Liedtexte und andere Verbrechen

von Pru
GeschichteHumor, Parodie / P12
10.02.2018
08.02.2019
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Als ich das Lied das erste Mal im Radio gehört habe, dachte ich zuerst: "Pflaster? Ehrlich? Warum singt der Sänger dieser Band vom Straßenbau? Und was hat das alles mit einem Hamster vor dem Fenster zu tun?" Es wird Zeit den Text mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ich hatte schon längst keine Hoffnung mehr
Doch jemand hat dich geschickt, von irgendwo her
Du hast mich gefunden,
in der letzten Sekunde.


Willkommen in der Depri-Welt unseres Sängers (in dem Fall männlich, weil das Lied im Original von einem Mann gesungen wird. Wer will, kann sich natürlich auch eine Frau vorstellen). Wenn man ihm glauben schenken sollte, so steht er nackig auf dem Eiffelturm in Paris, sein kleiner Pullermann schlackert im Wind, und sein Gehirn ist bereit in die Tiefe zu stürzen [okay, das habe ich mir gerade ausgedacht, um alles schön dramatisch aufzuplustern... wie man das eben so macht in schlechten Hollywoodfilmen]. Plötzlich kommt aus dem Nichts eine Person [weiblich oder männlich wissen wir nicht, wird ja nicht erwähnt. Für alle Heterofreunde: Es ist das andere Geschlecht, für alle Homofreunde: Es ist das gleiche Geschlecht. Für alle anderen: Es ist eine geschlechtsneutrale/bisexuelle Person.], die unseren Sänger vor dem sicheren Tod rettet. Es ist natürlich ein*e Psycholog*in.

Ich wusste nicht mehr genau, was zählt
Nur: es geht nicht mehr weiter, wenn die Liebe fehlt
Du hast mich gefunden,
in der letzten Sekunde.


Okay, statt sich jetzt über langweilige Rosamunde-Pilcher-Szenen mit seinem*r Retter*in auszulassen, will unser Hauptprotagonist noch ein bisschen in Selbstmitleid versinken. Weil das ja viel besser ist, bei kalten Temperaturen, in 300 Meter Höhe und ohne Schlüppi. Er muss uns trotzdem noch mal unter die Nase reiben, dass er in letzter Sekunden gerettet wurde. Wie und wo und wann... will er uns aber nicht erzählen. Also können wir ohne eine schlechtes Gewissen über "Nackter-Mann-steht-auf-Eifelturm"-Szenario nachdenken.

Uiiii, ein Refrain. Kommt jetzt das triefig schleimige Rosamunde-Pilcher-Gequatsche, auf das wir alle so sehnsüchtig gewartet haben?!

Du bist das Pflaster für meine Seele

Als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, dachte ich mir: Warum Pflaster? Was hat ein Pflasterstein damit zu tun? Will der gute Sänger sein Herz zupflastern, damit es nicht mehr weh tut?

Erst nach zwei, drei, viermaligem Hören wurde mir bewusst, dass es sich um ein handelsübliches Pflaster handelt. Also so eines, wo man Schnittwunden mit verbindet, damit kein Dreck reinkommt.  Kinder lässt man gerne auch das Muster aussuchen, um sie ein bisschen vom Schmerz abzulenken. Da gibt es Einhornpflaster, Prinzessinenpflaster, Ritterpflaster, Star Wars Pflaster, Auto Pflaster und so weiter und so weiter. Am besten wir nehmen das Prinzessinnen-Pflaster für die Seele von unserem guten Herrn Tawil – die Frage ist nur: Wo soll man es hinpflastern? Wo versteckt sich denn eine Seele? Aah... am besten pappen wir das Ding auf die Stirn, damit es jeder sehen kann.

Wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle

Oh ja, ich quäle mich auch immer nachts... wegen der unsinnigen Texte von Liedern habe ich schon Albträume. Die Rechtschreib-Fanatiker verfolgen mich mit ihren Killern und wollen mich ermorden. Ich renne und renne und renne... irgendwo muss doch dieser verschollene Lexikon-Wald auftauchen... oder wurde der schon von der Wikipedia-Wüste in Besitz genommen. Aaahhh... Panik. Ich hörte sie kommen. Ich höre das Kratzen der Killer auf Papier, ich rieche ihre chemischen Spuren, ich ....

Es tobt der Hass, da vor meinem Fenster

Es tobt der Hamster vor meinem Fenster! Yeah! Der Hamster macht da voll die Party! Den Ghettoblaster zwischen den Zähnen, die Backen als Verstärker und die goldigste Goldhamsterkette um den dicken Hals geschnallt. 'Party! Party! Party!', schallt es aus seinen Backen. Alle Haustiere hören es, brechen aus ihren Käfigen aus und machen voll den Fetz auf der Straße. Die Bulldogge von nebenan verteilt selbst gemixten Punsch. Die Dackeldame unterhält alle mit einer Runde Limbo. Und die Ratte, tättoowiert bis oben hin, verscheucht alle unliebsamen Zweibeiner. Coole Party! Yeah!

Du bist der Kompass, wenn ich mich verlier',

Es soll ja Menschen geben, die sexuelle Beziehungen zu Dingen aufbauen. Ist das hier etwa auch der Fall? Möchte Ich und Ich uns damit sagen, dass einer von ihnen eine künstliche Intelligenz mit einem eingebauten Kompass ist. Oder dass sie sexuelle Fantasien mit Kompassen (Kompassi? Kompassusse? Plural von Kompass eben!) hegen?

Wenn wir uns von den sexuellen Fantasien mal hinwegbewegen, und nur den Satz zu nehmen, wie er ist, dann heißt das doch, dass das "du" einen Kompass bei sich trägt, wohingegen das "ich" so etwas nicht besitzt. Wenn also das "ich" einsam und verlassen im dunklen Wald verloren ist, dann wird es wohl dort kaum das "du" mit dem Kompass finden können. Folglich ist die Liedzeile komplett schwachsinnig, weil sie so niemals im echten Leben passieren würde. Im echten Leben hat doch jeder sein supermodernes Smartphone/Smartwatch/Smarties dabei – oder man benutzt ganz oldfashioned die eingebaute Sprachfunktion seines Körpers, die mittels Bluetooth-Verbindung das Kauwerkzeug kontaktieren kann, um so ganz einfach die nächste Person nach dem Weg zu fragen.

du legst dich zu mir wann immer ich frier'

Dazu müsstest du wissen, wann ich friere und genau in diesem Moment müsstest du dich zu mir legen. Sprich: Wenn ich im tiefsten Winter mal wieder früher raus muss und ewig an der Bushaltestelle warten muss, dann kommst du mit einem rosanen Teddybären-Schlafanzug zu mir und legst dich direkt neben mich auf den eiskalten Boden. Oder, wenn ich im Sommer im Supermarkt vor dem riesigen Kühlregal stehe, und meine Finger schon an dem Blubb-Spinat festgefroren sind, dann kommt mein glorreicher Frostbeulen-Retter und legt sich direkt auf den Supermarktfussboden... okay, einen hab ich noch: Wenn ich mal wieder mitten in der Nacht irgendwo mit dem Zug feststecke, weil mal wieder die Heizung ausgefallen ist, und ich selbst keine Ahnung hab, ob wir vor Köln, vor Hannover oder vor München stehen, dann weißt du, ja, ganz genau du, der du mir einen GPS-Tracker eingebaut hast, wo genau ich bin, und zerbrichst dabei das ICE-Fenster, nur um bei mir zu sein und mich zu wärmen. Ein bisschen romantisch ist das schon, nicht wahr? Aber nur ein bisschen... das andere, weit aus größere bisschen ist einfach nur dämlich.

Im tiefen Tal wenn ich dich rufe, bist du längst da.

Hexerei! Hexerei! Hexerei! Denn nur durch Hexerei, vor allem in ihrer Form als Vorhersagen, könnte man so etwas zu Stande bringen. Ach ja, es funktioniert auch nur im tiefen Tal. Wahrscheinlich ist dort die Hexen-WLAN-Verbindung am besten. Auf einem Gipfel mit viel Echo wäre das ja auch viel, viel, viel zu einfach.

Ich hatte schon längst den Faden verloren,

Vom "Bimmelbahn fährt durch die schönsten Täler" schalten wir nun auf "Stricken für Anfänger Teil 2", heute lernen wir, wie wir den Faden verlieren und ihn wieder aufnehmen. Spaß bei Seite. Natürlich meint er einen symbolischen Faden... ich glaube mal, der hat die Farbe rot. Den verlier ich auch häufiger. Scheint ein Problem von roten Fäden zu sein. Gibt es da nicht diese Alien-Rasse namens Prokas-Tinationis, deren Leibspeise rote Fäden sind?

es fühlte sich an wie umsonst geboren,

So fühl ich mich auch immer. Aber dann denke ich immer daran, was meine Eltern bisher für mich ausgegeben haben. Vom ersten Kinderbettchen, über Nahrungsmittel, Schulmaterialien, Ausflüge, und nicht zu vergessen die vielen Toffifee-Packungen (die bestimmt schon den Gegenwert einer Einzimmerwohnung haben). Also umsonst ist im Leben nichts, und daher kann man auch nicht umsonst geboren sein. Man kann sich nur so fühlen, und wenn man sich so fühlt, dann stopft man sich einfach mit viel, ganz viel, gaaaaanz viel Schokolade zu. So einfach ist das!

ich hab dich gefunden,
in der letzten Sekunde.


Gab es da irgendwo ein Wettrennen von dem ich nichts mitbekommen habe? Finde ein "dich" so schnell wie möglich. Alle fangen an zu suchen. Unter dem Teppich, auf dem Schrank, draußen im Park, unter dem Zebrastreifen (auf der Straße und im Zoo), im Aquarium, ja überall... und alle haben schon ihr "dich" gefunden, nur unser lieber Sänger noch nicht. Die Uhr tickt. Tick, Tack, Tick, Tack. Nur noch wenige Sekunden, dann ist das Spiel vorbei. Komm, Sänger, such, such, such. Noch drei Sekunden. Ja, da wird es wärmer. Schnell! Noch zwei Sekunden. Ja, genau da... schau doch genauer hin. Noch eine Sekunde! Ja, endlich hat er "dich" gefunden! (Geht es nur mir so, oder erinnert das alles ein bisschen an den Kindergeburtstagsklassiker "Topfschlagen"?)

Und jetzt die Gewissheit, die mir keiner nimmt,
wir waren von Anfang an füreinander bestimmt,


Achtung! Warnung! Romanzen-Territorium! Nichts für schwache Action-Helden-Nerven!

Ehrlich, dieses ganze Rumgeschnulze geht mir megamäßig auf den Keks. Ich bin doch kein 14-Jähriges Mädel mehr, dass nur Liebesfilme anschaut und hofft mit einem gutaussehenden 16-Jährigen Kerl bis ans Lebensende glücklich zu sein. Nein, so spielt das Leben nicht. Wie wir schon bei Mark Forster mitbekommen haben "Leben heißt Veränderung" und somit hat sich das naive Mädel in eine wissenschaftlich-denkende Frau verwandelt, die genau weiß, dass die rosa Brille nach einiger Zeit verschwindet... und danach wird man erkennen, dass man eben doch nicht sein ganzes Leben lang füreinander bestimmt war.

wir haben uns gefunden,
in der letzten Sekunde.


Topfschlagen für Erwachsene. Da hat der Spruch "Jedem Topf sein Deckelchen" gleich eine ganz andere Bedeutung.

Du bist das Pflaster für meine Seele
Wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle
Es tobt der Hass, da vor meinem Fenster
Du bist der Kompass wenn ich mich verlier',
du legst dich zu mir wann immer ich frier'
Im tiefen Tal wenn ich dich rufe, bist du längst da.


Der Refrain wiederholt sich, um das Lied unsinnigerweise noch länger zu machen. Na, Gott sei Dank kommt jetzt die Brigde (das ist der Teil, der irgendwie anders klingt als das gesamte Lied. Hier will unser Sänger noch einmal die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf sich lenken, oder sie von seinem anderen Gequatsche ablenken. Aber meist ist dieses Gequatsche auch nicht arg viel besser).

Bevor du kamst, war ich ein Zombie,
gefangen in der Dunkelheit,


Walking Dead? Halloween? Zombie?

Oh ja, jetzt kommt endlich der Horror-Grusel-Thriller-Film in diesem Geschnulze. Ich warte schon auf Splatter-Szenen, mit viel Blut, viel Eingeweihte... muarharharharhar!

du holtest mich aus meinem Käfig,
dein heißes Herz hat mich befreit.


Ähm.... ich bin enttäuscht. Wo ist der Kampf? Wo ist der heiße, weibliche Lara-Croft-Verschnitt? Wo sind die fiesen Evil-Overlord-Zombies, die nur darauf warten, unsere Retterin zu zerfleischen? Wo?

Stattdessen werden wir Horrorfilmfreunde mit einer unlogischen Rettungsaktion abgespeist. Ehrlich? Das lässt so viele Fragen offen, vor allem dann, wenn es um das Überleben nach einer Apokalypse geht. Stellen wir uns die Welt vor wie in Walking-Dead. Überall Zombies, die unsere Hirne wegfuttern wollten. Das Computerspiel "Plants vs. Zombies" hat zumindest einen Lösungansatz dazu geliefert, in dem es die Überlebenden dazu animiniert Sonnenblumen zu pflanzen und mit deren Energie Peashooters und sonstige bewaffnete Pflanzen zu bauen, um der Zombie-Armee Herr zu werden.

Dieser Liedabschnitt hier erinnert mich eher an den Film "Warm Bodies". Wer ihn nicht gesehen hat: R, ein Zombie, trifft auf Julie, ein Mensch, und beide haben Gefühle füreinander. Problem nur: Menschen mögen keine Zombies. Ähm ja... erinnert aber nur in gaaaaanz wenigen Szenen an Shakespeares Blockbuster Romeo und Julia.

Doch nun einmal zum Wesentlichen. Welchen Überlebenstrick will uns der Sänger in dieser Liedzeile mitteilen? Wenn wir also vor einem Zombie stehen, sollen wir uns mit einem Messer unser heißes Herz aus der Brust schneiden, und es ihm zum Fressen vorwerfen, nur so können wir dem Zombie von seinem Fluch befreien... dass wir dabei sterben ist ja nebensächlich.

Und nun schalten wir wieder zurück zum Refrain und der Hamsterparty, die bereits in vollem Gange ist. Die Kanarienvögel haben viel flüssiges Korn intus. Die Bulldogge rollt sich unter die Limbostange hindurch. Die Augen des Hamster schimmern in allen Farben des Regenbogens. Yeah! Der Hamster und seine Buddys toben immer noch vor dem Fenster.

Um dem Ende einen romantischen Touch zu geben:

Wenn sie nicht gestorben sind, so toben sie noch weiter!
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