Von Raben und Sonnenblumen

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
11.02.2018
02.09.2018
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Dieses Kapitel
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Viel Spaß beim Lesen!
Da sich bei mir Chat-Slang, englische und deutsche Rechtschreibung vermischen, sind Kommata zu meiner Schwäche geworden. >.< Lasst es mich wissen, wenn euch etwas auffällt.



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Kapitel 1 – New Year, New Me




Juno Corvinia Reyes schloss die Tür zu ihrer Zwei Personen WG auf, während sie versuchte, den Stapel Bücher über angewandte Agrarwissenschaften, den sie sich last minute noch aus der Bibliothek mitgenommen hatte, zu balancieren. Ihr Mitbewohner Jim stand in der Küche und nickte ihr zur Begrüßung zu. Wären ihre Gedanken nicht von ihrem bevorstehenden Projekt abgelenkt, hätte sie sich mal wieder im Stillen geärgert, wie sehr die Wohngemeinschaft den Charakter einer Zeck-WG angenommen hatte seit er hier wohnte. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie die Wohnung vor einem knappen Jahr einfach komplett übernommen. Leider hatte sie da schon ihrem Vater und ihren beiden Schwestern über ihr Vorhaben informiert, die daraufhin ihre Liquidität gestrichen hatten.
Sie strich sich die schwarzen Locken aus dem Gesicht und schüttelte dann über der Spüle den Schnee  von ihren Schuhen und Mantel. Schnee. Frost. Als sie vor 4 Jahren nach Zuzu City gezogen war, um das Zuzu City Universal College zu besuchen, war ihr das komplett neu vorgekommen. Sie hatte die warmen Fern Islands schrecklich vermisst mit seinen weißen Stränden und den vielen Farben. Aber irgendwann begann sie, den Schnee für seine Andersartigkeit zu zelebrieren so wie sie ihr Vorhaben, nicht in ihrer Heimat, sondern im Norden zu studieren zelebrierte. Ein Symbol für ihren Mut und den Drang, sich selbst zu beweisen. Sobald sie sich das bewusst gemacht hatte, waren Schnee und  kaltes Wetter ihre liebsten Witterungsbedingungen geworden.
Juno nahm die Tasche und die Bücher wieder in den Arm, schnappte sich ihre Post, bei der sie schon ihren letzten Gehaltsscheck ausmachen konnte, und begab sich mit einem halben Abschiedslächeln für Jim in ihr Zimmer. Dort angelangt öffnete sie von oben nach unten ihre Post. Der erste Brief war die Erinnerung ihres Vaters, dass er ihr Vorhaben nicht gut hieß, mit der ewigen Bitte, zurück zur Familien Farm zu kommen und zusammen mit ihren Schwestern das Unternehmen zu führen.
Sie schnaubte verächtlich und warf das Papier in die Ecke. Yoba sei Dank konnte er nichts weiter tun außer ihr die Studienförderung zu streichen. Opa Jeremiah hatte letztendlich ihr die Farm vermacht. Da konnte ihr Vater leider nichts gegen sagen außer, dass er das für einen großen Fehler hielt. Nun, da war der Tonus der Familie wirklich nichts Neues.
Als nächstes kam ihr Gehaltsscheck. 850 Grubel. Das reichte vollkommen, um ein paar Starter Werkzeuge zu kaufen, ihre Versicherungen zu bezahlen und Benzin zu tanken. Ihre Möbel würde sie an ihren Nachmieter verkaufen und nur das Wichtigste voraus schicken: Bücher, Bett, Kleidung und ein bisschen Kleinkram für Küche, Bad und Wohnen. Sie wollte nichts behalten, was Ballast in ihrem neuen Leben werden konnte.
Der dritte Brief kam von Herrn Lewis, dem Bürgermeister von Pelican Town. Woher er gehört hatte, dass Juno Black Bean Farm übernommen hatte, war ihr ein Rätsel, aber er versprach, alles für sie bereit zu machen (unnötig, wie sie fand, aber sie vermutete, dass kleine Gemeinden so funktionierten) und verwies mehrmals auf eine Liste mit den Dorfbewohnern, die „es alle kaum erwarten konnten, dass Juno herzog und sich sehr auf den Frühling freuten.“ Juno zuckte mit den Schultern. Na gut. Konnte ja nichts schaden, wenn Lewis schon mal Hand anlegte. Vielleicht erklärte er sich ja auch bereit, ihre Möbel schon einmal entgegen zu nehmen, dann musste sie nicht in den nächsten Wochen hin und her fahren. Sie legte die Liste mit einer kleinen Randnotiz zu ihren Dokumenten.
Als letztes öffnete Juno den Befund ihres Hausarztes. Sie hatte sich bereits erkundigt, ob man sie in Pelican Town fachkundig versorgen könnte. Leider könne Dr. Ostafanus ihr dort keine genaue Auskunft geben, las sie, außer dem Namen und die Adresse des dort residierenden Arztes. Er würde aber einen Patientenbericht beilegen, den sie Dr. Harvey Frisk vorlegen könne. Kurz überflog sie den Bericht, studierte ihre Krankenakte wie eine Zeitung und ihre reißerischen Schlagzeilen und legte ihn dann auf die Liste mit den Namen der Dorfbewohner. Wenn es wirklich nicht anders ging, befand sie, konnte sie ja auch immer noch den Trip zurück nach Zuzu City machen. Jasmin würde sie bestimmt eine Nacht bei ihr übernachten lassen.
Kurz sinnierte Juno über ihre Freundin, die den wohl kleinsten und spärlichsten Friseursalon von Zuzu City direkt unter Junos WG betrieb. Juno hatte dort noch nie Kundschaft außer sich selbst und einer alten Lady gesehen, die Jasmin konsequent mit einem Tierfriseur verwechselt hatte und einmal im Monat Pudel Fluffy für eine Stunde zu Jasmin brachte. Das machte aber der Friseurin nichts aus, denn irgendwann hatte sie die Lady überzeugen können, außerdem auch für Nicht-Tiere die Haare zu schneiden, womit Jasmin dann drei Kunden gewonnen hatte: Ms. Koschki, Juno und Fluffy.
Außer Jasmin hatte Juno keine Freunde mehr in der Innenstadt. Die meisten ihrer Freunde hatten geheiratet und waren in die Randbezirke wie New Zuzes oder Manzuko gezogen. Es störte sie nicht. Sie waren nun mit deren Leben beschäftigt und Juno mit ihrem. Trotzdem konnte sie hin und wieder das Gefühl von sozialer Isolation nicht komplett verdrängen. Mehrere, sinnlose und oberflächliche Dates, bei denen sie die Typen einfach nur gelangweilt hatte, verstärkten diesen Effekt. Hinzu kam, dass ihr Studium sie zum Ende hin sehr frustriert hatte. Sie wollte wieder Berge sehen, Pflanzen aussäen, Erde umgraben, abends todmüde ins Bett fallen, bei Regen sich eine Auszeit gönnen, mehr Kommunikation als ein stilles Nicken zum Zeichen der Anerkennung der gegenseitigen Existenz haben, und –  letztendlich – sich etwas eigenes aufbauen und nicht auf dem Erfolg ihrer Familie ausruhen.
Ein Flimmern in ihrer Magengegend machte sich bereit. Kurz fühlte sie in sich hinein, aber es war nur Aufregung. Sobald sie diese erkannt hatte, gab sie sich völlig dem Flimmern hin. Es füllte sie aus mit Vorfreude und Tatendrang und ließ sie fast platzen. Unbändige Energie durchströmte sie und obwohl sie eigentlich den Nachmittag mit lesen hatte verbringen wollen, schnappte sie sich ihre Schlüssel und war wieder zur Tür heraus.

In Jasmins Salon gönnte die Friseurin Fluffy gerade eine abschließende Krauleinheit. Die herausschauende Zunge zeigte, dass der Pudel diese in vollen Zügen genoss. Der Duft von einem herben Kräutershampoo erfüllte das Studio und mischte sich mit kalter, abgasgetränkter Winterluft, als Juno mit Wucht die Tür aufdrückte. Hund und Kraulmeisterin zuckten erschrocken zusammen. Als sie erkannten, wer da den Salon betrat, erntete Juno ein halbherziges Wuff und ein Schwanzwedeln sowie ein Lächeln und eine müde Handbewegung, die als Winken durchgehen konnte. Sie ignorierte das.
„Jasmin, hilf mir. Ich glaube ich werde verrückt.“ Juno ließ die Tür zu fallen, die leider nicht ihrer inneren Verfassung Ausdruck verleihen wollte und mit leisem Klingeln behäbig und sanft in ihr Schloss glitt. „Nur noch 14 Tage.“
Jasmin lächelte traurig, dann bat sie Fluffy von seinem Stuhl und auf das Kissen, das Ms. Koschki für ihn dagelassen hatte, sollte er schneller fertig sein als sie von ihrem Einkauf zurück. Juno warf sich in den Stuhl daneben und ließ sich von ihrer G-Kraft herum schwingen. „Bist du immer noch so nervös?“, fragte ihre Freundin.
„Nervös?“ Juno lachte. „Ich glaube, ich explodiere gleich. Ich kann es kaum erwarten, meine Hände in die weiche Erde zu drücken, mein eigenes Haus zu haben, vielleicht einen Hund oder eine Katze, oder Hühner.“ Sie griff nach Jasmins Handgelenken. „Hühner, Jasmin! Und vielleicht eine Kuh. Kannst du dir das vorstellen? Ich, wie ich in Schürze und Kopftuch auf einem Hof stehe und Mais werfe, um den sich dann meine Hühner zanken werden?“ Bei der Vorstellung lachte sie noch einmal. „Hier schau mal.“ Sie zückte ihr Smartphone und öffnete die Bildergalerie. „Das ist der Overall, den ich mir gekauft habe. Wie findest du ihn?“
Jasmin nahm ihr das Handy aus der Hand und schaute sich mit zweifelndem Gesichtsausdruck das Foto an. „Wirklich? Das willst du tragen? Das ist aber schon ein ziemlicher Stilbruch.“ Sie deutete auf Junos komplett schwarzes Outfit, das sich in der Farb- und Materialauswahl so gut wie nie änderte. Jasmin gab ihr das Handy zurück. „Das sieht aus als hätten Luigi und die Bürgermeisterin ein geheimes Kind der Liebe gehabt.“ Juno grinste. „Ich setze einfach einen neuen Trend und mache die Overalls der 90er wieder zu akzeptabler Streetwear.“
Jasmin lachte nun ebenfalls. „Du bist wirklich komplett von deinen Fähigkeiten überzeugt, oder? Dass du in deinem Studium auf Forschung und Entwicklung spezialisiert warst und du außerhalb deiner Kindheit keine Erfahrungen in der Landwirtschaft gemacht hast, schreckt dich überhaupt nicht ab.“
„Nein.“  Es war nicht das erste Mal, dass die beiden diese Diskussion hatten. Anders als ihre Familie beließ es Jasmin jedoch dabei. Sie hatte keine wirklichen Zweifel, aber da Juno immer aus dem Bauch heraus Entscheidungen traf, fand sie sich selber oft in der Rolle der Vernünftigen.
Juno drehte sich noch immer auf dem Stuhl. „Ich könnte Bäume ausreißen, Jas.“ Sie lachte. „Das muss ich bestimmt auch bald. Opa Jeremiah ist vor 15 Jahren gestorben und seitdem hat sich niemand mehr um die Farm gekümmert.“ Jasmin packte die Lehne des Friseurstuhls und drehte ihn so, dass Juno sich im Spiegel angucken konnte. Ihr Blick wurde verschwörerisch und sie senkte die Stimme. „Ich weiß ganz genau, was du jetzt brauchst.“ Sie zauberte eine Tube mit pinkem Gel hervor. „Eine neuen Look.“ Junos Augen fingen an zu leuchten, dann runzelte sie die Stirn. „Jas. Lass es bitte nicht wieder einer dieser Farbproben sein, die dir ein ominöser Vertreter hinter lassen hat.“ Die Friseurin versuchte nicht sehr überzeugend Junos Bedenken mit einem Lachen und einer passenden Handbewegung wegzuwischen. „Ach nein. Die ist schon ewig in meinem Sortiment.“
Juno zog eine Augenbraue hoch, was Jas dazu veranlasste zu sagen: „Ehrlich gesagt, wollte ich dir schon länger die Haare pink färben.“
„Wie lange?“
„Seit dem wir uns kennen.“
„Du hast also seit 4 Jahren ein pinkes Färbemittel in deinem Regal stehen, das du noch nie an jemanden getestet hast.“
„Bitte, Juno. Das wird toll!“
„Ich bin 27. Das wäre etwas für mein 20-jähriges Ich gewesen.“
„Ach papperlapp. Schau dir Fluffy an. Letztens hab ich ihm die Haarbüschel vor den Augen gestutzt und das war eine der besten Ideen, die ich hatte!“
„Das ist wirklich nicht sehr aussagekräftig.“
„Juno.“ Jas legte ihr die Hände auf die Schultern und drückte diese. „Das wird der Hit! Neues Jahr, neues Leben, neues Du!“ Als sie bemerkte, dass sie Juno immer noch nicht überzeugt hatte, wechselte sie die Strategie. Ihr Gesicht wechselte den Ausdruck von begeistert zu melancholisch. Sie schaute Juno traurig an. „Ich möchte doch nur, dass du etwas hast, das dich an mich erinnert.“
Juno schwieg für eine Zeit, dann seufzte sie und nickte. „Na gut. Aber wenn es nachher blöd aussieht, machst du es wieder schwarz“, rief sie ihrer Freundin hinter her, die augenblicklich im Hinterzimmer zum Anmischen der Farben verschwunden war. Die angehende Farmerin betrachtete sich im Spiegel.
Eh. Dieser sinnierende Kleinkram im Spiegel war doch nur was für Nichtskönner. Juno liebte Risiken und sie war mehr als bereit für ihren Traum.
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