Complete Silence

GeschichteDrama, Romanze / P18
Dilandau Albatou Dryden Fassa Folken Stratego Hitomi Kanzaki Van Fanel
08.02.2018
22.10.2018
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Regentropfen. Nässe. Und ihre Gedanken.

Die junge Frau seufze leise. Das eintönige, beruhigende Prasseln des Regens versetzte sie in eine Art Schlummerzustand. Ihre Augen blickten verloren in die nebelverschleierte Welt vor dem hohen, großen Fenster ihrer Dachwohnung. Ihr Kopf ruhte auf ihren Unterarmen, die sie auf ihre angezogenen Knie gestützt hatte. Nasses, glattes Haar umrahmte ihr schmales Gesicht. Sie dachte nach. Sie hatte ihren Körper verkauft, schon unzählige Male. Darüber nachzudenken, war reine Zeitverschwendung. Als sie klein war und ihre Eltern an einer Krankheit starben, wurde sie an das Kinderhaus übergeben. Die Leiterin des Kinderhauses meinte es jedoch nicht besonders gut mit ihr, da sie mit ihren damals 13 Jahren eigentlich schon zu alt war, um jemals in eine Familie aufgenommen zu werden. Nach weiteren zwei Jahren, in denen sie im Kinderhaus als eine der ältesten bei den täglichen Arbeiten geholfen hatte, wurde sie jedoch von einer Dame mitgenommen. Sie erinnerte sich noch genau an das blumige, schwere Parfüm und ihre langen, roten Haare. Sie hob ihren Kopf und lehnte ihn an den Mauerverschlag an ihrem Fenster. Wieder sah sie hinaus. Monoton plätscherten die Wassertropfen auf ihren Balkon, auf dem sich schon kleine Pfützen bildeten. Durch den Regen erkannte sie den Glockenturm, der gerade zum siebten Mal schlug. Sie erhob sich und seufzte. Sie musste zur Arbeit. Wieder einmal.

Ein paar Stunden später saß sie an der Bar im Empfangsbereich, ihr erster Besucher war bereits gegangen. Im Grunde war sie es leid, den Männern zu Willen sein zu müssen. Andererseits, hatte sie nichts in ihrem Leben und keine Vorstellung davon, wie sie ohne Geld jemals von hier wegkommen sollte. Die rote Dame, wie alle das Oberhaupt dieser Einrichtung nannten, spendierte ihr für ihre Dienste ein Dach über den Kopf und zu essen. Eigentlich ging es ihr sogar den Umständen entsprechend gut, wenn man von ihrer Arbeit absah.
Sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten und blieb an einem neuen Besucher hängen, der ihr bis jetzt noch nie begegnet war. Sein ganzes Auftreten wirkte hier sehr fehl am Platz und sie wunderte sich, warum er ihr bis jetzt nicht aufgefallen war. Er war groß, sein Alter war schwer abzuschätzen. Schwarze, wilde Haare umrahmten seinen Kopf, sein Körper sah im fahlen Kerzenlicht des Raums sehr durchtrainiert aus. Gerade als sie sich wieder abwenden wollte, drehte er seinen Kopf in ihre Richtung. Seine mahagonifarbenen Augen nahmen sie einen kurzen Augenblick gefangen. Schnell wandte sie sich ab und griff nach ihrem Glas, um das komische Gefühl in ihrem Körper zurückzudrängen. Ihre Freundin, die neben ihr saß, hatte das Schauspiel am Rande mitbekommen und lächelte.
„Scheinbar haben wir einen Neuzugang. Ich habe ihn hier jedenfalls noch nicht gesehen.“, meinte die blonde Schönheit und sah noch einmal in die Richtung des Mannes. „Hm.“ Hitomi wagte es nicht, aufzusehen und nippte wieder an ihrem Glas. „Wenn sie hierher kommen, sind sie doch alle gleich.“ Mit diesem Urteil stand sie auf und wollte die Bar verlassen, doch als sie sich umdrehte, kam sie nicht weit. Direkt vor ihr stand das Objekt ihrer Unterhaltung und starrte auf sie herunter. Hitomi schluckte kaum merklich und hob ihren Kopf.
Automatisch stahl sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen und sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm. „Was führt dich hierher?“, fragte sie in neckischem Ton und verdrängte das unruhige Gefühl in ihrem Bauch, als sie in seine Augen blickte und auf dem Weg dorthin die kurzen, schwarzen Bartstoppeln und seine vollen Lippen bemerkte. Er sah auf sie herab, ein Mundwinkel zog sich nach oben. „Informationen.“ Seine tiefe Stimme vibrierte in ihrem Bauch und sie legte ihren Kopf schief. „Die rote Dame wird nicht begeistert sein, wenn ich meine wertvolle  Zeit mit reden ver…“, doch bevor sie ausreden konnte, legte er ihr einen gut gefüllten Beutel in die Hand. „Ich glaube, damit sollte sie sehr zufrieden sein. Können wir irgendwo ungestört reden?“, unterbrach er sie bestimmt.
Hitomi leckte sich über die Lippen. Wie viel Geld mochte darin sein? Eventuell könnte sie sich etwas auf Seite schaffen, bevor sie den Beutel der roten Dame übergab. Doch allein bei dem Gedanken an die Konsequenzen wurde ihr schlecht. Schnell umfasste sie den Beutel und bedeutete dem Besucher mit einem Wink, ihr zu folgen. Ihre Freundin beobachtete die Szene mit hochgezogenen Augenbrauen und war fast ein wenig neidisch. „Wenn ihr mit dem Reden fertig seid stehe ich dir sehr gern zur Verfügung, Hübscher!“, rief sie leise lachend hinterher und warf ihre blonde Mähne zurück.
Hitomi verdrehte unbemerkt die Augen und ließ das Geld im Beutel klimpern, bevor sie es dem Mann gab, der vor dem Büro der roten Dame stand. Weiter ging es zu einer Treppe, die in den ersten Stock des Gebäudes führte. An der zweiten Tür links blieb sie stehen und öffnete sie. Wie gewohnt empfing sie der Duft von schwerem Parfüm. Schnell warf sie einen Blick auf die Polster, die frisch gerichtet worden waren. Allerdings bezweifelte sie es langsam, dass ihr schwarzhaariger Begleiter daran wirklich Interesse hatte. "Darf ich bitten?", fragte sie und winkte ihn herein.
Als der Mann eingetreten war, schloss sie die Tür hinter ihm und ließ sich auf den Polstern nieder. Hitomi schenkte ihm ein leichtes Lächeln und klopfte auf den leeren Platz neben sich. Doch der Neuzugang blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht wegen eurer Dienste hier. Wie ich unten bereits gesagt habe, benötige ich Informationen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr schon lange hier… beschäftigt seid.“ Er zögerte kurz, als müsste er überlegen, wie er sich ausdrücken sollte. Ihre grünen Augen fesselten seinen Blick und er schluckte merklich. Hitomi war dies nicht entgangen, sie rekelte sich ein wenig auf ihren Kissen.
Dieses Spiel gefiel ihr – so ein Mann war ihr in den letzten Jahren tatsächlich noch nicht untergekommen. Sie war nicht stolz darauf, aber sie war eine der wenigen Damen hier, die die Kunden deutlich bevorzugten. Doch dieser Schwarzhaarige zeigte sich scheinbar unbeeindruckt von ihrer Gestalt. „Tatsächlich bin ich schon einige Jahre hier… beschäftigt.“ Sie beäugte ihn unter schweren Lidern. „Möchtest du dich wirklich nicht zu mir setzen? Ich beiße auch nicht, wenn du das nicht möchtest.“ Ihr leises Lachen erklang in seinen Ohren. Als er weiterhin stehen blieb und ihren Worten keinerlei Beachtung schenkte, seufzte sie. „Also, was möchtest du von mir wissen?“, fragte sie schließlich und beäugte ihn misstrauisch.
„Ich suche einen Mann. Er ist von großer Bedeutung, aber seit langer Zeit verschwunden. Da ich mittlerweile sämtlichen Hinweisen ohne Erfolg nachgegangen bin, ist dies nun mein letzter Anhaltspunkt.“ Der schwarzhaarige Besucher senkte den Blick und starrte auf den Samtteppich zu seinen Füßen. Das schwere Parfüm umnebelte seine Sinne, versetzte ihn immer mehr in Unwohlsein. Sein Körper kribbelte, unruhig wischte er seine feuchten Hände an seiner Hose ab. Ein intensiver Blick aus diesen grünen Augen von seinem Gegenüber machte es ihm nicht leichter. Ihm war weiß Gott nicht entgangen, was für eine Frau da vor ihm auf den einladenden Polstern lag. Doch er hatte sich vor langer Zeit geschworen, niemals einer solchen Frau nachzugeben und er hatte nicht vor, seinen Schwur zu brechen. Als er heute Abend allerdings in dieses Gebäude kam, hatte er auch nicht gewusst, was – oder besser gesagt wer – ihn hier erwartete.
Hitomi seufzte und begutachtete ihn und stand schließlich auf. Leichtfüßig ging sie zu ihm und legte ihre Hand auf seine Brust. Als sie sprach, lief sie mit ihren Fingerspitzen an seiner Brust auf und ab. „Du weißt sicher, dass ich keine Namen von Kunden preisgeben darf. Deshalb kommen die Männer hierher – sie bleiben anonym, bei dem was sie hier tun.“ Sie betonte das Wort „anonym“ besonders und sah ihn dabei durch dichte Wimpern hindurch an. Dann ließ sie von ihm ab, trat an ein kleines Tischchen und goss aus einer gläsernen Karaffe roten Wein in zwei bereitstehende Gläser.
„Hier, trink das.“, sprach sie und drückte ihm eines davon in die Hand. „Vielleicht fällt es dir hier dann ein wenig leichter. Ich sehe doch, dass du angespannt bist.“ Seine Augen sahen sie an – den Blick darin konnte sie nicht deuten. Allerdings lief ihr ein kleiner Schauer über den Rücken. Er faszinierte sie schon seit dem ersten Augenblick, als er sie an der Bar angesehen hatte und es ärgerte sie fast ein wenig, dass er scheinbar überhaupt kein Interesse an ihr hatte. Sie trank einen Schluck Wein und lehnte sich mit ihrer Hüfte an den Türrahmen neben ihm.
Noch immer machte er keine Anstalten, sich zu setzen. „Ich hab diesen Mann seit langer Zeit nicht gesehen, aber sollte er noch so aussehen wie damals, ist er sehr groß. Seine Haare waren silbern und lang, seine Augen rostrot. Habt Ihr so jemanden hier schon einmal gesehen?“, fragte er schließlich, nachdem er ebenfalls einen Schluck aus seinem Glas genommen hatte. Er bemerkte, dass die Frau vor ihm kurz überlegte. Sie neigte den Kopf. „Wenn ich dir antworte, was habe ich davon?“, fragte sie schließlich und stellte das geleerte Glas wieder auf den Tisch. „Ich habe Euch bereits den Beutel voll Münzen in die Hand gedrückt“, erwiderte er leicht erschrocken. Was maßte sie sich an? Darin befanden sich vermutlich mehr Münzen, als manche Woche einbrachte.
„Münzen bringen mir nichts. Ich habe nichts von ihnen – das Geld gehört allein der roten Dame.“ Mit einem Augenaufschlag bewegte sie sich wieder auf ihn zu. „Ich habe nur das Vergnügen,“ sie sah ihm dabei tief in die Augen und strich mit ihren Fingern an seinem Arm entlang, „mich mit ihren Besuchern zu amüsieren – oder auch nicht.“ Ihr Blick verhärtete sich. „Wenn du also Informationen haben möchtest, musst du mir schon etwas bieten. Oder du versuchst es bei einer anderen Dame unseres Hauses.“
Genau genommen wusste sie nicht, was sie hier eigentlich tat. Es ist nicht so, dass sie ihre Arbeit mochte. Doch irgendetwas an diesem Mann ließ sie nicht los. Zum ersten Mal in ihrem bisherigen Leben verspürte sie so etwas wie Begehren und gerade dieser Mann blockte sie ab. Während sie ihren Gedanken nachhing, starrte er sie an. Mit so einer Reaktion hatte er nicht gerechnet – kannte sie vermutlich wirklich seinen Bruder? War er wirklich hier gewesen? Er hatte es nicht gewagt, daran zu glauben. Nicht, nachdem er die letzten zehn Jahre damit verbrachte, jedem noch so abwegigen Hinweis zu folgen. Und keiner erwies sich als nützlich. Ausgerechnet hier sollte er eine Antwort auf seine Frage finden? Sollte er ihrem Werben nachgeben? Er schluckte abermals, sein Blick fiel auf ihre sinnlichen Lippen.
Er schüttelte den Kopf. „Ich kann Euch nicht geben, nach was Ihr verlangt. Ich habe mir geschworen, eine Frau niemals auf solche Weise auszunutzen.“ Beinahe erschrocken sah sie ihn an. Ihre grünen Augen weiteten sich, als sie seine Worte hörte und sie konnte es nicht glauben. „Du bist wirklich eine Ausnahme“, flüsterte sie schließlich, „so etwas ist mir in den letzten Jahren noch nicht passiert.“ Wiederum ging sie auf ihn zu, seine Augen musterten ihre wiegenden Schritte und den Schwung ihrer Hüften. Sie sah ihm tief in die Augen, doch er wandte den Blick ab und trank noch einen Schluck aus seinem Glas. Hitomi fühlte sich leer. Es fühlte sich an, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggerissen. Lange schon hatte sie alle Männer unter einen Teppich gekehrt, in der Annahme, dass sie sowieso alle gleich waren. Ihr Interesse war gänzlich verloren gegangen.
Ganz am Anfang hatte sie als Mädchen darauf gehofft, dass sie wie in einem Märchen hier in diesem Haus irgendwann einem Mann begegnen würde, der anders war. Anders als diejenigen, die ihre Lust an ihr stillten und denen sie gefügig sein musste. Und jetzt musste sie feststellen, dass dieser Mann hier vor ihr stand. Sie rang um Fassung. Denn sie kannte den Mann, nach dem er fragte. Er verkehrte häufiger mit der roten Dame, allerdings ließen seine Besuche in letzter Zeit nach. Sie hatte sich nie gefragt, wer er war. Seine Erscheinung hatte ihr Angst gemacht, denn seine Blicke waren immer kalt und wie aus Stein. Sie wandte sich gedankenverloren von ihrem Besucher ab und setzte sich wieder auf die Polster, allerdings verzichtete sie dabei auf jegliche körperliche Avancen. „Ich habe den Mann gesehen, den du suchst.“, erwiderte sie schließlich und sah ihn mit ihren grünen Augen an.
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