Geschichte: Fanfiction / TV-Serien / Suits / Goodbye

Goodbye

von Poseiidon
OneshotFreundschaft / P6
Harvey Specter Michael "Mike" Ross
12.02.2018
12.02.2018
1
3551
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Hallöchen und guten Tag!
Als eine Art Abschluss meiner kleinen Suits-Phase (ich sollte echt weniger Serien gucken. Ich kann nicht zu jeder was schreiben...) musste ich wenigstens noch ein wenig was schreiben und da Patrick J. Adams und damit halt auch Mike ja bald die Serie verlassen, kam ich halt hierauf. Eigentlich wollte ich mich auch eher auf andere Projekte konzentrieren, doch dann kam diese Info und dann automatisch dieses Headcanon und dann musste ich es halt verschriftlichen. Ihr kennt das Problem.

Außerdem: Warum existieren hier so wenige Fics zu diesem Fandom? D:
Aber so oder so: LG und viel Spaß beim Lesen!
Poseiidon :)

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Er wusste nicht, wie lange er diesen Gedanken nun schon in seinem Kopf herumschwirren ließ, doch es war bereits eine etwas längere Zeit. Herumschwirren ließ war dabei allerdings ein eher unpassender Ausdruck. Der Gedanke hatte sich eher in ihm festgebissen und nagte nun unaufhörlich an ihm. Nervös ließ er seine Finger auf dem Tisch trommeln. Rachel hasste es, wenn er das machte, doch er bemerkte es in dem Moment noch nicht einmal. Zu sehr war er in seinem Kopf gefangen.
„Mike?“, kam aus dem benachbarten Raum und kurz darauf wurde die Tür geöffnet. Mike sah auf, schaute zu Rachel, ließ seine Finger in der Bewegung erstarren, doch auch so erkannte sie sofort, was los war. Das sah er an ihrem sofort weicher werdenden Blick, dem Mitleid in ihren Augen. Sie kannte ihn und er kannte sie, aber so war es nun einmal, wenn man verheiratet war. Ein Gedanke, der ihn sofort von Innen erwärmt und ihm zum Lächeln gebracht hätte, gäbe es nicht diesen einen Gedanken, der all die anderen verdrängte.
Rachel zog ihre Jacke aus und legte sie über die Stuhllehne. Sie schien genau zu wissen, was los war, wenn es auch dieses Mal alles andere als schwer zu erwarten gewesen sein musste, wenn man nur bedenkt, dass dies die erste Sorge war, die in seinem Kopf aufgetaucht war, als ihr Plan langsam Form angenommen hatte. Und diese Sorge hatte ihn seitdem stets begleitet.
„Du hast es ihm noch nicht gesagt, oder?“, fragte sie schließlich und setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch. Der Großteil ihrer Sachen stand bereits eingepackt in Kartons in den Ecken. Sie nahm seine Hände in ihre.
Erst sagte er gar nichts, schloss nur die Augen und atmete einmal tief durch, in dem Versuch, sich ein wenig zu beruhigen.
„Wir lassen damit alles hinter uns“, begann er schließlich und öffnete wieder die Augen, um seine Frau anzusehen. „Alles, was wir hier haben. Alles, was wir uns hier aufgebaut haben. Unsere Freunde...“ Er stoppte kurz, bevor er etwas leiser fortfuhr: „Unsere Familie.“
„Du weißt, es ist das Beste, was wir tun können.“ Rachels Stimme war sanft, sie wusste, was er meinte, sie war schließlich selbst in dieser Position. Selbst, wenn sie diesen Neuanfang deutlich mehr begrüßte, als er es tat. Schließlich war sie schon länger für etwas in diese Richtung gewesen, doch Mike hatte sich stets nicht mit dem Gedanken anfreunden können, all das hinter sich zu lassen. Doch nun waren sie nur noch einen Schritt davon entfernt. Sie mussten nur noch kündigen, Mike musste nur noch einmal mit Harvey reden und er fühlte sich beim besten Willen nicht bereit dafür. „Er wird es verstehen.“
Mike schwieg daraufhin nur wieder. Mittlerweile hatte er seinen Kopf wieder hängen lassen, seine Finger spielten nervös mit Rachels.
„Ich weiß“, murmelte er leise, doch dann stand er auf, versuchte all die Entschlossenheit in ihm zu sammeln, die er noch übrig hatte. Er griff seine Jacke, seine Stimme war wieder fester. „Und deswegen werde ich jetzt auch zu ihm gehen.“

Seine Entschlossenheit hielt nicht lange, aber zu Mikes Glück setzte er stets die Dinge um, die er zuvor noch geplant hatte zu tun. Zumindest so lange nichts dazwischen kam, doch der Weg von ihm zu Harvey war nicht weit genug dafür und so stand er nur nach ein paar Minuten vor dessen Tür. Nun musste er nur noch klopfen. Er hob die Hand, zögerte aber, als ihm plötzlich die verschiedensten Gedanken in den Kopf schossen. Gedanken, die alle nur eine Verbindung hatten: Bei all diesen Momenten war er an genau dieser Tür vorbeigekommen und in genau dem Apartment dahinter gewesen. Er erinnerte sich, als er das erste Mal hier gewesen war: Nicht ganz nüchtern und nur ganz kurz. Damals hatte er bloß einen Blick auf den Innenraum werfen können, bevor er wieder herausgeschickt worden war, doch er hatte nie vergessen, wie sehr ihn das Innere damals umgeworfen hatte. Es wirkte großräumig, teuer, edel. Und es passte perfekt zu Harvey, das hatte er damals schon gewusst. Wenn er auch noch nicht den Anflug einer Ahnung gehabt hatte, wie viel Zeit er noch dort drin verbringen und vor allem, was sich darin noch abspielen würde. Und gerade dies waren die Bilder, die ihn zögern ließen. Die Bilder, die ihn davon abhalten wollten, das ganze Leben hinter sich zu lassen, das er hier stets geführt hatte und noch weiterhin führen konnte. Auch wenn Harvey und er oft nicht einer Meinung waren, auch wenn genau dies das Apartment war, in dem seine Wut die Oberhand ergriffen hatte und er seinem Freund in einem Moment der fehlenden Kontrolle niedergeschlagen hatte, so war dies doch auch das Apartment, in dem er sich des Öfteren Rat geholt hatte, das Apartment, in dem er die ein oder andere Wahrheit erfahren hatte, die sonst wahrscheinlich für immer vor ihm verborgen geblieben wäre und das Apartment, in dem er Zuflucht suchen konnte, nachdem er sich einmal mit Rachel gestritten hatte. Und nun sollte er das alles hinter sich lassen.
Mike schluckte, atmete noch einmal tief durch, dann klopfte er. Es musste sein. Er hatte keine andere Wahl.
Einen Moment lang blieb es still. Einen Moment lang, der ihm deutlich länger vorkam, als er wirklich war und in dem all diese Erinnerungen nur noch weiter auf ihn einströmten. Erinnerungen bezogen auf das Apartment, bezogen auf die Kanzlei, bezogen auf all die Personen, die er dort traf. Es war eine Aneinanderreihung von so vielen Bildern und Gesichtern, dass er sich am liebsten umgedreht hätte und weggelaufen wäre, doch da öffnete sich bereits die Tür.
„Mike?“, fragte Harvey mit einer gewissen Verwirrung in der Stimme. Doch Mike konnte es ihm nicht verübeln, es war schließlich mitten in der Nacht.
Noch immer spürte er den Drang, einfach wegzurennen, dem Ganzen einfach zu entkommen. Doch es wäre kein wirkliches Entkommen, das wusste er. Er konnte dem nicht entkommen. Er musste sich dem stellen.
„Ich muss mit dir reden, Harvey.“

Drei Wochen zuvor:
Beinahe schon zu gut gelaunt streifte Mike durch die Straßen New Yorks. Es war ausnahmsweise mal ein guter Tag. So gut, dass er den Weg zu dem Wohnort seines Klienten ausnahmsweise einmal zu Fuß bewerkstelligte, schließlich war es nicht gerade weit und zudem fand er in dem Moment nichts, was gegen einen kleinen Spaziergang sprach.
Es war wirklich lange her, dass er so gut gelaunt war wie an diesem Tag und er wusste noch nicht einmal, woran es lag. Im Nachhinein betrachtet kam er auf die Idee, dass es einfach nur daran lag, dass lange nichts mehr vorgefallen war. Er konnte nun endlich als Anwalt arbeiten und das auch noch legal. Zudem war er gerade erst aus seinen Flitterwochen wieder da, die er genutzt hatte, um einmal wirklich abzuschalten. Etwas, was er wirklich einmal gebraucht hatte.
Ein Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht, als er realisierte, dass er an seinem Ziel angekommen war. Er trat näher, suchte das richtige Klingelschild und betätigte es, bevor er noch einmal einen Schritt zurücktrat, flüchtig seine Krawatte zurechtrückte und dem Gebäude einen prüfenden Blick unterzog. Selbst in der hellen Mittagssonne, die praktisch ganz New York in einem hellen Licht erstrahlen ließ, wirkte dieses Haus noch immer armselig. Es war zwar relativ hoch, was nun wirklich nicht verwunderlich war, wenn man bedachte, dass es sich noch immer mitten in der Stadt befand, doch die Farbe der Wände begann bereits abzubröckeln, die Fenster waren fast ausnahmslos verschmutzt und alles wirkte einfach nur leblos. Doch auch das war kein Wunder, denn Mike kannte seinen Klienten und so viel es ihm nicht gerade schwer, sich dessen Nachbarschaft vorzustellen. Und dabei hatte er es eigentlich gar nicht verdient. Eigentlich hätte er das Geld, um sich etwas Besseres zu leisten, eigentlich hätte er das Geld, um aus diesem Loch herauszukommen, doch ein paar falsche Worte hier, eine falsche Unterschrift da und schon konnte alles verloren sein. Oder zumindest auf den ersten Blick, denn Mike glaubte ein Schlupfloch gefunden zu haben und genau dieses wollte er ihm nun präsentieren. Das Schlupfloch zur Lösung eines Problems, das sonst niemand lösen wollte. Keine andere Kanzlei in ihrer Stadt hatte es annehmen wollen und auch bei Pearson Specter Litt wäre es beinahe abgelehnt worden, hätte Mike es nicht noch rechtzeitig in die Hände bekommen. Und dies war ein weiterer Grund, weshalb er an diesem Tag so gut gelaunt war: Er war nun endlich in der Lage, auch diesem Klienten zu helfen, selbst wenn dieser schon beinahe die Hoffnung aufgegeben hatte.
Die Tür öffnete sich und ein Mann mit kurzen dunklen Haaren, etwas dunklerer Haut und grimmigen Blick erschien.
Sofort öffnete Mike den Mund, um ihn zu begrüßen, doch bevor er auch nur einen Ton hervorbringen konnte, kam ihm sein Klient zuvor.
„Wagen Sie es ja nicht, auch nur noch ein Wort an mich zu richten.“
Das war etwas, womit Mike wirklich nicht gerechnet hatte.
„Was?“, war daher die einzige geistreiche Erwiderung, die er zustande bringen konnte. Und es stellte sich heraus, dass es besser gewesen wäre, wenn er einfach nur geschwiegen hätte.
Sein Gegenüber schnaubte abfällig. „Und jetzt wollen Sie noch nicht einmal dazu stehen. Aber warum wundert mich das eigentlich noch?“
Er begann, die Tür wieder zu schließen.
„Mr. Miller, warten sie! Ich habe die Lösung zu ihrem Problem!“, versuchte Mike sich noch zu retten und platzierten seinen Fuß gerade noch rechtzeitig zwischen Tür und Türrahmen. „Ich habe recherchiert und ich habe ein Schlupfloch gefunden.“
„Ihre Geschichte betreffend, bin ich mir nicht sicher, ob die Schlupflöcher, die sie sich ausdenken, wirklich gut für andere sind.“
Und damit schob er Mikes Fuß beiseite, schloss die Tür ein für alle Mal und ließ den Anwalt in der dunklen Gasse stehen.

„Ich habe nie wieder ein Wort mit ihm wechseln können“, beendete Mike seine Erzählung. Er erinnerte sich nur zu gut an all die Verwirrung und das bald folgende schlechte Gewissen, welches ihn damals heimgesucht und noch immer nicht ganz losgelassen hatte. „Ich hatte eine Möglichkeit gefunden, ihm zu helfen, ich hätte ihn aus diesem Loch herausholen können, aber er war nicht daran interessiert. Er wollte lieber dort bleiben, wo er war, als sich von mir helfen zu lassen.“
„Und warum erzählst du mir das jetzt alles?“ Die ganze Zeit über hatte Harvey mit einem Glas Scotch in der Hand auf dem Sofa gesessen und ihm zugehört. Erst jetzt meldete er sich zu Wort. Und auch jetzt klang er eher nachdenklich als wütend. „Warum bist du damit um diese Uhrzeit extra zu mir gekommen?“
Mike musste schlucken. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem er mit der Wahrheit herausrücken musste. Doch jetzt war er hier, jetzt würde er es durchziehen.
„Weil ich damit erklären will, warum ich kündige.“ Jetzt hatte er es gesagt, jetzt gab es kein Zurück mehr. Gespannt beobachtete er Harveys Reaktion.
„Du willst was?“, fragte dieser schließlich mit einer gewissen Verständnislosigkeit in der Stimme, die Mike härter traf, als er gedacht hatte.
„Harvey, ich…“, begann er bereits sich zu rechtfertigen, doch dieser ließ ihn nicht ausreden.
„Harvey mich nicht!“, erwiderte Harvey, während er sich fast schon sprunghaft erhob. Seine Stimme war nun noch lauter, er klang beinahe wütend. „Dir ist bewusst, dass das jetzt schon das dritte Mal ist, das du kündigst, oder? Das dritte verdammte Mal!“
„Harvey…“
„ Was glaubst du, wie schwierig es werden wird, dich erneut zurückzuholen? Ich bin jetzt vielleicht in einer Position, in der ich dich theoretisch einfach so wieder anstellen könnte, aber wie soll ich das den Mitarbeitern erklären? Oder was werden die Medien daraus machen?“
„Harvey…“
„Du kannst nicht einfach so immer wieder deine Meinung ändern! Zu oft habe ich schon die Kanzlei für dich riskiert. Denkst du, ich kann das endlos so fortsetzen? Jetzt fang doch langsam mal an, dich für etwas zu entscheiden und dann auch dabei zu bleiben!“
„Harvey, ich ziehe von hier weg.“
Und damit drang er durch. Niemand sagte was, während sein Gegenüber ihn einfach nur anstarrte.
„Wann?“, kam schließlich die Antwort, nun schon wieder deutlich ruhiger. Ruhiger aber auch bedrückt.
Und da erkannte Mike, was es wirklich war, was Harvey so reagieren ließ: Es war keine Verständnislosigkeit, er fühlte sich einfach nur angegriffen, wenn er auch noch nicht wusste, inwiefern.
„In fünf Tagen. Rachel und ich haben es kurzfristig beschlossen.“
„Sie begleitet dich also?“
Mike nickte.
Einen Moment lang betrachtete Harvey ihn noch nachdenklich, bevor er sich umdrehte, den Scotch noch einmal auffüllte, und das ganze Glas exte. Dann wendete er sich schließlich wieder Mike zu.
„Ich schätze Mal, ihr zieht in einen kleinen Ort, wo dich niemand kennt?“
Ein erneutes Nicken seitens Mike. Er wusste nicht ganz, was er sonst darauf antworten sollte. Die Stimmung war zu angespannt.
Erneut betrachtete sein Kollege ihn nur nachdenklich, bis dieser jedoch nur leicht den Kopf schüttelte und an ihm vorbei ans Fenster trat. Mike gesellte sich zu ihm.
„Erinnerst du dich an das letzte Mal, dass wir hier so gestanden haben?“, begann Harvey in einem ruhigen Ton, wobei er den Blick jedoch nicht von den ganzen Lichtern unter ihnen losriss, wenn er nicht auf ihre Reflexionen achtete. Und umso mehr Mike selber diese Reflexionen betrachtete, desto mehr erkannte er, wie sehr er Harvey mittlerweile ähnelte. Vor wenigen Jahren hatte er sich noch stets über dessen Aussehen lustig gemacht, nun sah er selbst so aus. Er war einer von ihnen geworden. Ein New Yorker Anwalt, ein erfolgreicher Anwalt in einer Metropole, ein Anwalt und ein Teil von Pearson Specter Litt. „Damals warst du auch zu mir gekommen, weil du dir nicht mehr sicher warst, was du mit deiner Karriere machen solltest.“
Mike erinnerte sich nur zu gut. Jessica hatte ihm damals klar gemacht, dass er nie wirklich Anerkennung für das erhalten könne, was er leisten würde und das alles nur wegen seiner Vergangenheit. Er hatte sich noch nie so festgefroren gefühlt wie in dem Moment.
„Ich hatte dir damals vorgeschlagen, von hier wegzuziehen in einen Ort, in dem dich niemand kennt und du…“
„Und ich habe gesagt, dass ich das nicht tun würde, ich weiß“, unterbrach Mike ihn und riss nun seinen Blick von der Scheibe ab. Er war nicht mehr länger ein Teil von ihnen, er konnte nicht mehr länger ein Teil von ihnen bleiben. „Aber vieles hat sich geändert.“
„Du bist jetzt ein anerkannter Anwalt und niemand kann dir diesen Posten nun wieder wegnehmen“, erwiderte Harvey mit etwas Nachdruck. „Und gerade jetzt entscheidest du dich um.“
Eigentlich hätte Mike mit mehr Verständnis reagieren wollen, doch er hatte in letzter Zeit genug Dinge, um die er sich sorgen musste, sodass diese Aussage einen Schalter in ihm umlegte, den er eigentlich nicht umlegen lassen wollte. Aber er konnte nichts dagegen tun, die Wut ließ ihn handeln, bevor er überhaupt die Chance hatte, darüber nachzudenken.
„Du kannst mir meine Entscheidung nicht abnehmen, Harvey, du kannst nicht immer alles bestimmen, sieh es ein!“
„Ich will dir doch gar keine Entscheidung abnehmen, ich will nur wissen, warum du sie getroffen hast!“
„Dann hör auf, es so zu formulieren, als ob das eben doch der Fall wäre!“
„Ich will doch nur das Beste für dich!“
„Rede nicht so einen Müll, du würdest doch am liebsten verhindern, dass ich dich verlasse!“
„Was meinst du, warum es mir so schwerfällt, dich loszulassen?“
Mike starrte sein Gegenüber an. Im Laufe ihres Streits hatten sie sich wieder einander zugedreht und nun konnte er auch sofort eine Verzweiflung in Harveys Augen erkennen, die er nicht im Geringsten erwartet hätte. Doch diese Verzweiflung war nichts im Gegensatz zu der in seiner Stimme, als er den letzten Satz hervorgebracht hatte. Der Satz, der noch immer zwischen ihnen im Raum hing.
„Tut mir leid“, murmelte Mike schließlich, bevor er sich abwand, die Augen schloss und begann, sich die Stirn zu reiben. „Es ist nur… Ich habe wirklich vor, das durchzuziehen.“
Er sah wieder zu Harvey, wartete auf eine Reaktion, bis ihm auffiel, dass da noch immer eine indirekte Frage war, die er nicht beantwortet hatte.
„Ich halte es einfach nicht mehr aus, verstehst du? Ich hätte ihm helfen können, ich hätte ihm wirklich helfen können, aber für ihn war es vorbei, sobald er auch nur einmal was von meiner Vergangenheit erfahren hatte und jetzt sitzt er noch immer in diesem Loch und wird dort wahrscheinlich für immer bleiben.“
„Das war nur ein Fall von vielen, Mike.“ Harveys Stimme war anzuhören, dass er nun wieder etwas gefasster war, aber trotzdem klang er noch immer auf gewisser Art und Weise verletzt. „Die meisten nehmen deine Hilfe an.“
„Aber nicht alle.“
„In einem Dorf gibt es aber noch nicht einmal viele, die deine Hilfe benötigen. Nicht mit sowas.“
Erneut schüttelte Mike kurz den Kopf. „Ich bin es aber einfach nur satt, dass das Ganze mir noch immer vorgehalten wird. Und jetzt sag mir nicht, dass das verschwinden wird, denn das wird es nicht.“
Das war die Erklärung auf die Harvey gewartet hatte, denn er erwiderte nichts mehr. Er musterte ihn einfach nur stumm und wortlos. Eine Weile blieb es so.
„Hör zu, Harvey, ich weiß, dass du mich am liebsten hier behalten würdest, aber wenn mir eines über die Jahre klar geworden ist, dann, dass ich nicht mehr so weiterleben kann. Ich meine: Selbst jetzt arbeite ich nur als legaler Anwalt, weil du jemanden bestochen hast.“
Ein weiterer Moment verging, ohne, dass auch nur einer von ihnen was sagte, doch dann ergriff Harvey das Wort.
„Und das ist wirklich das, was du willst?“
Mike nickte und zu seinem Erstaunen, brachte dies Harvey sogar zum Lächeln.
„Jetzt kündigst du schon zum dritten Mal, ohne, dass ich jemals die Gelegenheit hatte, dich zu feuern.“
Das zauberte trotz der zuvor noch so ernsten Stimmung auch ein Lächeln auf Mikes Gesicht. „Möglichkeiten hattest du ausreichend, aber anscheinend brauchtest du mich wohl zu viel.“
„Denkst du das wirklich? Ich hätte dich eindeutig öfter zu Louis schicken sollen.“
Das brachte Mike sogar kurz zum Lachen, dann wurden sie wieder still. Eine Stille, die Mike dazu nutzte, um auf seinen Freund zuzugehen und ihn zu umarmen. Er hatte nie gedacht, dass diese Geste jemals von ihm ausgehen würde, doch spätestens als Harvey sie erwiderte und Mike für zumindest einen kurzen Zeitraum an sich drückte, wurde ihm bewusst, dass dies kein Fehler gewesen war. Nicht im Geringsten. Er spürte den groben Stoff den Pullovers unter seinen Fingern, den Harvey stets anzog, wenn er zuhause war, spürte die Wärme seines Körpers und roch noch einmal den Geruch, den er stets mit dessen Büro in Verbindung brachte.
„Danke“, murmelte er an Harveys Schulter und wusste dabei noch nicht einmal, wofür er sich bedankte. Bedankte er sich dafür, dass er ihn gehen ließ oder dafür, dass er ihn vor Jahren überhaupt erst angestellt hatte? Oder für all das, was er zwischendurch für ihn getan hat oder für all den Spaß, den sie zwischendurch zusammen gehabt hatten? „Danke für alles.“
Sie trennten sich wieder, Harvey war noch immer am Lächeln, wenn sich nun auch schon eine gewisse Traurigkeit hineingeschlichen hatte.
„Dir auch. Und bevor ihr geht… Dieses Mal lade ich dich wirklich noch einmal zum Essen ein. Und sagt mir, wo genau ihr hinzieht, vielleicht habe ich ja mal Zeit, euch zu besuchen und zu schauen, was ihr so macht.“
„Weil du ja immer so wenig Zeit zu erübrigen hast“, erwiderte Mike nun auch wieder lächelnd. „So oft, wie du irgendwo hinfliegst.“
Harvey zuckte mit den Schultern. „Ich habe jetzt eine Kanzlei zu leiten und das auch noch ohne meine rechte Hand.“
„Du wirst schon eine neue finden.“
„Bestimmt. Aber die Suche wird schwer, ich muss schließlich eine finden, die zu mir passt und du bist mir in den letzten Jahren echt ähnlich geworden.“
Nun fing Mike an zu grinsen. „Das war ich schon von Anfang an, sonst hättest du mich niemals angestellt.“
Und auch Harvey grinste nun. „Du kennst mich zu gut.“

Als die abgekühlte Nachtluft ihm bei Verlassen des Gebäudes wieder ins Gesicht schlug, spürte Mike plötzlich, wie eine große Last von ihm abzufallen schien. Er drehte sich noch einmal um und schaute hoch, fixierte seinen Blick an der Stelle, an der er Harveys Apartment vermutete.
Einen Moment lang blieb er so stehen, genoss den Moment, brannte ihn in sein Gedächtnis ein, dann schloss er die Augen und sog die fast schon kühle Luft ein.
Seine Lippen formten sich zu einem Lächeln. Es war ein trauriges Lächeln, aber auch ein Lächeln der Erleichterung und ein Lächeln der Freude, denn auch, wenn er nun all diesen Erinnerungen den Rücken kehrte, so verließ er sie doch nicht. Sie würden stets bei ihm bleiben, so lange er sie nicht vergaß und er war felsenfest davon überzeugt, dass dies etwas war, was nicht so schnell geschehen würde.
Sein Lächeln wurde breiter, er öffnete wieder die Augen. Dann drehte er sich ein letztes Mal um und ließ das Apartment hinter sich.
Es war auch das Apartment, in dem er schließlich auf Wiedersehen sagte, doch dies hieß auf keinen Fall, dass er auch nur einen einzigen dort stattgefundenen Moment vergessen würde.
Review schreiben