Von Raben und Sonnenblumen

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
Emily Farmer (weiblich) Gus Haley Sebastian Shane
11.02.2018
28.07.2019
32
63.034
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12.02.2018 2.418
 
Kapitel 2 - Von einer, die auszog, das Säen zu lernen (Teil 1)




Juno machte das Visier herunter und startete die Maschine ihrer kleinen Kawasaki.
„Ich werde dich vermissen!“
„Was?“ Juno klappte das Visier noch einmal hoch und schaute fragend Jasmin an.
„Ich sagte, ich werde dich vermissen. Schreib mir, okay? Ich werde dir auch schreiben. Und wenn du zwischendurch doch noch mal in dieses Drecksloch hier kommst, schau vorbei, ja?“
Jasmin drückte sie. Legte die Hände auf Junos Schultern. Strich unsichtbaren Staub von der Motorradjacke. Konnte einfach nicht die Finger von ihr lassen, als würde sie die Fahrerin somit dazu bringen, noch etwas länger da zu bleiben. Aber der Abschied war unvermeidlich. Juno spürte einen Kloß im Hals. „Ja. Versprochen, Jas. Ich hab dich unglaublich gern gewonnen und bin stolz, deine Freundin zu sein.“ Jas wischte sich die Augen und Juno nahm sie in den Arm. „Pass gut auf dich auf.“
„Du auch. Schick mir eine Steckrübe.“
Juno presste etwas heraus, das halb Schluchzen und halb Lachen war. „Du kriegst `ne ganze Suppe“, versprach sie. Dann überprüfte sie noch einmal Gasstand, Bremsen und ob ihre Spiegel richtig eingestellt waren, machte das Visier endgültig herunter. Ein kurzes Aufröhren des Motors, das Jasmin zum Lachen ob der Angeberei brachte, die beiden Freundinnen winkten sich zu und dann war Juno unterwegs.
Auf der Straße. Schnell ließ sie Zuzu City und dessen Randbezirke hinter sich, schlängelte sich an Autos und roten Ampeln vorbei. Dann kam sie so unverhofft ins Freie, dass sie für einen Moment die Landschaft bewundern _musste._ Der erste Tag im Frühling. Der erste schöne Tag im Jahr. Es war frisch und zu Anfang war ihr Sichtschutz noch leicht beschlagen gewesen, aber je näher die Sonne sich ihrem Zenit näherte, desto wärmer wurde es. Die Sonne schien und das Gras war grün. Als sie die ersten Ausläufer des Waldes erreichte, die ersten weitläufigen Kurven die Serpentinen der Berge ankündigten, atmete sie auf. Sie machte das hier wirklich. Es passierte gerade jetzt. Die Wucht dieser Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und sie musste an einer Straßenbucht Halt machen. Das saturierte Grün der Wälder und das harmonische Zwitschern der Frühlingsboten umfing sie wie ein Mantel und sie atmete noch einmal tief ein und aus, versuchte sich von der Energie der Umgebung beruhigen zu lassen und merkte beim zweiten Atemzug, wie sich die Anspannungen aus ihrem Körper lösten. Der ganze Ärger des letzten Jahres war wie fort geblasen. Es war Frühling. Sie würde 4 Jahre Studium in die Praxis umsetzen können. Sie würde sich selbst beweisen können, dass sie auch ohne den Erfolg ihrer Familie etwas drauf hatte. Sie würde neue Sachen ausprobieren können anstatt alte Traditionen noch weiter festzufahren. Sie würde einen wertvollen Beitrag zur Welt machen, in dem sie als Landwirtin dafür sorgen würde, das vom Krieg gebeutelte Land wieder aufzubauen und zu ernähren.
Hier musste Juno sich selber stoppen und grinsen. Da war wohl gerade ihr Pathos mit ihr durchgegangen. Sie sollte sich erstmal lieber kleine Ziele setzen, wie z.B. den Frühling überstehen. Aber es fiel ihr schwer, realistisch zu bleiben und sich nicht dem grenzenlosen Optimismus hinzugeben, den die Frühlingssonne in ihr weckte.
Nachdem sie zwei Pässe überwunden hatte, sah Juno das erste Straßenschild seit dem sie losgefahren war, welches Stardew Valley ausschilderte. Dass das ungewöhnlich war, fiel ihr erst zu diesem Zeitpunkt auf. Bisher hatte sie sich komplett auf ihr Navi verlassen, aber nun, da das Schild an ihr vorbeigezogen war, fand es Juno doch recht merkwürdig, dass es das erste war, das sie seit 3 Stunden Fahrt sah. Und es zeigte ihr an, dass sie in einer halben Meile am Ziel sein würde. Plötzlich schien ihr Herz im Rhythmus der Straßenbahnmarkierung, die unter ihr hinweg zog, zu klopfen. Sie war gleich da! Nur noch einen Katzensprung und ihr neues Leben fing an.
Die Ortsmarkierung an der Landstraße war so kurz, dass Juno aus dem Örtchen heraus und an der Haltestelle des Dorfes vorbeigebraust war, bevor sie überhaupt realisiert hatte, dass sie durch Pelican Town gefahren war. Nur die interessierten Blicke einer rothaarigen Frau am Straßenrand, die ihr folgten, ließen sie vermuten, dass sie gerade Pelican Town verpasst hatte. Nun und selbst wenn nicht, dann könnte sie die Frau vielleicht fragen, wie weit das Dorf noch entfernt war. Also drehte sie um und fuhr gemächlicher in den Ort rein, um dann auf einer Rasenfläche vor einem ausrangierten Bus zu halten, den Helm abzunehmen, der Frau ein verschwitztes Lächeln zu schenken und gefragt zu werden: „Juno Corvinia Reyes?“
Aha. Sie war hier also richtig. Lewis Worte aus seinem Brief, dass ‚alle es kaum erwarten konnten, dass Juno herzog‘ schienen nun wie ein Vermächtnis in der Luft zu schweben. Im Hinblick wirkte das schon fast wie eine Prophezeihung. Oder Drohung. „Yep, das bin ich.“
Die rothaarige Frau lächelte sie an. „Schön dich kennen zu lernen. Ich bin Robin, die Tischlerin, Dachdeckerin, Steinmetzin und der eingetragene Name in einer Versicherung für genau so eine Maschine.“ Sie deutete auf Junos Bike. Diese blickte sie freudig überrascht an und hob an, um darüber zu reden, doch Robin sprach bereits weiter. „Bürgermeister Lewis hat mich gebeten, nach dir Ausschau zu halten. Normalerweise kommen neue Bewohner mit dem Bus an, aber da der im Unterhalt das Dorf zu viel gekostet hat, mussten wir ihn einstellen.“
Wieder hob Juno an, doch kam nicht zu Wort.
„Wie auch immer. Ich soll dir den Weg zu der Farm zeigen. Lewis selbst ist noch da und richtet das letzte bisschen für deine Ankunft her.“
„Das muss ja echt der letzte Fleck der Erde sein, wenn er schon seit einem Monat alles arrangiert.“
Robin lachte auf und sagte dann: „Wir haben hart gearbeitet. Du wirst ja gleich sehen, was wir geschafft haben.“
„Na dann mal los.“ Mit einer Handbewegung wies sie Robin an, voraus zu gehen, während sie ihr Motorrad hinter ihr her schob. Bevor sie das Gespräch auf das Bike lenken konnte, waren sie auch schon auf Black Bean Farm.
„Du liebes bisschen.“ Juno traf der Schlag. Das sah aus, als hätte man sie wirklich an den Rand der Welt geschickt. „Habt ihr hier überhaupt etwas gemacht?“ platzte es aus ihr heraus. Die Farm war in so einem unglaublich schlechten Zustand, dass ihr das Herz in die Hose rutschte. Nur halbherzig erwiderte sie Lewis Händedruck, immer noch erschrocken von der Farm.
„Es ist ein bisschen verwachsen, das ist richtig. Aber du hast hier guten Boden und mit ein bisschen Arbeit wird es hier bestimmt schön.“ Junos Blick wanderte entgeistert zu Robin, die lachte. „Komm weiter.“
Sie und Lewis führten sie zu dem Haus, wenn man das so nennen  konnte. Lewis sagte etwas von wegen rustikalem Charme, was Robin dazu verleitete, die Hütte als schäbig zu bezeichnen. Lewis echauffierte sich. Juno zuckte bloß mit den Achseln. Sie hatte erkannt, dass dies wohl das Beste war, was man in einem Wintermonat für sie  hatte tun können. „Solange es nicht rein regnet.“
Lewis nickte anerkennend und öffnete die Haustür, um sie herein zu beten. „Es ist schon in Ordnung. Wir haben sogar Feuerholz aufgestockt.“
„Feuerholz und einen Kamin für das ultimative Back to Nature Erlebnis. Ich sehe, hier wurde  an alles gedacht.“
Lewis wirkte pikiert. „Es ist nicht perfekt, aber Robin kann dir sicherlich mit einem Haus Upgrade zur Seite stehen, sobald du Fuß gefasst hast.“
Robin wirkte überrascht. Wahrscheinlich machte Lewis sonst nie Werbung für sie, aber Juno beachtete es nicht. Abgesehen davon, dass das Haus weder Bad noch eine Küche besaß, hatte Lewis sich die größte Mühe gegeben, es wohnlich zu machen. Bett, Fernseher und Tisch standen in der kleinen Hütte, weiter hinten stapelten sich die Kartons mit ihren Büchern. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, einen kleinen Kristall auf den Tisch zu stellen. Ein Schwall Zuneigung überflutete sie. Mit einem Lächeln drehte sie sich zu dem alten Bürgermeister um. „Ich werde hier zurechtkommen. Danke, dass du dich um alles gekümmert hast.“ Lewis, sichtlich befriedigt, dass seine Mühen nun doch anerkannt wurden, setzte ein gönnerhaftes Lächeln auf und winkte ab. Robin grinste, sagte jedoch nichts dazu.
„Liebe Grüße übrigens von Jeremiah.“ Juno hatte ganz vergessen, dass sie Lewis hatte grüßen sollen. Dieser sah sie überrascht an. „Er hat mich erwähnt?“ Juno nickte.
„Ja, er hat diese Farm geliebt.“ Lewis führte die Frauen wieder hinaus auf die Veranda. „Es freut mich sehr, dass sie nun wieder bewirtschaftet werden soll. Apropos.“ Er deutete auf eine große braune Kiste am östlichen Farmausgang. „Alles, was du verkaufen willst, hole ich nachts ab. Leg ruhig alles hinein, was du nicht mehr brauchst. Ich finde immer einen Käufer.“
Kurz stellte sich Juno vor, wie Lewis ein mit fast 20.000 Sternen bewerteter eBay Verkäufer war und schmunzelte. Na gut. Alles bedeutete alles. Sie nahm die Herausforderung an.
„Ansonsten habe ich hier noch ein paar Sachen, die dir den Anfang erleichtern sollten.“ Er reichte ihr einen Schuhkarton. „Drin sind eine Karte der Umgebung, ein Kalender mit Geburtstagen und Festivals, Powerriegel und ein paar Samen, gesponsert von Pierre, unserem Einzelhändler. Hast du noch die Liste mit den Namen der Dorfbewohner, die ich dir geschickt habe.“ Juno nickte. „Gut. In unserem Dorf bist du schon fast eine kleine Attraktion geworden und jeder freut sich darauf, dass Black Bean bald wieder regionale Köstlichkeiten liefert. Wie wäre es also, wenn du dich durch die Liste arbeitest und allen vorstellst? So als eine kleine Nebenaufgabe, bevor deine Farm richtig floriert.“
Robin rollte mit den Augen. „Hier leben 28 Menschen und man kann sich unmöglich aus dem Weg gehen. Aber wenn du einen Tipp willst, Juno, dann komm Freitagabend in den Stardrop Saloon. Da findest du die meisten auf einem Fleck.“
„Das werde ich“, versprach sie. Ein Saloon. Interessant.
„Und wenn du mit meinem Sohn ins Gespräch kommen willst, erwähne einfach, dass du auch so ein Teufelsding fährst.“ Mit kaum verhohlener Missbilligung nickte sie zu Junos Kawasaki. „Vielleicht freundet ihr euch ja an. Das würde ihm gut tun.“
„Okay.“ Juno war etwas zögerlich. Wie alt war ihr Sohn wohl, dass sie ihn auf diese Art und Weise zum Spielen mit Gleichgesinnten verabreden musste. Aber wenn Juno eines nicht war, dann leicht beeinflussbar. Sie würde sich wohl bald eine eigene Meinung bilden können, was genau da in der Familiendynamik von Robin und ihrem Sohn abging.
„Also gut.“ Lewis machte sich zum Aufbruch bereit und auch Robin hatte anscheinend nichts mehr zu sagen. „Ich freue mich schon darauf, dich in der Stadt zu sehen. Gutes Gelingen!“ Beide drückten ihr mit aufrichtigen Glückwünschen die Hand und verschwanden dann.

Allein setzte Juno sich auf ihre Veranda und überblickte die Farm. Oder versuchte es. Bäume und wildes Gras verdeckten ihre Sicht. Sie hatte überhaupt keinen Überblick, wie viel Land sie jetzt eigentlich besaß. Sie stand auf. Da würde sie sich doch Abhilfe verschaffen können. Allerdings fiel ihr nicht die Karte ein, sondern ihre beste Idee war, auf den nächsten Baum zu klettern. Mit quietschenden Lederhosen ging das allerdings nicht so gut und so beschloss sie, es mit dem Dach ihrer Hütte auszuprobieren. Sie ging um das Haus herum, um eine gute Aufstiegsmöglichkeit zu finden und entdeckte dabei, versteckt an der Nordwand, ein kleines Plumpsklo, an dessen Seite noch ein Eimer mit Seil befestigt waren, die wohl als behelfsmäßige Dusche fungierten sollten, sowie eine ältere, aber Yoba sei Dank dichte Zinnoberwanne. Entgeistert schaute sie auf den angelaufenen Emaille Pott mit den verdächtigen braunen Streifen, dann lachte sie. „Ich glaub mich beißt ein Pferd.“ Mit einem Seufzen rieb sie sich die Stirn und grinste. „Wo bin ich hier bloß gelandet?“ Stromanschlüsse um ihrem Fernseher Saft zu geben, aber ein verdammtes Plumpsklo, eine offene Feuerstelle im Haus und eine Farm, auf der sie das Land vor lauter Bäumen nicht mehr sah. Sie sah auf ihr Smartphone. Und natürlich eine miese, mobile Internetverbindung.
Juno beschloss, es einfach hinzunehmen, dann halt auf Briefe und Telefonate umzusteigen und sobald wie möglich mit Robin über das Haus Upgrade zu reden. Immerhin hatte sie nun ihren Aufstieg gefunden. Sie drehte den Waschzuber um, kletterte von ihm auf das niedrige Dach des Örtchens und griff dann nach der Regenrinne an ihrem Haus. Etwas unsicher hielt sie sich auf dem Dach an den Schindeln fest und kickte kurzerhand ihre Boots von den Füßen, um einen besseren Halt zu haben. Dann richtete sie sich wackelig auf. Und es war als hätte sie ihren Optimismus mit den Stiefeln vom Dach gekickt.
Der erste Eindruck hatte nicht getäuscht. Die Farm war völlig überwuchert. Ein Fluss zog sich in der Mitte entlang und Klippen machten eine großflächige Bestellung des Landes unmöglich. Plötzlich verstand sie, warum Großvater Jeremiah von seinen Kindern zum Schluss nur noch liebevoll die irre alte Schwarzbohne genannt wurde. Dass er dieses Land einmal hatte bewirtschaften können, glich einer Meisterleistung. Kein Wunder, dass er sich nur ein Plumpsklo hatte leisten können. Wie sollte sie das nur schaffen?
„Klein anfangen“, murmelte sie. „Effektive Kleinziele führen zum gewünschten Erfolg.“ Hoffentlich. Aber Müßiggang war noch nie ihre Schwäche gewesen und so erstellte sie innerlich eine Liste der Dinge, die definitiv als erstes an der Farm gemacht werden mussten.
Sie ging wieder in die Hocke, glitt dabei mit den Füßen auf den bemoosten Schindeln aus und rutschte vom Dach. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr und gerade noch rechtzeitig konnte sie sich an der Regenrinne festhalten. Die Wucht ließ sie mit der Hüfte gegen die Hauswand knallen, was ihren Fall dämpfte, dann hatten auch ihre Finger keinen Halt mehr und sie sackte mit einem Plumps auf den Boden. „Ugh.“ Stöhnend rieb sie sich Hüfte und Gesäß und rappelte sich auf. Mist. Glücklicherweise schien es so, als hätte sie sich nichts gebrochen. Wäre sie ein abergläubischer Mensch, hätte sie das als schlechtes Omen genommen. So betrachtete sie es aber mehr wie eine Art Einweihung und Black Beans ganz persönliche Art, sie willkommen zu heißen.
Juno sammelte ihre Stiefel ein, schob humpelnd ihr Bike in eine kleine gepflasterte Nische, die wie gemacht dafür schien und betrat wieder ihr Haus. Sie öffnete mehrere Kartons, darunter den mit ihrem Werkzeug und dem Overall und Lewis kleines Willkommensgeschenk. 15 Steckrüben Samen befanden sich als „Starterpaket“ darin. Wow. Da war aber jemand knauserig. Aber einem geschenkten Gaul schaute man ja bekanntlich nicht ins Maul. Sie würde einfach auf ihrer Vorstellungsrunde nachher bei diesem Pierre anhalten und schauen, was er noch so zum Aussäen verkaufte.
Sie machte ein kleines Feld direkt an ihrer Veranda frei, in das sie die 15 Samen einsetzte und fleißig goss. Dann beschloss sie, kurz in dem Fluss zu baden, um sich ansatzweise frisch zu machen, wenn sie die Leute des Dorfes abklapperte.
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