“ Er schloss seine Augen, legte sich schlagartig, fast trotzig auf den Rücken. Catherine folgte ihm und nahm nun seine letzte Position ein. Father, der alles gut mitbekam, merkte wie sein Ziehsohn mit sich kämpfte. Er bewunderte beide. Auf der einen Seite Vincent, der zwischen zwei Stühlen steht. Rechts Catherine und seine Familie, die ihn lieben und nicht zu lassen würden, dass ihm etwas zustößt. Und auf der anderen Seite Paracelsus mit seinem Begleiter, die größte Bedrohung überhaupt, die er, Vincent, aufhalten muss. Um jeden Preis! Bei Catherine ist es ebenso. Sie liebt Vincent. Will ihn um keinen Preis verlieren. Weiß aber, dass er sie und seine Familie bis aufs Blut verteidigen würde, um seine Welt zu retten. Sonst wäre alles verloren.

Vincent starrte an die Höhlendecke, um ihrem Blick auszuweichen.

„Hast du mich verstanden!?“ Catherine eindringlich.

„Ja, ich habe dich verstanden!“ Er klang leicht genervt. Catherine sah es ihm auch an und versuchte ihn zu besänftigen.

„Hey.“ Catherine fürsorglich und drehte seinen Kopf zu sich.

„Du bist immerhin noch verletzt, Vincent. Es wäre eine Leichtigkeit für Paracelsus und Orlik dir noch mehr anzutun. Das will ich nicht und die anderen auch nicht. Du weißt das!“ Ohne ein Wort nahm er sie in die Arme und hielt sie einfach fest. Catherine sah dies als ein positives Zeichen und genoss es in seinen Armen zu liegen.

Father, der diese Unterhaltung mit anhörte und Vincents Reaktion darauf mitbekam, war beunruhigt. Er wusste nur zu genau wie Vincent reagierte, wenn er Paracelsus oder Orlik in die Hände bekommen würde. Und er betete dafür, dass bis zur Ankunft in den bewohnten Tunneln nichts passieren würde.

Sehr schnell war die Nacht vorüber. Nach einem schnellen Frühstück, das William zauberte, wurden alle Sachen zusammengepackt und es ging zurück in Richtung bewohnte Tunnel. Der beschwerlichste Weg durch die Katakomben war bereits hinter ihnen. Father wurde sehr leicht müde und sie pausierten regelmäßig. Vincent war den ganzen Weg noch ruhiger als sonst. Seine Sinne liefen auf Hochtouren. Father machte sich große Sorgen um seinen Ziehsohn. Mehrmals hatte Father versucht ihn aus seinen Gedanken zu reißen, doch nicht immer reagierte er darauf. Als die kleine Gruppe Rast machte setzte sich Father zu Catherine und Vincent. Er versuchte ihn mit Gesprächsstoff voll zu packen. Catherine war dies nicht entgangen, doch sie versuchte es auf die sanfte Tour. Einmal hatten Father und Catherine gemeinsam auf ihn eingeredet. Seine Reaktion ließ nicht lang auf sich warten. Vincent stand abrupt auf, drehte sich zu ihnen und sagte leicht genervt, aber auch irgendwie amüsant:

„So ihr zwei! Ich glaube jetzt reicht es langsam! Seit gestern versucht ihr beiden einzeln auf mich einzureden. Das war noch einigermaßen zu ertragen. Aber jetzt geht ihr entschieden zu weit! Es ist genug! Im Doppelpack halte ich das nicht aus…Entweder hört ihr auf damit oder ihr geht allein weiter!“ Dann machte er kehrt und ging zu Mary, die gerade in einer Tasche kramte. Etwas verärgert ließ er sich neben ihr nieder. Mary war dies trotzige verhalten nicht entgangen. Auch nicht, das Father ihm ständig in den Ohren lag.

„Vincent, was bedrückt dich?“ Doch Vincent antwortete nicht, sondern schnaufte verärgert und lehnte sich wie ein bockiger Junge gegen die Felswand. Mary musste sich ein schmunzeln verkneifen. Das letzte Mal, als sie Vincent so sah, war er noch ziemlich klein und zierlich. `Irgendwie, dachte sie, hat sich nichts an seinem Verhalten geändert. `

„Nun sag schon…ist es Father?“ Vincent nickte stumm.

„Lass mich raten…er versucht ständig dir ins Gewissen zu reden!“

„Ja…und es reicht langsam!“

„Er macht sich nun mal Sorgen, mein Junge. Wir alle tun das. Father meint es nur gut und Catherine auch.“

„Mag sein. Doch es ist genug des Guten. Ich kann und will es nicht mehr hören.“ Mary war leicht verwundert, eher erschrocken, so wie er sprach. Das hatte sie vorher noch nie von ihm gehört. Diese Situation schien ihn mehr zu belasten als geglaubt. Sie legte ihre Hand beschwichtigend auf seinen Arm und sah seinen innerlichen Kampf.

„Soll ich mit Father reden?“

„Nein. Ich hatte ihm vorhin gesagt, dass er es lassen sollte.“ Mary nickte stumm und sah ihm an, dass er allein sein wollte.

„Kann ich dich kurz allein lassen?“

„Ja, danke Mary.“

„Dafür bin ich doch da!“

Nach ein paar Minuten ging Catherine mit einem etwas schlechten Gewissen zu Vincent, setzte sich ganz nah an ihn heran.

„Es tut mir leid!“ flüsterte sie ihm ins Ohr. Ohne ein Wort drehte er seinen Kopf zu ihr. Schuldbewusst blickte sie ihn an. Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Schon gut. Fang nur bitte nicht wieder damit an.“

„Ja, versprochen…bekomme ich trotzdem einen Kuss?“

„Das muss ich mir erst überlegen.“ Vincent im gespielten ernst.

„Bitte, bitte,…“ bettelte sie. Wortlos beugte sich Vincent zu ihr runter und gab ihr einen federleichten Kuss.

„Mehr nicht?“ gespielt traurig.

„Den Rest wirst du dir wohl verdienen müssen.“

„Bekomme ich wenigstens einen Vorschuss?“ Vincent schmunzelte, so wie nur er es konnte und wie Catherine es an ihm so liebte. Erwartungsvoll sah sie ihm in die Augen. Das azurblaue Schimmern zog sie magisch an. Schließlich gab er sich doch geschlagen. Das bettelnde Gesicht konnte er nicht mehr länger ertragen.

Mary, die in der Zwischenzeit zu Father ging, beobachtete mit ihm das zärtliche Zusammensein.

„Siehst du? Viele Worte ergeben gar nichts! Schon gar nicht bei ihm!“ tadelte sie Father, der Mary erstaunt ansah. Mary sah Father mit erhobener Augenbraue an und nickte. Als Catherine und Vincent sich küssten, sagte Mary erfreut:

„Da sieh mal einer an. Die zwei wagen sich immer weiter vor. Ein schönes Paar.“ Schwärmte sie. Doch Father gefiel dies überhaupt nicht.

„Weißt du eigentlich, was du da sagst?“ raunte er Mary an. Zwar leise, aber bestimmt.

„Hast du eine Ahnung, was danach kommt?“ Erstaunt sah sie Father an.

„Jetzt ist es aber genug, Jacob! Ich bin zwar schon einige Jahre aus diesem Alter und Elan heraus, aber ich weiß ganz genau was als nächstes kommen würde! Hältst du mich für so naive? Was willst du bitte dagegen tun?! ...Willst du Vincent verbieten Catherine zu sehen? Oder willst du Catherine verbieten in die Tunnel zu kommen? Was soll das Jacob! Dies sind zwei erwachsene Menschen die sich über alles lieben. Möchtest du dieses Glück zerstören? Wenn du das fertig bringst, verlierst du Vincent und zwar für immer!“ Father wurde während der Moralpredigt immer kleiner und nachdenklicher.

Plötzlich sagte er:

„Mein Gott, Mary! Ist es wirklich so? Bin ich so ungerecht zu den beiden?“

„Was das Thema Liebe bei Catherine und Vincent angeht…ja! Jacob, du kannst Vincent nicht vor allem und jedem schützen. Du weißt, dass er seine Freiheit und Eigenständigkeit brauch. Catherine gibt sie ihm und ist bei ihm. Catherine würde ihm niemals wehtun. Dafür liebt sie ihn viel zu sehr. Sieh dir die beiden an, Jacob!“ Ein sanftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Hättest du gedacht das unser Vincent einmal richtig lieben würde?“ Nun schmunzelte auch Father leicht.

„Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben…Doch als Catherine kam, wollte ich es nicht wahr haben. Ich dachte sie würde ihn nicht ernst nehmen.“ Father verlegen.

„Wie einst Lisa?“ Mary kleinlaut.

„Ja, genau wie Lisa. Ich wollte ihm ersparen wieder verletzt zu werden. Aber wie ich sehe sind meine Sorgen unbegründet.“ Jetzt tat es ihm irgendwie leid, wie er sich ihnen gegenüber verhalten hatte.

„Ich gehe zu ihm!“

„Gut. Dann rede ich mit Catherine, damit ihr allein reden könnt. Einverstanden?“

Was Father und Mary nicht ahnten, war dass sie von ihren Sorgenkindern aufmerksam beobachtet wurden.

„Father und Mary sehen ernst aus. Meinst du nicht auch? Was die zwei wohl beschäftigt?“ flüsterte Catherine ihm zu.

„Gute Frage. Es sieht so aus, als hätten die beiden eine Meinungsverschiedenheit.“

„Ich habe bis jetzt noch nicht mitbekommen, dass sie sich mal gestritten hätten.“ Catherine verwundert.

„Um ganz ehrlich zu sein, ich auch nicht!“ gestand er Catherine. Kaum zu Ende gedacht kam auch gleich Father auf sie zu. Man musste schon blind sein um nicht zu merken, dass er etwas auf dem Herzen hatte.

„Ich lass dich mit Father allein.“ Flüsterte sie Vincent ins Ohr. Er schmunzelte nur und nickte. Father lächelte Catherine entgegen.

„Kann ich mit dir reden, mein Junge?“

„Sicher, setz dich!“

„Vergibst du deinem alten Father?“ kam gespielt bettelnd. Der unterwürfige Gesichtsausdruck ließ Vincent weich werden. Fürsorglich legte Vincent seinen Arm um Father.

„Ich weiß du meinst es gut, Father…Aber manchmal ist es eben zu viel des guten.“

„Du hast ja Recht. Ich bin sehr froh darüber das du mit Catherine zusammen bist. Du bist ein vollkommen anderer Mensch geworden.“ Erstaunt sah er Father an.

„Diese Worte von dir zu hören…Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll…Danke Father. Das bedeutet mir sehr viel.“

„Vincent, ich möchte dass du weißt, dass wir immer für dich und Catherine da sein werden. Komme was wolle. Wir stehen das alle gemeinsam durch und finden einen Weg. Dich, seinetwegen, zu verlieren, wäre…!“ Father fehlten die Worte und schüttelte nur mit seinem Kopf.

„Bitte denk auch an Catherine.“



Währenddessen war Catherine bei Mary angelangt. Sie unterhielten sich über dies und das. Auch über die letzten Tage.

„Kann ich dich was fragen, Mary?“

„Aber natürlich. Nur raus damit.“

„Du und Father…ähm hattet ihr euch vorhin gestritten?“

„Oh, war das so offensichtlich?“

„Wir haben zwar nichts gehört, aber gesehen wie ihr ernst miteinander geredet habt. Wir haben uns Sorgen gemacht.“

„Ich habe Father gesagt, dass er Vincent endlich loslassen soll. Er versucht ihn vor jeglichen Schaden und Enttäuschungen schützen zu wollen, aber das ist nicht möglich…

Als du in sein Leben getreten bist und ihr zwei euch verliebt hattet befürchtete Father, dass es so sein würde wie bei Lisa. Sie hatte mit ihm gespielt und ihn nicht ernst genommen. Doch ich habe ihn vom Gegenteil überzeugen können und das war gar nicht schwer, denn Father mag dich wirklich sehr, musst du wissen. Es tut ihm furchtbar leid.“

„Ich habe euch ebenfalls alle sehr ins Herz geschlossen.“

„Ach, was ich noch sagen wollte, Catherine!“

„Ja?“

„Ihr zwei seid ein traumhaftes Paar.“

„Danke Mary. Ich liebe Vincent wirklich über alles.“

„Das glaube ich dir. Das ist auch nicht zu übersehen.“ Verlegen sah Catherine auf und lachte.

„Du machst ihn sehr glücklich, Catherine.“

„Vincent macht mich glücklich, Mary. Er hat mir die Augen über so viele Dinge geöffnet und mir gezeigt, wer ich bin. Das hat vor ihm noch keiner geschafft. Was ich für Vincent empfinde ist mehr als nur Liebe. Vincent ist ein Teil von mir ohne den ich nicht mehr Leben kann und auch nicht will.“

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das war die schönste Liebeserklärung die ich je gehört habe. Ach Gott, mir kommen gleich die Tränen.“ Plötzlich mussten beide schmunzeln.

„Hätte Father unsere Unterhaltung gehört, würden bei ihm gleich die Alarmglocken läuten.“ Lachte Mary. Verstohlen sah Catherine zu Mary hinüber. Diese verstummte und sah Catherine verblüfft an.

„Soll dieser Gesichtsausdruck bedeuten, dass Fathers Alarmglocken gar nicht mehr läuten brauchen?“ Mary klang kleinlaut.

„Ganz genau! Du hast es erfasst. Es gibt für uns keine Grenzen mehr.“ Sie flüsterte.

„Ja aber…“ Ihr fehlten die Worte.

„Jetzt sag bloß wir hätten euch vorher fragen sollen.“ Catherine im gespielten Ernst.

„Nein, nein! Wo denkst du hin!“ Mary schnell. Ihr war es schon etwas peinlich.

„Aber man merkt es euch überhaupt nicht an.“

„Was sollten wir deiner Meinung nach tun? Wie wild vor euch herumknutschen?“ Das konnte sie sich nun doch nicht verkneifen Doch plötzlich fing auch Mary an zu lachen. Ihr war die Lage nun auch zu albern geworden.

„Weiß es Father?“

„Also ich habe ihm nichts gesagt oder eine Andeutung gemacht. Vincent wird es ihm auch nicht sagen. Nur, wenn Father ihn danach fragt.“

„Lassen wir uns überraschen!“

„Genau!“

Auf dem Weg noch oben gingen Catherine und Vincent fast immer Hand in Hand. Mary konnte darüber nur schmunzeln und Father wunderte sich mal wieder warum. Doch er hatte es aufgegeben danach zu fragen. Viele Stunden war die Gruppe unterwegs bevor sie zu Hause angelangten. Es war schon recht spät. Alle waren erschöpft. Die Gruppe löste sich langsam auf. Father, Mary, Catherine und Vincent gingen noch ein Stück zusammen.

„Catherine?“ Father vorsichtig.

„Ja, Father?“

„Bleibst du heute hier unten oder musst du gleich wieder rauf?“ Fragend und doch erstaunt sah sie zu Vincent, der sie verschmitzt ansah.

„Ich bleibe heute hier…wenn es dir recht ist, natürlich.“ Catherine klang ein wenig unsicher.

„Ja sicher. Dann können wir morgen alle gemeinsam frühstücken.“ Vincent glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. ´Was sagte Father da? ´ Leicht verdutzt wanderte sein Blick von Mary zu Catherine und anschließend zu Father. Doch die drei schmunzelten. Catherine gab Father einen lieben Kuss auf die Wange, wandte sich Vincent zu und lächelte ihn verlegen an.

„Ich glaube wir sollten alle zu Bett gehen. Es ist schließlich schon spät.“ Brachte Mary hervor.

„Gute Idee.“ Kam auch gleich von Father.

„Ach, Catherine, sollen wir dir die Gästekammer herrichten?“ fragte Father. Catherine wusste nicht recht was sie antworten sollte und druckste ein paar Mal herum.

„Das ist nicht nötig Father, danke!“ kam überraschend von Vincent. Erstaunt sah Father ihn an. Doch noch bevor Father einen laut von sich geben konnte ergriff Mary das Wort.

„Komm Jacob. Es ist schon spät. Immerhin war es für alle eine anstrengende Woche. Gute Nacht ihr zwei. Schlaft schön.“ Mary zog Father fast hinter sich her. Er wollte unbedingt wissen, wo Catherine schlief.

„Mary, würdest du mir bitte verraten, was hier vorgeht?“ hörten Catherine und Vincent wie ein Echo durch die Tunnel hallen. Leise lachte Catherine auf.

„Was ist?“ Vincent verwundert.

„Hast du Fathers Gesicht gesehen?“

„Das war nicht zu übersehen.“ Gab er schmunzelnd zurück.

„Weiß Father das wir miteinander schlafen?“

„Also von mir nicht! Mary sah gar nicht überrascht aus. Ahnt sie was?“

„Sie weiß es!“ gab Catherine zu.

„Woher denn?“ Catherine erzählte ihm von ihrem Gespräch mit Mary.

„Dann ist er völlig im Unklaren?“ Vincent schien sich darüber lustig zu machen.

„Du scheinst dich ja riesig darüber zu freuen.“ Schmunzelte sie.

„Oh ja. Das kann man sagen. Endlich gibt es etwas, was Father nicht weiß. Und ich weiß ganz genau das es ihn furchtbar wurmt.“ Er klang leicht schadenfroh.

„Von der Seite hatte ich das noch gar nicht betrachtet.“

Arm in arm gingen sie die Tunnel entlang. Vincents Schritte wurden kleiner und langsamer. Catherine erging es nicht anders. Beide waren völlig erschöpft. Ihre Körper forderten ihren Tribut. In Vincents Kammer angekommen warfen sie ihre Sachen beiseite und gingen sogleich schlafen. Eng aneinander gekuschelt schliefen sie bis zum nächsten Morgen.

Vincent, der als erstes wach wurde, schlüpfte leise aus dem Bett, zog sich an und beobachtete, wie sich Catherine in die dicken Kissen kuschelte.

Ihre Hand suchte nach ihm und wachte auf, weil er nicht da war.

„Vincent?“ Catherine schlaftrunken. Doch dieser war bereits leise aus seiner Kammer geschlichen, um Catherine nicht zu wecken.

Gemeinsam mit Father und Mary saß Vincent in der Küche. Sie redeten über die vergangenen Tage. Als Catherine fast geräuschlos die Küche betrat, sah sie in leicht besorgte Gesichter. Sie wusste genau, dass es um die letzten Tage handelte. Als Mary Catherine erblickte strahlte sie übers ganze Gesicht. Für Mary war Catherine wie eine Tochter geworden, wie Vincent ihr Sohn.

„Catherine, guten Morgen.“ Mary lächelnd. Vincent war überrascht sie zu sehen. Er hatte sie weder gespürt noch kommen hören.

„Guten Morgen ihr drei. Habt ihr mir noch Kaffee übrig gelassen?“

„Natürlich, komm setz dich.“ Kam von Father. Mit einer Tasse Kaffee bewaffnet trat Catherine an Vincent heran, beugte sich zu ihm runter und küsste ihn wie selbstverständlich. Die beiden sahen Fathers und Marys leicht verlegende Gesichter. Um auf ein anderes Thema zu kommen fragte Father:

„Und Catherine, hast du gut geschlafen?“

„Oh ja danke. Wie ein Murmeltier. Der lange Fußmarsch war schon anstrengend.“

„Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass dir jemand die Gästekammer hergerichtet hat.“ Überlegte Father angestrengt. Catherine druckste herum.

„Nun ja, das mag daran liegen, weil ich nicht in der Gästekammer geschlafen habe.“ Neben sich hörte sie Vincent leise verzweifelt sagen:

„Oh je, das war nicht gut…gleich geht’s los!“ und lehnte seine Stirn gegen seine Hand.

„Wo hast du dann geschlafen?“ hakte er weiter nach.

„Bei mir!“ sagte Vincent gleich darauf. Man konnte Father laut aufatmen hören. Mary dagegen legte ihre Hand auf Fathers Arm, um ihn etwas zu beruhigen.

„Jacob? Alles in Ordnung?“ Vincent gab Catherine ein Zeichen, um zu gehen. Sie wollten nun doch nicht dabei sein, wenn Father mit seiner Moralpredigt anfing. Mary winkte nur lächelnd ab und gab ihnen zu verstehen, dass sie sich um Father kümmern würde. Bald darauf waren Catherine und Vincent verschwunden. Mary strich weiter über Fathers Arm.

„Jacob, was ist los! Wo liegt das Problem?“ Bei dem Wort ´Problem´schien er sich aus seiner Starre zu lösen.

„Problem? Mary, was sagst du da?! Was glaubst du wird passieren, wenn sich die beiden weiter vor wagen!“ Fathers Unwissenheit ließ Mary lächeln.

„Jetzt beruhige dich doch, Jacob! Hast du unser Gespräch von vor ein paar Tagen verdrängt? Es ist alles in Ordnung.“

„Was ist in Ordnung! Die beiden zerstören sich!“

„Jacob, jetzt ist es aber genug! Es gibt nichts worüber du dir noch Gedanken machen müsstest.“ Mary eindringlich.

„Wovon redest du bitte!“

„Jacob…es gibt für Catherine und Vincent keine Grenzen mehr. Schon lange nicht mehr.“

„Was? Ja, aber…!“ Father verschlug es die Sprache. Jetzt war er noch verwirrter.

„Was, aber…?“ Mary schmunzelnd. Father gab auf und schüttelte den Kopf.

„Du wusstest davon?“ Father vorsichtig.

„Ja, ich wusste es. Aber auch nur durch Zufall. Die beiden konnten es gut geheim halten. Jetzt verstehst du vielleicht auch Vincents Reaktion vor ein paar Tagen.“ Zustimmend sah er zu Mary auf, die sich von ihrem Platz erhob.

„Tja, damit werde ich mich wohl abfinden müssen.“

„Dir wird nichts anderes übrig bleiben.“

Die Tage und Wochen vergingen. In den Tunneln war wieder der gewohnte Frieden eingekehrt. Alle hatten sich an die neue Situation gewöhnt, dass Catherine öfter mal über Nacht in den Tunneln blieb.

An einem zuerst normalen Arbeitstag saß Catherine an ihrem Schreibtisch und sah sich mit ihrem Boss, Joe Maxwell, die letzten geklärten Fälle noch einmal an, als ihr auf einmal leicht schwindelig wurde. Joe entging dies natürlich nicht.

„Hey, alles okay Rathcliff?“ Joe besorgt.

„Ja, es geht schon wieder. Mir war nur etwas schwindelig.“ Sie klang leicht verunsichert, denn da war noch etwas anderes. Ein Gefühl der Angst und Kälte machte sich in ihr breit. Das letzte Mal, als sie dieses Gefühl hatte, wurden Vincent und Father in einer Höhle verschüttet. Joe wurde bei ihrem Anblick mulmig zu mute.

„Du solltest dir ein paar Tage frei nehmen. Kein Wunder das es dir nicht gut geht. Die letzten Wochen waren echt hart.“

„Es geht schon wieder, Joe.“ Catherine beschwichtigend.

„Keine Widerrede! Pack zusammen und dann ab nach Hause mit dir. Das ist ein Befehl!“ Joe klang überhaupt nicht überzeugend und streng schon gar nicht. Catherine konnte darüber nur lächeln. Trotzdem packte sie ihre Sachen zusammen und machte sich davon.

Catherine zog es sofort nach unten in die Tunnel. Etwas Seltsames lag in der Luft. Eine eigenartige Spannung…

Als sie in der Bibliothek ankam, sah sie sofort dass etwas nicht stimmte. Father hatte sich mit Mary, Pascal, William, Mouse, Cullen und noch ein paar anderen dort versammelt.

„Father, Mary…was ist passiert? Wo ist Vincent?“

„Wir wissen es nicht…“ Father klang äußerst besorgt.

„Was?“ Sie starrte Father an.

„Er ist verschwunden! Kein Wort! Keine Nachricht! Gar nichts. Er war auf dem Weg zum Spiegelteich und von da an hat ihn keiner mehr gesehen.“ Father schien um Jahre gealtert. Der alte Mann war verzweifelt. Auch den Anderen drum herum war der Schock anzusehen. Sie waren alle samt ratlos.

„Das kann doch nicht sein!“ Sie war außer sich.

„Im Umkreis von mehreren Kilometern ist alles abgesucht worden. Einige sind immer noch unterwegs. Wir können nur warten.“ Kam von Pascal. Plötzlich wurde Catherine wieder so unwohl wie im Büro.

„Catherine?“ Mary war sofort bei ihr.

„Es geht schon wieder, danke. Dieses Gefühl hatte ich heute schon einmal im Büro. Es muss ihm was zugestoßen sein. Da bin ich mir sicher.“

„Wir suchen noch mal alles ab, Father! Vincent muss irgendwo sein!“ William bekam zustimmende Blicke von allen anwesenden. Father lächelte schwach. Und die zweite Suche begann. Viele Stunden waren vergangen, ohne die geringste Spur. Jetzt konnten sie nur noch warten und hoffen.

Währenddessen tief unten in den Höhlen, wo sich niemand hin verirren würde, kam Vincent langsam zu Bewusstsein. Er nahm ein paar Geräusche wahr, das Knistern eines Lagerfeuers, Wasser das aus einem Felsen trat und Stimmen. Doch wer sprach da? Als er etwas klarer denken konnte, versuchte sich Vincent auf die Stimmen zu konzentrieren und erkannte diese sofort. Ruckartig wollte er aufstehen, doch weit kam er nicht. An seinen Handgelenken wurden massive Stahlfesseln befestigt. Er war ein Gefangener! Paracelsus gefangener!

Durch das Rasseln der Ketten wurden Paracelsus und Orlik auf ihn aufmerksam.

„Aaah. Unser Gast ist erwacht. Willkommen in meinem Reich, Vincent!“ Paracelsus klang überheblich und selbstsicher.

„Was willst du!“ gab Vincent ruhig zurück, was Paracelsus gar nicht gefiel.

„Weißt du das denn nicht? Ich will dich, Vincent! Nur dich! Jacob, oder Father, wie du ihn nennst, hatte dich mir weggenommen. Doch nun ist es Zeit für deine wahre Bestimmung. Du bist mein Sohn, nicht seiner. Dein Platz ist an meiner Seite und du wirst mir gehorchen!“

„Warum sollte ich!“ Vincent verachtend tonlos.

Ein seltsames grinsen hatte Paracelsus aufgesetzt.

„Auf diese Frage habe ich lange genug warten müssen, mein Sohn…Orlik! Demonstriere unserem Gast was passiert, wenn man mir nicht folge leistet!“ Auch Orlik setzte nun ein angsteinflößendes lachen auf. Hinter seinem Rücken hatte dieses Ungetüm eine Peitsche versteckt, die er jetzt herausfordernd vor sich hin wanken ließ. Vincent glaubte nicht ganz was er da sah. Er würde tatsächlich ausgepeitscht, wenn er nicht das tun würde, was man von ihm verlangte.

„Und noch etwas! Du wirst lernen mich zu respektieren! Nur ein falsches Wort von dir und bekommst die hier zu spüren! Ich hoffe wir haben uns verstanden.“

„Darauf kannst du lange warten!“

„Orlik! Zeige ihm was es heißt mir zu widersprechen.“ Dieser ließ sich nicht lang bitten. Er holte aus und verpasste Vincent damit einige eindringliche Hiebe. Das Hemd, das Vincent trug, war mittlerweile zerrissen und mit Blut durchtränkt. Vincent biss die Zähne zusammen. Sein vor Schmerzen verzerrtes Gesicht ließ Paracelsus und Orlik immer mehr Spaß zu machen. Sie wollten seinen Willen brechen und das um jeden Preis.

Als Vincent am Boden lag, sich vor Schmerzen kaum rühren konnte, ging Orlik auf ihn zu und riss ihm das zerfetzte Hemd vom Leib. Paracelsus nahm es genüsslich in Empfang.

„Weißt du was ich jetzt damit mache, mein Sohn?“ Paracelsus triumphierend.

„Wahrscheinlich hängst du es dir über dein Bett, wie andere Leute Bilder!“ presste Vincent hervor. Orlik ließ ihn sofort wieder spüren was es heißt seinen Meister zu beleidigen. Obwohl Vincent am Boden lag, verpasste ihm Orlik wieder ein paar blutige Striemen am Rücken.

„Du wirst mit der Zeit lernen deine Zunge zu zügeln, mein Sohn.“ Paracelsus gab Orlik das blutige Hemd und eine Nachricht für seinen Rivalen mit. Orlik machte sich gleich auf den Weg in die bewohnten Tunnel. Da Orlik wegen seiner Größe und Körperfülle nur schwerlich vorankam, vergingen viele Stunden.

Die Tunnelbewohner achteten auf jedes Geräusch. Die Rohre wurden frei gehalten falls es eine entscheidende Nachricht von Vincent geben würde. Catherine war mit Father und Mary immer noch in der Bibliothek und horchte in sich hinein. Vielleicht konnte sie Vincent fühlen, doch dieser schien es nicht zu wollen. Father war kreidebleich und Mary dachte angestrengt nach. Schlafen konnte in dieser Nacht keiner.

Auch Vincent nicht. Er wurde von Paracelsus gedemütigt. Fragte ihn immer wieder, wie es sei, so in Ketten zu liegen. Doch traute er sich nicht nahe genug an ihn heran. Paracelsus ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen.

„Warum diese Demütigung!“ Vincent leise.

„Warum? Damit du der wirst, der du von Anfang an hättest sein sollen!“

„Und das wäre?“

„Mein Sohn!“

„Wieso sagst du immer und immer wieder `Mein Sohn´?“

Ein lächeln huschte über Paracelsus Gesicht.

„Hat Jacob dir je erzählt wo er dich her hat?“

„Ich wurde gefunden!“ Vincent knapp.

„Ach tatsächlich? Hat er das gesagt. Nun sag ich dir mal was! Das war eine Lüge! Dein lieber Ziehvater hat dich dies bezüglich angelogen.“ Vincent richtete sich, so gut wie es nur ging, auf und hörte ihm ganz genau zu.

„Weißt du eigentlich woher du deinen Namen hast?“

„Ich wurde neben dem St. Vincent Hospital gefunden, daher der Name.“

„Hm, das war auch eine Lüge! Erstens, du wurdest nicht gefunden, sondern hier unten geboren von einer Frau namens Anna. Zweitens, den Namen Vincent gab ich dir und zwar deshalb, weil du mein leiblicher Sohn bist.“ Vincent verschlug es die Sprache. Er war vollkommen durcheinander und wusste nicht mehr was er denken sollte.

„Nein! Nichts davon ist wahr! Du lügst! Alles Lüge!“

„Ach ja? Wozu sollte ich dich anlügen? Ich kann dir auch sagen, warum du so bist wie du bist!“ Vincent verlor fast die Beherrschung. Er fauchte und knurrt und atmete laut hörbar.

„Was?“ Vincent ungläubig.

„Ich wollte einen perfekten menschenlichen Nachkommen haben. Nicht diese fehlerhaften und schwachen Gestalten, sondern einen Sohn, der es mit allen aufnehmen kann und obendrein noch intelligent ist. Also mischte ich meine Gene mit denen eines kräftigen und stolzen Löwen und das Resultat bist du. Einen Sohn, den ich mir immer gewünscht hatte. Doch dann wurdest du mir weggenommen. Deine Mutter hatte Angst ich würde dir etwas antun und brachte dich, als du ein paar Monate alt warst zu Jacob. Ich wurde verbannt, noch bevor du ein Jahr alt wurdest. Und Anna? Tja, meine geliebte Frau wollte mich verlassen. Das konnte ich doch nicht zulassen. Also musste sie daran glauben. Ja, so war das und jetzt bist du wieder hier bei mir. Mein Sohn! Endlich sind Vater und Sohn vereint! Jetzt ist es so, wie es von Anfang an hätte sein sollen.“ Vincent konnte ihm nicht in die Augen sehen. Der Gedanke, Paracelsus sei wirklich sein Vater machte ihn fast wahnsinnig. Er, Vincent, der Sohn eines vielfachen Mörders! Vincent hatte alle Mühe nicht auszurasten, nicht die Fassung zu verlieren.

Paracelsus entfernte sich und überließ ihn sich selbst. Vincent kämpfte innerlich mit sich selbst und dieser Erkenntnis.

Gegen Mittag rannte Jamie aufgeregt zu Father, Mary und natürlich Catherine, die noch immer in der Bibliothek mit mehreren anderen Tunnelbewohnern waren.

„Father, Father!“

„Jamie, um Gottes willen, was ist?“

Sie antwortete nicht, sondern trat nur beiseite. Hinter ihr tauchte Orlik auf. Bei seinem Anblick erschraken sie. Orlik ging auf Father zu, legte demonstrativ das blutige Hemd mit einer Nachricht auf den Schreibtisch, grinste und ging wieder. Die Blicke hingen wie gebannt auf dem Hemd. Father vergrub für einen Moment das Gesicht in seinen Händen, Mary ließ einen lautlosen Schrei von sich und Catherine liefen die Tränen übers Gesicht.

„Oh mein Gott!“ sagte Catherine mit tränen erstickter Stimme. Es dauerte nur Sekunden bis die Bibliothek mit den restlichen Bewohnern gefüllt war. Mit zittrigen Händen nahm Father die Nachricht an sich, öffnete den Umschlag und las das Geschriebene erst leise für sich. Father saß der Schock im Gesicht.

„Alle bis auf Catherine und Mary verlassen bitte sofort den Raum.“ Father sprach zwar nicht gerade laut, aber die Worte wurden von jedem vernommen. Trotzdem ging ein enttäuschendes Murren durch den Raum. Mary und Catherine sahen sich verwundert an. Als alle gegangen waren las er vor.

                                                    Jacob,



Wie du sicherlich schon bemerkt hast, ist eine dir nahestehende Person verschwunden. Nun, keine Angst! Mein Sohn oder dein Ziehsohn befindet sich hier bei mir. Er wird den Platz einnehmen, den er schon längst hätte einnehmen sollen. Der Junge wollte sich anfangs nicht fügen und das Resultat siehst du nun vor dir. Wenn du diese Nachricht erhältst, weiß er bereits alles über seine wahre Herkunft. Damit du es auch weißt! Er war nicht sonderlich begeistert. Also nimm dich in acht, wenn du ihm je wieder begegnen solltest. Mein Sohn gehört zu mir!

                                                           John



Wortlos faltete Father den Brief zusammen und schloss die Augen.

„Was meinte er mit `der Wahrheit über seine Herkunft´?“ fragte Mary, da Catherine nicht in der Lage war zu sprechen. Father erzählte ihnen die ´wahre Geschichte´ über Vincents Herkunft. Das er in den Tunneln geboren wurde. Seine Mutter Anna war eine Herzensgute und Lebenslustige junge Frau. Anna war mit John Pater, der sich später Paracelsus nannte, verheiratet. John tat alles um aus dem noch ungeborenen Kind etwas Einzigartiges, Besonderes zu kreieren. Anna liebte Vincent über alles, doch aus Angst ihr Mann könne dem Jungen leid zuführen veranlasste sie dazu Vincent in Sicherheit zu bringen. Zu Jacob! Paracelsus war wie besessen von Vincent. So sehr, dass man ihn noch vor dem ersten Winterfest aus den Tunneln verbannte. Da man über viele Jahre nichts mehr von Paracelsus gehört hatte, dachte sich Father, das es nicht gut wäre Vincent die Wahrheit zu offenbaren.

„Aber Jacob, du hättest es ihm spätestens sagen müssen als Paracelsus hier wieder auftauchte und er unsere Welt bedrohte!“ Mary eindringlich.

„Ich konnte es nicht…!“ Father leise.

„Wie hätte ich es ihm denn sagen sollen!“

„Wir müssen irgendetwas unternehmen! Ihn da raus holen!“ sagte Catherine die ihre Stimme widerfand. Dies nahm sie besonders mit.

„Ja unbedingt und zwar so schnell wie nur möglich. John ist zu allem fähig.“ Father ernst. Er ließ William und Pascal zu sich kommen und schilderte ihnen die Situation.

„William, Pascal wir brauchen ein paar Männer um Vincent zu befreien…“ doch weiter kam er nicht. Pascal unterbrach ihn.

„Father die Männer stehen schon längst bereit. Du musst nur sagen wann es losgeht.“ Ein schwaches lächeln huschte über sein Gesicht. Auf die Gemeinde war wie immer verlass.

„Proviant ist auch schon gepackt. Wir können sofort los!“ kam von William.

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren!“

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Auch Catherine war mit dabei. Father meinte zwar sie solle da bleiben, doch sie bestand darauf mitzukommen.

In der Zwischenzeit versuchte Vincent von den Ketten los zukommen, doch diese gaben einfach nicht nach. Selbst der Einsatz all seiner Muskeln, die bis aufs äußerste angespannt waren, brachte keinen erfolg. Vincent merkte wie sein ´zweites ich´ langsam immer stärker zum Vorschein kam. Er spürte Hass und unbändige Wut stieg in ihm auf. Stimmen hallten durch seinen Kopf. Stimmen von Father, wie er den Kindern immer und immer wieder seine Geschichte vom Findelkind erzählte. Diese angebliche gelogen sein soll! Und die andere Stimme war die von Paracelsus, der ihm angeblich die Wahrheit erzählte! Vincent wusste nun gar nichts mehr. In seinem Kopf herrschte ein reges Durcheinander.

Paracelsus beobachtete diesen Vorgang aus sicherer Entfernung und sagte leise zu sich selbst:

„Bald ist es so weit!“

Vincent tigerte weiter auf und ab. Er fauchte und brüllte und ließ mehrfach seinen Gefühlen freien lauf, was enorm durch die Tunnel hallte. Erst gegen Abend wurde er ruhiger.

Die Rettungsgruppe war schon sehr nahe. Zwei Mann, Cullen und Sam, liefen leise voraus, um die Lage zu erkunden. Sie konnten nach ein paar hundert Metern an den Felswänden ein reflektierendes Feuerspiel beobachten. Sie waren am Ziel. Doch nun galt es herauszufinden wo Paracelsus Vincent gefangen hielt und wie sie ihn am besten befreien konnten.

Leise schlichen sie in die große Höhle und brauchten zu ihrer Überraschung gar nicht lang suchen. Sie sahen Vincent angekettet an der Felswand liegen, wie auf einem Präsentierteller. Die beiden huschten von Schatten zu Schatten um nicht entdeckt zu werden und kamen bis auf ein paar Metern an Vincent heran. Cullen machte ein leises Geräusch um Vincents Aufmerksamkeit zu erlangen. Es funktionierte. Vincent blickte verwundert auf. Er war bedacht darauf mit den Ketten kein Geräusch zu machen, das möglicherweise Paracelsus Aufmerksamkeit erregen würde. Sam fand unweit auf einem Tisch ein angemessenes Stück Draht, dass er zurecht bog, um die Schlösser der Ketten zu öffnen. Es dauerte eine Weile, aber er schaffte es. Fast geräuschlos konnte Vincent die Ketten ablegen und verschwand mit Cullen und Sam in der Dunkelheit.

Nach ein paar Augenblicken waren die drei bei den Anderen. Sie waren sehr überrascht als Cullen sagte:

„Wir haben ihn!“ Father und Catherine gingen sogleich auf ihn zu. Da er sich eine Decke umgelegt hatte, konnte Father keinen ersten Blick auf seine Wunden werfen. Catherine drückte ihn erleichtert.

„Wie geht es dir?“ fragte Father leise. Catherine stand direkt neben ihm. Vincent sah ihn nur kalt an und antwortete vollkommen tonlos:

„Wir reden später, darauf kannst du dich verlassen!“ Catherine bekam vor schreck große Augen. Noch nie hatte sie Vincent so eiskalt erlebt. Schon gar nicht Father gegenüber.

„Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden, bevor er bemerkt was passiert ist.“ Sagte Catherine schnell. Sie nickten stumm und machten sich davon.

Es wunderte einige zwar, dass es so einfach war Vincent zu befreien, aber über das ´warum´dachte keiner weiter nach.

Paracelsus hatte nur darauf gewartet. Seine Absicht war klar. Er wollte das Vincent seinen Ziehvater mit den Fragen über seine Herkunft konfrontiert, er sich gegen Father stellen und zu ihm, seinen leiblichen Vater zurückkehren würde. So wie es einst geplant war. Jetzt hieß es für Paracelsus nur noch abzuwarten.

Es war wieder ein beschwerlicher Rückweg. Viel wurde nicht geredet. Vincent blieb immer noch kalt Father gegenüber und auch mit Catherine sprach er nicht. Wenn er etwas gefragt wurde nickte er oder schüttelte leicht den Kopf. Kein Ton kam von ihm. Das machte Father Sorgen, da er auch nicht wusste, was ihn erwartete. Vincent machte ebenfalls keine Anstalten sich seine Wunden behandeln zu lassen. Schmerz und Unfrieden waren ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Es schien fast so, als könne er die Anwesenheit der Anderen nicht ertragen. Er ließ sich von niemandem anfassen. Kein Hand in Hand mit Catherine oder ein fürsorglicher Klaps auf die Schulter. Vincent hielt Abstand zu ihnen.

Zu Hause angekommen trennten sich die Wege der Anderen. Die letzten vier, Father, Mary, Catherine und Vincent, gingen ein paar Schritte zusammen. Vincent immer voran.

Father bemerkte, dass Vincent in Richtung seiner Kammer unterwegs war und versuchte ihm eine gute Nacht zu wünschen.

„Vincent?“

„Vincent! Warte doch bitte!“ Nichts. Mary und Catherine sahen sich besorgt an. Father blickte zu Boden. Die beiden Frauen traten näher an ihn heran und wussten nicht recht was sie darauf sagen sollten.

„Gib ich Zeit.“ Mary leise

„Ich sehe mal nach ihm.“ Catherine machte sich gleich daran Vincent nach zu laufen und fand ihn in seiner Kammer. Er saß auf seinem Bett, sein Kopf auf seine Hände gestützt. Erst blieb sie am Eingang seiner Kammer stehen um abzuwarten. Er schien sie nicht wahrzunehmen. Als Catherine sich schließlich neben ihn setzte schreckte er ein wenig auf, er zuckte förmlich zusammen.

„Schhhhhhhhh…ganz ruhig. Ich bin es nur, Catherine.“ Flüsterte sie. Vincent hatte immer noch die Decke auf seinem Rücken. Da Catherine nicht wusste in wie weit er verletzt war, strich sie vorsichtig über seine Hand und den Oberarm. Alles an ihm war auf das extremste angespannt.

„Bitte rede mit mir.“ Flehte sie ihn an.

„Es gibt nichts zu reden!“ gab er zurück.

„Sag so etwas nicht, Vincent! Bitte, ich bitte dich!“ Catherine klang äußerst besorgt. Vincent schien alles irgendwie egal zu sein.

„Lass mich deine Wunden versorgen.“

„Catherine bitte!“ Er schien leicht genervt.

„Das ist mein ernst, Vincent! Du hast noch niemanden an dich heran gelassen und die Wunden müssen behandelt werden!“ Vincent gab sich geschlagen und legte sich quer über sein großes Bett. Er lag auf dem Bauch und Catherine sah mit erschrecken warum. Sein ganzer Rücken, die Seiten bis hoch zu den Schultern war mit blutigen Striemen übersäht.

„Oh Gott…!“ war das einzigste, was sie sagen konnte. Doch Vincent rührte sich nicht. Sagte kein Wort. Um die Wunden zu reinigen holte Catherine eine Flasche heraus, die ihr Father noch zusteckte. Beim reinigen der Wunden verzog Vincent keine Miene, rührte sich nicht und kein Ton oder schmerzvolles Stöhnen kam über seine Lippen. Wie, wenn er seinen Körper verlassen hätte. Es dauerte eine Weile bis Catherine die letzte Wunde versorgt hatte. Sie gab zum Schluss noch eine schmerzlindernde Salbe darauf und merkte dass er ruhiger wurde. Seine gleichmäßige Atmung gab ihr zu verstehen, dass er eingeschlafen war. Behutsam legte sie ihm eine dünne Decke über und strich vorsichtig seinen Kopf. Catherine verbrachte die Nacht sicherheitshalber in den Tunneln, falls es ein Problem geben würde. Doch die Nacht verlief ruhig. Auch Vincent ließ nichts von sich hören. Die ganze Nacht war sie bei ihm.

Als Catherine am nächsten Morgen erwachte, war Vincent schon weg. Eilig machte sie sich zurecht und ging zu Father in die Bibliothek, wo er mit Mary und ein paar anderen die derzeitige Lage besprach, als Vincent plötzlich reinkam. Seine Miene verriet nichts gutes. Noch ehe einer ihm einen guten Morgen wünschen konnte, sagte er kalt und bestimmend:

„Lasst uns allein!“ In Windeseile waren alle außer Catherine und Mary gegangen.

„Das gilt auch für euch!“

„Wir bleiben.“ Catherine sanft.

„Wie ihr wollt!“ Vincent gleichgültig. Er war ganz in schwarz gekleidet. Schwarze Jeans, schwarze Schuhe und ein schwarzes Hemd, das er einfach nur übergezogen hatte, um seine Wunden nicht zu reizen. Er schnappte sich einen Stuhl und setzte sich rittlings drauf. Ungeduldig legte er seine Arme auf die Stuhllehne:

„Gibt es vielleicht etwas was du mir bis jetzt verschwiegen hast?“ fragte Vincent. Seine Stimme klang nicht wie gewohnt sanft und leise, sondern kräftig und fordernd. Es hallte regelrecht im Raum. Die drei erschraken, das waren sie von ihm nicht gewohnt. Auf Vincents Frage nickte Father und suchte nach Worten.

„Und das wäre!“

„Ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll.“ Father klang zerbrechlich.

„Dann werde ich dir ein wenig helfen...Ist es wahr was er mir erzählt hat? Das ich gar nicht gefunden wurde!“ kam äußerst barsch aus ihm heraus. Father schloss für einen Moment die Augen. Mary merkte wie fertig und schwach Father war. Sie wollte zu ihm.

„Jacob, alles in Ordnung?“

„Da muss er jetzt durch, Mary!“ sagte Vincent schnell.

„Vincent!“ ermahnte Catherine ihn sanft.

„Was!...Was Catherine!“ Herausfordernd sah er Sie an. Doch sie hielt sich zurück

„Nun, ich warte…Father!“

„Ja, er hat Recht. Du…du wurdest nicht gefunden.“

„Und weiter?“

„Er hat dir doch alles erzählt!“

„Ich würde gern deine Version hören!“

„Vincent bitte! Quäle ihn nicht!“ bat ihn Catherine.

„Er hatte lange genug Zeit und jede menge Gelegenheiten mir die Wahrheit zu sagen! Jetzt will ich es wissen!“

„Ich werde es dir sagen, aber bitte bleib ruhig und lass mich bis zum Schluss reden.“ Mit finsterer Miene beobachtete er Father und hörte nun dessen Version der Geschichte. Diese stimmte mit der von Paracelsus überein. Während Father sprach ballten sich seine Hände zu Fäusten. Er wurde unruhig und atmete unregelmäßig. Am Ende ließ Vincent seinen Kopf nach vorn auf die Lehne sinken. Catherine wollte zu ihm. Ihn trösten!

„Rühr mich nicht an!“ knurrte er. Catherine hielt inne und sah erschrocken zu Mary, die ebenfalls große Augen machte. Mary winkte Catherine zu sich. Die drei hörten Vincent, wie er versuchte sich unter Kontrolle zu halten, indem er sich selbst sagte:

„Ganz ruhig! Nicht aufregen!“ Mehrmals atmete er tief durch, um so gut es ging seinen Frust loszuwerden. Sein innerlicher Kampf mit sich selbst war deutlich zu sehen. Seine Stimme bebte.

„Warum hast du mir das nicht schön längst erzählt!“ Vincent vorwurfsvoll.

„Wie hätte ich es dir sagen sollen? Wann hätte ich es dir sagen sollen?“

„Wann? In dem Moment als er wieder hier aufgetaucht ist hättest du es mir spätestens sagen müssen. Jedes mal wenn ich ihm begegnete sagte er mir Dinge, die ich bis dahin nicht richtig einordnen konnte! Du sagtest mir auch noch, ich solle nicht auf seine Worte hören. Dabei war er es, der mir ständig versucht hat die Wahrheit zu sagen. Jedes Wort was er sagte war die Wahrheit! Nicht du! Du, der jenige dem ich immer vertraut hatte! All die Jahre hast du mich belogen!“

„Vincent, bitte beruhige dich.“ Catherine sanft.

„Dafür ist es zu spät.“ Seine Stimme zitterte vor Zorn. Er spürte, dass er den Raum verlassen müsste. Er hielt es dort nicht mehr aus. Catherine versuchte ihn aufzuhalten, doch er ging achtlos an ihr vorbei.

Viele Stunden vergingen. Vincent hatten sie in ruhe gelassen. Erst war er am Spiegelteich und anschließend zu den Wasserfällen gegangen, wo er wütend ein paar Steine ins friedvolle Wasser schmiss. Plötzlich stand Mary hinter ihm. Gehört hatte er sie, drehte sich jedoch nicht zu ihr um. Mary setzte sich auf die Bank und suchte nach Worten.

„Hat Father dich geschickt?“ Vincent tonlos.

„Nein. Ich wollte selbst nach dir sehen.“

„Frag mich nicht wie es mir geht! Den Satz höre ich seit gestern ununterbrochen!“

„Was machen deine Wunden!“

„Wie soll es denen schon gehen. Äußerlich heilt alles bestens!“ Mary verstand gut was er damit meinte.

„Und in dir drin? Wie sieht es da aus?“ fragte sie behutsam und gesellte sich zu ihm.

„Frag mich das nicht!“

„Ich möchte es aber wissen, mein Junge.“

„Jetzt sag bitte nicht, weil ihr euch Sorgen um mich macht. Das kann ich nicht mehr hören!“

„So ist es aber! Ob du nun willst oder nicht.“ Vincent ließ sich viel Zeit.

„Was glaubst du wohl wie es in mir aussieht, Mary!“

„Durcheinander…Wütend…?“

„Das ist noch sehr milde ausgedrückt!“

„Was ist mit Catherine?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Vincent bitte! Du weißt was ich meine! Sie liebt dich. Sie braucht dich. Wir alle brauchen dich!“

„Mary bitte! Lass das!“ Vincent sprang auf und ging. Traurig sah Mary ihm nach.

Erst am Abend ließ er sich wieder blicken.

Vincent war in seiner Kammer und saß am Tisch. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Catherine kam leise herein, ging zu ihm.

„Vincent?“ Er blickte auf.

„Du bist noch hier?“

„Ja. Wieso sollte ich gehen?“

„Nach all dem was du erfahren hast, wäre es kein Wunder!“

„Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?“

„Für mich eine ganze Menge!“

„Ach ja? Heißt das, du liebst mich nicht mehr?“

„Das ist es nicht!“

„Was ist es dann! Vincent, bitte schließ mich nicht aus. Ich liebe dich und wir stehen das gemeinsam durch. Ich helfe dir. Wir alle werden dir helfen, wenn du uns nur lässt.“ Vincent schüttelte ungläubig den Kopf.

„Vincent…du kannst doch nichts dafür das ´Er´ dein Vater ist. Das ist nun mal so und du wirst es auch nicht ändern können. Niemand kann das. Auch nicht Father!“ Nun sprang er auf. Vincent war so furchtbar wütend auf Father.

„Er hätte es dir sagen sollen, ja. Aber versetz dich auch mal in seine Lage! Wie hätte er es dir denn sagen sollen? Die Situation wäre dieselbe wie jetzt.“ Vincent lehnte seine Stirn gegen die Felswand. Catherine stellte sich direkt neben ihn und strich beruhigend über seinen Oberarm, der vollkommen angespannt war. Sie versuchte sich zwischen ihn und die Felswand zu quetschen, um ihm ganz nah zu sein. Damit er spürte nicht allein mit seinen Problemen zu sein. Leise flüsterte sie ihm ins Ohr:

„Was Father getan hat war falsch, ja. Vor langer Zeit hätte er es dir schon sagen müssen. Aber verurteile ihn nicht deswegen. Father wollte dir den Kummer, den du jetzt hast, ersparen.“

„Kummer.“ Kam kleinlaut von ihm.

„Kummer ist nicht ganz das richtige Wort…es frisst mich auf, Catherine.“ Dabei sah er ihr seit langen wieder in die Augen. Doch was sie sah war nur Schmerz, Hass, Angst, Verwirrung. Vincent hatte sich verändert. Der sanfte und zurückhaltende Vincent existierte nun nicht mehr. Das machte ihr große Sorgen. Vincent ließ sich noch nicht einmal von Catherine in den Arm nehmen, dies bereitete ihr seelische Schmerzen.

„Ich werde dir helfen, so gut ich nur kann.“

„Wie willst du mir schon helfen.“ Sagte er niedergeschlagen.

„Indem ich für dich da bin, Vincent.“ Verzweifelt schüttelte er den Kopf. Sie durfte ihn auf keinen Fall in die Enge treiben. Ganz vorsichtig streichelte Catherine sein Gesicht und versucht ihn so zu beruhigen. Die eine Seite in ihm wollte sich dagegen wehren, doch die andere Seite beruhigte sich allmählich. Er schloss die Augen und gab sich so gut es ging diesem Gefühl hin. Sie konnte ihm ansehen und fühlen, wie aufgewühlt er war. Vincent hatte Mühe sich unter Kontrolle zu halten. Langsam und behutsam küsste sie seinen Hals und wanderte weiter rauf.

„Catherine…“ flüsterte er

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür.“ Catherine verstand ihn gut und wusste natürlich selbst, dass es ihm nicht gut ging. Doch sie musste alles versuchen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, seine gute Seite, den sanften Vincent wieder zum Vorschein zu bringen. In diesem Zustand war er unberechenbar.

„Schhhhh…nicht reden, Vincent.“ Sie schmiegte sich ganz eng an ihn heran, hielt ihn fest, massierte seinen Nacken, küsste seinen Hals. Es dauerte eine Weile bis Catherine eine Besserung feststellte. Er atmete wieder leichter und regelmäßiger. Sein Kopf lag auf ihrer linken Schulter und sein Gesicht hatte er in ihrer Halsbeuge vergraben. Nach und nach wurde Vincent ruhiger und hielt Catherine sogar fest. Wie lange sie so standen wussten sie nicht. Das war auch nicht wichtig. Catherine spürte seine Müdigkeit. Seit Tagen hatte er keinen Schlaf gefunden.

Leise flüsterte sie ihm ins Ohr:

„Komm, leg dich hin.“ Vincent schnaufte tief durch. Er wusste sie hatte Recht und gab sich geschlagen. Mit schweren Augen und einem immer noch zerknirschten Gesicht richtete sich Vincent auf. Catherine küsste ihn zärtlich und half ihm ins Bett. Schwer ließ er sich nach vorn aufs Bett fallen und bemerkte selbst wie fertig er wirklich war. An seiner Seite blieb Catherine und bewachte seinen Schlaf. Viele Male schreckte Vincent in der Nacht auf. Geplagt von Alpträumen und schmerzenden Wunden, die noch fast frisch waren. Immer wieder beruhigte sie ihn, kuschelte sich an Vincent heran, der auf dem Bauch lag, um weiteren Schmerzen vorzubeugen.

Die nächsten Tage verliefen nicht besonders gut. Vincents Zustand war mal besser und dann wieder schlechter.

Da Vincent seinem Ziehvater aus dem Weg ging, mit ihm weder sprach noch ansah, erstattete Catherine Father regelmäßig einen Besuch ab. Father war verzweifelt. So schlimm stand es zwischen ihm und Vincent noch nie.

Seine äußerlichen Wunden waren gut am Abheilen, doch in seinem Inneren sah es furchtbar aus. Seine Selbstkontrolle war kaum noch vorhanden. Vincent zitterte am ganzen Leib als Catherine seine Kammer betrat. Sofort ging sie zu ihm, hielt seine Hände, die er vollkommen verkrampft hatte. Fürsorglich hielt sie ihn fest, wiegte ihn zur Beruhigung. Es half alles nichts.

„Ich bin gleich wieder da, Vincent!“ Er reagierte überhaupt nicht. So schnell sie konnte rannte Catherine zu Father.

„Father! Schnell! Es geht ihm immer schlechter. Vincent zittert am ganzen Leib und reagiert auf gar nichts mehr.“ Ohne viele Worte folgte er Catherine zu Vincent. Dieser stand mit geballten Fäusten an seinen Kopf gepresst, in der hintersten Ecke seiner Kammer.

„Vincent?“ Catherine vorsichtig.

„Vincent! Ich bin es, Catherine. Ich habe Father mitgebracht.“ Ein leichtes Knurren kam als Antwort. Langsam ging Father auf ihn zu. Vincent war nicht ganz bei Sinnen und erkannte Father nicht. Wie ein weidwundes Tier ging Vincent Schritt für Schritt zurück und knurrte warnend. Father sprach zu ihm. Catherine stand wie gebannt abseits.

„Vincent? Vincent! Ich bin es, Father. Ganz ruhig, Vincent. Keiner tut dir was. Es ist alles in Ordnung.“ Father sprach weiter in einem beruhigenden Ton. Doch Vincent erkannte ihn immer noch nicht. Fathers Stimme hallte schmerzlich in seinem Kopf. Als sich Vincent zu sehr in die Enge gedrängt fühlte, holte er mit seinem linken Arm aus und…hielt inne. Gerade noch rechtzeitig ging Father näher an ihn heran, so dass Vincent Father sehen konnte. Sein Arm stoppte in der Luft. Für Catherine ging es viel zu schnell. Sie konnte Father nicht mal warnen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen. Als nichts geschah lugte sie hervor und sah, wie Vincent in sich zusammen sackte. Father hielt ihn halbwegs aufrecht. Catherine war sofort bei ihnen. Kniend neben Father, damit Vincent sie gut sehen konnte. Sein Kopf war für ihn zu schwer geworden, sodass er ihn auf Fathers Schulter niederließ. Er hielt seinen Ziehsohn so fest er konnte. Es war für Father ein bewegender Augenblick. Catherine sah Tränen in Fathers Augen und umarmte beide. Vincent zitterte dennoch.

„Schhhhh…ganz ruhig, mein Junge. Ganz ruhig.“ Völlig entkräftet löste er sich von Father.

„Ich verliere meinen Halt, Father. Die Träume kommen wieder…ich kann Traum und Realität nicht mehr auseinander halten.“

„Ist es so…wie am Anfang? Als du jünger warst?“

„Wie damals! Nur noch viel gewaltiger! Es ist wie ein Feuer das sich immer weiter in mir ausbreitet und ich kann nichts dagegen tun…es brennt sich durch mich durch…“ Vincent war schweißgebadet und schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Wir schaffen das…mach dir keine Sorgen.“

„Was ist, wenn…wenn es schlimmer wird...als das letzte Mal?“ Father nahm ihn hastig in den Arm, hielt ihn fest und schloss die Augen.

„Daran dürfen wir nicht einmal denken. Wir stehen das durch. Hast du mich verstanden?“ kaum merklich nickte Vincent.

„Sag mir, was ich tun soll!“ flüsterte Father ihm zu.

„Gib mir etwas was mich ruhigstellt!“

„Du weißt ich kann dir nicht irgendetwas geben, Vincent. Es könnte fatale Folgen haben.“

„Das ist mir egal! Father ich…ich kann nicht mehr!“ Vincents Kopf lag wieder auf Fathers Schulter. Catherine, die Fathers bestürztes Gesicht sah, fuhr immer wieder mit ihrer Hand über Vincents Rücken und durch seine Mähne. Ratlos sah Father Catherine an. Was sollte er tun? Doch sein Entschluss stand fest. Vorsichtig löste sich Father von Vincent.

„Gut, ich…ich werde dir etwas geben, aber ich entschärfe das Mittel ein wenig…Komm leg dich hin. Catherine bleibt bei dir.“ Müde und völlig erschöpft nickte er. In den letzten Tagen hatte er wieder kaum schlaf gefunden. Die beiden halfen ihm aufzustehen. Gemeinsam brachten sie Vincent zu seinem Bett, das ganz in der Nähe stand.

Während Father sich entfernte, um das Beruhigungsmittel zu holen, kniete Catherine neben Vincents Bett. Ganz nah war sie bei ihm. Vincent starrte an die Decke, versuchte sich ruhig zu halten und Catherine half ihm dabei, indem sie seinen Kopf und seinen Oberkörper streichelte.

„Vincent…“ flüsterte sie ihm zu. Doch erst nach dem dritten Mal reagierte er auf seinen Namen. Langsam drehte Vincent seinen Kopf zu Catherine.

„Bleib bei mir. Ich liebe dich.“ Seine Augen verrieten Angst und Unruhe. Sie versuchte ein nicht ganz so betroffenes Gesicht zu machen, denn sie wollte ihm Mut machen.

„Halt durch, bitte…ich brauche dich.“ Vorsichtig streichelte sie sein Gesicht und küsste ihn. Schwach erwiderte er ihren Kuss. Es war ein Anfang. Es kam Vincent wie eine Ewigkeit vor bis Father endlich wiederkam. Er hatte seine Tasche dabei. Catherine machte Father Platz, damit er sich ans Bett setzen konnte. Als Father die Spritze setzte schloss Vincent die Augen und wartete auf die Wirkung.

Catherine setzte sich wieder ans Bett, streichelte seinen Kopf und hielt seine Hand fest. Das Zittern wurde nach ein paar Minuten weniger.

„Vincent…Vincent, ich bin es Catherine.“ Gleich beim ersten Mal öffnete er seine Augen und sah sie an. Das Mittel schien schnell und gut zu wirken.

„Ich bin bei dir.“ Flüsterte sie. Father stand hinter ihr und beobachtete diesen Vorgang. Ein paar Minuten lang sahen sich die beiden an, bis Vincent nach und nach die Augen zu fielen. Der Druck seiner Hand ließ nach. Catherine war mulmig zu mute. Ängstlich sah sie zu Father, der seine Hand fürsorglich auf ihre Schulter legte. In dem Moment kam Mary herein. Leise ging zu Father und erschrak ein wenig, denn in so einem schlechten Zustand hatte sie Vincent noch nie gesehen.

„Kommt…lassen wir ihn schlafen. Er hat es dringend nötig.“ Father leise.

„Ich bleibe bei ihm.“ Gab Catherine zurück.

„Du kannst erstmal nicht weiter für ihn tun, Catherine. Gönn dir auch eine Pause.“ Schweren Herzens gab sich Catherine geschlagen und ging mit den beiden in die Bibliothek, wo bereits ein paar Tunnelbewohner auf ihn warteten. Erstaunt sah er in die Runde. An den besorgten Gesichtern konnte Father erkennen, dass sie sich um Vincent sorgten. Erschöpft ließ sich Father auf seinen großen Stuhl nieder und rieb sich die Stirn.

„Ich möchte euch bitten, Vincent die nächsten Tage in Ruhe zu lassen. Die letzten Wochen haben ihm enorm zugesetzt. Wir müssen alles Erdenkliche tun, um es ihm so einfach wie nur möglich zu machen. Das heißt im Klartext…keine Aufregung! Vincent muss sein inneres Gleichgewicht wieder finden. Die älteren unter euch, die Vincent von klein auf kennen, wissen sicher was ich damit meine.“ Sagte Father ernst.

„Außerdem wäre es angebracht den Kindern zu sagen, dass ihr Unterricht von jemand anderem abgehalten wird.“ Zu Mary gerichtet.

„Was sollen wir ihnen denn sagen?“ Mary zu Father.

„Was wir immer tun, Mary. Ihnen die Wahrheit sagen.“

„Die Kinder lieben und wollen sicher bei ihm sein.“

„Das wird wohl die nächste Zeit nicht möglich sein. Vincent ist in diesem Zustand nicht in der Lage zu wissen, was richtig oder falsch ist. Klare Entscheidungen zu treffen erst recht nicht. Er hat zu sehr mit sich selbst zu tun. Pascal bitte sorge dafür das die Rohre freigehalten werden. Keine wirren Gespräche, nur das Wichtigste.“

„Wird erledigt, Father.“

„Gut, das war es erst einmal. Danke.“ Father blieb mit Mary und Catherine allein zurück. Nachdenklich sahen sich die Drei an und fragten sich, was wohl als nächstes kommen würde.

„Du sagtest es war schon einmal so schlimm, als er jünger war.“ Brach Catherine die Stille.

Angestrengt dachte Father nach. Er erinnerte sich, ja. Sehr gut sogar. Als wäre es erst gestern gewesen.

„Erzähl mir davon, Father.“ Bat Catherine.

„Nun…das war bis dahin die Schlimmste und dunkelste Zeit in seinen Leben. Vincent war 14 oder 15 Jahre alt. In der Zeit hatte er sich schon stark zum Mann entwickelt. Innerhalb von ein paar Tagen wurde er kräftiger, muskulöser und vor allem größer. Da fing es an. Seine…andere Seite wurde ebenfalls sehr dominant und versuchte die Oberhand über sein Wesen zu gewinnen.“ Father schwieg einen Moment. All die schrecklichen Bilder waren ihm vor Augen getreten.

„Was passierte dann.“

„In ihm fand ein Kampf statt. Es tobte in ihm. Wie, wenn zwei Wesen um einen Körper kämpfen um darin zu überleben. Vincent geriet völlig außer Kontrolle. Er schlug um sich, verletzte sich selbst, indem er seine Wut und Verzweiflung an den Felswänden ausließ. Als er nach mehreren Stunden völliger Raserei allmählich schwächer wurde, hielten wir es für das Beste ihn…zu fesseln. Das war auch, nach meiner Sicht, das richtige, denn es wurde immer schlimmer.“

„Was?“ Catherine hörte mit erschrecken Fathers Worten.

„Ja, du hörst richtig.“ Father klang sehr betroffen.

„Zu sechst hielten wir ihn fest und ein anderer band ihm die Arme hinter seinem Rücken zusammen…dann ging es wieder von vorn los. Doch gelegentlich kam Vincent wieder zu sich. Da ich ihn im Arm hielt und seinen Oberkörper umklammerte, sah er mich flehend an. Er selbst war komplett am Ende, aber seine andere Seite war so voller Energie und Zorn…“ Father schüttelte nur den Kopf.

„Was passierte dann? Du sagtest, er kam gelegentlich zu sich.“

„Ja und das zerbrach mir als Father und Arzt das Herz…Den anderen drum herum stockte der Atem, denn so etwas hatten sie von ihm, dem ruhigen, zurückhaltenden Vincent noch nie gehört…“ Father machte eine Pause.

„…hat dich schon mal ein 14 Jähriger angefleht seinem Leben ein Ende zu setzen?“ Catherines Augen weiteten sich. Schockiert verneinte sie.

„Siehst du, bis zu dem Tag ist mir das auch noch nicht vorgekommen.“

„Was?“ Nervös rieb sich Father die Stirn.

„Vincent sagte verzweifelt ´Ich kann nicht mehr, Father…bitte mach das es aufhört…setzt all dem ein Ende…Gib mir irgendwas damit es vorbei ist. ´“ Father standen Tränen in den Augen und wischte sie verstohlen weg. Catherine legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Vorhin, als er mir sagte er könne nicht mehr, kam all das wieder, was ich gerade gesagt habe. Das Beruhigungsmittel ist übrigens von Peter. Er war einer der Männer, die Vincent festhielten.“

„Wie ging es weiter, Father.“ Angestrengt dachte er nach.

„Dieser Zustand der Raserei hielt noch viele Stunden an, bis abrupt alles aufhörte. Peter und ich untersuchten ihn sofort und waren zu Tode erschrocken. All seine Lebensfunktionen standen still. Da war nichts mehr…kein Puls, kein Herzschlag, nichts.“ Das Gesicht verbarg Catherine hinter ihren Händen. Sie konnte nicht glauben was sie da hörte.

„Willst du mir damit sagen…er…war…tot?“ Ernst sah Father sie an und nickte. Bestürzt sah sie zu Boden. Father sprach weiter.

„Peter und ich hatten alles versucht ihn wieder zurück zu holen. Was wir auch taten nicht hat nur im geringsten bei ihm angeschlagen.“ Father war wie Geistesabwesend, so wie er sprach.

„Ich nahm ihn verzweifelt in den Arm. Ich wollte ihn einfach nur festhalten. Allen standen die Tränen in den Augen. Und dann plötzlich spürte ich sein Herz. Alles normalisierte sich. Von Minute zu Minute ging es Berg auf.“ Nun lächelte Father wieder.

„Als er seine Augen auf machte habe ich ihn spontan gedrückt. Das war bis dahin die schlimmste Zeit für uns alle. Es gibt nichts grausameres, wie wenn man ein Kind verliert.“

„Ja, das stimmt. Ich weiß wie es ist ein Kind zu verlieren.“ Sagte Mary auf einmal.

„Mary…du? Du hast ein Kind verloren?“ fragte Catherine vorsichtig.

„Ja.“

„Das tut mir so leid. Das wusste ich nicht.“

„Schon gut, Catherine. Woher solltest du es denn wissen. Es ist schon viele Jahre her. Ich erzähle dir ein anderes Mal davon.“ Voller Mitgefühl nickte Catherine.

„Hat es lang gedauert bis er wieder gesund war?“

„Ein paar Wochen. Die ersten Tage waren sehr hart für ihn. Er war völlig kraftlos, konnte sich kaum auf den Beinen halten. Seine Stimme hatte sich enorm verändert…Seit dem Vorfall ist er noch ruhiger geworden, noch nachdenklicher und er kehrt oft in sich, um sein Gleichgewicht zu halten. Und ähm…seit er dich hat, Catherine, hat er sich viel besser unter Kontrolle. Seine, ich sage mal, bessere Hälfte in ihm ist stärker geworden, aber auch sanfter und das ist allein dein Verdienst, Catherine. Du hast ihm einen Traum gegeben, den er nie für möglich gehalten hätte. Dafür danke ich dir von Herzen.“ Catherine war überrascht und geschmeichelt, aber auch leicht verlegen. Das von Father zu hören hätte sie nun wirklich nicht gedacht.

„Danke Father. Das bedeutet mir sehr viel. Du weißt ich liebe Vincent und werde alles tun damit er glücklich ist. Er tut dasselbe für mich und noch viel mehr. Wir werden diese dunkle Zeit durchstehen, Father.“ Lächelnd legte Father seine große Hand auf die von Catherine und nickte zustimmend.

Mary ging derweil zu Vincent, um nach dem rechten zu sehen. Kam aber mit einem besorgten Gesicht wieder.

„Mary, alles in Ordnung?“ Father zu ihr.

„Ich weiß nicht, aber Vincent bekommt Fieber.“ Sofort machten sie sich auf den Weg. Es schien in der kurzen Zeit stark angestiegen zu sein.

„Er glüht regelrecht.“ Mary zu Father.

„Wir können nur abwarten.“ Entgegnete Father, als er Vincents Kopf abtastete. Father, Mary und Catherine wechselten sich die Nacht über ab, um bei Vincent zu sein. Die ganze Nacht lang wurden ihm mit Eiswasser getränkte Tücher an Kopf, Hals und Oberkörper gelegt. Erst früh am Morgen war das Fieber gefallen. Gegen Abend gingen Father und Catherine in Vincents Kammer, um nach dem Rechten zu sehen. Beim betreten seiner Kammer saß Vincent an seinem Tisch und hatte den Kopf auf seine Arme gestützt. Die beiden sahen sich überrascht an. Er schien sie nicht bemerkt zu haben. Alles drum herum war ruhig.

„Vincent?“ Catherine flüsterte nicht merklich. Als er nicht reagierte sah sie besorgt zu Father. Er hob nur seine Augenbrauen. Vorsichtig begab sie sich an Vincents Seite, beugte sich seitlich an ihm herunter, berührte Oberarm und Schulter.

„Vincent…“ Langsam hob er seinen Kopf, lehnte sich zurück. Seine Pupillen waren stark geweitet. Das Blau in seinen Augen war fast vollends verschwunden, sie waren eher schwarz. Father untersuchte ihn so gut er konnte. Vincent hatte nicht ein Wort gesagt. Er saß da und ließ alles über sich ergehen. Father drehte Vincents Kopf zu sich und sah ihm direkt in die Augen. Besorgt stellte er fest, dass seine Augen leer waren! Keine Gefühlsregung!

„Sag mir, wie es dir geht.“ Leise zu Vincent. Dieser schloss die Augen, schüttelte leicht den Kopf.

„Keine Worte?“

„Nein…“ kam wie ein Hauch über seine Lippen.

„Ist schon gut, mein Junge…wir schaffen das auch diese Mal.“

„Sicher…“

Die Tage vergingen und Vincent ging es mal besser, mal schlechter. Gelegentlich ließ er sich von Catherine etwas vorlesen, was ihm gut tat, doch selbst lesen war für ihn zu anstrengend. Dafür hatte er keine Geduld.

Paracelsus jedenfalls machte sich so seine Gedanken darüber, warum es in den Tunneln immer noch ruhig war. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass panische Klopfgeräusche durch die Tunnel hallen würden, aber nichts. Er wollte der Lage auf den Grund gehen und machte sich mit Orlik auf den Weg.

Am nächsten Tag überredeten Father, Mary und Catherine Vincent dazu, mit ihnen zusammen einen langen, ausgedehnten Spaziergang zu unternehmen. Es war harte Arbeit, doch schließlich willigte er ein. Einige Zeit waren die vier unterwegs. Vincent tat es sichtlich gut. Seine Gesichtszüge wurden lockerer, entspannter. Mit teilweise belanglosen Gesprächsthemen versuchten sie ihn auf andere Gedanken zu bringen, aber nur selten ließ er sich darauf ein.

Gemeinsam schlenderten sie nun durch die Tunnel. Sahen nach den Kindern, die Vincent fast überrannten, gingen zum Spiegelteich und anschließend zu den Wasserfällen. Der ruhige Lauf des Wassers hatte eine Beruhigende Wirkung auf Vincent. Folglich blieben sie.

Urplötzlich wurden sie aus ihren Gedanken gerissen, als schwere Schritte sich näherten.

ES WAR ORLIK!!! Catherine und Mary gaben einen schrei von sich, denn sie kannten Orlik bereits. Father stellte sich sogleich vor die beiden Frauen und Vincent hatte eine bedrohliche Haltung angenommen, knurrte ihn an und wollte gleich auf Orlik losgehen, als eine Stimme aus dem Hintergrund ihn aufhielt.

„Nein, nicht! Warte!“ Es war Paracelsus! Er trat aus der Dunkelheit hervor und war, wie Vincent, ganz in schwarz gekleidet.

„Wie ich sehe trägst du meine Farben, mein Sohn.“ Er klang schadenfroh. Dachte wohl Vincent würde ihm freudig entgegen gehen. Da lag er falsch.

„John! Wieso lässt du uns nicht unseren Frieden.“ Father klang verzweifelt. Er hatte es satt ständig in Angst in den Tunneln zu leben.

„Du weißt was ich will, Jacob. Ich will all das was mir gehört!“ Plötzlich huschte Vincent ein Lächeln übers Gesicht und schüttelte den Kopf. Catherine sah ihn verdutzt an. Das war sie von ihm nicht gewohnt.

„Und das wäre…was?“ Vincent tat gelangweilt. Er schien sich von einer Minute auf die andere in seinem Wesen geändert zu haben. Vincent wartete darauf provoziert zu werden. Father hatte es ebenfalls bemerkt und sah besorgt zu Catherine rüber.

„Als aller erstes du...Du bist mein Sohn! Mein Fleisch und Blut!“

„So, findest du? Also ich für meinen Teil habe all die Jahre davon nichts mitbekommen.“

„Du wurdest mir weggenommen!“

„Fragt sich jetzt, warum! Was könnte wohl der Grund gewesen sein.“ In dem Moment wollte Orlik auf Vincent zugehen, doch dieser sah ihn aus dem Augenwinkel. Vincent deutete mit seiner Hand auf Orlik, ließ seine Augen jedoch bei Paracelsus und sagte warnend:

„Bleib wo du bist, Orlik. Bewegst du dich nur ein paar Zentimeter weiter in meine Richtung, nehme ich dich auseinander.“ Er vernahm ein leises Lächeln von Orlik. Vincent dreht seinen Kopf zu ihm, sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, lächelte ebenfalls zurück und sagte:

„Du scheinst nicht bemerkt zu haben, dass ich nirgendwo angekettet bin. Hat dein kleines Spatzenhirn das verstanden?“ Orlik schluckte . Daran hatte er wirklich nicht gedacht und trat einige Schritte zurück.

„Und jetzt zu dir! Du hast mein Leben zerstört noch bevor ich geboren wurde. Du hast mir meine Mutter genommen. Die jenige, die mich vor dir beschützen wollte! Dank dir bin ich an die Tunnel gebunden! Dank dir habe ich nicht einmal die Möglichkeit am helligten Tage draußen spazieren zu gehen, wie jeder andere. Mir bleibt die Nacht und selbst da bin ich nicht einmal sicher. Und all das verdanke ich dir, mein Vater. Warum hast du mir das angetan! Warum!“ Vincent schrie seinen jahrelang unterdrückten Schmerz, seine Verzweiflung heraus. Seine Stimme bebte.

„Vincent, beruhige dich.“ Father klang beschwichtigend. Catherine sah Father verdutzt an.

„Sein Herz hält diese enorme Belastung nicht aus.“ Flüsterte er den beiden zu. Doch Vincent reagierte nicht auf seine Worte.

„Du bist mein Sohn, Vincent!“ Paracelsus Worte klangen eindringlich.

„Du bist das, was ich unter einem perfekten Menschen verstehe, Vincent. Du bist stark, intelligent, vollkommen. Nicht so fehlerhaft, weich und falsch, wie der Rest der Menschheit. Ich hätte alles für dich getan, Vincent. Dich ein Leben lang beschützt.“

„Du bist wahnsinnig!“ waren seine einzigen Worte.

„Wahnsinnig? Nein! Ich bin stolz auf das, was ich geschaffen habe. Stolz auf dich…“

„Hör auf damit! Du weißt überhaupt nicht wovon du redest. Du kennst mich nicht! Jetzt ist Schluss mit dem Theater. Mir reicht es!“

„Du willst mich aufhalten?“ Vincent sagte nichts. Er sah ihn wortlos an.

„Dann komm. Komm her, mein Sohn. Ich stehe hier.“ Vincent wollte gerade einen Schritt auf ihn zugehen, als Father sich einmischte.

„Vincent…tu es nicht!“ Verwundert sah Vincent zu Father. ´Was sollte das?´ fragte er sich.

„Jacob, du überrascht mich. Hast du etwa die Seiten gewechselt und hast Mitleid mit mir?“

„Ganz sicher nicht, John. Ich will nur nicht, dass sich der Junge ein Leben lang deinetwegen Vorwürfe macht.“

„Ach wie edel und rücksichtsvoll von dir, Jacob. Das war schon immer eine deiner Stärken.“ Den Moment nutzte Orlik aus, um Vincent, der abgelenkt war, von hinten zu packen. Er hielt Vincent wie in einem Schraubstock. Als Father zu ihm wollte, ließ Paracelsus ein Messer aus seinem rechten Ärmel hervorblitzen und verletzte Father leicht an der Schulter. Das war zu viel für Vincent! Während Mary und Catherine sich um Father kümmerten, beobachteten sie nebenbei, ebenso Paracelsus, wie Vincent seinem zweiten  ICH die völlige Kontrolle übergab. Sein Blick verfinsterte sich, seine blauen Augen wurden blutunterlaufen und glühten regelrecht. Er zitterte vor Wut und kalter Schweiß lief ihm über das Gesicht. Sein Knurren und die Laute eines wild gewordenen Löwen hallten durch die Tunnel. Die außen stehenden konnten beobachten, wie sich Vincents Muskeln aufbauten. Innerhalb von Sekunden wurden Arme, Schultern und Brustkorb breiter und größer. Sein schwarzes Hemd klebte straff an seinem Körper. Seine Hände packten Orliks Handgelenke, die um Vincents Hals waren, und zog diese von sich weg, bis er sich vollends befreien konnte. Wie wild schlug er auf Orlik ein, warf sich auf ihn, umklammerte ihn. Minuten lang kämpften beide um ihr Leben, bis letztlich Vincent zum entscheidenden Schlag ausholte und Orlik das Genick brach. Als Orlik am Boden lag ließ Vincent seinen Gefühlen freien lauf. Dieses Mal war er es, Vincent der Mann, und nicht der unberechenbare. Die Schreie des Löwen waren verstummt, jetzt schrie Vincent aus Leibeskräften und mit voller Stimme. Er ballte seine Hände zu Fäusten, riss sie fest an sich und zitterte am ganzen Leib. In dem Moment der Unachtsamkeit stürmte Paracelsus auf Vincent zu. Catherine konnte ihn warnen.

„Vincent…hinter dir!“ Blitzschnell drehte er sich um und hatte dem Messer von Paracelsus gerade noch ausweichen können. Vincent hielt den Arm, wo das Messer war, fest. Paracelsus versuchte sich aus dem Griff zu befreien, doch vergeblich. Gebannt standen sich nun Vater und Sohn gegenüber und starrten sich an. Ganz langsam drehte Vincent Paracelsus Arm mit dem Messer so geschickt, dass die Messerspitze in Richtung seines Vaters ging. Er, John, wollte zurück weichen, doch Vincent packte ihn mit der anderen Hand am Genick.

„Vincent…“ kam von Father, der leicht verletzt auf der Bank saß. Ohne von Paracelsus abzulassen, drehte er seinen Kopf zu Father, der seinen schüttelte. Er sollte es nicht tun.

„Dafür ist es jetzt zu spät…“kam verletzlich von Vincent.

„Vincent…tu es nicht.“ Flehte Catherine ihn an.

„Ich kann nicht mehr zurück. Er wird uns nie wieder weh tun. Keinem von uns!“

„Tue es nicht. Ich bin dein Vater.“ Sagte Paracelsus, kurz bevor die Klinge seine Kehle erreichte.

„Du warst nie mein Vater und wirst es auch nie werden. Du hast unschuldige getötet, darunter meine Mutter. Dafür bezahlst du…Daddy.“ Langsam bohrte sich die Klinge in seinen Hals. Die ganze Zeit hielten Vater und Sohn ihren Blickkontakt aufrecht. Paracelsus ging zu Boden und war kurz darauf tot.

Vincent stand da, wie betäubt und brach entkräftet zusammen. Obwohl verletzt ging Father mit Catherine und Mary zu Vincent. Völlig aphatisch kauerte er am Boden, den Blick immer noch auf Paracelsus gerichtet. Catherine kniete neben ihm, hielt seinen Kopf und wiegte ihn.

„Schhh…es wird alles wieder gut, Vincent. Ganz ruhig.“ Von ihm kam vorerst keine Reaktion. Plötzlich, wie aus dem nichts entriss er sich von Catherine. Fast panisch entfernte er sich von ihr und den anderen, atmete hastig und unregelmäßig.

„Catherine komm zurück.“ Sagte Father.

„Father, was hat er!“

„Er steht vollkommen unter Schock. Hoffentlich dreht er mir jetzt nicht durch!“

„Was? Tu doch was, Father!“ Doch er schüttelte den Kopf. Dagegen kam er nicht an.

„Jedes Mittel könnte ihm noch mehr Schaden zufügen, als jetzt. Ich kann nichts tun. Dagegen bin ich machtlos, auch als Arzt!“ sagte Father eindringlich.

„Oh Gott…bitte hilf ihm!“ Mary und Catherine liefen die Tränen übers Gesicht. Auch sie waren machtlos.

Vincent rannte aphatisch durch den Raum, wie wenn er verfolgt würde. Mit voller Wucht knallte er mehrmals mit dem Kopf gegen die Felswand. Ebenso mit dem Rücken, den Schultern. Selbst seine Hände waren voller Blut. Das Hemd hing teilweise in Fetzen herunter. Vincent schlug mit den blutigen Fäusten gegen die Felswände und brüllte entsetzlich. Catherine war verzweifelt. Was sollte sie tun? Sie wusste, dass es gefährlich war ihm gegenüber zutreten. Es könnte sie das Leben kosten. Sie konnte und wollte es nicht mehr mit ansehen. Urplötzlich stand sie und ging zu ihm. Father versuchte sie aufzuhalten, doch ein Blick von ihr genügte und Father ließ sie gehen. Als er sie kommen sah, bekam Vincent Angst. Er sah Catherine, aber erkannte sie nicht, wie einst Father. Catherine versuchte zu ihm durchzudringen, indem sie ihn mit seinem Namen anschrie.

„V I N C E N T !“ Er hielt inne. Die Schreie hallten noch nach. Dann war es ganz still. Vincent starrte Catherine und sackte in sich zusammen. Catherine fing ihn halbwegs auf. Wurde jedoch mit nach unten gerissen. Father und Mary waren sofort zur Stelle. Wie gebannt sah Catherine zu Father, der Vincent umgehend untersuchte.

„Oh Gott, nein. Bitte.“ Flüsterte Father.

„Father?“

„Jacob, was ist.“ Doch er sagte nichts. In dem Moment kam, wie aus dem Nichts, Peter herein und hatte seine Tasche dabei. Wie und warum war in dem Augenblick nicht wichtig.

„Peter, schnell!“

„Oh Gott!“ war das Einzigste, was Peter sagen konnte.

„Kein Puls, kein Herzschlag!“ Während Peter und Father alles daran setzten Vincent ins Leben zurück zuholen, lagen sich Mary und Catherine in den Armen. Wie in Trance sahen sie den beiden zu. Die Minuten verstrichen und nichts geschah. Father und Peter standen die Schweißperlen auf der Stirn. Dann, nach 20 Minuten gaben sie auf. Mit Tränengefüllten Augen sahen Peter und Father sich an.

„Nein…nein. Nicht Vincent. Bitte nicht er.“ Sagte Catherine mit Tränenerstickter Stimme. Sie warf sich fast auf ihn, hielt ihn fest, wiegte ihn und weinte. Den anderen erging es nicht anders. Kein Wort fiel. Nur die Trauer lag in der Luft.

„Ich habe meinen Sohn verloren.“ Father schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte doch alles versucht. Er konnte als Arzt nicht seinen Sohn retten.

„Es tut mir so leid, Jacob. Ich weiß nicht was ich sagen soll.“ Kam von Peter. Mary nahm Father in den Arm. Sie sagte nichts. Sie konnte auch nichts sagen. Heute hatte Mary ihr zweites Kind verloren. Leblos lag Vincent in Catherines Armen. Voller Frieden! Father löste sich von Mary, strich mit seiner Hand über Vincents Gesicht und über seine Mähne, die blutverschmiert war.

Peter kniete gedankenverloren daneben. Er konnte nicht glauben, dass es Vincent nicht mehr geben soll und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. Father nahm nun Catherine in den Arm, die weiterhin schluchzend ihren Vincent festhielt. Sie wollte ihn auf keinen Fall los lassen. Plötzlich glaubte Mary ihren Augen nicht zu trauen, als sie sah, wie sich Vincents Hand ein wenig bewegte.

„Jacob, Peter seht doch! Hat sich seine Hand eben bewegt?“ Völlig überrumpelt und ratlos sahen sie sie an. Auch Catherines Kopf erhob sich. Peter schnappte sich binnen Sekunden sein Stethoskop und hörte Vincents Brust ab, während Father verzweifelt versuchte Puls und Herzschlag zu fühlen.

„Catherine, rutsch bitte ein wenig zur Seite. Wir müssen Vincent untersuchen.“ Bat Peter.

Es dauerte einen Moment, bis Peter einen ersten leisen Herzschlag wahrnehmen konnte.

„Jacob! Hier! Ganz leise. Ein Herzschlag. Mein Gott…ist es möglich? Nach 30 Minuten?“ Nun hatte Father Freudentränen in den Augen.

„Ich glaube, bei unserem Vincent scheint alles möglich zu sein.“

„Peter, Father…was?“ Catherine verstand die Welt nicht mehr. Mary war wie vom Donner gerührt. Die beiden Ärzte behielten ihre Position. Sie ließen ihn nicht aus den Augen.

„Father, sagst du mir bitte was hier los ist?“

„Ein Herzschlag, Catherine!“ Peter aufgeregt.

„Was? Vincent? Vincent…komm schon…streng dich an…komm zurück zu mir!“

„Die Atmung setzt wieder ein, Peter. Komm schon mein Sohn. Du schaffst das!“ Vincents Herz schlug mehr und mehr. Auch die Atmung normalisierte sich. Es dauerte eine Ewigkeit bis all seine Lebensfunktionen stabil waren. Immer wieder kamen vereinzelt Tunnelbewohner an den Ort des Geschehens und brachten Decken, um Vincent warm zu halten.

Wie gebannt blickten die vier auf Vincent und warteten auf irgend eine Reaktion. Catherine bettete seinen Kopf wieder in ihrem Schoß, um ihm ganz nahe zu sein.

„Er wacht auf, Jacob.“ Peter war aufgeregt. Ganz langsam öffnete Vincent seine Augen und sah Catherine direkt an. Sie sah die wundervollsten blauen Augen. Realisierte aber erst wenige Augenblicke später, dass Vincent wach war. Sie weinte vor Glück.

„Willkommen im Leben, Vincent!“ sagte Peter mit bewegter Stimme. Doch Vincent reagierte nicht gleich. Er schien noch weit weg zu sein.

„Vincent?...Vincent!“ erst nach mehrmaligem ansprechen sah er zu Father.

„Verstehst du mich?“ schwach nickte er.

„Hör mir jetzt gut zu. Ich möchte das du mit deinen Augen meinem Finger folgst, damit ich abschätzen kann, ob du so weit in Ordnung bist.“ Wieder nickte er. Father ließ seinen Zeigefinger langsam an Vincent vorbei ziehen. Vincent hatte zwar Mühe dem Finger zu folgen, was man sehen konnte, aber er schaffte es. Immer wieder sah er zu Catherine rauf, die fortlaufend seinen Kopf und sein Gesicht streichelte. Peter fand, das Vincent recht unsicher wirkte. Er stellte, für die anderen, eine ungewöhnliche Frage.

„Vincent?...Vincent!...Weißt du, wo du dich befindest?“ Er schüttelte leicht den Kopf. Die drum herum stehenden machten große entsetzte Augen.

„Weißt du, wer wir sind?“ Peter vorsichtig.

„Ich bin mir nicht sicher.“ Flüsterte Vincent schwach. Es klang unsicher.

„Das hatte ich befürchtet, Jacob…der Preis für den Frieden.“ Ermutigend sahen sie ihn an.

„Hab keine Angst, mein Junge. Wir sind deine Familie. Und mit der Zeit wirst du dich wieder an all die Dinge erinnern.“

„Wir sollten diesen Ort hier verlassen. Es wird sehr kalt.“ Kam aus Mary hervor. Sie hatte sich die ganze Zeit im Hintergrund aufgehalten und hat gebetet.

„Ja, du hast recht, Mary. Wir sollten gehen.“ Die Leichen von Orlik und Paracelsus wurden mit schwarzen Tüchern abgedeckt.

„Kannst du aufstehen?“ Father vorsichtig zu Vincent.

„Ich versuch es.“ Gestützt von Father und Peter verließen sie diesen Ort. Auf dem Weg in Vincents Kammer, bildeten die Tunnelbewohner eine Gasse und strichen über Vincents Arme, Rücken und Schulter, als Zeichen des Mitgefühls. Doch Vincent konnte kaum den Kopf oben halten. William, der Koch, übernahm Fathers Platz, um Vincent zu stützen. William war kräftiger und standhafter.

„Komm her, mein Junge. Jetzt nehme ich dich. Du brauchst viel Ruhe.“ Sagte er fürsorglich.

Mary lief mit Catherine hinter ihnen. Sie gab den anderen ein Zeichen, dass sie sich entfernen sollen.

Langsam und behutsam ließen Peter und William Vincent aufs Bett gleiten. Kaum lag er, war er eingeschlafen. Catherine deckte ihn zu. Einer nach dem anderen strichen ihm fürsorglich über den Kopf. Father gab allen das Zeichen zu gehen, um Vincents Kammer zu verlassen. Alle bis auf Catherine waren gegangen. Sie saß an seinem Bett, bewachte seinen Schlaf. Gelegentlich überzeugte sie sich, ob sein Herz noch schlug und ob er atmete. Ihre Angst, ihn ein zweites Mal zu verlieren, war immens.

Währenddessen verarztete Peter, den an der Schulter verletzten Father. Die Wunde musste Peter mit ein paar Stichen nähen. Mary assistierte ihm.

„Und? Wie geht es dir, Jacob?“ Peter klang besorgt. Father schien um Jahre gealtert zu sein.

„Ziemlich geschafft. Das hat uns alle sehr mitgenommen. Erst verliere ich meinen Sohn und dann…bekomme ich ihn wieder. Was will ein Vater mehr.“

„Mir geht es genau so. Ich kenne ihn seit er ein Baby war. Der Gedanke…“ Peter sprach nicht weiter, schüttelte nur den Kopf.

„Wie geht es dir, Mary?“

„Ich bin überglücklich, dass wir ihn wieder haben. Ich hätte es nicht ertragen können, seine Stimme nicht mehr zu hören oder ihn nicht mehr in der Nähe zu wissen.“

„Wir sollten schlafen gehen. Es war ein anstrengender Tag.“ Father wollte nicht mehr weiter reden.

Am nächsten Tag ließ Father alle Bewohner in der großen Halle versammeln. Damit ihn jeder sehen und hören konnte, stellte er sich auf ein paar Stufen, die zur Galerie hoch gingen.

„Ich bitte um Ruhe…Alle mal herhören.“ Gebannt sahen alle zu Father rauf, der wartete, bis endlich alle ruhig waren.

„Wie ihr alle sicherlich mitbekommen habt, gab es in den letzten Wochen und Monaten sehr viel Aufregung in den Tunneln. Worum es ging brauche ich euch nicht erklären, denn jeder weiß es. Gestern jedoch wurden wir von Paracelsus und seinem Begleiter wiederum angegriffen und es hat ein grausames Ende genommen. Das Schlimmste dabei ist, dass Vincent teilweise sein Gedächtnis verloren hat.“ Sofort ging ein besorgtes Gemurmel durch die Halle. Bestürzte Blicke trafen aufeinander.

„Daher möchte ich euch bitten, sehr behutsam mit ihm umzugehen. Helft Vincent so gut ihr könnt. In wie weit er seine Erinnerung verloren hat können wir erst feststellen, wenn er wieder bei Bewusstsein ist. Sicherlich fragt ihr euch, wie es zu dem Gedächtnisverlust kommen konnte. Nun, es ist sehr schwer für mich darüber zu reden, aber…bei Vincent standen für ca. 30 Minuten alle Lebensfunktionen still. Was ich damit sagen will weiß hoffentlich jeder.“ Geschockt sahen sie zu Father, der sich müde die Stirn rieb.

„Es wird einige Zeit dauern, bis Vincent vollends zu Kräften gekommen ist. Das war erstmal alles, danke.“ Sagte Father knapp. Nur schwerlich löste sich die Menge auf. Alle wollten von Father und Mary wissen, wie sie ihm am besten helfen konnten. Viele Kinder waren arg getroffen über das Gehörte, dass sie sogar weinten und getröstet werden wussten.

Vincent dagegen hatte eine Menge Schlaf nachzuholen. Zwei Tage und zwei Nächte hatte er durchgeschlafen. Immer an seiner Seite, Catherine. Nur einmal, gegen Mittag, ging sie rauf in ihre Kanzlei, um sich bei ihrem Chef Joe Maxwell zu melden. Doch für ihn sah Catherine überhaupt nicht erholt aus und schickte sie kurzer Hand nach Hause.

In der Früh, des dritten Tages, war Catherine schon eine Weile wach. Vincent hatte die Nacht unruhig geschlafen. Mit einem kalten, nassen Tuch rieb sie sein Gesicht, Hals und Oberkörper ab, als er langsam erwachte. Wie gebannt kniete Catherine neben seinem Bett und streichelte ihn sanft. Vincent öffnete seine blauen Augen und sah sie an. Catherine kullerten ein paar Freudentränen über die Wange, die Vincent mit seiner Hand weg wischte und ihr ein Lächeln zurück gab. Freudig küsste sie seine Stirn, Nasenrücken und Mund.

„Guten Morgen.“ Flüsterte sie.

„Morgen…“ brachte er leise hervor.

„Wie geht es dir?“ Vincent überlegte einen Moment.

„Müde…sonst gut…Was ist passiert?“

„Du hast keine Erinnerung mehr daran?“ fragte Catherine vorsichtig.

„Ich…ich bin mir nicht sicher.“

„Mach dir jetzt keine Gedanken…Darüber reden wir, wenn es dir besser geht…ruh dich aus.“

Doch es ließ ihm irgendwie keine Ruhe.

„War es so schlimm?“

„Wir hatten um dich sehr große Angst.“

„Sag mir was passiert ist.“

„Das ist eine lange und mühsame Geschichte, Vincent. Lass uns später mit Father darüber reden.“ Nachdenklich nickte er. Ihm war unwohl zu mute. Als er aufstehen wollte hielt Catherine ihn zurück.

„Nicht so voreilig. Du bist noch zu schwach um aufzustehen.“

„Es geht schon. Ich spüre nur jeden Knochen in mir.“ Vincent biss die Zähne zusammen, verzerrte ein wenig sein Gesicht und stand auf. Catherine stützte ihn.

„Danke. Ich bin wohl etwas taumelig.“

„Bist du sicher, dass es geht?“ Vincent nickte. Endlich stand er wieder in voller Größe vor ihr. Erwartungsvoll sah Catherine zu ihm auf. Er war unsicher ihr gegenüber.

„Komm, ich bringe dich erstmal in die Badekammer. Um diese Zeit bist du ganz für dich allein und kannst dich frisch machen.“ Sie versuchte das Eis zu brechen.

Catherine brachte Vincent in die Badekammer, wartete dort und ging wieder mit ihm zurück in seine Kammer. Vincent schien es um einiges besser zu gehen. Das Bad hatte ihm sichtlich gut getan.

Zurück in Vincents Kammer, wartete Father bereits ungeduldig auf die Beiden.

„Father…was machst du denn um diese Zeit schon auf?“ Catherine überrascht.

„Guten Morgen. Eigentlich wollte ich nach unserem Patienten sehen. Und wie mir scheint geht es dir recht gut.“ Unsicher nickte Vincent.

„Vincent? Alles okay?“ Catherine klang besorgt.

„Komm Vincent, setzt dich mal zu mir.“ Father zu ihm. Zögerlich tat er was Father sagte. Mit prüfendem Blick musterte Father ihn.

„Weißt du wer ich bin?“ Father vorsichtig. Catherine verstand nicht. Peter hatte ihm diese Frage vor zwei Tagen auch schon gestellt.

„Nicht genau…Ich kenne dein Gesicht und eben wurdest du Father genannt. Aber frag mich nicht was sonst noch. Ich weiß es nicht.“ Nachdenklich nickte Father und legte seine Hand auf die von Vincent.

„Vincent…wie fühlst du dich?“ er überlegte.

„Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Mit der Zeit fällt dir alles wieder ein. Ich sehe mal nach Peter. Vielleicht ist er schon wach.“ Als Father gegangen war lief Vincent leicht unruhig auf und ab.

„Vincent…wie fühlst du dich.“

„Wie ein Fremder.“

„Fühlst du dich auch fremd mir gegenüber?“

„Nein, nicht bei dir. Du bist die Frau die ich liebe.“

„Das macht mich glücklich.“ Catherine erleichtert.

„Dennoch spüre ich eine große Leere in mir. Mir fehlen viele Worte. Sie sind einfach verschwunden.“

„Die Worte werden zurück kommen. Mach dir keine Sorgen, Vincent. Wir werden uns zusammen an alles erinnern. Du brauchst nur Zeit.“

„Und Namen…“ sagte er bedrückt.

„Namen?“

„Ja, ich sehe die Gesichter vor mir, aber habe keine Namen für sie…Dein Name…“

„Mein Name? Du meinst, du kannst dich nicht…“ Vincent schüttelte den Kopf. Aufmunternd lächelte sie ihm zu.

„Catherine…erinnerst du dich?“

„Ja…ja, jetzt erinnere ich mich.“

„Und woran erinnerst du dich, was uns betrifft?“

„Wir gehören zusammen.“ Das war es, was Catherine hören wollte.

„Auch an das?“ Sie küsste ihn vorsichtig. Vincent schmunzelte.

„Ja, auch an das. Und wie weiter?“ Die beiden tasteten sich näher heran.

„Du hast mir gefehlt…“ Catherine heiser.

„War ich so schlimm?“

„Du hattest mit ernsten Problemen zu kämpfen, Vincent. Und…da kam ´das´ ein wenig zu kurz.“

„Was ist passiert?“ Catherine lag quer über Vincents Bett und er schräg daneben, als er fragte. Gedankenverloren streichelte sie sein Gesicht und seine Mähne.

„Das wird eine…ich sag mal dramatische Geschichte. Ich weiß nicht, ob ich es dir jetzt schon erzählen sollte. Du bist noch lange nicht gesund.“

„Es geht mir gut. Und ich möchte wissen, wie es dazu kommen konnte, dass ich mein Gedächtnis verloren habe.“ Zustimmend nickte Catherine.

„Ja, du hast Recht. Wenn du eine Pause brauchst, um darüber nachzudenken, sag es einfach.“

„Du machst es aber spannend.“

„Das wird es auch. Wart es nur ab…Sagt dir der Name Paracelsus etwas? Oder John Pater?“ Man konnte sehen, wie er nachdachte.

„Ja, der Name kommt mir sehr vertraut vor.“

„Vor vielen Wochen hattest du auf eine…sehr…brutale Weise erfahren, dass John Pater dein leiblicher Vater ist.“

„Da steckt mehr dahinter.“

„Oh ja. Das alles hatte einen spektakulären Anfang. Er hatte mich entführen lassen, um an dich heranzukommen. Du wurdest verletzt und er ließ mich hinterher frei. Ein paar Wochen später wurdest du von seinem Begleiter…“

„…Orlik.“ Vincent tonlos.

„Genau, entführt und auf das Gröbste Misshandelt. Die Narben auf deinem Rücken sind von ihm. Du wurdest in Ketten gelegt und unter extremer nervlicher Anspannung hatte er dir erzählt, warum du so bist, wie du bist und das er dein Vater ist. Er hatte damit bezweckt, dass du dich von diesen Tunneln hier löst, um an seiner Seite alles zu beherrschen. Father hatte von all dem die ganzen Jahre gewusst. Doch um dir Kummer und Leid zu ersparen hatte er dir nie davon erzählt. Dein inneres Gleichgewicht war kaum noch vorhanden. Du warst nicht du selbst, hattest dich nicht unter Kontrolle. Du warst so verzweifelt und durcheinander, dass du Father gebeten hast dich ruhig zu stellen. Für kurze Zeit ging es dir einigermaßen besser bis…Paracelsus und Orlik ohne Vorwarnung auftauchten. Sie bedrohten Father, Mary, dich und mich…Als Paracelsus Father angriff, verletzte er ihn. Darauf bist du ganz schön wütend geworden…Orlik wollte dich umbringen, aber er hatte dich unterschätzt, genau wie Paracelsus. Er ging mit einem Messer auf dich los und das mit seinem Leben bezahlt. Anschließend bist du komplett durchgedreht.“ Vincent war mittlerweile aufgestanden und setzte sich rittlings auf einen Stuhl, während Catherine erzählte.

„Warum wollte er mich umbringen?“  Doch die Antwort kam nicht von Catherine. Sie kam von Father, der mit Peter am Eingang stand.

„Er hatte immer und immer wieder versucht, all das hier, was wir uns mühevoll aufgebaut hatten, an sich zu reißen. Mit allen Mitteln, muss ich dazu sagen. Du standest seinen Handlungen im Weg. John wusste genau, dass so lange du hier unten bist, auf unserer Seite, er keine Möglichkeit hat diese Welt zu übernehmen. Folglich ließ er erst Catherine entführen. Als das nichts brachte, warst du dran. Er wollte dich mit allen Mitteln zwingen bei ihm zu bleiben. Den Rest kennst du bereits.“ Vincent nickte. Er blieb zur Überraschung aller, sehr gefasst.

„Was passierte dann? Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ Die drei machten ein sonderlich betroffenes Gesicht. Father fuhr fort.

„In den letzten Wochen standest du ununterbrochen unter stress. Diese extreme Anspannung hat dein inneres Gleichgewicht durcheinander gebracht und forderte seinen Tribut. Du warst ein komplett anderer…Das Resultat, nachdem es sozusagen vorbei war…du bist ausgerastet. Du warst in einem Zustand völliger Raserei, hast dich selbst verletzt, bis Catherine dir entgegen ging und dich anschrie. Dann bist du zusammengebrochen und…“ Father sah zu Boden.

„Was dann..“ fragte Vincent weiter.

„Wir…also Jacob und ich…haben 20 Minuten lang ununterbrochen versucht, dich mit allen Mitteln wieder zu Beleben. Es gelang uns nicht. Du warst…tot!“ sagte Peter bedrückt. Vincent nahm dies sichtlich gelassen hin.

„Erst 10 Minuten später kam allmählich Leben in dich zurück. Einfach so. Das letzte Mal, als so etwas passierte, waren es ca. 5 Minute, aber keine 30.“ Peter weiter.

„Höchstwahrscheinlich ist das der Grund, warum du dich an vieles nicht sofort erinnern kannst.“ Father ernst. Nachdenklich fuhr sich Vincent über seinen Bart.

„Lange Weile hattet ihr also nicht.“ Er schien es gut weg zu stecken.

„Du hast uns ganz schön auf trab gehalten. Das kam schon lange nicht mehr vor.“ Father schmunzelnd.

„Wird es hoffentlich auch nicht.“

„Dafür werde ich schon sorgen.“ Catherine sanft, stellte sich hinter ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.

„Davon bin ich überzeugt.“ Vincent lächelte leicht. Father hatte plötzlich Tränen in den Augen.

„Father! Was ist mit dir?“ Jetzt fiel es den anderen beiden auch auf. Mit bewegter Stimme antwortete Father.

„Es tut mir leid, aber…dich jetzt hier vor mir sitzen zu sehen ist…ein Wunder. Ich…mir gehen nur die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte wirklich, es ist vorbei.“

„Was für Bilder.“ Vincent zaghaft. Catherine ging zu Father rüber und setzte sich zu ihm.

„Wie du da lagst, ohne irgendein Lebenszeichen. Ich dachte, ich hätte dich verloren.“ Vincent stand auf, ging zu Father und nahm ihn in den Arm. Father hielt ihn so fest er konnte. Dies war ein bewegender Augenblick.

„Mein Junge…das ich dich wieder habe.“ Father klang erleichtert.

„Es wird alles wieder gut.“ Vincent fürsorglich. Selbst Catherine und Peter hatten nun feuchte Augen und lächelten über beide Ohren.

Den ganzen Tag hatte Vincent Besuch. Es kamen Kinder, wie Erwachsene. Alle wollten wissen, wie es ihm ginge und ob sie etwas für ihn tun könnten.

Von Tag zu Tag wurde Vincent kräftiger, mobiler und liegen konnte er schon lange nicht mehr.

Vincent hatte sich auch verändert. Er war nicht mehr so zurückhaltend und schüchtern, sondern selbstbewusster, ging mehr auf die Leute zu. Dies war jedem aufgefallen.

Bei Father, zum Beispiel, war er schlagfertiger, was die Sticheleien beim Schachspiel anging. Sein schönes schelmisches Lächeln kam des öfteren zum Vorschein, was Catherine mit Genuss beobachtete.

„Lohnt es sich eigentlich für mich, mit dir Schach zu spielen?“ Father im gespielten Ernst zu Vincent, der am anderen Ende des Tisches saß und seine Figuren aufstellte.

„Du glaubst doch nicht etwa zu gewinnen, nur weil ich ein paar Gedächtnislücken habe, oder?“ Scheinheilig antwortete Father.

„Nein, nein überhaupt nicht. Ich würde diese Situation niemals ausnutzen.“

„Dann bin ich beruhigt. Es wäre schon ziemlich gemein, meine Amnesie auszunutzen, um mal ein Erfolgserlebnis, in sachen Schach, zu verzeichnen.“ Vincent im gespielten Ernst zurück. Catherine saß daneben und lachte laut auf. So hatte sie die Beiden noch nie miteinander reden hören.

„Worauf möchtest du hinaus?“ Father vorsichtig, um heraus zu finden, ob Vincent wusste wovon er sprach oder ob er nur spekulierte.

„Sofern ich mich erinnere, ist deine Verliererquote sehr hoch. Und das nicht nur bei mir. Ich kann natürlich auch falsch liegen.“ Bei dem schelmischen Blick, den Vincent ihm zuwarf, musste selbst Father lachen. Das Spiel war nach nicht all zu langer Zeit beendet. Mit ein paar gekonnten Zügen und einigen Kombinationen hatte er Father Schach – Matt gesetzt. Dieser gab sich geschlagen und verzichtete auf eine Revenge am gleichen Abend.

Es war schon fast Mitternacht, als Catherine und Vincent in ihre Kammer zurück gingen. Catherine gefiel der neue Vincent. Er schien reifer geworden zu sein. Unterwegs hielt sie ihn an. Ihre Augen verrieten ihm, was sie wollte. Er ließ sich nicht lange bitten. Rasch nahm er sie in seine Arme und küsste sie leidenschaftlich. Catherine umklammerte Vincents Nacken, fuhr durch seine langen Haare. Vincent erging es nicht anders. Er gab sich seinen Gefühlen hin. Seine Hände wanderten über ihren Rücken, zu den Schultern, ihren Nacken und zurück. Den Rest des Weges trug Vincent seine Catherine und ließ sie erst wieder vor dem Bett runter. Schnell waren sie ihrer Sachen entledigt und lagen eng umschlungen nebeneinander. Die zwei küssten sich inbrünstig und ohne Tabu. Sein Mund wanderte über ihren ganzen Körper. Catherine ließ sich von ihm verwöhnen, bis zu dem Punkt, an dem sie es nicht mehr aushielt. Vincent glitt über sie und brachte sie fast zur Verzweiflung. Lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet und er vereinigte sich mit ihr. Catherine bebte vor Erregung, ließ es ihn spüren. Seine Bewegungen entfachten ein Feuer in ihr, dass sie nicht für möglich gehalten hatte. Vincent zögerte ihren Höhepunkt hinaus und ließ es sie unendlich lang spüren. Wie er es anstellte war für sie nicht wichtig. Catherine fühlte jeden seiner Muskeln unter ihren Händen und strich kraftvoll darüber. Sie spürte das er bald kam und passte sich seinen Bewegungen an, bis es soweit war. Das Gefühl das beide erlebten war übermächtig. Schweißgebadet lag Vincent auf ihr und versuchte seine schnelle Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, genau wie Catherine, die ihn immer noch festhielt. In ihrem Kuss lag all die Liebe, die sie für einander empfanden. Als sie wieder nebeneinander lagen streichelte Catherine Vincents Gesicht und küsste ihn leidenschaftlich.

„Ich liebe dich, Vincent.“ Er fuhr ihr durchs Haar und küsste sie innig.

„Die Antwort gefällt mir.“ Catherine schmunzelnd.

„Ach ja? Die auch?“ Sie konnten nicht genug von einander bekommen. Immer und immer wieder lagen sich die zwei in den Armen, streichelten und küssten sich.

„Ich könnte eine Abkühlung vertragen.“

„Gute Idee. Ich auch. Gehen wir zum Spiegelteich? Dort gibt es bestimmt ein ruhiges Plätzchen.“

„Den gibt es ganz sicher.“

„Worauf warten wir dann noch.“ Leicht bekleidet gingen sie zum Spiegelteich. Weit hinten, sehr abgelegen, legten sie ihre Kleider ab und sprangen hinein. Es war angenehm kühl. Gegenseitig seiften sie sich ab, küssten und neckten sich. Direkt am Ufer war eine Felsstufe. Wenn man darauf saß, war man trotzdem ab der Hüfte im Wasser. Catherine nahm dort Platz und ärgerte Vincent, indem sie ihn ständig voll spritzte. Sie benahm sich wie ein kleines Kind und lachte. Im gespielten Ernst schwamm er zu ihr, tauchte kurz unter und stellte sich vor Catherine, die ihn sofort mit ihren Beinen in die Zange nahm. Catherine zog ihn zu sich herunter und küsste ihn frech. Vincent schmunzelte. Vorsichtig biss er ihr in die Halsbeuge und die Schulter entlang. Catherine stöhnte auf, lehnte sich zurück. Seine Hände massierten ihre Brüste, ihren flachen Bauch, die Hüften, die Oberschenkel. Catherine bog sich ihm entgegen und richtete sich auf. Um ihm etwas mehr Spielraum zu geben, lockerte sie ihre Beinklammer, damit sie ihn in sich aufnehmen konnte. In harmonischer Bewegung hielten einander fest, bis zum vollendeten Glücksgefühl.

Es wurde eine sehr kurze Nacht für Catherine und Vincent.

In der darauf folgenden Woche hatte Catherine einen Routinetermin bei ihrem Frauenarzt, der überrascht feststellte, dass sie Schwanger war. Völlig überrascht machte sie sich auf den Weg zu Vincent, der in seiner Kammer war und ihre Ankunft spürte. Catherine stürzte mit einem überglücklichen Gesicht herein. Vincent, völlig erschrocken, fing sie auf. Außer Atem lag sie in seinen Armen. Vincent war besorgt, doch ihr Gesicht verriet etwas gegenteiliges.

„Catherine, um Gottes Willen, was ist?“ Erst mal konnte sie gar nichts sagen, weil sie noch gar nicht Reden konnte. Sie lächelte und strahlte.

„Vincent…wir bekommen ein Baby…“

„Ein Baby?“ Vincent fassungslos.

„Ja, wir zwei. Du wirst Papa.“

„Bist du sicher? Ich meine…Catherine…“ Vincent war sprachlos. Vincent nahm seine Catherine in die Arme und küsste sie. Er war überglücklich. Catherine erzählte ihm von ihrem Arztbesuch, wobei er es feststellte.

„Ich liebe dich, Catherine.“ Sagte er glücklich.

„Ich dich noch viel mehr. Ich freue mich so sehr darauf, Vincent. Endlich werden wir eine richtige Familie. Du, ich und unser Baby…“

„Ich kann es gar nicht richtig glauben. Du machst mir ein Geschenk, von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt habe…und nun…mir fehlen einfach die Worte.“

„Für mich ist es ebenfalls ein großes Geschenk. Ein Geschenk von dir für uns beide.“

„Wann ist es denn so weit?“ Vincent neugierig. Catherine musste lachen.

„Du kannst es wohl kaum noch abwarten?“

„Das stimmt.“ Vincent verlegen. Da war er wieder der alte.

„In sechs Monaten ist der große Tag.“

„Und wann hatten wir für dieses Wunder gesorgt?“

„Da werde ich deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen. Kannst du dich daran erinnern, dass ich vor mehreren Wochen, sagen wir mal vor 10 Wochen, entführt wurde?“ Er nickte.

„Gut…Bevor ich frei gelassen wurde, hatte Orlik dich nieder gestochen. Du warst schwer verletzt.“

„Ja, ich erinnere mich. Father und Mary waren auch da.“

„Genau. Es hat ein paar Tage gedauert bis du wieder bei Bewusstsein warst und eines Nachts ist es dann passiert. Erinnerst du dich?“

„Ja, jetzt weiß ich es wieder…Du bist was ganz besonderes, Catherine.“ Vincent schmunzelte.

„Ich bin nur unsterblich in dich verliebt, das ist alles.“

„Und ich in dich.“ Die Konversation wurde mit einem dicken, innigen Kuss beendet.

Father und Mary fielen bei dieser Neuigkeit aus allen Wolken. Die beiden Stiefeltern oder baldigen Großeltern hatten feuchte Augen bekommen. Herzlich wurden Catherine und Vincent von Father und Mary in den Arm genommen. Die Neuigkeit hatte schnell die Runde gemacht. Von überall her kamen die Leute und boten ihre Hilfe an, brachten Sachen fürs Baby und Spielzeug. Sie waren genau so gespannt wie die werdenden Eltern.

Alles wurde in den nächsten Monaten für den Neuankömmling vorbereitet.

Catherine überbrachte auch ihrem Boss Joe Maxwell diese Neuigkeit. Zu ihrer Überraschung freute er sich riesig und bat darum auch mal auf das Baby aufpassen zu dürfen. Nur Windeln wechseln überlasse er ihr.

Catherines Bauch wurde runder und runder. Abends lagen die beiden im Bett und überlegten sich, was es wohl werden würde.

„Und? Was glaubst du? Junge oder Mädchen…“ Catherine zu Vincent.

„Hmm…gute Frage.“ Vincent grübelte, legte seine Hand auf ihren Bauch und lächelte.

„Ich glaube es wird ein Junge.“

„Wie kommst du denn darauf?“  Catherine klang amüsiert.

„Es strampelt sehr kräftig.“

„Aha…und wenn es doch ein Mädchen wird?“

„Dann sollten sich die Jungs vor ihr in acht nehmen.“ Vincent trocken. Catherine lachte laut auf und umarmte ihn.

Peter überwachte die Schwangerschaft, damit auch alles ohne Komplikationen ablief. Vincent war bei jeder Untersuchung mit dabei und konnte so die Entwicklung seines Babys mit beobachten. Das Ultraschallgerät nahm Peter mit in die Tunnel und ließ es dort, damit Father dieses Gerät näher kennen lernen konnte.

Nach mehreren anstrengenden Monaten war es endlich so weit. Das Mittagessen hatte noch gar nicht angefangen, da begannen bei Catherine die Wehen einzusetzen. Zusammen mit Mary brachte Vincent sie in die Krankenkammer, wo schon alles bereit stand. Vincent wich nicht von ihrer Seite und unterstützte Catherine so gut er konnte.

Dann endlich setzten bei Catherine die Presswehen ein und von da an ging es bei ihr überraschend schnell. Erst kam ein kleiner Kopf mit schwarzen Haaren, der Oberkörper und dann der Rest. Es war ein gesunder, kräftiger junger Mann. Vincent durchtrennte die Nabelschnur und nahm seinen Sohn entgegen. Das erste Mal hielt er seinen Sohn in den Armen. Der stolze Papa lächelte Father und Mary an, die ihn sofort umarmten. Tränen des Glückes hatten alle in ihren Augen. Behutsam setzte sich Vincent mit seinem Sohn zu Catherine ans Bett und gab ihn ihr. Sie war genauso überwältigt von der Schönheit ihres Sohnes.

Sie hatten Father und Mary vergessen, die am Bettende standen und die junge Familie beobachtete.

„Er ist so wunderschön, sieh doch.“

„Er ist ein Wunder.“ Glücklich küssten sie sich und ließen den kleinen nicht einen Moment aus den Augen. Father küsste Catherine, seiner Schwiegertochter, auf die Stirn.

„Herzlichen Glückwunsch ihr zwei. Der kleine Mann ist euch gut gelungen.“ Father schelmisch. Vincent war leicht verlegen und lächelte.

„Danke.“ Konnte er nur darauf antworten.

„Gebt mir mal euren Sprössling. Ich werde ihn erstmal Baden und richtig hübsch machen.“ Flüsterte Mary den beiden zu. Ungern gab Catherine ihn her, doch der Kleine würde sich besser fühlen.

In der Zwischenzeit wurde Catherine versorgt. Neues Nachthemd, neue Bettwäsche. Vincent half ihr beim Waschen und stützte sie ein wenig. Es hatte sie viel Kraft gekostet.

Fast gleichzeitig waren sie fertig. Der Kleine schlief friedlich in der kuschelig, weichen Decke und nuckelte am Daumen. Vincent strich sanft über den weichen Kopf. Catherine lächelte und fuhr mit ihrem Zeigefinger über die kleine Hand.

„Er wird mal blonde Haare haben.“ Schmunzelte Catherine

„Meinst du?“ Vincent zweifelnd.

„Ja. Und ganz bestimmt die gleichen wunderschön leuchtenden blauen Augen, wie sein Vater.“

„Oder so schöne grüne wie seine wunderschöne Mama.“ Nun lachten sie beide.

„Hast du schon einen Namen überlegt?“ Catherine nickte.

„Und der wäre?“ Vincent neugierig.

„Was hältst du von Jacob?“ Überrascht sah er sie an.

„Jacob. Ja, das gefällt mir. Wollen wir Father damit überraschen?“ Vincent lächelte.

„Au ja. Sein Gesicht möchte ich bei der Namensgebungszeremonie sehen.“

„Ich auch…Er wird aus allen Wolken fallen.“

Ein paar Tage später war die Zeremonie im vollen Gange. Father hielt seine gewohnte Rede.

„Wir sind heute hier, um ein neues Mitglied unserer Gemeinde Willkommen zu heißen. Und wir begrüßen es mit einem Namen.“

„Unser Sohn bekommt den Namen Jacob.“ Fathers Gesicht sprach Bände. Alle im Raum klatschten vor Begeisterung. Father war sehr gerührt und den Tränen nahe. Er umarmte freudig die drei.

Bis in die Nacht hinein wurde ausgiebig gefeiert. Es war schließlich etwas ganz besonderes. Das Vincent die Möglichkeit hatte eine eigene Familie zu gründen, war für viele ein großes Wunder und natürlich eine Frau, die ihn abgöttisch liebte.

Autor:  Ingrid Hechler
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