Die Europäische Union

von ahaa
GeschichteDrama, Humor / P16
Deutschland Frankreich Italien OC (Own Character) Preussen Russland
08.02.2018
23.08.2019
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Und hier kommt das bisher 800-seitige Riesenwerk von unseren spanischen Zwillingen SomeSimpleStories! Bisher hat die Geschichte 61 Kapitel und kein Ende in Sicht!
Hier werden viele verschiedene Sprachen vorkommen, aber ich werde nur die verbessern können, die ich auch selbst kann (Deutsch natürlich, Spanisch, Französisch, Russisch und Englisch). Für die anderen, so wie Polnisch, Italienisch, usw. bräuchte ich eure Mitwirkung. Wenn ihr also irgendwo einen Fehler entdeckt, sagt es mir bitte, ja?

Das spanische Original heißt „La Unión Europea“ und befindet sich hier:
https://www.fanfiction.net/s/10415993/1/La-Uni%C3%B3n-Europea

Die Originalautorin hat mir die ausdrückliche Erlaubnis gegeben, sie und auch ihre anderen Geschichten vor dieser zu übersetzen und hier hochzuladen. Und nicht nur das: sie war absolut begeistert davon und hat sogar im Original meine Übersetzung erwähnt und den Link zu dieser Seite angegeben^^





L'enfant – Das Kind (franz.)

1951 – Paris, Île-de-France, France


Sie starrten das Kind an, das plötzlich mitten auf dem Konferenztisch aufgetaucht war.

Es handelte sich um einen kleinen blonden Jungen mit blauen Augen, der etwa wie ein Sechsjähriger aussah und weiß gekleidet war, mit einem dunkelblauen Band um den Hals

Neugierig schaute er die Erwachsenen um sich herum an.

*.*.*

Deutschland stand draußen vor dem Konferenzraum und trank ein Bier. Es war nicht gerade normal, dass während einer wichtigen Konferenz ganz plötzlich aus dem Nichts Kinder im Saal erschienen.

Nach dem Vorfall hatten sie England angerufen, weil sie dachten, dass es sich vielleicht um sein Werk handelte. Was danach passiert war? Nun, das Übliche...

*.*.*

„Und wieso hätte ich das tun sollen, frog?“, fragte England vom anderen Ende der Leitung aus. Frankreich war derjenige, der ihn angerufen hatte, um ihm prompt die Schuld am Ganzen zu geben.

„Mon ami, das müsstest DU eigentlich besser wissen.“

„Ich war es aber nicht, du bärtige Kröte!“

„Schrei mich nicht an, Augenbraue!“

„Ve~ Ich hätte stattdessen Pasta hergezaubert~.“

„Verdammt, sei still, Fratello, sonst schiebt man uns noch die Schuld in die Schuhe.“

„Ach, bestimmt gibt es eine ganz einfache Erklärung dafür. Was meinst du, Bruder?“

„Ich meine, dass diese Stühle hier aus den Niederlanden importiert wurden. Wenn ihr einen davon kaputtmacht, zahlt ihr mir das Dreifache des Preises für die Reparatur.“

„Nicht diese Art von Meinung, Niederlande...“

„Kesesese~ Überlasst die Sache dem Awesomen Mir!“

„Oh, verdammt. Dann muss es also der Albino gewesen sein.“

„Mon ami, wie konntest du nur?!“

„Hey, wine bastard, wen beschuldigst du da?! Ich sagte doch, dass ich es nicht war!“

„Mein Gott …! Meine grandiose Wenigkeit würde doch keinen solch lächerlichen Mist machen, wie einen Knirps auf dem Tisch zu materialisieren! … Obwohl … vielleicht bin ich ja der Einzige, der awesome genug dazu ist ...“

„Also war es echt der Albino! Chigiiiiii! Wir sind verloren!“

„Wahnsinn, der Awesome Ich hat eine Fähigkeit, von der er nicht mal selbst wusste...“

„Hey, Preußen, aber für das Patent dieser Fähigkeit müsstest du mir zahlen.“

„Was für ein Patent, Niederlande? Pah, mit meiner Fähigkeit werd ich reich! Kesesesesese~“

„Luxemburg lässt sich da aber was entgehen, Bruder...“

„Ve~ Preußen, könntest du auch Pasta erscheinen lassen?“

„Aber klar doch! Ich muss mich bloß auf meine awesome Fähigkeit konzentrieren und...“

„RUHE!“ Alle verstummten auf der Stelle. Deutschland wusste, wie man wieder Ordnung reinbrachte. „Wir erreichen nichts, indem wir uns gegenseitig beschuldigen, verstanden?“

„Ja...“, antworteten alle im Chor. England hörte vom Telefon aus aufmerksam zu. Der Kleine sah leicht verängstigt zum Respekt einflößenden blonden Mann, der seinen Kopfschmerzen, die die Anderen mit ihrem Geschrei ausgelöst hatten, ein Ende gesetzt hatte.

„Also gut, England: warst es nun du oder nicht?“, fragte Deutschland, Frankreich den Hörer aus der Hand nehmend.

„Ich sagte doch schon NEIN!“, erklang die Stimme des Engländers aus dem Apparat. Er hatte die Schnauze voll, die Schuld zugeschoben zu bekommen.

„Lass ihn, West. Ich war es doch mit meiner awesomen neuen Fähigkeit...“

„Bruder, du glaubst doch nicht einmal an Magie.“

„...“

„Ach, verdammt. Wenn es nicht der Albino-Kartoffelbastard war, wer dann?“, fragte Romano, sauer, dass er damit einen weiteren Grund verloren hatte, die deutschen Brüder zu beschimpfen.

„Warum fragt ihr das Kind nicht einfach selbst?“

Alle drehten sich um.

Am Eingang stand Luxemburg. Er schien vor dem Eintreten einige Minuten lang gelauscht zu haben, denn der Anblick des Jungen, der ihn vom Tisch aus ansah, und das Durcheinander der anderen Nationen überraschten ihn nicht im Geringsten.

„Luxemburg, du hast keine Ahnung, was dir gerade entgangen ist!“, rief Belgien, während das Miniland sich neben sie setzte.

„Eurem Geschrei nach zu urteilen, das ich von außen mitbekam, wohl nichts Wichtiges...“

„Kesesese~ Lux, das war einfach irre! Der Awesome Ich hat gerade ein Kind aus dem Nichts erscheinen lassen!“

„Nein, Bruder, hast du nicht ...“, redete Deutschland auf ihn ein. Also, entweder war sein Bruder zu selbstverliebt, um die Wahrheit zuzugeben, oder er hatte einfach ein paar Schrauben locker.

„Ve~ Dann kannst du also doch keine Pasta herzaubern...“

„Nein! Ich sagte doch, dass ich viel zu awesome bin, um so einen Blödsinn zu machen! Kesesesesesesese~!“, meinte Preußen, ohne zu zeigen, wie peinlich ihm war, es zuzugeben.

„Es war France“, urteilte England vom Telefon aus.

„Nein, Angleterre“, erwiderte Frankreich als er das hörte.

„Ihr beide habt es getan, verdammte Bastarde“, schloss Romano sich ihnen an.

„Ich wiederhole: Wieso fragen wir den Jungen nicht einfach selbst?“, meldete sich Luxemburg wieder zu Wort, womit er die Aufmerksamkeit der restlichen Länder auf sich lenkte.

Daraufhin richteten diese den Blick wieder auf den Jungen, der nicht anders konnte, als angesichts der acht erwartungsvoll blickenden Augenpaare zu erröten.

„Hey, Kleiner ...“, begann Belgien, die bestimmt am besten geeignet war, um mit einem Kind dieses Alters zu sprechen. „Kannst du uns sagen, wer dich hierhergebracht hat?“

Der Kleine schaute sie bloß an. Er schien sie nicht zu verstehen. Belgien versuchte es erneut.

„Also gut … Wo sind denn deine Eltern? Weißt du es?“

Der Junge sah sie an, als wäre sie ein Kohlkopf mit Füßen. Dann schien er den Mund aufzumachen, um etwas zu sagen. Alle Länder (auch England, der sich so gut es ging bemühte, alles mitzubekommen) hörten aufmerksam hin.

„CHIGIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!“

„VE~ WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHH!“

Der Kleine fuhr vor Schreck hoch und bedeckte sich das Gesicht mit den Ärmeln. Alle (vor allem Deutschland) warfen den beiden Italienern Killerblicke zu.

„Was zur Hölle ist in euch gefahren, Vargas?!“, brüllte der Deutsche sie wütend an. Also echt, Italiener waren für ihn einfach unergründliche Wesen.

„Hör mir gut zu, Kartoffelbastard, wir waren es nicht, das hier hat nichts mit uns zu tun!“, schrie Romano ihn an. Er hatte sich rasch hinter seinem Stuhl versteckt, als er die mörderischen Blicke der Anderen bemerkt hatte.

„Wie bitte?“, fragte Luxemburg schnell, da er wusste, dass lieber ein Anderer anstatt Deutschland hier die Fragen stellen sollte. „Was meint dein Bruder damit, Italien?“

„V-ve … er hat eine … eine … da am Kopf“, stammelte dieser.

Alle blickten aufmerksam zum Kopf des Jungen. Und begriffen, was die Italiens so erschreckt hatte.

Der Kleine hielt sich vor Angst zwar immer noch zusammengerollt und sein Gesicht bedeckt, doch alle konnten sie sehen: die blonde Locke, die aus seinem Haar herausragte.

Die Italiener versteckten sich noch mehr.

„Fratello, das war bestimmt der Vatikan … ve...“

„Oh, dieses Arschloch … der wird was erleben, wenn ich ihn erwische, und zwar jahrelangen Pastaentzug...“

Die Italiener planten weiterhin, wie sie dem Vatikan zusetzen könnten (nun ja, eigentlich tat das nur einer von ihnen, der andere machte bloß ve~), während die restlichen Länder sie ansahen, dann den Jungen und dann wieder sie.

„Belgique, vielleicht hat er dich nicht verstanden, weil er Italienisch spricht“, meinte Frankreich in einem verführerischen Tonfall, den die Belgierin zu ignorieren beschloss.

„Kesesesesese~ Diese Idee ist so awesome, dass sie von mir hätte stammen können!“, rief Preußen. „Italiens! Fragt ihn was auf Italienisch!“

„Ve … aber wir waren es wirklich nicht...“

„Das war ein Befehl, Italien“, sagte Deutschland, der dem Problem endlich ein Ende bereiten wollte.

„Ve … D-di dovesei?“ Der Kleine schaute ihn genauso erstaunt an wie Belgien vorhin. „Di dovesei?“, wiederholte Italien. Doch nichts geschah.

„Mamma mia! Mio fratello si chiede da dove vieni, così rispota! Capito?“, fragte (oder eher befahl) dieses Mal Romano, wütend, dass der verdammte Knirps nicht redete. Der Kleine rollte sich wieder so verängstigt zusammen, als hätte gerade Russland zu ihm gesprochen. „Seht ihr, dass wir es nicht gewesen sein konnten?! Der versteht kein Italienisch! Der sagt kein Wort!“

„Ich hätte da auch kein Wort herausgekriegt, mon petit Romano.“

„Chigiiiiiiiiiiii! Bleib bloß weg von mir, verdammter Perversling!“ Romano versteckte sich wieder hinter dem Stuhl.

„Der Zwerg muss Italiener sein, aber vielleicht bloß aus Seborga oder San Marino“, meinte Niederlande, der auch bereits die Nase voll hatte. „Schicken wir ihn einfach nach Italien und Schluss.“

„Das wäre aber ein wenig grausam, Bruder, wir sollten lieber nach seiner Mutter suchen...“

„Ve~ Ich hab eine Idee!“, rief Italien plötzlich.

„Wenn es mit Pasta zu tun hat, Italien, dann behalte es für dich, jetzt ist nicht der richtige Moment dafür“, entgegnete Deutschland mit einem genervten Blick.

„Wir sind doch gerade in Paris, oder?“ Der Italiener ignorierte ihn. „Und die Störche bringen die Kinder von Paris aus … Vielleicht ist er ja einem Storch runtergefallen!“ Er klang fröhlich, dachte, wie brilliant seine Idee doch war.

„Fratello, hör auf, sinnlosen Mist zu verzapfen!“

„Kesesesesese~ Die Tomate hat Recht! Siehst du denn nicht, dass der Junge zu alt dafür ist? Störche bringen doch nur Babys.“

Deutschland haute dem Preußen auf den Kopf.

„What the heck is happening there!?“, hörte man Englands Stimme aus dem Telefon. Frankreich wollte ihm schon antworten, hielt jedoch inne.

Der Junge hatte fragend zum Telefon geschaut.

„Habt ihr das gesehen?“ Frankreich wandte sich an den Rest. Niemand begriff, was er meinte.

„Hey, frog, antworte gefälligst!“

„Angleterre, könntest du etwas auf Englisch sagen?“, bat Frankreich.

„Damit du meine Beleidigungen nicht verstehst oder was? Nein. Erklär mir jetzt endlich, was bei euch vorgeht, ich habe da was von den Italiens gehört...“

„Ich glaube, der Junge spricht Englisch“, fiel Frankreich ihm ins Wort.

Alle schauten ihn an. Aber waren sie sich gerade nicht einig gewesen, dass der Kleine Italiener war?

„Frankreich, reich ihm mal den Hörer, schauen wir, ob es stimmt“, schlug Luxemburg vor.

„Ach, das ist doch gar nicht nötig, diesen Sconeschädel könnte man sogar noch hören, wenn man mitten in einem Rockkonzert ist“, sagte Preußen.

„Das habe ich gehört, Preußen! All you bastards, I will make scones from you, insult me when I'm not there is the worst thing you could ever do!“

Seine Stimme war perfekt im gesamten Saal zu hören. Preußen hatte ihn absichtlich provoziert, denn er wusste, dass wenn der Engländer die Geduld verlor, er alle in seiner Sprache beleidigte.

Der Junge zuckte vor Schreck zusammen als er dieses Gebrüll aus dem Apparat vernahm. Verständlich, dass er nun keine Lust mehr hatte, am Hörer zu lauschen.

„Also wirklich, das ist doch verrückt … ich habe es satt … Ein Kind taucht plötzlich mitten in einer solch wichtigen Konferenz auf und jetzt streiten wir uns über seine Herkunft und seine Sprache … absolut verrückt“, sagte Deutschland, dem das viele Geschrei auf die Nerven ging. Er stand auf und begab sich Richtung Tür. „Lasst ihn mit England sprechen und fertig. Und ich brauche währenddessen eine Verschnaufpause.“ Mit diesen Worten verließ er den Saal.

*.*.*

… Und das war das, was passiert war.

Deutschland nahm noch einen Schluck Bier. Er stand bereits seit zehn Minuten draußen, im Versuch, sich Klarheit über die Sache zu verschaffen. Die Konferenz war jetzt jedenfalls im Eimer, aber es war keine gewöhnliche Konferenz, denn andernfalls hätte es ihm nicht so zugesetzt.

Er befand sich in Paris, der Hauptstadt des Landes, gegen das er noch vor sechs Jahren erbittert gekämpft hatte.

Vor gerade einmal sechs Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Ganz Europa war verwüstet, doch er, Deutschland, war derjenige, der am meisten verloren hatte: und zwar den Krieg selbst.

Die Situationen einiger besonders zerstörter Länder hatte er noch gut im Gedächtnis.

Polen: 6.850.000 Tote (eines der Länder mit den größten Anzahl). Polen war schon immer das liebste Angriffsziel seiner Vorgesetzen gewesen: sie hatten es dem Erdboden gleichgemacht, besetzt und erneut dem Erdboden gleichgemacht. Man musste wohl nicht extra erwähnen, dass er und der Pole kein Wort miteinander sprachen. Deutschland hatte sich aber dennoch erkundigt, wie es ihm ging, und als Antwort erhalten, dass er das eigentlich (sowas von) selbst wissen sollte, weil das Geschehene (total) seine Schuld gewesen war. Später hatte er erfahren, dass Polen nach dem Krieg auf einem Friedhof in Warschau vor Hunderten von Menschen gestanden und geweint hatte.

Dann kam Japan, sein Verbündeter: der Krieg war auch dort zu Ende gegangen, zumindest glaubte man das, bis 1945 die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. USAs Rache, wie Deutschland zu hören bekam. Nun besuchte er seinen Freund so oft es nur ging, denn auch nach diesen sechs Jahren war Japan noch nicht ganz wiederhergestellt.

Auch andere Länder kamen dem Deutschen in den Sinn. Darunter ein ganz besonderer Fall:

Spanien hatte sich nicht einmal am Krieg beteiligt. Nun ja, jedenfalls nicht aktiv, aber seine Beteiligung zum Weltkrieg war auch insgesamt eher klein gewesen. Denn der Spanier hatte zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg mit seinem eigenen zu tun gehabt, dem Spanischen Bürgerkrieg, la Guerra Civil Española. Frankreich hatte ihm erzählt, dass dort zwei Seiten entstanden waren, die Nationalisten und die Republikaner, die das Land praktisch geteilt und einen langen Krieg ausgelöst hatten. Der Franzose meinte, dass Spanien während seiner Besuche wie ein lebender Toter auf ihn gewirkt hatte, ständig in Gedanken versunken und sich so verhaltend, als hätte er zwei Persönlichkeiten, denn er widersprach sich ständig selbst, bei jeder Sache, die er tat. Alle Länder hatten rasch begriffen, wie schrecklich es sein musste, wenn das eigene Volk sich gegenseitig bekämpfte und umbrachte. Nach dem Weltkrieg wollte Deutschland ihn gern besuchen, doch weder er noch Frankreich noch die beiden Italiens und nicht einmal Portugal würden ihn für eine lange Zeit zu Gesicht bekommen: denn der Bürgerkrieg hatte eine Diktatur hervorgebracht, die den Spanier von der restlichen Welt isolierte.

Nun gab es also zwei Diktaturen in Europa.

Und zum Schluss musste man noch ihn selbst erwähnen, Deutschland. Mit ungefähr 10 Millionen Toten, zerstört und geteilt.

Deutschland nahm noch einen Schluck Bier. Ja, geteilt. Die Allierten hatten sein Land wie einen Kuchen unter sich aufgeteilt und es mit ausländischen Basen vollgestellt. Aber das Schlimmste war die Trennung von seinem Bruder. Preußen, der nun eigentlich Ostdeutschland hieß und repräsentierte, war in Russlands Hände gefallen. Das war für Deutschland der schlimmste Verlust von allen.

In einigen Stunden würde der Russe kommen, um seinen Bruder abzuholen, und er hatte keine Ahnung, ob er ihn wohl jemals wiedersehen würde. Deutschland flehte den Himmel an, dass dem Älteren nicht das Gleiche passierte wie Spanien...

Er nahm noch einen weiteren Schluck.

Nach zwei Weltkriegen hintereinander wusste ganz Europa, dass ein dritter das Wenige zerstören würde, was noch geblieben war. In Hälften geteilt war es bereits (Ost und West), noch ein Krieg und es wäre kein Kontinent mehr, sondern bloß ein militärischer Schrottplatz.

Und genau deshalb kam in Westeuropa die Idee für eine Union auf, weshalb Deutschland sich nun in Paris aufhielt (zusammen mit Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Belgien, den Italiens und gottseidank auch seinem Bruder).

Diese Union bekam den Namen „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (abgekürzt EGKS). Aber was war sie eigentlich? Nun, ein einfaches Abkommen, welches regelte, dass der Stahl und die Kohle eines Landes mit den anderen geteilt werden mussten. Zwar klang dies ziemlich banal, doch da der Stahl das Hauptmaterial für die Waffenherstellung und die Kohle für Energiegewinnung waren, wäre es damit für ein Land, das dem Abkommen beigetreten war, ziemlich schwierig, sich gegen die anderen aufzulehnen.

*.*.*

Und kaum hatten sie den Vertrag unterzeichnet, erschien plötzlich dieses Kind auf dem Tisch. Was für ein Blödsinn. Wo kam dieser verdammte Knirps bloß her?

„Eine Konferenz mit denen da ist doch jedes Mal ein Abenteuer ...“, murmelte Deutschland, sein Bier austrinkend.

Auf einmal öffnete sich die Tür des Saales und England schritt heraus. Der Deutsche war perplex.

„Aber warst du nicht gerade noch zu Hause und sprachst mit uns am Telefon? Wie bist du hierhergekommen?“

„Kaum hatte ich erfahren, dass der Junge Englisch spricht, hat Flying Mint Bunny mich hergeflogen.“ Deutschland sah ihn an als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. „Wenn du schon im Voraus wusstest, dass du mir nicht glauben würdest, wieso hast du mich dann überhaupt gefragt?“, murrte der Engländer.

„Wie auch immer, braucht ihr vielleicht meine Hilfe oder so?“, versuchte Deutschland, so ernst wie möglich zu erscheinen. Flying Mint Bunny … die Welt hatte wirklich den Verstand verloren...

„Ja. Da drin ist gerade der Teufel los, also brauche ich jetzt den Vernünftigsten von euch allen. Ich muss mir dir sprechen“, meinte England, die Tür hinter sich schließend. Jetzt stand er mit Deutschland allein im Flur. Das Wort „vernünftig“ klang irgendwie seltsam aus seinem Mund. „Der Junge ist weder Italiener noch Engländer, also halst ihn gefälligst nicht mir auf.“

„Ist es das, was du mir mitteilen wolltest?“

„Nein, ich wollte es bloß klarstellen. Ich möchte dich fragen, ob er vor oder nach dem Unterzeichnen auftauchte.“ England klang sehr ernst.

Deutschland überlegte eine Weile, was das mit dem Kind zu tun hatte. Plötzlich bildete sich eine Idee in seinem Kopf.

„Er … kam danach ...“, murmelte er, in Gedanken versunken.

„Na also. Genau das habe ich vermutet.“ England lächelte triumphierend.

„Dann heißt das...“

*.*.*

Der Kleine blickte sich verwirrt zu allen Seiten um. Nun saß er auf einem Stuhl, am Tisch, an dessen anderem Ende sich die Italiens versteckt hielten und irgendetwas vor sich hinmurmelten, während sich die anderen Nationen miteinander unterhielten. Einige brüllten herum und andere versuchten, sie zu beruhigen.

Der Junge hatte gerade ein Gespräch mit einem seltsamen Kerl gehabt, der in den Saal hereingeflogen kam. Im wahrsten Sinne des Wortes. Jetzt saß der Kleine da und streichelte das geflügelte grüne Kaninchen, das den Mann hergebracht hatte.

An der Stimme hatte er ihn als denjenigen erkannt, der am Telefon gesprochen hatte, und war zuerst nicht sehr begeistert, ihn nun vor sich zu sehen, doch dann stellte sich dieser als ziemlich nett heraus. Er sprach seine Sprache und stellte ihm die übrigen Anwesenden vor. Außerdem erklärte er ihm, dass er sich gerade an einem sehr wichtigen Ort befand und ihnen verraten musste, wer er war und was er dort eigentlich machte.

Aber das konnte er nicht. Wer war er? Was tat er hier überhaupt? Hatte er etwa das Gedächtnis verloren oder so?

Der Engländer hatte ihn eine Weile lang halb traurig, halb frustriert angesehen und war dann auf den Flur hinausgegangen. Und bis jetzt nicht wiedergekommen.

Der Junge schaute sich um. Der Kerl mit den dichten Augenbrauen hatte sich ihm als England vorgestellt und ihm erklärt, dass der mit dem gewellten Haar und dem Bart Frankreich war, der mit der hochragenden Frisur Niederlande, die Frau Belgien, der Kleinste von allen Luxemburg, die beiden, die sich so ähnlich sahen, Nord- und Süditalien, der mit den silberfarbenen Haaren Preußen und der Typ, der so wütend aus dem Saal gestampft war, Deutschland.

Es klang für ihn wie ein Märchen. Er wusste, dass England, Frankreich, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Italien und Deutschland Länder waren und Preußen bestimmt auch. Wollten sie ihn etwa auf den Arm nehmen? Das, was er ihm von personifizierten Ländern gesagt hatte, glaubte er nicht, in seinen Augen sahen sie wie ganz normale Leute aus.

Und er, wer war er? Auch ein Land? Aber das hätte er doch gewusst, oder? Er begriff absolut gar nichts.

Die Tür ging auf und Deutschland und England traten nicht gerade leise ein. Die restlichen Länder verstummten bei ihrem Anblick.

„Na endlich, West! Was hast du da draußen gemacht?! Dich besoffen?!“, schrie Preußen fröhlich. „Und wir hier haben uns Sorgen gemacht!“

„Seid ihr zu irgendeinem Schluss gelangt, Deutschland?“, fragte Luxemburg, den der völlig in Gedanken versunkene Gesichtsausdruck des Deutschen beunruhigte.

„Yeah, ich glaube, wir beide haben herausgefunden, wer dieser Junge ist“, verkündete England lächelnd.

„Wer?“, riefen die Italiens verängstigt im Chor.

„Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl.“





* * *



„Di dovesei?“ = „Wo kommst du her?“

„Mamma mia! Mio fratello si chiede da dove vieni, così rispota!Capito?“ = „Mamma mia! Mein Bruder hat dich gefragt, wo du herkommst, also antworte! Kapiert?“

„Die EGKS, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, war ein Abkommen zwischen Frankreich, Luxemburg, Belgien und der Bundesrepublik Deutschland, um eben vorzusorgen, dass nicht noch ein erneuter Krieg ausbricht. Sie wird als der erste Schritt zur EU gesehen, auch wenn zu jenem Zeitpunkt die Vorstellung einer weitreichenden europäischen Gemeinschaft noch in weiter Ferne lag.“ (nicht meine Erklärung, sondern übersetzt aus der Originalgeschichte)


Und das ist der Auftakt. Das fängt ja schon gut an, oder? Eins würde mich mal interessieren: habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, ob Unionen, Abkommen, Bündnisse usw. auch menschliche Form annehmen können oder nicht? Ich hab das vor dem Lesen dieser Geschichte jedenfalls nicht getan.
Russland wird hier Russland und nicht Sowjetunion genannt, weil die eine eigene Repräsentantin hat, die später noch kommen wird. Und der kleine EGKS, der später die EU wird, ist unser Protagonist!

Eine Sache hat mich in diesem Kapitel zum Lachen gebracht: Die Tatsache, dass es personifizierte Länder gibt, findet der Junge unglaublich, aber ein grünes Kaninchen mit Flügeln nicht. Komisch, oder?

Und noch eine Sache, die ich gern fragen wollte: Wie findet ihr eigentlich, wie ich das mit den Übersetzungen der Kapiteltitel mache? (L'enfant – Das Kind (franz.))
Ich meine, im Original werden sie ja gar nicht übersetzt. Stört es euch, dass ich sie so anhänge oder ist das okay so? Ich kann sie ja auch zu den anderen Worterklärungen ganz unten hinschreiben, wenn euch das lieber ist.

Also dann, bis zum nächsten Kapitel!
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