Neonlichtnächte

von Witness
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
11.02.2018
13.04.2018
5
12983
3
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
I.


Nirgendwo war es so still wie in der Galerie bei Nacht.
Das Surren der Lampen und Andrews Schritte auf dem zertretenen Linoleum waren die einzigen Geräusche zwischen expressionistischen Bildern und surrealen Skulpturen, bei deren Anblick ihm die Worte durch den Kopf gingen, die er vor wenigen Tagen in der U-Bahn aufgeschnappt hatte: Dit is’ wie’n Unfall, da kannste nich’ wegseh’n.
Er hatte es längst aufgegeben, einen Sinn hinter den seltsamen Gebilden und von dicken schwarzen Linien umrahmten grellen Farben auf Leinwänden finden zu wollen. In einem früheren Leben hatte er eine Schwester gehabt, der diese Bilder wohl gefallen hätten; manchmal dachte er noch an sie. Den Großteil der Zeit verbrachte er aber damit, seinen Kopf leer zu halten – ein schwieriges Unterfangen an einem Ort, der so still war, dass ihm sein eigener Atem von Zeit zu Zeit unnatürlich störend vorkam, aber es gelang ihm immer besser.
Die Kopfleere machte ihm Angst, wenn sie von selbst kam: Während er in der U-Bahn stand und eine grell beleuchtete Station nach der anderen vor den Fenstern vorbeizog; während er sich in die schweigende Schlange vor der Kasse eines Supermarkts einreihte, in dem Neonlicht die Schatten in den Gesichtern der Wartenden noch dunkler färbte; während er mit offenen Augen auf dem Bett in seiner Einzimmerwohnung lag und versuchte, den Tag zu verschlafen, was ihm immer seltener gelang. In solchen Momenten hielt die Leere ihn so fest, dass er sich nicht von der Stelle bewegen konnte, drängte ihn in die Ecke. In der Stille der Galerie hatte er sich angewöhnt, sie selbst heraufzubeschwören, weil seine Gedanken sonst unaufhörlich kreisten.

Er beendete seinen Rundgang in der Ausstellung, langsam und bedächtig, einen Schritt vor den anderen, mit dem Rest von fast aufgegebener Hoffnung, doch noch einen Sinn hinter den Bildern zu finden, und als er wieder am Pförtnerhaus ankam, sah er eine Gestalt vor dem Eingang stehen, die sich die Kapuze ihrer Jacke tief ins Gesicht gezogen hatte. Er ließ sie hinein, holte den Umschlag, der ihm dafür gegeben worden war, aus der Schublade unter dem Schreibtisch und legte ihn auf den Tresen. Die Gestalt zog ein Päckchen aus der Tasche, legte es daneben, griff den Umschlag und verschwand wortlos wieder. Andrew nahm das Päckchen und verstaute es in der Schublade.
Die Gestalt mit der Kapuzenjacke kam zweimal im Monat vorbei; zwei Handgriffe besserten Andrews Gehalt auf, und weil er nie fragte und nie etwas sagte, blieb es dabei. Die Gestalt mit der Kapuzenjacke war eine feste Konstante in seinem Leben, und er fragte sich, was er für die Gestalt mit der Kapuzenjacke war, verdrängte die Frage aber gleich wieder. Es tat ihm nicht gut, darüber nachzudenken, welche Rolle er im Leben anderer Menschen spielte. Er hatte es sich zum Ziel gemacht, diese Rolle so gering wie möglich zu halten, bis es irgendwann niemanden kümmerte, wenn er verschwand. Doch das schien selbst in einer anonymen Großstadt wie Berlin unmöglich zu sein, denn es gab immer jemanden, der ihn wahrnahm, wenn auch nur am Rande des Blickfeldes: Die Spätschicht-Kassiererin, die ihm jedes Mal zulächelte, wenn er an ihrer Kasse stand. Der Obdachlose, der ihm erschöpft zunickte, wenn er ihm ein paar Münzen zusteckte. Die alte Nachbarin, die ihn zu Kaffee und Kuchen einlud, weil er ihr die Haustür aufhielt und ihr half, die schweren Einkaufstüten nach oben zu tragen.
Er achtete darauf, keine Freundschaften zu schließen – etwas, das ihm früher nie schwergefallen war – damit er niemandem wehtat, sollte er sich dazu entschließen, einen Schlussstrich zu ziehen. Doch je mehr er sich darum bemühte, sich mit niemandem anzufreunden, desto wichtiger wurden die oberflächlichen Bekanntschaften. Er dachte an den Postboten und die Fahrscheinkontrolleurin und die Gestalt mit der Kapuzenjacke. In Ermangelung anderer Kontakte spielten diese Menschen eine größere Rolle in seinem Leben, als er sich eingestehen wollte.

Die Ablösung kam, bevor er weiter darüber nachdenken konnte. Die Ablösung war eine Frau, deren Namen er nicht kannte und auch nicht kennen wollte. Sie wechselten ein Guten Morgen, er gab ihr die Schlüssel, zog seine Jacke an und trat nach draußen in die morgendliche Kälte. Die Warschauer Straße war laut und hell erleuchtet, er kniff die Augen zusammen vor dem grellen Licht und ging zur U-Bahn-Station. Es war die Zeit des Tages, an der in den Untergrundblechbüchsen alles zusammenlief: Die Menschen, die noch in der Euphorie der Partys steckten oder schon wieder auf dem Boden angelangt waren und stumm Kaugummi kauten, nach unten sahen und an ihrer Kleidung zupften, als passe sie auf einmal nicht mehr in ihr Leben; die Frühaufsteher, die verschlafen in dicken Ordnern oder dünnen Zeitungen blätterten; die Nachtschicht-Arbeiter, die Musik hörten und schon halb schliefen; die Menschen, die sich und alles andere aufgegeben hatten und bei denen Andrew nie wusste, ob sie noch oder schon wieder tranken.
Auch Andrew hatte versucht, sich zu betrinken, aber Alkohol machte alles nur schlimmer, also ließ er es bleiben. Er wusste, dass er wieder den halben Tag lang wach liegen und die Wand anstarren würde, vielleicht würde er auch überhaupt nicht schlafen; vielleicht sollte er lieber einen eleganteren Weg finden, sich aus der Misere zu winden.

Beim Einsteigen rempelte er jemanden an, der nach Schlägertyp aussah. Manchmal tat er das mit vollster Absicht, wenn er wollte, dass ihm jemand alle Entscheidungen abnahm, aber seltsamerweise ging um diese Uhrzeit niemand darauf ein, auch heute nicht. Der Schlägertyp murmelte nur »Wichser«, und ließ es dabei beruhen. Mittlerweile probierte er es nicht mehr so häufig, denn er wusste, dass die Menschen am frühen Morgen entweder zu fertig oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um sich auf Ärger einzulassen.
Er suchte sich einen Platz im hinteren Teil des Waggons und ließ seinen Blick auf dem leeren Sitz vor ihm ruhen. Niemand sprach. Anfangs hatte er es gespenstisch gefunden, nichts zu hören außer dem Ruckeln der U-Bahn und dem Quietschen der Bremsen, aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, so wie er sich an alles gewöhnte: An die Nachtschichten, an die furchtbare Schlagermusik, die an einigen Wochenenden aus der Nachbarwohnung zu ihm hinüberschallte, an die Kopfleere.
Plötzlich wurde es laut.
»Scheiß-Schwuchtel!«, rief jemand.
Andrew hob den Kopf. Im vorderen Teil des Waggons suchte wohl jemand Streit. Er sprang auf, lief nach vorn und fand einen Mann in abgewetztem Jogginganzug, der auf einen anderen einschlug, der auf dem Boden lag und schützend die Hände vor sein Gesicht hielt.
»Hey!«, rief Andrew, nutzte den Moment der Verwirrung, zerrte den Angreifer zur Seite, verdrehte seinen rechten Arm hinter seinem Rücken und drückte ihn gegen die Tür der U-Bahn. Der Angreifer jaulte auf vor Schmerzen. Bremsen quietschten, die Bahn hielt an der nächsten Station. Der Mann auf dem Boden rappelte sich auf und stürmte nach draußen. Der Angreifer trat unkoordiniert um sich, er roch nach Alkohol. Andrew hielt ihn fest umklammert, aber er versuchte hartnäckig, sich aus seinem Griff zu winden und murmelte dabei unverständliche Flüche. Er überlegte, ihn nach draußen zu führen, aber die Gefahr, dass er flüchtete, war zu groß.
Als die Türen sich schlossen und die Bahn weiterfuhr, nahm Andrew aus den Augenwinkeln wahr, wie eine Frau in kurzem rotem Paillettenkleid und Overknee-Stiefel telefonierte.  
»Ist ja nett, dass Sie die Polizei rufen«, sagte er laut und wich reflexartig einem Tritt des Angreifers aus, »aber bis die hier sind, ist der hier über alle Berge. Hat jemand von Ihnen Kabelbinder dabei? Seile, Handschellen, irgendwas?«
Betretenes Schweigen. Alle sahen zu Boden. Andrew verstärkte den Griff um den Angreifer, der immer gezielter trat und schlug. Lange würde er ihn nicht mehr festhalten können.
Andrew seufzte. »Hat denn hier niemand heute Nacht zumindest ein bisschen Spaß gehabt?«
Zögernd erhob sich ein Mann mit Vollbart, langen Haaren und Lederkluft, kam auf Andrew zu, griff in die Jackentasche, holte ein Paar rosafarbener Plüschhandschellen hervor und drückte sie ihm in die Hand. Jemand kicherte.
»Geht doch. Danke«, sagte Andrew betont langsam und ließ eine der Handschellen um die rechte Hand des Angreifers, die andere um die Haltestange schnappen. Der Lederjackenmann wich seinem Blick verschämt aus und setzte sich wieder, als sei nichts gewesen.
Der Angreifer riss an den Handschellen. »Das … dürf’n Sie nicht!«, rief er undeutlich. »D… das’s … Frei- Freiheit-Raubung!«
»Jedermanns-Festnahmerecht, Paragraph 127 Strafprozessordnung«, sagte die Frau im Paillettenkleid.
»Da hören Sie’s«, sagte Andrew. »Da hat jemand Ahnung.«
Er nickte der Frau zu. Sie lächelte müde zurück.

Am Gleisdreieck stiegen ein Polizist und eine Polizistin ein.
»Wunderschönen guten Morgen, was ist denn hier los?«, fragte der Polizist, sah von den Plüschhandschellen zu Andrew, von Andrew zu den Plüschhandschellen. Andrew konnte den leichten Anflug eines amüsierten Lächelns auf seinem Gesicht erkennen.
»A begeht eine Körperverletzung bei B«, sagte die Frau im Paillettenkleid. »C greift ein, zieht den Täter beiseite und fixiert ihn. B flieht an der nächstbesten Station. Ungefähr der ganze Waggon kann das bezeugen.«
Die Fahrgäste nickten stumm, einige murmelten »Mh-hm.«
»Alles Lüge!«, schmetterte der Angreifer dem Polizisten entgegen und zerrte an den Handschellen. »Machen Sie mich los!«
Der Polizist wandte sich an Andrew. »Können Sie das bestätigen?«
Andrew nickte. »Ja. Er hat jemanden beleidigt und angegriffen. Ich hab’ ihn nur weggezerrt, und das Opfer ist an der Prinzenstraße raus.«
»Okay. Sie können ihn losmachen.« Der Polizist deutete auf die Handschellen.
»Das sind nicht meine.«
»Das ist so der Satz, den ich in meinem Job am häufigsten höre.«
»Das sind wirklich nicht meine.«
»Das ist der Satz, den ich am zweithäufigsten höre.«
Andrew hob die Schultern. »Nicht. Meine. Überhaupt, was tut das zur Sache?«
»Wenn es Ihre wären, hätten Sie vielleicht einen Schlüssel.«
»Gesetzt den Fall, das wären meine, vielleicht bevorzuge ich es, keinen Schlüssel zu haben.«
»Nur für den Fall der Fälle angenommen, es wären Ihre und Sie bevorzugen es, keinen Schlüssel zu haben, würde es Ihnen etwas ausmachen, die Person zu verständigen, die den Schlüssel besitzt?«
»Nur angenommen, es wären meine: Vielleicht bevorzuge ich es, nicht zu wissen, wer ihn besitzt. Aber es sind nicht meine. Rosa Plüsch ist nicht mein Stil.«
»Ich kann schlecht wissen, was Ihr Stil ist«, sagte der Polizist.
»Das können Sie wirklich schlecht. Tut mir leid, mein Fehler.«
»Nehmt euch ein Zimmer«, kam es aus einer Ecke des Waggons. Obwohl die U-Bahn seit einigen Minuten im Bahnhof stand, war kein einziger Fahrgast ausgestiegen.
»Wenn Sie zahlen«, gab der Polizist unbeeindruckt in Richtung des Kommentators zurück.
Jemand pfiff durch die Zähne und klatschte.
»Seid ihr dann fertig?«, fragte die Polizistin, die es in der Zwischenzeit geschafft hatte, die Handschellen mit einem Draht zu öffnen.
Der Angreifer wollte sich losreißen, aber die Polizistin hielt ihn fest. »Nicht so eilig.«
Gemeinsam führten sie ihn nach draußen; der Polizist winkte Andrew und der Frau im Paillettenkleid zu.
»Sie kommen mit.«
Während der Polizist im Neonlicht der U-Bahn-Station ihre Personalien aufnahm, führte die Polizistin den Angreifer zusammen mit einem weiteren Beamten nach draußen.
»Da stellt doch nie im Leben jemand ’nen Strafantrag«, sagte die Frau im Paillettenkleid.
»Die Wahrscheinlichkeit ist gering«, nickte der Polizist. »Aber jetzt habe ich Ihre Daten, falls wir Sie doch als Zeugen brauchen.« Er nickte Andrew zu. »Die BVG wird sich zwar wundern, warum da Plüschhandschellen von der Haltestange baumeln, aber ich glaube, die haben schon Schlimmeres gesehen.«
»Davon bin ich überzeugt«, sagte Andrew.
»Brauchen Sie mich noch?«, fragte die Frau im Paillettenkleid. »Ich will vor der Vorlesung noch ’ne Mütze voll Schlaf kriegen.«
Der Polizist schüttelte den Kopf. »Sie können gehen.«
Kaum war sie gegangen, sagte der Polizist zu Andrew: »Nicht viele Menschen gehen bei Schlägereien dazwischen. Das war mutig von Ihnen.«
Andrew hob die Schultern. »Vielleicht bin ich auch einfach lebensmüde.«
Der Polizist horchte auf. Andrew bereute es sofort, das gesagt zu haben.
»Das hätte ich nicht sagen sollen, oder?«
»Nein. Jetzt muss ich Sie fragen, ob Sie sich was antun wollen.«
»Können wir das Gespräch noch einmal zurückspulen?«
»Ausnahmsweise. Die meisten Menschen schauen weg, wenn jemand angegriffen wird. War mutig von Ihnen, dass Sie dazwischen gegangen sind.«
»Es geht mir gegen den Strich, wenn jemand wegen etwas angegriffen wird, für das er nichts kann.«
»Hm?«
»Der hat ihn als Schwuchtel beleidigt.«
Der Polizist seufzte tief.
»Das ist kein Einzelfall, oder?«, fragte Andrew.
Der Polizist schüttelte den Kopf. »Leider nein. Ich wünschte, ich könnte das ändern.« Er winkte ab, als hätte er zu viel verraten, dann sagte er: »Na dann. Schönen Tag noch. Und falls rosa Plüsch zufällig doch Ihr Stil ist, haben Sie sich hoffentlich die Wagennummer gemerkt.« Er versuchte, ernst zu bleiben, aber er konnte das verschmitzte Lächeln nicht verbergen.
Auch Andrew musste lächeln. »Ich sagte doch, das sind nicht meine.«
Der Polizist hob die Hände. »Natürlich, natürlich.«
Er tippte sich an die Mütze, lächelte und ging.
Andrew blieb auf dem Bahnsteig zurück, der sich immer mehr füllte, und nahm die nächste U-Bahn, mit dem seltsamen Gefühl im Bauch, wieder ein Bruchteil im Leben zu vieler Menschen geworden zu sein.


*
___________________________________________________________________________________
[Bonsoir und herzlich willkommen zu diesem kleinen Seiten-Projekt. Es ist ein Spin-Off zu Lichtsmog, was ihr nicht gelesen haben müsst, aber gern lesen könnt, wenn ihr Thriller mögt. In welcher Reihenfolge, ist vollkommen egal.
Disclaimer: Ich kenne mich nicht mit Polizeiarbeit aus, die beschriebenen Szenarien sind also wahrscheinlich unrealistisch. Falls sich da jemand besser auskennt, gern mal laut schreien.
Disclaimer II: Das ist das erste Mal, dass ich versuche, eine richtige eigene Romanze zu schreiben (bis jetzt habe ich das immer gelassen und gemeint, dass ich das auch nicht tun sollte – Aus Gründen™), also habt Nachsicht mit mir. Nein, Quatsch, ihr könnt mich gern auch mit fauligen Tomaten bewerfen, das sehe ich auch als legitime Form der Kritik an. :3
]
Review schreiben