Neue Hoffnung

von Fox tale
KurzgeschichteAllgemein / P6
Alexander von Brennenburg
09.02.2018
09.02.2018
1
1.245
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
09.02.2018 1.245
 
Wie lange nun schon? Wie lange versuchte er nun schon zurück zu kehren? Zurück in seine Welt. Zurück zu seinem Zuhause... Zurück zu seiner geliebten Frau. Jahrhunderte waren vergangen, unzählige Opfer hatten für seine Ziele unsagbare Qualen erleiden und sterben müssen. Doch Ihr Leiden war nicht umsonst gewesen. Er hatte es geschafft, hatte geglaubt endlich eine Chance auf eine Heimreise erhascht zu haben, doch waren es Weyer und Agrippa, welche ihn schändlich verraten und all seine Pläne für ihre eigenen zunichtegemacht hatten. Weyer war ihm davongekommen, doch Agrippa… Er war noch immer hier. Seine Geisel. Seine einzige Verbindung zu Weyer. Und doch, obwohl er ihn nun schon so lange in den unteren Etagen von Schloss Brennenburg festhielt, hatte Weyer sich nicht zu erkennen gegeben. Lediglich Briefe hatte er von ihm erhalten. Briefe, in denen er nach Agrippas Freilassung verlangt und ihm versprach, nach einem Ausweg aus seiner misslichen Lage zu suchen. Doch suchen reichte ihm nicht! Er wollte, er brauchte eine Bestätigung, dass er zurückkehren könne! Früher würde er Agrippa nicht freigeben. Aber was verleitete ihn dazu, zu glauben, er würde jemals zurückkehren können? Der Orb, welchen er besaß, war zerbrochen und er selbst nicht in der Lage die einzelnen Stücke wieder zusammenzusetzen. Was sollte er machen? Ohne diesen Orb war es hoffnungslos. Er benötigte die Kraft des Orbs, um das Portal zu seiner Welt zu öffnen. Gewiss, die einzelnen Bruchstücke besaßen ebenfalls ihre Kräfte, doch diese reichten bei weiten nicht an die Kraft eines vollwertigen, intakten Orbs heran, der die Kraft einzelner Bruchstücke bei weitem überstieg!

Ein tiefes Seufzen drang von den Lippen des Barons. Er hatte sich in seine Gemächer zurückgezogen und sich auf seinem roten Ohrensessel niedergelassen. Neben dem gemütlichen Sessel stand ein kleiner, runder Beistelltisch, auf dem auch eine Kanne mitsamt passender Tasse und Untertasse stand. Eine klare, hellbraune Flüssigkeit befand sich sowohl in der Tasse, wie auch in der Kanne. Tee. Tee der längst nicht mehr feine Dampfwölkchen hinaufsteigen ließ, sondern kalt und abgestanden in der Tasse ruhte, ohne dass der Baron – Alexander von Brennenburg – auch nur einen einzigen Schluck davon genommen hatte. Eine Verschwendung, um die sich der weißhaarige Mann jedoch nicht kümmerte. Das Gesicht des alten Mannes war in seiner faltigen Hand vergraben, während er seinen Gedanken nachhing. Wie lange würde er seinem Wunsch, seinem Verlangen noch nachhechten können? Würde er überhaupt lang genug leben, um seine Frau ein weiteres Mal zu sehen? Machte er überhaupt noch Fortschritte in seinem Vorhaben oder trat er lediglich auf der Stelle? „Was würde ich dafür geben, dich in meinen Armen zu halten?“ murmelte er leise, mit von Schmerz gepeinigter Stimme. Jetzt, gerade in diesem Moment schien alles so hoffnungslos. Er spürte längst, wie seine Knochen und sein Fleisch alt wurden und ihm nach und nach die Kräfte schwanden. Zwar mochte er kein Mensch sein und eine längere Lebensspanne als diese haben, aber auch er war nicht unsterblich. Sollte er vielleicht doch aufgeben und sich endlich in sein Schicksal einfügen? Nein! So durfte er nicht denken! Er musste kämpfen, bis zu seinem letzten Atemzug! Selbst wenn seine Hoffnung längst zerbrochen war.

Nach einigen langen Augenblicken, die sich für Alexander wie eine Ewigkeit anfühlten, hob der Baron endlich wieder seinen Kopf und richtete den Blick seiner Augen auf den Beistelltisch. Noch immer lagen dort, neben der Teetasse, einige ungeöffnete Briefe, die nur darauf warteten von ihm geöffnet und gelesen zu werden. Träge streckte er seine knochige Hand aus und griff nach den Briefen, den Tee noch immer völlig außer Acht lassend, und hob die Briefumschläge vor seine Augen. Die Siegel, welche die Briefe verschlossen hielten, kamen dem Baron allesamt bekannt vor. Alte Freunde, die seit längerem wohl wieder irgendetwas gefunden oder erfahren hatten, dass sie ihm wohl unbedingt mitteilen wollten. Wüsste er, dass sie nahe dran wären, einen weiteren Orb zu finden, dann wären diese Briefe durchaus von Interesse von ihm, aber im Moment war Alexander wahrlich nicht danach nun irgendeinen dieser Briefe zu lesen, in denen es doch nur um kleinere, für ihn unbedeutende Funde ging.
Bis auf einen Brief.
Es war der letzte Brief, dessen Wachssiegel ihm nicht bekannt vorkam. Ein Fremder, der ihm, dem Baron von Brennenburg, einen Brief schrieb? Die Neugierde des alten Mannes wurde geweckt und er brach das Siegel, um den Brief aus dem Umschlag zu nehmen. Er stammte von einem Mann namens Daniel, der aus Mayfair – welches in London liegt – kam. Er beschrieb ein Archäologe zu sein und vor nicht allzu langer Zeit in Algerien an Ausgrabungen teilgenommen zu haben. War nicht auch sein Freund Herbert mit einer Expedition nach Algerien aufgebrochen? Wahrscheinlich hatte dieser Londoner das Kontaktbuch von Herbert in die Finger bekommen, herausgefunden dass er ein vermögender Mann war und wollte sich nun gut mit ihm stellen, um einen möglichen Sponsor in ihm zu finden… Der Baron las nicht weiter, sondern legte den Brief zurück auf den Beistelltisch. Vielleicht würde er diesen Brief bei Gelegenheit durchlesen und dem Archäologen antworten. Vielleicht, wenn ihm irgendwann einmal dazu wäre, doch nun würde er erst einmal das Bett hüten. Die Nacht war schon weit vorangeschritten und er würde am morgigen Tag wieder seinen Forschungen nachgehen, die ihn irgendwann zu seinem Ziel bringen sollten.

Langsam erhob sich Alexander von seinem Sessel und wandte sich noch einmal dem kleinen Tisch zu, um nach der Kerze zu greifen, die auf diesem in einer Halterung stand. Zu unvorsichtig, wie sich herausstellte, denn der alte Mann stieß mit seiner Hand gegen die Teetasse, deren Flüssigkeit sofort überschwappte und auf dem Brief des Londoners landete. Hastig zog er ein Tuch aus seiner Tasche, um den Tee ebenso hastig von dem Papier zu tupfen, in der Hoffnung die Tinte würde nicht allzu sehr verschmieren. Seine Hoffnung wurde erfüllt. Zwar waren Flecken zurückgeblieben, doch die Worte waren – wenn auch schwerlich – noch zu erkennen und lesbar. Worte, die den Baron zum Innehalten geboten. Seine Augen flogen noch einmal über die halbverwischte Schrift. Kugel, Alpträume, Todesfälle. Diese drei Worte brannten sich geradezu in das Gedächtnis des alten Mannes.
Konnte es sein? War es die Möglichkeit? Besaß dieser unwissende Londoner das, was er für seine Ziele benötigte?! Ungläubig fand der Brief erneut in seine knochige Hand, um ihn an Ort und Stelle von dort weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte.

Zuerst war es nur ein leichtes Schmunzeln, dass sich langsam auf die faltigen Lippen legte, doch je weiter Alexander las, desto größer wurde dieses Schmunzeln, bis es sich letztlich zu einem breiten Grinsen entwickelt hatte. Der Baron konnte nicht anders, als leise los zu lachen. Das Schicksal schien es endlich gut mit ihm zu meinen! Von neuem Elan gepackt, griff der weißhaarige Mann erneut nach der Kerze und hastete in sein Arbeitszimmer, wo er sich an seinen Schreibtisch setzte. Feder und Papier nahm er sich zur Hand, um rasch eine Antwort zu diesem Brief aufzusetzen. Einzig und allein die Worte
„Ich weiß. Ich kann Sie schützen. Kommen Sie auf Schloss Brennenburg. Gezeichnet Alexander“
fanden auf das Papier, ehe es gefaltet, in einen Briefumschlag gesteckt und dieser Umschlag mit dem Siegel von Schloss Brennenburg versiegelt wurde.

Er würde kommen. Alexander war hiervon fest überzeugt. Daniel würde den Schatten, welcher ihn zu jagen begann, fürchten und er würde hier, in Schloss Brennenburg, Schutz suchen. Ihm würde dieser Schutz gewährt werden, doch er würde für diesen auch etwas zahlen. Ja, er würde ihm helfen, bei seinen Forschungen voran zu kommen, allein mit dem Orb, der sich in seinem Besitz befand. Er würde ihn… Benutzen können.
Ihn, seine neue Hoffnung…