Verderbtheit III - Böses Blut

von Theurgy
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
Elladan Haldir Legolas OC (Own Character)
12.02.2018
27.09.2020
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16.09.2020 2.160
 
Kapitel 51 – Liwien


Thranduil zog die Nase kraus, seine eisblauen Augen huschten über das Blatt Papier, das er in seiner Hand hielt. Ab und an zuckte eine Augenbraue und als er den Brief beendet hatte, sah er zu seiner Frau auf.
„Etwas Unangenehmes?“, fragte Ferya und ließ sich vor ihrem großen Spiegel nieder, wo sie begann, ihre Haarklammern aus den pechschwarzen Strähnen zu ziehen.
„Wie man es nimmt. Galadriel schreibt mir, dass sie Haldir nach Imladris geschickt hat, Legolas begleitet ihn natürlich dorthin…“
Thranduils Frau sah ihren Mann durch den Spiegel an. „Warum schreibt sie dir das? Ungewöhnlich.“
„Absolut, schon allein ein Brief von ihr ist schon eine Ausnahme, jeder weiß, wie gut wir befreundet sind“, er konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, „Außerdem werde ich aus der Hälfte des Schreibens nicht schlau, warum muss sie auch immer so kryptisch sein? Sie teilt mir mit, dass ich zu meinem Sohn reisen soll. Es hätte etwas mit Elladan zu tun.“
„Warum denn mit Elladan?“
„Das weiß wohl nur sie selbst, wenn überhaupt. Aber sie sagt, dass Elladan bereits im letzten Herbst verschwunden sei. Daraus soll jemand klug werden, wieso kann sie denn nicht einfach klar heraus schreiben, was los ist?“
Ferya drehte sich nun um, ihre offenen Haare fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern. „Wieso hat Legolas dir nicht gesagt, dass Elladan verschwunden ist?“
„Dass es niemand gesagt sagt, wundert mich wenig, bin ich doch nicht grade dafür bekannt, dass mich die Vorgänge außerhalb unseres Reiches großartig interessieren.“
„Schreibt sie denn, was genau passiert ist?“
„Nein, das natürlich nicht, dann wäre dieser Brief ja beinahe schon zu verstehen. Aber wie dem auch sei, sie wird mich nicht ohne Grund gebeten haben, mich nach Bruchtal aufzumachen. Eigentlich wäre das ein fast schon wieder Grund, nicht zu gehen, wer bin ich denn, dass ich mir von ihr sagen lasse, wo ich wann hinreisen soll? Auf der anderen Seite - vielleicht braucht Legolas mich und selbst wenn dem nicht so sein sollte, so ist es doch schön, wenn wir die beiden und Lord Elronds Familie wiedersehen. Du begleitest mich doch, oder?“
Ferya setzte sich neben ihren Mann und legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel. „Nun, ehrlich gesagt, wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne hierbleiben, denn wie ich dir mitteilte, ich hatte vor, mit Faramiel für einige Wochen in den Süden zu reisen, dorthin, wo ich geboren und aufgewachsen bin. So sehr es mich auch freuen würde, die Anderen wiederzusehen, ich würde diese Einladung gerne ausschlagen, wenn du es denn erlaubst.“
„Wer bin ich denn, dass ich dir etwas verbiete? Selbst wenn ich es wollte, ich könnte es nicht…“, Thranduil lachte auf, er konnte zu diesem Zeitpunkt das ganze Ausmaß dessen, was vorgefallen war, nicht überblicken.
„Ich hoffe nur, Elrohir nimmt es mir nicht übel, dass ich ohne offizielle Einladung bei ihm auftauche. Am besten, ich schicke gleich einen Boten los…“, der König überlegte eine Sekunde, ehe er weitersprach. „Schade, du wirst mir fehlen, obwohl ich nicht denke, dass ich lange weg sein werde.“
Ferya nickte. „Wenn du mir einen weiteren Gefallen tun willst, nimm Liwien mit. Ich befürchte, sie langweilt sich neben ihrer Aufgabe als Wache. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann sie diese Hallen das letzte Mal länger als nötig verlassen hat. Und richte Legolas und Haldir bitte aus, sie sollen uns recht bald wieder besuchen kommen. Faramiel und ich vermissen die beiden!“
Thranduil strich die offenen Haare seiner Frau zu einer Seite und küsste ihren blassen Hals. „Alles was du willst, meine Königin!“, mit diesen Worten ließ er sich auf die Matratze fallen und zog sie mit sich, während Galadriels Brief geräuschlos auf den Boden fiel.

Wachwechsel. Liwien hörte, wie die Wächter geräuschvoll in den Thronsaal eintraten. Jeder Schritt, jede noch so kleinste Bewegung einstudiert bis zur Perfektion. Als sie wahrnahm, dass ihre Ablösung hinter sie getreten war, machte sie einen Schritt nach vorn und zur Seite, ehe sie sich, in Thranduils Richtung blickend, auf ein Knie niederließ. Das war es für diesen Tag. Mit einer Handbewegung entließ der König seine Wächter, sah Liwien dann jedoch an und hielt sie mit einer Geste zurück.
Sie trat vor den Thron, kniete sich erneut nieder und senkte den Kopf in Erwartung dessen, was nun folgen würde.
„Ich werde in wenigen Tagen nach Imladris aufbrechen“, hörte sie die sanften, melodiösen Worte ihren Herrn.
Freie Tage für mich. Noch mehr Langeweile in diesen Hallen… vielleicht sollte ich Imions Rat befolgen und eine kleine Reise unternehmen? Oder ich könnte Ferya eventuell in den Süden begleiten? Hat Imion eigentlich immer noch mit den Ernteberichten zu tun? Mit Sicherheit nicht, es ist schließlich schon Frühling… während sie nachdachte, überhörte sie beinahe das, was Thranduil ihr mitzuteilen hatte.
„Ich möchte, dass du mich als meine persönliche Wache begleitest.“
Einen Impuls folgend, wollte sie aufblicken, doch unterließ es in letzter Sekunde. Vor Freude und Aufregung schlug ihr Herz im doppelten Tempo und nur mit Mühe hatte sie ihre Stimme unter Kontrolle. „Sehr wohl. Ganz wie ihr wünscht mein König.“
Nach einigen kurzen Instruktionen entließ Thranduil sie schließlich und kaum schlossen sich die massiven Holzflügen des Thronsaals hinter ihr, beschleunigte Liwien ihren Schritt, ein breites Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht tragend.
Wenige Minuten später flog die Tür zu Imions Arbeitszimmer auf. Der Berater erschrak und zuckte zusammen.
„Du glaubst nicht, was passiert ist!“
Imion atmete tief aus. „Die Welt geht unter? Endlich ein Grund zu feiern! Oder du hast dich entschieden, dass ich durch deine Hand sterben soll, heimlich umgebracht durch einen durch dich verursachten Herzinfarkt?“
„Gute Idee, aber das hat noch Zeit! Nein, viel besser, Thranduil wird mich mit nach Bruchtal nehmen!“
Jetzt hob der andere Elb seinen Kopf endgültig und sah seine Freundin lächelnd an. „Das ist wunderbar! So wirst du deiner Langeweile sicherlich entfliehen können, Imladris soll um diese Jahreszeit wunderschön sein. Ein Grund zu feiern, sag ich doch!“, mit einer flinken Handbewegung holte er unter seinem Schreibtisch eine Flasche Wein hervor und entkorkte sie.
„Wie viele von denen deponierst du hier eigentlich?“
„Nur zwei. Hin und wieder auch drei, ich muss auf alles vorbereitet sein!“
Lachend nahm Liwien ihr Glas entgegen und ließ sich in einen Sessel fallen.

Wenige Tage später waren der König, die Elbe und ein paar wenige weitere Wachen unterwegs. Es herrschte Frieden und Gefahr drohte dem Tross keine. Die Feine, die sich hin und wieder probierten, eine verbotene Grenze zu überqueren, waren kein Problem für Elben und Menschen. So reiste Thranduil mit kleinem Hofstaat und viel Gepäck. Abends bauten die Wächter eilig ein Zelt für ihren König auf, es bot reichlich Luxus dafür, dass es schnell aufgebaut und nur für Reisen gedacht war. Wenn ihr Herr sich zurückzog, saßen die verbliebenen Elben um das Lagerfeuer und erzählten sich leise lustige oder skandalöse Geschichten.
Hin und wieder musterte der Herrscher Liwien. Er mochte die junge Elbe sehr, auch jenseits ihrer gemeinsamen Ebene der Arbeit. Sie war die beste Freundin seiner Frau, er sah sie oft auch abseits der Wachschichten, meist gemeinsam mit Imion. Trotz der relativ vielen Zeit hatte weder sie, noch Imion ihre Reserviertheit ihm gegenüber verloren – im Gegenteil, jedes Mal, wenn er den Raum betrat und die Königin zusammen mit den Elben antraf, konnte er förmlich spüren, wie sich ihre Muskeln anspannten und zwei Paar Augen ihn unterwürfig ansahen. Er wusste, dass oft genug Themen in dieser Sekunde abrupt gewechselt wurden und er bedauerte dies, denn in diesen Momenten war er nicht König Thranduil, sondern Ehemann, Vater und Freund, so sah zumindest er es.
Meistens verabschiedete er sich in seine private Bibliothek oder schob Arbeit vor und ließ die drei allein, allerdings nicht, ohne die Tür einen Spalt aufzulassen, um besser mithören zu können, was gesprochen wurde. Er amüsierte sich vor allem über Imions und Liwiens sarkastischen und ironischen Humor – mehr als einmal konnte er grade so ein Lachen unterdrücken, das ihn verraten hätte.
Thranduil wäre froh gewesen, wenn sie ihre Zurückhaltung in diesem privaten Rahmen hätten fallen lassen können, doch selbst bei gemeinsamen Abendessen vergaßen sie niemals ihre Etikette und protokollarischen Verhaltensweisen. Unter anderen Umständen erfreute Thranduil sich dieser Tatsache, war er sich doch so zu einhundert Prozent sicher, dass keiner der beiden ihn jemals blamieren würde, aber hin und wieder wünschte er sich, es wäre eben doch anders. Das Meiste, dass er von Liwien wusste, hatte Ferya ihm erzählt, so auch, dass sie keine Eltern oder Geschwister mehr hatte und deshalb sie, Imion, aber auch den König als ihre Ersatzfamilie ansah. Diese Aussage überraschte den Herrscher, hatte er selbst doch nie etwas von Liwien gehört oder gesehen, dass darauf schließen ließ, dass sie solch eine enge Verbindung zu ihm empfand. Von diesem Tag an sah er die Elbe, der er sein Leben anvertraute, mit anderen Augen – er schloss sie in sein Herz und fing an, etwas für sie zu empfinden, was er nur mit den Worten väterliche Gefühle beschreiben konnte. Liwien genoss Privilegien, ohne sich ihrer bewusst zu sein oder diese gar auszunutzen. Hätte sie sich eine andere Stellung gewünscht, höheren Sold, ein eigenes Pferd, teure Kleider oder ein luxuriöseres Zimmer, all dies hätte sie einen Wimpernschlag später bekommen, doch niemals fragte sie nach etwas, was nicht auch jede andere Wache in ihrer Stellung erhielt. Aber im Gegensatz zu anderen Wächtern durfte sie sich absolut frei in den Hallen bewegen, sich an Essen und Trinken nehmen, was sie wollte, ohne danach fragen zu müssen. Er wusste von jeden Exzess, den sie und Imion veranstaltet hatten und niemals hatte Thranduil ein Wort darüber verloren. Jede andere Wache hätte bereits vor langer Zeit seinen Zorn zu spüren bekommen, nicht aber Liwien oder Imion, von dem der Herrscher sehr genau wusste, dass dieser mit Vorliebe seinen teuren Wein vernichtete – von jeder einzelnen Flasche wusste der König, doch auch hierzu schwieg er, schüttelte anstatt dessen nur schweigend und innerlich lächelnd den Kopf darüber, dass jeder meinte, er wüsste nicht, was vor sich ginge.

Ohne Zwischenfälle auf ihrer Reise erreichten sie Bruchtal, wurden an der Grenze höflich und freundlich empfangen und ein Bote eilte davon, um Elrohir vom anstehenden Besuch zu berichten. Liwien staunte über die Schönheit des Tals, die bewaldeten oder im hellgrünen Gras stehenden Hügel, übersäht mit unzähligen bunten Blüten. Mit großen Augen sah sie die vielen Kaskaden und Wasserfälle, die sich von mit Moos bewachsenen Steinen in den Fluss oder kleine Becken ergossen. Die Luft roch nach Blumen und feuchtem Waldboden.
„Imion hatte Recht, es ist wunderschön hier!“, sagte sie beinahe atemlos und Thranduil lächelte.
„Du solltest in den nächsten Tagen viel Zeit haben, dich umzusehen. Wir haben die Reise gut überstanden, hier sind wir sicher. Du kannst also deine Waffen ablegen und tun, was dir beliebt.“
„Mein König, wie kann ich das? Ich bin hier als eure persönliche Wache“, protestierte die junge Elbe.
„Richtig. Aber ich werde dich als solche nicht brauchen. Wie gesagt, hier droht keine Gefahr“, er lachte kurz und schweigend legten sie das letzte Stück des Wegen bis zu Elronds Haus zurück.
Legolas Augen leuchteten, als er seinen Vater sah. „Ada!“, lachend umarmte er den König, „Wie froh ich bin, dass du hier bist! Aber was machst du hier?“
Thranduil klopfte liebevoll auf Legolas Rücken, ehe er sich Elrohir zuwandte und ihn respektvoll grüßte. „Verzeiht mir bitte, dass ich ohne vorherige Ankündigung meines Besuchs in euer schönes Tal komme, aber ich erhielt einen Brief von Galadriel, die mir mitteilte, dass Haldir und Legolas sich hier aufhalten, so nahm ich mir die Freiheit, euch hier zu besuchen. Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht übel?“
„König Thranduil! Wie könnte ich euch jemals etwas verübeln. Mein Heim steht euch jederzeit zur Verfügung! Allerdings… vielleicht könnt ihr mir im Gegenzug bei einigen Dingen helfen? Ich bin eben kein geborener Herrscher…“, Elrohir setzte sein unschuldigstes Lächeln auf.
„Selbstverständlich, ich stehe vollkommen zu eurer Verfügung! Verzeiht mir, wenn ich euch mit dieser Frage überfalle, aber wie geht es eurem Vater?“
„Leider, um eure Frage zu beantworten, hat sich der Zustand meines Vaters nicht verändert. Wenn ihr mögt, können wir gleich zu ihm gehen.“
Nachdem Thranduil auch Haldir und Erestor begrüßt hatte, bemerkte Legolas die Wache, die stumm und aufmerksam einige Schritte hinter seinem Vater stand.
„Liwien? Tatsächlich, du bist es! Wir haben uns so lange nicht gesehen, welch eine Freude!“, ein breites Lächeln zeigte sich im Gesicht des Prinzen.
Die Wache, nun angesprochen, verneigte sich tief und bedankte sich für die freundlichen Worte, ehe sie ihre statuenhafte Haltung wieder einnahm. Es mochte unhöflich erscheinen, dass sie die Anderen der Gruppe nicht grüßte, aber es stand ihr nicht zu, solange Thranduil sie nicht offiziell vorstellte oder sie eben direkt angesprochen wurde.
Elrohir legte Thranduil eine Hand um die Schulter und führte ihn ins Haus hinein, während er einen Diener anwies, die Wachen ins Gästehaus zu bringen, doch Thranduil sagte leise etwas zu ihm und plötzlich drehte der Halbelb sich um und sah Liwien direkt an. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe er lächelnd nickte und etwas zu dem Diener sagte, ehe die Gruppe sich entfernte, Liwien unsicher zurücklassend.
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