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Kinder, Kinder

von Tilajasar
GeschichteDrama, Familie / P16 / Het
Dinah Greaseball Pearl Rusty
09.02.2018
10.04.2018
9
14.828
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14.03.2018 1.902
 
Drei Tage bevor das Ergebnis des wiederholten Tests da sein sollte, fuhr Rusty gegen Mittag gerade mit den Frachtwaggons ein, als Greaseball auf ihn zukam. Ohne große Vorrede kam er auf den Punkt. „Du hast deinen Test wiederholen lassen?“
Rusty nickte. Daraufhin starrte Greaseball ihn so böse an, dass Rusty sicher war, er würde ihn gleich schlagen. Aber der Diesel schnaufte nur wütend und sauste davon.
„Was wollte der denn?“, fragte Flat Top verwundert. „Keine Ahnung“, entgegnete Rusty, aber er konnte verstehen, dass der Diesel sauer war, weil er seine Vaterschaft anzweifelte.

Noch am selben Abend rief Papa Rusty zu sich. Das geschah selten und Rusty fragte sich, was die alte Dampflok wohl von ihm wollte. Hoffentlich ging es nicht darum, dass er in letzter Zeit etwas zu unkonzentriert beim Fahren war. Zaghaft klopfte er bei Papa an und bemühte sich dann um ein entspanntes Lächeln. Als die alte Dampflok öffnete sah sie sehr ernst aus.
„Komm rein und setz dich“, forderte sie ihn auf. Rusty leistete Folge und schaute Papa erwartungsvoll an. Der ließ sich ihm gegenüber in den weichen Sessel sinken und seufzte tief bevor er sprach.
„Rusty, erinnerst du dich noch an deine letzte Geburtstagsfeier?“
Jetzt war Rusty völlig verwirrt. Warum fragte Papa ausgerechnet jetzt danach? Hatte Dinah etwa mit ihm gesprochen? Zögerlich nickte er. „Warum?“
Aber Papa ging gar nicht darauf ein und antwortete mit einer Gegenfrage. „Hast du abends die Personenwagen nach Hause gebracht?“
Wieder konnte Rusty nur nicken. So langsam wurde ihm die Richtung des Gesprächs unangenehm.
„Ashley und Buffys Depots lagen zuerst auf dem Weg, also nehme ich an, du hast sie zuerst abgesetzt? Was ist dann passiert?“
Worauf wollte Papa denn hinaus? Rusty überlegte fieberhaft, wieviel er ihm jetzt verraten sollte. „Ich… ich habe Dinah nach Hause gebracht“, antwortete er unsicher. Aber Papa schaute ihn nur ernst an, als wolle er noch mehr hören.
Rusty wandte den Blick ab. „Ich erinnere mich nicht. Ich glaube ich hatte zu viel getrunken.“ Er schaute wieder zu Papa und erschrak fast ein wenig über die Strenge in seinem Gesicht.
„Rusty, es wurde Anzeige gegen dich erstattet, wegen Vergewaltigung.“
„Was?! Gegen mich?!“ Rusty starrte ihn an und konnte erstmal gar nichts mehr sagen. Leider schwieg auch Papa und sah ihn stattdessen nur vorwurfsvoll an.

„Das ist doch Quatsch! Ich würde nie… du glaubst das doch nicht etwa?“
In Papas Gesicht regte sich kein Muskel. „Neben dem Opfer gibt es zwei Zeugen und alle Aussagen stimmen überein.“
Rusty suchte nach irgendetwas woran er sich festhalten konnte. Wie konnte Papa nur so etwas glauben? Hier musste eine Verwechslung vorliegen. Das ergab doch alles keinen Sinn!

Papa holte tief Luft. „Es gibt übereinstimmende Aussagen, dass du an deinem Geburtstag letztes Jahr in betrunkenem Zustand über Dinah hergefallen bist.“
Jetzt wurde Rusty einiges klarer. So etwas konnte sich nur einer ausgedacht haben. „Lass mich raten, die Zeugen waren Caboose und Greaseball.“
Papa nickte. „Du erinnerst dich?“
„Nein! Ich weiß gar nichts mehr von der Nacht. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass ich niemanden vergewaltigt habe. Sowas würde ich niemals tun!“
„Rusty, du gibst zu, dass du so betrunken warst, dass du dich nicht mehr erinnern kannst. Woher willst du wissen, was du getan hast? Die andere scheinen sich sehr wohl zu erinnern.“
„Die stecken doch alle unter einer Decke!“, rief Rusty jetzt aufgebracht. „Merkst du nicht, dass sie mich nur an die Wand spielen wollen! Und das nur, damit ich den Kleinen nicht mehr sehe!“
„Rusty, beruhige dich. Ich will dir doch nichts Böses, aber leider ist es nicht an mir zu entscheiden, was nun passiert.“
„Was ist nur in Dinah gefahren? Warum behauptet sie sowas?“ Rusty konnte das überhaupt nicht verstehen. Sie hätte doch dankbar sein müssen, dass er für sie und das Baby da war, warum behauptete sie jetzt so etwas Ungeheuerliches?

„Hör zu, Junge, es spielt keine Rolle warum wer etwas behauptet. Solange alle bei ihrer Geschichte bleiben, sieht es schlecht für dich aus. Wenn du keine Beweise für deine Version hast, musst du mit Konsequenzen rechnen.“
„Was für Konsequenzen?“, fragte Rusty zögerlich. Er hatte sich mit derlei Vergehen und den damit einhergehenden Strafen nie beschäftigt.
Papas Gesicht verfinsterte sich. „Wenn du Glück hast und die Zeugen nicht überzeugend genug auftreten, wird dir nur die Erlaubnis Personenwagen zu ziehen entzogen. Wenn deine Schuld allerdings als sicher eingeschätzt wird, dann… dann darfst du gar nicht mehr eingesetzt werden.“
„Nie mehr?“ Rusty war entsetzt.
Papa schüttelte traurig den Kopf. „Zumindest habe ich von keiner Lok gehört, die nach so einem Vergehen noch mal rehabilitiert wurde.“
„Scheiße!“, entfuhr es Rusty. „Was mach ich denn jetzt?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Wenn du sicher bist, dass sie dich nur verleumden wollen, rede mit ihnen, bring sie dazu ihre Vorwürfe zurückzunehmen oder versuche Gegenbeweise zu finden. Aber viel Zeit hast du nicht mehr. Ich muss das spätestens morgen früh Control melden und dann werden dich die Trax sofort holen.“
Rusty stöhnte und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Das alles war ein einziger Albtraum, er wollte endlich aufwachen. Aber als er die Augen wieder öffnete saß Papa ihm noch immer gegenüber und schaute ihn ernst an. „Tut mir leid, aber mehr kann ich nicht für dich tun.“

Rusty nickte nur und erhob sich. Wie benommen rollte er zur Tür und hinaus in die frische Abendluft. Er atmete tief ein und aus und versuchte die furchteinflößenden Gedanken, was mit ihm werden könnte, zu verdrängen. Er musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Am besten, er redete zuerst mit Dinah. So schnell er mit seinen weichen Knien fahren konnte, bewegte er sich in Richtung ihres Depots.

Unterwegs rief plötzlich jemand seinen Namen. Rusty hielt und sah sich um. Es war Wrench, die zügig auf ihn zukam. In dem Moment als sie vor ihm bremste, kam Rusty eine Idee. Wenn es wie bisher dabei blieb, dass Greaseball nachweislich der Vater war, gab es keinen Beweis für seine angebliche Untat.

„Rusty, ich…“, begann Wrench, aber Rusty fiel ihr aufgeregt ins Wort: „Wrench, ich hab’s mir anders überlegt. Ich will keinen Vaterschaftstest mehr. Kannst du bitte weitergeben, dass sie die Probe nicht auswerten sollen?
Wrench sah ihn aus großen Augen an. „Das ist nicht dein Ernst! Ich habe alle meine Kontakte spielen lassen, damit du so schnell wie möglich ein Ergebnis bekommst und jetzt willst du ’nen Rückzieher machen? Sorry, aber dafür ist es zu spät.“ Sie holte einen zusammengefalteten Brief aus der Tasche. „Bitte sehr. Den wollte ich dir gerade bringen.“
Rusty starrte sie an.
„Hier!“, wiederholte Wrench und hielt ihm den Brief noch ein Stück weiter entgegen. Mechanisch griff Rusty danach. „Danke“, sagte er leise.
„Kein Problem“, meinte Wrench. „Und lass mich wissen, ob sich dein Verdacht bestätigt hat.“ Damit rollte sie davon.

Rusty fuhr zur nächsten Laterne, lehnte sich gegen den Mast und öffnete den Brief mit zitternden Fingern. Als er ihn gelesen hatte, starrte er in die Nacht hinaus. Noch vor wenigen Minuten hätte er jetzt vor Freude Luftsprünge gemacht aber so war es ihm, als hielte er sein Todesurteil in den Händen.

Irgendwo in der Ferne schlug eine Glocke und riss ihn aus seiner Schockstarre. Es wurde immer später, er musste zu Dinah. Schnell fuhr er zu ihrem Depot und klopfte. Wie er befürchtet hatte, öffnete Greaseball und blieb gleich so in der Tür stehen, dass er gar keine Chance hatte auch nur einen Blick in den Raum zu werfen.
„Du wagst es hier noch mal aufzukreuzen?“, rief ihm der Diesel entgegen kaum dass er ihn erkannt hatte.
„Greaseball, lass mich mit Dinah reden!“
„Das kannst du vergessen! Sie ist völlig fertig. Und das nur wegen dir!“ Wütend rollte er ihm ein Stück entgegen. Rusty musste stark gegen den Drang ankämpfen zurückzuweichen. „Ich habe nichts gemacht, das weißt du!“, verteidigte er sich.
„Ich weiß nur das, was Dinah mir erzählt hat und ihr glaube ich mehr als dir, also hau ab oder ich mach dich hier und jetzt so fertig, dass du dir wünschst du hättest Dinah nie angefasst!“ Er ballte die Fäuste und kam noch näher.
„Schon gut.“ Rusty erhob abwehrend die Hände und rollte rückwärts. Dann holte er tief Luft und rief so laut er konnte: „Dinah, es tut mir leid! Du…“ Weiter kam er nicht, denn Greaseball raste mit erhobener Faust und zornig funkelnden Augen auf ihn zu. So schnell er konnte spurtete Rusty davon. Ein paar Meter verfolgte ihn der Diesel noch, dann hörte Rusty, wie er bremste. Schwer atmend kam auch Rusty zum Stehen. Als er sich umblickte sah er gerade noch, wie die Tür von Dinahs Depot ins Schloss fiel. Jetzt hatte er nur noch eine Chance.

Schnell fuhr er zu Pearls Depot, klopfte kurz und rollte dann hinein. Als er Pearl sah, die auf der Couch saß und ein Buch mit einem glücklich lachenden Baby darauf in den Händen hielt, musste er sich erstmal an die Tür anlehnen und tief durchatmen.

„Oh Rusty, du kommst spät.“ Sie legte ihr Buch zur Seite und sah ihn an. „Was ist los?“ Ihr Blick fiel auf den Brief, den er noch immer in der Hand hielt. „Was ist das?“
Rusty brachte den Brief in sein Sichtfeld aber er hatte irgendwie keine Kraft mehr etwas zu sagen. Er stieß sich von der Tür ab und rollte zu Pearl. Den Brief ließ er achtlos auf den Tisch gleiten bevor er sich einfach neben ihr auf die Couch sinken ließ.
„Rusty, du machst mir Angst. Sag doch was!“
Er holte tief Luft. Was sollte er denn sagen? Wie sollte er erklären, was ihm vorgeworfen wurde? Pearl war seine letzte Hoffnung. Aber was, wenn sie nicht zu ihm hielt?
„Ich… ich war vorhin bei Papa. Er sagte, dass gegen mich Anzeige erstattet wurde. Wegen…“ Er schluckte. „…Vergewaltigung.“
Pearl starrte ihn ungläubig und mit offenem Mund an.
„Dinah behauptet, ich wäre an meinem letzten Geburtstag über sie hergefallen und Greaseball und Caboose bezeugen das.“
„Aber… aber… das ist doch fast ein Jahr her. Warum melden sie das erst jetzt?“
Jetzt war es an Rusty Pearl anzustarren. War das alles, was ihr dazu einfiel? Kein, das kann doch nicht sein! Das ist unmöglich! Wie kommen sie auf so einen Quatsch?
„Ich… ich nehme an, Caboose und Greaseball haben sich das jetzt ausgedacht, um mich von meinem Kind fernzuhalten.“
„Deinem Kind?“
Rusty nickte und deutete auf den Brief. „Ich habe den Test wiederholen lassen. Offenbar gab es bei der ersten Auswertung eine Verwechslung. Ich bin sein Vater.“
„Oh nein!“, rief Pearl und schlug die Hände vors Gesicht.
„Pearl, es tut mir leid.“ Rusty legte einen Arm um ihre Schulter und versuchte sie an sich heranzuziehen. „Du musst mir jetzt helfen! Wenn Dinah ihren Vorwurf nicht zurückzieht, kommen mich morgen früh die Trax holen. Bitte rede mit ihr! Ich habe es auch schon versucht, aber Greaseball lässt mich nicht zu ihr.“
Pearl ließ die Hände sinken und schaute ihn aus feuchten unendlich traurigen Augen an. Dann richtete sie ihren Blick auf ihre Hände, die sie in ihrem Schoß fest zusammenpresste. „Das würde nichts nützen. Sie war vorhin hier und hat mir alles erzählt.“ Tränen begannen ihre Wangen herabzulaufen. „Ich… ich habe ihr nicht geglaubt. Aber jetzt…“ Ihr Blick fiel auf den Brief und sie holte tief Luft. „Bitte versteh mich, ich… ich kann dich nicht decken.“
Rustys Arm glitt von ihrer Schulter. Er spürte, wie seine Welt zusammenbrach und es gab nichts mehr, was er dagegen tun konnte.
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