Gedankenepisoden

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Bettina Dewald Dr. Frank Stern Dr. Marco Behring Hanna Winter
09.02.2018
05.11.2019
8
40326
3
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Hallihallo, Leute, und willkommen zu dieser OneShot-Sammlung. Diejenigen, die von meiner Info bezüglich meiner pausierten FanFiktion "Cause all of me loves all of you" kommen, wissen sicherlich bereits, was das hier werden soll. Für alle anderen: das hier wird eine OneShot- bzw. Kurzgeschichtenreihe, rund um die Serie "Bettys Diagnose". Da das Ganze eher ein Projekt zum Ausprobieren ist, kann ich regelmäßige Updates leider nicht versprechen, werde aber mein Bestes geben! :)
Lange Rede, kurzer Sinn, ich wünsche viel Spaß bei diesem ersten OneShot und hoffe, er gefällt!
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Inhaltlicher Zeitpunkt des OneShots: Zwischen S3, F13 und S4, F1, also kurz nach Betty Dewalds Abreise aus Aachen.

OneShot: „Phasenweise“


Was ist das schlimmste Gefühl im Leben eines Menschen?
Das ist vermutlich eine der Fragen, auf die man nie eine einheitliche Antwort bekommen wird.
Für die einen ist der Verlust des Geldes und des Jobs das Schlimmste, andere zerbrechen, wenn sie alleine sind, und der Nächste wiederum hasst es, Abschied zu nehmen.
Aber es gibt ein Gefühl, das jeder kennt, und das jeden schmerzt.
Ein Gefühl, das einem die Brust abschnürt, das einen in ein dunkles, schwarzes Loch wirft und keinen Ausweg sichtbar lässt.
Liebeskummer. Gebrochenes Herz. Unerfüllte Sehnsucht. Wie man es auch nennen mag, es fühlt sich immer gleich schrecklich an, für jeden.
Es gibt mehrere Phasen davon.
Zuerst will man es nicht wahrhaben. Man möchte nicht glauben, dass alles vorbei ist, man fühlt sich taub und leer.

Lizzy und Talula stehen immer noch in der Straße, als das Taxi hält und ihn aussteigen lässt. Die beiden sehen ihn erwartungsvoll an, als würde er jeden Moment Betty aus seiner Hosentasche zaubern. Betty. Ein scharfer Stich durchfährt ihn, einmal quer durch die Brust. Seine Augen brennen, aber er müht sich, die Tränen zurückzuhalten. Lizzy und Talula werfen sich einen Blick zu, und als er aufsieht, merkt Behring, dass die beiden auch Tränen in den Augen haben. Sie sehen ihn weiterhin an, als würden sie etwas erwarten, aber er ignoriert es. Weg hier, bloß weg. Er stolpert zu seinem Fahrrad, das immer noch an der Wand lehnt, daneben eine Blume, die aus dem Strauß gefallen ist. Es kommt ihm vor wie ein Spott, wie sie da liegt, unberührt und schön. Er will sie aufheben und wegwerfen, zerreißen, schreien, aber er greift einfach mit zitternden Händen nach dem Fahrradlenker. Für einen Augenblick verschwimmt die Straße vor seinen Augen, wässrig. Doch dann blinzelt er. Nicht vor ihnen. Bloß nicht weinen. Dieses verdammte Zittern. Seine Hände, sein ganzer Körper zittert zu sehr, als dass er den Lenker ergreifen und wegfahren könnte. Einige Sekunden lang bleibt er einfach neben dem Fahrrad stehen. Verzweifelt versucht er, seine Fassung wiederzuerlangen, doch es gelingt ihm nicht. Eine Hand legt sich auf seine Schulter, vorsichtig. „Kommen Sie mit rein.“ Es ist eine Aufforderung, keine Frage, aber es ist ihm ganz recht. Er schafft es nicht. Und in seinem Kopf hat ohnehin nur eine einzige Sache, nur ein Wort Platz.
Betty.

In Phase zwei kommen die Fragen. Die Fragen, die einen Nacht für Nacht, Tag für Tag quälen und nicht mehr loslassen wollen.

Lizzy hat ihm angeboten zu reden, als sie in der Klinik die tiefen Ringe unter den geschwollenen Augen gesehen hat. Nie hätte sie gedacht, den sonst so taffen und beherrschten Oberarzt so am Boden zerstört zu sehen. Und nie hätte sie gedacht, dass er sich darauf einlassen würde. Am Anfang sitzen sie zwar schweigend beieinander, doch irgendwann fängt er stockend an zu reden. Sie ist nur neben ihm gesessen, hat einfach zugehört, ab und an genickt. Ganz einfach. Aber dann beginnt er, Fragen zu stellen. Vermutlich die, die er sich selber stellt, und deren Antwort er sich bei Lizzy erhofft. Und sie weiß ganz genau, dass diese Antworten ihn nur noch mehr zerstören werden. „Warum ist sie gegangen?“ Das fragt er zuerst, und Lizzy lässt sich Zeit mit der Antwort. Kann man das überhaupt irgendwie schonend sagen? Er ignoriert ihr Schweigen und macht weiter, will endlich ein Zeichen, eine Antwort. Die nächste Frage ist einfacher für Lizzy, auch wenn die Antwort noch viel schwerer wiegt. „Hätte ich es ändern können?“ Sie nickt leicht, fast unmerklich, aber es genügt. Er hat es gesehen, und sie sieht, wie er den Blick zu Boden wendet und offensichtlich um Fassung ringt. Sie hat ihn damit getroffen, das weiß sie. Aber ihn anzulügen, das hätte keinen Sinn gemacht. „Aber wie?“, fragt er erneut, ganz leise, die Stimme kratzig. Lizzy sucht seinen Blick, aber er sieht weiterhin starr zu Boden, als könne er so den Schmerz lindern. Das Unerträgliche erträglich machen. „Sie hat gedacht, du liebst sie nicht. Und sie hat sich gefühlt, als würde sie sich immer im Kreis drehen. Und das war zu viel“, sagt sie schließlich, und er vergräbt das Gesicht in den Händen. Sie weiß, dass er dahinter nur wenig vom Weinen entfernt ist, und sie schweigt. Gibt ihm Zeit. Doch dann die letzte Frage, die, die ihn wohl am meisten quält. „Hat sie mich geliebt?“ Lieben ist ein schweres Wort, das weiß Lizzy. Aber es gibt kein anderes, das beschreiben kann, was das zwischen ihrer besten Freundin und dem Oberarzt ist. War. „Ja“, antwortet sie, und seine Schultern sacken zusammen, beginnen zu beben. Das ist zu viel. Das Wissen, dass Betty nicht gegangen ist, obwohl sie ihn geliebt hat, sondern weil. Weil sie ihn geliebt hatte und dachte, es sei umgekehrt nicht so. Wütend springt er auf.

Phase drei ist fließend. Sie kommt und geht immer wieder, mischt sich immer wieder in die Leere und die Bitterkeit. Es ist die Wut.

Lizzy sieht ihn erschrocken an, doch er ignoriert es. Sie sitzen am Küchentisch, und darauf steht der vermaledeite Obstkorb. Genau wie Betty damals fegt er ihn vom Tisch, und ein lautes Klappern ertönt. Augenblicklich dringen Erinnerungen auf ihn ein, er sieht sie wieder vor sich, mit ihm, hier. Raus hier, schnell! Es ist zu viel. Kurzerhand stürmt er aus der Küche, aus der Wohnung, durchs Treppenhaus in die kalte Nachtluft hinaus. Die Laternen verbreiten ein schmutzig gelbes Licht, das sich auf dem nassen Asphalt spiegelt, und auf der anderen Straßenseite streunt einsam eine dürre Katze herum. Er wendet den Blick zum Himmel, aber er sieht keine Sterne. Der Himmel ist dunkel.
Wolkenverhangen. Finster.

Phase vier lässt alle Angehörigen erstaunt zurück, und manchmal spielen die Leute es täuschend echt. Sie tun so, als seien sie längst über alles hinweggekommen. Sie tun so, als sei der Schmerz vorbei, obwohl er noch genauso präsent ist wie vorher – sie haben jetzt nur gelernt, ihn besser zu verstecken.

Es ist Mittwoch, und gleich ist Schichtende für Lizzy und Behring. „Heute Abend, selbe Zeit wie immer?“, ruft sie ihm zu. Sie erwartet das „ja“ so sicher wie die Meckereien der Puhl, und umso erstaunter ist sie, als von ihm ein „Leider nicht!“ kommt. Sie geht einen Schritt auf ihn zu und sieht ihn fragend an. „Nicht, dass ich todtraurig darüber wäre, aber … wieso?“ Er schnaubt, dann fährt er sich gespielt lässig durch die Haare. „Hab 'ne Verabredung“, meint er und zwinkert ihr zu. Lizzys Kinnlade klappt herunter, einige Sekunden lang starrt sie ihn einfach nur an. Rein äußerlich erwidert er ihren Blick ganz entspannt, eine Augenbraue hochgezogen, doch in seinem Inneren zieht sich alles zusammen. Ablenkung um jeden Preis. Allein das ist jetzt sein Motto. Er will sich nicht wie ein alter Mann einfach zurücklehnen, und er will nicht dem Gefühl nachgeben, nichts in seinem Leben erreicht zu haben. Alleine zu sein. „Ist das dein Ernst?!“ Lizzy stemmt die Hände in die Seiten und funkelt ihn an. „Betty ist gerade mal seit zwei Wochen weg und du schnappst dir direkt die nächstbeste Alternative?!“ Er zuckt zusammen, aber er hat sich schnell wieder im Griff und schnaubt spöttisch. „Ich bitte dich. Betty ist weg und ich bin frei und im besten Alter. Es gibt keinen Grund, weshalb ich mich zuhause einschließen und vor mich hin vegetieren sollte.“ Lizzy verdreht die Augen. „Gott, jetzt tu doch nicht so. Nur, weil du nicht den Mumm hattest, ihr hinterherzufliegen, oder-“ Er hört sich ihre Worte nicht weiter ab, sie treffen ihn zu hart, und er will um jeden Preis die unnahbare Fassade wahren. Er macht einfach auf dem Absatz kehrt und lässt Lizzy stehen.

Nur in wenigen Momenten lässt sich diese mühsam errichtete Mauer durchblicken. Dann sieht man durch den Schutzpanzer den Riss im Herzen.

„Kannst du das Doktor Behring mitbringen?“, fragt Safi Lizzy, und reicht ihr Behrings Geldbeutel. „Er hat ihn vorhin hier vergessen.“ Lizzy nickt und denkt an gestern Abend, an dem sie Behring – das dritte Mal innerhalb einer Woche – mit einer Frau herumknutschen gesehen hat. „Mit dem habe ich sowieso noch ein Wörtchen zu reden“, verkündet sie finster, nimmt die Geldbörse entgegen und macht sich auf den Weg. Sie ist in Gedanken versunken, genau wie Behring, der ihr unbemerkt entgegen kommt. Erschrocken stoßen beide zusammen, und während ihm sein Handy aus der Hand gleitet, lässt Lizzy seinen Geldbeutel fallen. „Verdammt nochmal, Lizzy!“, flucht er, und will sich gerade bücken, um sein Handy aufzuheben, als er plötzlich erstarrt. Genau wie Lizzy ist sein Blick nun starr auf etwas am Boden gerichtet.
Fotos.
Fotos, die beim Fall des Geldbeutels aus diesem heraus gesegelt sind und nun offen am Boden liegen.
Fotos von Betty, oder von ihr und ihm gemeinsam.
Auf einem sie beide, wie sie einander lachend und neckisch ansehen, auf dem nächsten sie, wie sie verträumt an der Krankenhauswand lehnt, ein Anderes zeigt sie einfach nur glücklich in die Kamera strahlend. Behrings Handy klingelt, sicher ist es eine seiner derzeitigen Affären, doch er ignoriert es. „Du … du hattest deinen Geldbeutel bei Safi vergessen“, bringt Lizzy heraus, nachdem sie sich wieder gefasst hat. Behring antwortet nicht, und Lizzy sieht kleine, funkelnde Tränen in seinen Augen schimmern. Sie will ihn darauf ansprechen, die Stimme ist sanft, doch er weist sie ruppig zurück. Mit hastigen Bewegungen sammelt er Handy und Geldbeutel samt Bildern ein und stürmt davon.

Und diese Momente zeigen uns schließlich, was wirklich in den Leuten vorgeht.
Denn egal, wie sehr man sich bemüht.
Ein gebrochenes Herz kann man nicht verstecken, und es wird auch nie ganz verheilen.
Die Erinnerungen, die Narben – die werden immer bleiben …


So weit, so gut. :D
Kritik hierzu wird natürlich immer gerne gesehen, ebenso wie Vorschläge für weitere OneShots oder Kurzgeschichten. :)
LG TintenFeuer
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