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Über den Dächern der Welt

von weltfee27
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Andreas Wellinger Daniel-André Tande Domen Prevc Johann André Forfang OC (Own Character) Peter Prevc
11.02.2018
10.06.2021
52
186.672
42
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Dieses Kapitel
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10.06.2021 1.637
 
Ich schaute auf meinen Laptop, aber die Buchstaben verschwammen nur vor meinen Augen. Alles, was ich wollte, war mein altes Leben zurück. Irgendwie hatte ich es geschafft, das kaputt zu machen, was mir am Wichtigsten war.

Peter.

Kaum kam sein Name in meinen Kopf, musste ich mich beherrschen. Ich wollte nicht wieder weinen! Seit Wochen existierte ich zwar noch, war mit meinen Gedanken aber immer so abwesend, dass es sich anfühlte, als hätte ich Watte im Kopf. Das wirkte sich auch negativ auf mein Studium aus. Hatte ich früher noch einen scharfen verstand und konnte mir Sachen blitzschnell merken, stand ich seit der Abtreibung komplett neben mir und fühlte mich, als hätte ich niemals Medizin studiert. Dieser Prozess machte mir insgeheim genauso viel Angst wie die Sache, dass sich Peter nicht bei mir meldete.

Wie mochte es ihm wohl gehen? An was dachte er, wenn er abends einschlief? An was dachte er, wenn er morgens aufwachte?  Dachte er an mich? An uns? Vermisste er mich? Vermisste er uns? Oder war ich ihm mittlerweile gleichgültig geworden? Dachte er, er wäre ohne mich vielleicht eh besser dran? Soviel Unglück, wie ich in sein Leben gebracht hatte?

Verzweifelt schlug ich wieder einmal die Hände vor dem Gesicht zusammen und mir liefen heiße, salzige Tränen das Gesicht runter und tropften auf meine Lernblätter. Hektisch versuchte ich, die Tränen herunter zu wischen, aber sofort verschwamm die Tinte und ich konnte den Buchstaben nur noch zuschauen, wie sie immer mehr verliefen und unlesbar wurden.

Genau wie mein Leben. Es glitt immer tiefer in den Abgrund und ich vermochte nichts dagegen anzurichten. Plötzlich fiel mir siedend heiß ein, dass ich mit Domen ja heute zur Nachhilfe verabredet war. Eigentlich fühlte ich mich dazu nicht in der Lage, aber wenn ich eins hasste, dann war es, wenn Versprechen nicht eingehalten wurden. Also hiefte ich mich von meinem Stuhl hoch und lief ins Badezimmer meiner kleinen Dachgeschosswohnung über den Dächern Ljubljanas.

Die Wohnung war immer noch mein Ein und Alles. Hier fühlte ich mich sicher und geborgen und es war so sehr meine Heimat, dass ich schon fast vergass, dass ich gebürtig aus Deutschland kam. Auch wenn mich meine immer noch nicht ausreichenden Slowenisch-Kenntnisse jeden Tag daran erinnerten. Trotzdem war ich genau an dem Ort, an dem ich sein wollte. Wäre nur mit Peter wieder alles so wie früher. Ich machte mir Sorgen um ihn. Schließlich hatte ich mitbekommen, wie sehr er um seine Form kämpfte. Auch wenn das seinem Status hier in Slowenien keinen Abbruch tat und er von den Fans fast noch mehr geliebt wurde, seit er eine Schwäche offenbart hatte. Was wohl dort in den Bergen passiert war, als ich nicht dabei gewesen war und mich nicht bei ihm gemeldet hatte?

Mir schoss das Blut in die Wangen, so sehr schämte ich mich, dass ich ihn dort im Stich gelassen hatte. Vorsichtig zog ich meine Wimpern nach und versuchte meinen Augen einen etwas wacheres Aussehen zu verliehen. Leider schauten sie mich nur weiterhin grau und traurig mit Tränen gefüllt an. Seufzend versuchte ich meinen Wangen mit Rouge etwas Leben zu verleihen, gab es dann aber auf. Dann sah ich eben so aus wie ich mich fühlte.

Fünf Minuten später klingelte es an meiner Haustür und Domen kam herein, nachdem ich ihm die Tür öffnete. Er fiel mir direkt um den Hals und drückte mich fest. Überrumpelt wusste ich gar nicht, wie ich mich verhalten sollte, entschloss dann aber, die Umarmung zu erwidern und drückte Peters kleinen Bruder dicht an mich. Er hatte mir gefehlt. Trotzdem war ich sehr froh, dass er zur Mathe-Nachhilfe in meine Wohnung gekommen war und ich nicht in das Haus von Peters Familie musste. Zu viel dort hätte ich mich an die Vergangheit erinnert und der Schmerz um das, was ich verloren hatte, wäre zu viel für mich gewesen.

„Hey Lolla, schön dich mal wieder zu sehen! Wie geht es dir? Ich dachte schon, du bist so schnell aus unserem Leben verschwunden, wie du hereingekommen bist!“

Domen grinste mich schief an und ich merkte seinen herzlichen Unterton und war total gerührt. Schließlich wirkte er immer wie ein Wirbelwind von außen, aber er hatte so ein weiches, emphatisches Herz, dass es eine Freude war, Zeit mit ihm zu verbringen.

Ich merkte, wie ich rot wurde und den Blick von Domen schnell abwand. Tief in mir drinnen schämte ich mich für mein Verhalten. Wie konnte ich dieser wunderbaren Familie, die mich so herzlich aufgenommen hatte, den Rücken kehren? Und ihnen so viel Kummer bereiten?
In letzter Zeit war ich sowieso ziemlich weinerlich und in solchen Momenten schoßen mir die Tränen in die Augen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Mich machte das verdammt wütend! Wieso konnte ich meine Trauer nicht herunter schlucken und Herr meiner Sinne sein?

„Lolla, was ist denn los? Habe ich irgendwas falsch gemacht? Hat Peter dir weh getan? Du musst nur etwas sagen, ich schwöre, ich haue ihm auf die Schnauze, das sage ich dir!“

Gegen meinen Willen musste ich lachen und war gerührt davon, wie besorgt Domen mich anschaute. Süß von ihm, dass er sich Sorgen machte. Seine Freunde ließ Domen nicht einfach im Stich.

„Tut mir Leid für die feuchte Begrüßung! Lass dich umarmen, Domen!“ Um über meinen Gemütszustand hinwegzutäuschen, zog ich ihn noch einmal hastig in die Arme und drückte ihn kurz aber kräftig. „Mir ging es in letzter Zeit nicht gut, aber du hast gar nichts damit zu tun, Domen. Im Gegenteil, ich freue mich, dass wir uns wieder sehen! Es war schon überfällig.“
Lächelnd schaute ich Domen in seine braunen Augen, die mich sofort an Peters Augen erinnerten. Gott, wie sehr vermisste ich meinen Freund und die unbeschwerten Stunden mit ihm. Ich sehnte mich so sehr nach dieser Zeit, dass es wehtat und ich merkte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief.

„Alles gut, wirklich! Lass alles raus. Meine Mum sagt immer: Schmerz muss raus und zwar in Form von Tränen! Wenn du mir erzählst, was überhaupt los war, dann kann ich dir vielleicht helfen.“ Vorsichtig guckte Domen mich an.

„Du bist so ein verdammt neugieriger Junge!“ Nachdem ich das gesagt hatte, zog Domen einen Schmollmund und ich musste wieder lächeln. Ein ganz ungewohnter Zug für meine Lippen. Ich merkte, wie mir das Treffen mit Domen gut tat und ich ein wenig auftaute. „Sagen wir mal so, mir ging es gesundheitlich nicht gut und ich musste, wie du ja mitbekommen hast, als ihr mich im Krankenhaus abgeholt habt, operiert werden.“

Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber es war auch nicht gelogen. Zu mehr war ich jetzt einfach noch nicht bereit. Zu sehr schmerzte es mich, was ich aufgegeben hatte. Peter und ich hätte eine Familie werden können, aber ich hatte es durch meine eigene Entscheidung kaputt gemacht. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich über mich selber den Kopf schütteln. Nur war ich damals so sehr in der Situation und in meinen Gefühlen gefangen gewesen, dass ich nicht darüber reflektiert und objektiv nachdenken konnte. Ich wollte Peter nur damit schützen, dass er nicht die Last dieses Kindes tragen musste. Nur hätte ich ihm die Chance geben müssen, dies selber entscheiden zu können. Ich hätte das nicht über seinen Kopf hinweg entscheiden dürfen.

„Na gut, ich werde das jetzt mal akzeptieren. Aber nur, weil wir wirklich Mathe machen müssen. Sonst kann ich die Skispringerkarriere vergessen und Busfahrer werden.“ Gequält verzog Domen sein Gesicht und jetzt brach das Lachen einfach aus mir heraus ohne, dass ich etwas machen konnte.

Die nächsten zwei Stunden waren eine Wohltat für mich. Ich fühlte mich ein wenig in meine Schulzeit zurück versetzt, als ich meine Sorgen auch immer in Matheaufgaben ertränken und vergessen konnte. Wenn ich mich konzentrierte, eigentlich egal bei was, dann verflog alles, was mich bis dato belastete. Ich war wieder frei und konnte atmen.

Fühlte sich so Skispringen an?


Peter Sicht

„Konzentrier dich, Peter!“, mahnte ich mich selber, während ich die Stufen zur Schanze hochging. Seit einigen Wochen kämpfte ich um die Form und mühte mich ab, in die alte Spur zurück zu kommen. Langsam aber sicher sah es auch danach aus, als würden sich die Mühen lohnen.

Mit Behutsamkeit setzte ich mich Minuten später auf den Holm und kontrollierte die Bindung meiner Schuhe. Das war so etwas wie ein Gewohnheitsritual für mich. Genauso wie den Rücken durchzustrecken und alle Muskeln einmal anzusteuern. Es half mir, mich auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten.

„Und ab“, hörte ich die Stimme meines Trainers.

Wenige Sekunden später war ich in der Luft und schwebte über allem. Kurz kam mir Lolla in den Kopf. Ihre wundervollen, warmen Augen. Ihr Lächeln, wenn sie den Kopf ein wenig schief legte und ihr eine braune Haarsträhne über die Augen fiel, die ich ihr so gerne hinter die Ohren strich. Ihr zartes Äußeres, das mich immer ein wenig an ein Reh erinnerte. Anmutig und wunderschön, aber ständig auf der Hut und angespannt, sodass es beim kleinsten Geräusch flüchten und weglaufen konnte. Aktuell kam sie mir tatsächlich vor, als wäre sie auf der Flucht.


Unsanft, in diesen Gedanken vertieft, landete ich, verpatzte den Telemark und kämpfte um mein Gleichgewicht. Nachdem ich mich einigermaßen stabilisiert hatte, kam mir noch ein anderer Gedanke.

War ich es, der Lolla in die Flucht geschlagen hatte?

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Ich lebe noch :) Und Peter und Lolla gibt es auch noch. Auch wenn mittlerweile (sehr viel) Zeit vergangen ist, kämpfen die beiden noch mit den selben Problemen, wo sie damals standen.

Ich hoffe, ihr verzeiht es mir, dass ich sooo lange für ein weiteres Kapitel gebraucht habe. Leben und so... :(
Ich habe euch lieb und jeder, der meine Geschichte liest, hat einen Platz in meinem Herzen <3
Liebe Grüße
weltfee27

P.s. Ich war ein weiteres Mal in Slowenien und es ist einfach das schönste Land überhaupt! Ich kann nur jedem empfehlen, hinzufahren!
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